Frau Liselotte schritt in ihrem Garten auf und ab; er war so dicht verwachsen, daß er sie vor jedem Späherauge schützte, und das war gut und verständig von seinen dichten Zweigen. Denn in den lieben Garten des Vaterhauses trug Frau Liselotte viel heimlichen Kummer; all die vertrauten Stellen darin kannten ihr Leid, wußten, wie schwer sie an der Ehe mit Hans von Windemuth getragen hatte, und wie sie geistig beinahe verhungert war an seiner Seite. Sie war auf Wunsch des Arztes nach dem plötzlichen Tode des Gatten auf Reisen gegangen, aber Mutterliebe trieb sie wieder,seßhaft zu werden, weil Klein-Elfi nicht die Unruhe vertrug. Frau Liselotte hatte sich eine Villa im Tiergarten gemietet, um ihre Stimme in Berlin noch weiter auszubilden, aber sie litt unter dem Tanz um das goldene Kalb, der begann, als man erfuhr, daß die schöne Gesangschülerin der Königlichen Hochschule reich und frei war.
Frau Liselotte schritt in ihrem Garten auf und ab; er war so dicht verwachsen, daß er sie vor jedem Späherauge schützte, und das war gut und verständig von seinen dichten Zweigen. Denn in den lieben Garten des Vaterhauses trug Frau Liselotte viel heimlichen Kummer; all die vertrauten Stellen darin kannten ihr Leid, wußten, wie schwer sie an der Ehe mit Hans von Windemuth getragen hatte, und wie sie geistig beinahe verhungert war an seiner Seite. Sie war auf Wunsch des Arztes nach dem plötzlichen Tode des Gatten auf Reisen gegangen, aber Mutterliebe trieb sie wieder,seßhaft zu werden, weil Klein-Elfi nicht die Unruhe vertrug. Frau Liselotte hatte sich eine Villa im Tiergarten gemietet, um ihre Stimme in Berlin noch weiter auszubilden, aber sie litt unter dem Tanz um das goldene Kalb, der begann, als man erfuhr, daß die schöne Gesangschülerin der Königlichen Hochschule reich und frei war.
Ernst und unnahbar wurde sie und – einsam.
Dann kam der Konzertabend in der Singakademie, an dem sie Bertold Eik zum ersten Male wiedersah.
Wiedersah als großen, unerreichten Künstler.
Und das Kinderherz in ihr flog ihm entgegen und alles Trennende schien zu versinken, aber sie hörte, daß er jäh die Künstlerlaufbahn abgebrochen habe und die großen Besitzungen der Eiks übernehmen werde. Sie hörte, daß seine schwere einstige Kopfwunde ihm immer noch zu schaffen machte, und man verhehlte ihr nicht die häßlichen Einzelheiten ihrer Entstehung.
Auch seine geheimnisvolle Begleiterin sah sie und hörte von ihr, aber nichts von alledem drang in das Stillste und Tiefste ihres Herzens, das dem Jugendfreunde seit Urbeginn gehörte.
Und als die Sehnsucht nach der Thüringer Heimat sie packte und schüttelte, daß sie meinte in der fremden Großstadt verzagen zu müssen, da ließ sie die Pforten ihres Vaterhauses öffnen, ließ Licht und Luft und Sonne durch die unverhüllten Fenster einziehen und duckte sich mit ihrem Kinde in das stille, sonnenwarme Nest. –
Heute an dem Sommernachmittag, der sich schon sacht mit dem Abend grüßte, wartete Frau Liselotte auf Elfi, die ihren Gesundheitsspaziergang mit den Puppen etwas gar zu lange ausdehnte, so daß die Mutter schon ein paarmal in Sorge über den Gartenzaun gelugt hatte.
Nun setzte sie sich in die Geisblattlaube und die sonst immer fleißigen Hände, die am liebsten jedes Stück, dessen der Liebling bedurfte, selbst nähten, lagen gefaltet auf der kühlen Platte des alten Steintisches.
Allgemach kam ein süßes Träumen über sie und der Kopf sank auf die verschlungenen Hände.
»Gewiß weint Mutti wieder,« meinte Elfi zu sich selbst, die ganz leise durch das Gartenpförtchen über den weichen Rasen herangefahren war. Ein glückliches Lachen überzog das Schelmengesicht und wechselte mit einem rührend sorglichen Ausdruck.
Was hatte der große, gute Herr im Eichenborn ihr zugeflüstert?
»Wenn deine Mutti wieder weint, dann leg ihr dies Bündelchen in den Schoß; gib acht, sie wird dann froh.« – –
Und Elfis Herzchen pochte in Erwartung, das graue Bündel wanderte aus dem Puppenwagen auf den alten Steintisch und berührte die gefalteten Hände der Ruhenden. Langsam und verträumt hob Frau Liselotte den blonden Kopf und kichernd schlüpfte Klein-Elfi, sich versteckend, hinter einen dichten Fliederbusch.
Von dort aus sah sie, daß Mutti gar nicht geweint, vielleicht nur ein wenig geschlafen hatte, aber nun lag der Trost doch einmal neben ihr und – – –
O was hatte Elfi da angerichtet!
Sie sah, wie das Bündel mit stürmischen Küssen bedeckt wurde, wieder und immer wieder, und die Mutti rief einen Namen dabei, den Elfi nicht verstand; was sie aber wohl verstand, war, daß Muttinunweinte, – weinte, wie Elfi es nie gesehen, herzbrechend und bitterlich. –
Also hatte der Herr vom Eichenborn unrecht gehabt und sehr, sehr bös gehandelt, daß er der Mutti solchen Kummer mit dem greulichen Bündel verursachte, und Elfi war sofort entschlossen, es ihm zu sagen, gleich jetzt – sofort.
Die flinken Beinchen legten den kurzen Weg unglaublich rasch zurück und Bertold von Eik war sehr erstaunt, seine kleine, neue Freundin sobald schon wieder zu sehen. Der Plaudermund Elfis strömte über von raschen, zornigen Vorwürfen und sie verhehlte ihm gar nichts von dem jähen Leid, das über Mutti beim Anblick des grauen Bündels gekommen war.
Noch viel zorniger aber wurde ihr Herzchen, als sie den großen Herrn lachen sah, ganz strahlend und herzlich lachen, und sie wehrte sich mit Händen und Fäustchen, als er sie stürmisch lieb haben wollte, und fing nun selbst an, kläglich zu weinen.
Da wurde er ernst und redete gute, liebe Worte und sie legte vertrauensvoll ihre kleine Rechte in die seine und er ließ sich von ihr leiten bis ins Windemuthhaus.
Dort ließ sie aber die große Hand nicht los, sondern gemeinsam schritten die beiden durch das Portal des Windemuthhauses und hinaus in den Garten.
Erst vor der Geisblattlaube löste sich Elfis Händchen aus der Hand des Freundes, und sie stieß ihn ein wenig unsanft hinein. »Da!« sagte sie nur –
Und der große ernste Herr von Eichenborn mußte seine böse Tat wohl sehr bereuen, denn er lag vor Mutti auf den Knien und küßte immer wieder ihre beiden Hände und diese Hände legten sich auf seinen Kopf und schlangen sich um seinen Hals und Mutti, die gute Mutti, schien ihm auch verziehen zu haben, denn sie küßte ihn ja und sah unbeschreiblich glückselig aus.
Da umfing Klein-Elfi beide liebe Menschen mit ihren weichen Kinderarmen.
An Tante Adelgundes hundertstem Geburtstag führte Bertold Eik von Eichen seine Liselotte heim. – Eine hundertjährige Bürgerin hatte Schwarzhausen seit seiner Begründung noch nicht aufzuweisen gehabt. –
Die Schwarzhausener waren sehr stolz.
Nirgends in der Welt passierten so seltsame Dinge, wie in ihrem Städtchen, und es hatte den Anschein,als ob der liebe Gott die Schwarzhausener ganz besonders liebte und ehrte.
Denn daß die liebe, gute Liselotte Windemuth, die so viel für die Armen der Stadt tat, den Bertold Eik heiratete und damit den einzigen schlechten Kerl, den Schwarzhausen aufzuweisen hatte, zur Besserung vorbereitete, das wollten sie ihr nie vergessen, ja manchem dämmerte es in seinem Pharisäerherzen, daß Herr Bertold Eik von Eichen es doch am Ende verdiente, ein Schwarzhausener Bürger zu sein.
Und mehr kann der Leser wohl von Schwarzhausen nicht verlangen.
»Du willst meinem Enkel das Glück bringen?« fragte Eikseniordie junge, blonde, schöne Frau.
Es war am Abend ihres Hochzeitstages.
»Ich will ihm dieHeimatgeben,« antwortete Liselotte schlicht.
Da schloß der alte grimme Eik sie in seine Arme, und er fühlte seherisch, daß das heilige Feuer in diesen beiden Menschenkindern wohl imstande sein würde, das Gold, welches im Eichenborn verborgen lag, von allen Schlacken zu läutern.
Vom Großvater fort schritten Bertold und Liselotte in Tante Adelgundes Gemächer.
Und das Geburtstagskind segnete sie und gab ihnen die silberbeschlagene Bibel, aus der sie noch eben gelesen: »Und wenn ich mit Menschen- und Engelszungen redete und hätte derLiebenicht, so wäre ich tönendes Erz und klingende Schelle – –«
Denn sie ist die Größeste – – –!
Fräulein Adelgunde blickte aus hellen Augen dem schönen Paare nach – es schritt Hand in Hand über den Hof des Herrenhauses und dann stand es vom hellen Mondlicht beschienen im gegenüberliegenden Turmzimmer, dem Brautgemach, von dem man weithin schauen konnte über die geliebten Thüringer Berge.
Ein Rauschen ging durch die Edeltannen, wie eine ernste Mahnung, und ihr herbes Duften war wie stilles Grüßen in dieser heiligen Nacht.
»Heimat ist Glück,« murmelte die Hundertjährige.
Ende.