King C. Gillette.

King C. Gillette.

»Wer ist der außerordentlichste Verkäufer, den Sie je kennengelernt haben?« fragte mich ein Freund in Birmingham.

Das war keine leichte Frage, aber nach einem Augenblick des Nachdenkens antwortete ich: »Gillette, der Erfinder des Rasierapparates.«

Meiner Meinung nach war er der außerordentlichste, weil er Verkäufer, Erfinder, Idealist, Fabrikant und Finanzmann in einer Person war.

Gillettes voller Name ist King C. Gillette. Er war in einer kleinen Stadt in den Wäldern von Wisconsin geboren. Sein Vater war ein Geschäftsmann, der sich durchkämpfte, schlecht und recht.

Als der junge Gillette 17 Jahre alt war, verlor sein Vater alles durch ein Feuer, und der Junge hatte seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen.

Mit 21 Jahren war er ein Verkäufer mit weitem Blick und neuen Ideen.

Ich lernte ihn im Jahre 1894 kennen. Er kam zu einer Reihe von Vorlesungen, die ich hielt, und sandte mir nachher ein Buch, das er geschrieben hatte.

Er hatte dieses Buch über einen neuen Haustyp geschrieben, den er erfunden hatte — einen riesigen Bau in Form eines Domes, groß genug, um mehrere hundert Familien unterzubringen.

Wir beide, er und ich, versuchten zu dieser Zeit einen Weg zu finden, um die ungesunden, dumpfigen Wohnquartiere der Bevölkerung abzuschaffen. Wir glaubten daran, daß Armut sich verhindern ließe, und behaupteten, daß das schwerste Verbrechen in der Welt sei, zu gestatten, daß Kinder in einer Umgebung von Schmutz und Unflat auf die Welt kommen.

Gillettes Vater war schon eine Art Erfinder, und auch Gillette erfand in seiner freien Zeit immer irgend etwas. Immer hatte er die Idee, daß er eines Tages irgend etwas Wundervolles erfinden und dadurch ein Vermögen erwerben würde.

Mit 36 Jahren lernte er einen reichen Erfinder kennen — William Painter —, er hatte den »Crown-Seal«-Metallkork erfunden, der jetzt allgemein an Bier- und Mineralwasserflaschen verwendet wird.

Eines Tages sagte Painter zu Gillette: »Warum erfinden Sie nicht irgend etwas, das die Leute nötigt, von Ihnen zu kaufen, solange sie leben? Es hat keinen Zweck, gerade eine einmalige Sache einem Menschen zu verkaufen. Verkaufen Sie ihm etwas, das er gebraucht und wegwirft.«

Diese Anregung wurde die schöpferische Ursache des Gillette-Rasierapparates. Wochenlang dachte Gillette daran, dachte daran, wie er eine vergängliche Notwendigkeit erfinden könnte.

Dann, eines Morgens, rasierte er sich. Das Rasiermesser war stumpf. Sein Bart war struppig. Er kratzteunter Schmerzen an seinem Gesicht herum, als ihm wie der Blitz der Gedanke kam: Warum nicht eine bessere Art Rasiermesser?

Warum nicht ein Messer mit einer entfernbaren Schneide erfinden?

Er legte sein Rasiermesser hin, und noch mit dem Seifenschaum auf seinem Gesicht begann er den Entwurf eines neuen Messers zu skizzieren, das aus einer Klinge und einem Klingenhalter bestehen sollte.

Binnen einer Stunde war sein Entwurf vollendet. Dann beendete er die Rasur seines Gesichtes und eilte zu einem Eisenhändler, um Stahlband und eine Feile zu kaufen.

Er konstruierte sein erstes Rasiermesser persönlich und ließ es patentieren. Das war im Jahre 1895. Er war 40 Jahre alt geworden, bevor er auf die Fährte seines großen Erfolges kam.

Zunächst war sein Rasiermesser ein Mißerfolg. Neun Jahre lang war es ein Witz. Seine Freunde — und er hatte ihrer stets eine Menge — neckten ihn ohne Gnade mit seinem phantastischen Rasiermesser.

Gillette und sein dummes Rasiermesser wurden neun Jahre lang ausgelacht — an diesen Punkt muß man sich erinnern. Jeder Kapitalist, den Gillette im Verlaufe dieser neun Jahre kennenlernte, hätte für einen Pappenstiel einige dieser Gillette-Aktien bekommen können.

Im Jahre 1901 fand Gillette einen Meistermechaniker — W. E. Nickerson —, einen Mann von ungewöhnlicher Geschicklichkeit. Er vervollkommnete das Rasiermesser, und eine Gesellschaft wurde gebildet.

Aber bis zum Jahre 1902 konnte kein einziger Rasierapparatverkauft werden. Niemand wollte ihn haben. In Verzweiflung begann Gillette die Rasierapparate zu verschenken.

Einen davon gab er einem Geschäftsmann namens John Joyce. Joyce rasierte sich damit. Er gefiel ihm. Er kaufte für 12 000 Pfund Aktien.

Die kleine Rasierapparate-Gesellschaft begann dann zwar einige Rasiermesser zu verkaufen, aber Gillette mußte sich und seine Familie durch den Verkauf von Stahlkorken in England und den Staaten erhalten.

Im Jahre 1904 betrat der richtige Reklamemann die Bühne. Ich weiß nicht, wie er hieß, aber er war das letzte Glied in der Kette des Erfolges.

Der Rasierapparat begann zu gehen.

Geld in Fülle ergoß sich über Gillette.

Sein langjähriger Chef im Stahlkorkengeschäft kaufte für 8000 Pfund Aktien und ist heute mächtig froh, daß er es getan hat.

Gillette war klug genug, eine große Anzahl Aktien für sich selbst zu behalten. So war sein Traum mit 49 Jahren Wahrheit geworden.

Heute ist sein Bild in jedem Ort der Welt zu sehen, ja fast in jeder Straße, da es auf der Verpackung einer jeden Rasierklinge angebracht ist.

In den letzten 17 Jahren hat er eine Gesellschaft mit einem Vermögen von 6 000 000 Pfund aufgebaut, deren Reingewinn 1 500 000 Pfund jährlich beträgt.

Er hat drei Fabriken — in England, Kanada und den Vereinigten Staaten. Er hat einen vollständig neuen Typus des Rasiermessers geschaffen und hat ihn zu gutem Preise an Millionen Männer verkauft.

Er ist noch am Leben und voll neuer Ideen.

Seine letzte Vorliebe ist der Nera-Car — eine neue Art Motorrad.

Er ist nahezu 70 Jahre alt und ein Weltbürger. Er hat in London, Paris, Florida und Neuyork gelebt. Zur Zeit lebt er in Kalifornien.

Er hat eine vergängliche Notwendigkeit erfunden. Er hat etwas erfunden, was die Käufer zwang, seine dauernden Kunden zu werden.

King C. Gillette stellte stets neue Ideen voran, und er hatte immer großzügige Ideen. Er schuf eine neue Idee. Er formte diese Idee zu einer Tatsache und dann verkaufte er diese Tatsache an die glattrasierten Männer der zivilisierten Welt.

Das ist der Grund, warum ich ihn den größten Verkäufer nennen kann, dem ich jemals begegnet bin.


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