Thomas Henry Huxley.

Thomas Henry Huxley.

Es gibt nur wenige Menschen der lebenden Generation, die sich an Huxley erinnern. Er starb in Eastburne im Jahre 1895. Aber die Geschichte seines Lebens ist ein britisches Epos, das jeder Generation erzählt werden sollte.

Huxley war ein kämpfender Gelehrter. Er kämpfte für die Sache der Wissenschaft. Er schlug Aberglauben und Unwissenheit nieder. Er focht für klares Denken — für wirksamen Betrieb und gesunden Menschenverstand.

Dreißig Jahre war Huxley die Stimme der Wissenschaft,

die in einer Wildnis von Überlieferung und Gewohnheit schrie. Er war ein Prophet — der weiseste Lehrmeister seiner Zeit.

Vielleicht wären wir jetzt nach dem Kriege mehr geneigt, auf seine Lehren zu horchen. England zog Gladstone Huxley vor — und es zahlte in Gut und Blut den vollen Preis für seine Fehler.

Thomas Henry Huxley wurde im Jahre 1825 in Ealing geboren. Ealing war damals ein ländliches Dorf und Huxleys Vater war Lehrer in der Dorfschule.

Im Hause Huxleys gab es wenig Geld, aber vieleBücher. Auch gab es dort prächtige Unterhaltungen über bedeutende Gegenstände. Diese beiden — die Bücher und die Gespräche — verliehen dem jungen Huxley seine wirkliche Erziehung. Von der Schule, sagte er, habe er wenig gelernt.

Als Junge hatte er einen lebhaften forschenden Verstand. Immer fragte er: »Warum?« Mit 15 Jahren versuchte er das Problem des Farbenspiels bei Sonnenuntergang zu lösen. Mit 17 Jahren machte er den Versuch, alles Wissen unter die beiden Rubriken »Geist und Natur« aufzuteilen.

Seine beiden Schwestern heirateten Ärzte — und so wurde er mit 15 Jahren aus der Schule genommen und Student der Medizin. Er achtete wenig auf die Vorlesungen, wurde aber von einem großen Mikroskop geradezu fasziniert.

Dieses Mikroskop zeigte ihm die Wunder der Natur. Es öffnete ihm eine Welt kleiner Dinge, für die unsere Augen blind sind. Manche Nacht verbrachte er über seinem geliebten Mikroskop, und mit 19 Jahren machte er seine erste Entdeckung: er fand eine Membrane in der Wurzel des menschlichen Haares. Diese Membrane ist jetzt als »Huxleys Schicht« bekannt.

Mit 19 Jahren glaubte er, ein Perpetuum mobile erfunden zu haben und ging damit zu Faraday. Faraday hörte ihn freundlich an, erklärte ihm aber, daß ein Perpetuum mobile unmöglich sei. »Wäre es möglich,« sagte Faraday, »so würde es von selbst in der Natur entstanden sein und hätte alle anderen Naturkräfte überwältigt.«

Mit 20 Jahren bestand er sein medizinisches Examen. Dann brachte ihn ein Freund bei der Kriegsmarine unter.Er hatte das besondere Glück, als Hilfschirurg auf einem Kriegsschiff angestellt zu werden, das auf eine wissenschaftliche Kreuzfahrt nach den Tropen ging.

In Sidney lernte er eine junge Engländerin kennen — Netty Heathorn. Da gab es

Liebe auf den ersten Blick.

Später wurde sie seine Frau. Vierzig Jahre waren sie Freunde und untrennbare Genossen.

Huxley diente vier Jahre als Schiffsarzt, und diese vier Jahre machten ihn zum Gelehrten. Er sammelte eine Fülle wertvoller Kenntnisse über Pflanzen und Fische.

In einem Anfall von Großmut bewilligte ihm die Admiralität 300 Pfund Sterling zur Veröffentlichung seiner Entdeckungen, und er wurde mit einem Schlage ein bekannter Naturforscher.

Mit 25 Jahren heiratete er. Er verdiente damals 200 Pfund Sterling jährlich als Professor in einem Londoner College und außerdem 200 Pfund Sterling durch Artikel für Magazine.

Um diese Zeit begann er Vorlesungen für Arbeiter zu halten. Er war fest davon überzeugt, daß letzten Endes die Arbeit die beste Freundin der Wissenschaft sein würde.

»Die Arbeiterklasse soll verstehen, daß die Wissenschaft ihr wichtige Tatsachen bietet. — Ich habe die dilettantische Mittelklasse satt und will versuchen, was ich mit diesen Leuten mit den schwieligen Händen, die unter Tatsachen leben, beginnen kann.«

Mit 31 Jahren formulierte er die folgenden Gebote für sich selbst: »Jeden Humbug zu vernichten, und sei er noch so mächtig.« »Der Wissenschaft einen vornehmerenTon zu geben: Ein Beispiel der Enthaltung von allen kleinlichen, persönlichen Streitereien zu liefern und tolerant zu sein gegen alle — nur gegen die Lüge nicht.« »Gleichgültig dagegen zu sein, ob die Leistung als eigene anerkannt wird oder nicht, wenn sie nur überhaupt vollbracht ist.«

Sein Leben lang war Huxley von Schmerzen gequält, aber er lehnte es ab, krank zu sein. Er arbeitete von 9 Uhr früh bis Mitternacht. Er arbeitete 15 Stunden täglich — die meiste Zeit an Dingen, die ihm keine Bezahlung einbrachten.

Im Jahre 1859 erschien Darwins großes Buch »Die Entstehung der Arten«. Er bewies die Theorie der Evolution, zu der sich jetzt die zivilisierte Welt bekennt.

Damals war sie eine neue Lehre, und es erhob sich

ein Geheul des Widerspruches.

Darwin war kein Kämpfer. Er war ein ruhiger, milder Denker. Es sah ganz danach aus, als ob die Evolution niedergeschrien würde: und vielleicht wäre es so gekommen — ohne Huxley.

Der stürmte zur Front. Der schlug zurück. Der tauschte Schlag gegen Schlag — und er war so tüchtig, daß die alten stumpfsinnigen Leute ihn fürchten lernten.

Einmal erging sich der Bischof von Oxford in einer öffentlichen Versammlung in heftigen Angriffen gegen Darwin. »Ich möchte Mr. Huxley fragen,« sagte er, »ob er selbst daran glaubt, von einem Affen abzustammen?«

»Ich würde mich keineswegs eines solchen Ursprungs schämen,« antwortete ihm Huxley, »aber ich würde mich schämen, von einem Manne abzustammen, der dieGaben der Kultur und der Beredsamkeit im Dienste von Falschheit und Vorurteil prostituiert.«

Seitdem hielt sich der Bischof ferne von Huxley.

Huxley war ein Mann der Wahrheit. »Es ist mein Geschäft,« sagte er, »meine Wünsche zu lehren, sich den Tatsachen anzupassen und nicht den Versuch zu machen, die Tatsachen mit meinen Wünschen in Einklang zu bringen.«

Er half jeder guten Sache. Er glaubte nicht nur an gewisse Reformen — er kämpfte für sie. Er kämpfte für die Freiheit der Neger und für die Emanzipation der Frau. Er kämpfte für ein praktischeres Erziehungssystem.

Ohne Rücksicht auf seine schwache Gesundheit, seine Mittellosigkeit, ja seine Armut, griff er die Absonderlichkeiten und den Aberglauben an, die in England vorherrschten. Er konnte sie nicht vernichten, aber er schlug sie wenigstens von den Hauptstraßen des Fortschrittes zurück.

Oft war er am Ende seines Witzes, wenn es um Geld ging.

Einmal mußte er seine goldene Medaille für 50 Pfund Sterling verkaufen.

Ein reicher Freund bot ihm eine jährliche Pension von400 Lire, aber er wies sie zurück; denn seine Unabhängigkeit zog er allem anderen vor.

Im Jahre 1876 besuchte er die Vereinigten Staaten und setzte die Amerikaner durch sein klares, bestimmtes Denken in Erstaunen.

Er sprach vor einem großen Publikum in Baltimore.Diesen Amerikanern, die da saßen und Schmeicheleien erwarteten, sagte er:

»Ich kann nicht sagen, daß mir eure Macht und der Reichtum eurer natürlichen Hilfsquellen den geringsten Eindruck machen. Umfang ist keine Größe. Ausdehnung eines Landes macht noch keine Nation. Die große Frage ist: Was werdet ihr mit all diesen Dingen anfangen? Die einzige Bedingung des Erfolges ist der moralische Wert und die intellektuelle Klarheit des einzelnen Bürgers.«

Schon im Jahre 1887 — lange vor Taylor und Emmerson — empfahl Huxley wissenschaftlichen Betrieb und wissenschaftliche Organisation als »unerläßlich für unsere Wohlfahrt«.

Er war ein Mann von überwältigender Erscheinung: viereckige Stirn, viereckige Wangen, ein fester Mund und tiefliegende, blitzende Augen. Seine Erscheinung erinnerte an Kraft und Geradheit. Er war ein Meister klarer, kraftvoller Sprache. Wer ihn hörte, vergaß niemals seine suggestive Wirkung und seine Würde.

Er lehrte uns, daß auf die Dauer nichts so praktisch, nichts so nutzbringend und nichts so moralisch ist als die Wahrheit.


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