13.Familiennamen der dritten Schicht.

13.Familiennamen der dritten Schicht.

Die von Örtlichkeiten entlehnten Familiennamen gehören zu den ältesten, da diejenigen Personen und Geschlechter, welche Grundbesitz hatten, sich schon sehr früh danach benannten. So finden wir unter den ritterlichen Sängern und Dichtern der Hohenstaufenzeit einenHeinrich von Veldeke, einenHartmann von Aue(Ouwe), einenWalther von der Vogelweideu. a. Doch war dieser Zuname ursprünglich noch nicht so befestigt, daß bei einem Wechsel des Besitzes die Familie ihn beibehalten hätte; vielmehr wurde in solchem Fall auch der Name vertauscht. So führten z. B. die Freiherrenvon Attinghausendiesen Namen erst seit ihrer Übersiedelung nach Uri; vorher hießen sie nach ihrer Stammburg im Emmental die Freienvon Schweinsberg. So hießen dievon LöwensteinfrüherBischofshausen, von Bischofshausen, jetzt Bischhausen an der Schwalm; als sie aber im 13. Jahrhundert ihre neue Burg erbauten, nahmen sie ebenfalls die neumodische Benennung an.[61]

Diese Weise wurde aber auch von Leuten nicht ritterlichen Standes frühzeitig befolgt, indem sie sich nach ihrem Stammorte oder ihrem Wohnsitze benannten. So begegnen wir unter den hervorragenden Dichtern des13. Jahrhunderts einem bürgerlichen „meister“ Konrad, der sich selbstKonrad von Würzburgnennt.[62]

Daß solche Zusätze sich allmählich befestigten, war naturgemäß, ja fast unvermeidlich, sobald eine Familie längere Zeit in demselben Besitze blieb oder an derselben Stelle wohnte.

Die aus dieser Quelle geflossenen zahlreichen Namen zerfallen in zwei Hauptgattungen, je nachdem sie vonallgemeinen Ortsbezeichnungenoder vonbestimmten Ortsnamenherrühren. Betrachten wir jene zuerst!

Uns klingen jetzt die Namen mancher Landleute in Schillers Tell auffällig und fremdartig: (Hans)auf der Mauer, (Jörg)im Hofe, (Burkhart)am Bühelu. a. Solcher Benennungen aber, wie sie hier Schiller im Anschluß an die Schweizer-Chronik von Tschudi gewählt hat, gab es ursprünglich sehr viele, von den verschiedensten Örtlichkeiten entlehnt und mit den mannigfachsten Verhältniswörtern:von der Au;am Ende(der am Ende des Ortes Wohnende);aus dem Werd(Werder, Insel);beim Born;vor dem Baum;achterm Boil(hinter dem Bühel d. i. Hügel);unter den Weiden;zum Stegu. s. f.[63]

Später fiel dann das Verhältniswort meist ab, eine Familie aus dem Werd nannte sich einfachWerth, ter Varrentrap (zu der Ochsenspur)Varrentrap— oder dasselbe wurde eng an das Hauptwort herangezogen und mit ihm vereinigt. So ist eine Anzahl Familiennamen entstanden, die man nur nach ihren Bestandteilen auseinander zu schneiden braucht, um sie sofort zu verstehen:

Bisweilen sind dabei allerdings Entstellungen eingedrungen:TremöhlenstattterMöhlen(hochd. zur Mühlen),Austermühlestattaus der Mühle,AmthauerstattAmthor.

Nur selten hat die ursprüngliche Form, Hauptwort und Verhältniswort getrennt, sich erhalten, wie in:aus der Ohe,aus’m Werth,ten Brink(niederd. = zum Hügel),zum Bild, ganz vereinzeltZur-Linde.[64]

In entsprechender Weise werden Familiennamen vonbestimmten Ortsnamen(Stadt- oder Dorfnamen) abgeleitet. Wer aus einem fremden Orte zuzog, wurde beim Eintragen in die Bürgerrollen am einfachsten nach dem Orte bezeichnet, aus welchem er kam. So ist in den Bürgerrollen von Nordhausen aus dem 13. und 14. Jahrhundert ein Personenname ausvon(oder lateinischde) und einem Ortsnamen gebildet die gewöhnlichste Bezeichnung, z. B.Henricus de Erfordia,Ludovicus de Molhusen. Dasvonfiel später weg, zumal der Adel es mehr und mehr als sein Kennzeichen und Sonderrecht hinstellte. Dieser allmähliche Wegfall ergibt sich deutlich aus einer Zusammenstellung Förstemanns (Programm S. 11), wonach von 27 Mitgliedern des Rates zu Nordhausen im Jahre 1385 noch 13 dasvonmit einem Ortsnamen haben, dagegen 1401 nur 7, 1421 nur 2, 1475 noch einer, endlich 1484 keiner, obgleich nicht weniger als sieben einen Ortsnamen als Familiennamen führen.

Daher stammt nun eine außerordentliche Menge von Familiennamen, die einfach aus einem Ortsnamen bestehen. Besonders leicht zu erkennen sind die zusammengesetzten, bei welchen etwa folgende Ausgänge die häufigsten sind:

Dazu die Endung

Diesen schließen sich in der Häufigkeit zunächst an die auf

Im ganzen ist der Ortsnamen, die zugleich als Familiennamen dienen, eine ungezählte Menge, da es kaum einen größeren Ort in Deutschland gibt, dessen Name nicht auch als Familienbezeichnung sich fände. Viele Familiennamen, die sonst fast als unlösbare Rätsel erscheinen, werden ohne weiteres klar, sobald man ein geographisches Wörterbuch zur Hand nimmt.[65]

Freilich wird anderseits auch die sichere Deutung und Heimweisung vieler Familiennamen durch das Hereinspielen der Ortsnamen erschwert, da nicht wenige der letzteren mit Personennamen buchstäblich übereinstimmen. Z. B. istSeegereine Weiterbildung des altdeutschen PersonennamensSigher, zugleich aber auch ein Ort in Pommern;Roth, für welches schon eine doppelte Quelle nachgewiesen (S. 48), findet sich auch häufig als Ortsbenennung, von rode abzuleiten (s. oben). Außerdem tragen viele Orte Namen von Gegenständen der Natur, sei es durch zufälliges Zusammentreffen, wie inHahn, welches hier doch nur Zusammenziehung aus Hagen ist, oder indem der Name eines Tieres, einer Pflanze ohne weiteres, ohne Anhängung einer Endung, auf einen Ort übertragen wurde. Es tritt an diesem Punkte ein Mangel in der Namengebung hervor, da viele Bezeichnungen unterschiedslos als Personen- wie als Ortsnamen dienen, z. B.Baum,Habicht,Kranz,Nagel,Wohlgemuth. Daher ist hier besondere Vorsicht geboten, und es ist in solchen zweifelhaften Fällen jeder Name möglichst durch Einzeluntersuchung klarzustellen.

Leichter sind diejenigen Familiennamen zu erkennen, welche durchAbleitungvon Ortsnamen gebildet sind, und zwar mittels der Endungerwie:Eppinger,Meißner.[66]Diese Bildungsweise hat jedoch geringere Verbreitung und ist hauptsächlich oberdeutsch. So gehören bei Fröhner (Karlsruher Namenbuch) unter etwa 100 von Orten hergeleiteten Familiennamen zwei Drittel hierher, während in Hoffmanns hannöverschen Namenbuche unter etwa 300 derartigen Namen sich (abgesehen von den neueren jüdischen) kaum 10 finden, und diese erklären sich durch oberdeutschen Zuzug.[67]

Die meisten der aufS. 54f. aufgeführten Endungen bilden Familiennamen dieser Art, wobei sich durch Hinzutreten desUmlautesaus manchen zwei Formen entwickeln, so aus -dorf: -dorfer und -dörfer, aus -bach: -bacher und -becher. Demnach haben wir

Dagegen erweisen sich -hagen, -leben, -see, -wald u. a. für Bildungen dieser Art wenig fruchtbar, was sich zum Teil daher erklärt, daß die betreffenden Ortsnamen in Süddeutschland nicht üblich sind. So ist -leben auf Thüringen und das nördliche Schleswig beschränkt, -borstel und -bostel auf das nordwestliche Deutschland (Hannover).

In die Lücke treten dafür einige andere Endungen, welche Süddeutschland eigentümlich sind, namentlich

Die Namen dieser Gattung zeichnen sich, wie aus den mitgeteilten Beispielen hervorgeht, durch ihre Länge aus, da sie meist dreisilbig, zum Teil sogar viersilbig sind. Doch gibt es auch zweisilbige in Menge, vonOrtsnamen, die nur aus einer Silbe oder auch aus zweien bestehen, abgeleitet, wieUlmer,Wiener,Lindner(vom O. Linden).

So haben wir denn eine dreifache Weise, Familiennamen von Ortsnamen zu bilden; alle diese drei Formen finden sich z. B. in dem berühmten Baseler Drucker- und Gelehrtengeschlechte der Amerbach, welche in den alten Zunftlisten auftreten alsvon Amorbach,Amerbach,Amerbacher.

Für viele Familiennamen, die offenbar Ortsnamen sind, läßt sich der entsprechende Ort nicht mehr nachweisen. Gar viele Ortschaften sind in den Stürmen der Zeiten untergegangen; so nach Förstemann in der Umgegend von Nordhausen an hundert im Umkreise weniger Stunden, und Hoffmann von Fallersleben bezeichnet in dem „Kasseler Namenbüchlein“ unter 120 hessischen Ortschaften 30, also den vierten Teil, als nicht mehr vorhanden (auf Grund der „Historisch-topographischen Beschreibung der wüsten Ortschaften im Kurfürstentum Hessen“ von Dr. Landau). Die großen Seuchen des Mittelalters, die verheerenden Kriege früherer Zeiten erklären dies zum großen Teile. Doch gingen auch vielfach kleine Ortschaften in eine große Stadtgemeinde auf, die sie mehr zu schützen vermochte.[68]

Wenn aber auch der Ort noch vorhanden ist, so decken sich doch dessen Name und der daher entlehnte Familienname heutzutage keineswegs immer. Das darf nicht überraschen; denn indem beide Jahrhunderte lang selbständig und meist ohne gegenseitigen Zusammenhang fortbestanden und sich entwickelten, konnte es nicht ausbleiben, daß hin und wieder der eine Wandlungen erfuhr, die der andere nicht mitmachte. So weist für die FamiliennamenBirkenhagenundEschenhagenauch Rudolphs „Vollständigstes Ortslexikon“ keine vollkommen entsprechenden Ortsnamen nach, sondern nur Birkenhainund Eschenhahn; beides aber, hain und hahn, sind Zusammenziehungen aus hagen (s. Förstemann, Die deutschen Ortsnamen S. 57). Es hätten somit in diesem Falle die Familiennamen die ältere, ursprüngliche Form bewahrt. Dasselbe gilt vonMeixnerstatt Meißner, vonZollikofer(aus Zollikonam Züricher See, urspr. Zollinc hovun „zu den Höfen des Zollinc“).

Sehr viel Familiennamen, besonders im östlichen Deutschland, sind von slawischen Ortsnamen entlehnt und sollen später eine genauere Darstellung finden (s.Beilage 3und dasNamenlexikon).

Eine besondere Abteilung in dieser Klasse bilden die

die ja, soweit ursprünglich und echt, fast sämtlich von Ortsnamen abgeleitet sind, z. B.von Falkenstein,von der Asseburg. Doch ebenso alt ist die schon erwähnte Ableitung aufer:der Bodensteiner,der Toggenburger. Sonennt sich Hartmann (im 13. Jahrhundert) bald „der von Ouwe“, bald „der Ouwaere“. So wird noch im Tell der Freiherr vonAttinghausenvon dem Hirten in der ersten Szene „derAttinghäuser“ genannt.

Jetzt ist die präpositionale Bezeichnung allgemein durchgedrungen und zwar die mittels des Verhältniswortesvon, welche die andern in den Hintergrund gedrängt hat und als Kennzeichen des Adels schlechthin gilt.

Wie aus obiger Darstellung erhellt, hat diesesvoneinen Sinn nur vor Ortsbezeichnungen, und es ist eine Verirrung, auch Namen anderer Art, ursprünglichen Personennamen, Handwerksnamen usw. es vorzusetzen.Von Hermann,von Schmidt,von Schulzu. dergl. ist sprachlich entschiedener Nonsens, und daß man in hunderten von Fällen einvonso ganz äußerlich anheften konnte, ist ein unleugbarer Beweis von erloschenem Sprachgefühl.

Ein Rest dieses Gefühles hat sich in Österreich erhalten; aber wie hilft man sich dort? Man bildet (wie schon in den Zeiten des alten deutschen Reiches)[69]aus dem bisherigen Familiennamen des zu Adelnden durch Anhängung von -feld, -burg, -thal usw. einen Ortsnamen, unbekümmert darum, ob es einen solchen Ort in der Welt gibt oder nicht, also:Kuhn von Kuhnenfeld,PlanckEdlervon Planckburg,Braun von Braunthal— lauter Namen, welchen man es sofort ansieht, daß sie nichts als Phantasiegebilde sind.

Besser ist in dieser Hinsicht eine Namengebung wie:Schubert, Edlervon dem Kleefelde(wegen seiner Verdienste um den Kleebau geadelt, Pott, Personennamen S. 3), undEscher von der Linth, wie der Staatsrat Escher wegen Regelung des Laufes der Linth und Austrocknung der durch diesen Fluß gebildeten Sümpfe auf Beschluß des kleinen Rates von Zürich genannt wurde. („Die Staatskanzlei sei beauftragt, künftig in allen betreffenden öffentlichen Schriften den verewigten hochverehrten Herrn Staatsrat Hans Konrad Escher und dessen männliche Nachkommen als „Escher von der Linth“ zu benennen, eine Bezeichnung, die jetzt urkundlich um so begründeter festgesetzt wird, da sie schon, während das Vaterland sich noch des lebendigen Wirkens des Vollendeten erfreute, von der öffentlichen Meinung aufgefaßt und von Mitbürgern und Eidgenossen übereinstimmend geübt ward.“)

Wenn in manchen Geschlechtsnamen, z. B.Amthor, die Bezeichnung derLagedes Hauses entnommen ist, so entspringt sie auch sehr häufig aus demNamendes Hauses selbst. Denn jene alte Zeit war, wie Becker S. 20 treffend bemerkt, so jugendfrisch, daß sie allen Dingen, wie Adamim Paradiese, gleich einen lebendigen Namen zu geben wußte, nicht nur Burgen, Höfen und Straßen, sondern auch den Häusern.[70]Wir begnügen uns jetzt mit einer toten Nummer und Littera, während nur die Straßennamen noch fortdauern. An einzelnen Orten sind freilich auch diese wenigstens vorübergehend abgeschafft, z. B. in Mannheim, wo es statt dessen bis vor kurzem armselige Häuserquadrate A, B, C usw. gab, und jenseit des Ozeans bei den nüchternen, poesielosen Yankees, die da bloß zählen 1. 2. 3..... Avenue.

Im Mittelalter dagegen führten auch die Häuser Namen, und zwar benannte der Erbauer oder Besitzer eines Hauses dasselbe entweder nach seiner alten Heimat — so hieß das Haus, in welchem der Dichter Konrad von Würzburg (s.S. 54) in Basel wohnte,Würzburg, anderezum Mailand,zum Venedig— oder nach Tieren, Pflanzen, Geräten, namentlich nach Geräten oder Erzeugnissen eines Gewerbes oder Dingen, die mit dem Berufe des Erbauers irgendwie zusammenhingen.

Diese Häusernamen nun wurden nicht angeschrieben, sondern dem lese-unkundigen Volke zu nutz wurde der im Namen enthaltene Gegenstand angemalt oder auch in einem Holz- oder Steinbild am Hause angebracht.[71]

Reste dieser Sitte sind die noch jetzt üblichen besonderen Benennungen und Bezeichnungen derGasthäuserundApotheken, auch derLogierhäuserin Bädern. Im übrigen haben sich nur einzelne dieser Namen und Bilder bis in die Gegenwart erhalten. So heißt in Leipzig noch jetzt ein schönes, hohes Haus auf dem Neumarkte „die hohe Lilie“ (Pröhle), ein Haus in Erfurt „zum Rebstocke“, ein anderes in Stettin „die weiße Taube“.

An diese Benennungen knüpfen sich häufig sagenhafte Erzählungen, welche die Veranlassung und Bedeutung derselben zu erklären suchen. Einige teilt Pröhle in seinen „Deutschen Sagen“ mit:

„Zu Erfurt sah einst ein Schäfer in seinem Garten einen Bock und ein Schaf an einem Rosenstocke stehn. Das Schäfchen aber scharrte mitseinem Fuß etwas Geld aus der Erde. Da grub der Schäfer nach und fand so viel Geld, daß er davon drei schöne Häuser bauen konnte. Er nannte aber das erste Haus „zum güldenen Schafe“, und es ist daran auch einSchaf in Steinzu sehen, das andere „zum Rosenstock“ und das dritte „zum schwarzen Bock“.

Geschichtlicher sind nach allem Anscheine die Angaben über das oben erwähnte Haus „zum Rebstock“, welches von Otto v. Ziegler im 15. Jahrhundert erbaut worden. „Dieser reiste 1447 zum heiligen Grabe und in die 18 Königreiche. Er brachte aus dem heiligen Lande einen großen merkwürdigen Rebstock mit, und als er 1451 zu Erfurt in der Futtergasse ein schönes Haus als Stammhaus erbaute, nannte er es „zum Rebstock“. Oben an dem Hause standen auf steinernen Platten die Wappen der 18 Königreiche gemalt,[72]wodurch der Otto v. Ziegler gereiset. Auch ward der Rebstock, den er mitgebracht hatte, daran abgebildet und außerdem in seiner Familie aufbewahrt“ (Pröhle, Deutsche Sagen neue Ausg. S. 248 ff.).

Ähnlich über ein Haus in Würzburg in der Dominikanergasse, welches den Namen „zum roten Hahn“ führt: Auf das Dach desselben wurde von den Leuten des Wilh. Grumbach nach Überrumpelung der Stadt Würzburg ein roter Hahn gesetzt und das Haus angezündet. Der rote Hahn krähte (d. h. die Flamme prasselte) und flog von einem Dache zum andern. Nach seiner Wiedererbauung erhielt das Haus den Namen „zum roten Hahn“ (Pröhle a. a. O. S. 237).

Aus diesen Hausnamen und -Bildern sind nun eine Menge Familiennamen entstanden. So führt Becker aus älterer Zeit unter andern folgende an: aus Köln 1116zum Saphir, 1178Lembechen(Lämmchen), 1219von Gürzenich, 1256van me Kranen(vom Kranich), 1262van me Hane; aus Basel: 1255 Waltherus ad Stellam,zum Sternen, 1262 Anselmzer Tannen; späterzer Sonnen,zer Rosen,zem Haupt,zem Tracken(Drachen) usw. Wie hieraus ersichtlich wurden diese Hausnamen vorzugsweis aus der Tier- und Pflanzenwelt gewählt, und daher erklärt sich zum guten Teile der Umstand, daß jetzt so manche Familiennamen nichts anderes als eben Tier- und Pflanzennamen sind. Der Hausname wurde auf den Besitzer übertragen, ursprünglich wie andere Ortsbenennungen mit einem Verhältnisworte:vonoderzu, welches später abfiel. Einen Beweis für diese Entwickelung bietet unter anderem der FamiliennameMolfenter, auszum Olfenter(Kamel), wo dasmvon der Vorsetzsilbe noch stehen geblieben ist.

Besonders reichliche Beiträge zur Bezeichnung menschlicher Geschlechter haben unter den vierfüßigen Tieren gegeben:SchafundZiege,Rind,Wolf,FuchsundHase, nächstdemHirschundReh(Rehbein,Rehfuß) — unterden Vögeln außer dem allgemeinenVogelnebst seinen Zusammensetzungen (Brachvogel,Schreivogel) die Raubvögel:Adler,Geier,Falk, außerdemGansundHahn. Innerhalb des Pflanzenreichs überragt die Königin der Blumen, dieRose, die andern auch hier, zumal in mannigfachen Zusammensetzungen (Rosenblüt,Rosenstiel,Rosenstock,Rosenzweig).

Jedoch ist wiederholt darauf hinzuweisen, daß wir uns hier auf einem sehr trügerischen Gebiete bewegen, in einer Welt, die großenteils eine Welt des Scheines ist. Wie bei den Gerätschaften und Körperteilen ist auch hier ein gut Teil anderen Ursprungs und trifft nur zufällig, oft infolge von Umdeutung und Entstellung, mit neueren Tier- und Pflanzennamen zusammen. So ist der NameStraußdie regelmäßige Weiterentwickelung vom althochd.Struz, der Schmeichelform vonStrudolf,Appelist Zusammenziehung und Verkürzung ausAdalbold,Hering, althochd.Herinc, Patronymikum vonHero,Regenalthochd.Regino(s.Ragan„klug“),Bockmeist wohl ausBucco, Kürzung vonBurkhart. Andere bezeichnen wirklich Tiere, stammen aber meistens schon aus der ersten Periode, wieBär,Roß,Schwan, oder sie gehen auf Eigenschaften (s.S. 48).

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Hiermit schließen wir diese Übersicht. Wie uns die Personennamen unserer germanischen Altvordern das kampfdurchtobte, waffenfreudige Leben und Treiben derselben vor Augen führen, so spiegeln die dem spätern Mittelalter entsprossenen Familiennamen die bunten Erscheinungen mittelalterlichen Lebens wieder. Die Bilder der Raubritter, der „frummen“ Landsknechte, der teils gedrückten, teils übermütigen Bauern, besonders aber der ehrsamen Bürger in Werkstatt und Rat, in Singschule und Trinkstube werden durch diese Namen vor unsere Augen gezaubert.

Wenn die Geduld des freundlichen Lesers uns bis hierher gefolgt ist, so wird derselbe nunmehr wenigstens in den Grundzügen ein Bild der deutschen Familiennamen erhalten haben. Es mag dieses einem buntgewirkten Teppich gleichen, in welchem diealtdeutschenund diekirchlichenNamen den Aufzug, diebürgerlichenBezeichnungen den Einschlag bilden. Damit ist im wesentlichen die Sache abgeschlossen; was später etwa noch hinzukommt, kann den Grundcharakter der deutschen Namengebung nicht ändern, es dient nur dazu, hie und da noch einen neuen Faden in das Gewebe einzufügen, es noch ein wenig bunter zu machen.


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