Dekoratives ElementKapitel 15.Knechtschaft.Gewiß, daß keine verborgenen Streitkräfte sie bedrohten, und ihres Sieges sicher, wurde die Stadt von den Siegern der Plünderung preisgegeben und die Eindringlinge begingen alle dem Kriege eigenen Verbrechen. Grausam zu Boden getreten, sahen sich die Bewohner Cajamalcas sogar den goldenen Zierrath entreißen, der sie bedeckte; viele waren ein Opfer der Wildheit; zarte Jungfrauen verloren ihren Schatz, der keusche Ehegatte sah seine Ehegattin geschändet und das Weinen und Wehklagen ertönte in den Umkreisen der Stadt.Die Liebe, welche Ocollo Pizarro eingeflößt hatte, war kein vorübergehendes Aufflackern, es war ein unauslöschliches Feuer, das sein Herz quälte und seine Brust zerriß. Da er die Liebe kannte, welche sie zum Inka hatte, glaubte er, daß sie die Nachricht seines Todes nicht überleben würde, und sehnsüchtig frug er die Bewohner nach derjenigen, die seine Zufriedenheitentriß, und als er mit Bestimmtheit erfuhr, daß sie mit dem Heere floh, glänzte, durch die Hoffnung ermuthigt, sie eines Tages in seine Arme schließen und seine unzüchtigen Begierden sättigen zu können, ein wildes Lächeln in dessen Augen; aber die Erinnerungen der Liebe versüßten seine Seele nicht und vergebens flehten die Unglücklichen sein Mitleid an.Vericochas zog gleichfalls mit dem Heere, nicht weil er befürchtete, ein Opfer seiner Glaubenslehren im Tempel zu werden, sondern weil Huascar, um nicht einen so unschätzbaren Schatz zu verlieren, ihn nöthigte, sich zu retten; es wurde aber, da unter den Peruanern die geheiligten Sachen so hoch verehrt waren, daß sie nicht begreifen konnten, wie die Wildheit ihrer Feinde so weit ging, dieselben mit Füßen zu treten, dem Heiligthum nichts entnommen. Nach sechsstündiger Wuth und Plünderung gab Pizarro ein Zeichen und die Verheerungen hörten auf, ohne daß der Tempel der Sonne, um seine Zierden zu entreißen, geebnet worden wäre.Noch mit dem Blute der Unschuldigen gefärbt, mit den Schätzen, welche sie entrissen hatten, beladen, stellten sich die Abenteurer beim Schalle der Trommeln auf, und der fanatische Luque erhob das Kreuz in seiner Rechten und richtete sich an seine Landsleute: »Dieses Siegeszeichen,« schrie er, »stürzte die Mauern ein und öffnete euch die Thore der Stadt; stundenlang habt ihr Zeit gehabt, um euch den Preis eurer Mühen zu verschaffen, einige Augenblicke sollen dazu gewidmetwerden, dem Herrn zu danken und seine Barmherzigkeit zu segnen,« sagte er, und sich seiner Schuhe entledigend und ein großes und schweres Kreuz auf den Achseln tragend, ging er auf den Tempel zu und befahl, dessen Thüren zu erbrechen. Verwundert blieben die Sieger beim Anblicke so großer Herrlichkeit und so vielen Goldes stehen, und Luque heftete in Mitten der allgemeinen Betäubung seine funkelnden Blicke auf das Sinnbild der Sonne und auf die Bildnisse der Gerechten, welche die Gottheit Perus umgaben.»Fürwahr, ihr Christen,« rief er, ohne noch von dem Kreuze, das seine Schulter niederbog, gelassen zu haben, erglühend aus, »da habt ihr die barbarischen Götzenbilder dieses verdammten Reiches; was haltet ihr euch auf, richtet diese Teufelspracht zu Grunde!«Für fromme Handlungen hörten die Abenteurer auf, Soldaten zu sein und die Befehle Pizarros zu erwarten; es waren nichts als Fanatiker, welche auf die Stimme eines menschenfresserischen Priesters hörten. Wie hungrige Wölfe, wie schlecht angeschossene Tiger stürzten sie sich über die unschuldigen Bilder her, zertrümmerten und zerrissen dieselben und schleiften sie unter Freudengeschrei durch den Tempel. Dann pflanzte Luque die Fahne Zions auf, gebot der gottlosen Zerstörung Einhalt, und Feuer aus den Augen sprühend, murmelte er Teufelsbeschwörungen, um den Satan aus jenem Raume zu verjagen, und dem Herrn der Siege dankend, wurde ein feierlichesTe Deumgesungen.Obschon die bestürzten Einwohner Cajamalcas an den verborgensten Punkten einen Zufluchtsort gesuchthatten, verbreitete sich in der Stadt gar bald die in dem Tempel begangene Entweihung, und die Peruaner schauderten vor Entsetzen, ihre Götter so schändlich entweiht zu sehen, und in ihren Adern glühte der Geist der Rache und ihre Herzen fühlten einen allen Gefahren überlegenen Muth. Wie gewiß ist es, daß sich der Sieger, welcher die Voreingenommenheiten der Völker nicht achtet, eines Tages besiegt sehen wird! Die Peruaner sahen den Untergang ihrer Freiheit und ihrer Gesetze an, sie sahen, wie man ihnen ihre Schätze entriß, ihre Jungfrauen schändete, das Blut ihrer Söhne vergoß, und sie litten in furchtbarem Stillschweigen; aber als sie ihre Tempel entweiht und ihre Götter weggeschleppt sahen, platzte ihre Entrüstung und ihre Rache los. Noch beim Absingen desTe Deumswurden die Sieger von den wenigen kräftigen Bewohnern, welche in der Stadt geblieben waren, im Tempel angefallen, und an eine Ueberraschung glaubend, erschraken sie und viele waren ein Opfer der Wuth der Besiegten. Nachdem sie sich endlich wieder erholt hatten, wurden die Peruaner in dem Tempel geopfert und der religiöse Fanatismus entflammte die Seelen für einen Krieg bis auf den Tod.Zum Blutbade rufend, gab Luque nachher die Seelen der Besiegten dem Teufel und jedem der Soldaten zehn Tage Ablaß. »Diese Barbaren,« rief er aus, »von dem Teufel, der seine Macht in diesem Reiche zu Ende gehen sieht, hingerissen, haben die Heiligkeit unseres Festes entweihen wollen; im Todeund in der höllischen Pein haben sie ihre würdige Strafe gefunden. Es gebe kein Erbarmen, ihr Christen, die Götzendiener kennen keine Reue und Barmherzigkeit; wer das Wasser der Taufe nicht empfängt, werde in Gottes Namen verbrannt.« Beim Verhängen dieses Urtheils schien das ganze Reich zu erzittern.Inzwischen war Pizarro nicht mehr als ein Christ, der demüthig auf die Stimme des Priesters hörte und beim Aussprechen eines Bannfluches bebte. Vor dem Kreuze niederknieend, gab er seinen Soldaten das Beispiel des Gehorsams, und in seinem Innern kämpfte der Ehrgeiz, die Blutgier, seine verzweifelte Liebe und der brennende Wunsch ewigen Wohlergehens. Zu seiner Linken ebenfalls knieend, zeigte Almagro in seiner Miene die Zeichen von Fanatismus; aber gefühlvoll geboren und kräftigeren Verstandes als Pizarro, mißbilligte sein Herz das Betragen seiner Gefährten, und er zweifelte, daß ein Gott des Friedens mit Vergnügen das Blut unschuldiger Opfer fließen sähe. Die Liebe zu Coya und das seinen Gefühlen so entgegengesetzte Betragen seiner Gefährten veruneinigte ihn jeden Tag immer mehr mit den Interessen seiner Waffenbrüder und der Bürgerkrieg war sehr nahe daran, im Lager der Sieger auszubrechen.Unermüdlich in seinem Bekehrungseifer und unversöhnlich in seinem Blutdurst, wenn es sich um Götzendienerei handelte, stieg Luque auf die Kanzel im Tempel, predigte den Abenteurern ausführlich von den christlichen Geheimnissen, erinnerte sie andas Leiden Christis, stellte als Hauptglaubensgrundsatz auf, daß es nicht einmal eine erläßliche Sünde sei, einen Götzendiener zu tödten, und daß, wo die Indianer nicht das Wasser der Taufe empfingen und, was ein heilsames Mittel sei die ewige Seligkeit zu erlangen, das Glaubensbekenntniß ablegten, man sie den Flammen übergeben solle, um mit dem Teufelsgeschlecht auf Erden fertig zu werden. Freilich waren die Eroberer der neuen Welt, welche, um ihren Ehrgeiz zu sättigen, die Meere durchfahrend, in den Tod gingen, im Allgemeinen sittenlose Abenteurer, es waren aber am Ende Männer des sechszehnten Jahrhunderts, die sich bei den Worten des Priesters demüthig niederwarfen und die ihre Leidenschaften verschwiegen, wenn die Wuth des mißverstandenen Christenthums sprach: Luque ermahnte im Namen Gottes und der allmächtige Luque beherrschte die Herzen und entflammte den Zorn.Dort, in dem selben Tempel wurde in der Folge der Beschluß dreier Jahrhunderte verhängnißvollen Krieges, der schimpfliche Beschluß, welcher eines Tages das Blut von einer Welt zur andern fließen lassen würde, gefaßt. »Alle Peruaner,« sagte das auf Tafeln geschriebene Gesetz, »werden das Wasser der Taufe empfangen und Sklaven des Königs im Osten sein; wenn sie aber gottlos auf der Götzendienerei beharren, werden sie in die Flammen geworfen und ihre Seelen dem Teufel überliefert werden.« Ah! unschuldiges Amerika! Oh! sechszehntes Jahrhundert, Schandfleck entlegener Geschlechter!Das Gesetz wurde auf Straßen und Plätzen veröffentlicht, und die Stadt zitterte und das Reich erbebte. Die unglücklichen, ihrer Reichthümer beraubten Bewohner, wo der Gatte die Gattin, die Geliebte ihren Geliebten, vielleicht ein alter verwundeter Vater die geschändeten Jungfrauen beweinte, hörten alle, von dem unmenschlichen Schmerze, ihren Tempel entweiht und ihre Altäre umgestürzt zu sehen, bedrückt, in starrer Betäubung das ruchlose Gesetz an. Der schwache Greis wollte zum Märtyrer seiner süßen Glaubenslehren werden, der kräftige Jüngling bot seiner wohlthätigen Gottheit seine Stärke und sein Blut an; die Jungfrau und die Gattin weinten um ihre Wittwenschaft und warfen sich den Gatten zu Füßen; es war lauter Trostlosigkeit; die dunkle Knechtschaft war der Preis der Abtrünnigkeit, der Scheiterhaufen der Inquisition das Ende ihrer unschuldigen Glaubenslehren.Gefühllos bei so großem Schmerz und so großem Wehklagen, begannen Luque und Pizarro mit der Ausführung des barbarischen Beschlusses. Die Unglücklichen, welche ergriffen wurden, mußten ihr Glaubensbekenntniß ablegen oder kamen in den Flammen um; Alle sahen sich genöthigt, in dem Tempel zu erscheinen, um der Religion ihrer Väter zu entsagen oder in die rauhen Wälder zu entfliehen und sich vor der Wuth ihrer Feinde zu befreien. Fern von seiner Coya, vielleicht befürchtend, ihre Liebe verloren zu haben, und obschon in eine unmerkliche Kälte versunken, ohne Hoffnung, sie wieder in seine Arme zu schließen, konnte Almagro die Greuelthaten, womit man das Christenthumbeschimpfte und die Menschenwürde gering schätzte, nicht dulden. »Ueberzeuge,« sagte er zu Luque, »diese unglücklichen Bewohner mit der Beredtsamkeit, die dir Jesus einflößt, reiße sie aus der Götzendienerei heraus, aber der Dolch macht keine Christen.« Alles war umsonst; »Satan,« sagte der Priester, »vermag mehr als die Gnade,« und Pizarro vertheidigte schon darum die Sklaverei der Indianer, weil er sie kaum für Menschen hielt, und weil, wenn er sie nicht mit Ketten belud, sie leicht ihre Arme nach Rache ausstrecken würden.Beim Landen in der neuen Welt führte, da Pizarro weit eher Regionen zu entdecken, als Reiche zu erobern gekommen war, und da die Gelder der Gesellschaft nach den bei den ersten Streifereien gemachten beträchtlichen Auslagen zu gering waren, die Expedition sehr wenige Kriegsvorräthe mit sich, und vor Allem hatte sie einen großen Mangel an Pulver und Geschossen. Unter den Eindringlingen gab es Männer von genügenden Kenntnissen zur Gewinnung des Pulvers und zur Herstellung und zum Gießen der Metalle, und die Gebirge besichtigend, welche Cajamalca umgaben, fanden sie Salinen und Mineralien, so viel sie nur wünschen mochten, im größten Ueberflusse vor. Tausende von Unglücklichen wurden zur Ausbeutung der Bergwerke fortgeschleppt und kamen bei der Strenge einer beständigen und ihnen unbekannten Arbeit um, oder fielen in den Schlünden der tiefen Ausgrabungen erstickt nieder. Sie zogen die Urstoffe aus dem Innern der Erde hervor und hernach gossen und verarbeitetensie die Europäer allein, damit ihre Sklaven nicht zerstörende Waffen verfertigen lernten. Die unglücklichen Peruaner schmiedeten ihre eigenen Ketten!Die Reichthümer, welche die Gebirge in ihren Höhlen bargen, beschränkten sich nicht nur auf Salinen und gewöhnliche Metalle; bei den Nachgrabungen fanden sich auch Gold- und Silberadern vor, die den Ehrgeiz der Sieger entflammten und eine Million Indianer zum Tode verdammten. Trotz des Ueberflusses an Gold, den die Amerikaner hatten, war ihnen die Kunst der Ausbeutung nicht bekannt, und niemals entnahmen sie den Gebirgen und Flüssen andere Metalle als diejenigen, welche die Natur verschwenderisch aus deren Schooße warf, und obschon diejenigen, welche Cajamalca umgaben, nicht die ergiebigsten der neuen Welt waren, so waren sie nichtsdestoweniger reich an Schätzen, die sich alsbald bei dem Schweiße zeigten, den die Indianer bei den Nachgrabungen unter der hartherzigen Leitung ihrer Besieger vergossen.Nach Entnahme großer Mengen von Salz und Schwefel verfertigten sie eine große Menge Pulvers, gossen unzählige Geschosse, worauf man die Eroberung des Reiches gründete, und schmiedeten schwere eiserne Ketten, woran sie die unschuldigen Sklaven, welche in ihrer Miene die Zeichen der Verzweiflung, sich vor Elend sterben zu sehen, und unter einer Arbeit gebeugt, die ihnen unwiderstehlich war, zur Schau trugen, um so leichter versichern konnten.Alle Bewohner Cajamalcas und von dem Lande, die das Wasser der Taufe empfingen, wurden zu denNachgrabungen in den Bergwerken verdammt, und diejenigen, welche ihrem Glauben nicht entsagen wollten, flohen in die Gebirge oder retteten sich vor ihren Verfolgern nach Cuzco. Den unglücklichen Lastträgern wurde kaum das zum täglichen Unterhalte Unerläßliche angewiesen, und die Sieger sorgten, mit dem Degen in der Hand, dafür, daß die Arbeit betrieben wurde, und sie hatten das Recht, denjenigen, welchen sie für träge hielten, zu verwunden und zu tödten. So eine grausame Gewaltherrschaft brachte die unglücklichen Peruaner bis zur Verzweiflung, und mehr als einmal spürte man theilweise Aufstände, die aber immer durch grausame Metzeleien erstickt wurden. Um selbst die geringste Gefahr zu vermeiden, und da sie genügend Mineralien hatten, schmiedete man die Arbeiter mit schweren Ketten aneinander, welche, indem sie deren Arme zur Arbeit frei ließen, ihre Körper erdrückten und ihnen weder Ueberfall noch Vertheidigung ermöglichten. Mit Schmerzensthränen benetzten jene Unglücklichen die Schätze, die sie verfluchten.Eine Zeit lang war Pizarro im Namen des Königs von Spanien Herr aller Sklaven und sie arbeiteten in den öffentlichen Bergwerken und wurden von dem Schatze bezahlt. Bald aber machten, um sein Ansehen aufrecht zu erhalten, seine Freigebigkeit und der noch immer nicht gesättigte Ehrgeiz der Abenteurer, daß die Sklaven durch Geschenk oder Kauf in Privateigenthum übergingen. Der Herr hatte durch die ganze Nachkommenschaft hindurch das Recht über Leben und Tod und verschaffte sich die Wiedergeburt der Sklaven mitderselben Thätigkeit, mit denselben Mitteln und denselben Zwecken, wie diejenigen irgendwelcher anderer Hausthiere, die das Erbgut des Herrn vermehrten. Auf so eine ungeheuerliche Staatswirthschaft konnte die Eroberung eines Reiches nicht fußen! Und noch sind im neunzehnten Jahrhundert auf unsern Besitzungen von Asien und Amerika schlagende Spuren jener unmenschlichen Knechtschaft vorhanden.Dekoratives Element
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Gewiß, daß keine verborgenen Streitkräfte sie bedrohten, und ihres Sieges sicher, wurde die Stadt von den Siegern der Plünderung preisgegeben und die Eindringlinge begingen alle dem Kriege eigenen Verbrechen. Grausam zu Boden getreten, sahen sich die Bewohner Cajamalcas sogar den goldenen Zierrath entreißen, der sie bedeckte; viele waren ein Opfer der Wildheit; zarte Jungfrauen verloren ihren Schatz, der keusche Ehegatte sah seine Ehegattin geschändet und das Weinen und Wehklagen ertönte in den Umkreisen der Stadt.
Die Liebe, welche Ocollo Pizarro eingeflößt hatte, war kein vorübergehendes Aufflackern, es war ein unauslöschliches Feuer, das sein Herz quälte und seine Brust zerriß. Da er die Liebe kannte, welche sie zum Inka hatte, glaubte er, daß sie die Nachricht seines Todes nicht überleben würde, und sehnsüchtig frug er die Bewohner nach derjenigen, die seine Zufriedenheitentriß, und als er mit Bestimmtheit erfuhr, daß sie mit dem Heere floh, glänzte, durch die Hoffnung ermuthigt, sie eines Tages in seine Arme schließen und seine unzüchtigen Begierden sättigen zu können, ein wildes Lächeln in dessen Augen; aber die Erinnerungen der Liebe versüßten seine Seele nicht und vergebens flehten die Unglücklichen sein Mitleid an.
Vericochas zog gleichfalls mit dem Heere, nicht weil er befürchtete, ein Opfer seiner Glaubenslehren im Tempel zu werden, sondern weil Huascar, um nicht einen so unschätzbaren Schatz zu verlieren, ihn nöthigte, sich zu retten; es wurde aber, da unter den Peruanern die geheiligten Sachen so hoch verehrt waren, daß sie nicht begreifen konnten, wie die Wildheit ihrer Feinde so weit ging, dieselben mit Füßen zu treten, dem Heiligthum nichts entnommen. Nach sechsstündiger Wuth und Plünderung gab Pizarro ein Zeichen und die Verheerungen hörten auf, ohne daß der Tempel der Sonne, um seine Zierden zu entreißen, geebnet worden wäre.
Noch mit dem Blute der Unschuldigen gefärbt, mit den Schätzen, welche sie entrissen hatten, beladen, stellten sich die Abenteurer beim Schalle der Trommeln auf, und der fanatische Luque erhob das Kreuz in seiner Rechten und richtete sich an seine Landsleute: »Dieses Siegeszeichen,« schrie er, »stürzte die Mauern ein und öffnete euch die Thore der Stadt; stundenlang habt ihr Zeit gehabt, um euch den Preis eurer Mühen zu verschaffen, einige Augenblicke sollen dazu gewidmetwerden, dem Herrn zu danken und seine Barmherzigkeit zu segnen,« sagte er, und sich seiner Schuhe entledigend und ein großes und schweres Kreuz auf den Achseln tragend, ging er auf den Tempel zu und befahl, dessen Thüren zu erbrechen. Verwundert blieben die Sieger beim Anblicke so großer Herrlichkeit und so vielen Goldes stehen, und Luque heftete in Mitten der allgemeinen Betäubung seine funkelnden Blicke auf das Sinnbild der Sonne und auf die Bildnisse der Gerechten, welche die Gottheit Perus umgaben.
»Fürwahr, ihr Christen,« rief er, ohne noch von dem Kreuze, das seine Schulter niederbog, gelassen zu haben, erglühend aus, »da habt ihr die barbarischen Götzenbilder dieses verdammten Reiches; was haltet ihr euch auf, richtet diese Teufelspracht zu Grunde!«
Für fromme Handlungen hörten die Abenteurer auf, Soldaten zu sein und die Befehle Pizarros zu erwarten; es waren nichts als Fanatiker, welche auf die Stimme eines menschenfresserischen Priesters hörten. Wie hungrige Wölfe, wie schlecht angeschossene Tiger stürzten sie sich über die unschuldigen Bilder her, zertrümmerten und zerrissen dieselben und schleiften sie unter Freudengeschrei durch den Tempel. Dann pflanzte Luque die Fahne Zions auf, gebot der gottlosen Zerstörung Einhalt, und Feuer aus den Augen sprühend, murmelte er Teufelsbeschwörungen, um den Satan aus jenem Raume zu verjagen, und dem Herrn der Siege dankend, wurde ein feierlichesTe Deumgesungen.
Obschon die bestürzten Einwohner Cajamalcas an den verborgensten Punkten einen Zufluchtsort gesuchthatten, verbreitete sich in der Stadt gar bald die in dem Tempel begangene Entweihung, und die Peruaner schauderten vor Entsetzen, ihre Götter so schändlich entweiht zu sehen, und in ihren Adern glühte der Geist der Rache und ihre Herzen fühlten einen allen Gefahren überlegenen Muth. Wie gewiß ist es, daß sich der Sieger, welcher die Voreingenommenheiten der Völker nicht achtet, eines Tages besiegt sehen wird! Die Peruaner sahen den Untergang ihrer Freiheit und ihrer Gesetze an, sie sahen, wie man ihnen ihre Schätze entriß, ihre Jungfrauen schändete, das Blut ihrer Söhne vergoß, und sie litten in furchtbarem Stillschweigen; aber als sie ihre Tempel entweiht und ihre Götter weggeschleppt sahen, platzte ihre Entrüstung und ihre Rache los. Noch beim Absingen desTe Deumswurden die Sieger von den wenigen kräftigen Bewohnern, welche in der Stadt geblieben waren, im Tempel angefallen, und an eine Ueberraschung glaubend, erschraken sie und viele waren ein Opfer der Wuth der Besiegten. Nachdem sie sich endlich wieder erholt hatten, wurden die Peruaner in dem Tempel geopfert und der religiöse Fanatismus entflammte die Seelen für einen Krieg bis auf den Tod.
Zum Blutbade rufend, gab Luque nachher die Seelen der Besiegten dem Teufel und jedem der Soldaten zehn Tage Ablaß. »Diese Barbaren,« rief er aus, »von dem Teufel, der seine Macht in diesem Reiche zu Ende gehen sieht, hingerissen, haben die Heiligkeit unseres Festes entweihen wollen; im Todeund in der höllischen Pein haben sie ihre würdige Strafe gefunden. Es gebe kein Erbarmen, ihr Christen, die Götzendiener kennen keine Reue und Barmherzigkeit; wer das Wasser der Taufe nicht empfängt, werde in Gottes Namen verbrannt.« Beim Verhängen dieses Urtheils schien das ganze Reich zu erzittern.
Inzwischen war Pizarro nicht mehr als ein Christ, der demüthig auf die Stimme des Priesters hörte und beim Aussprechen eines Bannfluches bebte. Vor dem Kreuze niederknieend, gab er seinen Soldaten das Beispiel des Gehorsams, und in seinem Innern kämpfte der Ehrgeiz, die Blutgier, seine verzweifelte Liebe und der brennende Wunsch ewigen Wohlergehens. Zu seiner Linken ebenfalls knieend, zeigte Almagro in seiner Miene die Zeichen von Fanatismus; aber gefühlvoll geboren und kräftigeren Verstandes als Pizarro, mißbilligte sein Herz das Betragen seiner Gefährten, und er zweifelte, daß ein Gott des Friedens mit Vergnügen das Blut unschuldiger Opfer fließen sähe. Die Liebe zu Coya und das seinen Gefühlen so entgegengesetzte Betragen seiner Gefährten veruneinigte ihn jeden Tag immer mehr mit den Interessen seiner Waffenbrüder und der Bürgerkrieg war sehr nahe daran, im Lager der Sieger auszubrechen.
Unermüdlich in seinem Bekehrungseifer und unversöhnlich in seinem Blutdurst, wenn es sich um Götzendienerei handelte, stieg Luque auf die Kanzel im Tempel, predigte den Abenteurern ausführlich von den christlichen Geheimnissen, erinnerte sie andas Leiden Christis, stellte als Hauptglaubensgrundsatz auf, daß es nicht einmal eine erläßliche Sünde sei, einen Götzendiener zu tödten, und daß, wo die Indianer nicht das Wasser der Taufe empfingen und, was ein heilsames Mittel sei die ewige Seligkeit zu erlangen, das Glaubensbekenntniß ablegten, man sie den Flammen übergeben solle, um mit dem Teufelsgeschlecht auf Erden fertig zu werden. Freilich waren die Eroberer der neuen Welt, welche, um ihren Ehrgeiz zu sättigen, die Meere durchfahrend, in den Tod gingen, im Allgemeinen sittenlose Abenteurer, es waren aber am Ende Männer des sechszehnten Jahrhunderts, die sich bei den Worten des Priesters demüthig niederwarfen und die ihre Leidenschaften verschwiegen, wenn die Wuth des mißverstandenen Christenthums sprach: Luque ermahnte im Namen Gottes und der allmächtige Luque beherrschte die Herzen und entflammte den Zorn.
Dort, in dem selben Tempel wurde in der Folge der Beschluß dreier Jahrhunderte verhängnißvollen Krieges, der schimpfliche Beschluß, welcher eines Tages das Blut von einer Welt zur andern fließen lassen würde, gefaßt. »Alle Peruaner,« sagte das auf Tafeln geschriebene Gesetz, »werden das Wasser der Taufe empfangen und Sklaven des Königs im Osten sein; wenn sie aber gottlos auf der Götzendienerei beharren, werden sie in die Flammen geworfen und ihre Seelen dem Teufel überliefert werden.« Ah! unschuldiges Amerika! Oh! sechszehntes Jahrhundert, Schandfleck entlegener Geschlechter!
Das Gesetz wurde auf Straßen und Plätzen veröffentlicht, und die Stadt zitterte und das Reich erbebte. Die unglücklichen, ihrer Reichthümer beraubten Bewohner, wo der Gatte die Gattin, die Geliebte ihren Geliebten, vielleicht ein alter verwundeter Vater die geschändeten Jungfrauen beweinte, hörten alle, von dem unmenschlichen Schmerze, ihren Tempel entweiht und ihre Altäre umgestürzt zu sehen, bedrückt, in starrer Betäubung das ruchlose Gesetz an. Der schwache Greis wollte zum Märtyrer seiner süßen Glaubenslehren werden, der kräftige Jüngling bot seiner wohlthätigen Gottheit seine Stärke und sein Blut an; die Jungfrau und die Gattin weinten um ihre Wittwenschaft und warfen sich den Gatten zu Füßen; es war lauter Trostlosigkeit; die dunkle Knechtschaft war der Preis der Abtrünnigkeit, der Scheiterhaufen der Inquisition das Ende ihrer unschuldigen Glaubenslehren.
Gefühllos bei so großem Schmerz und so großem Wehklagen, begannen Luque und Pizarro mit der Ausführung des barbarischen Beschlusses. Die Unglücklichen, welche ergriffen wurden, mußten ihr Glaubensbekenntniß ablegen oder kamen in den Flammen um; Alle sahen sich genöthigt, in dem Tempel zu erscheinen, um der Religion ihrer Väter zu entsagen oder in die rauhen Wälder zu entfliehen und sich vor der Wuth ihrer Feinde zu befreien. Fern von seiner Coya, vielleicht befürchtend, ihre Liebe verloren zu haben, und obschon in eine unmerkliche Kälte versunken, ohne Hoffnung, sie wieder in seine Arme zu schließen, konnte Almagro die Greuelthaten, womit man das Christenthumbeschimpfte und die Menschenwürde gering schätzte, nicht dulden. »Ueberzeuge,« sagte er zu Luque, »diese unglücklichen Bewohner mit der Beredtsamkeit, die dir Jesus einflößt, reiße sie aus der Götzendienerei heraus, aber der Dolch macht keine Christen.« Alles war umsonst; »Satan,« sagte der Priester, »vermag mehr als die Gnade,« und Pizarro vertheidigte schon darum die Sklaverei der Indianer, weil er sie kaum für Menschen hielt, und weil, wenn er sie nicht mit Ketten belud, sie leicht ihre Arme nach Rache ausstrecken würden.
Beim Landen in der neuen Welt führte, da Pizarro weit eher Regionen zu entdecken, als Reiche zu erobern gekommen war, und da die Gelder der Gesellschaft nach den bei den ersten Streifereien gemachten beträchtlichen Auslagen zu gering waren, die Expedition sehr wenige Kriegsvorräthe mit sich, und vor Allem hatte sie einen großen Mangel an Pulver und Geschossen. Unter den Eindringlingen gab es Männer von genügenden Kenntnissen zur Gewinnung des Pulvers und zur Herstellung und zum Gießen der Metalle, und die Gebirge besichtigend, welche Cajamalca umgaben, fanden sie Salinen und Mineralien, so viel sie nur wünschen mochten, im größten Ueberflusse vor. Tausende von Unglücklichen wurden zur Ausbeutung der Bergwerke fortgeschleppt und kamen bei der Strenge einer beständigen und ihnen unbekannten Arbeit um, oder fielen in den Schlünden der tiefen Ausgrabungen erstickt nieder. Sie zogen die Urstoffe aus dem Innern der Erde hervor und hernach gossen und verarbeitetensie die Europäer allein, damit ihre Sklaven nicht zerstörende Waffen verfertigen lernten. Die unglücklichen Peruaner schmiedeten ihre eigenen Ketten!
Die Reichthümer, welche die Gebirge in ihren Höhlen bargen, beschränkten sich nicht nur auf Salinen und gewöhnliche Metalle; bei den Nachgrabungen fanden sich auch Gold- und Silberadern vor, die den Ehrgeiz der Sieger entflammten und eine Million Indianer zum Tode verdammten. Trotz des Ueberflusses an Gold, den die Amerikaner hatten, war ihnen die Kunst der Ausbeutung nicht bekannt, und niemals entnahmen sie den Gebirgen und Flüssen andere Metalle als diejenigen, welche die Natur verschwenderisch aus deren Schooße warf, und obschon diejenigen, welche Cajamalca umgaben, nicht die ergiebigsten der neuen Welt waren, so waren sie nichtsdestoweniger reich an Schätzen, die sich alsbald bei dem Schweiße zeigten, den die Indianer bei den Nachgrabungen unter der hartherzigen Leitung ihrer Besieger vergossen.
Nach Entnahme großer Mengen von Salz und Schwefel verfertigten sie eine große Menge Pulvers, gossen unzählige Geschosse, worauf man die Eroberung des Reiches gründete, und schmiedeten schwere eiserne Ketten, woran sie die unschuldigen Sklaven, welche in ihrer Miene die Zeichen der Verzweiflung, sich vor Elend sterben zu sehen, und unter einer Arbeit gebeugt, die ihnen unwiderstehlich war, zur Schau trugen, um so leichter versichern konnten.
Alle Bewohner Cajamalcas und von dem Lande, die das Wasser der Taufe empfingen, wurden zu denNachgrabungen in den Bergwerken verdammt, und diejenigen, welche ihrem Glauben nicht entsagen wollten, flohen in die Gebirge oder retteten sich vor ihren Verfolgern nach Cuzco. Den unglücklichen Lastträgern wurde kaum das zum täglichen Unterhalte Unerläßliche angewiesen, und die Sieger sorgten, mit dem Degen in der Hand, dafür, daß die Arbeit betrieben wurde, und sie hatten das Recht, denjenigen, welchen sie für träge hielten, zu verwunden und zu tödten. So eine grausame Gewaltherrschaft brachte die unglücklichen Peruaner bis zur Verzweiflung, und mehr als einmal spürte man theilweise Aufstände, die aber immer durch grausame Metzeleien erstickt wurden. Um selbst die geringste Gefahr zu vermeiden, und da sie genügend Mineralien hatten, schmiedete man die Arbeiter mit schweren Ketten aneinander, welche, indem sie deren Arme zur Arbeit frei ließen, ihre Körper erdrückten und ihnen weder Ueberfall noch Vertheidigung ermöglichten. Mit Schmerzensthränen benetzten jene Unglücklichen die Schätze, die sie verfluchten.
Eine Zeit lang war Pizarro im Namen des Königs von Spanien Herr aller Sklaven und sie arbeiteten in den öffentlichen Bergwerken und wurden von dem Schatze bezahlt. Bald aber machten, um sein Ansehen aufrecht zu erhalten, seine Freigebigkeit und der noch immer nicht gesättigte Ehrgeiz der Abenteurer, daß die Sklaven durch Geschenk oder Kauf in Privateigenthum übergingen. Der Herr hatte durch die ganze Nachkommenschaft hindurch das Recht über Leben und Tod und verschaffte sich die Wiedergeburt der Sklaven mitderselben Thätigkeit, mit denselben Mitteln und denselben Zwecken, wie diejenigen irgendwelcher anderer Hausthiere, die das Erbgut des Herrn vermehrten. Auf so eine ungeheuerliche Staatswirthschaft konnte die Eroberung eines Reiches nicht fußen! Und noch sind im neunzehnten Jahrhundert auf unsern Besitzungen von Asien und Amerika schlagende Spuren jener unmenschlichen Knechtschaft vorhanden.
Dekoratives Element