»Da reiten Sie aber doch näher die Straße, die hier hinüberführt.«
»Es ist dort eine Colonie ausgemessen, die ich mir einmal ansehen wollte,« sagte Köhler — »der Bach läuft durch, und vielleicht ließe sich dort eine Mühle anlegen.« — Und die beiden Männer, Justus neben dem Pferde her, hielten zusammen die Straße hinauf, bis sie ein Stück im Walde waren; dann bog Köhler links ab an dem Hange hin und Justus Kernbeutel setzte seinen Weg allein fort.
Es ging hier eine kurze Strecke ziemlich steil hinauf, und Justus, der nicht wünschte, sich in Schweiß zu bringen, stieg sehr langsam bergan. Die Sonne war noch eine halbe Stunde hoch, und er konnte, ohne sich zu übereilen, Zuhbel's Chagra recht gut vor oder wenigstens mit Dunkelwerden erreichen.
Als er die Höhe des Weges gewonnen hatte, an der rechts ein steiler, aus rauhen Blöcken bestehender Felshang emporragte, drehte er sich um, theils um auszuruhen, theils um einen Blick auf die sich hier weit ausdehnende Scenerie zu werfen, die am Horizont sogar durch das Meer begränzt wurde. Das Städtchen selber konnte er von hier oben aus nicht sehen, da es hinter dem dichten Gebüsche und Unterholze versteckt lag.
Justus war übrigens, wie man danach vielleicht hätte glauben können, keineswegs ein großer Verehrer von Naturschönheiten, und wenn er einen großen Berg hinaufstieg, fluchte er gewöhnlich leise vor sich hin, bis er oben war; aber er versäumte nie, auf allen den Punkten gewissenhaft anzuhalten, von wo aus er das Meer sehen konnte, und auch nicht etwa, weil er es liebte — Gott bewahre — nein, nur um sich zu freuen, daß er nicht mehr darauf war und festen Boden unter seinen Füßen hatte.
Auf der ganzen Seereise war er nämlich, von dem Augenblicke an wo er sich in Bremerhaven eingeschifft, bis zu dem Moment wo er in die Mündung des Santa Clara mehr wie ein Sack, als wie ein lebendiger Passagier hineingerudert worden, so seekrank gewesen, daß ihm noch bis auf den heutigen Tag übel wurde, wenn er nur Theer roch und dadurch wieder lebhaft an seinen Aufenthalt an Bord erinnert wurde. Sah er aber so recht von Weitem aus die endlose blaue Fläche, oder konnte er gar die weißen Kämme überstürzender Wellen erkennen, dann erfaßte ein eigenes inneres Wohlbehagen seine Seele, er rieb sich die Hände, stampfte mit den Füßen, schnalzte mit der Zunge und machte oft die wunderlichsten und außergewöhnlichsten Capriolen, um sein unbändiges Vergnügen auszudrücken.
Heute fühlte er sich dazu in ganz besonders günstiger Stimmung — war es die Aussicht auf den vergnügten Abend, war es der neue Anzug, den er trug und den er, in Ermangelung eines Modejournals in Santa Clara, einem Theil der Bevölkerung vorzuführen dachte; war es vielleicht die frische, kühle Abendluft, die hier draußen wehte, oder auch die Wirkung einiger Gläser Cognac, die er vorher zu sich genommen, kurz, er blieb stehen, nahm den Hut ab, machte dem einige Meilen entfernten Meere eine sehr formelle, ehrerbietige Verbeugung und sagte:
»Ich empfehle mich Ihnen ganz gehorsamst, sehr verehrtes Brechmittel, Salzwasserpfütze verfluchte, die Einen herumschlenkert, daß man am Ende gar nicht einmal mehr weiß, wo Einem der Kopf oder wo die Füße sitzen. Hier, hier komm' her, wenn Du dazu Courage hast — hier auf dem Felsen schaukele mich einmal, wenn Du kannst, und wirf mich herüber und hinüber, wie einen schlechten Groschen — ääh!« setzte er hinzu, eine Grimasse gegen das Meer ziehend — »so viel für Dich und alle das dumme Gesindel, das sich auf Dir jetzt herumschütteln läßt, um nach Brumsilien zu kommen — hei, wie die Kerle torkeln und wie hundeschlecht ihnen ist — wie sie würgen und ächzen — wenn ich sie nur sehen und meine Freude an ihnen haben könnte! — Hurrah für festen Boden — hurrah hoch für soliden Steingrund!« — und seinen Hut in die Luft werfend, machte er selber einen Sprung und schlug dabei mehrere Mal die Füße zusammen.
»Na, Gott straf' mich,« sagte da plötzlich eine Stimme dicht an seiner Seite, »wenn das nicht über den grünen Klee geht!«
Erschreckt fuhr Justus herum, denn er hatte vorher keinen Menschen bemerkt, und ein unheimliches Grausen lief ihm über den Rücken, als er auch jetzt noch Niemanden neben sich sah, denn der Weg war vollkommen leer.
»Bux!« — der Gedanke schoß ihm plötzlich durch's Hirn, als er laut den Namen rief — »das ist kein Anderer, als der verfluchte Bux — wo nur der Himmelhund steckt?«
Ein lautes, ordentlich wieherndes Gelächter antwortete ihm von einem der Felsen unweit der Straße, und als er hinaufsah, saß der Bauchredner da oben, schnitt aber jetzt schon wieder ein so finsteres Gesicht, daß Justus ordentlich unsicher wurde, ob nun nicht eben Jemand neben ihm durch den Bauch gelacht und es nur so geschallt hätte, als ob der Ton von da oben käme.
»Was, zum Teufel, machst Du denn da auf der Kanzel oben?« rief er ihm erstaunt zu.
»Gerade das Entgegengesetzte von dem, was Du thust,« sagte Bux mürrisch — »ich gucke 'nunter und Du 'rauf. Aber komm' her, ich habe was mit Dir zu reden.«
»Ja, komm' her, das ist leicht gesagt,« meinte Justus, »aber wie kann ich hinauf? Komm' Du hieher, das ist bequemer.«
»Wenn Du nicht willst, läßt Du's bleiben,« brummte der mit der Silbertresse — »so behalt' ich's für mich.«
»Hm,« sagte Justus, neugierig werdend — »ich zerreiße mir die neuen Hosen und will noch in Gesellschaft.«
Bux antwortete ihm nicht und pfiff gleichgültig in's Blaue hinein, und Justus, der jetzt eine Stelle entdeckt zu haben glaubte, an der er ziemlich bequem aufwärts steigen konnte, kletterte mit einigen Schwierigkeiten, denn seine »Strupfen« genirten ihn, über das rauhe Gestein empor, wobei er besonders ängstlich den Dornen auszuweichen hatte. Als er übrigens unterwegs einmal nach oben sah, war Bux verschwunden, und erst als er den Stein selber erreichte auf dem er gesessen, entdeckte er den Bauchredner hinter den Felsen dort, wo er von dem Wege aus gar nicht gesehen werden konnte. Er hatte sich auf ein kleines Fleckchen Grasboden geworfen und schien die Ankunft seines neuen Freundes ruhig zu erwarten.
»Was, zum Henker, machst Du denn hier?« sagte Justus, als er den Platz endlich erreicht hatte und sich dabei das linke Knie rieb, das er sich gegen einen Felsen gestoßen. »Das ist ja ein ganz verfluchter Weg hier herauf.«
»Ich überlege mir eben,« sagte Bux ruhig, »ob ich mich am Liebsten hängen oder ersäufen soll, denn so viel Geld habe ich nicht mehr, um mir eine Ladung Pulver und eine Kugel zu kaufen, und zum Hängen kann man Bast nehmen. Aber ich glaube, das Ersäufen sagt meiner Natur besser zu.«
»Und um Dich zu ersäufen, bist Du hier oben auf den Berg geklettert,« lachte Justus, »wo nicht einmal so viel Wasser ist, um sich die Finger naß zu machen zum Banknoten zählen? Das ist nicht so übel.«
Bux antwortete nicht; er lehnte sich mit dem Rücken an den Felsen, hielt sein linkes Knie mit beiden Händen umspannt und schaute finster vor sich nieder.
Justus sah ihn eine Weile an, dann fragte er: »Was war denn das, was Du mir sagen wolltest?«
»Jetzt sitz' ich drin,« brütete Bux weiter, ohne die Frage zu beantworten — »mit den Vorstellungen ist es Nichts mehr. Gestern Abend waren drei Personen drin, von denen zwei nicht einmal bezahlt hatten, und ich brauche zwölf, um nur Beleuchtung und Miethe zu bezahlen. Die gottverfluchten Schufte wollen mich zwingen, daß ich die Kinder nicht soll tanzen lassen, und wozu hab' ich denn da die blutigen Rangen. — Verhungernwillich aber nicht — Gott straf' mich!« rief er, sein Knie loslassend und seine Faust in die andere Hand schlagend — »und wenn sie mich dazu treiben….«
Seine Augen blickten stier und wild, und in den schmutzigen, gemeinen Zügen glühte ordentlich Haß und tückische Bosheit.
»Ei, zum Wetter,« sagte Justus, der immer noch solidere Ansichten vom Leben hatte — »wenn's mit der »Kunst« nicht geht, dann versuch's einmal eine Weile mit der Arbeit — verding' Dich bei einem Bauer und….«
»Daß ich mich schinde und plage für ein paar Milreis, nicht wahr, nur um der Heulliese, meiner Frau, und den Rangen die Bäuche zu füllen? Verdammt, wenn ich's thue — da versuch' ich noch wenigstens erst, ob nicht auf andere Weise 'was zu machen ist — he, Schneider!« sagte er plötzlich und sah zu Justus mit einem scharfen, forschenden und doch mißtrauischen Blick auf — »bist Du ein Kerl, auf den man sich verlassen kann?«
»Nanu?« sagte Justus und sah erstaunt zu ihm nieder.
»Ich meine,« fuhr Bux fort, »ob Du das Herz auf dem rechten Fleck hast, wenn es einmal gilt. Du bist auch arm wie eine Kirchenmaus, wenn Du auch jetzt die paar bunten Lappen um Dich herum hängen hast; die Schulden fressen Dich bald auf, und eh' das Jahr um ist, jagen sie Dich so zum Platz hinaus — halt's Maul, ich weiß Alles, und mir brauchst Du Nichts weis zu machen, aber —wennDu Dir nun miteinemGriff helfen und Alles wieder in's Reine bringen könntest?«
»Donnerwetter!« sagte Justus, und seine Augen wurden immer größer — »was hast Du nur?WeißtDu einen Fleck, wo ein Haufen Gold liegt — aber warum hast Du ihn Dir da nicht schon lange selbst geholt?«
»Weil Einer allein Nichts ausrichten kann,« knurrte Bux, »und mit meiner Vettel von Weib Nichts anzufangen ist. Doch ich will nicht länger hinterm Busche halten, denn Du verräthst mich nicht, so viel weiß ich — dächtest Du daran, bei Höll' und Teufel, ich risse Dir das Herz lebendig aus dem Leibe!«
»Aber was hast Du nur?« rief Justus wirklich erschreckt.
»Hör' zu,« sagte Bux, sich selbst auf diesem abgelegenen Platz scheu umsehend, ob sie Niemand höre — »Du weißt, daß der neue Director angekommen ist.«
»Jedes Kind weiß das,« brummte Justus — »wir feiern's heute.«
»Du weißt aber nicht, daß er einen Haufen Geld mitgebracht hat,« fuhr Bux fort, »um eine Menge Leute abzulohnen, welche der frühere Director angestellt hatte.«
»Und was hilftunsdas?«
»Von Buttlich weiß ich's, »fuhr Bux fort, ohne sich stören zu lassen — »und ich selber habe gesehen, wie der schwere Koffer hinauf getragen wurde. Buttlich hat mir aber ebenfalls erzählt, daß nächster Tage eine große Gesellschaft oder ein Ball bei der Frau Gräfin ist — dahin geht der Director jedenfalls, und das Haus ist oben leer — Justus, hast Du Courage?«
»Ne,« sagte dieser, ganz entschieden mit dem Kopf schüttelnd — »zu so 'was nicht — hol's der Teufel, das klingt im Anfang ganz gut, aber nachher wird's auf einmal faul, und dann sitzt man drin. Ne, Bux, das wollen wir doch liebernichtmachen.«
»Memme!« knirschte der Bursche zwischen den Zähnen durch — »habe mir's bald gedacht, daß Du zu Nichts zu gebrauchen bist.«
»Und wenn sie uns erwischen?«
»Wenn wir's so dumm machen, verdienen wir's nicht besser!«
»Ne,« sagte Justus noch einmal nach einer kleinen Pause, in welcher er die Sache hin und her erwogen hatte — »ich verdiene gern einen Thaler Geld und — bin auch nicht übereigen,wie,aber aufdieArt — nachher in Eisen nach Rio hinauf geschafft werden und dort indasLoch, wo man erst am gelben Fieber stirbt, ehe man gehangen wird — Gott soll mich bewahren, da — ernähr' ich mich lieber von meiner Kunst, wenn's auch ein Hundeleben ist!«
»Esel!« grinste da Bux plötzlich vor sich hin — »Du bist doch, Gott straf' mich, zu dumm, daß Du glaubst, ich dächte an so 'was. Sitzt der Kerl auf — hahahahaha!«
Justus sah ihn erstaunt an.
»Also war's nur Spaß?« fragte er verdutzt.
»Na, Du glaubst wohl ich wär' ein Einbrecher im Ernst?« lachte Bux — »ne, Justus, für dumm hab' ich Dich immer gehalten, aber fürsodumm doch wahrhaftig nicht.«
»Du machtest aber so ein ernsthaftes Gesicht dabei.«
Bux war aufgestanden und sah über den Felsen hin nach dem Weg hinüber. Sein scharfes Ohr hatte einen Schritt auf dem harten Boden gehört, und es dauerte auch nicht lange, bis ein Mann den Weg kam, der anscheinend die Richtung nach Zuhbel's Chagra einschlug.
»Kommt Jemand?« fragte Justus.
»Ist das nicht der Lump, der Jeremias?« sagte Bux, der nur eben mit seinen Augen über den Stein hinausschaute — Justus nahm seinen Hut ab und sah ebenfalls vorsichtig hinüber.
»Ja wohl,« flüsterte er, »das ist die rothköpfige Canaille, seine Perrücke leuchtet ja wie Feuer durch den Wald. Wo will denn der noch heute Abend hin? zu Zuhbel's doch wahrhaftig nicht, denn der würf' ihn den Augenblick aus dem Hause.«
»Und wie er sich immer umguckt,« flüsterte Bux zurück, »genau so, als ob er ein bös Gewissen hätte.«
Es war in der That Jeremias, der, seinen Hut in der Hand, den Weg von der Colonie herauf gekommen war und jetzt auf derselben Höhe stehen blieb, auf welcher Justus gehalten, um nach der See zurückzuschauen. Auch Jeremias sah sich ein paar Mal um, aber es schien, als ob die Scenerie seine Aufmerksamkeit nicht fesseln könne, denn er drehte den Kopf bald der Richtung zu, von welcher er gekommen, bald der entgegensetzten, gerade als ob er Jemanden erwarte und nicht wisse, von welcher Seite er kommen würde.
»Was zum Teufel hat denn der? Auf wen wartet er denn?« flüsterte Bux, als Justus seinen Arm ergriff, drückte und ihn durch ein Zeichen warnte, vorsichtig zu sein. Bux sah ihn erstaunt an. Jeremias, der nicht daran dachte, daß da oben zwischen den Steinen irgend ein menschliches Wesen sitzen könne, schritt vorsichtig weiter und bog endlich, kurz vorher, ehe ihn die Wendung der Straße den Nachblickenden verborgen haben würde, in eben dieselbe Felswand ein, in der die Beiden standen.
Er mochte jetzt ungefähr hundert Schritte von ihnen entfernt sein, als Justus sich zu Bux überbog und flüsterte:
»Bux, ich setze meinen Hals zum Pfande, daß der Schuft jetzt nach dem heimlichen Verstecke kriecht, wo er sein Geld vergraben hat. Wenn wirdasausfinden könnten, da wäre ein Fang zu machen, unddemHalunken gönnt' ich's.«
»Glaubst Du wirklich?« zischelte Bux zurück und stieg auf einen der nächsten Steine, um den kleinen Burschen nicht aus den Augen zu verlieren. Es war jetzt auch gar keine Gefahr mehr, daß sie gesehen würden, denn Jeremias drehte ihnen den Rücken zu.
»Gewiß,« sagte Justus — »was sollte er denn sonst hier oben zwischen den Steinen herum zu kriechen haben, und daß er Geld irgendwo vergräbt, weiß ich ganz gewiß.«
»Komm,« winkte Bux, als Jeremias jetzt gerade hinter dem Rücken der nächsten Abdachung verschwunden war — »zwischen den Blöcken hier kann er uns nicht sehen, und vielleicht bekommen wir ihn da drüben wieder in Sicht« — und ohne eine weitere Antwort seines Kameraden abzuwarten, sprang er von seinem Stein herunter, und glitt wie eine Schlange zwischen den Felsstücken hin der Richtung zu, in der Jener verschwunden war. Justus konnte ihm in seinen engen Kleidern und besonders mit den Stegen an den Hosen, welche ihn im Steigen hinderten, kaum folgen. Bux erwies sich übrigens als ein vortrefflicher Spürhund, denn sein Terrain mit einer wahren Meisterschaft benutzend und jeden Fels, jeden Baum zur Deckung brauchend, pirschte er sich rasch und vollkommen geräuschlos weiter vor, und sah sich nur manchmal unwillig nach Justus um, wenn dieser achtlos auf einen dürren, knackenden Zweig trat oder an einen lockern Stein mit dem Fuße stieß — Dinge, die er verschiedene Mal möglich machte.
Jetzt hatte er den scharfen Kamm, welcher aber hier nicht so steil ablief und einen Blick über die nächste enge Schlucht gestattete, erreicht, und entdeckte auch Jeremias schon an der andern Seite derselben, an der er in die Höhe kletterte. Die Schlucht lag übrigens vollständig vom Wege ab und tief und sicher versteckt mitten im Walde.
Bux mußte hier abwarten, bis Jeremias wieder aus Sicht war, und Justus kam indessen auch heran.
»Ist er da?«
Bux deutete nur einfach mit dem Arm über die Schlucht, wo die lichten Kleider des Deutschen, der langsam an dem Hang hinstieg, deutlich hinter den Büschen sichtbar waren, wohl einmal einen Augenblick verschwanden, aber doch immer wieder zum Vorschein kamen.
»Wenn er noch lange macht,« flüsterte Justus, »geht die Sonne unter, nachher wird's Nacht.«
Bux hob nur warnend die Hand, daß er schweigen solle, denn Jeremias war stehn geblieben und bückte sich dort. Die beiden Männer schauten ihm mit der gespanntesten Erwartung zu, aber keiner von ihnen sprach ein Wort weiter, denn das da drüben mußte der Platz sein. Was Jeremias eigentlich machte, konnten sie freilich nicht erkennen, aber während ihm Justus mit größter Aufmerksamkeit zuschaute, merkte sich Bux genau die verschiedenen Büsche, einen einzeln stehenden Baum, eine junge Palme und einen Felsblock, an dem wie ein Teller groß ein Moosfleck wucherte.
Jeremias hatte sich etwa zehn Minuten an der Stelle aufgehalten; jetzt richtete er sich wieder empor und schien erst vorsichtig umzuschauen, ob er kein lebendes Wesen erkennen könne. Aber Todtenstille herrschte im Walde, über welchem nur ein einzelner Raubvogel kreiste und dann und wann seinen eigenthümlich schrillen Ruf ertönen ließ. Der kleine Bursche mußte sich auch für vollkommen sicher halten, denn er stieg jetzt auf einem andern Wege, als er gekommen, und vorsichtig von Stein zu Stein tretend, gerade in die Schlucht hinab und der Richtung nach genau auf die Stelle zu, wo die Beiden auf der Lauer lagen. Erwarten durften sie ihn hier aber keinesfalls, und Bux, wieder hinter die nächsten Steine zurückgleitend, ergriff Justus' Arm und zog ihn noch etwas weiter den Hang hinauf hinter ein Dickicht von Lorberbäumen, wo er sich niederkauerte und seinem Begleiter ein Zeichen gab, das Nämliche zu thun.
In dieser Stellung blieben sie etwa eine Viertelstunde, und erst als die Sonne den obern Rücken der westlichen Gebirge berührte, hob sich Bux wieder in die Höh und schritt auf seinen alten Stand zurück, um zu erforschen, ob sich noch Etwas von Jeremias erkennen ließ. Dieser mußte sich aber jedenfalls — und für ihn auch der bequemste Weg — die Schlucht hinunter gewandt haben, deren Mündung wahrscheinlich unten wieder auf den Weg oder doch wenigstens in dessen Nähe führte. Es war nicht das Geringste mehr von ihm zu erkennen. Trotzdem zögerte Bux, hier gerade die Schlucht hinab zu steigen, wo sie sich jedenfalls ganz offen zeigen mußten, und zog es vor, einen kleinen Umweg zu machen. Dort begünstigte sie außerdem das Terrain ganz besonders, da sich, ein kleines Stück weiter oben, eine Terrasse über die Schlucht hinüber zog und dadurch einen dünnen Wasserfall bildete, mit dem sich der Bergbach den Hang hinunter warf. Sie erreichten, außerdem fast überall durch Gebüsch gedeckt, die andere Seite der Schlucht dadurch viel früher und konnten nun ohne weiteres Zögern ihrem Ziel entgegen rücken, denn so lange hatte sich Jeremias hier keinesfalls ausgehalten. Außerdem durften sie nicht mehr viel Zeit verlieren, denn schon rötheten sich die Wolken im Westen.
Bux versäumte aber auch in der That nicht viel Zeit. Seine Ortskenntniß ließ Nichts zu wünschen übrig. Bald hatte er den einzeln stehenden Baum und die junge Palme gefunden; dicht darüber stand der Stein mit dem weißen Moosfleck, und hier war die Stelle, wo Jeremias, zu welchem Zweck auch immer, gehalten hatte. Hier aber war auch der Grund so steinig, daß er unter keinen Umständen gegraben haben konnte.
»Zum Henker auch!« brummte Justus, der sich überall umsah, »hier kann es doch nicht sein; Du mußt Dich im Platze versehen haben; ich glaube, es war weiter oben.«
»Dann such' Du weiter oben,« brummte Bux — »wenn ich mir einmal einen Ort gemerkt habe, find' ich ihn auch wieder, und hier war's. Hat er aber hier Etwas versteckt, so ist's nichtvergraben,sondern liegt unter einem Steine, und dem wollen wir verdammt bald auf die Sprünge kommen. Paß Du nur ein Bißchen auf, daß wir nicht etwa überrascht werden — wir sind freilich unser Zwei, aber — besser ist besser« — und ungesäumt hob er einige der nächsten Steine auf, ohne jedoch das Geringste zu entdecken — unter denen konnte Nichts verborgen sein.
»Teufel noch einmal!« brummte er endlich und richtete sich wieder auf — »wenn hier wirklich 'was liegt, ist es verflucht schlau weggestaut, und weiß der Henker, wie er's gemacht hat, denn den großen Felsblock da hat er doch wahrhaftig nicht heben können. Das brächtenzwölfMenschen nicht zuwege.«
»Sieh 'mal hier,« sagte Justus, der etwas mehr seitwärts stand — »da ist eine Spalte in dem Fels, aber so eng, daß man nicht einmal den Finger dazwischen bringen kann.«
Bux ging zu dem bezeichneten Platze, hatte ihn aber kaum ein paar Secunden betrachtet, als er sich zu der Platte niederbog und daran probirte.
»Bei Gott, die bewegt sich!« flüsterte er — »und siehst Du, hier oben ist auch Etwas von dem Stein abgestoßen, als ob Jemand mit einem eisernen Instrument daran gewesen wäre.«
»Wenn man nur ein Messer dazwischen brächte.«
Bux hatte sein Taschenmesser schon heraus, und ohne die Klinge zu öffnen, drückte er es ganz hinein und schob daran, bis sich der Stein etwas ablöste und er die Finger dazwischen bringen konnte.
»Schieb Deinen Stock hinein, daß es mich nicht fängt.«
Justus gehorchte, und im nächsten Augenblick hob sich die Platte oben los und zeigte einen ganz eigenthümlich geformten hohlen Raum im Innern, der aber nur mit lockerm Gestein angefüllt schien. Es dämmerte außerdem schon, und sie konnten kaum noch auf zehn Minuten Tageslicht rechnen.
»Halte die Platte — so — daß ich dahinter greife!« rief Bux — »aber laß sie nicht fallen.« Justus hielt sie mit zitternden Händen fest, und Bux, der keine Rücksicht auf seine Kleider zu nehmen brauchte, zwängte sich jetzt von der Seite hinein und warf die Steine drin zurück. Plötzlich stieß er einen leisen Jubelruf aus: »Ich hab's!«
»Was?« rief Justus — »was ist's?«
»Zieh die Platte noch ein klein Wenig zu Dir — so — noch ein Bißchen — so, jetzt geht's — ein Sack — ein Sack mit Geld — hurrah, das war geglückt!« und aus dem Gestein zerrte er einen klingenden Leinwandsack heraus und hob ihn mit Mühe aus der Spalte mit einem Arme zu Tage.
»Jemine!« rief Justus und ließ die Platte los, die wieder in ihre alte Lage zurücksank und so vortrefflich paßte, daß man nur mit großer Aufmerksamkeit den Platz entdecken konnte.
»Esel!« schimpfte Bux — »kannst Du denn den Stein nicht einmal halten, bis man Dir's sagt? Wenn nun noch mehr drin stäke — Du bist doch zu gar Nichts zu gebrauchen.«
»Na, wie viel Säcke soll er denn haben,« lachte Justus — »Junge, Junge, in dem Beutel stecken wenigstens ihre dreihundert Milreis, wenn auch nicht ein einziges Goldstück dazwischen wäre. Aber was machen wir jetzt damit?«
»Wir theilen,« brummte Bux, der indessen mit einiger Mühe die Schnur gelöst hatte, in den Sack griff, eine Hand voll Münzen herausnahm und in seine Westentasche steckte.
»Du, laß mich auch einmal kosten,« sagte Justus — »schmeckst Du prächtig!«
»Komm hier fort!« sagte Bux, den Sack wieder zubindend — hol's der Henker, der Teufel könnte doch noch sein Spiel haben — dort drüben im Dickicht sind wir sicher.«
»Wenn wir nachher nur wieder zum Wege hinunter finden,« meinte Justus ängstlich.
»Narr, der Mond geht ja in einer Stunde auf,« brummte der Bauchredner — »und hab' keine Angst —ichführe Dich sicher.« —
Jeremias, der einmal durch Zufall diesen wunderlichen Stein gefunden und — weil er keinem Menschen sein mühsam erspartes Geld anvertrauen wollte — zu seinem Depositorium benutzt hatte, war indessen wieder auf die andere Seite der Schlucht hinübergestiegen und wollte derselben eben thalabwärts folgen, um zu dem Wege und in die Stadt zurückzukehren. Da entdeckte er an einer Stelle im Sand die Spuren eines Stiefels, welche ziemlich frisch zu sein schienen, und er erschrak heftig darüber. War er etwa von Jemandem bei seiner letzten Arbeit beobachtet? War sein Versteck entdeckt worden? Doch daskonnteja nicht sein. Die Fährten hier hatte jedenfalls einer der Colonisten eingedrückt, der sich auf der Jagd in der Gegend herumgetrieben, und bei dem jetzt trockenen Wetter konnten sie eben so gut mehrere Tage alt sein — was brauchte er sich deshalb den Kopf zu zerbrechen. Außerdem brach auch die Nacht schon an, und er stieg rasch den Hang hinab, um die Colonie noch vor völliger Dunkelheit zu erreichen. Nichtsdestoweniger fühlte er sich heute Abend nicht so recht behaglich — es drängte ihn sogar ein paar Mal, wieder umzukehren und sich selber zu überzeugen, ob Alles sicher sei — wie aber konnte er glauben, daß irgend ein Mensch der Welt — noch dazu in der Dunkelheit —dieStelle ausfinden sollte.
»Und ich wollte doch, ich hätte dem Director das Geld mit nach Rio gegeben,« brummte er endlich leise vor sich hin — zum Kuckuck,ichhabe den Platz gefunden und ein Anderer könnte auch einmal darüber stolpern — und noch dazu jetzt, wo das nichtsnutzige Soldatenvolk überall herumschnüffelt und spionirt — daß die braunen Bestien alle der Teufel hole!«
Er hatte den Weg jetzt erreicht und schlenderte langsam eine Strecke darauf hin. Die Sonne war unter und es dämmerte schon stark. Er blieb wieder stehen.
»Ist mir doch ganz curios heut zu Muthe,« murmelte er, indem er sich nach den Bergen umsah, »und ich gäb' was drum, wenn ich noch eine Weile da oben geblieben wäre — es wurde nur gar so spät — und in den alten Felsblöcken kann man Nachts Hals und Beine brechen.«
Er horchte erschreckt empor — war es ihm doch fast, als ob er in der Richtung nach seinem versteckten Schatz hin einen Ruf gehört hätte — es war Alles todtenstill — die Grillen zirpten ihr Abendlied, und von der See herüber konnte man das dumpfe Rollen der Brandung hören — weiter keinen Laut.
»'s ist doch merkwürdig,« dachte Jeremias, »was mir heute nur Alles in den Gliedern liegt und in den Ohren klingt, nur, weil ich da oben die Spur von einem Schuh im Sande gefunden habe! Als ob es nicht Menschen genug gäbe, die da herumstreifen könnten — und außerdem hat's in drei Tagen nicht einmal geregnet. Aber wie Blei liegt's mir trotzdem in den Gliedern und ich möchte die ganze Nacht hier sitzen, um nur morgen früh mit Tagesanbruch gleich wieder an der Stelle zu sein. — Dann nehm ich's aber mit — keine Sonne soll je wieder auf den Stein scheinen mit meinem Geld darunter, so viel weiß ich, denn die Angst will ich nicht noch einmal ausstehen. — Und was hindert mich denn, daß ich'sjetztnoch hole? — aber mit dem Gelde mitten in der Nacht den Weg da allein gehen und alle die Soldaten um das Nest herum….?!«
Jeremias war vollkommen mit sich im Unklaren — er wollte Etwas thun und wußte nicht was. Wie machte er's am Gescheutesten?
Gerade, wo er stand, war ein Baum quer über den Weg gefallen, von einem vorbeipassirenden Kärrner wahrscheinlich durchgehauen und eben nur nothdürftig genug mit dem Stammende aus dem Weg gehoben, daß die Räder durchpassiren konnten — wer die Passage breiter haben wollte, konnte sich selber helfen. Auf den Stamm setzte sich Jeremias, seinen Hut neben sich legend, und kratzte sich unter der rothen Perrücke in lauter Zweifel und Ungewißheit den Kopf; es war indessen vollständig dunkel und Nacht geworden.
Endlich schien er zu einem Entschluß gekommen. »Zum Schwerebrett!« brummte er, jetzt ist's Nacht geworden — jetzt kriecht Niemand mehr da oben herum — und ich auch nicht — und morgen, eine Stunde vor Tag, steh' ich auf, und sprenge die Bank — hol' mich Dieser und Jener wenn ich's nicht thue!«
Damit nahm er seine Perrücke ab, trocknete sich darunter mit einem baumwollenen Taschentuch den Schweiß, zog sie wieder fest, drückte sich den Hut darüber und wollte eben aufstehen und in die Stadt zurückkehren, als er rasche und schwere Schritte auf den Steinen hörte.
»Holla, wer ist das?« fuhr er erschreckt empor. Aber die Schritte kamen rasch näher — es war Jemand, der aus Leibeskräften lief, und im nächsten Momente sah er eine dunkle Gestalt auf sich zuspringen, und zwar genau der Richtung folgend, welche die Straße selber nahm.
Das eine Ende des Baumes lag aber nach dort hinüber, da der umgestürzte Stamm am dünnen Ende durchgehauen war und der Bauer mit seinem Wagen lieber einen kleinen Bogen gemacht hatte. Der Laufende schien den Stamm gar nicht gesehen zu haben, bis er dicht davor war — er wollte einhalten, konnte aber nicht mehr, that einen Fehltritt und schlug der Länge nach über das Holz weg. In demselben Augenblick klirrte Etwas wie Geld auf dem Boden, wie ein Sack mit Silber, und Jeremias, zu dessen Füßen das Alles vorging, sprang in die Höhe und rief überrascht aus: »Holla! — wen haben wir denn da?«
Der Gestürzte mußte keinesfalls die unmittelbare Nähe eines andern Menschen geahnt haben; kaum aber hörte er die Stimme neben sich, so stieß er einen Angstschrei aus, so hell und gellend, daß Jeremias selbst davor zurückschreckte, raffte sich aber auch in demselben Moment empor und war mit Einem Satze seitwärts im Dickicht verschwunden, wo er in wilder Flucht durch Dornen und Geröll hindurchbrach.
»Na ja,« sagte Jeremias und sah verblüfft hinter ihm drein — was hat denn der ausgefressen, und wer war's eigentlich? — Kam mir beinahe so vor, als ob's der Lump, der Bux — alle Teufel!« unterbrach er sich selber und sprang der Stelle zu, aus der er das klirrende Geräusch gehört. Er brauchte auch nicht lange zu suchen, denn mitten im Weg lag ein dunkler Gegenstand, während es ihm durch alle Nerven zuckte, als er nur seine Hand darauf legte.
Es war ein Sack mit Geld — genau so ein Sack, wieerihn unter dem Stein verborgen gehabt, und als er mit vor Aufregung zitternden Fingern darüber hingriff, konnte er nicht länger im Zweifel sein, daß er sein Eigenthum in Händen halte.
Was war geschehen — wie hing das Alles zusammen? Die Gedanken jagten sich ihm wirr im Kopf und die Furcht überkam ihn jetzt, daß der blos erschreckte Räuber, vielleicht noch mit Genossen, zurückkehren und ihn überfallen könne.
In die Stadt! war jetzt sein einziger Gedanke — zu Menschen, zwischen menschliche Wohnungen, und den wiedergefundenen Beutel fest unter den Arm drückend, lief er, wie der Verbrecher vor ihm gelaufen war, den Weg entlang, als ob ihn selber sein böses Gewissen treibe.
Selbst unterwegs aber überkam ihn die Angst, daß der Flüchtige schon umgedreht sein könne und hinter irgend einem Busche auf ihn lauere, und er brauchte jetzt die wunderlichsten Mittel, sich dagegen sicher zu stellen. Wenn Jener nämlich glauben mußte, daß er nicht allein sei, wagte er sicher nicht vorzubrechen, und Jeremias fing jetzt an zu rufen: »Hier ist er — da hinter dem Busche! — Spring' da herum, daß er nicht wieder durchbricht! — Halt' ihn! — Warte, Canaille, dieses Mal entgehst Du uns nicht!« Und dabei lief er so rasch ihn seine Füße trugen, bis er, endlich bei Justus' Haus angekommen, vor Erschöpfung und ausgestandener Todesangst fast in die Knie brach.
Hier begegneten ihm aber Menschen. Zwei Soldaten gingen plaudernd die Straße hinauf — ein Reiter kam die eine Querstraße herein. In den Häusern war Licht und in den Zimmern konnte er die Leute sitzen sehen. Vor der einen Thür saßen sogar noch ein paar junge Burschen und sangen, und Mädchen gingen über die Straße, um Wasser zu holen. — Er war in Sicherheit.
Am nächsten Morgen fehlte es in Santa Clara an allen Ecken und Enden: bei Baulens war kein Pferd gefüttert und geputzt, der Baron schimpfte über Jeremias und seine schmutzigen Pfeifen, bei Bohlos sollte Wein abgezogen werden und keine Flasche war rein, beim Kaufmann Rohrland waren die Kleider nicht rein gemacht und die Schuhe ungeputzt geblieben, kurz, überall suchte man Jeremias, der noch im Leben nicht so nöthig gewesen schien als gerade heute, und gerade heute nicht gefunden werden konnte.
Und wo war Jeremias? — In seinem Dachstübchen, aber fest eingeschlossen, das Schlüsselloch verstopft, so saß er auf seinem Bett, antwortete auf kein Klopfen, und brütete über seinem Geldsack, den er wohl verborgen unter der Matratze liegen hatte und sich nicht mehr getraute zu verlassen.
So war es bald Mittag geworden, und er saß noch immer da, als es plötzlich wieder, lauter als je, an seine Thür schlug. Er gab keine Antwort; aber der Klopfer ließ sich dieses Mal nicht abweisen, und rief, mit dem Mund an der Thür:
»Was, zum Teufel, treibst Du denn da drin, Jeremias? So mach' doch auf!« — Keine Antwort — »verstelle Dich nur nicht — ich habe Dich ja eben nießen hören. Mach' auf, oder ich drücke wahrhaftig die Thür ein!«
Jeremias kannte die Stimme — es war der Kaufmann Rohrland selber — konnte ihm der vielleicht einen guten Rath geben? Jeremias stand auf und schob den Riegel zurück.
»Aber, zum Teufel, was treibst Du denn nur hier oben?« rief ihm dieser entgegen, »überall wirst Du gesucht; der Bodenlos flucht und schimpft und der junge Graf wettert im ganzen Orte herum. Bist Du krank?«
»Zahnschmerzen,« sagte Jeremias, und hielt sich mit beiden Händen die Backe.
»So laß ihn herausreißen — wer quält sich denn so lange mit einem kranken Knochen! Ist's denn jetzt besser?«
»Ja.«
»Kannst Du mir 'was besorgen?«
»Und was ist's?«
»Der neue Director war bei mir, und wollte für etwa ein Conto de Reis Silber; ich habe aber nur ein paar Hundert Milreis im Hause — kannst Du einmal herumlaufen und sehen, wo Du sie auftreibst? — Er giebt ganz gute Banknoten dafür, die eigentlich noch eine Prämie bekommen.«
»Ganz gute Banknoten?« fragte Jeremias aufmerksam werdend.
»So gut wie Silber, oder noch besser. Ich wechselte sie ihm gern ein, wenn ich es nur hätte.«
Jeremias sprang wie der Blitz in die Höhe und in seine Schuhe; da war Hülfe in der Noth.
»Sieh' zu, daß Du es bekommst, und wenn es nur wenigstens ein Theil ist, das Andere schaffen wir dann schon.«
»Ich bring' es hinüber,« sagte Jeremias, und meinte seinen Sack — »also gute Banknoten?«
»Ich tausche sie zu jeder Stunde wieder um, wenn ich's nur selber habe. Kommst Du dann hinüber?«
»In einer Viertelstunde; ich — muß mich nur erst waschen.«
»Gut,« sagte Rohrland — »also, ich verlasse mich darauf. Hier hast Du erst einmal fünfhundert Milreis, und wenn Du noch mehr auftreiben kannst, hol' Dir das Übrige — siehst Du, es sind lauter gute Noten und noch alle neu.«
Er zählte sie ihm vor, wickelte das Packet dann wieder in Papier ein, und legte es ihm auf das Bett. Kaum war er aber fort, als Jeremias die Thür wieder hinter ihm fest verriegelte und in voller Hast seinen Schatz vorholte. — Banknoten — weshalb hatte er denn nicht an die schon lange gedacht, daß er sich immer mit dem schweren Silber herumgequält und die Angst ausgestanden hatte, es zu verlieren — Banknoten — die konnte er in seinen Rock oder in seine Weste nähen, und wer wußte nachher, daß er ein Vermögen auf dem Leibe trug? Aber zählen mußte er vorher, was er hatte, und mit vorsichtiger Hand that er das jetzt auf der Bettdecke, daß die Münzen nicht an einander schlugen. — Und wie das hübsch aussah, als da Alles in einer Reihe vor ihm lag — aber Banknoten waren besser — die klimperten nicht und hatten kein Gewicht, und man brauchte nicht draußen in den Bergen herumzukriechen, um sie einzeln zu verstecken, und nachher alle auf einmal stehlen zu lassen. — Wer nur der Dieb gestern gewesen war, und wie er ihn ausgefunden hatte? Wirklich der Bux? — Aber wie konnte der wissen, daß er Geld im Walde versteckt gehalten? — Esmußtejemand Anders gewesen sein — vielleicht der Schneider, der Justus, der ihn wie Gift haßte? — Er hörte bei dem Gedanken ordentlich mit Zählen auf, und brummte leise vor sich hin: »So eine Canaille, — dem traut' ich's zu.«
Jetzt war er fertig, aber wieder und wieder überzählte er die Summe — vierhunderteinundzwanzig Stück, undseinerBerechnung nach fehlten neunzehn daran — ob die der Schuft herausgestohlen hatte? — Es wurden aber nicht mehr, und er packte sie endlich wieder ein und trug sie fort.
Damit schien dem kleinen Burschen aber eine wahre Last von der Seele genommen zu sein. So wie er sein schweres Silber los war, nähte er sich die paar Banknoten sorgfältig in seine Weste ein, und ging dann an seine Arbeit, und pfiff und sang dabei, daß es eine wahre Lust und Freude war. — —
Wir müssen jetzt noch einmal auf die Erlebnisse des vorigen Tages zurückspringen, und zwar zu dem Augenblick, wo Könnern und von Schwartzau in Begleitung Helenen's den Meier'schen Garten verließen.
Noch saß der alte Mann auf dem Stuhl, die Hände gefaltet und in sich zusammengebrochen, den Blick stier und glanzlos auf den Boden heftend. Neben ihm stand die Tochter, den linken Arm um seine Schulter geschlagen, ihre Stirn auf sein Haupt gelehnt, und mit der rechten Hand seinen Arm gefaßt, und flüsterte leise:
»Väterchen — Väterchen — was ist Dir? So fasse Dich doch — sieh mich an — ich bin ja bei Dir, Deine Elise, Dein Kind, und will Dich nie verlassen, wenn es Dir gar so schrecklich ist. Sprich nur mit mir — hebe nur die Augen zu mir auf — sage mir nur das Eine — Eine Wort, daß Du mir nicht böse bist!«
»Sprich mit ihr,« flüsterte die Frau, die ihre ganze Fassung wieder gewonnen hatte, und ebenfalls zu dem Gatten getreten war — »sprich mit ihr und sei einMann, Franz. — Es ist Nichts, Kind, es wird gleich vorübergehen — vor acht Tagen hatte er ja auch schon einmal einen solchen Anfall gehabt, nur daß wir es Dir damals verheimlichten, damit Du Dich nicht so sehr erschrecken solltest.«
Meier hob den stieren Blick langsam zu seiner Frau empor, und sah sie so scharf und durchdringend an, daß sie ihre Augen zu Boden schlagen mußte.
»Es istNichts— gar Nichts?« sagte er leise. — »Und war er nicht hier — hat er nicht…«
»Unsinn!« rief aber die Frau jetzt ärgerlich; »schwatze dem Kinde Nichts vor, daß es sich ängstigen muß.«
Noch immer haftete des alten Mannes Blick fest auf seiner Frau, und an dem Arm der Tochter hob er sich empor, bis er aufgerichtet vor ihr stand — dann seine Hand auf Elisens Schulter legend, und sich zu ihr wendend, während nur noch ein scheuer Blick nach der Frau hinüberschweifte, flüsterte er:
»Glaub' ihr nicht, Elise, glaub' ihr nicht. Jahr nach Jahr hat sie mich eingeschläfert und mein Gewissen erdrückt, daß es nicht ausbrechen konnte an freie Luft. Jetzt ist's vorbei, jetzt ist's vorbei! Er ist gekommen, der Rächer, und die Schuld muß gesühnt werden.«
»Vater!« rief Elise in furchtbarer Angst — ist geschehen — was hast Du?«
»Er spricht im Fieber,« rief die Mutter erbleichend — »hör' nicht auf ihn — lauf', Elise — spring' hinaus und schick' das Mädchen nach einem Arzt!«
»Zurück!« rief der alte Mann, indem er Elisen's Arm jetzt krampfhaft hielt — »zurück Versucher, Deine Zeit ist um. — Länger ertrag' ich's nicht — hat mir so schon das Herz fast abgedrückt die langen, langen Jahre über — zurück!« Und das Mädchen wieder an sich ziehend, flüsterte er ihr rasch und ängstlich zu: »Komm mit auf mein Zimmer, Elise — komm mit — Du sollst Alles — Alles wissen — Dir will ich beichten — in Dein reines Herz will ich meine ganze Schuld, meinen ganzen Jammer ausschütten — dann wird mir wohl — dann wird mir wohl werden!«
»Franz,« rief die Frau, mit krampfhaft gefalteten Händen zu ihm aufschauend — »um Gottes willen bedenke was Du thust! Willst Du das Kind vom Herzen der Mutter reißen?«
»Duhastkein Herz!« stöhnte aber der alte Mann, die zitternde Hand gegen sie schüttelnd — »geh' — geh' — geh'! Laß mich mit dem Kind allein, ichmußsprechen — muß endlich sprechen und für meine Seele Ruhe finden, wenn ich nicht hier und dort zu Grunde gehen soll. Komm', Lieschen, komm — ichwillreden,« und mit zitternder Hast zog er die Tochter in sein Zimmer. Die Frau aber wankte zum Sopha, warf sich darauf, barg ihr Gesicht fest, fest in den Händen und lag dort stumm und regungslos.
Das war ein trauriger Tag in dem Hause. Die Dienstleute gingen herum und wußten nicht, was mit der Herrschaft geschehen sei. Das Frühstück war schon unberührt auf dem Tisch stehen geblieben und kalt wieder hinausgetragen, zum Mittagsessen wurde gar nicht gedeckt. Das Dienstmädchen ging ein paar Mal zur »Madame« hinein, um zu fragen ob Niemand Etwas verlange — aber sie bekam nicht einmal eine Antwort. Die Frau lag noch immer auf dem Sopha und regte kein Glied, und nur an dem schweren Athmen konnte man sehen, daß sie noch lebe, und Elise war, als sie den Vater verließ, auf ihr Zimmer gegangen, und hatte sich dort eingeschlossen.
So kam der Abend heran, und als es anfing zu dämmern, erhob sich die Frau langsam von ihrem Lager, stand auf, und verließ das Haus und den Garten, und schritt langsam den schmalen Weg zum Thal hinab. Karl sah sie gehen, und schüttelte den Kopf, denn wie selten war die Frau hinaus vor die Gartenthür gegangen, und nie und nimmer nach Dunkelwerden — wo wollte sie jetzt hin? Einmal fiel es ihm ein, ob er nicht lieber hinein gehen sollte und es dem Herrn sagen; aber der hatte seinen Riegel inwendig vorgeschoben, und das Fräulein war eben so wenig zu sprechen. Er ging dann selber hinaus vor den Garten, um nach der Madame da draußen auszuschauen — aber sie war nirgends zu sehen, und es fing an, ihm selber ganz unheimlich dabei zu werden.
Endlich kam Elise herunter, um ihre Mutter zu sprechen. — Das Mädchen kam ihr weinend entgegen, um ihr zu erzählen, daß die Frau fort sei, und so gar schrecklich bleich ausgesehen habe, wie sie gegangen, und so gar große und glänzende Augen gehabt habe. Und kein Tuch hatte sie mitgenommen, keinen Hut — ruhig und langsam war sie hinausgeschritten auf die Straße und dort hinab.
Elise seufzte tief auf und faßte krampfhaft ihr armes, gequältes Herz — die Ahnung von etwas Furchtbarem kam über sie; aber so viel war schon geschehen — so Entsetzliches, daß der Eine Schlag nicht betäubender wirken konnte als der andere. Das Mädchen durfte auch nicht ahnen was geschehen — wenigstens jetzt noch nicht, denn lange ließ es sich ja doch nicht mehr geheim halten.
»Wo ist der Karl?« fragte sie ruhig.
»Hier, Fräulein,« sagte der junge Bursche, der schüchtern an der Thür gestanden.
»Geh' hinunter in die Stadt und suche die Mutter — sie ist krank — benachrichtige auch zugleich den Arzt, daß sie in einem heftigen Fieberanfall das Haus verlassen habe. Wenn Du sie allein nicht gleich findest, so schick' andere Leute nach allen Richtungen aus — Du wirst aber schon von ihr hören — Menschen werden sie schon hier oder da gesehen haben — lauf', Karl — sei geschwind, und — wenn Ihr sie gefunden habt, schick' mir rasch einen Boten voraus, daß ich Euch entgegen komme.«
Karl nickte stumm mit dem Kopfe, und seine Mütze nehmend lief er in die Stadt hinab, so rasch ihn seine Füße trugen — aber der Abend verstrich und er kehrte nicht zurück, und Elise ging still und allein in dem öden Zimmer auf und ab. Es war tiefe Nacht, und der Mond ging auf und warf sein bleiches Licht in zitternden Schatten durch den Orangenbaum, der vor dem Fenster stand; Elise sah es nicht — die Augen auf den Boden geheftet, wanderte sie die halbe Nacht mit schweren, sorgenvollen Schritten, bis sie etwa gegen zwei Uhr Morgens die Hausthür gehen hörte und wußte, daß jetzt Karl zurückgekehrt sei. Sie schritt zur Thür, und rief: »Karl!«
»Ach, Fräulein, sind Sie noch auf?«
»Hast Du keine Spur gefunden?«
»Wir haben Alles abgesucht — in allen Häusern nachgefragt, sie kann — sie kann sich nirgends aufgehalten haben.«
»Sie war in der Stadt?«
»Ja — des Liebel's Mädchen hat sie gesehen, wie sie dort am Haus, aber hinten am Garten vorbeigegangen ist, auf dem kleinen Wege — der —«
»Der?«
»Der nach dem Fluß führt.«
»Nach dem Fluß?« wiederholte Elise, und sie fühlte, wie ihr das Blut im Herzen stockte, aber gewaltsam raffte sie sich empor und fuhr leise fort: »Und weiter hat sie Niemand gesehen?«
»Der Mann, welcher die Fähre unten hält, behauptet, es sei eine Frau in einem weißen Kleide an seinem Hause vorbeigegangen, immer den Weg entlang; unten, wo die Soldaten liegen, will sie aber Niemand gesehen haben.«
»Ihr habt nicht ordentlich nachgefragt.«
»Gewiß, Fräulein — aber es wurde so spät — die Leute schliefen schon alle. Morgen mit Tagesanbruch bin ich wieder in der Stadt und — bringe Ihnen gewiß gute Nachricht.«
»Es ist gut; leg' Dich nieder — Du wirst auch müde sein.«
»Ach, gar nicht, bestes Fräulein, wenn ich nur…«
»Leg' Dich nieder, Karl, und sei morgen früh wieder auf.«
»Ehe es nur grau im Osten wird, bin ich in der Stadt unten.«
Es mochte etwa zehn Uhr am nächsten Morgen sein, als ein einzelner Reiter am Gartenthor hielt, sein Pferd dort befestigte und an das Thor pochen wollte; aber er sah, daß dieses nur angelehnt sei, und betrat den Garten. Es war Könnern, und sein erster Blick flog nach dem Mandelbaum hinüber, an dem er gestern Elisen getroffen. Der Cithertisch stand noch dort mit der Cither, wo sie vergessen und dem Nachtthau ausgesetzt gewesen war — ein kleines Halstuch, das Elise getragen und abgenommen, als es ihr zu warm wurde, lag daneben auf dem Tisch.
Könnern seufzte tief auf; die Brust war ihm so beklommen, er konnte kaum athmen; aber er faßte sich gewaltsam, und schritt auf das Haus zu. Unten traf er das Mädchen, das in der Küche neben dem Heerde saß und roth geweinte Augen hatte.
»Ist Ihr Fräulein zu Hause?« fragte er leise.
»Ja — drin im Zimmer,« sagte die Magd, scheu zu dem Fremden aufsehend, denn das war ja Einer von Denen, die gestern dagewesen, wonach das Unglück über ihr Haus hereingekommen.
»Kann ich sie sprechen?«
»Ich weiß nicht — sie wird wohl Niemand sprechen wollen — das arme Kind — ach, bei uns geht's zu!«
»Sind die Eltern bei ihr?«
»Der alte Herr ist in seinem Zimmer und schreibt,« antwortete das Mädchen, sich die Augen abtrocknend — »er hat die ganze Nacht geschrieben und ist in kein Bett gekommen — und die Frau ist fort — kein Mensch weiß wohin, und sie suchen sie schon seit gestern Abend vergeblich überall. Sie haben 'was Schönes angerichtet, und Gott im Himmel verzeih' Ihnen die Sünde!«
»Ich muß das Fräulein sprechen — gehen Sie hinein — sagen Sie ihr, daß ein Freund da sei, der ihr Trost brächte.«
»Den könnte sie brauchen,« seufzte das arme Mädchen, und erhob sich von der Küchenbank, als die Thür des Zimmers aufging und Elise auf der Schwelle stand. Sie sah todtenbleich aus, war aber vollkommen ruhig und sagte leise: »Kommen Sie herein, Herr Könnern, ich habe Ihre Stimme gehört — ich muß mit Ihnen reden.«
»Elise, meine arme, arme Elise!« rief Könnern, als er das Zimmer betreten hatte und ihre Hand ergriff — »welch ein kalter Reif ist auf Dein junges Leben gefallen!«
Elise barg ihr Antlitz in den Händen und stand eine Weile schweigend vor ihm. Er legte seinen Arm um sie und zog sie an sich — sie duldete es; endlich richtete sie sich wieder empor, machte sich von ihm frei und flüsterte:
»Ich danke Ihnen, Herr Könnern, daß Sie mich noch einmal aufgesucht haben — der Gedanke wäre mir schrecklich gewesen, auch Sie in jener furchtbaren Stunde so verloren zu haben. Jetzt ist Alles gut, jetzt kann ich ruhig mit Ihnen sprechen — ruhig von Ihnen Abschied nehmen…«
»Elise,« bat Könnern, und wollte wieder ihre Hand ergreifen, die sie ihm aber entzog.
»Lassen Sie mich ausreden,« bat sie — »meine Gedanken sind ohnedies verwirrt, mein Kopf ist mir wüst und leer — so lassen Sie uns denn wenigstens diese schwere Stunde abkürzen — es könnte sonst meine Kräfte übersteigen.«
»Mein armes, armes Kind!« flüsterte Könnern.
»Sie wissen Alles, wie ich voraussetzen darf, nicht wahr?« fuhr Elise fort, und sah scheu zu ihm auf.
»Alles,« hauchte Könnern — »Herr von Schwartzau hat mir gestern Abend Alles erzählt, denn ichmußtees wissen, wenn ich rathen und helfen soll.«
»Gott sei Dank,« seufzte Elise, »dann wird mir das wenigstens erspart! Ich hatte mich davor gefürchtet.«
»Und hat Dein Vater, Elise…«
»Er hat mir sein ganzes Herz ausgeschüttet,« sagte die Tochter — »seine ganze, furchtbare Schuld bekannt und — mich noch viel Furchtbareres ahnen lassen, was ihn dazu getrieben« — setzte sie leise und scheu hinzu. »Das Unglück ist aber so plötzlich über uns hereingebrochen, daß es mir selber manchmal noch wie ein böser, furchtbarer Traum vorkommt, aus dem ich endlich erwachen müsse, weil es ja gar nicht möglich sein könne, daß er wahr — daß er wirklich sei. Und doch ist er wahr und wirklich; — ich wache — ich lebe bei vollem Bewußtsein, und darf mir das Entsetzlichste — meine Mutter — noch nicht einmal denken, wenn ich die armen, gequälten Sinne zusammenhalten will. — Doch jetzt fort mit Allem, was mich stören oder hindern könnte —derSchmerz istmein— und ich will ihn allein tragen.«
»Und verschmähst Du die Hand, die sich ausstreckt, Dir tragen zu helfen?«
»Lassen Sie mich ausreden,« bat Elise, »denn der Weg, den ich mir vorgezeichnet habe, liegt so klar und offen vor mir, daß kein Irren davon möglich ist. — Ich will auch nicht den Vater — die Eltern entschuldigen — das Furchtbare ist geschehen, und die Folgen brechen herein. Nichts bleibt uns jetzt übrig, als gut zu machen was noch möglich ist — und das soll geschehen. Mein Vater hat die ganze Nacht damit zugebracht, seine Papiere zu ordnen — ich habe ihn heute Morgen gesprochen — bis heute Nachmittag wird er mit Allem fertig sein, und läßt bis dahin Ihren Freund bitten, sich zu ihm her zu bemühen.«
Könnern schwieg und nickte nur leise mit dem Kopf.
»Er wird ihm,« fuhr Elise fort, und Könnern sah, welche Gewalt sie sich anthun mußte, ruhig zu bleiben — »Alles übergeben was wir haben —Alles,« setzte sie rasch hinzu, »selbst das Letzte, und morgen — verlassen wir dann die Colonie.«
»Elise, das geht nicht — das geht bei Gott nicht!« rief Könnern erschreckt.
»Es geht nicht?« rief das junge Mädchen, und ihre ganze Gestalt zitterte, ihre Glieder bebten, die Lippen halb geöffnet, mit stieren Blicken streckte sie die Arme nach Könnern aus und bat mit vor innerer Angst fast erstickter Stimme: »Und soll auch noch das Furchtbarste über uns hereinbrechen? Soll der arme, alte Mann, dessen Leben schon durch seine Gewissensbisse zerstört und vergiftet wurde, auch noch in den Kerker müssen? Soll ich den Vater hinter Eisenstäben sterben sehen, während die Mutter…« Sie konnte nicht mehr, der schwache Körper hatte das Übermenschliche ertragen, und sie wäre zu Boden gesunken, hätte sie nicht Könnern in seinem Arm aufgefangen.
»Elise,« flehte der junge Mann in Todesangst, »woher diese schrecklichen Gedanken — quäle Dich nicht unnöthig mit einer leeren Furcht! Dein Vater kannfreihinziehen, wohin er will — Günther von Schwartzau ist ein Ehrenmann und mein treuer Freund, und was inseinenKräften steht, Dein hartes Geschick zu mildern, wird er mit Freuden schon meinetwegen thun.«
»O, Dank — tausend, tausend Dank für diesen Trost!« schluchzte Elise, ergriff Könnern's Hand und preßte sie an ihre Lippen, ehe er es verhindern konnte — »dann ist Alles gut — Alles gut — und mit der Angst von sich genommen, die seine Tage vergiftet hat, kann er, wird er ein neues Leben beginnen. Ich bin ja auch jung und kräftig,« fuhr sie lebhafter fort — »ich will und kann arbeiten, und Gott wird uns nicht verlassen, wenn er die wahre Reue des Schuldigen sieht.«
»Elise,« rief Könnern, der sich nicht länger halten konnte — »Du zerreißest mir das Herz mit solchen Reden — »bin ich Dir gar Nichts mehr? Sind die lieben Worte, welche Du gestern zu mir gesprochen, schon verhallt und todt? Elise, ich entbinde Dich nicht des Wortes, das Du mir gegeben —wasauch geschehen, was verschuldet ist, nicht Du — nicht ich trage die Schuld davon, und wir dürfen deshalb nicht darunter leiden. Du bist mein — mein für immer, und auf Händen will ich Dich tragen mein ganzes Leben lang!«
Er hatte noch seinen Arm um sie geschlungen, und preßte sie fest und leidenschaftlich an sich, und Elise duldete die Umarmung und lehnte ihr Haupt müde an seine Brust. Dann machte sie sich leise von ihm los und sagte, indem sie ihn mit einem rührenden Blick voll Liebe und Dankbarkeit ansah:
»So — jetzt ist mir wohl — ich habeeinmal an diesem treuen Herzen geruht, und die Erinnerung dieses Augenblicks wird mir ein Trost mein ganzes, langes Leben sein — und jetzt, Bernard, laß uns scheiden.«
»Elise…«
»Rede mir nicht zu,« sagte das Mädchen, indem jetzt wieder Leichenblässe ihre Züge entfärbte — »mein Entschluß steht fest — unerschüttert fest — ich kann und darf Dir nicht angehören — ich kann und will das Opfer nicht von Dir annehmen, Dich an das Leben eines Verbrechers zu ketten. Aber das Kind gehört zum Vater, und wie mich Gott geschützt, daß ich den Augenblick überstanden, in dem ich Dir das gesagt — wird er mich auch weiter schützen auf meiner langen, dornenvollen Bahn. Ja, Bernard,« fuhr sie wie verklärt fort, als er stumm vor Schmerz vor ihr stand — »ich habe Dich geliebt mit meiner ganzen Seele — mit jedem Athemzug, den ich gethan, mit jedem Schlage meines armen Herzens — ich liebe Dich noch und werde Dich immer lieben, aber — ich darf nicht Dein sein — darf nicht — kann es nicht. Leb' wohl! Möge Dir Gott den Frieden geben, welchen Dein reines Herz verdient — mögen Dich dereinst wieder süße Bande fesseln, die nicht von Schuld und Sünde getrübt sind;meinSegen begleite Dich auf allen Deinen Wegen, denn Du hast mir mehr gegeben, als die ganze Welt —einenglücklichen Augenblick an Deinem Herzen. Und nun leb' wohl, Bernard — leb' ewig wohl — Gott schütze Dich!« Und ihr Antlitz zu ihm hebend, bot sie ihm selber den Abschiedskuß — aber ihre Lippen waren kalt und bleich, und wie sie sich von ihm wandte und die Thür ihres Zimmers hinter sich schloß, war es, als ob ein Geist aus einer andern Welt zu ihm gesprochen und vor seinen Augen in Duft und Nebel zerstoben sei.
In dem Zimmer der Frau Gräfin stand Helene am Fenster, sah hinaus und trommelte dabei ungeduldig mit den Fingern an der Fensterscheibe.
Die Gräfin hatte noch nicht Toilette gemacht — sie saß in ihrem Lehnstuhl, ein Buch in der Hand, ohne jedoch darin zu lesen, den rechten Fuß, von welchem der Pantoffel heruntergefallen war, über den linken geschlagen, in einem weißen, nicht frisch gewaschenen Morgengewand, auch die Haare noch nicht in Ordnung und außerdem nicht in der besten Laune.
Helene selber dagegen sah aus, wie der frische, junge Morgen da draußen vor den Fenstern. Die Wangen geröthet von einem Frühritt, den sie schon gemacht, ein paar duftende Orangenblüthen und eine Rose im Haar stand sie da, und selbst in den Augen, wie der funkelnde Thau da draußen noch auf den Blüthen lag, ein paar blitzende Tropfen, die aber mehr der Unmuth als der Schmerz ausgepreßt haben mußte und die sie zu stolz war wegzuwischen, damit die Mutter die Bewegung nicht etwa sah.
»Laß nur um Gottes willen das schreckliche Fenstertrommeln,« sagte die Mutter endlich — »Du machst mich noch ganz nervös, und — schicke mir dann die Dorothea herein, denn ichmußmich jetzt anziehen — es ist wahrhaftig schon zehn Uhr vorbei.«
Helene hörte allerdings mit ihrem Marsch auf der Fensterscheibe auf, aber sie rührte sich nicht von der Stelle und sagte endlich erregt:
»Du treibst mich noch zu einem verzweifelten Schritte, Mama, mit Deiner gränzenlosen Ruhe und Gleichgültigkeit.«
»Gleichgültigkeit?« fragte die Gräfin zurück — »Du nennst das Gleichgültigkeit, was vorsichtige Überlegung und Berechnung ist — und waskannstDu überhaupt dagegen einzuwenden haben? Pulteleben ist ein anständiger, hübscher, junger Mensch aus guter und wohlhabender Familie er liebt Dich leidenschaftlich und ist in seinen Forderungen auch nicht unbescheiden. Er will ja gar nicht, daß die Hochzeitgleichsein soll — er will nur die feste Zusicherung Deiner Hand — nur eine vorläufige Verlobung, weiter Nichts, und — lieber Gott — nachher könnt Ihr ja noch immer thun, was Ihr wollt. Es ist schon manche Verlobung rückgängig geworden, ohne daß beide Theile darüber gestorben sind.«
Helene drehte sich rasch und scharf nach der Mutter um.
»Und wenn ich mich weigere?« sagte sie, und der Blick, mit dem sie die Mutter dabei ansah, zeigte viel mehr Trotz als Liebe.
»Es ist ganz vernünftig,« sagte die Gräfin ruhig, ohne jedoch zu ihr aufzusehen, »daß wir die Sache von beiden Seiten betrachten; wir wissen dann Beide gleich besser, woran wir sind. Wenn Du Dich also weigerst, wird Herr von Pulteleben augenblicklich ausziehen und das Geschäft aufgeben — das versteht sich von selbst. So wieeraber aus dem Hause ist, kannst Du auch versichert sein, daß unsere Gläubiger wie ein Rabenschwarm über uns herfallen, und das Resultat ist dann sehr einfach: wir müssen ausziehen — wohin? wirst Du vielleicht angeben können — unsere Möbel und Sachen werden öffentlich verauctionirt und Deine Mutter verläßt mit ihren Kindern in Schande und Spott einen Platz, in dem sie bis jetzt wenigstens eine achtbare Stellung gehalten. Hab' ich Recht oder nicht?«
»O wärest Du mir nur gefolgt!« rief Helene leidenschaftlich — »hätten wir uns nur eingeschränkt wie ich Dich bat und wieder bat, und mit dem Wenigen, was wir hatten, Haus gehalten, es wäre nie und nimmer so weit gekommen!«
»Liebes Kind, das verstehst Du nicht,« sagte die Gräfin ungeduldig mit dem Kopf schüttelnd, — »wir mußten standesgemäß leben, oder die Leute hätten den Augenblick gemerkt, daß wir — mit unserem Einkommen beschränkt sind. Es giebt gar kein mißtrauischeres Volk als diese Bauern.«
»Aberkannes denn auf die Länge der Zeit verheimlicht bleiben?«
»Zeit gewonnen. Alles gewonnen,« ist ein altes, gutes Sprüchwort, und wirhabenAlles gewonnen, wenn Du nur, Deiner Mutter zu Liebe, nachgiebst und nicht mit dem alten Starrkopf Recht behalten willst.«
»Aber ich liebe den Mann nicht!« rief Helene, ihre Augenbrauen zogen sich dabei fest zusammen und ihre kleine Hand ballte sich.
»Liebe — Liebe,« sagte die Frau Gräfin, sich hin und her wiegend — »in unserem Stand wird selten eine Heirath ausLiebegeschlossen.HastDu eine andere Wahl, so nenne sie — hast Du sie nicht, so sei vernünftig.«
»Warum läßt Du mich nicht Stunden geben?« fragte Helene rasch — »ich habe Dich so oft darum gebeten.«
»Damit könntest Du Dichselberam Leben erhalten, und was wird dann ausmir, was aus Oskar? Aber thu' es — thu' es nur — was kümmerst Du Dich um Deine Mutter; die mag dann untergehen und verkümmern, wie sie will — es ist ja nur dieMutter!«
Helene hatte sich auf den Stuhl an's Fenster gesetzt, stützte den Kopf auf ihre linke Hand und sah, von ihren Gedanken gequält, hinaus in's Leere. Endlich stand sie auf, ein schwerer Seufzer hob ihre Brust, und sie sagte leise:
»Thu', was Du willst, Mutter —denVorwurf sollst Du mir wenigstens nicht machen können.«
»Und morgen Abend haben wir die Gesellschaft?« fragte die Gräfin, und ein triumphirendes Lächeln zuckte über ihre Züge.
»Richte es ein wie Du willst,« wehrte Helene ab — »ich sage Dir ja, ich füge mich Allem, aber — quäle mich nicht weiter!« und mit raschen Schritten verließ sie das Zimmer, um ihre eigene Stube aufzusuchen. —
Herr von Pulteleben saß oben, eine Treppe höher, noch in seinem Morgenanzuge vor dem geöffneten Koffer und überzählte seinen Cassenbestand.
»Das weiß doch der Henker,« murmelte er dabei vor sich hin — »ob ich mich um fünfzig Milreis verzählt habe, oder wo sie hingekommen sind — die Frau Gräfin hat doch den Schlüssel gehabt und das Schloß war unbeschädigt — na ja, das fehlte auch noch, daß das Geld aufdieWeise weggeht, es wirdsodünn genug, und wenn die versprochenen Wechsel jetzt nicht bald eintreffen, so sitzen wir hier Alle mit einander auf dem Trocknen. Verfluchte Geschichte mit der Cigarrenfabrik — ganz verfluchte Geschichte, und ich will nur wünschen, daß die Leute bald anfangen sich um unsere Producte zu reißen, sonst steh' ich für Nichts.«
Er stützte seinen Ellbogen auf's Knie und schaute lange in tiefen Gedanken in den Koffer hinein. Endlich sagte er, diesen zuschließend und wieder aufstehend:
»Aber was thut's — Thorheit! — ich habe noch die alte Ängstlichkeit von Europa mitgebracht, welche sich erst hier in Brasilien verlieren muß. Eine kleine Weile hält's noch aus — bis dahin kommen ebenfalls Gelder ein, und da meine gnädige Schwiegermutterin speihr Capital für das Rittergut mit dem nächsten fälligen Dampfer schon erwartet, so wär' ich ja ein wahrer Thor, wenn ich mir ganz unnöthiger Weise Sorgen machen wollte. Glück muß ein junger Mensch haben, und der Zufall — oder vielmehr dieser verzweifelte Jeremias, der mir heute Morgen meine Kleidernochnicht rein gemacht hat — scheint mich in dieser Familie dem Glück mitten in den Schooß geworfen zu haben; daß ich das aber beim Schopf ergreife, versteht sich von selber.«
»Der Jeremias ist aber wirklich ein Lump,« fuhr er in seinem Selbstgespräche fort, indem er seinen Rock hernahm und ihn selber ausbürstete — »nicht der geringste Verlaß mehr auf den Menschen, und wenn ich ihm nicht wirklich so viel Dank schuldig wäre, ich jagte ihn heutigen Tages zum Teufel!«
Draußen an seiner Thür klopfte es an.
»Wer ist da?«
»Ich bin's,« sagte die Dorothea — »ich bringe das zerrissene Zeug wieder — der Schneider ist die Nacht nicht nach Haus gekommen — er ist auf einen Ball über Land — soll ich's zu einem Andern tragen?«
»Aber das versteht sich doch von selbst!« rief Herr von Pulteleben ärgerlich — »so gescheidt hätten Sie doch gleich sein können.«
»Na, dann mag's auch unten liegen bleiben, bis der Jeremias kommt,« brummte die Alte leise vor sich hin, indem sie die Treppe wieder hinunter stieg — »ich hätte Zeit, den ganzen Morgen in der Stadt herum zu laufen!«
»Schöne Wirthschaft das bei den Handwerkern,« dachte indessen Herr von Pulteleben, indem er seinen Rock anzog und dann in die noch ungewichsten Stiefel fuhr — »muß ihnen doch hier verwünscht gut gehen, daß sie so übermüthig werden — die Nacht auf einem Ball über Land — es wird wahrhaftig alle Tage besser! —«
Es war Abend geworden — die Sonne neigte sich schon den westlichen Gebirgen zu, und in seinem Zimmer, in Bohlos' Hotel, ging Könnern bereits Stunden lang mit untergeschlagenen Armen auf und ab, jedesmal an's Fenster springend, wenn der Huf eines Pferdes auf der harten Straße hörbar wurde. — Und Günther kam noch immer nicht, trotzdem, daß er seit zehn Uhr Morgens fort war, und oft schon hatte der junge Mann selber in den Hof gewollt, um sein eigenes Pferd zu satteln und ihm entgegen zu reiten, jedoch immer wieder seine Ungeduld bezähmt. Jetzt litt es ihn nicht länger mehr; er griff seinen Hut auf und wollte eben fort, als die Thür aufging und der längst Ersehnte eintrat.
»Endlich, endlich!« rief Könnern ihm entgegen — »wo sind Sie nur so lange geblieben — und ich habe nicht einmal Ihr Pferd gehört?«
»Ich bin zu Fuß gekommen.«
»Zu Fuß? Und ist Alles geordnet?«
»Das war ein böser Nachmittag, Freund,« seufzte Günther, seinen Hut auf den Tisch werfend — »und wär' es nichtIhnenzu Liebe gewesen, ich hätte mich dem im Leben nicht unterzogen. Aber welchem Fremden hätten wir es anvertrauen können, ohne den Klatsch augenblicklich durch die ganze Colonie getragen zu haben. Nun — jetzt ist es Gott sei Dank überstanden und Sellbachs — oder Meiers, wenn Sie wollen — sind abgereist.«
»Abgereist?« rief Könnern, erschreckt seinen Arm fassend.
»Fort!« sagte Günther ruhig — »und — es war das Beste, was sie thun konnten. Wir bekamen heute außerdem dieGewißheit,daß sich die unglückliche Frau noch in der nämlichen Nacht in den Strom gestürzt, und ihrem Leben dadurch auf gewaltsame Weise ein Ende gemacht hat; die Leiche wird natürlich nie gefunden werden, denn die zahlreichen Alligatoren darin machen das hoffnungslos.«
»Und Elise?« sagte Könnern leise und scheu.
»Nahm die Nachricht viel ruhiger auf, als ich erwartet hatte,« fuhr Günther fort — »Sie haben Recht, Könnern, das Mädchen ist ein Engelundjeder ihrer Gedanken nur eine Sorge um den Vater. Mit einer fast unheimlichen Gewalt bezwang sie dabei ihren Schmerz, und obgleich ich ihr erklärte, daß ich selber nicht den geringsten Auftrag, und für mich selber keineswegs die Absicht habe, gegen ihren Vater des Geschehenen wegen vorzugehen — daß er selber, wenn er wolle, ein Abkommen mit seinen Gläubigern in Deutschland treffen möge, ja, daß ich ihm, wenn er dies wünsche, mit Freuden die Hand zu einer Vermittlung bieten würde, wies sie Alles ruhig aber fest zurück. Sie behauptete dabei, daß sie im bestimmten Auftrage ihres Vaters handle, der seine Schuld allerdings nicht mehr ungeschehen machen könne, wie er aber die That bereue, so auch Alles thun wolle, was jetzt noch in seinen Kräften stehe, den erlittenen Verlust zu ersetzen. Erkönnefreilich Nichts weiter thun, als Alles hergeben was er habe, und sie bäte mich daher, nicht allein Haus und Grundstück mit Allem was es enthielt, sondern auch noch eine sehr bedeutende Summe von Werthpapieren zu übernehmen, welche sie mir einhändigte. Das Einzige, was sie bat mitnehmen zu dürfen, sei das Nothwendigste für sich und den Vater an Wäsche.
»Ich versuchte Alles, sie zu überreden, sich nicht von allen Mitteln zu entblößen — ich stellte ihr vor, daß, wenn ich als Stellvertreter der Gläubiger hier handeln solle, um ihr Vermögen zu übernehmen, ich auch das Recht haben müsse, zurückzuweisen, was ich für überflüssig halte — umsonst! Sie sei jung und kräftig, erwiederte sie mir, und könne und wolle arbeiten, und kein Milreis, auf dem ein Fluch hafte, solle in ihrem Besitze bleiben, um ein neues Leben damit zu beginnen. Das Einzige, was ich sie endlich anzunehmen vermochte — und das auch nur nach stundenlanger Überredung und ihres Vaters wegen, der einen langen Marsch nicht ausgehalten hätte — war mein eigenes Pferd — und vor zwei Stunden etwa, der alte Mann im Sattel mit dem kleinen Bündel Gepäck hinter sich, die Jungfrau zu Fuß an seiner Seite — so zogen die Unglücklichen in den Wald hinein.«
Könnern der, bleich wie ein Todter, die Augen von Thränen gefüllt, dem einfachen Bericht gelauscht, sank jetzt auf einen Stuhl, barg sein Gesicht in den Händen und saß lange stumm und regungslos. — »Und darf ich sie ziehen, darf ich sie ihrem Schicksalesoüberlassen?« stöhnte er endlich — »es kann — es kann nicht sein!«
»Wie ich das Mädchen heute habe kennen lernen,« sagte Günther ernst, »so würden Sie ihr durch ein Nachfolgen nur noch einmal die Schmerzen des Abschiedes bereiten — weiter Nichts — und das arme Kind hat Leid und Schmerzen genug gehabt. Sein Sie nicht grausam; Anderes würden Sie nicht damit bezwecken.«
»Und ohne Mittel — ohne das Nöthigste, sich am Leben zu erhalten, auf fremde Menschen — auf ihrer eigenen zarten Hände Arbeit angewiesen — Hände, die nie gewohnt waren, eine schwere Arbeit zu verrichten, mit einem Körper, der solchen ungewohnten Anstrengungen erliegen muß, selbst wenn ihr Geist das Furchtbare erträgt — Günther, Günther, der Gedanke allein kann mich zur Verzweiflung treiben! Und wenn sie nun krank, nun selber hülfsbedürftig wird, wer soll ihr beistehen, wo der alte Mann ja selber Hülfe und Pflege für sich gebraucht?«
»Das Einzige was wir thun können,« sagte Günther, »ist, unter der Hand nachzuforschen. Ein so auffälliges Paar kann in unseren Colonien nicht spurlos verschwinden; man wird immer in der Nähe Nachricht von ihnen bekommen können, und sollte dann Hülfe nöthig sein, so läßt sie sich vielleicht indirect und ohne daß Elise Etwas davon weiß, vermitteln. Nahen dürfen Sie ihr aber jetzt nicht, wenn Sie nicht Alles verderben wollen, das ist meine feste Überzeugung. — Aber gönnen Sie mir eine Stunde Zeit; ich muß diese Papiere ordnen und gleich nach Hause berichten, denn übermorgen früh bin ich gezwungen, meine Arbeiten wieder zu beginnen und zu beenden. Morgen werde ich deshalb die Auction der Sellbachschen Sachen halten, und dafür ist es nöthig, gleich noch ein paar Anzeigen für die Gasthäuser und öffentlichen Plätze zu schreiben. Der Jeremias, dem ich eben begegnet bin, wird dann die weitere Verbreitung noch heute Abend übernehmen. In einem solchen Neste, wie dies, ist ein derartiges Ereigniß gleich allgemein bekannt, und wir haben das unglückselige Geschäft dann abgemacht, ehe das Publicum nur Zeit gehabt hat, sich seine Vermuthungen mitzutheilen — es muß Alles Schlag auf Schlag folgen. Die Eincassirung der in der Auction gelösten Gelder werde ich dann hier dem Kaufmann Rohrland übertragen. Apropos,« setzte er hinzu, als er eine Anzahl Papiere aus seiner Tasche nahm und ein paar ziemlich umfangreiche Karten auf den Tisch warf — »da hat mir der Jeremias auch ein paar Einladungen auf morgen Abend zu der Frau Gräfin mitgebracht. Sie giebt, glaub' ich, eine Art Soirée, oder etwas Derartiges. Es ist auch eine für Sie dabei.«