Chapter 6

Der Satz des alten Roués war eine Rohheit, die selbst seine gedrechselte Sprache nicht verbarg. Er spielte darauf an, daß man Good in letzter Zeit den Garten hatte abends umschleichen sehen. Selbst einem Blinden wäre aufgefallen, daß der Anlaß keineswegs ein krimineller war. „Sie werden ein Ständchen erhalten.“ „Werfen Sie Baldrian in den Nebengarten,“ hatte Grace gesagt. George Good war bei dem Satz, den er am Fenster vernommen, seinerzeit zusammengezuckt.

Als er nun eine Anspielung hörte, war er unter der Erkenntnis der Hoffnungslosigkeit seiner Bemühungen zusammengestürzt.

Er lag seit einigen Tagen nun in einem apathischen Zustand in einem Parterrezimmer von Graces Landhaus. Sie war so davon überzeugt, daß er die Kette nicht besaß, daß sie diese Gunst des Zufalls nicht einmal ausnutzte, bei ihm nachsuchen zu lassen. Zu ihrem Glück gelang es ihr, dadurch den Capt. auf ihre Spur zu bringen. Er sah ihr Gesicht zuerst im Spiegel eines Ladens an dem er stand, sprang in einen Wagen und folgte ihrem Auto in einer Versessenheit, die er nicht mehr bändigen konnte. Er nahm an, daß sie Good bei Seite geschafft habe und hatte die Kraft, den Toten noch zu hassen, was ihn nicht hinderte, ihn rächen zu wollen. Die Überlegungen der Redlichen sind von bezwingender Heiterkeit,wenn die verschiedenen Ergebnisse einer konsequenten Treue sich zu komplizieren beginnen und beweisen, daß die höchste Treue nicht ein Gesetz, sondern das mit allen Gesetzen harmonierende Gefühl ist. Mit welcher Schönheit ist Treue verklärt, wenn sie die Anmut eines reinen Herzens krönt. Den Fahnenträger eines Räuberhaufens der Treue vermag man höchstens zu schätzen, weil er unerbittlich ist, aber zu einfältig, um über der Anhänglichkeit auch den Sinn der Moral zu erkennen, für die er sich hergibt.

Als er mit seinem Wagen einfuhr in den Park, entschlossen, ans Äußerste zu gehen, erlag er dem Paroxysmus seines Blutes. Ein Diener wie aus Marmor, einer jener Domestiken, die aus den Zeiten Sullas und Vespasians stammen, die nie sprechen, sondern vor der Schaurigkeit des, was sie sehen müssen, Eisberge der Kühlheit geworden sind, wies ihn mit einer stummen Gebärde auf eine Tür. Gleichzeitig meldete er mit einer Stimme, die vor Entwöhnung von der Hohlheit eines Grabes geworden war: „Lady G. P. erwartet Sie zum Lunch.“ Ehe Capt. Pound sich fassen konnte, sah er ein Ruhezimmer um sich, auf dem in der soigniertesten Weise ein Abendanzug aufgelegt war. Es fehlte keine Kleinigkeit, sogar die Seidenstrümpfe gingen über das Knie. Diesem wilden Scherz ergab sich selbst der Held von Cuba.

Er fühlte eine Falle, aber die Unverfrorenheit reizte ihn so, daß er seine Brutalität zurückschob. „Hallo,“ murmelte er, als er bemerkte, daß das Abendjackett keine Taschen hatte, „Windstärke zehn, Capt. Pound.“ Er pfiff vor sich hin, als ein Page mit einem Gong den Korridor entlang lief. Er folgte ihm, kam durch eine Menge Zimmer und wartete an einer Tapisserie. Plötzlich machte er einen Sprung und lief denselben Weg zurück, lief, als wolle er sein Leben retten. Durch eine Unvorsichtigkeit des Chasseurs,der die Tür hinter ihm schließen sollte, geriet Ritch in eine Falle. Er überraschte sie beim Untersuchen seiner Taschen, warf sie, obwohl sie ein Weib war, an die Wand. Sie hatte nichts gefunden, aber der Capt. brüllte nun vor Wut. Wie der Stier, in dem allerdings ein Gott saß, der Europa entführte, jagte er die Mestizin durch den Garten und eine Terrasse herauf. In diesem Zimmer hatte Grace die Absicht, ihm entgegenzutreten, der Stier warf ihr Programm über den Haufen. Sie zeigte, daß sie auch dem gewachsen war.

Der Auftritt sollte lange dauern und kürzte sich teuflisch ab. „Geben Sie Good heraus,“ schrie der Capt., als er sie sah und versuchte, nach seiner Pistole zu greifen, fand aber keine Tasche, was ihn förmlich berauschte vor Zorn. Grace gab ihm einen fragenden Blick, der ihn vereiste. Dieser Blick wechselte, er war bald dunkel wie Samt, bald so weißblau wie das Meer unter einem Gewitter. Dieses Auge hatte in beiden Ausdrücken die Entschlossenheit eines Tigers.

„Ich will es tun,“ sagte sie mit der möglichsten Einfachheit. „Geben Sie dafür die Kette.“

Dies warf Pound in sich selbst herum, er war vor Erstaunen sprachlos. Das Oranggesicht über der athletischen Schulter war einfach geistlos, selbst die Wildheit kennt einen Moment der Bestürzung, wo das Böse sich vor der Dummheit kuscht.

Dann blitzte ein Plan in ihm auf, der das Verrückteste war, denn er hatte die Kette holen wollen und nach Good gefragt. Nunmehr drängte ihn seine Verblüfftheit in ein primitives Rachegefühl: er versuchte, sich dieser Frau zu bemächtigen. In diesem Augenblick erschrak er bis auf den Rand der Lippen. Dieselbe Frau, die vor ihm stand, stand auch auf der anderen Seite desZimmers. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, lief auf die eine zu, hielt ein, wandte sich nach der anderen. Auf diese Weise waren beide verschwunden, als er sich erholt hatte.

„Jonny Rumford,“ sagte er, als er die Terrasse herunterging, „ich müßte jetzt drei Beine haben, wenn wir die gleichen Gespenster wären wie diese da. Eins unter jedem Arm.“ Er tobte vor Zorn mit seinem Holzbein auf den Stufen. Als er verschwunden war, ließ Sir Davis Wolfsteller im Garten legen und engagierte ein Dutzend neue Leute. Dieser Bursche war ihm auf die Nerven gefallen. Er zuckte zusammen, wenn er an das Geräusch des Stelzbeins dachte, das einem Engländer, auch wenn er ein Franzose sein will, entsetzlich ist.

Auf Good hatte der Auftritt eine merkwürdige Wirkung. Er stand auf. Das Gesicht dieses Mannes war völlig verändert. Es war heiter wie der Mond, obwohl es härter geworden war. Der junge Mann hatte einiges verloren und anderes gewonnen, wie dies bei Leuten unter Dreißig häufig ist, wenn ihre Seele sich unter Entschlüssen ändert. Er war weniger hübsch und langweiliger geworden. Dagegen waren seine Augen im Ausdruck besser. Im Ganzen schien er verloren zu haben. Es ist seltsam, daß junge Männer einfältiger wirken, wenn sie besser werden. Bei Frauen ist dies unmöglich, sie beginnen unter diesen Entschlüssen mit jenem Licht zu strahlen, das ihre erste Schönheit ist.

Der junge Mann hatte sich entschlossen, Grace die Kette zu bringen. Die Liebe hatte ihn überwältigt zu einer Handlung, die die erste leidenschaftliche seines Lebens war, aber sein Leben abschließen mußte. Dieser Gedanke, daß man ihn töten würde und daß er mit dieser Möglichkeit immer gerechnet hatte, sie jetzt aber erst begriff, machte ihn voll einer schmerzlichen Melancholie,die ihn wohl schön erscheinen ließ, aber mit einer Schönheit, die, anders als sein Geckentum, ihn von innen heraus erhellte.

Der junge Mann, der lieben gelernt hatte, ohne daß er wieder geliebt ward, empfand einen tödlichen Schmerz, als er nach seiner Wohnung schritt. Er wußte, daß nun alles vorbei war, aber er vermochte nicht anders zu handeln. Die Blätter fielen um ihn nieder von den Bäumen, er hätte weinen können, obwohl er seit Jahren den Tod herausgefordert hatte. In einer stillen Straße fühlte er die Tränen. Das machte ihn fassungslos, gab ihm aber eine Sicherheit des Schmerzes, die ihm die Welt verdunkelte.

Dieser süße Druck in seiner Brust war von sehr großer Kraft: Wenn er an Grace dachte, empfand er jene Begeisterung, die bei wirklich erhabenen Seelen auch den Tod verachtet, ja die um dieser Glut zuliebe den Tod als höchste Erhabenheit herbeisehnt.

Dies hatte bei aller augenblicklichen Täppigkeit ihm einen Ausdruck gegeben, der Grace neugierig gemacht hatte, sie war ihm durch eine Parktür in einem Umhang Ritchs gefolgt und so den Spionen Pounds entgangen. Dieser ließ, nur von dem Gedanken der Rache getrieben, das Haus umstellen. Er nahm keine Rücksichten mehr, weil das Bewußtsein des Geldes ihn vor jeder Torheit schützte. Man vermochte sich auch damals nicht zu denken, wenn man ein Einkommen von ein paar hunderttausend Dollars besaß, daß es Gesetze geben könne, die töten. Er kam mit zwei riesigen Autos an, stürmte das umzingelte Haus, durchsuchte es nach Good, den er nicht fand und stellte Ritch, die seine Faust bereits kennengelernt hatte. Er faßte sie, wie man Hasen anfaßt, und hob sie in die Höhe.

„Wo ist die Lady?“ herrschte er sie an. Ein teuflischer Blick der Negerin traf ihn. „Schonen Sie sie, wenn Sie ein Gentlemansind,“ schrie sie und schlang, während sie die Portiere aufriß, einen großen schwarzen Shawl um ihre Gebieterin. „Marsch,“ schrie Capt. Pound, und da die völlig zusammengebrochene Frau ihn irgendwo verwirrte, stampfte er mit dem Holzfuß wie ein Verrückter auf den Boden. Sein eleganter Athletenkörper mit dem verwüsteten Gesicht sah aus wie ein Teufel, den einer der jungen Maler dieser Zeit geschildert hat, die von der Natur verflucht waren, die Dinge in höllischen Verzerrungen zu sehen. Er hielt die Pistole immer wieder zur Seite nach rückwärts und beobachtete beide mit einem flackernden Auge.

„Marsch,“ schrie er heiser „in den Wagen,“ und er stampfte vor, weil er sich fürchtete, entweder zusammenzubrechen oder schießen zu müssen. Er war völlig verstört und nur von dem Gedanken wie von einer Biene, die sein Hirn durchsummte und deren monotoner Ton ihn verrückt machte, gefüllt, diese Frau in die Hand zu bekommen. Die Javanerin warf ihm einen verschleierten Blick zu, als sie mit ihrer Lady einstieg. Die Wagen waren geschlossen, Grace war wie eine Betrunkene getaumelt. Der Capt. beobachtete sie mit funkelnden Augen. Grace saß mit der Starrheit des Todes und schenkte ihm keinen Blick. Sie schien bei jedem Sprung des Wagens zusammenfallen.

Diese Fahrt war eine abscheuliche Quälerei. Pound schien das zu bedenken: „He,“ brüllte er plötzlich, „Lady, ich bin dafür, daß Sie meinen Platz tauschen.“ Sie beachtete ihn wie einen alten Schuh. Der Soldat war diese Rache einer Feindin gewohnt und schwieg. Nach einer Weile versuchte er einfach die Lady herüberzusetzen. Er sprang auf und schrie so toll, daß der Chauffeur ihn gehört haben mußte. Er hielt eine Puppe in der Hand. Sie war Grace mit bewundernswerter Kunst nachgebildet.

Capt. Pound mußte den Verstand verlieren oder sich befreien. Er verlor den Verstand eine Sekunde, das Blut verließ seine Schläfen und er zitterte, weiß wie Wachs, mit geschlossenen Augen. Dann sagte er kalt: „Ich werde mich überzeugen, ob du aus derselben Wolle gemacht bist“ und schoß viermal in Ritchs Körper, wo dieser dem Kapitän des „Leviathan“ am köstlichsten erschienen war. Diese Schüsse waren nicht tödlich, aber sie verunstalteten, was schlimmer ist. Es gibt Schüsse, die das Herz oder die Lunge durchbohren und die ein unglaublicher Wille überwindet. Manche geringfügige Blessuren haben den Tod sofort hinter sich her. Capt. Pound begab sich in das andere Auto. Das seine drehte, mit Hilfe der Leute, die er bezahlte, ward Ritch in das Landhaus getragen und starb in Graces Armen, als sie zurückkam.

Der Tod hat eine lösende Kraft für junge Menschen. Er befreit sie von jenen Ängsten, die ihre Klarheit verbittern, er bringt sie zurück bis an die Schwelle ihrer Jugend, die die reinste Zeit eines Lebens ist, er hat die Ungeheuerlichkeit einer sühnenden Kraft, die beispiellos ist, weil sie blind ist. Nur das Leben ist ängstlich, weil es verwirrt ist. Der Tod ist von einer Reinheit und Größe, deren Horizont sich unvergeßlich aufschlägt und ordnet. Das Furchtbare des Todes empfinden nur die Verstockten, der Anblick des Todes ist für die Verirrten das erhabenste Erlebnis. Es ist der Freude ebenso nahe, wie der Schmerz ein Bruder der Liebe ist. Am Lager eines Toten herrscht die Harmonie, welche mit der Majestät der Liebe gesegnet ist.

Als Grace von dem Lager Ritchs zurücktrat, die für sie gestorben war, trat George Good herein. Er ging fast gebückt aber mit der Heiterkeit der Leute, die wissen, daß die Kugel für sie geladen ist. Er schreckte zusammen, als er eine Frau sah, die erkaum kannte. Sie trat ihm wie eine Fürstin entgegen, die beleidigt ist, aber so verziehen hat, daß alles an ihr schäumt vor einer kalten Güte, deren Entscheidungen ihn verdammen mußten, auch wenn sie segnen.

Er trug die Kette auf beiden Händen, für die sie keinen Blick hatte. Sie winkte ihm. In diesem Augenblick strömten ihm die Tränen aus den Augen. Das Glück dieses Augenblicks war das größte seines Lebens. Sie winkte noch einmal, er ging langsam zurück. An der Tür steckte er die Kette ein. Es rettete sein Leben, aber an dieser Wunde ging er zugrunde wie jener Prinz, dem ein Affe ein Stück aus der Brust gebissen, und der kein Fleisch hatte, die Wunde damit zu nähren. Dieser Prankenhieb schlug die Sehnsucht in ihm frei, und er litt mit dem Maß, mit dem er sie nicht gekannt hatte und nicht befriedigen konnte, nach diesem Erlebnis. Dieser junge Mann, der nie besiegt worden war, gewann sein Leben, aber die Liebe saß wie der Tod in seinem Herzen, das heißt, er ging verklärt aus diesem Haus, wie ein Wahnsinniger, vom Blitz gerührt von Glück, bis zur Besessenheit von Liebe beladen, die er kaum tragen konnte ...

„Sechsundzwanzig Jahre,“ sagte Sir Davis, als sie drei Tage später über den Kanal fuhren, „und soviel Erlebnisse, daß man ein Jahr davon erzählen könnte, und man muß darüber schweigen, welches Verhängnis.“ Grace sah ihn mit einem Blick an, der alle Erleuchtungen eines klaren Herzens trug: „Wovon reden Sie, Davis?“ sagte sie, und der alte Geck war von dieser unwiderstehlichen Frage so verwirrt, daß er sich in den Arm kniff, um festzustellen, ob er denn träume oder sie. Der erfahrene Frauenkenner sah sie ängstlich an, er erblickte ein unberühmtes, nichts wissendes Gesicht. Dieses Gesicht war das einer Sechszehnjährigen voll großer Hoffnungenund ohne Erlebnisse, die eine Seele vergiften. Der Tod hatte diesem Mädchen die Barriere geschlossen, durch die ohne Trennung die Welt des Frevels neben der Welt ihrer Seele lag. Das Glück hatte sie verschwenderisch überhäuft. Das Glück, das im Augenblick des Todes einen Menschen überfällt, hat eine wundervolle Verwandtschaft mit dem Blut, das in dem Sinn der Sühne vergossen ist, dieses Glück heilt, verzeiht und macht vergessen. Es tilgt die Schuld, es wirft den Frevel zurück, es überwindet das Böse mit einer Übermacht der Reinheit, die mit der Majestät der Liebe darin gekrönt wird. Diese Liebe, die selbst das Vergessen lehrt, kennt keine Abgründe mehr, weil das Herz, das sie nunmehr regiert, unbeirrbar ist.

Dieses Glück, welches das junge Mädchen überfallen hatte, besaß das Anrecht, mit den zartesten Namen genannt zu werden. Davis staunte und bekam hektische Backen. Dieser Wollüstling, der die Frau als Wesen verehrte, ohne ihre Moral abzuschätzen, sah, statt einer Frau mit den kalten Augen des Tigers, eine liebliche Erscheinung. Davis hielt sich einige Sekunden für verrückt. In ihren Blicken war keine Spur mehr von der harten Glut, die ihr jene Entschlossenheit der Tollheit geliehen hatte, der er sich sofort gefügt hatte. Dieses Mädchen war völlig rein, hatte den Himmel im Auge und nur einen leichten Unmut, wie ihn verwöhnte, engelhafte Kinder haben, um den Mund: „Von was reden Sie, Davis?“

Dieser Satz machte den alten Wüstling, der die tollsten Sprünge seines Lebens in diesen Tagen erlebt hatte, fast närrisch. Er starrte sie an. Der Lüstling, welcher, ohne mehr zu tun als es festzustellen, Kurtisanen verröcheln, Damen zu Dirnen werden, Frevlerinnen bereuen gesehen hatte, der beobachtet hatte, daß Menschen sich blitzschnell herumwandten, als ob ihre Seele beweglichersei als wie ihr Rücken, der Frauen aus Leidenschaft in den Tod und aus dem Tod in jene Wollust hatte tauchen sehen, die durch ihre Verzweiflung noch tiefer ist als der Tod, der Mörderinnen hatte sich bessern und Engel in ein Unglück hatte treiben sehen, das beispiellos war, der Mann, der die Wandlungen der Frauen einer Gesellschaft beobachtet hatte, welche an der Grenze zwischen zwei Menschenklassen stand, von der die eine sie band und die andere sie befreite, ohne daß die Fessel sie beglückte und die Befreiung sie erlöste, ... der Mann, der die Verheerungen des Teufels und einer lächerlich angewandten Vernunft unter den Frauen der Jahrhundertwende von den Verzückungen der Verwirrten bis zu den Heucheleien der Verdammten bis ins Kleinste kannte, starrte dieses Wunder vor sich an.

Vor diesem Mädchen, in der Tat, lag das Leben makellos. Er hatte eine Jungfrau vor sich, der kein Schatten die Stirn getrübt hatte. Reinheit ist immer unberührbar, weil sie vollkommen ist. Sir Davis, der nach der Sitte seines zurückliegenden Jahrhunderts nur beobachtete, ohne den Sinn zu ergrübeln, schwenkte sofort um. Er gehörte zu den Männern, die Gott oder der apokalyptischen Hure dienen, wenn beide nur in der Form der Frau erscheinen, die sie anbeten dürfen.

Davis lachte in sich hinein. „Ich freue mich auf Gaby,“ sagte Grace. „Das,“ sagte Sir Davis, „tut man mit sechzehn Jahren. Glückliche Windspiele, die herrlich sein müssen, auch mit sechsundzwanzig das Gleiche noch zu erregen. Warum soll man es mit einundziebzig nicht tun?“ Der Alte, der ein Glück darin sah, der ewige Sklave der Launen schöner Frauen zu sein, und sein Alter zum erstenmal gestand, reichte ihr mit großartiger Bewegung den Schirm, damit die Sonne keine Wolke über diese Stirn ziehen ließe ... – – –

Fünf Jahre später las ich diese Geschichte, die hier abschließt, zwei Leuten vor, die in verschiedener Weise damit sich zu beschäftigen hatten. „Sie haben,“ sagte der Mann, der im Kreis einer Lampe sich auf einen der breiten Stühle gelegt hatte, wie ein Hund darin Platz nimmt, „im wesentlichen hier Angriffe gegen eine Zeit gerichtet, welche ich ehre. Ich verstehe nichts von Literatur.“ Dieses Scheusal hustete auf eine heimtückische Weise, indem er sich mit der Koketterie einer wohlgewachsenen Frau ausdehnte. Die Natur hatte ihm seine schlechte Seele in die linke Schulter gezogen, die wie ein zweiter Kopf ohne Augen neben seinem Scheitel in die Luft ragte. Er war eine der gefürchtetsten Hyänen der Börse und voll Launen, die einem Journalisten Ehre gemacht hätten. Dieser Kopfschien Milliarden aus der Börse ziehen zu können, Straßenzüge mit einem Gedanken zu schlucken, zu verdauen und mit einem märchenhaften Gewinst auszuspeien. Seine Agenten reisten, mit seinen Gedanken belastet, als Herolde der Vernichtung durch jene Staaten, deren Währungen sie bald vernichteten, bald nahe an eine unglaubliche Hoffnung auf Besserung kommen ließen. Der Kopf des Mannes, dessen Atem roch wie Vernichtung, und dessen Augen den spitzen Glanz hatten, der Totengräbern eigen ist, war der Kopf eines Götzen, dessen verbrecherische Größe von jenen Schlachtplänen der Leere und den Bilanzen des Umsturzes herkommt, die aus Europa ein Leichenfeld der Gesittung und eine Wüste der Schönheit gemacht hatten.

Dieser Mann glänzte förmlich wie eine häßliche Gottheit aus Kupfer, die sich an dem Elend von Millionen gemästet hat. Die Siege, die nicht mit dem Herzen errungen werden, sind zwecklos, wenn sie gewogen werden, aber von den Siegen der Macht sind die ohne Zweifel die erbärmlichsten, die ohne den Ruhm der Traditionen und mit der Gier der Häßlichkeit gestempelt sind.

Diese Hyäne, die anfing, ein Loblied ihrer Zeit zu singen, hatte eine Schwäche, seine Frau. Er war der Besitzer einer Frau von so überwältigender Schönheit, daß die Sicherheit seines Geldes ihn nicht von der Eifersucht freihielt, die jeden Zwerg selbst mit der furchtbarsten Macht im Gefühl seiner Niedrigkeit von der Schönheit entfernen mußte. Auch Schönheit allein ist nicht vollkommen und daher käuflich, aber immer nur mit der Menge Goldes, die eine Spanne, nicht eine Ewigkeit aufwiegt. Das Scheusal, dessen Erfolge seine Klugheit beweisen, war nicht blind, und wo andere ihn nachts auf seine Tagerfolgen ausruhen dachten, glühte es vor der Größe seiner Zweifel.

Da diese Leute Bescheidenheit nicht kennen dürfen, weil sie an Kümmerlichkeit, der niederen Schwester der Einfachheit, übermäßig bedacht sind, trug er die Maske der Herausforderung. Er, der zitterte um jeden Blick seiner Frau, konnte nicht anders als den Libertinismus im weitesten Sinne verteidigen, ja rühmen. Dieser Enterbte der Natur, welcher mit guten Beinen und sportlicher Figur an den Gesetzen des Lebens gehangen hätte wie ein Priester, gab sich einer schrankenlosen Bewunderung der Ausschweifung hin. Zwischen der Angst und den Großmäulern hat schon Rabelais die verbindende Kurve gezogen. Die Macht, wenn sie in die Hände der Zwerge fällt, ist die schauerlichste Komödie des Heldentums. „Zum Teufel mit einem Jahrhundert, das uns Daumenschrauben anlegt,“ sagte er höhnisch. „Sie reden, als seien Sie ein Mitglied der Inquisition. Ihre Vorzüge der Tugend sind Schrullen gegen die Vorzüge der Industriepapiere. Eine Frau ist eine alberne Gans, wenn sie nicht weiß, inwieweit ‚Canada Pacific‘ von ‚Garelly‘ unterschieden wird und wenn sie sich mit ihrer Keuschheit mehr beschäftigt als mit dem Mann, der ihr die Möglichkeit eines großen Lebens bietet, das, gestehen Sie es, heute eine Seltenheit ist. Ich bin nicht gebildet aber auch nicht dumm genug, um dem bloßen Genuß das Wort zu reden, oder Ihnen an Hand der Geschichte zu beweisen, daß jede Zeit ihre wirtschaftlichen Notwendigkeiten und danach ihre Ziele hat. Die Schätzung der Tugend würde eine Frau heute verhungern lassen. Es gibt einen Krieg, dessen Heldentypen Sie unterschätzen, das ist der Kampf um das Gold. Die Notwendigkeit der Zeit erfordert den Zynismus. Wer heute Greenbacks besitzt, ist morgen vielleicht bankerott, weil er verschiedentlich nicht à la baisse die polnische Mark gekauft oder den Dinar gestützt hat. Ich werfe in acht Tagen die Mark in Krakau auf Fünfzigtausend pro Dollarund senke sie in Berlin um die Hälfte von Vierzigtausend. Wenn ich morgen in New York Mark kaufen lasse und verteile die Schatzanweisungen an alle Großbanken und ziehe sie auf drei Tage Distanz mit einem Ruck ein, mache ich eine Knappheit des Geldes, gegen das die Heuschreckenschwärme und Hungernöte einer Zeit Bagatellen waren, wo man vielleicht den Import der Keuschheit als Sport betrieb. In dieser Zeit, wo ich die Hälfte Mitteleuropas vernichten kann, wenn ich die Kohlenkuxe senke oder Creusot und Krupp zusammenbringe, in einer Zeit, wo die Männer mit dem Degen in der Faust aus der Hand der jüdischen Bankiers wie die Tauben fressen, wo die Fürsten ihre alten Wappensprüche verhüllen, um in unsere Geschäfte mithineingenommen zu werden, damit sie nicht verhungern, in einer Epoche, wo die Kunst einfach überritten, die geistigen Berufe niedergemacht, wo die Seelen der Menschen wie Fische aufs Maul geschmissen und zertreten werden, und wo der Zusammenschluß der lothringer, der schlesischen und der Ruhrerze tausendmal größere Revolutionen bedeutet als etwa die Figur Napoleons oder die erste Völkerwanderung, in einer Zeit also, kurz gesagt, wo das Gold allein seine Generale ausschickt und die seitherige Welt in Armeen gegliedert ist, die von einem Tag bis zum anderen unter den Kanonen der Wirtschaft und Börse stehen und bluten, da gibt es nur eine einzige und mögliche Bewegung: die Zerreißung aller Rücksichten, den Krieg der Leidenschaften, die unbedingte Freiheit der Frau, die sich in ein Wesen von solcher Gefährlichkeit gewandelt hat, daß nur die wahre Macht, das Gold, sie zu halten imstande ist. Das ist mein Standpunkt.“ Das Scheusal leckte sich die Zunge und warf einen glühenden Blick in die Ecke. Diese Frau aber wußte zu schweigen.

„In einer Zeit,“ sagte ich, „wo die Seelen zerschmettert werdendurch das Gold, wo das Laster eine Mode ist, wo die verruchtesten Erfindungen uns überschwemmen, in einer Zeit, wo die Mörder fast noch Heilige und die Heerführer Engel scheinen, in einer Zeit, wo die Kokotten Ehen eingehen, weil man sie ihrer Übung halber vorzieht und nicht die Zeit hat, Frauen anzulernen, eine Ehe zu führen, in einer Zeit, wo der Adel seine Töchter verkaufen muß und das Bürgertum verhungert, wo die Arbeiterinnen ihre Eingeweide zerstören, um in den Fabriken ihre Weiblichkeit an die Maschinen zu hängen und mit falschen Ringen durch die Sonntage zu spazieren, in einer Zeit, wo die Güte mit den Engeln auf den Mars ausgewandert ist und die Börsenmakler die fetten Heroen eines verabscheuenswerten Jahrhunderts geworden sind, in einer Zeit, wo jede Frau käuflich, aber jeder Mann ein Schelm geworden scheint, in einer Zeit, die, gestehen Sie, wie selten eine Zeit gemein ohne Größe und verdorben ohne Geist ist, gibt es nur eine Majestät der Haltung: die Tugend. Im Chaos der Moralbegriffe, die von der Hand des Hungers ausgejätet werden, im Zusammenbruch der Gebäude, die seit alters her den Staat mit wundervoller Kraft an unseren Horizont zeichneten, im Wanken der Gesetze, die seit Jahrhunderten Recht und Unrecht mit gewissermaßen ehernen Stirnen schieden, gibt es nur eine Säule: die Familie. Unter den Tugenden, an welche die Menschheit glaubte, und die von Konfutse bis Hartmann die Welt besang, die von den indischen Künstlern der Jahreszeiten bis zu Holbein undFran Angelico die Welt gemalt und geheiligt hat, ist nur eine stark genug, die Welt in ihrem Brechen aufzuhalten: die Reinheit. Diese Tugend ist unzerschmetterbar, weil sie wahrlich vollendet ist. Sie besitzt die Weichheit des Himmels, und den Stahl, der die Körper der Helden wie ihre Seelen unsterblich machte. Diese Reinheit darzustellen, heißt die Liebeaufrechterhalten, die das einzige ist, was zu leben verlohnt. Die Laster, die Sie preisen und die Ungebundenheiten, von denen Sie schwärmen, sind Verirrungen, die von erbärmlicher Leichtigkeit sind.Einem Menschen, den eine gewisse Haltung gegen seine Zeit einzunehmen reizt, sollte es immer nur als eines Mannes würdig scheinen, sich nicht in dem Schmutz der allgemeinen Phrasen zu wälzen, sondern das schwierigste Ziel mutig anzuerkennen, das in der Regel das edelste ist. Ich weiß mich des Verdachtes, den Asketen ins Ohr zu reden, in dem Ausmaß erhaben, in dem ich das Leben mit aller Glut, deren ich fähig bin, angebetet habe, wo ich es traf. Aber ich sage Ihnen: wenn ich die Wahl zwischen einer schönen unberührten, einfachen aber großen Seele und der mit allem Glanz auftretenden Macht einer Kurtisane hätte, die meinetwegen die ersten Stellen des Staates mit ihrem Namen deckt, ich würde mich mit der letzten Bestimmtheit für das Kind entscheiden, dessen Einfalt mit ein Beweis der sittlichen Größe unserer Zukunft ist.“

Das Scheusal rekelte sich auf seinem Stuhl, als sei er ein Lotterbett. Ein Blick der Frau mußte ihn getroffen haben, er zog sein Kinn durch die Hand, als wolle er es bis zu seinem Magen herunterziehen:

„Sie haben Ihr Herz uns nicht vorenthalten. Die Geschmäcker der Menschen sind verschieden. In Mexiko macht man mit Revolvern Jagd auf Rosen, in Bukarest gibt es Flöhe so groß wie eine Hand, die wieder Läuse haben, die Söhne der amerikanischen Finanz heiraten nur noch Damen vom Film, in Partenkirchen ist ein General Ackerbauer geworden, hat eine Türkin zum Weib genommen und fährt in einem Wagen, den eine Kuh und eine Ziege gemeinsam ziehen. Der Bischof von Speyer, der im Schloß vonBruchsal gemalt ist, rühmte sich mehr geschrieben zu haben, als vierundzwanzig Ochsen transportieren konnten. In Ungarn lernt man die Kinder: es gibt zwei Reiche, Ungarreich und Himmelreich. Was wollen Sie, die Ideale sind immer persönlich. Sie ziehen dies vor, ich jenes. Das Resultat hat immer entschieden. Sie spekulieren in belgischen Francs, an denen Sie verlieren werden, da ich dagegen bin. Sie vertrauen mir an, daß Sie für unberührte Frauen schwärmen. Vertrauen gegen Vertrauen: ich habe einen Puckel.“ Diese letzte Rohheit, die zu zynisch war, um verstanden zu werden, veranlaßte die Frau, ihn zu unterbrechen.

„Kehren wir zur Literatur zurück, die“ und sie lächelte das Lächeln einer Madonna, „eine gewisse Logik verlangt, der sie nicht entbehren darf. Ich zweifle nicht, daß vor den Gesetzen der Literatur dieser Schluß Ihrer Geschichte ebensowenig standhalten kann wie vor denen Ihres Herzens. Sie haben einen Frevel verdammt, den Sie dann verklärt haben, Sie haben einem Glauben, der Sie auszeichnet, die Schärfe der Waffe genommen, die ihn glaubhaft machen kann. Wenn Fehler in der Architektur einer Geschichte liegen, müssen sie aus dem Herzen kommen, das seine Erlebnisse selbst über die Kunst zu stellen die Angst oder die Kühnheit hat.“

Diese Frau war nicht nur schön, sie besaß einen gefährlichen Geist. Selbst Lionardo wäre über die Gespaltenheit dieses Gesichtes erschrocken, dessen Schönheit unter roten Haaren fast schmerzhaft des Heiligenscheines entbehrte, deren Augen mit der Milde Maria Magdalenas schauten, deren Mund nichts zu wissen schien von den Verzückungen, die ihr Gatte auf schlechte Manier gepriesen hatte, und die eben dieser Gatte fast ebenso kompromittierte, als er sie auszeichnete, weil niemand zu sagen wagte, esgehöre mehr Verworfenheit oder mehr Demut dazu, diese Hyäne von einem Mann zu ertragen.

Der Lebenswandel dieser Frau war von dem denkbarsten Anstand. Man hätte jedermann, der sie verleumdete, niederschlagen können und hätte für ihre Unschuld garantieren dürfen. Und dennoch trug dieses Gesicht, das wie die Inthronisierung des Adels wirkte, den Zug eines Verhängnisses, den Anfang vom Hauch einer ungeheuren teuflischen Verderblichkeit, den Schleier unerhörter Verbrechen um sich, daß ihr Anblick auf die seltsamste Weise erschütterte.

In diesem Gesicht lagen das Engelhafte und die Glut der Messaline mit einer grandiosen Schönheit auf der Lauer, und dies Gesicht trug, wie von der Vorsehung berufen, die sonst im Inneren vergrabenen Leidenschaften mit einer schamlosen Sicherheit auf der Stirn. Dieses Gesicht ruhte noch in der Huld der Klarheit und seine Gedanken waren noch zart. Nur dem, den das Unheil einmal tödlich in diese Falle verstrickt hatte, war es möglich, auf ihm jene noch verdeckten Ungeheuerlichkeiten zu sehen, die sich darüber stürzen konnten. Die Geographie dieses madonnenhaften Gesichtes zeigte eine Lust-Welt noch ungesehener, oder entdeckter Frevel bereit, in die Kontinente der Reinheit hineinbrechen.

Die Augen dieser Frau waren schleierlos, sie waren groß wie die Augen pompejanischer Frauen, die die Hälfte ihres Gesichtes und dreiviertel ihres Gefühles damit bedeckten. Sie waren dunkel, fast achatdunkel, oval und klarer, als das Schwarz hergibt. Diese Frau durchschaute mich völlig. Ich konnte nichts großmütigeres tun, als es zuzugeben.

Die Frau hatte die Sensibilität eines Herzens, das bei einer Geschichte genau versteht, ob sie erfunden oder ob sie an eineAdresse gerichtet ist, die nicht mehr der Kunst unterliegt, sondern nur dem Herz. Frauen haben immer die unheimliche Witterung der Zusammenhänge, weil sie anders wie die Männer begabt sind, die Zwischentöne wichtiger als die Komposition zu nehmen. Dieser Mangel an Konzentration macht sie aus demselben Grund zu Menschenkennern, der die Männer zu Pedanten und Starrköpfen verbildet. Wo die Frau versteht, macht der Mann ein Gesetz. Wo die Männer aber versagen, nämlich die Gesetzmäßigkeit der Gefühle anzuerkennen, weil sie zu dumm sind, ihnen folgen zu können, da verlangen die Frauen mit einer Grausamkeit nach der Logik, die der furchtbaren Idee der Amazonen gleich ist, welche für die Hingabe an einen Mann den Tod verlangten.

Diese Frau, die einen Lionardo erschreckt hätte mit den Wegweisern unausgesprochener Träume über dem hermelinhaften Gesicht, wollte mir erpressen, daß ich endlich gestand, daß Frevel gegen die Natur von der Natur unerbittlich gerichtet werden. Man konnte sehen, daß die engelhafte Frau vor Heißhunger bebte, diese Gewißheit zu erhalten, und wenn ihr Mund nicht vor den Qualen einer geahnten Grausamkeit lebte, war es nur, weil dieser Mund der verschwiegenste war, den eine Frau besaß. Niemand konnte sich rühmen, ein Wort gehört zu haben, das die Seele der Sprecherin betraf.

In dieser Zeit waren alle Frauen, da sie den Weg der Familie und damit der Zurückhaltung verlassen hatten, bereit, mit einem schändlichen Zynismus Dinge auszusprechen, die einer Frau die Weiblichkeit nehmen und verächtlich machen. Eine Frau, die sich preisgibt, hat ihre wundervollste Begnadung, schweigend zu verstehen und ohne Enthüllung verehrt zu werden, eingebüßt.

Die Frau wollte mich durchbohren: „In der Tat,“ erwiderte ich und warf ihr ebenfalls einen kalten Blick zu, „diese Geschichtenahm ein anderes Ende, da das Leben oft grausamer ist als die Literatur. Das Leben hätte in einer Zeit, wo die tolle Kühnheit die Ausnahme und die Tugend eine schöne Gewohnheit waren, ohne Zweifel nicht das Maß von Entsetzen aufgebracht, mit der Gier eines Panters zu vernichten, sondern hätte jenes Maß an Sühne zugelassen, das der Tod in seiner schönen Größe immer bereit hält. Diese Geschichte hätte ihren Beweis in einer vollendeten und klaren Epoche gefunden, wo die Frauen wirklich das Zeichen ihrer himmlischen Abkunft wie einen unsichtbaren Schein getragen haben. Diese Zeit des Verruchten aber macht das Schicksal, das den Sieg will, (das heißt, die Durchsetzung der echten Liebe, die Anerkennung der Größe der Gesittung), unerbittlich wie einen Feldherrn, der Tausende opfert, um das Schlachtfeld zu behaupten. Die Frauen, die mit einer Reinheit im Herzen untergehen, sind die Marksteine einer wunderbaren Generation von Frauen, die hinter diesen Märtyrerinnen herkommen werden. Die Natur macht aus ihrem Blut jene Sühne, an die Sie nicht glauben wollen, weil das Leben es nicht in diesem einen Fall bejaht hat. Zeiten der Gesetzlosigkeit zwingen zu töten, wo man in Jahren der Harmonie vor Liebe gebebt hätte.

Dieser Capt. Pound hätte es in der Hand gehabt, Ritch zu erschießen, aber er war in der Hand des Schicksals und dieses ließ ihn den Schuß nicht tun, der die Tugend gerettet hätte. Er entdeckte die Puppe nach zwei Stunden, warf Ritch aus dem Auto und fuhr zurück. In diesen zwei Stunden war Grace hinter George Good hergeschlichen und hinter ihm in die Wohnung geschlüpft. Der Kampf, der sich zwischen ihr und dem ehemaligen Matrosen des „Leviathan“ abspielte, war der Kampf des Spleen gegen besinnungslose Anbetung. Der junge Mann flehte sie auf den Knieenan, sich die Kette schenken zu lassen. Der Trotz des Mädchens, das den Mann in ihm völlig übersah, lechzte danach, ihn zu rauben.

Diese Szene war von scheußlicher Dramatik, Grace versuchte, mit der Pistole in der Hand den Mann zu reizen, sie sagte ihm Verächtliches und wünschte, indem sie ihn wie Diana niederschmetterte, den Haß in seinen Augen zu sehen. Die Liebe aber war zum erstenmal in sein Herz gebrochen und er konnte ihr nichts wie die Ergebenheit beweisen, die von seiner Seele in sein Gesicht trat. Die Seele dieses Mädchens blieb von der Kälte umsponnen, in die sie verwirrt war. Sie trieb den Mann in die Ecke, als ihr zu ihrem Unglück eine Idee kam.

Sie öffnete den Rahmen eines Bildes, indem sie gegen die Wand schlug und sah die Kette in dem Augenblick, als Pound eindrang. Sie drehte sich um, schrie und fiel zusammen. Die zweite Kugel traf Good ...

Als der Wagen, der Graces Körper nach dem Friedhof brachte, durch das Tor des Landhauses in York fuhr, hatte man Mühe, die Windspiele zu beruhigen, die ein seltsames Spiel trieben. Sie waren den Pferden dicht gefolgt, plötzlich fingen die Gäule an zu laufen, daß sie den Sarg fast auf die Straße geschleudert hätten, die Allee hinauf, die sich geheimnisvoll vernebelte. Die Hunde sprangen mit großen Sätzen über den Wagen hin und zurück. Wäre es nicht schaurig gewesen, dieser Anblick hätte einen Henker rühren müssen. Die Tiere hatten mehr Gefühl für ein Herz, das auserlesen gut war, als das Leben, von dem sie es zurückverlangten.

Capt. Pound erlebte einen Zusammenbruch, der ein Damaskus war. An der Leiche brach er zusammen. Man kennt die Geheimnisse der Menschen nicht, ihre Erkenntnisse sind von noch größerer Dunkelheit. Da er in eine Melancholie verfiel, die ihn der Weltentzog, steht die Frage offen, was diesen rohen Meervagabunden gewandelt hatte. Es gibt nur eine Erklärung: die Liebe, die der Tod an seiner Seite als Sühne in ihm erweckte.

Dafür gibt es einen Beweis, den Jonny Rumford aufgezeichnet hat, wenn Beweise von Irren anerkannt werden sollen. Capt. Pound ward in einemPflegehaus gehalten, das ein milder Name für einen Aufenthaltsort von Irren ist, und von dem aus er die Pfiffe derDampferrohre hören, die Masten und Vertauungen der Handelsschiffe sehen konnte. In dem Garten gab es einen von Rosenstöcken umpflockten Weg, den der athletische Soldat auf- und abstampfte, sein Bein auf der Schulter. Wenn ein neues Schiff eingelaufen war, benutzte er es als Fernrohr. Er sah genau hindurch, und wenn es ihm mißfiel, kommandierte er Feuer. Als Jonny Rumford im Hafen hörte, sein Capt. hause hier, ging er in den Garten, wo ihn Pound mit einer Salve empfing. Er hatte das Bein auf eine Gabel gelegt wie ein Scherenfernrohr, als wolle er den Mars beobachten und stampfte mit dem Holzbein auf den Zement, daß es klang, als würden Schiffskanonen gelöst. „Halloooooo, Capt.,come on ...“ schrie Jonny, „Cuba ist ein Paradies gegen dieses Dreckloch,“ da erkannte ihn Pound. Er ließ ihn eine viertel Stunde in Habtachtstellung stehen, was Jonny anstrengte, der im Hafen keinen Alkohol erhielt, dann umarmte er ihn. Die Tränen rannen ihm aus den Augen, was Jonny völlig verwirrte. Außerdem nannte er ihn Grace. Diesen Wahnsinn hat der Matrose seinem Herrn nicht vergessen, er verstand ihn nicht und, wie alle primitiven Naturen, empfand er eine Beleidigung in dem Satz, wo dem Soldaten das Herz geborsten war.

Es hatte sich geöffnet in einer verrückten Weise, aber was fragt die Liebe nach dem, was den Menschen Bequemlichkeiten oder ungeheure Leiden sind. Die Liebe hatte dieses Herz in einen erbarmenswerten Abgrund geschleudert, aber sie hatte es erreicht, auch wenn der Verstand diese Glut nicht mehr ertrug.“ – – –

Die junge Frau sah mich, als ich zu erzählen aufhörte, mit jenen großen Augen an, die nicht feucht zu werden brauchen, um erschüttert zu sein. „Sie sind,“ sagte sie mit einem furchtbaren Hohn, „stets auf der Seite, wo Sie entschuldigenkönnen, während Sie die Verdammnis predigen.“ Das Gesicht der Frau war in diesem Augenblick von einer Leidenschaft verdunkelt, die den Kopf von Bestien schmückt, deren Züge genug Süßigkeit der Linien und der Farben haben, um den Kontrast unerträglich wild zu machen. Sie hatte ohne Zweifel die Absicht, mich durch ihre Verachtung verzweifelt in sie verliebt zu machen. Sie bewegte ihren Stuhl ein wenig nach der Lampe, in diesem Augenblick hätte niemand gezweifelt, eine Madonna vor sich zu haben, deren Lieblichkeit Rafael bis ins Herz gerührt hätte.

„Was würden Sie tun?“ frug ich die Hyäne, und lachte, „wenn man Ihnen vorwürfe, daß Sie die Währung einer Nation vernichteten, aber aus einer Sentimentalität heraus die Papiere lobten, die Sie verachten und die unter den Händen Ihrer Makler wie ein Höllensturz fielen?“ Die Frau warf mir einen furchtbaren Blick der Sanftmut zu. Das Scheusal, das einige Jahre darauf von einer tobsüchtigen Dirne von der Galerie in einen Kronleuchter geschleudert und erdrosselt ward, war blaß vor Gift. Der Heroe seines Handwerks antwortete:

„Dasselbe, was Daniel Drew nach Vanderbildt tat, als man ihn fragte, warum er die Eisenbahn zum Entsetzen seiner Bürger vertrustet habe, wo er doch täglich für seine Mitmenschen bete: Ich würde Sie bitten, mir den Puckel herunterzurutschen, wenn es nicht so beschwerlich wäre.“ Die Hyäne verschwand wie der Blitz. Es gibt Frauen, deren Herz die Liebe nie erreicht. Ihr Mund ist so verschlossen wie ihr Herz. Aber auch die Heuchelei der Ausschweifung, die hinter einer göttlichen Stirn haust, welche die Liebe nicht versteht, wird zu irgendeiner Stunde entlarvt.

Diese Geschichte, welche einmal den Trost der Liebe und der Sühne dem zerschmetterten Blick einer bewundernswerten undtapferen Frau bringen sollte, mit der ich für ein Drittel meines Vermögens durch die Schüsse verrückter Bauern eine Nacht im litauischen Leiterwagen fuhr, hatte diese nie erreicht. Auf der Station der Grenze, wo ich sie erwartete, kam damals nur die Nachricht eines Todes an mich, der im Anblick des vernichteten Kindes in ihre Seele jäh und sanft eingetreten war wie der Schlaf.

Diese Frau aber, an welche die Geschichte von Lady Grace nun durch einen Zufall gelangt war und deren Seele auf der Sanftheit eines reinen Herzens zu schimmern schien, verachtete die Liebe, deren sie nicht wert schien. Sie verließ das Scheusal, das fast zugrunde ging über die Entdeckungen, die seine Freunde nach ihrer Flucht über ihre Tätigkeit als Gattin machen mußten. Da er nur seinen Schmerz liebte, verging er vor Eifersucht über Qualen, die seine Eitelkeit über die Ausschweifungen dieser Frau empfand. Sie lernte in Ouchy einen Sekretär Kemal Paschas kennen, als dieser die Frauen aus den Harems zur Betätigung in der Öffentlichkeit ausrief.

Diesen verließ die ehrgeizige Frau, um ihr Schicksal an einen der Generale zu hängen, die das Bild unserer Welt zu bestimmen den unzweifelbaren Auftrag haben. Sie wußte den Frevel, den sie mit jener Freiheit, die sie nicht zu benutzen verstand, übte, hinter einem immer geschlossenen Lippenpaar zu verbergen, das der Glut einer nicht ganz erblühten Rose glich und hinter einer Stirn, die sich in nichts von dem kalten Glanz der Schneeberge unterschied. In Tripolis ward sie auf der Straße durch den Mund geschossen. Gott hat viel Mitleid und sieht lange zu, aber die Natur ist grausam, wenn seine Geduld zu Ende ist. Das Schicksal, das sich den Ort aussucht, an dem es straft, öffnet auf die furchtbarste Weise die Lippen, die sich der Liebe entziehen wollen.


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