6.Fremdsprachige (kirchliche) Namen.[19]
Trotz der eben geschilderten Lebenskraft und Zähigkeit der altdeutschen Personennamen war es unausbleiblich, daß bei der andauernden Einwirkung der fremden Gelehrsamkeit, die ja schon im Zeitalter der Ottonen (10. Jahrh.) zu einer deutschen Literatur in lateinischer Sprache führte, und bei der zunehmenden Macht der Kirche endlich auch fremde Namen Eingang gewannen. Bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts ist die Anzahl dieser in Deutschland auftauchenden kirchlichen, also hebräischen undgriechisch-lateinischen Taufnamen verschwindend klein; seit der Hohenstaufenzeit aber und dem gesteigerten Verkehr mit Italien nimmt ihre Zahl sehr zu. Die ersten sind die Namen der hervorragendsten ApostelJohannes,Petrus,Paulus,Jacobus, auchPhilippus(so unter den Hohenstaufen selbst ein Philipp von Schwaben); daran schließt sich eine Reihe Heiliger, als:Martin,Michael(der Erzengel),Christoph,Georg. Letztere jedoch, so unverdächtig kirchlich ihre Namen klingen, wurzeln im tiefsten Grunde noch in altheidnischem Boden. Wie sonst vielfältig, haben sich auch hier volkstümlich-heidnische Vorstellungen unter einem nur leicht darüber geworfenen christlichen Gewande erhalten. Bekannt ist die Legende vomh. Christophorus, der das Christuskind durch das tiefe Wasser trägt und daher eben seinen Namen (Christusträger) empfängt. Ebenso trägt nach der nordischen Mythe der Gott Thor (Donar) durch gewaltige Ströme gehend den Oervandil auf seinen Schultern, und wie Thor hat auch derh. Christophrotes Haar und wurde vom Volke zum Schutzpatron gegen Blitz und Wetterschaden gemacht.
InSt. Georgdem Drachentöter haben wir unverkennbar den alten deutschen Nationalhelden Siegfried vor uns, der selbst wieder nur die verjüngte und vermenschlichte Wuotansgestalt ist.
Am merkwürdigsten aber ist es, wie derh. Michaelin die Stelle Wuotans getreten ist. Warum haben neben ihm die beiden andern ErzengelRaphaelundGabrielkeinen Platz gefunden? Zunächst war ihm schon sein Name günstig, der an das altdeutsche michel (groß) anklang; dann aber erinnerte der Erzengel die jungen Christen dadurch an ihren Gott, daß er der Führer der himmlischen Heerscharen (caelestis militiae signifer) und der Vorsteher des Paradieses ist. Wie Wuotan die Seelen der gefallenen Helden empfängt und nach Walhalla führt, so wird von Michael gelehrt, daß er der Fürst der Engel und von Gott mit dem Amte betraut sei, die Seelen der abgeschiedenen Christen in Empfang zu nehmen und ins Paradies einzuführen.
So lehnen auch diese Heiligen sich noch an das altgermanische Heidentum, dessen Anschauungen und Gestalten unter der durchsichtigen Hülle christlicher Benennungen fortleben.
Ferner setzte sich eine Reihe vonOrtsheiligenfest, die besonders in einzelnen Landschaften, Städten usw. als Heilige und Schutzpatrone verehrt wurden. SoGallusundColumbanim Bereiche von St. Gallen,Stephanusin Österreich,Kiliander Franken-Apostel in Würzburg,Martinin Mainz,Florentiusin Holland. Ihre Namen wurden Täuflingen beigelegt und wurden sehr natürlich Lieblingsnamen des Volkes in dem jedesmaligen Bereich.
Verwandt mit diesen Lokalheiligen sind dieSchutzheiligen einzelner Stände.St. Georg, der Drachensieger im ritterlichen Harnisch,war der Patron der Ritterschaft. Ähnlich wurde derh. Nicolaus, ursprünglich Bischof von Myra in Syrien (Kleinasien), als Patron der Kaufleute und Seefahrer angesehen, seitdem im 11. Jahrh. italienische Kaufleute seine Gebeine glücklich nach Bari in Unteritalien entführt hatten. Daher nun unter anderem die vielen Nikolaikirchen, besonders auch im Norden Deutschlands, z. B. in Berlin, Stettin, Hamburg, daher die Beliebtheit des Namens als Taufname in früherer Zeit.[20]
So drang allerdings ein immer breiter werdender Strom neuer, fremdsprachiger Namen ein; aber eine eigentliche Hochflut brachte erst das 16. Jahrhundert, das Zeitalter der Reformation. Mit Eifer wandte sich das Volk dem neu erschlossenen Buch der Bücher zu und holte sich dort nicht nur seine Glaubenslehren, sondern auch seine Namen. Aus dem alten und neuen Testamente, von Adam und Eva bis zur Offenbarung Johannis herab, entlehnte man sie. Im Gegensatze zu dem Protestantismus betonte der Katholizismus die Heiligenverehrung noch stärker und fügte den schon früher eingeführten Heiligennamen eine große Zahl neuer hinzu; man kann sie eben daran erkennen, daß sie ziemlich ausschließliches Eigentum der Katholiken sind, z. B.Ignatius,Vincenz,Aloys,Xaver,Seraphin.
Als nun vollends durch den dreißigjährigen Krieg das nationale Leben in seinem Kern angegriffen und auf ein Jahrhundert fast erstickt wurde, da riß wie in Sprache und Literatur, so auch in der Namengebung eine vollständige Verwilderung ein. Doch ist das hier glücklicherweise von geringerem Belang, weil längst der große Wendepunkt eingetreten war, da die Personennamen fest wurden und sich die Familiennamen bildeten. Auf diesen schon im 13. und 14. Jahrhundert in der Hauptsache zum Abschluß gekommenen Prozeß hat die spätere Überschwemmung mit fremden Namen wenig mehr einwirken können, daher wir uns hier mit diesen kurzen Hindeutungen begnügen.