Chapter 5

Die Sterne thaten überaus geschäftig,Sie regten sich, und hatten ihr Begehn,Sie blinkten gar so silbern, frühlingskräftig;Doch ach, wer hatte Zeit hinauf zu sehn?An Ihrer treuen Brust so treu geborgenVerweilt’ ich bei ihr, lang’ und gern;Drauf scheidend, brannte nur im PurpurmorgenDer Morgenstern.

Die Sterne thaten überaus geschäftig,

Sie regten sich, und hatten ihr Begehn,

Sie blinkten gar so silbern, frühlingskräftig;

Doch ach, wer hatte Zeit hinauf zu sehn?

An Ihrer treuen Brust so treu geborgen

Verweilt’ ich bei ihr, lang’ und gern;

Drauf scheidend, brannte nur im Purpurmorgen

Der Morgenstern.

Sind nun die Sterne wieder so geschäftig,Da mein’ ich, müßt’ ich wieder zu ihr gehn!Sie blinken ja so silbern, frühlingskräftig,Doch ach, nun hab’ ich Zeit hinauf zu sehn!Die treue Brust, die mich so treu geborgen,Der holde Geist ist ewig fern!Und weinend findet mich am PurpurmorgenDer Morgenstern.

Sind nun die Sterne wieder so geschäftig,

Da mein’ ich, müßt’ ich wieder zu ihr gehn!

Sie blinken ja so silbern, frühlingskräftig,

Doch ach, nun hab’ ich Zeit hinauf zu sehn!

Die treue Brust, die mich so treu geborgen,

Der holde Geist ist ewig fern!

Und weinend findet mich am Purpurmorgen

Der Morgenstern.

Und thut der Stern so überaus geschäftig,Und regt er sich, und hat er sein Begehn,Da mein’ ich holdgetrogen, liebekräftig:Ich war bei ihr! ich habe sie gesehn! —„Du hast sie jetzt gesehn!“ so raunt’s verborgen —Dann seh’ ich Sie! und seh’ so gern:Sie ist’s! das schöne Licht im Purpurmorgen:Der Morgenstern!

Und thut der Stern so überaus geschäftig,

Und regt er sich, und hat er sein Begehn,

Da mein’ ich holdgetrogen, liebekräftig:

Ich war bei ihr! ich habe sie gesehn! —

„Du hast sie jetzt gesehn!“ so raunt’s verborgen —

Dann seh’ ich Sie! und seh’ so gern:

Sie ist’s! das schöne Licht im Purpurmorgen:

Der Morgenstern!

SteinkohlenwerkAloa, am heiligen Dreikönigstage 1821.

Gestern brachte mir Mstr. Oldham einen Brief von Dr. Toland in den Schacht; und ich las ihn entfernt von den andern Arbeitern in einer Seitenhalle bei meinem einsamen Grubenlicht. Den Brief muß ich eintragen, und schreibe also Folgendes noch einmal selber an mich.

SchloßRowlandhill, Neujahrstag 1821.

Guter Lambton!

Ihr arbeitet in der Grube ohne Mond und Sterne, Ich unter dem hellen Himmel im Sonnenschein, und auch die Sterne fehlen nicht, auch nicht günstige. Mein Werk ist halb gethan. Doch vom Anfang ist anzufangen. Ihr wißt, Was ich sage, ist immer aufrichtig; aber ich sage nicht immer Alles. Das hab’ ich mir an dem Krankenbett angewöhnt, wo die Anverwandten uns Doctoren beständig um das Prognostikon plagen. Auch Lisanna war krank, recht krank, als Ihr Euch uns entzogt. So stellte ich Ihr nun das Prognostikon: es werde so gut für Sie und Euch. „Wenn es nur gut für Ihn,“ seufzte sie, „bin ich zufrieden, und will leiden, meiden und schweigen.“ Das Recept, worin ich für ihre Sehnsucht, als Basis, ihr Vater und Mutter verschrieben, schlug vortrefflich an; das Adjuvans war ein Mann, und das Bindemittel der Fenchelzucker der „guten Hoffnung.“ Also noch in Forth, auf, einem Spaziergange vor die Stadt, landeinwärts, begegnete ich Sir Horazio zu Pferde. Er war stark geritten, hielt seinen Hut in der Linken, und rieb sich mit dem gelbseidenen chinesischen Tuche die wenigen schwarzen Haare zusammen, und trocknete sich den Schweiß von seiner hohen Stirn. Daran schon erkannt’ ich ihn, trat ihm in den Weg und sagte: „Ich bin Doctor Toland.“ — Er hielt, und erkannte mich, da ich früher sein Hausarzt gewesen war. Ich sagte ihm nun mündlich, daß Ich ihm seine Tochter, seine Elisa, die verlorne, wiederbringe. Er blinzte mit den Augen. „Wie wird sich meine Theano freuen — wenn es wahr ist!“ war seine Freude: dann war er beinahe kalt, ernst, und ging sehr vorsichtig zu Werke, welches ein Rechtschaffener jedem gern gestatten kann. Zu uns eintretend, grüßte er nur leicht Lisanna, der ich Namen, Wohnort,Stand und Vermögen ihrer Eltern bisher alles verschwiegen hatte. Ich verzieh ihm den leichten Gruß, und Elisa dankte ihm nicht einmal, denn sie war eingeschlafen. Sie lehnte rückwärts mit dem Köpfchen an der Tapetenwand, und saß ihrem Vater gleichsam Probe. Während er erröthete, erblaßte, auf die Lippen biß, die Augen fest zudrückte, und warm und kalt anzufühlen war, legt’ ich ihm Roßborn’s Zeugniß und Aufnahme der Aussage der Russel vor. Er bezweifelte die Wahrheit ihrer Worte, ja er mochte wohl glauben, es sei dieselbe Russel nicht. Ich zeigte ihm das Bild unserer Russel, den schönen Kopf von Clarke gemalt, und die Treue und Aehnlichkeit desselben gestempelten Bildes mit der in der Rauchkammer krank gewordenen Russel, gleichfalls beglaubigt von Roßborn und Patrik. Horazio stieß ihr mit der Faust in’s Gesicht, welches mit keinem Auge blinkte, keine Miene verzog, sondern ohne Furcht ihn ansah. So etwas macht Eindruck. — „Warum gestehst du jetzt erst, alter Satan!“ redete er sie an, „da Theano dich umsonst beschworen, da ich Dir vielleicht Verzeihung ausgewirkt, Dir noch 10,000 Pfund gegeben hätte, wenn Du meiner Theano ihr Kind wiedergabst!“ — Wer ein Gespräch gern erlöschen sehen will, der darf nur nicht antworten; und so that die Russel. Dafür entgegnete Ich ihm: Glauben Sie einem Doctor, Sir Horazio, daß vor dem Tode mancher Menschen die Zunge Dinge verräth, welchen der Tod nur Strick und Schwert erspart. Der Mensch braucht dann Vergebung — und vergiebt. Er muß alles geraubte, unrecht erworbene Gut zurücklassen — und er giebt es von selbst wieder, um Ersatz zu leisten. Er hofft die Seinigen wiederzusehen, und erfreut beraubte Eltern mit den Ihrigen! Vieles, vieles, und grade das Schwerste, das Ungeheuerste kommt freilich niemals an die Sonne! und kein Mensch erfährt es! Das hab’ ich auch gesehen inKrankheiten und Todeskämpfen; aber ich habe auch gesehen, daß sich die Menschen mit verborgener Sünde die Seele vergiften, daß gegen diese Aqua Toffana kein Mittel ist, und daß leider Viele, Viele daran sterben. — „Sie ist ja aber nicht gestorben! les’ ich;“ warf mir Sir Horazio ein. — In der Welt der Täuschungen gilt der Wahn für die Wahrheit; man macht auch Testamente auf den Todesfall — Schenkungen unter den Lebendigen; begegnet’ ich ihm. Dabei hielt ich Sir Samuel’s Bild in den Händen, dem er Elisa’s Erziehung und sie selbst jetzthauptsächlich zu danken habe. — Er that einen wunderlichen Blick darauf, und vor Zorn und Mitleid, Haß und Neigung traten ihm die Thränen in die Augen. Er deckte das daneben liegende Bild darauf, Lambton, es war das Eure! und als er Euch nun sah, tief er aus: „Eine schöne Gesellschaft Menschen! Das ist der reisesüchtige Thor, der, um seine Lust zu befriedigen, ein Mädchen um ihre Erbschaft, und dadurch um einen Mann gebracht, und sich um die Schule und meine Gunst; und nur auf Theano’s wunderliche Fürbitte habe ich ihn nicht lassen in die Zeitung setzen, wie noch geschehen kann!“ — Ihr seht, mein unschuldiger Lambton, es möchte also nur Ein Mittel geben, Euch wieder zu Eurer Stelle zu helfen; und Sir Samuel, wohlweise, und die vornehme Welt kennend, hat es mir vorgeschrieben. Das ist mir desto lieber; denn es schmeckt nicht ganz süß, und dauert mich einzugeben. Aber das Mittel, das anschlägt, ist dem Doctor unschätzbar, wenn er ein Menschenfreund ist, wie Ihr mich immer zu nennen beliebt. — „Viel Anstalten! viel Auslagen! klug ersonnen! aber die niedergelegte Summe ist auch nicht klein;“ murmelte Sir Horazio. Ich machte die Thür auf, um ihn die Treppe hinunter zu werfen, und faßte ihn schon beim Kragen. Der Lärm erweckte Lisanna, und ein Blick auf sie ließ mich meineHitze bereuen. Sie sprang auf, sie stand, sie kam auf uns zu und rief ängstlich: „Was beginnt Ihr?“ — Sir Horazio sahe ihre Bewegung, ihren Wuchs, ihre Stellung und hörte ihre Stimme, ja grade diese Worte mit sichtbarem Erstaunen. Er nahm den Hut, schied übereilt, und sagte mir nur auf der Treppe: „Morgen nach London, Toland!“ —

Und so geschah’s. Dort erhielt Lisanna schöne Kleider, die sie noch einmal so schön machten. Auch als Doctor, und gerade als Doctor, der die Menschen alle für Stative, für nur überfleischte Todtengerippe ansieht, muß ich sagen: Der Putz ist wirklich kein leerer Schein! Der Häßliche mag sich schmücken und anziehen wie er will, der Schöne ist doch geputzt am schönsten, und schöner als er sonst selber! so wohlgeordnet jede Locke und jede Falte wohlgelegt! Und ist das Weib nicht immer so, kann sie doch immer wieder so schön sein — wenn sie sichwiederputzt. Ich sehe, der Putz ist den Frauen unentbehrlich, wenn sie Alles sein wollen, was sie können; und darum mag ihn keine entbehren, kein Mann ihn seiner Frau, kein Vater ihn seiner Tochter entbehren lassen. Kurz, Lambton, die vornehmen jungen Herren ritten und fuhren uns nach, selbst die Damen blieben stehen, und einige aus den 40,000 Jungfrauen riefen auch wohl bezaubert das „schöner Engel!“ ihr zu. Denn, wenn auch Lady Theano das große Bild „die Präsentation“ in Schloß Rowlandhill besitzt, so sind doch hin und wieder in London in reichen Häusern andere Gemälde desselben Meisters, zu welchem er das schöne, schöne Kind Elisa als Vorbild, oder Natur, wie die Maler sagen, benutzt, und sie als Engel hinein gemalt hat. Selbst mit der Krone, als das Kind, das Macbeth wahrsagt, hab’ ich sie sehen im Kessel stecken, über dem Feuer und unter den Hexen in Dampf undGlut. Solche Bilder nun zu sehen, fuhren wir in der Stadt hin und wieder. Horazio verglich dann Farbe des Haares, Colorit, Oval des Gesichts, Braun der Augen, Gliederung der Hand, und was weiß ich Alles mit ihr, doch ohne daß es Lisanna bemerkte, die ihren Vater nicht erkannte, so wenig, als den Maler L . w . . . ce, und nur mit gefalteten Händen und befremdeten Blicken vor den rührenden köstlichen Gemälden stand; besonders vor einem, worauf sie als des verlornen Sohnes kleine Schwester ihm unter der Treppe heimlich ihre Feige zusteckt, wie dem Lambton manchmal Nektarinen; und vor dem andern, worauf sie als Engel im Felde den Hirten große Freude verkündigt! — In den Zwischentagen habe ich Eure Kisten alle verkauft, die ich mir hatte aus Forth nach London nachkommen lassen. Das kostbare Herbarium vivum, die Sämereien, die gottgemalten und im Feuer der Natur vergoldeten Conchylien, die Incrustationen von den Bergen, die Versteinerungen, Mineralien, Schiefer, Asbest, gediegenes Eisen, Carneole, Basalte, Bergkrystall, Chrysolith, Jaspis und Marmorarten — Alles ist fort! Ich bin zufrieden 3010 Pfund dafür bekommen zu haben, was Ihr in Eurer Unwissenheit Alles zusammen gerafft und womit Ihr Euch oft die Taschen entzwei geschleppt habt. Ich schicke Euch davon 10 Pfund zu Kleidern; mehr kann ich nicht entbehren; denn ich habe eine Speculation.

Den Ausschlag für Lisanna’s Anerkennung gab endlich in der Christwoche ein Abendbesuch in Piccadilly bei den ausgestellten Spielsachen. Dieselben offenen Läden, dieselbe freundliche Alte, dieselben Spielsachen, diese ewigen Stereotypen der Natur für die ewige Kindheit auf Erden, da wunderlich und friedlich, schimmernd von Gold und Farben, lockend und schweigend beisammen, funkelnd in dem Glanz der Kerzen! Davor standen, ander Hand ihrer Mütter und Väter und Wärterinnen, die Kinder umher und erstaunten! Welches zusammengedrängte Leben! welche großen Gestalten, ja Riesen und riesenartig! denn sehen wir Großen in Wahrheit nicht Alles klein, selbst in sehr mäßiger Ferne? Sind wir nicht eigentlich die wahren Kinder? Indeß den noch mit der Täuschung der Ferne nicht bekannten im Natur-Scheine seligen Kindern erscheint ein Püppchen: ein wirklicher Mensch, ein Pferdchen: ein großes Pferd, ein Ziegenböckchen: ein hoher Bock, ein winziges Bäumchen: ein mächtiger Baum, ein Lämmchen: ein Lamm. O wie glücklich kann man die Kinder machen! glücklicher als sie je als — Menschen werden können. Ach, wer es kann, sollte es nicht versäumen, ihnenFreudezu machen, denn Freude ist des Lebens Kern, und sie klingt uns ewig nach aus der vergessenen Kindheit und giebt uns Kraft! Die ganze bunte Erde ist ihnen künftig keine Weihnachtsbude mehr! Aber jetzt, hier vor ihnen — Alles ist ihnen ja das, was sie sehen; esbedeutetes ihnen nicht bloß! es ist die Welt, ihre Welt, bequem, nahe, still, freundlich — und Alles ihr Eigenthum; Alles lebt, denn sie leihen ihm Leben in dem seligen Kindertraume. — Sollt’ ich mich wundern, wenn auch das ärmste, frierende Kind mit den Händchen langte nach den bewunderten Schätzen, geliebt von ihm, wie dereinst die Welt! Hatt’ ich nicht Lust zu weinen, wenn die arme Mutter, die ihm nur das Entzücken des Anstaunens hatte gewähren können, nun das weinende, schluchzende, zurück verlangende Kind forttrug, um nicht den Andern die Freude zu stören! Aber ich hatte nicht Zeit solchen zu kaufen, auch ist ihrer das Reich Gottes — ich hatte genug an Lisanna zu sehen, die selbst, wie ein Kind vor dem Himmel der Kinder stand, an dem sie lieben gelernt, und es nun konnte, aber vergessen zu haben schien.Sie war wie verwandelt und starrte und hörte, und scheute sich, anzurühren. So stand sie in tiefen Gedanken, wie nachsinnend und dann vom Traum erwachend, immer röther und röther, wie eine Rose im Morgenschein. Jetzt war der Moment gekommen; Sir Horazio, der sie bisher an der Hand gehalten, ließ sie los, und entfernte sich aufmerksam. Und mit unbeschreiblicher Angst wandte sie sich um, und rief auf einmal laut: „Vater! Vater!“ und trennte die Menge. Sie stand im Dunkeln abwärts allein, hielt die Hände vor das Gesicht und weinte bitterlich. Sir Horazio nahte sich ihr gerührt und überzeugt, und schloß das bewegte Kind in seine Arme. „Ja, Du bist es, Du bist Elisa, unsere Elisa,“ stöhnt’ er, vom langen Verhalten der wachsenden Freude wie ermüdet. „Vater, Vater!“ waren die letzten Worte, die in meine Seele durch die Dunkelheit drangen. „Vater, Vater!“ die ersten, die mir wieder in die Seele dringen.„Sei willkommen, sei tausend Mal willkommen, unser theueres einziges, lange, lang’ entbehrtes Kind! Wie wird sich Theano freuen!“ rief er — und versank in sich selbst. „Der Thor, der Samuel!“ sprach er, wie aus dem Traume. — Darauf war er wieder ernst, ja ernster als zuvor, und Lisanna, die an ihm hing, schien ihn zu belästigen.

Wie wir zu Hause im Zimmer auf- und abgingen, hatte Elisa schüchtern und kleinlaut in ihrem neuen Stand und Verhältniß, als Erbin einer schönen Baronie, sich in die Ecke, des Sofa’s gedrückt und war gewiß voll Hoffnungen und Erinnerungen eingeschlafen. Sie sprach bald im Traume losgerissene, herausperlende Worte aus ihrer Seele, die wie ein klarer Quell bis in den tiefsten Grund aufgeregt worden war. Ein sehnliches „Lambton!“ perlte herauf, und zerstob auf ihren halb geschlossenenLippen, so, daß es nur wieLammklang. Dann rief sie hastig: „Mutter! — Mutter!“ und innerlich weinte sie sehr, aber die Thränen flossen nur bis auf die halbe Wange. Wir traten theilnehmend und innig gerührt vor das liebe Kind, und sahen dem Schlafwandeln ihres Geistes in seiner stillen Werkstatt zu. Die Seele ist ja der Traum des Gehirns. Wie wir bald sie, bald uns ansahen, streckte sie die Arme aus, und rief, wie aus weiter Ferne: „Sir Samuel! — Sir Samuel!“ — Der bange Laut ihrer Stimme, der Name selbst empörten Horazio. — „Ja, rufe nur Samuel! Samuel!“ sprach er leise, aber desto schauerlicher; — „du weißt nicht,Wendu rufst! Das hat er angerichtet: die Eifersucht bestraft sich selbst! O daß sie auch nur sich quälte! Doch leider, ist’s nicht so. Wir Alle haben gelitten; selbst die Armen, um die wir uns nicht kümmerten in unserer eigenen Angst! Es giebt Menschen, die aus Uebermaß ihres Glücks, vielleicht bei überwiegender Phantasie, die immer zur Wehmuth neigt, eine herzerquickende Freude, ein ihnen eigenes Entzücken darin finden, in Eifersucht zu schwelgen! In diesem süßen Gefühl versäuert sie endlich und wird Gift. Die Wahrheit hält sie für Lüge, Entschuldigung für Frechheit, nur ihren Schmerz und Wahn für wohlbegründet! Sonst hätte Sir Samuel nicht Theano für Desdemona gehalten — aber, o daß er es hätte! dann hätt’ er nicht rasend zum Kopfkissen des Othello gegriffen! Da kauft’ ich das göttliche Weib um jeden Preis ihm ab, Ihr Leben zu sichern und seines — meines verirrten Freundes! Aber die Scene hatte Zeugen herbeigerufen, das „was beginnt Ihr?“ war erschollen, und obgleich Theano alles aufbot, ihn zu retten, und außer Besinnung vor den lächelnden Richtern bekannte, daß Er sie doch habe dasVaterunser beten lassen, was gerade gegen ihn zeugte, als sie bekannte, daß Elisa“ — —

Da bewegte sich unsre Elisa schmerzlich im Schlafe, rang sich mit der Russel, jammerte laut, erwachte darüber, wie ein Kranker und — störte uns.

Doch weiter! Sir Horazio hatte beschlossen, Elisa seiner Theano zum heiligen Christ zu bescheren; ja, sie sollte sich selbst als der Engel ihr wieder bescheren. Dazu ließ er ihr ein schneeweißes Gewand, große goldene Flügel, ein Sternendiadem aus Juwelen, einen Gürtel und eine künstliche duftende Lilie machen. Ich selbst ward zum Knecht Ruprecht ausstaffirt, um auch dabei zu sein. Devisen wurden gedruckt und in vergoldete Nüsse gesteckt; Lisanna’s Kinderkleidchen, welche ihr die Russel mitgegeben, wurden noch einmal gewaschen, geplättet und gefaltet; ihr Amulet an der Halskette ward in einem goldenen Apfel verborgen, der bei’m Anfassen des Stieles sich aufthat. Ehe dieß Alles fertig war, stellte mir Sir Horazio die Anweisung der Prämie für die Wiederbringung der Tochter aus — au porteur — und ich erhob 15 bis 16,000 Pfund mit Einer Hand, ja mit zwei Fingern. Bin ich nicht ein starker Mann? Spart Eure Bewunderung, Seufzer und Thränen! Denn nun reiseten wir nach Rowlandhill, und trafen in der Dämmerung des heiligen Christabends dort ein. Der Schnee flimmerte in blitzenden Sternchen vor den Hügeln, Christbäume brannten in den Stuben, und die Kinder jubelten um sie her. Wir sahen Licht im Schlosse. „Das ist in Elisa’s Zimmer!“ sagte Sir Horazio. „Nur alle heilige Christabende wird es geöffnet und betreten. Da steht in der Mitte derselbe Christbaum! Da werden dieselben Wachskerzen ein Viertelstündchen angezündet, die endlich niedergebrannt, dieß Jahr,heut! kaum noch ihr letztes Viertelstündchen leuchten; da stehen die Spielsachen umher aufgeputzt, die das Kind erwarteten, das ich bringen sollte und verlor. Da liegen die Puppen, wie weinend um sie, auf dem Gesichte, und der Nußknacker macht sein erstauntes Gesicht, und die Engel halten ihre Schrift über der Erscheinung des Kindes: Gloria in Excelsis Deo! während die Hirten niederfallen und anbeten, der Morgenstern über dem Hause stehen bleibt, die heiligen Drei Könige erscheinen, worunter der Mohrenkönig ist, und selbst Oechslein und Eselein an der Krippe sich wundern. Nun: Gloria in Excelsis Deo!“ rief er aus. In einiger Entfernung stiegen wir ab; ich trug meine Sachen, Sir Horazio Lisanna’s, die wie im Traume wandelte. So schlichen wir in das Schloß, auf die Zimmer. Marion ward gerufen und bedeutet. Sie half Lisanna als Engel kleiden, mir half Sir Horazio in den Knecht Ruprecht fahren. Marion brachte Nachricht, Lady Theano sitze in Miß Elisa’s Zimmer vor dem brennenden Christbaum, und träume: ihr Kind zu erwarten! Sie könne es nicht mehr ansehen!

„Da kommen wir recht!“ flüsterte Horazio. So gingen wir. Elisa zitterte, daß sie fast die Bescherung aus den Händen verlor. So traten wir ein. Wir konnten uns nicht der Thränen enthalten, als Elisa inihrem funkelnden Diadem, ihren goldenen, jetzt blitzenden Flügeln leise und schüchtern näher, und nahe vor ihre Mutter trat, und das arme Weib mit der Lilie an ihrer gesenkten Stirn berührte. Wir schauerten! Theano machte eine Bewegung aufzustehen; aber sie versank in sich, mit geschlossenen Augen, häufige Thränen vergießend. Der himmlische Gruß bebte Elisen von den Lippen! Sie bescherte ihr darauf eine Nuß nach der andern, so wie sie die darin enthaltene Devise gelesen, derenInhalt die Mutter allmälig auf das Entzücken vorbereiten sollte.

„Nichts ist den Lebendigen verloren, als die Todten!“ gab sie ihr zuerst in der goldenen Nuß. Dann in der silbernen:

„Eure Kinder sind auch Gottes Kinder!“ und zuletzt in der grünen:

„Die Todten stehen nicht auf, aber die Verlorenen kehren wieder!“

Mein Gott! rief Theano, was willst Du? was sagst Du? Ach, ich habe ausgelernt zu hoffen! —

Ausgelernt? o Theano! — so kannst Du es ja! o hoffe! flüsterte Horazio ihr lächelnd und weinend zu. —

Da überreichte ihr Elisa den goldenen Apfel; Theano nahm ihn an dem Stiel, er sprang auf, und sie zog das Halsband ihres Kindes halb daraus in die Höhe, und ließ Apfel und Halsband fallen, und die Aufgerichtete sank in den Sessel. —

„Bist Du ein Engel, daß Du mir diese Gaben wiederbringen kannst?“ fragte sie Elisen mit halber Stimme.

Elise nickte, und bewegte doch gleich ihr Köpfchen wie zu einem: Nein! — Darauf legte sie ihr die Kinderkleidchen nach einander hin, auf die Kniee. Theano entfaltete sie, und hielt sie in die Höhe. „Meine Stickerei! meine Blumen — Elisa’s Kleidchen“ — sprach sie fast athemlos; „ach, was bringst Du mir Alles, Alles wieder; nur mein Kind, mein theures Kind nicht!“ schluchzte sie erschüttert — darauf sahe sie Elisa groß an, und an dem Lächeln ihres Antlitzes zündete sich ein leises Lächeln im Antlitz der Mutter an, das in beiden schmolz, wuchs, sich verklärte bis zu himmlischer Freundlichkeit.

Da fragte die Mutter: „Wer bist Du?“ und zog Blick, Haupt und Gestalt langsam zurück.

„Der Engel ist auch Dein Kind! Nimm sie wieder, Elisa! Gloria in Excelsis Deo!“ rief Horazio seiner Theano zu.

Sie wollte die Hände ausbreiten, aber sie sanken, und regungslos blieb sie ihm in den Armen; Elisa, die schon halb vor der Mutter hingekniet, war ganz umgesunken — die goldenen Flügel knisterten, die Lilie lag am Boden, und Sie, wie ein Engel, wie eine Lilie, blaß und schön daneben. Die Lichter am Christbaume flackerten auf und verschwanden; die Helle des Himmels schien in das Zimmer; die Uhr schlug Neun und nach dem Schlage spielte sie ihr Lied.

Lambton, hab’ ich je geweint, so war es da; und wenn die Worte meines Briefes verwischt sind, so ist es von den großen warmen Thränen, die darauf gefallen. Nun gehabt Euch wohl!

Dr. Toland.“

*                   **

Das las ich bei meinem Grubenlicht, und was Toland’s Thränen nicht schon unleserlich gemacht hatten, das machten die meinen. Ich wußte in meiner Freude um Elisa, meiner Angst um mich kein Mittel, mich wohl zu gehaben als das: Ich langte meinen Trauschein aus der Tasche auf meiner Brust, entfaltete ihn und las ihn feierlich. Die Namen Lisanna und Roßborn, York, Crabbe und Patrik als Zeugen übten eine gewisse Kraft über mich aus, aber auch keine; und doch las ich immer ihn wieder, ohne mehr daran zu denken, bis mich die Andern anriefen mit hinaus zu kommen „in die Welt“ wie sie sagen.

Ich wankte nur „in die Welt;“ denn was sollt’ ich darin? Sir Horazio’s Ungunst hatte mir der gute Doctor mit klaren Worten geschrieben! der lange Daniel hatte Marion nicht geheirathet! — was noch geschehen konnte. — Doctor Toland selbsthatte meine Sammlung verkauft, und mir 10 Pfund davon geschickt. Nun Gott segne ihm das Andre! ich bin reichlich bezahlt. Die 15,000 Pfund hat er wohlverdient! Denn Er hat Lisanna zu Elisa gemacht, ihr Vater und Mutter, Hab und Gut gegeben! Wenn er nur nichts mehr schriebe! es macht mich nur preßhaft.

SchloßRowlandhill, den letzten April 1821.

— Und doch erhielt ich am Sonntage Palmarum noch Folgendes von ihm.

„Guter Lambton!“

„Elisa läßt Euch heimlich und leise durch mich grüßen, und herzen und küssen! Sie herzet und küsset indessen ihr Kind — den kleinen Aeneas; denn so mußte es in der Taufe genannt werden, ich weiß nicht, warum. Um nun in dieser, für die Eltern und für Lisanna so kritischen Lage doch Etwas zu sagen, hab ich gesagt: der Aeneas sei das Kind des Schulmeisters von Hobarttown. Das ist ja die bitterste Wahrheit! Lisanna, die unschuldige Seele begreift nicht, was das ihr auferlegte Verschweigen ihrerTrauungmit Euchnunwirkt! Denn sie ist rein und selig im Herzen! Da Sir Samuel’s Absicht, die ich nur halb loben kann und muß, auf ihre Mutter und ihren Vater eindringlich und herzangreifend — durch den unbegreiflichen und unbegreiflich lieben kleinen Aeneas zu wirken, nun ganz erreicht ist, gestatte ich Euch, die Verwirrung im Hause zu lösen, wie Ihr wollt.“

„Dr.Toland.“

Wenige Zeilen, die aber zu vielen schweren Betrachtungen Anlaß gaben! Ich mochte mir ihren Inhalt gar nicht klar aus einander ziehen; wie an einer Baumwolle-Nuß daran gar nicht zupfen; ich brachte das schwellende Gespinnst nicht wieder hinein. So ließich die Nuß ganz unbezupft. Wenn ich nur Sir Horazio die Acte meiner Einwilligung zur Ehescheidung überreichte, so war damit Alles gethan: Elisa befreit von Verdacht und Last, Aeneas zum Erben von Rowlandhill eingesetzt! Und der arme Lambton hatte sich Sir Horazio und Lady Theano doch einen Augenblick als Schwiegersohn vorgestellt! — Ich verlor eigentlich nur Lisanna — nur! o Himmel! — nichtElisa, die ich meines Wissens nicht geheirathet hatte. Ich bat um Verzeihung, so gut wie möglich, und war so gut wie zuvor. Ach Gott, wenn Lisanna nur auch noch so gut war, wie zuvor! Doch war sie ganz gewiß noch so gut, wie nur irgend möglich. — Und mußt’ Ich auch das Kind nehmen, o wie nahm ich’s so gern; und ein Strohhütchen im Sommer, ein warmes Röckchen im Winter, vielleicht doch einige Aepfel und Nüsse zum heiligen Christ, vielleicht sogar den alten Nußknacker dazu — hätten sie ja dem unschuldigen Kinde wohl auch zugedacht. „Victoria! Lambton,“ rief ich, „Du hast überwunden.“

Für die Acte nun, für einen neuen recht sauberen Anzug von Kopf bis zu Füßen, für Miethe eines Pferdes bis Rowlandhill, gingen meine 10 Pfund fast gänzlich darauf. Und so ritt ich denn wirklich zum andern Ende von Rowlandhill hinein; von Morgen! wie ich nach Abend zu daraus weggeritten, grade so, wie ich den Kindern erzählt, daß es Dem so gehe, der rund um die Erde reiset. Es war auch Ostersonnabend, wie damals. Dieselben Wolken schienen noch am Himmel zu stehen, dieselben Lerchen über derselben Sat zu schwirren, dieselben Knospen an den Zweigen zu glänzen! Wie damals, stieg der Rauch, wie ein Brandopfer, in die Lüfte, derselbe gute Kuchengeruch duftete aus den Häusern; die wohlbekannten Glocken schlugen mir gleichsam an’s Herz, undläuteten das Fest ein, und die Betglocke nahm gleichsam den Leuten die Mütze vom Kopfe. Auch mir. Ich hielt an, und betete lang’ und still, und rief dann: „Soli Deo Gloria! für Alles, Alles, Freud’ und Leid!“ Dabei fielen mir die Engel ein, welche die Schrift über dem Präsepio in Elisa’s Zimmer halten — und Elisa — und mein Kind! „O, ihr Engel!“ betet’ ich nun wieder fort, „schwebet auch so über der schönen menschlichen Mutter und dem lieben Menschenkinde, dem armen Lämmchen, dem kleinen Lambton! ach, so heißt er leider ja doch! Aber lasset Ihr ihm seinen Namen nicht schaden, er ist doch halbes Vollblut, und Euch verwandt durch Lisanna. Aber sehen muß ich den kleinen van Diemensländer, ja Hobarttowner doch Einmal, zum ersten und letzten Mal! und meine, meine Lisanna nur zum letzten Mal, und sollte mir das Herz darüber brechen. Und ist das gebrochen — was dann aus mir wird, gilt mir, wie billig, Alles gleich. Gefällt es mir nicht auf der Erde, so zieh’ ich unter die Erde, und unter das Meer — nach Aloa; da hab’ ich ja den Morgenstern! Oder zurück nach dem seligen van Diemensland, da hab’ ich ja mein Kreuz! Und hätt’ ich noch einen Wunsch — möchten sie die alte Anna zur Kindfrau nehmen! Kein Mensch wird das Kind so lieb haben, so warten und pflegen wie sie; auch des Nachts warm zudecken; sie schläft ja wenig; und hört sie nichts, so spricht sie doch viel, das ist gerade für Kinder; und singen kann sie, daß man Gott dankt, wenn man schläft! So schläft auch der fromme Aeneas.“

Im Gasthause, das neue Wirthsleute gemiethet hatten, die mich nicht kannten, bestellt’ ich eine gute Mahlzeit, um nach gethaner Pflicht, nach zwanzig Wochen Pein endlich einmal froh zu essen. Ich ging indeß noch mit schwerem Herzen sogleich nach den Schlosse. Ein Diener sagte mir, die Herrschaften seien nicht gegenwärtig.So ging ich in den Park. Die Blumen glänzten, die Kirschbäume blühten, und sahen aus, als ob sie aus dem Winter weißbeschneit auf das grüne Gras, in die milde Luft verzaubert worden wären; und die Bienen surrten in voller Arbeit, und zogen sich kleine gelbe Honighosen an, wie zu den Feiertagen! Die Sonne war zum Abend gesunken; und wie ich am See entlang ging, blendete mich ihr Bild aus dem Wasser; die Hecken verbargen schon die Nachtigallen, und sie schlugen aus dem glänzenden Lorbergebüsch, und selbst der Kukuk rief von den schimmernden Lindenzweigen: ich bin wieder da! kukuk! kukuk! — Ein Mädchen, die im Grase mir leise entgegen kam, war nicht Lisanna; aber das Kind, welches sie durch Tritte im Kies nicht erwecken wollte, mußte der kleine Aeneas sein. Ich hielt sie an; ich war unglaublich keck und schlug den Schleier von dem Kinde zurück — es schlief! und schlief so sanft. Welches Entzücken — und welcher Gram! nicht einmal seine Augen sollt’ ich sehen! Es sollte mich, seinen Vater, nicht sehen! Ich nahm das rosige Blüthenblatt, das auf des Kindes Stirn herabwehte, und hob es mir auf, als Reliquie, die mein Kind berührt, als Zeugen dieser Stunde. — Es mußte mir wohl sehr leid thun — denn die Wärterin fragte mich, was ich denn weine? Ach, seufzt’ ich: „gerade so ein Kind hab’ ich verloren!“ und verschleierte es, um es nicht mehr zu sehen. — Armer Mann! sagte sie leis’, und schlich leise, leise fort. —Daswar nun überstanden! Auch ich schlich leise fort. Die Fenster eines Zimmers im untern Stockwerk des Schlosses standen offen, und wie ich mich unterfing, einen Blick im Vorübergehen hinein zu thun, trat Elisa in das Fenster, nahe, kaum sechs Schritt mir gegenüber. Ich stand, mich satt zu sehen und zitterte. Sie stand, sie sich — sie erblaßte, sie wankte zurück — sie war verschwunden!Ob sie die Hände ausgestreckt, oder nur erhoben? Ob sie die Lippen geöffnet, mir noch etwas zu sagen, und was? dem dacht’ ich nach, als ich endlich wieder denken konnte, und schon fern war. Auch das war überstanden! So ging ich auf den nahen Kirchhof, wo meine Mutter ruhte, und suchte und fand ihr Grab, mit jungem Gras begrünt. Ich sagt’ ihr, wie ein Träumender, daß ich glücklich wieder da sei! — so sagt’ ich, aber empfand ich nicht. Ich gedachte ihres Wortes: wenn nur das Jahr noch um ist — dann — dann — dann! — „Was die Sterbenden uns sagen, trifft nicht immer ein!“ geliebte Mutter, bemerkt’ ich ihr — „doch daran bist Du nicht schuld! und Ich nicht schuld!“

Aber Ich wohl? — sagte eine Stimme hinter mir — und Doctor Toland reichte mit die Hand. Willkommen Lambton! Ich eilte Euch nach. Elisa ist außer sich, und schickt mich her. Spielt hier nicht lange den Geist, sondern laßt Euch sehen! Sir Samuel ist mit Capitain York gekommen. Er ist seit zwei Stunden hier, auch die Russel und Talo. Diese nun hab’ ich schon gesprochen, sie sitzen mit Crabben bei seiner dicken Schwester in ihrem Laden „zur vergrößerten Käsemilbe.“ Sir Samuel ist ausgegangen. Was wollt Ihr nun thun? fragt’ er mich.

Das! Doctor Toland antwortet’ ich, und gab ihm die Acte. Er durchlief sie mit den Augen, und sagte, schlau mich ansehend: das ist der kürzeste Weg; doch übergebt Sir Horazio auch dieß Papier! Ich nahm es und steckt es unbesehen mit dem ersten wieder ein. Da sah ich Sir Horazio und Lady Theano von weitem kommen, Arm in Arm. Er hatte keinen Degen, keinen Stock, und doch fürchtet’ ich mich vor ihm. Dr. Toland eilte ihnen entgegen. Ich aber, aus Erfahrung wissend, daß man vor vornehmen Herrschaften nirgends sicherer ist, als im Gotteshause, ging in dieKirche, die, wie ich glaubte, eben zum Abendläuten offen stand. Aber ein neues großes Altarblatt — mit dessen Einfügung man eben erst zu Stande gekommen, denn es lagen noch übrige Stücke von dem breiten goldenen Rahmen auf dem Altar — zog meine Augen an, und ohne Mühe erkannte ich das Bild, welches mir Sir Samuel beschrieben, worauf er selbst als Hoherpriester oben auf den Stufen des Tempels das zu ihm hinansteigende Kind erwartet. Wahrscheinlich hatte es Lady Theano als Weihgeschenk für ihre wiedergefundene Tochter, zum Andenken der Kirche verehrt, und gerade zu morgen, zum ersten Ostertage. Aber der Mann, der, seitwärts an die Mauer gelehnt, dasselbe Bild betrachtete, wie es durch das gothische Fenster von der Abendsonne gewärmt und erleuchtet glänzte, war selber Sir Samuel! — Da hört’ ich Tritte in der Halle; heut’ hatte ich mich geirrt, denn Sir Horazio und Lady Theano traten in die Kirche, und kamen leise und langsam näher voll Betrachtung. Ein Gitterstuhl, vor dem der Taufstein stand, verbarg mich. Ich drückte das Gesicht in meine Hände, und lag so vorgebeugt, wie man das Vaterunser betet. Die Ohren klangen mir. Wie sich Lady Theano und Sir Samuel getroffen, wie begrüßt, was darauf Sir Horazio hinein gesprochen, das weiß ich nicht deutlich. Ich wagte später nur einen Blick, und sahe Sir Samuel vor Lady Theano knien, die laut weinte, und sich nicht fassen konnte. Nur die Worte vernahm ich jetzt von Horazio: — „und wenn es denn Menschen giebt, die nicht zufrieden mit dem, freilich nur einfachen, prunklosen Gefühl, gut zu sein, darin ein rasendes Vergnügen finden, zu sehen,wie weitsie der Tugend Hohn sprechen können, wie leicht das Weib — das thörichte nur — zu bethören ist, muß denn der Freund den Freund zuerst betrügen? oder jemals! muß er, unklug selbst nachseinemSinn, an dem sich vergehen, der ihm die Rache gewiß auf das Haupt schleudert? Und so gewaltsam kannt’ ich Dich, meinen Freund, und war dein Freund, und bin dein Freund!“ Er umarmte Sir Samuel heftig, drückt’ ihn an die Brust; und sie weinten sich aus, wie zwei solche Männer weinen. Dann riß sich Sir Samuel los, und ging, seine Bewegung, seine Reue zu verbergen, hinter den Altar. Sir Horazio und Lady Theano sprachen kein Wort mit einander, als wären sie nun geschiedene Eheleute. Aber Sie ergriff zuerst wieder seine Hand und hielt sie fest. Horazio stand noch unbewegt, gewiß aus Freundschaft, voll beglückender Gedanken für Sir Samuel, bis er sein Weib ansah, die ihn mit weinenden Augen anblickte. Und sie drückten sich die Hände.

Jetzt waltete Vergebung in dem Hause, wo nur Vergebung und Liebe gepredigt wird — jetzt naht’ ich mich. — „Lambton!“ rief Sir Horazio mich verwundert an. — „Alle gute Geister!“ rief Theano. Ich verneigte mich tief; überreichte Ihm die Acte, und trat zurück, sehr glücklich. — Aber was sprach er? „Also Rector!“ sprach er, „seid Ihr, Lambton! die ganze Rectorei mit zehn Pfarreien baar bezahlt durch Toland, ist Euer Eigenthum! Ich wünsche Euch Glück, Herr Lambton, ohn’ es zu begreifen. Ihr wart sonst immer ein braver Mann — bis auf den Einen Punkt! — Das schöne gothische Schloß, wie es steht und liegt, mit allen Gemälden, Antiken, und der Bibliothek,“ wandte er sich zu Theano; „doch der alte Rector ist ein braver Mann! er will seines Sohnes Schulden bezahlen, da er auf Lebenszeit verwiesen, sein Erbe nicht sein kann.“ — Ich dachte an Appelmannsborn, worin ich dem Herrn Sohne mein Compliment gemacht; ich erröthete über Toland, der die 18,000 Pfund in Summa, also fürmich verwendet hatte; über Sir Samuel’s Großmuth, der gewiß noch einmal so viel dazu gelegt, und über meinen Mißgriff. Ich streckte die linke Hand aus, und empfing die Verschreibungsacte der Rectorei, und gab ihm mit der Rechten nun die Acte, die ich meinte; aber nicht mehr so kleinmüthig! Ich war ja Rector! O wie schnell verwandelt sich des Menschen Herz! Sir Horazio überlas die Schrift, und ward feuerroth; er gab sie Lady Theano. Sie las, und kam auf mich zu, stand lange vor mir und bestaunte mich: „Was? Lambton!Siealso sind mit Elisa vermählt! vermählt? Das konnte sie verschweigen bei unserem Gram! so still wir auch das Schicksal hinnahmen, denn wir hatten ja unser Kind wieder! Ich war ja Großmutter! — Aber Lambton! ich bitte Euch!“ — Doctor Toland, der indeß gekommen und zu uns getreten war, zupfte mich am Kleide, und sprach mir leise in’s Ohr: „Aeneas macht Euch zum Anchises!“ Das Antlitz Theano’s glühte vor himmlischer Freude über die Reinheit ihrer Tochter! Gott segne sie! Doch stand sie wieder auf und biß auf die Lippen, und sah mich an. Da fand ich in meiner Angst endlich die, zum zweiten Mal um den Trauschein verfehlte, Ehescheidungsacte, und reichte sie Sir Horazio. — „Noch mehr?“ rief er neugierig, und doch — nicht unwillig. Er überlas kaum den Anfang, als er schon sagte: „Das ist zu viel! doch geht dasmichnicht an! Das hat Sir Samuel zu entscheiden! Da Er Euch aberseineTochter gegeben, so wird Er sie Euch nicht zurücknehmen. Denn Elisa ist seine Tochter, lieber Toland! Die Eifersucht sieht, was nicht ist, und so sieht sie auchnicht, was wirklichist. Aber wovon ihn nichts überzeugen konnte von Außen, das glaubt er nun, seit er uns vor wenigen Minuten — endlich einmal angehört mit lange unglücklichemHerzen, das doch des Adels und der Liebe bedarf, um zu leben. Und auch ich werde so glücklich, als es nunmeineTheano wieder werden kann, nun wirreinvor ihm dastehen.“ — „Er glaubt wieder an Tugend, das heißt an Treue, also nur an Liebe; und so ist er glücklich, und Ich und Du!“ sagte Theano. Mein Blick wollte sich an Doctor Toland stärken; aber er selbst sah mich eben so überrascht an, wie ich ihn. Doch leichter gefaßt rief er Sir Samuel. Dieser kam. Er mußte schon um Alles wissen, denn er sahe mich lange an, dann Theano, die ihm zunickte. Darauf sprach er fest: „Es soll so bleiben! Ihr habt keine arme Schule mehr, Ihr habt eine reiche Rectorei, wie ich höre. Aber bleibt Lambton, der bescheidene, geduldige Lambton, der mein Kind so liebt, daß er selbst seine Liebe bezwingen wollte, wenn Sie nur glücklich ward — wie Ihr glaubtet! Aber lieber Lambton! Gebt dem Weibe Alles, und entzieht ihr die Liebe, so habt Ihr sie bettelarm gemacht! Ihr, braver Lambton, wart kein Deportirter, sondern ein Deputirter der Vorsehung. Ich würde mich noch mehr bedauern, wenn ich nicht gerade durch meinen Irrthum mein eigenes Kind um mich gehabt! Ja, daß ich glaubte, sie sei nicht mein, und der Engel könne doch mein sein, machte mir sie doppelt im Herzen lieb: ich hatte Sie! und noch dazu dieSehnsuchtnach ihr, und in dieser auch die Liebe eines Vaters. Ich führte sie mir, ihrem Vater zu, als ich vermeinte, sie ihm zurauben!Ich raubte sie mir, als ich glaubte sie ihm zuzusenden. Doch auch Lisanna beklag’ ich nicht! Wenn eine Jungfrau so erzogen sein soll, daß sie den Mann glücklich macht; wenn sie selber glücklich ist, eine gute Mutter ihrer Kinder; wenn sie reine Freudegewährt, und die einfachen dauernden Freudengenießt, welche in uralten Tagendie Freuden seliger Menschengeschlechter waren: so preis’ ich Elisa glücklich! Und Lambton! — was sagt mein Lambton dazu?“ — Der sagte nichts, als lächelte und dachte an den Morgenstern und die Mutter im Himmel. Aber Lady Theano, deren erlittenen Harm er nicht berührte, wandte sich schonend aus Samuel’s Anblick, stieg die Altarstufen hinauf und sah’ in Gedanken und Thränen auf das Altarblatt. Da ging Sir Samuel zu ihr, ergriff ihre Hand und sprach: „es ist eine Wohlthat des Himmels, daß viele und verschiedene Menschen oft durch das Glück eines Einzigen ausgesöhnt, vereinigt und beglückt werden. Diese Einzige ist uns Allen Elisa! Was sagt Ihr Alle dazu?“ wandte er sich umher. — „Sie geben Dir Alle Recht!“ erwiederte für uns Alle Horazio. — „Eine zarte Weise zu verzeihen! und die zarteste, die schönste!“ sprach Doctor Toland, der Menschenfreund. — „Und was sagt mein Lambton?“ wiederholte er. „Unser, unser Lambton!“ verbesserten sie ihn freudig. Da kam Elisa athemlos in die Kirche, und trat unter uns. Sir Samuel aber streckte ihr die Hände von den Stufen entgegen, sie flog ihm zu, er schloß sie in seine Arme,sieschloß mich in die ihren. „Morgen, meine Kinder,“ rief uns jener zu, „zieht ihr in die Rectorei. Sie hat für Doctor Toland, sein Weib, seine Kinder, und für mich und Talo Raum. Auch die Russel soll dort wohnen! Sie gehört einmal zu Lisanna’s altem Glück.“ „Auch Eure alte Anna wird ein Kämmerchen finden,“ tröstete mich Toland recht, der Menschenfreund.

„Heut’, meine Kinder,“ sprach Lady Theano zu uns, dem neuverlobten Ehepaar, „müßt Ihr es Euch schon noch in Elisa’s Kinderstube gefallen lassen, wo der Christbaum hängt, wo der Engel jedem sein Kind beschert!“

Lisanna zog mich fort. „Zum Kinde! zum Kinde!“ rief sie. — Und dort bescherte der Engel mir nun auch mein Kind! und sich selbst! und immer wieder! Und ich las mit seligen Augen das:

Gloria in Excelsis Deo!

Anmerkungen zur TranskriptionQuelle: Leopold Schefer's ausgewählte Werke. Erster Theil. Veit und Comp., Berlin, 1845, pp. 187-368.Im OriginalgesperrteTextstellen werdenkursivwiedergegeben.Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):... SirHarazioeine wilde reisende Gans, oder einen reisenden Gänserich ...... SirHorazioeine wilde reisende Gans, oder einen reisenden Gänserich ...... winkten mir gleichsam herüber „hie bin ich“ —und hier binich!...... winkten mir gleichsam herüber „hie bin ich“ —„und hier binich!...... — „Ach, jetzt soll er nichts, er kann ja nichts— — brach ich ab. ...... — „Ach, jetzt soll er nichts, er kann ja nichts“— — brach ich ab. ...... langen Daniel mir vorgezogenOder glaubte sie — wie die Weiber ...... langen Daniel mir vorgezogen?Oder glaubte sie — wie die Weiber ...... „Ich habe meine Beine abgeschnallt!rief ein invalider Offizier ...... „Ich habe meine Beine abgeschnallt!“rief ein invalider Offizier ...... eines Abends ein Gespräch: „Man wollte uns nicht einsperren,sagte ...... eines Abends ein Gespräch: „Man wollte uns nicht einsperren,“sagte ......hattte, und uns an der Küste nun südwärts trieb. Unter den übrigen ......hatte, und uns an der Küste nun südwärts trieb. Unter den übrigen ......Gesinung, und was den Hauptunterschied macht: die Veranlassungen, ......Gesinnung, und was den Hauptunterschied macht: die Veranlassungen, ...... mit dem Schnabelthier, eine mitmitdem Lamme, und eine mit ...... mit dem Schnabelthier, eine mitdem Lamme, und eine mit ...... ein Mensch denn ein Schaf;Matth. XII 12.), denn es wäre ein ...... ein Mensch denn ein Schaf;“Matth. XII 12.), denn es wäre ein ...... Unerläßlich, wenn nicht unerläßlich! Wann wird Petrusaufhörene, ...... Unerläßlich, wenn nicht unerläßlich! Wann wird Petrusaufhören, ...... und dieMitttelzum wahren Leben, zum ...... und dieMittelzum wahren Leben, zum ...... sein, sonst verhungerten wir!“— ...... sein, sonst verhungerten wir!— ...... heut’ nach mir um! ja unter den Cocospalmenerwartetetesie ...... heut’ nach mir um! ja unter den Cocospalmenerwartetesie ...... unserer Trauung gesagt:Muß denn der Mensch Böses thun, um ...... unserer Trauung gesagt:„Muß denn der Mensch Böses thun, um ...... „Rowlandhill! — Horazio!““rief ich nun wieder. Nun ...... „Rowlandhill! — Horazio!“rief ich nun wieder. Nun ......Und er sprach: Ich will Euch noch mehr Stoff zur Vergebung ......„Und er sprach: Ich will Euch noch mehr Stoff zur Vergebung ...... Elisa’s Erziehung und sie selbst jetzthaupsächlichzu danken habe. ...... Elisa’s Erziehung und sie selbst jetzthauptsächlichzu danken habe. ...... die ersten, die mir wieder in die Seele dringen.Sei willkommen, ...... die ersten, die mir wieder in die Seele dringen.„Sei willkommen, ...... als Elisa inihemfunkelnden Diadem, ihren goldenen, jetzt ...... als Elisa inihremfunkelnden Diadem, ihren goldenen, jetzt ...

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Quelle: Leopold Schefer's ausgewählte Werke. Erster Theil. Veit und Comp., Berlin, 1845, pp. 187-368.

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