Etwa vier Wochen waren seit den in den letzten Kapiteln beschriebenen Vorgängen verflossen, ohne daß in der Provinz Santa Clara etwas Besonderes vorgefallen wäre.
Herr von Schwartzau hatte indessen fleißig gearbeitet und einen großen Theil des zur Colonisation bestimmten Landes ausgemessen, und der Director dann, so rasch das möglicher Weise anging, den darauf wartenden Colonisten ihre für sie bestimmten Plätze angewiesen. Aber das allein genügte oft nicht einmal, denn er mußte auch noch hinter den Leuten her sein, daß sie nun auf ihrem eigenen Grund und Boden wirklich zu arbeiten anfingen, denn die lange, faule Zeit die sie verlebt, lag ihnen noch so in den Gliedern, daß es einiger Anstrengung bedurfte, ehe sie wieder in Gang kamen. — Die Männer wenigstens hätten sich eben so gern wie bisher noch vier Wochen länger von der Regierung füttern lassen, denn daß sie durch das vorgestreckte Geld in Schulden kamen, machte ihnen vor der Hand noch keine Sorge. Sie besaßen ja selber kein Eigenthum, was konnte ihnen die Regierung denn da abnehmen?
Herr von Schwartzau hatte übrigens mit einem seiner Instrumente Unglück gehabt, denn ein junger Baum war beim Fällen in einer Schlingpflanze hängen geblieben, dadurch in eine andere Richtung gekommen und schlug im Sturz seine beste Bussole zusammen.
Auf Santa Catharina hatte er indessen noch mehr Instrumente stehen, von denen Einiges kommen zu lassen schon lange sein Wunsch gewesen, und da die Regierung, auf des Directors Ansuchen, ein doch vorbeikommendes kleines Dampfboot beordert hatte, in der Mündung des Flusses Santa Clara anzulegen, um die durch den betrügerischen Agenten hierhergeschickten Einwanderer wenigstens bis Santa Catharina zu schicken, von wo sie mit dem gewöhnlichen Postdampfer (unentgeltlich) weiter gebracht werden konnten, so beschloß Herr von Schwartzau diese Gelegenheit zu benutzen, und selber nach der Insel zu fahren.
Vom Director bekam er dazu außerdem noch den Auftrag, im Namen der Colonie die Klage gegen den Delegado und den brasilianischen Geistlichen anhängig zu machen, der eine protestantisch verheirathete Frau, ohne selbst eine Scheidung für nöthig zu halten, anderweit getraut hatte, wenn sich Sarno selber auch wenig Erfolg von diesem Schritte versprach. Er kannte die Geistlichkeit Brasiliens und ärgerte sich nur über die entsetzliche Gleichgültigkeit, mit welcher die deutschen Protestanten diesen Fall aufnahmen, der, wenn etwas Derartiges überhaupt geschehenkonnte,alle Familienbande in Frage stellte. Jeder pflichtvergessene Mann, jede treulose Frau brauchte sich an ihre gültig geschlossene Ehe gar nicht mehr gebunden zu halten, und die Folgen blieben unabsehbar.
Nichtsdestoweniger nahmen es die Protestanten außerordentlich kaltblütig. Der Geistliche — ein guter Freund des Dom Franklin — wollte gar Nichts damit zu thun haben und behauptete, es sei einfach eine Sache, welche die Gerichte anginge und von diesen schon bestraft werden würde, und die Colonisten schimpften wohl und schlugen im Wirthshause mit der Faust auf den Tisch — aber dabei blieb es. Selbst ein Circular, das der Director zur Unterschrift herumschickte, wurde von den Wenigsten unterschrieben, denn der deutsche Bauer setzt nicht gern seinen Namen unter irgend ein Schriftstück, es mag enthalten, was es will — ausgenommen eine Quittung.
Pilger selber war wie gebrochen. Er arbeitete wieder, verkehrte aber fast mit keinem Menschen. Machte er sich in seinem Herzen Vorwürfe, daß er die Frau, seine Margareth, wohl auch manchmal rauher behandelt hatte, als recht war — brannte ihm das jetzt auf der Seele, daß er selber vielleicht den ersten Anlaß zu diesem Schritte gegeben, der jetzt sein ganzes Lebensglück zerstörte? Wenn dies auch der Fall war, so sprach er doch mit Niemandem darüber, und die Nachbarn dauerte der fleißige, ordentliche Mann, der jetzt bleich und hohlwangig so allein in seinem Hause saß.
Indessen fuhr Schwartzau auf dem kleinen Regierungs-Dampfer mit günstigem Wind und Wetter gen Santa Catharina, und am dritten Tag Abends bekamen sie die kleine reizende Insel in Sicht, die sich, nur wenige Meilen vom festen Lande entfernt, an der Küste entlang dehnte.
Und das war früher der Verbannungsort Portugals, wie auch die Hauptstadt noch immer Desterro heißt; hierher wurden die Verbrecher, besonders viele Juden transportirt, als Strafe für begangene Missethat, oder vielleicht auch nur, um unbequeme Persönlichkeiten aus dem Wege zu schaffen — ein sehr leichtes und von manchem Staate oft angewandtes Mittel. AberdieZeit ist vorbei, und wie die Bewohner jetzt nicht einmal gern mehr hören, daß der Ort früher zu solchem Zwecke benutzt worden, ist Santa Catharina gegenwärtig der Schlüssel zu vielen vortrefflichen brasilianisch-deutschen Colonien geworden, und eine große Anzahl von Deutschen sind sogar dort geblieben und haben sich als Geschäftsleute oder Handwerker in der Hauptstadt niedergelassen. Desterro ist fast zur Hälfte ein deutsches Städtchen.
Günther von Schwartzau kannte den Ort schon, aber trotzdem weilte sein Auge mit Entzücken auf dem wahrhaft wundervollen Bilde, das sich vor ihm ausbreitete, als sie die, den eigentlichen Hafen gegen die Nordwinde schützende Landspitze umfuhren und jetzt die kleine, freundliche Stadt, terrassenförmig von Bäumen, Büschen und Palmen umschlossen, vor sich liegen sahen. Prachtvolle Gebäude fesselten allerdings nicht den Blick oder gaben dem Hafen einen Anstrich von Glanz und Reichthum, wie das z. B. bei Rio de Janeiro der Fall ist: aber so lauschig und versteckt lag jede einzelne Wohnung in dem sanften Grün der Gärten, so ruhig plätscherte dazu die See und so wolkenrein spannte sich der blaue Himmel darüber hin, daß man sich da wohl fühlte, ehe der Fuß nur das Land betreten.
Als freilich der Anker in die Tiefe schoß, war der Friede auch an Bord gestört. Der Flaggen-Telegraph hatte die Ankunft eines Dampfers vom Norden schon gemeldet, und eine Anzahl von Booten und jenen trefflich gearbeiteten Canoes — die man in der ganzen Welt nicht zierlicher und praktischer gebaut findet, als in Brasilien — kam langseit. Die Bootsleute aber faßten, wie an anderen Orten, so auch hier, ohne Umstände auf, was sie an Gepäck fanden, um es in ihre kleinen Fahrzeuge zu schaffen und sich die dazu gehörigen Passagiere zu sichern.
Günther fuhr natürlich sogleich mit an Land, denn der Aufenthalt auf diesen kleinen brasilianischen Dampfern ist nicht angenehm genug, um den Reisenden länger, als unumgänglich nöthig ist, darauf zu fesseln, und ging dann gleich an der Wohnung des Präsidenten vor, wo er sich wenigstens anmelden wollte. Er hatte sich kaum Zeit genommen, nur die nothwendigste Toilette zu machen, aber die Abende sind in allen jenen Ländern überhauptdieZeit, in der man Besuche macht oder empfängt.
Der Deutsche fand übrigens heute ausnahmsweise eine größere Gesellschaft versammelt, und als die Frau Präsidentin seinen Namen hörte, ließ sie ihn bitten augenblicklich einzutreten. Kam er doch von Santa Clara, und sie nahm selber das größte Interesse daran, von dieser Colonie Näheres und Neues zu hören.
Günther wurde in das große Empfangszimmer geführt und fand hier schon sechs oder acht Herren und eben so viele Damen versammelt.
Der Präsident selber saß in einem Lehnstuhle etwas bei Seite, es war ein kleiner ältlicher Herr, mit einem unendlich gutmüthigen Gesichte und ein Paar großen, klugen Augen; aber er schien sehr leidend. Er sah blaß und angegriffen aus, mit eingefallenen Wangen und einem eigenen schmerzlichen Zuge um den feingeschnittenen Mund.
»Ah, mein lieber Eswartsau2,« nickte er ihm freundlich zu und streckte ihm die dünne, fast durchsichtige Hand entgegen; »schon fertig in Santa Clara? Das ist rasch gegangen.«
»Noch nicht, Senhor,« sagte Günther, die Hand nehmend und herzlich drückend — »ich muß wieder zurück und erzähle Ihnen nachher, weshalb ich herüber gekommen bin — Senhora, erlauben Sie, daß ich Sie begrüßen darf.«
»Es freut uns sehr,« sagte die Dame mit huldvollem Lächeln, »Sie wieder einmal auf Santa Catharina zu sehen. — Aber setzen Sie sich. Sie kommen wie gerufen, um uns recht viele Neuigkeiten von Ihrer Colonie zu erzählen — es soll ja fürchterlich da zugehen!«
»Fürchterlich?« lächelte Günther; »davon habe ich nun allerdings Nichts gemerkt.«
»Nichts?— Aber erlauben Sie mir, Sie meinen Freunden vorzustellen.« — Und die Senhora machte jetzt die gewöhnliche Formel der Introduction durch, die einen Fremden zur Verzweiflung bringen könnte, wenn die Sache an sich selbst nicht so unbedeutend wäre. Eine Masse von fremden Namen wurden ihm genannt, die er zum großen Theil nicht einmal verstand oder doch in demselben Moment wieder vergaß; die Leute verbeugten sich gegen einander und die Sache war damit abgemacht.
NureinName war Günther aufgefallen, und zwar der eines deutschen Barons von Reitschen. Er gehörte einem ältlichen Herrn von stattlichem Aussehen, mit schon etwas grau gemischten Haaren, aber vollkommen glatt rasirtem Gesicht und einer sehr zierlichen goldenen Brille, der aber, anstatt den Landsmann etwas herzlicher zu begrüßen, sich ebenfalls damit begnügte nur aufzustehen, und eine steife Verbeugung zu machen.
»Und wie weit sind Sie mit Ihrer Vermessung gekommen, lieber Freund?« fragte der Präsident, als die langweilige Ceremonie vorüber war. »Schon Etwas ausgerichtet?«
»Allerdings, Senhor,« erwiederte Günther; »mit Hülfe des Directors Sarno, der mich wacker dabei unterstützte, haben wir es möglich gemacht, genügendes Land für sämmtliche sich jetzt dort befindliche Einwanderer zu vermessen. Ich kehre von hier aber gleich wieder nach Santa Clara zurück, um noch einen andern District in Angriff zu nehmen; denn da jeden Tag ein neues Schiff eintreffen kann, wird es immer besser sein einige vermessene Strecken in Vorrath zu haben.«
Der Präsident nickte beistimmend mit dem Kopfe, schwieg aber, und die Frau Präsidentin sagte:
»Also hat sich der Herr Director doch endlich herbeigelassen, wenigstens indieserHinsicht seine Pflicht zu thun. Da muß ihm das Feuer tüchtig auf den Nägeln gebrannt haben!«
»Ich weiß nicht,« sagte Günther, während er einem der mit Erfrischungen herumgehenden Diener ein Glas Limonade abnahm — »in welcher Beziehung Director Sarno seine Pflicht versäumt haben kann, Senhora; so lange ich mich aber in der Colonie aufgehalten, kann ich ihm nur das rühmlichste Zeugniß geben, da er sich der Einwanderer mit wahrhaft eisernem Fleiße angenommen. Sarno scheint mir ein sehr tüchtiger Mann, und besitzt außerdem auch die nöthige Energie, etwaigen Übergriffen fest entgegen zu treten.«
»Energie!« lächelte die Dame; »er ist der reine Unterofficier, und wir haben von der ganzen Colonie Klagen auf Klagen hören müssen, die zuletzt selbst die Geduld eines Heiligen ermüden könnten!«
»Klagen über Sarno?« sagte Günther erstaunt.
»Sie glauben es wohl etwa nicht?« lachte die Dame, indem sie ein Papier von dem nächsten Tische nahm; wollen Sie so gut sein unddaseinmal lesen.«
Günther nahm das Papier und überflog es flüchtig. Es waren in der That eine Menge Anklagen gegen den Director, in denen besonders sein rauhes und rücksichtsloses Betragen »gegen den gebildeten Theil der Gesellschaft« hervorgehoben und zuletzt gebeten wurde, den Director seiner Stelle zu entheben und einen würdigeren dafür hinzusenden. Unterschrieben war das Document von einer Anzahl ihm unbekannter Namen: einige davon kannte er aber doch, und unter den erstgezeichneten standen die Frau Gräfin Baulen, Baron Jeorgy, Pastor Beckstein und Arno von Pulteleben. Ein Name besonders fiel ihm seiner Kürze und Anspruchslosigkeit wegen auf: Bux, Künstler.
»Nun,« sagte die Dame, während er das Papier langsam wieder zusammenfaltete und zurückgab, »was sagen Sienun?«
»Daß es in jeder Colonie eine Menge unzufriedenes Volk giebt,« erwiederte Günther, »das sich mitkeinemDirector wird befreunden können, es sei denn, er befriedige alleihreWünsche. Ich halte Sarno für den passendsten Mann für einen solchen Posten, den Sie in ganz Brasilien finden könnten.«
»O, Sie sind wahrscheinlich ein besonderer Freund von ihm!« lachte die Frau Präsidentin.
»Ich weiß nicht, ob ich auf den Titel Anspruch machen darf,« sagte Günther ruhig; »bei meinem Aufenthalt in Santa Clara habe ich mit dem Director allerdings freundschaftlich, aber nur in meinen Geschäften verkehrt. Wen auch immer ich aber über ihn gesprochen, war der Meinung, daß er für die Stelle passe.«
»So?« lächelte die Dame geringschätzig — »freilich die Bauern müssen das am Besten beurtheilen können. Was halten Sie aber von einer Colonie, in der Gewaltthätigkeiten, Raub und Plünderung zu den allergewöhnlichsten Dingen gehören?«
»Von einer solchen Colonie würde ich sehr wenig halten, gnädige Frau,« lächelte Günther — »ich kann aber doch nicht vermuthen, daß Sie glauben ein solches Verhältniß finde in Santa Clara statt; denn während der fünf Wochen, die ich mich dort aufhielt, ist nichts dem Ähnliches vorgefallen, und ich habe sogar nicht einmal von einem einzigen solchen Falle sprechen hören — eine Entführungs-Geschichte ausgenommen.«
»Wenn Sie im Wald bei Ihrer Arbeit waren, mein lieber Herr von Schwartzau,« mischte sich Herr von Reitschen in das Gespräch, »so ist es wohl erklärlich, daß Sie die einzelnen Vorfälle in der Stadt selber nicht beachten konnten. Sie hatten dafür zu viel zu thun. Der Herr Präsident hier hat aber so authentische Nachrichten über derartige wirklich geschehene Dinge erhalten, daß sogar der Entschluß gefaßt ist, mit diesem zurückgehenden Dampfer Militär nach Santa Clara zu schicken.«
»Militär nach Santa Clara?« rief Günther erstaunt — »eingeborene Soldaten, um etwa einmal eine gelegentliche Streitigkeit zwischen den Deutschen zu schlichten? Das ist denn doch wohl nur ein Irrthum!«
»Nicht allein der Streitigkeiten wegen, lieber Freund,« mischte sich hier der Präsident in die Unterhaltung, obgleich ihm das Sprechen schwer zu werden schien; »es sollen sich auch neuerdings wieder Indianer in der Nachbarschaft gezeigt haben, und es ist immer besser, bei Zeiten Vorkehrungen zu treffen, damit man sich nicht später Vorwürfe über eine versäumte Pflicht zu machen habe.«
»Aber, bester Herr,« versicherte Günther, »Sie scheinen da wirklich ganz falschen Bericht über die Colonie erhalten zu haben, denn ich gebe Ihnen mein Wort, daß auch nicht die Spur einer Gefahr von Indianern für Santa Clara existirt. Habe ich ja doch vor kurzer Zeit selbst drei Monate an dem noch viel weiter im Innern gelegenen Chebaja zugebracht, und selbst da hat man seit Jahren Nichts mehr von den Wilden gehört oder gar einen von ihnen zu sehen bekommen.«
»Wenn Sie von ihnen hören oder sie sehen, ist es nachher gewöhnlich zu spät, sich noch gegen sie zu schützen,« sagte der Präsident. »Übrigens glaube ich selber…« Ein heftiger Hustenanfall unterbrach ihn, und die Frau Präsidentin sagte:
»Die Colonisten können meinem Mann nur dankbar sein, daß er selbst im Voraus für ihre Sicherheit sorgt.«
»Ich zweifle ja keinen Augenblick,« erwiederte Günther, »daß der Herr Präsident alles Das mit der besten Absicht angeordnet hat; glauben Sie aber mir, Senhora, der ich schon viele dieser deutschen Colonien nicht allein gesehen, sondern genau kennen gelernt habe, die brasilianischen Soldaten dieser Districte, von denen selbst die besten wenig mehr als Gesindel sind, vertragen sich nicht mit den Colonisten, und wenn sie noch so gute Officiere haben; häßliche Reibereien können nie und nimmer vermieden werden.«
»Ich glaubte, Ihre Bewohner von Santa Clara wären so friedfertiger Natur?«
»Kleine Häkeleien fallen beiallenNationen vor,« sagte Günther achselzuckend, »besonders aber bei den Deutschen, und es gehört nur ein verständiger und entschiedener Mann dazu, der entweder gütig vermittelt, oder auch einmal im Nothfalle ein Machtwort spricht, und den haben die Leute jetzt, wie ich fest glaube, an dem gegenwärtigen Director Sarno.«
»Ja, der sie im Nothfalle die Treppe hinunter wirft, nicht wahr,« sagte die Frau Präsidentin, »und sich mit den einzelnen Colonisten selber sogar prügelt!«
»Aber, gnädige Frau…«
»Lassen Sie es gut sein,« unterbrach ihn die Dame. »ÜbergescheheneDinge ist es nicht nöthig viele Worte zu verlieren, und daß sie eben nichtwiedergeschehen, dafür hat mein Mann Sorge getragen. Ob der Director auch daran schuld ist, daß selbst Streit und Unfrieden fast in allen Familien herrschen und Frauen gezwungen sind, wie das selbst vorgekommen, bei den Brasilianern Schutz gegen die Mißhandlungen daheim zu suchen, weiß ich nicht, es bleibt sich jetzt aber auch gleich. Einem solchen Zustandemußteabgeholfen werden, und ich stelle Ihnen hiermit in einem Landsmanne von Ihnen, dem Herrn Baron hier, unsern neuen Director der Colonie Santa Clara vor.«
Wieder stand Herr von Reitschen auf und verbeugte sich höflich gegen Herrn von Schwartzau, und diesem kam es fast so vor, als ob dabei ein leises, spöttisches Lächeln um seine Lippen zucke. Er neigte sich auch nur leicht gegen ihn und sagte:
»Ich stehe der Sache allerdings zu fern, um auch nur ein einiger Maßen werthvolles Urtheil in dieser Angelegenheit fällen zu können, und hoffe nur, daß Herr von Reitschen im Stande sein wird, allen jenen furchtbaren Übelständen abzuhelfen, die er, dem Anscheine nach, in der unglücklichen Colonie vorfinden soll. Was aber den einen Fall anbetrifft, auf den Sie eben anspielten, gnädige Frau — ich meine den, wo eine deutsche Frau gezwungen war, bei einem Brasilianer Schutz zu suchen — so bin ich zufälliger Weise ganz genau davon unterrichtet, und habe sogar die Klage des Directoriums gegen jenen würdigen Brasilianer für den Herrn Präsidenten mitgebracht. Jener Lump…«
»Entschuldigen Sie einen Augenblick,« unterbrach ihn die Dame rasch — »Sie erinnern sich doch, daß ich Ihnen den Betheiligten, Dom Franklin Brasileiro Lima hier, als meinen Gast mit vorstellte — oder haben Sie es vielleicht überhört? Erlauben Sie, daß ich es wiederhole: Dom Franklin, Herr von Eswartsau. — Bitte, fahren Sie fort — Sie sprachen von dem Ehemanne, der seine Frau mißhandelt hat, nicht wahr?«
Die übrige Gesellschaft, der das Wohl oder Wehe der deutschen Colonie nicht im Geringsten am Herzen lag, hatte sich unterdessen unter einander unterhalten und einer der Herren eine auf dem Clavier liegende Guitarre aufgenommen, mit der er halblaut eines der kleineren brasilianischen Lieder begleitete. Nur Dom Franklin war dem Gespräche, ohne jedoch den Kopf nach Günther umzudrehen, mit Spannung gefolgt, und während er mit einer neben ihm sitzenden Dame scheinbar ein Gespräch unterhielt, horchte er jedem Worte, das über die, ihn besonders interessirende Colonie gesagt wurde. Bei Günther's Anklage zuckte er auch wohl einen Moment zusammen, fand sich jetzt aber nur noch mehr bewogen, das eben Besprochene gar nicht gehört zu haben, und drehte sich erst, scheinbar überrascht, gegen Herrn von Schwartzau um, als die Frau Präsidentin seinen Namen nannte.
Günther fühlte wie er erröthete, denn wenn er den Brasilianer auch verachtete und keinen Augenblick würde gezögert haben, ihm die Anklage mit den schärfsten Worten in's Gesicht zu schleudern, so war es ihm doch äußerst fatal, wenn auch unwissentlich, gegen die Regeln des Anstandes verstoßen und in einer Gesellschaft einen Gast beleidigt zu haben. — Und hatte der Brasilianer seine Worte gehört? Es schien nicht so, denn mit dem freundlichsten Wohlwollen leistete er der zweiten Vorstellung Folge. — Die Dame hatte zeitig genug parirt, einer sehr unangenehmen Scene vorzubeugen, und nur der Präsident mußte in seinem Stuhle Zeuge des Ganzen gewesen sein, denn er lächelte leise vor sich hin.
Wenn aber auch Günther andieserStelle natürlich Streit mit diesem Menschen vermeiden wollte, verachtete er ihn doch viel zu sehr, Freundlichkeit gegen ihn zu heucheln. Nur kalt verneigte er sich gegen ihn und fuhr dann zu der Dame gewendet fort:
»Ich habe allerdings keinen speciellen Auftrag für den Herrn selber, von dem ich keine Ahnung hatte, daß er sich in Santa Catharina aufhielt. Hier ist aber unter solchen Umständen keineswegs Ort und Zeit, eine derartige, für beide Parteien unangenehme Sache zu verhandeln, und der Herr Präsident erlaubt mir vielleicht, ihm die Papiere morgen früh vorzulegen.«
»Mit großem Vergnügen,« erwiederte der Angeredete; »aber ich fürchte, wir werden an der Sache nicht viel ändern können.«
»Sie glauben doch nicht, daß…«
»Morgen früh, lieber Freund, morgen früh,« winkte der Präsident mit der Hand, »ich bin heute Abend zu angegriffen.«
Herr von Schwartzau verbeugte sich, und die Frau Präsidentin, die sich indessen leise mit Herrn von Reitschen unterhalten hatte, stand jetzt auf und kam auf Günther zu.
»Lassen wir die fatalen Sachen heute Abend,« sagte sie freundlich, »und spielen Sie uns lieber Etwas auf dem Pianoforte. Sie sind doch musikalisch?«
»Ich muß unendlich bedauern, gnädige Frau,« sagte Herr von Schwartzau achselzuckend, »aber ich kenne nicht einmal die Noten.«
»So spielen Sie Etwas aus dem Kopfe.«
»Ich habe nie eine Taste angerührt.«
»So spielen Sie wahrscheinlich die Violine oder Guitarre?«
»Eben so wenig.«
»Aber die Flöte gewiß?«
»Ich muß zu meiner Beschämung gestehen,« lächelte von Schwartzau, »daß ich bei Allem, was Musik betrifft, einzig und allein zum Zuhören zu verwenden bin.«
»Das ist merkwürdig,« sagte die Senhora »Sie sind der erste Deutsche, den ich kennen lerne, der nichtwenigstensdie Flöte spielt. Unser Baron hier ist Meister auf diesem Instrumente.«
»In der That?« sagte Günther, der sich auch selbst nicht dafür interessirte.
»Gnädige Frau sind zu gütig,« sagte der Baron; »ich bin weiter Nichts als ein Dilettant. In solchen wilden Ländern aber, in denen ich mich die letzten zwölf Jahre herumgetrieben habe, ist die Flöte wirklich das einzige Instrument, das man leicht überall mit hinnehmen kann, und man vertreibt sich doch manche müßige Stunde angenehm damit.«
»Sie haben sie bei sich, nicht wahr?« fragte die Dame.
»Gnädige Frau hatten mir ja befohlen, sie mitzubringen.«
»O, dann begleiten Sie das Lied jener jungen Dame, bitte!« sagte die Präsidentin — »wir müssen ein wenig Musik haben, damit Leben in die Gesellschaft kommt. Ich weiß gar nicht, so wie nur diese unglückselige Colonie Santa Clara genannt wird, ist es auch gleich, als ob ein schwarzer Schleier über die ganze Unterhaltung geworfen würde. Nun, hoffentlich wird sich das ändern, wenn wir Sie erst einmal dort haben.«
»Gnädige Frau können sich darauf verlassen,« sagte der Baron wieder mit einer halben Verbeugung, »daß ich nach Kräften arbeiten werde, Ihnen jede unangenehme Nachricht zu ersparen.«
»Deß bin ich überzeugt — aber wir müssen beginnen; die Dame präludirt schon und wird sonst ungeduldig.«
Der größte Theil der Gesellschaft gruppirte sich jetzt um das Instrument, und auch Günther ließ sich in einen der leer stehenden Sessel nieder; aber er hörte nicht das Geringste von der Melodie, denn seine Gedanken arbeiteten an dem eben Gehörten.
Also Sarno war abgesetzt — bei Seite geworfen, nur um einem Günstlinge der Frau Präsidentin Raum zu machen, dem zu genügen dann die vagen Gerüchte den Vorwand geben mußten — der Delegado ebenfalls hier und als Gast im Hause, und der Präsident noch dazu von Allem unterrichtet — aber was zum Henker kümmerteihnauch das Alles? Er vermaß das Land, weiter Nichts, undwensie nachher darauf setzten oderwiedas geschah, konnteihmdoch wahrhaftig gleichgültig sein. Er warf das rechte Bein über das linke und betrachtete sich indessen den Raum, in dem er sich befand.
Mit der Hälfte der Möbel, die in dem Saale standen, hätte er wohnlich, ja sogar elegant genannt werden können, so aber glich er eher einem Möbel-Magazin, in welchem einige Dutzend Stühle mit Sophas und Tischen zum Verkaufe ausgestellt waren. Die Gesellschaft hatte fast ausschließlich auf den in der Mitte stehenden Sesseln und auf einigen Sophas Platz genommen, aber Stuhl an Stuhl, nur manchmal die lange Reihe von einem anderen leeren Sopha unterbrochen, standen die Wände entlang, und ein halbes Dutzend Tische — alles von Mahagoniholz — waren in zwei Reihen in der Mitte aufgestellt, während jedes andere Stück, wie Secretär, Schreibtisch etc., fehlte. Es ist das aber Sitte in ganz Süd-Amerika, und man würde ein Zimmer oder einen Salon für ärmlich möblirt halten, wenn sich beim ängstlichsten Zusammenrücken auch nur noch Raum genug für einen einzigen Stuhl gezeigt hätte.
Dagegen waren die Wände vollkommen kahl, und die mattgraue, sehr elegante Tapete wurde von keinem einzigen Bilde freundlich unterbrochen. Nur zwei große und gewiß sehr theure Spiegel hingen in breiten, blinkenden Goldrahmen einander gegenüber, und auf den Tischen standen eine Anzahl Porzellanvasen, aber ohne Blumen, unter außerordentlich hohen und viel zu großen Glasglocken.
Ein gewisser Reichthum ließ sich in der ganzen Einrichtung nicht verkennen, aber jede Gemüthlichkeit, jeder Geschmack fehlte, und der Fremde besonders würde sich hier nie haben behaglich fühlen können.
Günther sah wieder eine ganze Zeit lang träumend vor sich nieder, als ihn eine Stimme an seiner Seite aus seinen Gedanken aufstörte. Es war der Baron, der ihn fragte:
»Wann gedenken Sie nach der Colonie zurückzukehren, Herr von Schwartzau? Sie entschuldigen, wenn ich Sie störe,« setzte er lächelnd hinzu, als Günther bei der Anrede ordentlich in die Höhe schrak.
»So bald als möglich,« erwiederte der junge Mann, den Fragenden jetzt erst bemerkend; »meine Geschäfte hoffe ich wenigstens morgen oder übermorgen sicher abmachen zu können, und werde dann die erste sich bietende Gelegenheit benutzen. Wie ich höre, geht der Dampfer leider schon morgen früh ab.«
»Wenn ich Ihnen etwas nach Santa Clara besorgen kann…«
»Sie sind sehr gütig.«
»Sie kennen Herrn Director Sarno näher?« nahm der Deutsche nach einigem Zögern das Gespräch wieder auf.
»Nur von der kurzen Zeit, die ich mich dort aufgehalten habe.«
»Wollen Sie einen guten Rath von mir annehmen?«
»Man soll nie einen guten Rath zurückweisen.«
»Gut — dann vertheidigen Sie Herrn Sarno nicht zu lebhaft der Frau Präsidentin gegenüber.«
»Herr Baron,« sagte Günther, erstaunt zu ihm aufsehend.
»Verstehen Sie mich nicht falsch,« erwiederte dieser ruhig; »dem Herrn Sarno können Sie Nichts mehr nutzen, denn eristseines Dienstes factisch entlassen, und sich selber nur dabei schaden, da die Frau Präsidentin den Herrn nun einmal nicht leiden kann, und auch wohl ihre gewichtigen Gründe dafür hat.«
»Und Sie werden seine Stelle einnehmen?« fragte Günther.
»Lieber Gott,« sagte der Baron achselzuckend, indem er mit den Berloques an seiner Uhrkette spielte, »ich habe mich dagegen gesträubt, wie ich konnte, aber da nun einmal eine Änderung unter allen Umständen eintretensollte,so gab ich endlich den Bitten des Präsidenten nach. Sie sind nicht lange genug in der Colonie gewesen, und Herr Sarno wird sich auch Ihnen gegenüber wohl zusammengenommen haben; die Zustände dort scheinen aber in der That für die armen Colonisten unerträglich zu werden, und da ich glaube, den Anforderungen, die man an eine solche Stellung knüpft, genügen zu können, so habe ich es auch gewissermaßen für meine Pflicht gehalten, die jedenfalls sehr undankbare Arbeit zu übernehmen, unsere deutschen Holzköpfe da drüben ein wenig zur Raison zu bringen.«
»Es wird das allerdings eine sehr undankbare Arbeit werden,« sagte Günther kalt, denn die ganze Art und Weise des Mannes gefiel ihm nicht, hätte er selbst nicht Sarno in seinem Herzen für einen ehrlichen und auch vollkommen tüchtigen Mann gehalten. Er suchte auch das ihm unangenehme Gespräch über diesen Gegenstand so bald als möglich abzubrechen, und empfahl sich dann bald dem Präsidenten, um an diesem Abend noch einige Bekannte in der Stadt zu besuchen.
Am nächsten Morgen ziemlich früh suchte er denselben aber wieder auf und hatte gehofft, die Unterredung da allein mit ihm haben zu können, weil die Frau Präsidentin doch wohl ihre Toilette noch nicht so bald beendet haben würde. Darin irrte er sich jedoch, denn er war kaum gemeldet und angenommen, als die Senhora auch schon in's Zimmer trat und sich an dem einen Fenster in einem Lehnstuhl niederließ. Der Präsident schien Nichts mehr ohne seine Frau, oder diese vielmehr Alles ohne ihn zu thun.
»Sie sprachen gestern von einer Klage, lieber Freund,« sagte Se. Excellenz, als Günther nach den ersten Begrüßungen Platz genommen hatte — »es wäre mir viel lieber, wenn sie in Santa Clara die Sache nicht weiter aufgerührt hätten, denn es wird wenig daran zu thun sein — meinst Du nicht?«
»Daran zu thun sein,« sagte die Senhora achselzuckend — »was soll daran zu thun sein? Die frühere Ehe war nach unseren Gesetzen vollkommen ungültig, bestand also gar nicht, und wenn kein Hinderniß vorliegt und zwei Leute sich gern haben und einander heirathen wollen, wer kann es ihnen verwehren? Außerdem hat die Frau ein ganz unverdientes Glück mit Dom Franklin gemacht.«
»Kein Hinderniß vorliegt, gnädige Frau?« rief Günther, wirklich erstaunt — »ich kann doch wahrhaftig nicht glauben, daßSieeine geschlossene Ehe als kein Hinderniß, sich anderweitig zu verheirathen, betrachten würden.«
»Ich hoffe nicht,« sagte die Dame stolz, »daß SieunsereEhen mit einem solchen »Contracte« vergleichen werden. Übrigens ist die Sache abgemacht und eine Klage also ganz nutzlos, wo die höchste Behörde schon entschieden hat.«
»Aber das ist ja gar nicht möglich!« rief Günther — »danach würde ja die Regierung muthwillig ihre ganzen protestantischen Unterthanen demoralisiren und dem Verbrechen mit eigener Hand die Thür öffnen. Gnädige Frau irren sich jedenfalls darin.«
»Irr' ich mich? So — bitte, nehmen Sie einmal das zusammengefaltete Papier, das da neben Ihnen auf dem Tische liegt — nein, das andere dort — das da, und nun sein Sie so gut und lesen Sie den Entscheid unseres Bischofs — lesen Sie ihn laut. Sie werden sich dadurch jedenfalls zufrieden gestellt fühlen, daß die Sache als vollkommen erledigt betrachtet werden kann.«
Günther nahm kopfschüttelnd das Papier, entfaltete es und las:
»Emmanueldurch Gottes Erbarmen und des Apostolischen Stuhles Gnade, Bischof von Santa Sebastiao oder Rio de Janeiro.
»Wir bezeugen andurch auf Verlangen, daß Frau Margarethe Pilger, vormals Protestantin und als solche verheirathet nach dem Ritus der evangelischen Gemeinde mit Herrn Gottlieb Pilger unter'm 15. November, sich kürzlich mit der Bitte an mich wandte, die protestantische Ketzerei abzuschwören und den katholischen Glauben anzunehmen, welchem Verlangen ich mit bestem Willen genügte und in Person den Widerruf des Irrglaubens entgegennahm, gemäß dem Gebrauche der Römischen Kirche.
»Besagte Frau Margarethe Pilger bat mich hierauf um Erlaubniß, sich mit Herrn Franklin Brasileiro Jansen Lima, römischem Katholiken, zu welchem sie sich hingezogen fühlte, zu verheirathen, und auch diese Erlaubniß gab ich ihr durch Bescheid vom 27. Januar, da nach Einhaltung des üblichen Verfahrens kein canonisches Hinderniß zwischen Franklin und Margarethe sich gezeigt hatte und die Heirath Letzterer mit Pilger augenscheinlich ungültig ist, als gefeiert gegen die Form des im Kaiserreiche publicirten und immer beobachteten Tridentiner Concils.
»Palast der Conceicao, 5. Februar 1857.»(Unterz.) †Manoel,Bischof, Graf Capellao-Môr.«3
»Nun,« sagte die Senhora, »sind Sie überzeugt? Der ehrwürdige Bischof selber, der sich gerade zufällig auf einer seiner Hacienden in dieser Provinz befand, hat die Ehe geschlossen. Dom Franklin ist ihm eng befreundet — glauben Sie also jetzt noch Etwas mit einer Klage des Herrn Directors Sarno ausrichten zu können?«
»Nein, gnädige Frau,« sagte Günther ruhig, »Sie haben vollkommen Recht. Es ist übrigens gut, daß ein solcher Thatbestand bekannt wird, denn in einem ähnlichen Falle wäre der geschädigte Theil ein Thor, noch auf Schutz und Gesetz in Brasilien zu warten, und weiß dann gleich, daß er sich sein Recht selber zu verschaffen hat.«
»Sie predigen Revolution!« rief die Senhora streng.
»Ich predige das, was ich selber ausführen würde,« sagte Günther kalt; »unter solchen Umständen möchte ich denn auch Ihre werthvolle Zeit nicht länger in Anspruch nehmen.«
»Aber Sie wollten mir noch Etwas über die Colonie sagen,« rief der Präsident, der unruhig auf seinem Stuhle hin und her gerückt war.
»Das wollte ich allerdings,« erwiederte Herr von Schwartzau, »aber nach dem eben Gehörten wird auch das Nichts fruchten.«
»Und was war es?«
»Ich wollte Sie bitten, Senhor, Ihren Entschluß, das Directorium der Colonie zu ändern, nochnichtauszuführen, bis Sie nicht wenigstens genauere Erkundigungen über die dortigen Verhältnisse eingezogen. Director Sarno…«
»Kommen Sie uns nicht mit dem Unterofficier!« sagte die Präsidentin ungeduldig — »mein Mann will Nichts von ihm hören.«
»Sarno war Officier,« entgegnete Günther, »und gehörtmeinerÜberzeugung nach zur besten Classe dieser Herren. Daß er derb ist und gerade durch geht, sollte ihm eher zum Lobe gereichen.«
»Die Sache ist schon abgemacht,« sagte die Senhora.
»Aber so laß ihn doch ausreden, mein Kind,« bat der Präsident.
»Ich bin schon fertig, Senhor,« sagte Günther aufstehend — »die Sache scheint allerdings abgemacht, und alles Weitere wäre nur Wortverschwendung. Allein der Colonie zu Liebe möchte ich Sie bitten, kein Militär dorthin zu legen. Es thut nicht gut, und Sie selber haben die Verantwortung zu tragen, wenn Sie den Frieden der jetzt vollkommen ruhigen Verhältnisse dort nicht allein stören, nein, förmlich vernichten.«
»Wir werden die Verantwortung zu tragen haben, Senhor,« sagte die Präsidentin gemessen — »übrigens machen Sie sich keine Sorge weiter deshalb, denn das sind Dinge, welche eigentlich die Regierung am Besten zu beurtheilen versteht.«
Herr von Schwartzau verbeugte sich kalt, und das Gespräch über diesen Gegenstand vollkommen abbrechend, legte er dem Präsidenten nur einige Papiere vor, welche rein geschäftlicher Natur waren, und sich auf seine bereits vollendeten, wie die dort noch nöthigen Arbeiten bezogen. In einer halben Stunde war das Alles erledigt, und der Ingenieur empfahl sich dann sehr förmlich wieder dem Präsidenten und seiner Gattin. Er war fest entschlossen, sie nicht weiter zu belästigen.
An demselben Morgen ging aber der Regierungsdampfer wieder nach Santa Clara und von da nach Rio de Janeiro zurück, und Günther war Zeuge, daß vierzig Mann brasilianischer Truppen,ohneOfficier, auf ihm eingeschifft wurden, um, wie das Gerücht ging, die Colonie Santa Clara gegen in deren Nähe herumstreifende Indianerhorden zu schützen.
Die Colonie Santa Clara befand sich indessen in einer Art von Gährung, zu der nicht allein alte Unzufriedenheit, sondern auch neu eingetretene Elemente nicht wenig beigetragen hatten. Die Bittschrift an den Präsidenten, den Director Sarno abzusetzen, war in der That von hier ausgegangen, und zwar, so unglaublich das scheinen mag, durch erste Veranlassung jenes nichtswürdigen Burschen mit dem Tressenstreifen, mit dem sich kein anständiger Mensch in der Colonie abgeben mochte.
Größere Dinge werden aber in unserer wunderlichen Welt gar nicht etwa so selten durch noch schlechtere Hebel in Bewegung gesetzt, wenn man auch oft, nachdem sie geschehen, schwer im Stande ist, auf ihren Ursprung zurückzugehen. Die Sache war jedenfalls angeregt worden, die Gräfin hatte zufällig davon gehört, Herr von Pulteleben war Feuer und Flamme für die Idee, denn der Director hatte ihn ja nicht einmal angenommen, und da es galt eine große Zahl von Unterschriften zusammen zu bringen, so vereinigte sich in dem Schriftstücke — Dinge, die ebenfalls sogar in unserem civilisirtesten Leben manchmal möglich gemacht werden — Aristokratie und Proletariat gegen einen Mann und ein System, der und das beiden Theilen unbequem war, weil er eben weder der einen, noch der andern Seite Zugeständnisse machen wollte.
Der Bursche mit der Tresse übte überdies einen schlimmen Einfluß aus, denn wo er nur konnte, suchte er Unzufriedenheit zu erregen, und wenn man ihn selber auch bald als einen Lump kennen lernte, fielen doch seine Worte nur zu häufig auf fruchtbaren Boden. Die Menschen sind ja leider nur zu gern gewillt, Böses oder Nachtheiliges von ihren Mitmenschen anzuhören und zu glauben, mag die Quelle, aus welcher sie es schöpfen, noch so unrein sein. Außerdem trat er übrigens dem Director auch in offener Opposition entgegen, und wurde darin von einem neu eingewanderten Individuum, das von Santa Catharina mit einem kleinen Schooner gekommen war, unterstützt.
Dieser Mann hieß Buttlich, und begann damit, ein Grundstück in der Stadt mit einem kleinen Hause zu kaufen, wo er mit eingeführten Waaren einen Laden aufsetzte, und in der unteren Eckstube eine Wirthschaft eröffnete. Er hatte dazu gleich die specielle Erlaubniß des Präsidenten mitgebracht, und schien von diesem auch in mancher andern Art begünstigt zu werden.
Bux war unter der Zeit bei dem Director eingekommen, ein kleines Haus, das jetzt nicht mehr benutzt wurde, zur Verfügung gestellt zu bekommen, um darin Vorstellungen in der Bauchredekunst zu geben, aber augenblicklich abschlägig beschieden worden. Der Director ließ ihm sagen, sie brauchten Ackerbauer in der Colonie und fleißige Handwerker, aber kein Meßgesindel aus der alten Welt.
Damit begnügte sich indessen Bux natürlich nicht, und wenn der neue Wirth auch im Anfange Nichts mit dem liederlichen Gesellen zu thun haben mochte, fand er doch kaum, daß sich dieser als Mittel gegen den Director gebrauchen ließ, als er ihm seine Hülfe zusagte, und ihm auf seinem eigenen Grundstück eine Ecke zuwies, in der er sich eine Art von Bude aus Pfählen und Reisig, oder wie er sonst wollte, herrichten konnte; ja, er unterstützte ihn sogar dabei mit Geld.
Bux ging nun auch scharf an die Arbeit, und nach einigen Wochen schon überraschte die Bewohner von Santa Clara die allerdings nurgeschriebeneAnzeige an verschiedenen Ecken der Stadt und in Bohlos' wie Buttlich's Wirthsstuben, daß am nächsten Sonntag Abend die erste große Vorstellung des berühmten Ventriloquisten Bux aus Paris mit außerordentlichen Productionen der Wunderkinder Guido und Isabella stattfinden solle.
Der Director schickte zu Buttlich und ließ die Vorstellung verbieten. Buttlich sandte aber die Abschrift eines Dokumentes zurück, worin ihm der Präsident erlaubte, auf seinem Grundstücke, vollkommen unabhängig von irgend einer Behörde, zu treiben was ihm beliebe, vorausgesetzt nur, daß es keine feuergefährlichen, oder sonst den Gesetzen des Staates zuwiderlaufende Dinge seien. Damit war die Sache an dem Tage — an einem Samstage — abgemacht. Am Sonntag Abend war die Vorstellung, und man kann sich etwa denken wie erstaunt — weniger die Colonisten, denn diese hatten Derartiges ja schon in Deutschland gesehen — aber besonders die Kinder derselben und der junge Nachwuchs waren. Vor Staunen beinahe sprachlos standen sie, als Sonntag gegen Abend die Vorbereitungen begannen, und Bux plötzlich in fleischfarbenen, etwas schmutzigen Tricots, nur allein mit einer flittergestickten, himmelblauen Schwimmhose und ein Paar eben solchen Schuhen an, auf dem etwas erhöhten Entrée seiner rauh genug hergestellten Bude erschien.
Vorher schon hatte seine Frau, das bleiche, abgehärmte Gesicht von einer verdrückten Rosenguirlande entstellt, die müden Glieder in ein fleckiges, oft und oft ausgebessertes Seidenkleid gesteckt, an einem kleinen Tische vor dem Eingange ihren Sitz genommen, um die Billete für die Zuschauer auszugeben, und Isabella, ihre Tochter, in einem sehr kurzen weißen Kleide, ebenfalls mit fleischfarbenen Tricots, eine Menge Blumen im Haar und die Wangen unnatürlich roth geschminkt, trat zu ihr und lehnte ihren Kopf an der Mutter Schulter.
»Du, Wilhelm — was ist denn das?« fragte ein junger Bursche von vielleicht zwanzig Jahren, der hier in Brasilien geboren worden, seinen Kameraden, indem er mit offenem Munde auf die Gruppe zeigte — »wo kommen die Leut' her und was wollen die hier? Sind das vielleicht deutsche Indianer?«
»Gott weiß es!« sagte der Angeredete, der kein Auge von Bux verwandte — »sieh' nur, der Kerl geht ganz nackigt — oder hat er sich die Beine nur so angestrichen?«
»Und wie sich die Frau herausgeputzt hat,« flüsterten ein paar junge Mädchen mit einander — »und sieh nur, was das Kleid für Flecken hat, und da am linken Ärmelbesatz sitzt ein blauer Streifen, der eingeflickt ist.«
»Und das Kind haben sie roth angestrichen,« antwortete die Freundin — »was mag denn nur los sein, daß sie solchen Unsinn treiben!«
»Immer herein, meine Hörrschaften!« rief da der Ventriloquist mit seiner scharfen Stimme über die sich mehr und mehr sammelnden Zuschauer hin, von denen sich aber noch Keiner getraut hatte, den Platz selber zu betreten — »immer herein, immer herein!Hürist der Platz, wo Sie Staunenswerthes sehen und erleben werden,hürist die Gelegenheit, die Wunder des menschlichen Geistes und Körpers zu erkennen!Hürist der Ort, wo der berühmte Bux Ihnen zeigen wird, was Sie bis jetzt noch nicht gewußt haben, und der junge Athlete Guido seine Kraft und Gelenkigkeit entwickeln soll, während Mademoiselle Isabella in Grazie und jugendlicher Unschuld einige Tänze aus der alten griechischen Heidenzeit aufzuführen die Ehre haben wird! Immer herein, meine Hörrschaften, immer herein! Keiner ist genöthigt da draußen stehen zu bleiben, und es kostet gar Nichts — nur fünfhundert Reis die Person, Kinder unter zwölf Jahren die Hälfte, Säuglinge frei; immer herein, meine Hörrschaften, immer herein — jetzt gerade wird der Anfang beginnen!«
»Herr Gott, hat der Kerl ein Maulwerk am Kopfe!« sagte einer der Außenstehenden — »wie ein Mühlwerk geht's und klappert auch gerade so.«
Bux stolzirte indessen auf dem schmalen Raume, welcher ihm zum Entrée diente, auf und ab, und zwar mit einem großen rothbaumwollenen Taschentuch in der Hand, das ihm Guido aus der Thür herausreichen mußte. Er hatte den Schnupfen, in seinem gegenwärtigen Costüm aber leider keine Tasche, und der rothe geblümte Lappen paßte eigentlich nicht recht zu den himmelblauen gestickten Schwimmhosen und dem Goldreif um den Kopf.
»Immer herein, meine Hörrschaften!« schrie da plötzlich eine andere Stimme, die unserm Freunde Jeremias gehörte. Dieser war nämlich durch den Lärm ebenfalls angelockt worden und hatte der Versuchung nicht widerstehen können, dem aufgeputzten Burschen, den er haßte, einen Streich zu spielen — »immer nur herein —hürwerden Sie sehen, wie man Sie auf geschickte Weise um Ihr Geld bringt —hürwerden Sie schauen, wie sich Jammer und Elend mit Blumen herausstaffirt und ein paar aufgeputzte Kindergerippe auf einem Beine tanzen —hürwerden Sie sehen….«
»Du hast einen silbernen Löffel gestohlen!« rief es plötzlich neben Jeremias, aber auf der entgegengesetzten Seite von der, wo Bux stand, welcher den neuen Ausrufer vollkommen ruhig betrachtete.
»Is nich wahr!« schrie Jeremias, und drehte sich rasch und wüthend nach der Seite, wo er aber zu seinem Erstaunen Niemand sah.
»Hast 'en ja in der Tasche!« sagte da die Stimme wieder, und Jeremias lief es kalt über den Rücken.
»Lügenhund, verdammter!« schrie er, wobei er fast unwillkürlich in die rechte Tasche griff, und Bux wollte sich jetzt auf seinem Stande vor Lachen ausschütten.
»Na, was ist denn das? Was geht denn hier vor?« riefen Andere und drängten näher.
»Immer herein, meine Hörrschaften!« schrie da Bux wieder, den für ihn günstigen Moment benutzend — »das gehört Alles mit zum Spaß — da drinn wird's jetzt losgehen, immer herein — immer herein!« und während er dem kleinen Mädchen einen Wink gab, ihm zu folgen, verschwand er in der Thür, und gleich darauf begann darin die schon von ihm bestellte Musik, zwei Trompeten, eine Trommel und eine Clarinette, einen lustigen Walzer aufzuspielen.
»Ei, zum Henker, fünfhundert Reis wend' ich dran,« sagte da ein junger, schlanker Bauer, der gerade eine Ladung Bohnen in die Stadt geschafft hatte — »sie werden Einen ja doch nicht beißen!« und mit entschlossenem Schritt trat er auf den Tisch zu, legte das Geldstück darauf und tauchte dann ebenfalls in die niedere Thür ein. Ein paar andere Colonisten, die derartige Dinge schon von daheim kannten, folgten, und bald trieb die Neugierde wohl fünfzehn oder zwanzig Personen mehr nach, welche sich in dem innern Raume auf roh genug eingerichteten Bänken sammelten.
Das Innere der Hütte war, so gut das eben anging, bühnenartig eingerichtet, mit einem etwas erhöhten Podium aus ungehobelten Brettern, und einem freilich sehr dürftigen, von Kattunresten zusammengeflickten Vorhange. Dieser verrichtete aber doch wenigstens den Dienst, die Zuschauer etwas Geheimnißvolles ahnen zu lassen, was hinter demselben vorgehen könnte, und genügte deshalb vollkommen.
Die Ouverture — jener Walzer — war beendet, der Vorhang wurde durch den dazu abgerichteten Hausknecht Buttlich's aufgezogen, und den Zuschauern zeigte sich eine von der Hand des kunstfertigen Schneiders gemalte, außerordentlich merkwürdige Decoration, welche vollkommen im Dunkeln ließ, ob die Phantasie ersucht wurde sich in einen Wald, oder in eine Tempelhalle hineinzudenken.
Das Publicum zerbrach sich aber darüber gar nicht den Kopf, denn Bux erschien mitten auf dem Schauplatze, auf den er eine kurze Leiter und eine Stange mitbrachte, und begann jetzt, als Herkules und Athlet, eine Anzahl von Productionen auszuführen, wie wir sie Deutschland nur zu häufig auf Märkten und Messen in kleinen Winkelbuden oder auch gar auf offener Straße zu sehen bekommen. Der Beifall, den er damit erntete, war freilich sehr gering; das Publicum lachte ein paar Mal, wenn ihm Etwas mißglückte, das war Alles; applaudiren wollte Niemand, was wußten die Leute auch davon, und er ging dann zu dem zweiten Theil seiner Vorstellung — der höheren Bauchredekunst — über, bei welcher er aber ebenfalls einen weit geringeren Erfolg erzielte, als er erwartet haben mochte.
Bux war darin wirklich nicht ungeschickt, aber sein ganzer Triumph scheiterte an der Gleichgültigkeit der Zuschauer, welche sich eben nicht wollten überzeugen lassen, daß er wirklich allein die bald von da, bald von dorther schallenden Töne hervorbrachte.
Ach, da hinten oder da drüben stecktauchJemand, sagten die Leute, und als er sich mit einem Wesen unterhielt, welches angeblich unter einer verkehrt auf dem Tische stehenden Papierdüte stak, sagten sie, »das klang so natürlich, als ob Jemand da drunter wäre,« und damit war die Sache abgemacht.
Wieder war eine Pause, und einzelne der Zuschauer gingen schon hinaus, weil sie sich zu langweilen anfingen, dann kamen die Kinder, Guido und Isabella, welche sich produciren sollten, und hier scheiterte das Ganze.
Die kleine »Isabella« trat kaum vorn auf die Bühne heraus, als die Frauen unter den Zuschauern, mehr aus einer gewissen Art von Instinct, als weil sie sich des Entwürdigenden solcher Darstellung für das Kindesalter klar bewußt gewesen wären, Mitleid mit der kläglich genug aussehenden Erscheinung fühlten.
»Ach, das arme Wurm,« sagte eine alte Frau, die vorn auf der zweiten Bank saß — »wie sie das Kind angestrichen und geputzt haben, und halb verhungert ist's dabei!«
»Und der Vater prügelt's noch außerdem zu Hause,« sagte ein junges Mädchen, welches neben ihr saß — »ich hab' es oft gesehen, und jetzt soll das arme Ding tanzen.«
»Und der Junge könnte auch was Gescheiteres thun,« meinte ein alter Bauer, der auf der ersten Bank saß, als Guido jetzt, ebenfalls in Tricots und geschminkt, neben seiner Schwester erschien und anfing zu tanzen — »'s ist ein Skandal, daß Kinder zu so 'was auferzogen werden, wo sie sich überall im Lande ihr Geld auf ehrliche Art erwerben können!«
Die Musik machte gerade jetzt eine Pause, um Herrn Bux Gelegenheit zu geben, ein Gestell mit papierüberklebten Reifen auf die Bühne zu schaffen, und dann bei dem neuen Beginne mit so viel mehr Nachdruck einfallen zu können, als eine tiefe, ruhige Stimme laut sagte:
»Die Kinder fort! Ich leide nicht, daß die hier zu solcher Schlechtigkeit gebraucht werden. Die Brasilianer sind den Deutschen so schon aufsässig genug; wir wollen ihnen nicht auch noch hier im Lande selber solche Früchte heranziehen!« — Als sich die Zuschauer erstaunt nach der Stimme umsahen, erkannten sie den Director Sarno, der eben einem Polizeidiener oder Wächter den Befehl gab, das weitere Auftreten der Kinder zu verhindern. Dieser schritt auch ohne Weiteres der Bühne zu und beorderte »Guido und Isabella«, sich zurückzuziehen, als Bux wüthend auf ihn eindrang und sein Recht behaupten wollte, hier in seinem Locale undmitseiner Familie zu treiben, was ihm beliebe.
Der Schneider, welcher seinen Platz auf der ersten Bank hatte, war rasch aufgesprungen als er den Director hörte, um Buttlich herbeizurufen, und der Wirth erschien auch fast augenblicklich, den Künstler, kraft seines Freibriefes, gegen die »Willkürlichkeiten des Directors« in Schutz zu nehmen. Jetzt aber mischte sich das Publicum in die Verhandlungen, und besonders waren es die Frauen, die zuerst des Directors Partei nahmen.
»Er hat Recht, der Herr Director,« riefen sie; »es ist ein Skandal und sollte nicht erlaubt werden! Schickt die armen Kinder in die Schule oder auf eine Chagra, daß sie 'was lernen, was sie zum Leben brauchen!«
»Ich kann mit meinen Kindern machen was ich will,« schrie Bux dazwischen, »und kein Mensch hat mir ein Wort zu sagen!«
»So, mein Bursche?« rief der alte Bauer — »das ist aber doch vielleicht ein Irrthum; denn wenn wir hier frische Leute und Kräfte in's Land bekommen, so liegt uns auch daran, daß sie uns keine Schande machen, und wo wir merken, daß das doch geschehen könnte, da wär's doch sonderbar, wenn wir nicht auch noch ein Wort mit drein zu reden hätten!«
»Ich kann meine Kinder tanzen lassen, wo ich will,« schrie Bux wieder, durch den neuen Widerspruch gereizt.
»Das weiß ich nicht,« sagte der alte Bauer, indem er ruhig von seinem Sitze aufstand; »ich denke mir aber, wenn Dir Niemand weiter zusieht, wirst Du's von selber bleiben lassen. Deshalb, Landsleute, wenn Ihr meinem Rathe folgt, so laßt Ihr den Menschen hier seinen Unfug treiben, seht ihm aber nicht auch noch zu. Ich wenigstens habe die Sprünge und Dummheiten satt, und wenn ihn Niemand mehr dafür bezahlt, bekommen die armen Kinder schon von selber Ruhe!« — und damit setzte er seinen Hut auf und schritt dem Ausgange zu.
»Das ist wahr, das ist recht!« riefen die Frauen und einige junge Burschen; »es ist eine Schande, nur dabei zu sitzen!«
»Ihr werdet Euch doch nicht von einem Polizeidiener in's Bockshorn jagen lassen?« schrie jetzt der Schneider dazwischen, der das Weglaufen der Leute auch theilweise mit als eine Beleidigung gegensichbetrachtete, weilerja die Decoration gemalt hatte. »Wir sind hier in unserem Rechte, und ich will Den sehen, der uns Etwas hier zu sagen oder zu befehlen hat!«
»Du kannst da bleiben, Schneider,« sagte der Bauer ruhig, indem er den Kopf über die Schulter nach Justus Kernbeutel hindrehte, »von Dir erwartet es auch Niemand anders!« — und mit den Worten verließ er das Haus.
Ein paar der jungen Leute zögerten noch; sie hatten ihr Geld bezahlt, und wollten doch eigentlich auch noch gern genießen, was hier zu sehen war; da aber alle Anderen gingen, mochten sie auch wieder nicht allein zurückbleiben, und ehe zehn Minuten vergangen waren, hatten sämmtliche Zuschauer den Platz geräumt, und in der That den Schneider allein als Publicum in dem öden Raume zurückgelassen. Selbst der Polizeidiener war gegangen, als er sah daß die Colonisten die Sache selber in die Hand nahmen.
Director Sarno hatte ebenfalls die Hütte verlassen, sobald er nur den Befehl gegeben, die Kinder von der Bühne zu entfernen, und wollte gerade nach seiner eigenen Wohnung zurückgehen, als ihn Jeremias einholte und, ohne weitere Umstände seinen Arm ergreifend, sagte:
»Der Teufel ist los, Herr Director, und die Bombe ist geplatzt!«
»Und was giebt's nun wieder?« fragte Sarno ruhig, und dann nach der Landung hinunter horchend, fuhr er fort — »was ist denn das für ein Lärm da unten, Jeremias?«
»Das ist ja eben die Bombe,« sagte der kleine Bursche — »der neue Director mit einem ganzen Schwarm brauner und schwarzer Soldaten, die man bei uns zu Hause alle für Geld könnte sehen lassen.«
»DerneueDirector,« lächelte Sarno — »und woher weißtDudas?«
»Eben ist das Dampfschiff hereingekommen,« versicherte Jeremias — »gerade von Santa Catharina — und der Director ist mit den Booten unten von der kleinen Barre heraufgekommen, weil der Fluß jetzt so niedrig ist, und der Bodenlos hat einen Bekannten dabei getroffen, einen Deutschen, und der hat ihm die Geschichte erzählt. Der neue Director logirt bei dem Baron, und die Soldaten sind mitgeschickt, daß uns die Indianer hier nicht die Hälse abschneiden sollen.«
»So?« sagte Sarno ruhig und schritt auf sein Haus zu — »komm' mit, Jeremias, vielleicht giebt es Etwas zu besorgen« — und ohne weiter eine Frage an seinen Begleiter zu richten, setzte er seinen Weg fort. — Der neue Director? Er hatte etwas Ähnliches schon lange erwartet, wenn auch freilich in anderer Weise, und lange schon gewünscht, dieses lästigen, undankbaren Postens enthoben zu sein, und trotzdem war es ihm doch ein bitteres Gefühl, sich zu denken, daß er für so vollkommen entbehrlich gehalten wurde, seine Arbeit ohne weitere Umstände durch einen Andern — er wußte ja noch nicht einmal, durch wen — fortgeführt und sich bei Seite geworfen zu sehen.
Er stand, mit diesen Gedanken beschäftigt, vor seinem Hause, ehe er selbst recht wußte, wie er dahin gekommen. Die Entscheidung ließ aber auch nicht lange auf sich warten, denn selbst vor seiner Thür fand er einen der brasilianischen Soldaten in blauer Uniformjacke, Sommerhosen und bloßen Füßen, der ein Schreiben in der Hand hielt und auf Jemanden zu warten schien.
»Zu wem willst Du?« fragte er ihn.
»Senhor Sarno.«
»Der bin ich selber.«
»Brief abzugeben,« sagte der Soldat und reichte ihm das Schreiben.
»Weiter Nichts?«
Der Bursche hielt es nicht einmal der Mühe werth zu antworten, schüttelte nur mit dem Kopf und schlenderte dann pfeifend die Straße wieder hinab.
Jeremias sah ihm nach und sagte dann kopfschüttelnd:
»Hübsche Kerle — jetzt können wir nur unsere Häuser und Kasten zuschließen, denn wodieBande hinkommt, hört der Friede auf.«
Sarno war vor ihm her in sein Zimmer gegangen, und brach dort das Schreiben auf. Es enthielt, wie Jeremias schon ganz richtig gemeldet hatte, seine einfache Entlassung als Director der Colonie Santa Clara, ohne irgend welchen Grund dafür anzugeben, wie außerdem die Anzeige, daß Baron von Reitschen als neuer Director von dem nämlichen Tage an, an welchem er die Colonie betreten, in seine Stellung einrücken würde. Weiteres werde Herr von Reitschen selber mit ihm besprechen, und Acten wie Casse von ihm übernehmen.
»Also abgesetzt,« lachte Sarno bitter vor sich hin, als er das Papier auf den Tisch warf — »und mit verwünscht wenig Umständen, wie es scheint.«
»Das ist Alles bei der Frau Gräfin gekocht,« sagte da Jeremias, der, von dem Director vollkommen unbeachtet, diesem in das Zimmer gefolgt war — »dorten haben sie's gebraut.«
Sarno sah sich rasch nach dem Redenden um.
»Gebraut? Was?«
»Die Eingabe nach Santa Catharina und die ganze andere Geschichte. Der Herr von Pulteleben hat's geschrieben und vorgelesen, und nachher wurd' es unterzeichnet und fortgeschickt, im ganzen Orte herum. Selbst der Lump, der Justus, und der Schuft, der seine Frau und Kinder immer prügelt und mit dem Bösen im Bunde steht, hat seinen Namen mit drauf setzen müssen.«
»Neben den der Frau Gräfin?« lächelte Sarno.
»Nun, ein Stückchen weiter unten,« sagte Jeremias — »und mich wollten sie auch dazu haben, aber ich denke, der Herr von Pulteleben bleibt künftig bei seinen Cigarren und läßtmichungeschoren.«
»Die Fabrikation geht gut?« lächelte Sarno.
Jeremias pfiff blos leise vor sich hin, schob beide Hände in die Taschen und verließ, seinen Hut noch immer unter den Arm geklemmt, das Zimmer, kehrte aber augenblicklich wieder zurück und meldete: »'s ist ein fremder Herr draußen, der den Herrn Director zu sehen wünscht,« und dabei überreichte er Sarno eine Karte, auf der nur die Worte standen: Ferdinand von Reitschen.
»Wird mir sehr angenehm sein,« sagte Sarno, die Karte auf den Tisch werfend.
»DerNeue, nicht wahr?« fragte Jeremias, indem er Sarno mit den Augen zublinzelte. Dieser lächelte und nickte, und der kleine Bursche ließ gleich darauf den Baron von Reitschen in das Zimmer.
»Mein werther Herr,« sagte dieser, indem er rasch auf Sarno zuging und seine Hand ergriff — »ich muß tausendmal um Entschuldigung bitten, Sie noch in meinen Reisekleidern aufgesucht zu haben, aber die eigenthümlichen Umstände, unter denen ich hier…«
»Bitte, machen Sie keine Umschweife,« unterbrach ihn Sarno ruhig, indem er ihm einen Stuhl hinrückte — »dem eben erhaltenen Schreiben nach habe ich das Vergnügen, in Ihnen den neuen Director der Colonie zu sehen, und da ich von dem Augenblicke Ihres Eintreffens an, mein Amt in Ihre Hände niederlege, so versteht es sich von selbst, daß wir alles Geschäftliche so rasch wie irgend möglich erledigen. Aus diesem Grunde schon kann ich Ihnen nur dankbar sein, eine für beide Theile nicht angenehme Sache, so bald es eben angeht, zu beseitigen.«
»Ich bitte, mich um Gottes Willen nicht falsch zu verstehen!« rief Herr von Reitschen rasch — »Sie glauben doch sicherlich nicht, daß ich schon in der ersten Stunde auf etwas Derartiges dringen wollte. Nehmen Sie sich ja Zeit, mein lieber Herr — nein, ich kam eigentlich heute Nachmittag nur her, um Sie um Ihren Rath und wo möglich Ihren — Beistand zu bitten.«
»In was, wenn ich fragen darf?«
»Sie wissen, daß Se. Excellenz eine kleine Abtheilung Militär hieher beordert hat.«
»Ich habe es wenigstens heute erfahren, wenn ich auch eigentlich nicht recht begreife, zu welchem Zweck.«
»Die Indianer haben sich in der letzten Zeit wieder so frech gezeigt.«
»Hier bei uns?«
»Nun, doch in der Nachbarschaft,« sagte Herr von Reitschen etwas verlegen — »wenigstens liefen dahin lautende Berichte bei dem Präsidenten ein.«
»Dahin lautende Berichte hätten doch eigentlich vonmirausgehen müssen« sagte Sarno ruhig — »und ich weiß Nichts davon.«
»Sie haben sich in der Nähe sehen lassen, so viel ist sicher, und Sie wissen selber, daß es zu spät ist Vorsichtsmaßregeln zu treffen, wenn sie erst da sind.«
»Ihre Excellenz ist sehr besorgt um das Wohl der Colonie und hat uns davon schon viele Beweise gegeben.«
»IhreExcellenz?« sagte Herr von Reitschen etwas verblüfft.
»OderSeine,das bleibt sich ja gleich; doch bitte, zur Sache, denn Sie wissen ja doch, daß ich weder mit den Indianern noch mit den Soldaten weiter Etwas zu thun habe.«
»Es handelt sich jetzt darum, sie unterzubringen, bis passende Wohnungen für sie gebaut werden können,« sagte Herr von Reitschen, dem selber daran lag, das Gespräch abzubrechen — »ich bin hier noch zu fremd, und Sie können mir gewiß am Besten die Mittel und Wege…«
»Da bedauere ich doch sehr,« unterbrach ihn Sarno ruhig — »ich selber halte brasilianisches Militär hier zwischen den deutschen Colonisten nicht allein für ganz überflüssig, sondern sogar noch für vollkommen verderblich, und würdeniedie Hand oder meine Hülfe dazu bieten, es hier unterzubringen, selbstwennich noch Director wäre.«
»Aber der bestimmte Befehl des Präsidenten.«
»Sie vergessen, verehrter Herr,« lächelte Sarno, »daßmirSe.Excellenz Nichts mehr zu befehlen hat.«
»Mißverstehen Sie mich nicht,« sagte Herr von Reitschen rasch — »in dieser Angelegenheit würde ich es nur als eine mir persönlich erwiesene Gefälligkeit betrachten.«
»Ich bedaure dann recht sehr, Ihnen diese nicht leisten zu können,« sagte Sarno kalt; »kann ich Ihnen vielleicht mit etwas Anderm dienen?«
»Ich danke Ihnen; mit Nichts was ich augenblicklich wüßte,« sagte Herr von Reitschen, und hielt seine Unterlippe mit den Zähnen.
»Dann ersuche ich Sie nur,« fuhr Sarno fort, »sich morgen um zehn Uhr zu mir zu bemühen, um die Directionspapiere zu übernehmen. Sie wohnen?«
»Bei Baron Jeorgy.«
»Es ist sonst«, lächelte Sarno, »bei einer Entlassung von Dienstboten wohl Sitte, ihnen eine vierwöchentliche Kündigungsfrist zu stellen, ich werde aber dieses »Dienstbotenrecht« nicht für mich beanspruchen, Herr Baron, und hoffe, Ihnen das Directionsgebäude übermorgen früh zur Verfügung stellen zu können.«
»Aber solche Eile ist ja gar nicht nöthig.«
»Doch vielleicht — bis wann verläßt der Dampfer Santa Clara wieder?«
»Er — hat Ordre, zu warten, bis Sie bereit seien, falls Sie ihn zur Abreise benutzen wollten.«
»Nun, sehen Sie,« sagte Sarno, indem ein ironisches Lächeln um seine Lippen zuckte — »ich darf die Güte der Regierung doch nicht mißbrauchen — der Dampfer ist nach Rio bestimmt?«
»Ja«
»Sehr schön; in einigen Tagen denke ich ihn zu benutzen, übermorgen aber werde ich jedenfalls hier ausziehen, und meine Wohnung indessen im Gasthofe nehmen.«
»Es ist das wirklich nicht nöthig — ich bin bei dem Baron vortrefflich aufgehoben.«
»Ich glaube, die Sache ist damit abgemacht.«
»Wenn Sie es nicht anders wollen — so habe ich die Ehre, mich Ihnen gehorsamst zu empfehlen.«
Sarno verbeugte sich höflich, aber kalt gegen den Baron, und dieser verließ rasch das Zimmer, hatte aber kaum die Treppe betreten, als ein Brett unter seinen Füßen nachgab und er polternd die ziemlich steilen achtzehn Stufen mit einem furchtbaren Lärm hinab kollerte.
»Der Herr scheinen die neuen Colonietreppen noch nicht gewöhnt zu sein,« sagte Jeremias, der unten an der Treppe stand und mit einer seiner zierlichsten Verbeugungen den Hut abnahm — »haben sich doch nicht etwa Ihre werthen Arme oder Beine gebrochen?«
»Verfluchte Treppe!« brummte Herr von Reitschen, indem er sich kaum vom Boden zu heben vermochte, ohne daß ihm Jeremias jedoch die geringste Hülfe geleistet hätte — »eine schöne Ordnung hier im Hause, daß man nicht einmal sicher die Stiege betreten kann!«
»Schade um die hübsche Hose,« sagte Jeremias, auf das zerrissene Kleidungsstück deutend — »aber wenn's Bein nur ganz ist.«
Der neue Director hörte ihn nicht mehr und verließ hinkend das Haus, Jeremias aber stieg, vergnügt vor sich hin pfeifend, die Treppe wieder hinauf, holte dort einen Hammer und Holzstift, welcher letztere genau in die Stelle paßte, wo einer im Seitenbret fehlte, und hatte den Schaden in wenigen Minuten vollständig ausgebessert.
Der nächste Tag war ein lebendiger in der Colonie, denn während Sarno mit Herrn von Reitschen in dem Directionsgebäude arbeitete und wirthschaftete, schien indessen jede wirkliche Beschäftigung in dem Städtchen aufgegeben zu sein, und die Männer schlenderten in den Straßen herum oder saßen in den Wirthshäusern, theils die neuen Soldaten zu betrachten, theils sich ihre Bemerkungen über diesen, Keinem willkommenen Zuwachs mitzutheilen.
Und was war jetzt der neue Director für ein Mann, und weshalb hatte man ihnen den alten eigentlich nicht gelassen? Jetzt, da sie ihn verlieren sollten, fiel ihnen auf einmal Allen ein, daß er doch ein ganz tüchtiger und braver Mann gewesen, der es mit den Colonisten wirklich gut gemeint, und wie sich der neue zu diesen stellen werde, wußte man ja noch gar nicht. Außerdem war er ein Baron, kein Bürgerlicher, wie Sarno, und hatte sich auch gleich bei dem Baron Jeorgy einquartiert — weshalb ging er nicht in's Gasthaus, meinte Bohlos, denn wozu wären denn die Gasthäuser eigentlich da, wenn die Fremden nicht darin wohnen wollten?
Die vorläufige Unterbringung der Soldaten hatte ebenfalls ihre Schwierigkeit, denn kein Deutscher wollte diese Burschen, die nirgends in dem besten Rufe stehen und außerdem entsetzlich schmutzig und roh sind, in Quartier nehmen. Es blieb also zuletzt in der That nichts Anderes übrig, als sie vor der Hand in das Auswanderungshaus zu legen, obgleich hier schon zwei aus einer andern Colonie herübergekommene Familien einquartiert lagen. Den Colonisten wurden indessen von Herrn von Reitschen bedeutet, daß es nur für ganz kurze Zeit sei, da die Leute selber schon am nächsten Tage daran gehen sollten, Hütten für sich in der Nähe des Flusses zu errichten.
Nachmittags vier Uhr hatte Sarno seine Geschäfte mit dem neuen Director, so weit das bis zur vollständigen Übernahme geschehen konnte, beendet, als Könnern, der einen kleinen Ausflug in das innere Land gemacht, vor seiner Thür hielt, abstieg und zu Sarno hinauf ging.
»Sie kommen gerade recht,« rief ihm dieser lachend entgegen, »um Ihr eigenes Gepäck zusammen zu packen und mit mir auszuziehen. Wir sind Beide auf die Straße gesetzt.«
»Also ist es wirklich wahr?« sagte Könnern kopfschüttelnd — »ich hatte schon draußen vor dem Orte davon gehört, und der Herr, der mir da eben in der Thür begegnete…«
»Ist der neue Director, Herr von Reitschen.«
»Sein Gesicht gefällt mir nicht besonders — doch was thut das —ichwerde mit dem Herrn in keine nähere Berührung kommen. Aber ist Schwartzau noch nicht zurück?«
»Noch nicht, doch kann er jeden Tag eintreffen, denn wir haben die letzten drei Tage einen festen Süder gehabt, der eine ganze kleine Flotte von Schoonern in den Fluß gebracht — und geschrieben hat er, daß er kommt. Apropos, Könnern, gehen Sie mit nach Rio?«
»Wann?«
»Jetzt — morgen oder übermorgen.«
Könnern hatte die Arme untergeschlagen und ging mit langsamen Schritten im Zimmer auf und ab; er beantwortete auch eine Zeit lang die Frage nicht; endlich sagte er leise: »Ich kann nicht — ich kann wenigstens jetzt noch nicht, bis sich mein Schicksal hier entschieden hat.«
»Könnern, Könnern, nehmen Sie sich in Acht!«
»Ihre Warnung kommt zu spät,« sagte der junge Mann, indem er vor Sarno stehen blieb und ihm treuherzig in's Auge sah.
»Und sind Sie schon so weit?«
»Weit?« seufzte Könnern; »ich stehe an der nämlichen Stelle, wo ich vor vier Wochen stand — ich habe Elisen seit jenem Tage, an dem ich zum ersten Male ihren Garten betrat, nicht wieder gesehen, also auchnieallein sprechen können, denn der Alte hütet sie ordentlich vor mir, und hat mich schon ein Dutzend Male von seiner Thür zurückgewiesen. Aber ich bin jetzt entschlossen, dem ein Ende zu machen. Ich glaube daß Elise mich wieder liebt, und ist dem so, dann können die Eltern keinen Grund haben, sie mir zu verweigern; ich bin vollkommen unabhängig und kann eine Frau ernähren.«
»Sie wissen, daß Meier ausverkaufen und von hier fortziehen will?« fragte Sarno.
»Kein Wort!« rief Könnern rasch.
»Er steht schon über seine Chagra in Unterhandlung, und zwar durch eine Mittelsperson, mit jenem Pulteleben, der bei der Frau Gräfin wohnt. Ich weiß es genau, und glaube jetzt fest, daßSiedie Ursache sind, die ihn hier forttreibt.«
»Es wäre entsetzlich wenn Sie Recht hätten!« sagte Könnern scheu; »und doch fürchte auch ich fast, daß dem so ist, denn welcher andere Grund könnte den Mann aus seiner freundlichen Häuslichkeit treiben.«
»Es wäre das wenigstens ein Zeichen, daß das Mädchen auch Sie liebt, und etwas Ähnliches den Eltern vielleicht erklärt hat. Sonst weiß ich nicht, weshalb eine solche Maßregel nöthig wäre. Ein Vater kann doch nicht immer gleich die ganze Gegend verlassen, wenn Jemand um seine Tochter anhält, der ihm aus dem einen oder andern Grunde nicht genehm ist.«