Edward Bok.

Edward Bok.

Da die Frauen die Mehrzahl aller Käufer auf den Märkten und in den Läden bilden, ist es überaus wichtig zu wissen, was Frauen bevorzugen und wie sie denken.

Deswegen erzähle ich die Geschichte von Edward Bok, dem amerikanischen Holländer, der die größte Frauenzeitung geschaffen hat: »The Ladies’ Home Journal«.

Dreißig Jahre lang war Bok der Schriftleiter dieser berühmten Zeitschrift. Als er sie übernahm, hatte sie eine Auflage von 445 000, als er sie im Jahre 1919 verließ, war sie auf 2 000 000 gestiegen.

Auch hatte sie für 200 000 Pfund Sterling Annoncen monatlich — mehr als die meisten erstklassigen Magazine in einem Jahr.

Bei einem Preis von 5½ Pennys war der monatliche Umsatz von »Ladies’ Home Journal« 260 000 Pfund Sterling.

Dieser Bok, der seine Lebenszeit damit zubrachte, den Geschmack der Frauen zu studieren, verdiente in einer Woche mehr, als die meisten hartköpfigen unbelehrbaren Geschäftsleute in einem Jahr verdienen.

Die vollständige Geschichte von Edward Boks Lebenund Methoden wurde erst vor kurzem bekannt, als er, nachdem er sich vom Geschäft zurückgezogen hatte, seine Selbstbiographie veröffentlichte.

Edward Bok war in Holland geboren. Nachdem der Vater sein Geld in seinem Geschäft verloren hatte, ging er 1870 nach Amerika, als der junge Edward sieben Jahre alt war.

Der kleine Junge kannte kein Wort englisch. Die andern Jungen nannten ihn »Dutchy« und quälten ihn so lange, bis er vier oder fünf von ihnen verprügelt hatte. Seine Aussicht auf Erfolg war offenbar nicht allzu groß. Er hatte kein Glück — kein Geld — keine Freunde — nicht einmal eine Frau.

Da seine Eltern arm waren, begann er mit zehn Jahren Geld zu verdienen. Jeden Abend putzte er das Fenster eines Bäckers und verdiente damit 50 Cent die Woche.

Dann wurde er Zeitungsjunge und verdiente wöchentlich 2,50 Dollars. Jeden Sonnabend verkaufte er Ausflüglern Limonade und verdiente damit noch einmal 2,50 Dollars.

Als sein Vater starb, zählte er 13 Jahre. Er verließ die Schule und wurde Telegraphenjunge mit 6 Dollars die Woche. Seinen ganzen Wochenlohn gab er seiner Mutter. Mit seinen 13 Jahren hatte er schon eine wahre Leidenschaft für Selbsterziehung. Er machte Überzeit in allen möglichen Beschäftigungen. Er versagte sich die halben Mahlzeiten, er sparte an Fahrgeld und legte Cent auf Cent, bis er schließlich genug hatte, um sich »Appletons Encyclopaedie« zu kaufen.

Dieses Buch war seine Erziehung. Er verschlang es mit einem wahren Wissenshunger. Jede Nacht mußteseine Mutter ihn von seinem Buch wegschleppen und ihn ins Bett bringen.

Er las am liebsten Bücher über berühmte Männer und Frauen. Und eines Tages hatte er eine kühne Idee — er wollte an diese großen Leute schreiben, um zu sehen, ob sie ihm antworteten.

Sie taten es. Er empfing Briefe von Tennyson, Longfellow, Whittier und Präsident Garfield. Diese Briefe befeuerten ihn: Jetzt empfand er, obwohl er nur ein kleiner holländischer Junge war, tatsächlich mit den Großen dieser Welt in Fühlung zu sein.

Mit 18 Jahren hatte er eine andere kühne Idee — er beschloß, einige dieser großen Leute zu besuchen.

Er besuchte den Präsidenten der Vereinigten Staaten

und fand zu seiner Überraschung einen einfachen, liebenswürdigen alten Herrn vor.

Er reiste 250 Meilen, um Emerson, Longfellow, Holmes und Philipp Brooks zu besuchen. Er hatte über sie in seiner großen Enzyklopädie gelesen, und er wollte sie von Angesicht zu Angesicht sehen.

Mit 19 Jahren wurde er Sekretär bei Jay Gould — einem reichen Spekulanten. Doch ihm lag nichts daran, nur Geld zu verdienen. Gould versprach ihm, ihn reich zu machen — aber er kündigte seine Stellung und wurde Journalist.

Seine Haupttätigkeit war, Artikel von prominenten Persönlichkeiten für die Tagespresse zu erlangen. Nachdem er dies jahrelang getan hatte, fiel ihm auf, daß so wenig Frauen sich für Zeitungen interessierten.

Er fragte sich: Warum? — und dieses »Warum« begründete seinen Ruhm und sein Vermögen.

Er begann zu studieren, was Frauen lieben. Er entdeckte, daß Männer und Frauen so verschieden sind, wie Hunde und Katzen. Er fand heraus, daß der durchschnittliche Mann so gut wie vollständig unwissend darüber ist, was Frauen wirklich mögen und nicht mögen.

Er überredete mehrere Zeitungen, eine Frauenseite einzuführen. Das war im Jahre 1880. Es war eine neue Idee. Es war nie vorher getan worden.

1889 lernte er Cyrus Curtis kennen, der ihn ersuchte, die Redaktion des »Ladies’ Home Journal« zu übernehmen. Gegen den Rat aller seiner Freunde nahm er den Antrag an.

Seine erste Tat als Schriftleiter war, Preise für Vorschläge seiner Leserinnen auszusetzen. Er begann mit Lernen. Er war vielleicht der erste Redakteur, der sich nicht für einen Alleswisser hielt.

Sein Motto war: »Das Publikum verlangt etwas, das ein bißchen besser ist als das, was es verlangt.«

Er fand bald heraus, daß die Frauen doch hauptsächlich an ihrem Heim Interesse haben. Er fand, daß die männerartigen Frauen nur posieren, — daß Frauen viel persönlicher, viel geselliger und viel mehr auf sich selbst eingestellt sind als die Männer.

Er erkannte, daß eine Frau an sich selbst interessiert ist — an ihrem Aussehen — ihrem Platz in der Gesellschaft — ihren Kindern — ihrem Gatten — ihrem Haushalt — ihren Kleidern und Möbeln. Sie hat nichts für die abstrakten Gegenstände übrig, die die Männer interessieren. Sie lebt nur für die eigene kleine Gruppe, in deren Mittelpunkt sie selbst steht.

Richtig oder falsch, das war Boks Idee, und sie machte ihn zum Führer von zwei Millionen Frauen.

Kein anderer Mann, der je gelebt hat, ist bei den Frauen so populär gewesen wie Bok.

Nach dem Ergebnis zu urteilen, war seine Ansicht richtig.

Er veröffentlichte »Worte von Herz zu Herzen«, einfache, freimütige Artikel über Gefühlsangelegenheiten. Er stellte den tüchtigsten Arzt an, den er finden konnte, um jungen Müttern Rat zu erteilen. Mehr als 90 000 Säuglinge wurden durch den Rat und die persönliche Hilfe des »Ladies’ Home Journal« aufgezogen.

Bok richtete eine Dienstabteilung im Zusammenhang mit seiner Zeitschrift ein; er stellte 35 Redakteure an, die Anfragen brieflich zu beantworten hatten, und sie beantworteten über eine Million Briefe jährlich.

Er inserierte. Er entwarf seine eigenen Anzeigen. Er gab 400 000 Dollars jährlich für seine Anzeigen aus.

Er zeigte, wie man ein besseres Heim erbauen könne. Er verkaufte Pläne für nette Häuser um 5 Dollars das Stück. Dann zeigte er, wie man ein solches Heim einrichten solle. Er erklärte die Bedeutung des guten Geschmacks.

Er ging noch weiter und lehrte seine zwei Millionen Frauen, die Kunst zu schätzen. Er reproduzierte vierzig der größten Gemälde der Welt und schenkte seinen Lesern siebzig Millionen Reproduktionen.

Nicht immer hatte er Erfolg. Einmal versuchte er, da er ja bloß ein Mann war, der Herrschaft der Pariser Mode ein Ende zu machen, und es mißlang. Er erfuhr zu seinem Schaden, daß die Eitelkeit ihre eigenen Wege gehen will.

Während des Krieges mobilisierte Bok seine zwei MillionenFrauen. Er ließ sie alle an die Arbeit gehen, Geld aufzubringen und den Soldaten Bequemlichkeiten zu schaffen. Im Jahre 1917 ging er selbst an die Front.

Im Jahre 1919 zog er sich vom Geschäft zurück. Seine Lebensphilosophie ist, daß ein Mann sein Leben in drei Teile teilen sollte: 1. Erziehung, 2. Vollbringung, 3. Dienst.

Dies der Grund, warum er sich mit 56 Jahren vom Geschäft zurückzog. Er wünschte den Rest seines Lebens ohne Bezahlung zu arbeiten, um die verworrenen Knoten menschlicher Angelegenheiten zu entwirren.

»Niemand«, sagte er, »hat ein Recht, die Welt so schlecht zu verlassen, wie er sie vorgefunden hat.«


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