Es war die leise und klagend zum Herzen sprechende Melodie des Thüringer Volksliedes: »Ach, wie ist's möglich, daß ich Dich lassen kann«, und wie mit einem scharfen Weh durchzuckte sie das einfache rührende Lied. Aber wer spielte da? Zuerst glaubte sie, daß es Jemand aus der Ansiedelung sei, der da zufällig vorübergehe — aber der Spieler blieb auf derselben Stelle, und durch das offene Fenster klangen die Töne, so leise er auch spielte, voll und klar herein. —
Jetzt war Alles ruhig — nur die Grillen zirpten, und aus dem Walde heraus tönte das Gequak der Frösche.
Helene athmete ordentlich tief auf, als die schwermüthige Melodie geendet hatte; es war, als ob eine Last von ihrer Seele genommen wäre, und sie trat an das Fenster, um in die wundervolle, sternenhelle Nacht hinaus zu schauen. Da quollen auf's Neue die Töne von derselben Stelle herauf, aber dieses Mal in einem wilden Capriccio, von einer Meisterhand gespielt, das in die tollsten Variationen überging und sich doch immer wieder zuletzt in das einfache, zuerst angeschlagene Thema des Volksliedes auflöste.
Helene trat scheu und erschreckt vom Fenster zurück. Galt das ihr? Und wer war es denn, der ihr hier auf solche Weise seine Huldigung brachte? Vollrath vielleicht, aber sie wußte genau, daß er gar nicht Violine spielte — und wer dann? Der junge Schulmeister im Orte, der sie oft mit seiner Aufmerksamkeit geärgert hatte, war ein Violinspieler, aber ein Stümper, unddieseSaiten belebte eine Meisterhand.
Ohne recht zu wissen was sie that, löschte sie das Licht aus, um dadurch die Aufmerksamkeit des Unbekannten wieder von ihrem Fenster abzulenken — aber das gelang ihr nicht. Der räthselhafte Spieler ließ sich dadurch nicht stören; nur das Capriccio zerschmolz nach und nach in immer weichere Melodien, bis die Töne zuletzt mehr und mehr verhallten und wieder, wie vorher, das Schweigen der Nacht auf dem Walde lag.
Helene wußte selber nicht wie ihr geschah. Daß jenes Ständchenihrgalt, konnte sie sich nicht verhehlen, und in dem melodischen Spiele, in den vaterländischen Weisen schmolz der starre Trotz des schönen Mädchens. Als die Melodie da draußen schon lange verklungen war, saß sie noch immer, von der Gardine gedeckt, am offenen Fenster, und fühlte nicht einmal, wie ihr die Thränen zwischen den zarten Fingern durch voll und schwer in den Schooß tropften.
Unten im Hause war der geheimnißvolle Musiker indessen auch nicht unbeachtet geblieben. Oskar, der noch bis Dunkelwerden seinen neuen »Sclaven« — wie er Jeremias nannte — angelernt hatte sein Pferd zu behandeln, lag unten in der Stube auf dem Sopha lang ausgestreckt, und pfiff, zum Ärger seiner Mutter, ohne sich dadurch aber im Geringsten stören zu lassen, einen Walzer, als jenes eigenthümliche Ständchen begann.
Im Anfange hatte er ebenfalls geglaubt, daß es irgend Jemand aus der Ansiedelung sei, der mit seiner Violine da vorüber ginge. Als die Musik aber immer auf derselben Stelle blieb, erst eine Weile schwieg und dann wieder begann, schöpfte er Verdacht, daß das am Ende gar ein Ständchen sein könne, was seiner Schwester gebracht würde, und sein Muthwille ließ ihm natürlich keine Ruhe, dem auf die Spur zu kommen.
Als er zuerst aus dem Fenster horchte, täuschte ihn der laute Ton gerade so wie Helenen, und er vermuthete den Spieler im Garten selber. Er schlich sich also erst aus dem Hause hinaus hinter die nächsten Büsche, und hinter diesen, von seiner dunklen Kleidung begünstigt, immer weiter vor. Zuletzt aber kam er an die Hecke und fand jetzt, daß sich der Virtuose allerdings außer seiner Gerichtsbarkeit, aber doch nicht außer seinem Bereiche befand, denn er erkannte durch die Hecke durch beim Sternenlichte eine ebenfalls dunkel gekleidete Gestalt, die dort an einer jungen Palme lehnte.
Das Gesicht selber konnte er freilich nicht erkennen, denn einestheils beschattete es der Hut, und dann auch der Wipfel der niedern Palme selber; aber das blieb sich auch gleich, und um einen muthwilligen Streich auszuüben, dazu war ihm Freund und Feind gleich gut genug.
Im Zimmer seiner Schwester hatte außerdem noch kurz vorher Licht gebrannt und das Fenster war offen, ein Beweis, daß sie den Ständchenbringer begünstigte, und deshalb Grund genug für ihn, ihm jeden Schabernak zu spielen, der nur in seinen Kräften stand. Vorsichtig und rasch schlich er zum Hause zurück und traf hier eben noch Jeremias, der seine Arbeit beendet hatte, und gerade seine eigene Heimath — eine Dachkammer bei einem der Ansiedler — aufsuchen wollte.
»He, Jeremias, Du mußt mir noch einen Eimer Wasser holen,« redete er diesen rasch und heimlich an.
»Die Pferde haben gesoffen,« sagte Jeremias, »zu viel schadet Vieh und Menschenkind.«
»Ich will's nicht für die Pferde; dort steht der Eimer, aber ein Bißchen rasch.«
»Befindet sich allerdings nicht in unserm Contracte,« meinte Jeremias, »aber was thut der Mensch nicht aus Gefälligkeit, junger Herr? Sollen Ihren Eimer Wasser haben,« und seine Ärmel vorn aufkrämpend, ergriff er den Eimer und ging zu dem Brunnen vor dem Hause, von dem er ihn bald gefüllt zurückbrachte.
»So,« sagte Oskar, indem er einen Theil des Wassers wieder abschweppte, »das ist ein Bißchen zu viel und wirft sich schlecht. Jetzt nimm einmal den Eimer, Jeremias, und komm mit mir an die Hecke da drüben, wo der verrückte Kerl die Violine quält — hörst Du den Musikanten da drüben?«
»Ja,« sagte Jeremias, und sah den jungen Grafen erwartungsvoll an.
»Schön,« lachte der junge Bursche, »dem wollen wir einmal den Eimer über den Hals gießen, um den holden Schwärmer etwas abzukühlen.«
»So?« sagte Jeremias, ohne sich von der Stelle zu rühren.
»Na, vorwärts!« rief Oskar, auf den Eimer zeigend; »mach' schnell, ich zeig' Dir den Platz wo er steckt, meine alte Jeremiade!«
»Wissen Sie,« sagte Jeremias, ohne nur eine Hand zu regen oder eine Miene zu machen, als ob er dem Befehle Folge leisten wolle, »davon steht auch Nichts in unserem Contracte.«
»Contract? Esel,« brummte Oskar, »wenn ich Dir sage, das thust Du, so thust Du es,dasist unser Contract, weiter Nichts.«
»So?« meinte Jeremias, der den »Esel« als selbstverständlich hinnahm — »anderen Leuten Wasser in die Violine zu gießen, widerstreitet aber meinen Grundsätzen, und wenn sich der Herr Graf eine Tracht Schläge für unbefugtes Löschen, wo's gar nicht brennt, holen wollen — mit dem größten Vergnügen — da steht der Eimer, Jeremias hat aber heute seinen Sonntagsrock an und ist diesen Morgen in der Kirche gewesen — was andere Leute vielleichtnichtvon sich sagen können. Wünsche allerseits einen guten Abend« — und die Hände wieder in die Taschen schiebend, ging er um den Eimer herum und zur Thür hinaus, ohne sich um den Grafen weiter zu bekümmern.
Oskar sandte ihm einen herzhaften Fluch hinterher, sah aber auch ein, daß er mit dem dickköpfigen Burschen Nichts ausrichten könne. Nicht gesonnen jedoch, den einmal gefaßten Plan so rasch aufzugeben, nahm er jetzt selber den Eimer und schlich damit in den Garten. Ehe er übrigens die Stelle erreichte, wo der nächtliche Musiker gestanden, verstummte die Violine. Die letzten Töne waren verklungen und der Platz leer. Oskar horchte noch eine Weile in die stille Nacht hinaus, aber das Concert war jedenfalls vorbei, das Zimmer seiner Schwester blieb dunkel, und mit einem Fluche das Wasser über die nächsten Beete gießend, nahm er den leeren Eimer zum Hause zurück.
Am nächsten (Montag) Morgen standen schon um sieben Uhr früh drei gesattelte Pferde vor dem Hause des Directors angebunden, denn dieser hatte versprochen, Günther zu dem Beginne seiner Arbeiten zu begleiten, und Könnern in dem Interesse, das er an der gestrigen Erscheinung nahm, ebenfalls den Wunsch ausgesprochen, sich dem kleinen Zuge, wenigstens bis in den Wald hinein, anzuschließen.
Allerdings wünschte der Director, daß er, wenn er jagen wolle, sich einen Führer mitnehmen möge, da er sich sonst leicht in den wilden und schwerdurchdringlichen Wäldern verirren könne. Dies wies Könnern jedoch lächelnd zurück und erklärte, daß er zu lange in den amerikanischen, auch ziemlich dichten Wäldern gejagt habe, um etwas Derartiges zu befürchten. Ein Führer störte ihn dabei nur auf einem wirklichen Pirschgange, und er konnte sich im Walde wohl vergehen, daß er genöthigt war einen Umweg zu machen, aber nie verirren, denn er hatte sich dafür zu genau den Cours gemerkt, den der etwa zweihundert Schritte unter Santa Clara vorbeiströmende Fluß nahm, und den mußte er immer wieder treffen, sobald er mit Hülfe seines Compasses die Richtung darauf zu nahm.
So früh kamen sie aber an diesem Morgen doch nicht fort, denn erstens nahm ihnen das Frühstück noch etwa eine halbe Stunde weg, und dann kamen noch eine Menge Leute, die den Director in irgend einer wichtigen oder unwichtigen Angelegenheit zu sprechen hatten, und er mußte wenigstens anhören, was sie von ihm wollten.
Es war halb neun Uhr geworden, als die drei Männer endlich mit den nöthigen Begleitern aufbrachen, die dabei alle Instrumente des Vermessers, wie auch einige Provisionen zu tragen hatten. Könnern ließ übrigens seine Mappe heute noch zu Hause, und nahm nur seine Büchsflinte mit, wenn er sich auch eben keine große Jagd versprach. Der Wald ist dort zu dicht, um nahe den Ansiedelungen, wo die Bauern überdies Sonntags noch mit ihren Flinten herumknallen, irgend einen bedeutenden Erfolg zu versprechen.
Sie ritten heute gerade durch das kleine Städtchen durch, und den beiden Fremden konnte es nicht entgehen, wie sich ihre Landsleute, selbst in dem fremden tropischen Lande, so ganz heimisch angesiedelt hatten, als ob sie noch daheim im alten Vaterlande lebten.
Die Schilder an den verschiedenen Häusern trugen überall deutsche Namen in deutscher Schrift, deutsche Kinder mit ihren Flachsköpfen und dicken, gesunden, schmutzigen Gesichtern spielten vor den Thüren. Bauerfrauen in ihren wollenen rothen Unterröcken wuschen ihr Geschirr hier unter den Palmen, wie sie es daheim unter der alten Linde gethan hatten, und deutsche Handwerker, in Schurzfell und Pantoffeln, waren eifrig dabei, ihren verschiedenen Geschäften obzuliegen.
Nur ein einziges Haus passirten sie, das fremdartig aussah. Es war ein kleines niederes Gebäude, von Stein aufgeführt, mit offenen Thüren und Fenstern, durch die man in ein paar anscheinend leere Räume hineinsah — es hingen wenigstens keine Gardinen vor den Fenstern, wie sie die ärmlichste deutsche Wohnung zeigte, und die Wände sahen leer und kahl aus. Einzelne Möbel verriethen aber doch, daß dieses Haus nicht verlassen sei, und auf der einen Commode sah Könnern auch im Vorbeireiten ein Paar vergoldete Porzellan-Vasen und einige andere derartige Spielereien stehen.
Dort wohnte der portugiesische Delegado2, und ein paar Negerjungen kauerten vor der Thür in der Sonne und ließen sich von einem grauen, vollkommen haarlosen und nackten Hunde die Gesichter ablecken.
Am Ende der Straße war die Schule; anstatt aber, daß die Kinder jetzt eifrig darin mit Lernen beschäftigt sein sollten, lärmten sie in wildem, wüstem Geschrei vor der Thür umher, prügelten sich, haschten sich und trieben allerlei tolle Spiele. Der Director hielt mittenunterihnen sein Pferd an.
»Hallo, Ihr kleine Bande,« rief er aus, »was ist das? Weshalb steckt Ihr nicht da drinnen, wohin Ihr gehört, und stellt hier auf der Straße die Stadt auf den Kopf?«
»Ja, Herr Director,« sagte einer der älteren Jungen, der ihn kannte, indem er die Mütze von dem struppigen Haare herunterzog, »der Schulmeister ist nicht da und die Thür ist zu.«
»Der Schulmeister ist nicht da?« fragte der Director erstaunt; »und weshalb habt ihr ihn noch nicht geholt?«
»Ja, er ist auch nicht zu Hause und die ganze Nacht nicht heimgekommen,« lautete die Antwort.
Ein sehr elegant gekleideter Herr mit weißer Wäsche, goldener Uhrkette, einigen Ringen an den Fingern und einem Panamahute auf, der aber sonderbarer Weise statt der Stiefel ein Paar sehr bunt gestickte Pantoffeln und einen Zahnstocher hinter dem rechten Ohre hatte, kam um die nächste Ecke und grüßte den Director und seine Begleiter freundlich. Es war der Delegado.
»Ah, mein lieber Director,« redete dieser Sarno in portugiesischer Sprache an, »das wird immer ärger mit unserem Schullehrer. Wie ich eben höre, haben ihn einige Nachbarn gestern Abend spät oben am Flusse und etwa eine Legoa von hier entfernt, schwer angetrunken verlassen, und dort wird er auch wohl jetzt noch liegen, um seinen Rausch auszuschlafen. Meines Nachbars Kinder kamen heute Morgen wieder zurück, weil sie nicht in die Schulstube konnten.«
»Wer ist denn das, der da die Straße herunter taumelt,« sagte Könnern, nach jener Richtung zeigend.
»Hehe, der Schulmeister, der Schulmeister!« jubelten ihm da auch schon eine Anzahl Jungen, die ihn erkannt hatten, in dem seligen Gefühle entgegen, heute wieder keinesfalls Schule zu haben. »wie er schräg geht — und jetzt stolpert er! Hoh, hoh, hoh, der Schulmeister!«
Es war allerdings jenes unglückliche Individuum, das sich insolchemZustande zu keinem ungünstigeren Momente hätte zeigen können. Der Director gab seinem Pferde die Sporen und sprengte ihm entgegen, und während der zeitweilige Schulmonarch die gläsernen Augen zu Sarno aufschlug, rief dieser ihn mit vor innerer Heftigkeit fast erstickter Stimme an:
»Herr, schämen Sie sich nicht, hier am hellen Tage wie eineSauumher zu gehen, und wären Sie nicht werth, daß ich —« er schwieg, und die Hand, in der er die Reitpeitsche hielt, schloß sich ordentlich krampfhaft um den Griff derselben.
»Pfehle mich Ihnen, Herr Director,« stammelte der Unglückliche mit schwerer Zunge, vergebens dabei bemüht sich gerade zu halten, »sehr angenehm so am frühen Morgen — sehr schöner Morgen heute, Herr Director — sehr schöner Morgen.«
Der Director wandte sein Pferd in Ekel von dem Trunkenen und ritt langsam zu dem Portugiesen zurück. Die Schuljugend indessen wartete nur den Moment ab, wo sie der Gegenwart dieser Beiden enthoben wäre, um mit einem wahren Jubel über ihren entwürdigten Lehrer herzufallen.
»Jetzt haben wir wieder keinen Schullehrer,« stöhnte der Director, bei dem Delegado angelangt.
»Der Herr scheint heute Morgen etwas aufgeregt,« sagte der Portugiese mit einem spöttischen Lächeln. »Wollen wir ihn aber nicht lieber in Sicherheit bringen. Sobald wir den Rücken wenden, fällt das junge Deutschland jedenfalls über ihn her.«
»Ich habe Nichts dagegen,« rief der Director, »und wenn sie ihm die Kleider in Fetzen vom Leibe reißen! Kommen Sie, Schwartzau, kommen Sie — o, ich vergaß, die Herren vorzustellen: Dom Franklin Brasileiro Lima — zwei Freunde von mir, Landsleute, Dom Könnern und Dom Schwartzau, der letztere unser durch die Regierung hergesandter Landvermesser.«
Der Portugiese machte eine stumme und etwas steife Verbeugung, nahm dann den Zahnstocher hinter dem Ohre vor und sammelte die Überreste seines Frühstücks.
Sie standen gerade vor einem der kleinen Häuser, über dem ein hellgelbes Schild mit rothen Buchstaben den NamenPilger—Schuhmachertrug, und Könnern hatte schon, weniger bei dem Schulmeister interessirt, ein paar Mal eine allerliebste junge Frau am Fenster gesehen, die einen Blick nach ihrer Gruppe herüber warf und dann wieder in dem Dunkel der innern Stube verschwand. Der Portugiese stand mit dem Rücken nach der Thür zu, als der Schuhmacher, ein großer, breitschultriger Mann in seinen besten Jahren, das Schurzfell vor, ein kleines Käppchen auf und die Hemdärmel in die Höhe gestreift, hinter ihn auf den Schwellenstein trat und, seine breite Hand auf des Portugiesen Schulter legend, mit ruhiger Stimme, aber sehr schlechtem Portugiesisch sagte:
»Wenn ich Euch noch einmal in meinem Hause treffe, Delegado, so schlage ich Euch jeden Knochen in Eurem erbärmlichen Leibe zusammen. Habt Ihr mich verstanden? Guten Morgen, meine Herren,« wandte er sich dann, als ob nicht das geringste Außergewöhnliche vorgefallen wäre, an den Director und seine Begleiter; »entschuldigen Sie, daß ich mich mit dem Lump in Ihrer Gegenwart unterhalten habe.«
Der Portugiese war vor Zorn hochroth geworden, und seine kleinen, schwarzen Augen schienen Feuer zu sprühen. Endlich hatte er sich so weit wenigstens gesammelt, um zu erwiedern, und er sagte, ohne den Handwerker jedoch eines Blickes zu würdigen:
»Wenn Ihr Eure Frau mißhandelt, und nicht wißt was Ihr einer Frau an Achtung schuldig seid, so ist es Sache der Obrigkeit dazwischen zu treten.«
»Und weshalbhab' ich meine Frau mißhandelt, Du Lump, Du?« rief der Schuhmacher, bei dem der Zorn die Oberhand gewann.
»Pilger, bedenkt was Ihr sagt!« unterbrach ihn der Director rasch.
»Ach was, Herr Director — Nichts für ungut,« zürnte der Mann; »ich weiß recht gut was ich rede. Wenn der da auch zehnmal der Delegado ist, oder wie das Ding heißt, so sollte er sich nur um so mehr schämen, Unfrieden und Unglück in die Häuser zu tragen. Aber, Gott verdamm' mich! finde ich ihn noch einmal auf der andern Seite von der Schwelle da, so geschieht ein Unglück. Das will ich ihm vorausgesagt haben.«
Der Portugiese verstand nicht die letzten heftigen, in Deutsch gesprochenen Worte, aber er mochte recht gut den Sinn ahnen, denn die Gesticulation des Meisters dabei war gar nicht falsch zu verstehen. Er drehte jedoch nur, mit dem Ausdrucke der höchsten Verachtung in den Zügen, den Kopf halb nach ihm herum, ohne ihn selber anzusehen, sagte: »Wir sprechen uns noch!« und ging dann in seinen gestickten Pantoffeln, mit einer leichten Verbeugung gegen den Director und seine Begleiter, die Straße wieder hinauf.
Könnern's Blick beobachtete indessen das Fenster, hinter dem er die junge Frau gesehen, und er bemerkte, wie sie noch ein paar Mal scheu vortrat, um, ohne selber gesehen zu werden, zu erfahren was da draußen vorging. Sobald sie aber des Fremden Blick auf sich haften fand, verschwand sie rasch und kam nicht wieder zum Vorscheine.
»Haltet mir Frieden, Pilger, das thut's nicht,« sagte der Director warnend.
»Eben deshalb weil ich Frieden haben will,« meinte der Schuhmacher, »halte ich mir den verdammten Bleifuß aus dem Hause, und gnade ihm Gott, wenn ich ihn da wieder einmal treffe, wo er nicht hingehört — guten Morgen meine Herren,« und damit drehte er sich ruhig um und trat in sein Haus zurück.
Die Schuljugend war indessen ein sehr interessirter Zuschauer bei den Bewegungen ihres sonst so gefürchteten Meisters gewesen, denn der junge Schulmonarch führte seinen Stock gewöhnlich mit unerbittlicher Gewalt. Einer der Nachbarn aber, den der arme Teufel in diesem Zustande dauerte, trat vor seine Thür, nahm ihn ohne Weiteres unter den Arm und führte ihn in sein Haus hinein, damit er dort seinen Rausch ausschlafen könne. Der Director schickte dann die Jungen nach Hause, die sich in wildem Jubel durch die verschiedenen Straßen vertheilten.
»Das ist ja ein recht hübsches Exemplar von einem Schulmeister,« lachte Günther, als sie ihren Weg wieder aufgenommen hatten.
»Das sei Gott geklagt!« seufzte der Director; »jetzt sitzen wir wieder in der Ansiedelung auf dem Trockenen und die ganze Kinderwelt hat Ferien, bis sich ein neues, eben so unbekanntes, vielleicht eben so untaugliches Individuum dazu hergiebt, das Amt des Schullehrers zu übernehmen.«
»Und Ihr Delegado?« fragte Könnern; »die Sache scheint nicht ganz richtig zu sein.«
»Ist auch so ein Lump, den wir der Güte der Frau Präsidentin verdanken. Der Teufel mag da Director sein, wenn man es mit solchem Gesindel zu thun hat, und ihnen doch nicht, in dem engen Kreislauf unseres hiesigen Lebens, ausweichenkann.Übrigens ist das auch derselbe Herr, der da drüben die Brücke gebaut hat, welche ihm von der Regierung — nachdem sie kaum beendet und schon wieder eingestürzt war — mit achtzehn Contos de Reis bezahlt wurde. Es geht doch Nichts über Protection! Und wenn ich ein oder zwei Contos verlange, nur um die nöthigsten Bauten hier, ein neues Auswanderungs-Haus oder dergleichen, zu bauen, bekomme ich Vorwürfe von Oben, daß ich zu viel Geld gebrauche. Aber zum Henker damit! Wir wollen uns den schönen Morgen nicht durch derartige Dinge verbittern, und der Lump verdient gar nicht, daß ich mich über ihn ärgere. Kommen Sie, lassen Sie die Pferde ein Wenig schärfer austraben, denn wir haben eine Menge werthvolle Zeit versäumt und unsere Träger und Arbeiter sind uns schon, wer weiß wie weit, voraus.«
Eben hatten sie die letzten Häuser hinter sich, als ihnen wieder der Baron begegnete, und wie er den Director erkannte, diesem ein Zeichen machte, daß er ihn zu sprechen wünsche. Der Director hielt an, während Könnern und Schwartzau vorausritten.
»Ach, Herr Director, nur auf ein Wort,« sagte der etwas umständliche Baron mit einer achtungsvollen Verbeugung; »dürfte ich Sie bitten, mir aufrichtig eine einzige Frage zu beantworten?«
»Warum nicht — aber ich bin heute Morgen etwas in Eile.«
»Ich will Ihre werthvolle Zeit nur für Secunden in Anspruch nehmen. Hat sich die Frau Gräfin in einer Geldangelegenheit an Sie gewandt?«
Der Director lächelte.
»Ich weiß nicht,« sagte er, »ob die Frage gerade discret ist.«
»Geschäftssache,« vertheidigte sich der Baron vor diesem furchtbaren Verdachte; »Sie werden doch nicht glauben, daß ich —«
»Nun, mir ist keinesfalls anbefohlen, ein Geheimniß daraus zu machen. Ja — zu irgend einer ihrer zahlreichen Unternehmungen.«
»Cigarren?«
»Ich glaube, es betraf diesmal den Tabakshandel.«
»Ich danke Ihnen,« sagte der Baron, von dem Pferde zurücktretend.
»Ich hoffe doch nicht, daßSiesich damit einlassen werden?« fragte der Director jetzt seinerseits.
»Ich bedaure unendlich nicht die Mittel zu haben, ein so gemeinnütziges Unternehmen zu unterstützen,« erwiederte der Baron, gerade etwa mit derselben Betonung und in derselben Stellung, als ob er der Frau Gräfin selber gegenüber stände.
Der Director lachte, grüßte den Baron flüchtig und sprengte dann den Weg hinauf, die beiden vorangerittenen Freunde einzuholen.
Zwischen den Männern wurde weiter kein Wort gewechselt, bis sie den eigentlichen Platz erreicht hatten, auf dem Schwartzau seine Vermessung beginnen sollte, und da dies das Terrain war, welches dem Colonisten Meier gehörte, so war es nöthig, daß er dazu gerufen wurde.
Während Günther seine Bussole auspackte und aufstellte, die nöthigen Vorbereitungen zum Beginne traf und seine Leute instruirte, was sie zu thun hätten — denn bei einer solchen Arbeit ist es besonders nothwendig, daß sich der Vermesser und seine Kettenträger vollkommen gut verstehen — ritt der Director nach dem Hause hinüber, um den Menschenfeind in Kenntniß zu setzen und abzuholen, und Könnern bot sich ihm natürlich zum Begleiter an.
Die Gartenthür war verschlossen; zufällig kam aber gerade ein kürzlich angenommener Arbeiter heraus, und da er den Director kannte, machte er nicht die geringste Schwierigkeit, ihn hinein zu lassen.
»Gehen Sie nur da gerade aus, Herr Director,« sagte er, auf eine kleine Biegung des Weges zeigend, »dort gleich rechts ist eine Laube, in der finden Sie die ganze Familie beim Frühstück.«
»Der wird uns ein schönes Gesicht schneiden, wenn wir ihm so plötzlich über den Hals kommen!« lachte der Director, als sie den breiten und vortrefflich gehaltenen Kiesweg verfolgten; »aber ich kann ihm nicht helfen. Es liegt auch in seinem eigenen Interesse, daß er weiß wo seine Gränzen laufen — aber da sitzt die Familie — jetzt können Sie auch Ihre Brünette wieder begrüßen.«
Könnern erwiederte kein Wort; es war ihm ganz sonderbar beklommen um's Herz, und ein Gefühl beschlich ihn, als ob er sich hier in unehrlicher Weise in den Kreis einer Familie stehle, in der er jetzt fast bezweifelte, daß er gern gesehen sei. Es blieb ihm jedoch keine Zeit zu längerer Überlegung, denn wenige Secunden später waren sie schon von der Familie bemerkt, die überrascht emporschaute, als sie die Fremden plötzlich in dem Garten entdeckte.
Meier saß ihnen mit dem Rücken zugewandt, links von ihm seine Frau, rechts seine Tochter, und schon als er die Schritte hinter sich hörte, hatte er sich halb umgedreht und beschattete dabei die Augen mit der Hand. Dann wandte er den Kopf wieder ab, nahm eine blaue Brille aus der Rocktasche und erhob sich erst, als er diese aufgesetzt hatte, um die Fremden besser erkennen und dann begrüßen zu können.
Elise war ebenfalls tief erröthend aufgestanden, als sie auf den ersten Blick den Fremden von gestern erkannte; der Mutter entging ihre Bewegung, da sie ihrerseits auch den einen Fremden — den Director kannte sie schon von früher her — aufmerksam musterte.
»Mein lieber Herr Meier, ich muß um Entschuldigung bitten,« sagte der Director, auf ihn zugehend — »aber bitte, mein liebes Fräulein, wollen Sie nicht Platz behalten —, ich will Sie auch nicht lange stören und Ihnen nur anzeigen, daß wir hier auf Ihrem Grundstücke zu vermessen anfangen, weshalb es vielleicht besser wäre, daß Sie mit hinausgingen. Sie wissen ja auch am besten, wo die alte Linie gelaufen ist, die jener Schneidergeselle neulich umgeworfen hat. Wir wollen sehen, daß wir jetzt die ganze Sache wieder in Ordnung bringen.«
»Sehr angenehm, Herr Director,« sagte Meier mit einer etwas ängstlichen und dadurch ungeschickten Verbeugung — »sehr angenehm in der That, und äußerst dankbar — der Herr ist wohl der Vermesser, wenn ich fragen darf?«
Könnern erröthete bis in den Nacken hinein, als er so selber gezwungen wurde zu erklären, daß er hier eigentlich gar Nichts zu suchen habe.
»Ich besonders muß sehr um Entschuldigung bitten,« sagte er mit einem unwillkürlichen Seitenblick auf Elise, »daß ich mich hier eingedrängt habe. Ich bin nicht der Vermesser, der schon draußen bei seiner Arbeit ist, sondern nur ein wandernder Maler, der sich seit einigen Jahren heimathlos in der Welt herumtreibt, um Gottes schöne Erde nach allen Richtungen hin zu durchstreifen. Mit dem Herrn Director durch meinen Bruder befreundet, habe ich mich den Herren heute Morgen angeschlossen, und nur auf die allbekannte brasilianische Gastfreundschaft fußend, wagte ich es, Ihnen meine Gesellschaft für wenige Minuten aufzudringen.«
»Herr Bernard Könnern,« stellte ihn der Director vor.
»Sie sind uns herzlich willkommen,« sagte die Frau, der die edle männliche Gestalt des jungen Mannes, wie sein bescheidenes Benehmen von vorn herein gefallen hatte — »Entschuldigungen wären ja auch gar nicht am Platze — bitte, setzen Sie sich — trinken die Herren vielleicht eine Tasse Kaffee mit uns?«
Sie winkte der Tochter, und ehe sich die Gäste entschuldigen konnten, sprang Elise — überhaupt froh, dazu Gelegenheit zu bekommen — rasch in das Haus hinein, um ein paar Tassen herauszuholen.
Meier, also gedrängt, konnte nicht anders, als die einmal geschehene Einladung unterstützen. Mit einer Handbewegung bat er seine Gäste, Platz zu nehmen, und das Gespräch zwischen ihm und dem Director wandte sich dann natürlich gleich der sie beide am Meisten interessirenden Veranlassung zu.
Elisens Mutter ließ sich indessen in ein Gespräch mit Könnern ein, von dem sie bald erfuhr, daß er Deutschland schon seit einer Reihe von Jahren verlassen und indessen Nord- und Mittelamerika durchstreift habe, theils um zu jagen, theils um Skizzen und Studien für seine Mappe zu sammeln.
Meier, obgleich in eifrigem Gespräche mit dem Director, hatte sich doch kein Wort von der anderen Unterhaltung entgehen lassen, und nickte dabei ein paar Mal halb unbewußt und zufrieden mit dem Kopfe. Er schien auch mehr und mehr aufzuthauen und die bisherige Scheu abzulegen, und als Elise die Tassen gebracht und eingeschenkt hatte, rückte er mit zum Tische und unterhielt sich selber mit dem jungen Manne.
»Ich will Ihnen Etwas sagen, Könnern,« unterbrach der Director das Gespräch, »ich gehe jetzt mit dem Herrn Meier zu Ihrem Freunde hinaus, um die Sache erst einmal in Gang zu bringen. Das beschäftigt mich keine halbe Stunde; dann komme ich hierher zurück, hole Sie ab und begleite Sie nachher bis zu der Mündung eines gar nicht entfernten Thales, dem Sie aufwärts folgen, und nachher vielleicht doch noch Wild zum Schuß bekommen können. Hier oben auf der Hochebene glaube ich schwerlich, daß Sie irgend Etwas antreffen, das der Mühe lohnte danach zu feuern.«
»Das wäre recht schön,« sagte Könnern wieder mit einem unwillkürlichen Blicke nach Elisen; »wenn ich nur auch gewiß wüßte, daß ich den Damen hier indessen nicht zur Last fiele.«
»Nicht im Geringsten,« antwortete die Mutter — »kennen Sie unser Land noch nicht und sind Sie ein Liebhaber von Pflanzen, so haben Sie indessen Gelegenheit, sich in unserm Garten umzusehen; denn mein Mann hat sich große Mühe gegeben, alle einheimischen Pflanzen und Gewächse hier zu sammeln — Elise mag Sie herumführen.«
»Ich wäre unendlich glücklich, wenn die junge Dame…« stammelte Könnern.
»Nun, sehen Sie,« sagte der Director, »da sind Sie ja gleich untergebracht, und werden es wohl so lange aushalten können. In einer halben Stunde sind wir jedenfalls wieder hier. Sie gehen also mit, Herr Meier?«
»Ich muß sehr um Entschuldigung bitten,« sagte der Angeredete mit dem ihm eigenen, etwas verlegenen Lächeln — »Ich selber bin gerade beschäftigt; aber ich werde Ihnen meinen Karl mitschicken, der sich vortrefflich in alle diese Sachen zu finden weiß. Wenn Sie nur so freundlich sein wollen, ihm meine Gränzlinien zu zeigen, so wird er sie sich selber markiren und ich dann schon Sorge tragen, daß sie später dauernd gekennzeichnet werden. Verlassen Sie sich darauf. Ich bin gerade mit einer kleinen Arbeit beschäftigt, die ich nicht gern unterbrechen möchte. Dem jungen Herrn hier mache ich indessen vielleicht mehr Freude, wenn ich ihn in meine kleine Bibliothek führe — Bücher sind seltener in Brasilien, als Blumen.«
»Erst die Blumen, wenn ich bitten darf!« sagte Könnern, der sich heute merkwürdiger Weise dafür besonders interessirte, obgleich er nicht das Geringste von Botanik verstand, und da Elise sich schon erhoben hatte, stand er ebenfalls auf, um sie durch den Garten zu begleiten.
»Sie scheinen sich besonders für Blumen zu interessiren,« sagte das junge Mädchen, während sie den halben Garten lang schon schweigend neben Könnern hingeschritten war, ohne daß dieser einen Punkt gefunden hätte, ein Gespräch anzuknüpfen. Bei der Frage spielte ein eigenes, schelmisches Lächeln um ihre Lippen, und ihr Blick suchte halb verstohlen die Züge ihres Begleiters, senkte sich aber blitzschnell wieder zu Boden, als sich dieser, von einem plötzlichen Verdachte erfaßt, gegen sie wandte.
»Weshalb glauben Sie das, mein Fräulein?«
»Weil Sie — die Blumen Vaters Bibliothek vorzogen,« erwiederte Elise, aber sie wagte nicht den Blick zu ihm zu erheben, denn sie fürchtete, daß sie den darin liegenden Muthwillen verrathen würde.
»Und Sie haben wirklich keinen andern Grund?« forschte Könnern weiter, denn er begann jetzt in der That mißtrauisch zu werden, ob er gestern seinen Raub so ganz unbemerkt geborgen habe.
»Und welchen andern Grund sollte ich haben?« sagte Elise, und sah ihm jetzt so voll und ehrlich in's Auge, daß er seinen Blick fast erschreckt vor den hellen Sternen zu Boden senkte.
»Zürnen Sie mir nicht der ungeschickten Frage wegen,« sagte er leise; »aber ich kann Ihnen den Grund nennen, weshalb ich die Blumen in Ihrer Begleitung den staubigen Büchern — wahrscheinlichohnedieselbe — vorgezogen habe.«
»Ich wäre wirklich neugierig ihn zu hören,« lächelte Elise, fühlte aber doch, daß sie, vielleicht unmerkbar, dabei erröthete.
»Er ist einfach,« sagte Könnern treuherzig, »und in dem Leben eines Jägers und Herumtreibers, wie ich leider einer bin, allein begründet. Wir sehen Gottes schöne Welt in all' ihrer wundervollen Pracht, in allen Zonen, sehen sie in ihrem Reize, in ihrer furchtbaren Öde, in ihren großartigen Massen, in ihren kleinsten, lauschigsten Winkeln und Ecken, aber — wohin wir kommen, sind wir immer nur Fremde und Heimathlose. — Wie auch unser Herz daheim an dem Zauber eines stillen Familienkreises gehangen haben mag, da draußen werden wir in den allgemeinen Wirbel hinausgestoßen, und wenn sich in der friedlichen Abendstunde alle Menschen, mit denen wir in flüchtige Berührung gekommen, in das Asyl ihres eigenen Heerdes zurückziehen, wenn sie sich gewissermaßen in dem Kreise der Ihren die Belohnung holen für das, was sie den Tag über gewirkt und geschafft, dann liegenwiran einem einsamen Lagerfeuer, oder vielleicht noch schlimmer, in einem erbärmlichen, unfreundlichen Wirthshause, und dürfen nun darüber nachbrüten und grübeln, daß wir über Tag Alles zu haben meinten, was der Mensch nur wünschen kann, und daß uns doch in der That Alles fehlt, was zum eigentlichen Glück des Menschen gehört.
»Mit Einem Worte, es fehlt uns da draußen der Umgang mit sanften Frauen, das mildernde Element im Leben des Mannes, der sich seinen Weg nur das ganze Jahr durch seine rauhe und wilde Umgebung erkämpfen muß. Wo wir deshalb auch immer so ein liebes, freundliches Frauenbild finden, da sehen wir inihrenAugen den ganzen Himmel unserer eigenen, daheim verlassenen Häuslichkeit, und wenn auch die Freude, die wir dabei empfinden, eine Art von Heimweh sein mag, so regt sich doch auch zugleich Alles wieder in unserm Herzen, was gut und edel, und die ganze Zeit vielleicht todt darin geschlummert hat. Ich weiß nicht, liebes Fräulein, ob Sie mich verstanden?«
»Ich glaube ja,« flüsterte Elise, und es war ihr in dem Augenblicke fast, als ob sie selber eine lange, öde Strecke allein und freudlos durch die Welt gezogen sei, und jetzt eben aus weiter, weiter Ferne das Geläute ihrer heimischen Glocken gehört habe. Und doch durchzuckte sie dabei auch wieder ein wehes Gefühl, wenn sie sich das auch selber nicht einmal gestehen mochte — aber es war nur der flüchtige Gedanke, daß der Fremde also gestern auch die Blumen da draußen gar nichtihretwegen an sich genommen und aufgehoben habe. Nur die Erinnerung an die Heimath — vielleicht an ein anderes liebes Wesen, das dort seiner warte, hatte ihn in dem Augenblicke erfaßt, und das tiefe Gefühl selbst, das aus seinen Worten, aus seinem ganzen Wesen sprach, galt nicht der Gegenwart, sondern war allein der Wiederglanz eines verlorenen oder lang entbehrten Glückes daheim.
Wieder wanderten die Beiden eine ganze Zeit lang schweigend durch den Garten, Jeder mit seinen eigenen Gedanken voll beschäftigt.
»Wie das schön ist in dieser herrlichen, tropischen Welt!« brach endlich Könnern das Schweigen; »wie wohl die warme Luft dem Körper thut, und wie zierlich jene herrlichen Baumformen die schönsten, natürlichsten Gruppen bilden. Die Eingeborenen hier müssen doch eigentlich recht glückliche Menschen sein.«
»Und warum nur die Eingeborenen?« fragte Elise.
»Weil sie bloß der Gegenwart zu leben brauchen,« sagte Könnern; »sie haben Nichts in der Welt, das ihnen den Genuß des Augenblickes verkümmern könnte, keine Erinnerung, die sie zurückzieht, keine Sehnsucht nach irgend einem verlassenen Spielplatze der Kindheit. Fühlt sich nicht selbst der Lappländer in seiner Schneewüste, in seiner rauchigen Hütte, in Schmutz und Elend glücklich, nur weil es seine Heimath ist, wie viel mehr denn könnte es der Brasilianer in seinen Palmenwäldern und Orangenduft?«
»Und hängen Sie noch so sehr an der Heimath?«
»Du lieber Gott,« sagte Könnern, »ich habe eigentlich nicht viel dort zurückgelassen, was mich binden könnte. Meine Eltern sind beide todt, und nach so langer Abwesenheit von daheim darf ich kaum hoffen, daß, außer einem Bruder, der mir dort lebt, meine Freundemireben das warme Herz bewahrt haben, das ich zurückbringe. Man sagt ja sogar, daß das Heimweh nur durch eine Rückkehr in die Heimath so gründlich curirt werden könne, um nie wiederzukehren. Aber dennoch liegt ein eigener Zauber über dem Platze, auf dem einst unsere Wiege gestanden, und ich weiß nicht, ob ich mich je mit dem Gedanken befreunden könnte, selbst Brasilien zu meinem steten Aufenthalte zu wählen, ehe ich den heimischen Boden nicht wenigstens noch einmal wiedergesehen hätte. FühlenSie keinsolches Verlangen?«
»Ich war noch ein halbes Kind als ich Deutschland verließ,« sagte Elise; »kannte ich doch damals Nichts als das Vaterhaus, und da meine Eltern mit herüber kamen, vermißte ich kaum Etwas aus dem alten Vaterlande. Wohl steigt manchmal eine Art von Sehnsucht in mir auf, die Heimath wieder zu sehen, aber es ist mehr ein unbestimmtes Gefühl, das keinen festen und gewissen Anhaltspunkt hat, und deshalb auch nicht so mächtig, um mich lange und ernsthaft in Anspruch zu nehmen.«
»Aber Sie führen doch ein recht einsames Leben hier oben.«
»Ich bin kein anderes gewöhnt,« sagte Elise, während aber doch ein leichter Seufzer ihre Brust hob; »Vater und Mutter sind so gut mit mir, und Alles, was ich brauche, habe ich im Überfluß. Was könnte mir die geräuschvolle Welt da unten mehr bieten? Je mehr ich auch davon sehe, desto weniger gefällt sie mir, und ich habe es dem Vater oft schon im Stillen gedankt, daß er uns hier oben so vollkommen von dem Verkehr mit der Ansiedelung abgeschlossen.«
»Aber washabenSie schon davon gesehen?«
»Was? O, viel!« sagte Elise erstaunt. »lärmende, trunkene Menschen, die gar nicht selten unser Haus passirten, Klagen der Arbeiter im Überfluß, und Zank und Streit, Neid und Haß der einzelnen Colonisten, die manchmal den Vater bitten, zwischen ihnen zu entscheiden, damit sie keinen Advocaten anzunehmen brauchen. Es ist recht traurig, daß die Menschen nicht in Frieden neben einander leben können, und Vater hat gewiß ganz Recht gehabt, daß er sich von ihnen zurückgezogen. Wir leben jetzt hier viel glücklicher in unserer Einsamkeit, wo wir Nichts von all' dem Lärm und Unfrieden zu hören bekommen — und doch sehnt sich Mutter hinaus und zurück in die Welt.«
»Sind Sie schon lange in Brasilien?«
»Sieben Jahre mögen es sein — vielleicht etwas weniger, und damals war die Colonie da unten ein kaum begonnener Platz, auf dem erst wenige Häuser standen. Erst in den letzten zwei Jahren begannen die Auswanderer hierher den Weg zu finden — der Vater sagt, weil ihnen lügenhafte Speculanten vorgeschwindelt hätten, daß der Boden hier so außerordentlich fruchtbar sei — und jetzt vergeht fast kein Monat, an dem nicht Schiffsladungen voll von ihnen ankommen.«
»Das ist auch jetzt wieder der Fall,« meinte Könnern, »und wir sind gerade heute heraufgekommen, um das nächstgelegene Land für neue Colonisten auszumessen. Sie werden dann wahrscheinlich auch hier oben eine Menge neuer Nachbarn bekommen.«
»Dann zieht Vater gewiß weg von hier,« lachte Elise, »denn er hat schon oft davon gesprochen, so hübsch er den Platz auch mag eingerichtet haben. Wenn Mutter nicht dagegen gewesen wäre, Vater säße schon lange wieder irgendwo mitten im Walde ganz allein.«
»Aber weshalb scheut er die Menschen so? Haben sie ihm je Etwas zu Leide gethan?«
»Ich weiß es nicht,« sagte Elise treuherzig; »er spricht nie darüber und hat sogar —« sie schwieg plötzlich, und ein leichtes Roth färbte ihre Wangen.
»Was hat er?« fragte Könnern, weniger aus Interesse an der Frage, als an der Jungfrau selber, die durch ihre schlichte Einfachheit einen ganz eigenen Zauber über ihn auszuüben begann.
»O Nichts,« sagte Elise leise; »Vater hat manchmal ganz sonderbare Einfälle, wenn er sich damit nur ihm lästige Menschen abhalten kann.«
»Und glauben Sie, liebes Fräulein, daß es ihm unangenehm wäre, wenn ich vielleicht noch einmal herauf käme, ehe ich die Colonie verließe?«
»Sie wollen schon wieder fort?« fragte das junge Mädchen fast erschreckt, und erschrak doch noch mehr eigentlich über die Frage selber.
»Möglich ist es, daß ich noch mehrere Tage, vielleicht sogar einige Wochen in der Nachbarschaft bleibe,« sagte der junge Mann; »es hängt das von Briefen ab, die ich von Rio erwarte und die vielleicht schon mit dem nächsten Postdampfer eintreffen können. Aber Sie haben mirmeineFrage nicht beantwortet.«
»Welche Frage?«
»Ob es Ihr Vater ungern sehen würde, wenn ich herauf käme um — Abschied von Ihnen zu nehmen,« sagte Könnern, und es war ihm selber ein ganz eigenes, wehes Gefühl, als er die Worte sprach.
»Ob es derVaterungern sehen würde,« sagte Elise, und ein leises, fast wehmüthiges Lächeln stahl sich über ihre Züge, »weiß ich freilich nicht;ichaber würde es ganz bestimmt ungern sehen, wenn Sie — so bald schon wieder Abschied von uns nehmen wollten.«
Könnern wollte ihr Etwas darauf antworten, aber er vermochte es nicht. Irgend eine leere Redensart paßte nicht auf die aus dem HerzenkommendenWorte des einfachen Mädchens, und hätte er ihr so darauf erwiedert, wie es ihm sein eigen Herz eingab — das ging nicht — das war nicht möglich. Nur ihre Hand ergriff er und sagte endlich mit tiefem Gefühle:
»Der Mensch ist noch nicht ganz verloren, bei dessen Ankunft sich Jemand freut, dessen Abschied Jemanden betrübt. Ich will die Worte so einfach nehmen, wie sie gesprochen waren, aber sein Sie versichert, mein Fräulein, daß sie mir stets eine liebe, liebe Erinnerung bleiben werden.«
Elise sah ihn fast etwas bestürzt an. Hatte sie mehr gesagt, wie sie eigentlich durfte — Du lieber Gott, sie war ja fast jedes geselligen Umganges entwöhnt. Wie um sich selber zu entschuldigen, fuhr sie fort:
»Wir haben hier so lange jeden gesellschaftlichen Umgang entbehrt, daß man es uns wahrlich nicht verdenken kann, wenn wir uns freuen, die Einsamkeit, ja Öde einmal durch einen freundlichen Besuch gestört zu sehen.«
»Ich habe es auch nicht anders verstanden, liebes Fräulein,« sagte Könnern mit einem Seufzer, »und doch danke ich Ihnen dafür. Aber Ihre Frau Mutter scheint Sie zu suchen — und dort hält auch der Director schon wieder, mich erwartend, vor der Thür. So rasch ist die Zeit vergangen, und ich glaubte, daß wir erst wenige Minuten im Garten gewesen wären.«
»Leben Sie wohl!« sagte Elise, ihm freundlich und ohne Rückhalt die Hand zum Abschied reichend.
»Leben Sie wohl, liebes Fräulein!« sagte der junge Mann, und er war einen Moment unschlüssig, ob er die ihm gereichte Hand an die Lippen heben solle, aber er bezwang sich, machte ihr eine ehrfurchtsvolle Verbeugung und verließ rasch den Garten.
Der Director wandte sein Pferd, als er Könnern auf sich zukommen sah, und ritt ihm voran die schmale Straße entlang.
»Nun, wie hat Ihnen die Familie gefallen?« sagte er endlich, als sie sich weit genug von Haus und Garten befanden, um nicht mehr von dort gehört zu werden; »nicht wahr, die Tochter ist nicht so übel?«
»Nein, ein ganz hübsches Mädchen,« sagte Könnern und schämte sich fast vor sich selber dabei, des profanen Urtheils wegen, denn es schien ihm eine ordentliche Entweihung dieses schlichten, unschuldvollen Herzens. Glücklicher Weise verhinderte aber der enge Weg hier eine längere Unterhaltung. Eine Viertelstunde später zeigte ihm der Director das Thal, dem er folgen könne, um einmal den Wald und die Nachbarschaft ein Wenig kennen zu lernen, bezeichnete ihm den Platz, wo er sein Pferd einstellen solle, warnte ihn noch einmal vor einem zu langen Streifzuge, damit er sich nicht doch etwa in den Bergen verirre, und setzte dann seinen eigenen Weg fort, Könnern sich selber überlassend.
Der junge Mann athmete tief auf, als er sich endlich allein im Walde sah; er fühlte das Bedürfniß, seinen Gedanken ungestört nachhängen zu können, und ein so eifriger Jäger er sonst auch sein mochte, heute vergaß er fast, weshalb er in den Wald gekommen, und ließ seinem Pferde willenlos den Zügel, einen Fußpfad zu verfolgen, der in dem Thale hinauflief. Dort oben sollte er noch eine Chagra, die letzte, erreichen, wo er sein Pferd lassen und die Jagd dann zu Fuße fortsetzen konnte, denn im Sattel ließ sich in diesen Wäldern eben gar Nichts ausrichten.
Und was hatte ihm denn nur auf einmal so Kopf und Herz befangen, was durchglühte ihn plötzlich mit einem nie gekannten, kaum geahnten Gefühl? Der Anblick, das Zusammensein mit diesem einfachen, schlichten Kinde des Waldes? Könnern schüttelte selber über die tolle Idee den Kopf und suchte ein paar Mal sogar gewaltsam das holde Bild aus seiner Erinnerung zu bannen; aber es ging eben nicht. — Wenn er hinaus in den Wald horchte, hörte er die melodischen Laute ihrer Stimme, wenn er nach irgend einem möglichen Wild umherlugte, sah er das schelmische Lächeln der Jungfrau hinter jedem Busch und Strauch, als sie ihn fragte, ob er die Blumen liebe, und aus jedem perlenden Thautropfen schauten ihm die treuen Augen Elisens entgegen.
Mit einem Worte, er war bis über die Ohren verliebt, und daß er sich das zuletzt selber nicht einmal mehr verbergen konnte, ärgerte ihn am Allermeisten.
»Es ist reiner Wahnsinn,« philosophirte er vor sich hin, »reiner, blanker Wahnsinn, daß ich da hinein reite, einer jungen Brünette in die Augen schaue und darüber auf einmal den Verstand verloren haben soll! Der muß mir jedenfalls schon früher abhanden gekommen sein — oben in Costa Rica vielleicht, oder am Mississippi, oder irgendwo anders sonst — der Teufel weiß es! Aber zum Kuckuck auch! Ich will doch einmal sehen, ob ich nicht Gewalt über mich habe, mir ein Mädchenbild aus dem Kopf zu schlagen, undwenn'seine Brünette mit den schönsten Reh-Augen der Welt wäre — und das ist sie nicht einmal — die Nase steht ihr ein klein Bißchen schief — ein ganz klein Bißchen nur, aber sie steht doch schief, und ist für eine wirkliche Schönheit viel zu stumpf, und das Kinn müßte nothwendig ein wenig länger sein — außerdem hat sie nicht einmal ein Grübchen darin, und ich schwärme für Grübchen im Kinn.«
Und wie er sich die Fehler der Geliebten so gewaltsam vormalte, schauten über Nase und Kinn immer nur wieder jene Augen fest und tiefindie seinigen; in dem Rauschen der Palmen hörte er die leise flüsternden Worte, wie sie ihm sagte: »Ich aber würde es ganz bestimmt ungern sehen, wenn Sie sobald schon wieder Abschied von uns nehmen wollten,« und jeder wehende Zweig schien ihm zuzuwinken und zu rufen: »Zurück! Zurück — hinter Dir liegt das Glück, das Du verlassen hast, hinter Dir! Und was treibst Du Dich da noch länger so einsam und allein in der weiten, öden Welt umher?«
Er griff auch ein paar Mal wirklich seinem Pferde in die Zügel, als ob er dieser wunderlichen Stimme, die ihn drängte und trieb, folgen wolle, aber es war das immer nur ein Moment. Im nächsten warf er trotzig den Kopf zurück und biß die Zähne auf einander. Aber die Traumbilder ließen ihm doch keine Ruhe, und er kam erst eigentlich ordentlich wieder zu sich selber, als er das ihm von dem Director bezeichnete Haus erreichte, das an der Gränze der Ansiedelung stand und wo er sein Pferd lassen wollte, um seine eigentliche Jagd zu beginnen.
Der Eigenthümer war allerdings gerade nicht zu Hause, sondern im Walde draußen, um Stämme für eine neue Scheune zu schlagen, das schadete aber Nichts; die Frau öffnete ihm den kleinen Pasto, wo er sein Thier indessen frei weiden lassen konnte, und mit seiner Büchsflinte auf der Schulter schritt er gerade in den Wald hinein, um sein Jagdglück, allen Gedanken und Träumen zum Trotz, in vollem Ernste zu versuchen.
Es giebt auch wirklich in der ganzen Welt kein besseres Mittel, um sich lästig werdender Gedanken zu entschlagen, als zu Fuß in einem tropischen Walde spazieren zu gehen. Im Sattel sucht sich das Pferd schon selber seinen Pfad, weicht Hindernissen aus oder überwindet sie, und trägt den Reiter seine Bahn entlang; ja, ein solcher einsamer Ritt ist eigentlich zum Brüten und Grübeln wie gemacht, und während sich der Körper ruhig und endlich selbst theilnahmlos der Führung des Pferdes überläßt, haben Geist und Phantasie vollen Raum, in das Wilde hinaus zu schweifen, und machen denn auch bei jeder passenden Gelegenheit Gebrauch davon.
Anders und sehr verschieden ist das freilich, wenn man selber in den Gebüschen steckt, wenn sich jeder Fehltritt durch ein prosaisches Stolpern straft und Dornen und Schlingpflanzen bald hier, bald da den Weg versperren. In solchem Falle ist's mit dem Grübeln unbedingt vorbei, und kein anderer Gedanke, als der, sich die Bahn frei zu halten, kann aufkommen.
Das Mittel half auch bei Könnern. Wie er nur erst einmal die letzte Umzäunung der Colonie hinter sich hatte und in den wirklichen Wald eintauchte, wobei er noch außerdem genöthigt war, sich genau die eingeschlagene Richtung zu merken, gewann der Wald um ihn her wieder seinen wirklichen Charakter, und ordentlich in der Wildniß drin erwachte auch die alte Leidenschaft zur Jagd in ihm, und ließ ihn mit dem ersten besten Pfade, auf den er den Fuß setzte, auch nach Fährten oder Spuren wilder Thiere suchen.
Es ist außerdem schon an und für sich ein ganz eigenthümliches, wunderbares Gefühl, in einem fremden, unbekannten Walde mit der Büchse im Arm dahin zu schreiten, und man muß eigentlich selber Jäger sein, um das recht mitempfinden oder auch nur begreifen zu können. Jeder Laut ist fremd, selbst das Rauschen der Blätter klingt dem Ohre ungewohnt, und noch dazu in einem tropischen Walde lenkt überall eines der sich stets bewegenden riesigen Blätter das Auge des Jägers bald da, bald dorthin und hält ihn anfänglich in fast fieberhafter Spannung.
Hier und da raschelt auch einmal das Laub — ein dürrer Ast knickt, ein Waldhuhn streicht dicht vor den Füßen des Jägers mit fremdartigem Geräusch empor und verschwindet, ehe er sich zum Schusse sammeln konnte, wieder in den Büschen, und irgend eine unbekannte Fährte fesselt plötzlich seinen Blick und lockt ihn, weit von seiner Richtung ab, lange, lange Strecken in den Wald hinein.
So streifte auch Könnern heute durch die Wildniß, die er freilich mit größeren Erwartungen für die Jagd betreten hatte. Er fand wohl einmal eine Stelle, wo ein Rudel Sauen den Grund aufgebrochen hatte, er sah die Fährten einer kleinen Rothwildart und einmal sogar die eines Panthers oder einer Tigerkatze, aber zum Schusse bekam er Nichts als ein paar Waldhühner, die er aus dem Gebüsche herausstörte und im Fluge mit dem Schrotlauf schoß. Das war Alles, und als er am Stand der Sonne sah, daß er nicht viel Zeit mehr zu versäumen hatte, trat er den Rückweg an und erreichte etwa eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang das Haus jenes Ansiedlers, wo sein Pferd stand.
Der Mann war jetzt zu Hause und empfing den Fremden auf das Gastlichste, wie es überhaupt in den Ansiedelungen Sitte ist, lachte auch gerade hinaus, als Könnern erklärte, daß er heute Abend noch nach der Colonie zurück wolle.
»Mein lieber Freund,« sagte er, »das ist reine Thorheit, und Sie verstehen es eben nicht besser. Bis Sie Ihr Pferd gesattelt haben und aus der Rodung hinaus sind, ist die Sonne unter und die Welt damit auch gleich stockdunkel, und nachher sollten Sie einmal sehen, wie Sie auf dem Hundewege mit Ihrem Pferde stecken blieben und stürzten, vielleicht obendrein noch Hals und Beine brächen. Fortreiten im Dunkeln? Denken Sie gar nicht daran, und außerdem lasse ich Sie nicht fort, wenn Sie auch wirklich wollten. Glauben Sie denn, daß uns die Fremden hier so dick zugeschneit kämen, daß wir einen, den wir einmal eingefangen, gleich wieder fliegen ließen? Gott bewahre — heute Abend wollen wir uns was erzählen, Sie von draußen, ich von drinnen, und da sollen Sie einmal sehen, wie rasch die Zeit verfliegt.«
Er ließ auch wirklich gar keine Einwendungen gelten, und da sich Könnern viel eher in der Stimmung fühlte, den Abend bei ganz fremden Leuten zuzubringen, als unter Freunden zu verplaudern, so bedurfte es keines langen Zuredens seines freundlichen Wirthes, ihn zu bestimmen dessen Wunsch zu gewähren.
Während Könnern unter einem mächtigen Orangenbaume saß und einige der um ihn her den Boden bedeckenden Früchte verzehrte, erzählte ihm der Deutsche den größten Theil seiner Lebensgeschichte. Er hieß Heinrich Zuhbel, hatte früher einen Handel in Rio Grande gehabt und mit einem Krämerkarren verschiedene Streiftouren nach Uruguay hinein gemacht, wo er eine Menge Geld verdient haben mußte. In San Leopoldo, wohin er auch einmal gekommen war, um seine Waaren an den Mann zu bringen, brachte er sich dann selber an. Er verliebte sich nämlich — oder besser gesagt, seine jetzige Frau verliebte sich eigentlich in ihn — die Eltern hatten Nichts dagegen, und er verkaufte seine ganzen Habseligkeiten an einen frisch eingewanderten Juden, übernahm die Colonie seines Schwiegervaters und wirthschaftete darauf, bis ihm der Nachbarn zu viele wurden. Damals wurde die jetzige Colonie Santa Clara, wenn auch nicht begründet, denn sie bestand schon längere Zeit, aber frisch in Angriff genommen, und Zuhbel beschloß, hieher überzusiedeln. Überhaupt an Herumziehen in der Welt gewöhnt, wurde ihm das auch nicht schwer, und er hatte sich jetzt mit Fleiß und Ausdauer ein ganz hübsches Besitzthum gegründet und lebte, wie er meinte, gerade weit genug von der Colonie entfernt, um sich Vieh halten zu können und nicht jeden Augenblick Ärger mit den Nachbarn zu haben. Die Kinder konnte er freilich von hier aus nicht in die Schule schicken, denn das war zu weit und die Schule taugte auch Nichts; deshalb unterrichteten er und die Frau sie selber, und der »Landsmann« sollte sich nachher einmal überzeugen, was sie schon Alles könnten.
Der Mann plauderte so in einer Schnur fort, und erzählte dem Fremden eine von den tausend Geschichten, die der Wanderer durch solche Länder fast in jeder Hütte zu hören bekommt und als eine der vielen Reiseunannehmlichkeiten eben hinnehmen muß: eine Lebensgeschichte ohne das geringste Interessante, ein alltäglicher Lebenslauf in den Colonien, voll Arbeit, und Glück und Mißgeschick, bunt und ohne Zweck oder Ziel durch einander gemischt.
Der Mann hier schien aber trotzdem keiner der gewöhnlichen Bauern zu sein, wie auch sein früherer Erwerb bewies; er war eine Art von verdorbenem Genie, der ein Bißchen von Allem oberflächlich gelernt hatte, das Wenige aber nach Kräften zur Geltung zu bringen suchte, wo sich ihm irgend Gelegenheit dazu bot.
Als sich die Sonne endlich hinter die Bäume senkte, lud er seinen Gast ein, in's Haus zu kommen, da der Thau schon zu fallen begann. Dort fand Könnern die Frau emsig beschäftigt den Tisch zu decken, und ein junges, bildhübsches Mädchen von vielleicht dreizehn Jahren, aber schon hoch aufgeschossen, half ihr dabei.
Die Frau trug nicht die deutsche Bauerntracht, sondern mehr eine Kleidung, wie sie bei Handwerkerfrauen auf dem Lande Sitte ist: ein blaugeblümtes, dunkles Kattunkleid, eine weiße Schürze und — jedenfalls dem Gaste zu Ehren — ein gelb und roth carrirtes Seidentuch um den Hals geknüpft. Sie mußte auch einmal recht hübsch gewesen sein, denn die Spuren ließen sich selbst jetzt noch erkennen, aber harte Arbeit und eine heiße Sonne reiben den Körper auf und machen ihn rasch verblühen. Sie grüßte schüchtern und verließ mit ihrer Tochter das Zimmer, sobald es Könnern betrat. Aber auch sein Wirth hatte noch draußen zu thun.
»Setzen Sie sich und machen Sie es sich bequem,« sagte er zu seinem Gaste, als er diesen in die Stube geführt hatte; »ich bin gleich wieder da, ich will Ihnen nur Etwas von meinen Fabrikaten holen.«
Damit verließ er ebenfalls das Zimmer und ließ dem jungen Deutschen vollkommen Zeit, sich diese Heimath eines deutsch-brasilianischen Pflanzers mit Muße zu betrachten — und wahrlich, es schien ein wunderlicher Platz!
Das große, geräumige Zimmer mit weißen Kalkwänden nahm den ganzen vordern Theil des Hauses ein. Die Möbel bestanden großentheils aus einfachem weißen Holze. Nur ein, möglicherweise aus Deutschland mitgebrachter runder Tisch in der Ecke war aus Mahagoni; eben so ein Stuhl, der aber nur noch drei Beine hatte und mehr zum Staate als zum wirklichen Dienste wie in Gedanken in der Ecke lehnte.
An der einen Wand stand ein Fortepiano aus Nußbaumholz; daneben aber ein angebrochener Mehlsack, aus dem wahrscheinlich der tägliche Bedarf für das Haus genommen wurde; auf dem Clavier lag ein kürzlich abgenommener Pferdezaum, denn das Gebiß war noch feucht, und in der Ecke am Fenster ein alter, zerrissener Sattel, neben dem wiederum zwei Fässer mit Bohnen und Erbsen standen. Auf den Mahagonitisch war außerdem als Decke das etwas defecte Umschlagetuch der Frau gebreitet; die Zipfel desselben reichten aber nicht weit genug herunter, um ein Paar Halbstiefel und einige noch nicht gereinigte Frauenschuhe zu verbergen. Ein Paar abgeworfene Hosenträger lagen auf dem Umschlagetuche.
Die Familie schien außer dem Clavier aber auch sonst noch entschieden musikalisch zu sein, denn über demselben, neben einer gewöhnlichen Handwage und einem lange nicht abgestaubten Rocke, hingen noch zwei Guitarren und eine Violine — alle drei in etwas desolaten Umständen. — Sonst aber sah es reinlich in dem Zimmer aus; die Dielen waren frisch gescheuert und an dem einen Fenster sogar ein schwacher Versuch zu einer Gardine gemacht.
Könnern lehnte seine Büchsflinte in die Ecke neben den Mehlsack und hatte gerade Zeit genug gehabt, sich in dem Zimmer ein klein wenig umzusehen, als sein Wirth mit einer Flasche Wein und ein paar Gläsern zurückkehrte.
»Nun sollen Sie auch einmal eine Flasche Santa Clara Ausbruch versuchen, ein capitales Weinchen,« sagte er dabei, indem er die Flasche auf den Tisch stellte und entkorkte, »selbst gezogen — delicat — noch ein Bißchen jung vielleicht, aber famos —dieBlume!«
Der Wein hatte eine Rosafarbe; als ihn Könnern aber kostete, lachte er gerade hinaus und rief:
»Sie haben sich mit der Flasche vergriffen; das ist Himbeeressig!«
»Himbeeressig?« sagte Herr Zuhbel erstaunt, indem er vorsichtig von seinem Glase kostete — »ich habe ja gar keinen — bitte um Verzeihung, das ist mein Ausbruch. Eristein Bißchen säuerlich, weil bei uns die Beeren so ungleich reifen, aber ich gebe Ihnen mein Wort, wenn man sich erst einmal andenWein gewöhnt hat, schmeckt Einem der beste Markobrunner nicht mehr.«
»Das glaube ich auch,« sagte Könnern, der einen zweiten Versuch machte, das Glas aber dann kopfschüttelnd wieder auf den Tisch setzte — »ich bin übrigens kein Weinkenner, lieber Herr, und trinke nur Wasser. Jeder Wein steigt mir augenblicklich zu Kopfe.«
»Der nicht,« rief Zuhbel in Eifer, »der wahrhaftig nicht, und wenn Sie drei Flaschen davon tränken! (Könnern zogen sich schon bei dem Gedanken an eine solche Möglichkeit die Eingeweide zusammen und alle Zähne wurden ihm stumpf.) Übrigens können Sie auch Milch bekommen, meine Weiberleute trinken auch gewöhnlich Milch, und da kommen sie schon mit dem Essen. Nun langen Sie tüchtig zu, denn Sie werden nach dem heutigen Marsch Hunger bekommen haben.«
Die Frau brachte in der That herein, was das Haus bot, delicates Brod, frische Butter, guten Käse, Milch und Eier, Alles reichlich und mit größter Reinlichkeit aufgetischt; aber sie sprach kein Wort, wenn nicht eine Frage direct an sie gerichtet wurde. Auch das junge Mädchen hielt sich scheu zurück und wagte nicht einmal ordentlich an den Tisch hinan zu rücken, an den sie weit hinüberlangen mußte. Zuhbel führte allein das Wort und erzählte ununterbrochen von seinem Leben hier zwischen den »Brasilischen«, von seinen Arbeiten und Erfolgen, wie er den Leuten hier erst habe zeigen müssen was Ackerbau sei, wie er seine Felder einrichte und bewirthschafte, was er ziehe und möglich gemacht habe, und wie er es eigentlich gewesen sei, der in die Ansiedelung unten ein wenig Ordnung gebracht habe.
»Mit dem Director ist es Nichts,« fuhr er fort — »gar Nichts, das ist ein Grobian, wie er im Buche steht, aufgeblasen und stolz — ja, »Dickethun ist mein Reichthum,« das paßt auf den. Will Alles besser wissen, und hat nicht die geringste Lebensart. Da ist der Delegado ein anderer Mann — der weiß, was Höflichkeit ist und was unser Einer versteht, und giebt sich mit dem gemeinen Manne ab, daß es eine Lust ist.«
Dann kam er auf die Frau Gräfin zu sprechen, die ihn einmal »mein lieber Herr Zuhbel« genannt hatte und von der er entzückt schien. Das war eine Dame, wie sie eigentlich sein sollte, »wirklich vornehm und doch so gemein als möglich.«
Könnern ermüdete das Gespräch. Er hatte schon lange herausgemerkt, daß sein freundlicher Wirth zu den Menschen gehörte, die ihren Nachbar nur danach beurtheilen, wie sie selber von ihm behandelt sind, und den aus Grundsatz hassen, der klüger oder fleißiger ist als sie, oder wenigstens von seiner Arbeit mehr Erfolg gehabt hat. Leider giebt es solcher Leute ja genug inallenStänden, und man braucht eben nicht nach Brasilien zu gehen, um mit ihnen zusammenzutreffen. Zuhbel dagegen, der ebenfalls gefunden, daß sein Gast ein »Fremder« sei, und der hier draußen viel zu selten Gelegenheit bekam, seine Lichtseiten zu entwickeln, nahm jetzt die Ansiedler Einen nach dem Andern durch, um, wie er meinte, dem neuen Einwanderer gleich einen richtigen Überblick über die Verhältnisse zu gestatten.
Indessen war es vollkommen Nacht geworden, als draußen der Hufschlag eines Pferdes laut wurde und gleich darauf ein junger, kräftiger Bursche von etwa siebenzehn Jahren in's Zimmer trat. Es war Zuhbel's Sohn, der den Fremden freundlich grüßte und dann, ohne von seiner Familie auch nur die geringste Notiz zu nehmen, sich zum Tische setzte und die noch übrigen Speisen verzehrte. Er leerte sogar ein Glas von dem Wein, ohne eine Miene dabei zu verziehen.
Während er aß, saß Zuhbel wie auf Kohlen; er rückte auf seinem Stuhle hin und her und sah immer nach seinem Sohne hinüber, und als dieser kaum den letzten Bissen im Munde hatte und seinen Teller zurückschob, stand er auf, rieb sich die Hände und sagte:
»So, jetzt kann's losgehen — jetzt sollen Sie einmal sehen, daß wir hier im brasilianischen Walde nicht bloß lauter Bauern und Holzhacker sind, sondern daß wir auch in der Kunst Etwas leisten. Bist Du fertig, Junge?«
»Ja, Vater,« sagte der Sohn, stand auf, wischte sich den Mund, nahm einen kleinen Zusammenlegekamm aus der Tasche, um seine Frisur oberflächlich in Ordnung zu bringen, und griff dann ohne Weiteres nach der über dem Claviere hangenden Violine, die er zu stimmen und herauf und herunter zu schrauben begann. Es dauerte eine geraume Zeit, bis er damit fertig wurde; der alte Zuhbel hatte indessen das Clavier geöffnet und sich daran gesetzt.
»Spielen Sie?« fragte er Könnern. Dieser verneinte. »Das müssen Sie noch lernen,« fuhr Zuhbel fort, indem er einen falschen Accord griff; »es ist etwas gar Schönes für einen Colonisten, wenn er sich Abends nach der Arbeit die Zeit ein wenig mit Musik vertreiben kann — na, hast Du's bald?« wandte er sich an seinen Sohn.
»Jetzt kommt's,« sagte dieser, indem er einen Ton auf dem Clavier anschlug und seine Stimmung damit verglich. Es stimmte so ziemlich — höchstens um einen halben Ton Unterschied, was zu unbedeutend war, deshalb noch einmal alle Saiten abzuschrauben. Ein Strich über die Violine war das Zeichen, und ohne weitere Verabredung, als ob gar keine andere Melodie möglich sei, fielen Beide in die Fra Diavolo'sche Romanze: »Erblickt auf Felseshöhen,« ein und kratzten und hämmerten dieselbe richtig durch, der Vater natürlich nur den Baß schlagend, wobei es nicht darauf ankam, ob er manchmal um zwei oder drei Zoll daneben griff.
Dann kam ein schwermüthiges Lied. »Von der Alpe tönt das Horn,« dann »Die Fahrt in's Heu« mit allen Versen. Den Schluß bildete aber das Schrecklichste von Allem, ein Choral; denn während es bei den früheren Liedern über die Mißtöne rasch hinwegging, wurden sie hier lang und feierlich ausgehalten, und Könnern als Schlachtopfer saß in der einen Ecke und rauchte eine schlechte Cigarre, die wie der Wein eigenes Fabricat des Tausendkünstlers war.
Aber auch das ging vorüber; das Concert war beendet, die Violine hing wieder an der Wand und das Clavier wurde geschlossen — der erste angenehme Ton, den es heute von sich gab.
»Es sind nur drei Instrumente in der ganzen Colonie,« sagte Zuhbel mit Stolz, indem er den alten Klapperkasten freundlich auf den Rücken klopfte, als ob es ein Pferd gewesen wäre; »eins hat die Frau Gräfin, ein wahres Prachtstück; die junge Gräfin hat mir einmal selber Etwas darauf vorgespielt — die spielt, unddasist ein Mädel — zum 'neinbeißen, sage ich Ihnen. Sie kennen sie aber gewiß schon?«
»Ich habe sie nur einmal im Vorbeireiten gesehen.«
»Reiten kann sie wie der helle Teufel — und das dritte hat der Meier — der Einsiedler, wie sie ihn unten nennen; aber ob darauf gespielt wird, kann man nicht erfahren, denn er liegt wie ein Kettenhund vor seiner eigenen Thür und läßt Niemanden hinein — das ist ein schrecklicher Mensch!«
»Er macht sich nicht viel aus Gesellschaft,« sagte Könnern gleichgültig.
»Haben Sie das auch schon gemerkt?« lachte Zuhbel; »ja, der läßt Alle abfahren, wer sie auch sein mögen, aber — es hat seinen Grund.«
»Er mag etwas menschenscheu sein; lieber Gott, Jeder von uns hat seine Schwachheiten!« sagte Könnern und dachte an das Concert.
»Schwachheiten?« fragte Zuhbel geheimnißvoll — »bei dem ist's mehr, darauf gebe ich Ihnen mein Wort. Dahinter steckt Etwas. — Mit dem ist's nicht richtig, und daß der — ich mag keinem Menschen etwas Böses nachsagen — aber daß derwenigstenseinen Mord auf dem Gewissen hat, darauf können Sie Gift nehmen. — Denken Sie denn, daß der Jemandem gerade in's Gesicht sehen kann? Gott bewahre, eine blaue Brille setzt er auf, hinter der man nie weiß ob er schläft oder zuhört, wenn man ihm 'was sagt, und daß er ein einziges Mal seine Nachbarn besucht hätte, so lange er hier in der Gegend wohnt — ist ihm noch gar nicht eingefallen.«
»Ja, aber mein lieber Herr Zuhbel,« sagte Könnern, »nicht alle Menschen haben eben Freude an Gesellschaft!«
»Ach was,« rief der Mann, »der ist keines Menschen Freund, wie sein eigener, und ich weiß nicht einmal, ob er sich selber 'was aus sich macht. Nein, bleiben Sie mir mit dem Herrn Meier vom Leibe, und mit seiner ganzen Familie, der alten, knuffnäsigen Frau, die Einen immer ansieht als ob sie Einen beißen wollte — lieber Gott, ich thu' ihr Nichts! — und dem bleichsüchtigen Ding von Mädchen. Und mit seinem Reichthum soll's auch nicht so weit her sein — mich kauft er nicht aus, so viel weiß ich, undmeinLand gäbe ich nicht für ein Dutzend solcher Chagra's hin, wie er eine hat.«
Der Mann war im Zuge und ließ Könnern nur in so fern Ruhe, daß er nicht von ihm verlangte, ebenfalls zu reden. Er hechelte die Colonie wieder von oben bis unten durch, und das Resultat blieb, daß er der Einzige von Allen sei, der wirklich Etwas vom Ackerbau verstehe und eine Musterwirthschaft eingerichtet habe, auf der er den Colonisten einmal zeigen wolle was man aus dem Lande machen könne, wenn man es eben richtig angriffe. Könnern war froh, als er sich endlich mit der späten Stunde, und Müdigkeit vorschützend, entschuldigen konnte, um sein Lager zu suchen.
Auch hier war Alles für ihn durch die Frauen auf das Sauberste hergerichtet, und in einer der oberen Kammern fand er ein, wenn auch ein wenig hartes, doch frisch überzogenes Bett, mit Waschzeug, Handtuch und frischem Wasser, und außerdem noch einen Teller mit Maniokmehl und einen Korb voll Orangen, die bei dem brasilianischen Landmanne einen nicht unbedeutenden Theil seiner Nahrung bilden.
Die Frau leuchtete ihm hinauf. Sie sprach kein Wort dabei, setzte ihm das Licht in die Stube und sah sich dann noch einmal um, ob auch Alles in Ordnung sei. Dann ging sie wieder eben so schweigend zur Thür zurück, drehte sich noch einmal um, sah Könnern ruhig an und sagte:
»Glauben Sie kein Wort von dem, waserIhnen sagt. Es ist Alles nicht wahr. Gute Nacht, schlafen Sie wohl!« und damit verschwand sie draußen in dem dunklen Gange.
Könnern lachte still vor sich hin, aber er war durch das furchtbare Schwatzen seines Wirthes so geistig müde geworden, daß er an dem Abend nicht einmal mehr denken konnte. So suchte er denn sein Lager und hatte sich kaum darauf ausgestreckt, als er auch in einen tiefen Schlaf fiel und erst am hellen Morgen neu gestärkt erwachte.
Nun wollte er jetzt allerdings gleich zur Ansiedlung zurückkehren, weil er fürchtete, daß der Director vielleicht seinetwegen in Sorge sein könne; aber Zuhbel ließ ihn nicht. Erst mußte er frühstücken und dann seine Felder besehen, ohne das kam er nicht los.
Könnern war nun Nichts weniger als Ökonom, und verstand nicht das Geringste von der Landwirthschaft, das schadete aber Nichts; Zuhbel schleppte seinen Gast mit einem wahren Feuereifer über geackerte und ungeackerte Felder, und zeigte ihm, was erhierbauen wollte, und was erdagebaut hatte, wie jener Graben dort und dieser da gezogen sei, und wie alt der oder jener Pfirsichbaum wäre, und wo er die jungen Stämme herbekommen habe — Dinge, die den jungen Maler auch nicht im Geringsten interessirten. Endlich hatten sie Alles gesehen, keine Hecken-Anpflanzung von Quittenbäumen, kein Reis- oder Maisfeld war mehr übrig, und der Fremde durfte endlich den Wunsch ansprechen, sein Pferd zu satteln. Das aber besorgte ihm der junge Zuhbel, der zum zweiten Frühstücke aus dem Felde hereingekommen war, und Könnern athmete hoch auf, als er endlich wieder auf dem schmalen Pfade, das Thal hinab, der Ansiedelung zutraben konnte.
Und dennoch schlug er nicht den nächsten Weg dorthin ein, sondern lenkte links ab, an Meier's Chagra vorüber, und weshalb? Er hatte anfangs ein unbestimmtes Gefühl, als ob er die beiden geschossenen Waldhühner, die an seinem Sattelknopfe hingen, Elise bringen wolle — aber das ging nicht. Er durfte dem alten Manne nicht lästig fallen — nichtjetztschon wieder sein Haus betreten — und doch, mit wie schwerem Herzen ritt er an der dichten Hecke vorüber, die Alles umschlossen hielt, was seinem Herzen lieb und theuer war. — Vergebens suchte er auch nur einen Blick in die Umzäunung zu gewinnen; der alte Meier hatte schon dafür gesorgt, daß kein neugieriges Auge in sein Heiligthum dringen könne, und tief aufseufzend ließ er seinem Pferde endlich wieder den Zügel, um den Weg zu verfolgen, der ihn hinunter nach Santa Clara brachte.