20.Stillstand oder Bewegung in der Namenwelt?
Der Prozeß der Festwerdung der Familiennamen ist, nachdem auch die letzten Nachzügler (s.S. 29und66) sich ihm haben anbequemen müssen, nunmehr seit beinah einem Jahrhundert zum Abschluß gelangt. Es fragt sich aber, ob damit nun ein völliger Stillstand auf diesem Gebiete eingetreten, ob nicht auch hier bei genauerer Betrachtung eine Bewegung zu erkennen ist, gleichwie der Spiegel eines scheinbar still und tot daliegenden Gewässers doch eine leichte Bewegung auf der Oberfläche verrät.
Diese Frage ist entschieden zu bejahen; einen völligen Stillstand gibt es auch auf diesem Gebiete nicht.
1.Es sterben Familien aus und damit auch Familiennamen.Dies läßt sich am leichtesten bei adeligen Geschlechtern verfolgen. So starb, um nur ein Beispiel aus dem vorigen Jahrhundert herauszugreifen, im Jahre 1836 zu Stralsund Graf August Wilhelmvon Mellinals letzter eines Geschlechtes, das nach einer Äußerung des geistreichen und gemütvollen Mannes „älter war als die Stubbenkammer“ (Berghaus, Sprachschatz der Sassen).
2.Vorhandene Namen werden geändert.Besonders häufig ist der Übergang aus der mundartlichen in die hochdeutsche Form, namentlich auf niederdeutschem Sprachgebiete:MöllerinMüller,RöwenhageninRübenhagenu. a. noch in neuester Zeit (s.Beilage 2). Davon abgesehen werden vereinzelte Namen aus den mannigfachsten Gründen geändert:CzechinEcht,KamphausinKamphausen,LaabsinLabes.
3.Es bilden sich neue Namen— zunächst durch Zusammensetzung zweier: bei adeligen Geschlechtern infolge Verschmelzung zweier Familien, deren eine bis auf eine Erbtochter erloschen ist:von Kleist-Retzow,Henckel von Donnersmarck— bei Schauspielerinnen, die im Fall einer Verheiratung den Namen, unter welchem sie berühmt geworden, gern beibehalten:Hendel-Schütz,Birchpfeiffer. In einzelnen Fällen ist ein solcher Doppelname gestattet worden, um das Aussterben eines berühmten Namens zu verhindern, soBessert-Nettelbeck(des Kolberger N. Schwiegersohn).
In einigen Gegenden ist es Sitte, den Vaternamen der Frau mit dem eigenen zu verbinden. Beispielsweise nannte sichHollwegnach Frankfurter SitteBethmann-Hollweg; bei dem Sohne kam dieser Doppelname bald in alleinigen Gebrauch und wurde auch 1840 von Friedrich Wilhelm IV. geadelt. Diese Sitte scheint besonders in der Schweiz verbreitet zu sein.
Endlich entstehen Namen, wenn auch nur ganz vereinzelt, durch völlige Neubildung. Dies wird hauptsächlich der Fall sein bei Findlingen und bei Proselyten. So hat ein dem Verfasser persönlich bekannter Proselyt sichBußingenannt, von dem Hauptwort „Buße“ mit Anlehnung an die Ortsnamen auf -in.