Dekoratives ElementKapitel 23.Die Anden.Coyas Ueberraschung und die Rettung Almagros erfüllte, weil kein Mensch sich so ein außergewöhnliches Ereigniß genügend erklären konnte, Luque, Pizarro und alle Eindringlinge, und insbesondere die militärischen Oberhäupter, welche den Kriegsrath gebildet hatten, mit Schrecken und Bewunderung. Eine zahlreiche unter dem Befehl Benalcazars stehende Sondertruppe beobachtete, wie wir bereits angegeben haben, die Abtheilung Coyas und lähmte und verunmöglichte alle ihre Bewegungen; und die Gefangennahme, Verurtheilung und Hinrichtung Almagros war mit so großer Schnelligkeit und so undurchdringlichem Geheimniß gehandhabt worden, daß es kein Mensch in der Stadt erfahren hatte und noch weniger auf dem Lande hätte erfahren können.Die schöne Ocollo, welche Almagro so viel verdankte, und in deren Busen die reinste Dankbarkeit glühte, benachrichtigte, da sie ihre Bitten und ihre Thränen zu Füßen Pizarros nutzlos sah, durch einen ihrer allervertrautesten Fußgänger, einen schnellenIndianer, sogar in jenen ängstlichen Augenblicken Coya; sinnberaubt und taumelnd, stürzte sich Coya in die Gefahr, weil ihre größte Qual gewesen wäre, ihren Angebeteten zu überleben. Benalcazar, der erste Freund und Parteigenosse Almagros, schon früher im Einverständnisse mit Coya, schwur, um seinem Freunde zu gefallen, weit entfernt, die Bewegungen der Peruanerin zu lähmen, mit ihr den Helden zu retten, und nachdem alle von Benalcazar befehligten Streitkräfte beisammen waren, fielen sie über das Viereck her, worauf der großmüthige Geliebte jeden Augenblick so unmenschlicherweise hingeopfert werden sollte.Die Rathsmitglieder, die einzigen Personen, welche mit in das Geheimniß gezogen waren, schienen die einzigen Verantwortlichen zu sein, es gebrochen zu haben, und sehnlichst suchte man den Meineidigen, damit er eine exemplarische Strafe erlitte, aber kein Mensch wagte den Statthalter zu beschuldigen. Pizarro jedoch in seinem Gewissen, zweifelte an Ocollo, da aber sein Herz von der Peruanerin beherrscht und unterjocht war, beruhigte er es, sich ihrer Reize bedienend, gar bald.Ihre Streitkräfte wieder ordentlich zusammenfaltend, zogen sich Almagro, Coya und Benalcazar in die uneinnehmbaren Gebirge zurück, und bereits fern von der Gefahr, fingen sie an den süßesten Trost zu fühlen, der sich wie beim Abschütteln eines düstern Traumes über den Sterblichen ergießt. Erstaunt sahen sie gerührt einander an und zweifelten noch, ob der Schrecken, der sie so nahe bedroht hatte, eine fantastischeEinbildung wäre; aber endlich wieder ruhiger geworden, schwor Almagro seinen grausamen Peinigern ewigen Haß, und Coya ermahnte ihn zur Rache, und Benalcazar bot ihm großmüthig seinen tapfern Degen an. Coya berichtete ihm die Art und Weise, womit ihr Ocollo die Mittheilung machte, daß er ohne Ocollo nicht am Leben wäre, daß Ocollo Pizarro nicht liebte; daß seine Wohlthäterin und ihr Vaterland gerettet werden mußte, daß gekämpft und immer wieder gekämpft und die Freiheit Perus ausgerufen werden mußte, wenn sie sich der Liebe, welche die Götter in ihrem Herzen entzündet hatten, ruhig erfreuen sollten.Trotz so vieler Unziemlichkeiten, die er von seinen Gefährten empfing, trotz den Greuelthaten, die in der neuen Welt begangen wurden und die seinem Herzen so zuwider waren, liebte Almagro sein Vaterland und die Spanier, und bereitwillig gäbe er sein Dasein für sie her; als er aber das treulose Urtheil sah, als er sah, daß sein Blut ebenfalls den verzehrenden Durst sättigen sollte, der in den Eindringlingen der neuen Welt brannte, war seine Seele nur noch für das Rachegeschrei empfindlich, sein Verlangen, seinen Degen in der Brust Pizarros zu begraben, und sein ganzes Glück, die Spanier aus dem Vaterlande seiner Coya zu werfen, um ruhig seine Liebe zu genießen. Kaum sahen sich die süßen Geliebten in dem Gebirge, dachten sie nur noch daran, die Krieger, welche Coya folgten, geordnet dem Befehle Benalcazars zu überlassen, und auf verborgenen und schwierigen Wegen marschirten sie nach den Anden, um sich Huascar vorzustellen, undan den Feldzugsplan zu denken. In kurzen Tagen gelangten sie dahin, sich mit dem Nachfolger der Inkas zu vereinigen, und es wäre unmöglich, die Ueberraschung des Monarchen zu schildern, als er Almagro in seinem Lager sah, und ihm den süßen Namen eines Freundes gab. Von jenem Augenblicke an hielt er den Sieg für sich, und die Ankunft Almagros wurde mit größerem Gepränge gefeiert als die Krönung eines Inkas. Der tapfere, edle und großmüthige Huascar kannte die Kriegskunst immer noch nicht, um sich in’s Feld zu wagen; Almagro war unter den Peruanern wegen seiner Tapferkeit und seiner militärischen Erfahrenheit wohl bekannt, und Almagro mußte die Zielscheibe aller Hoffnungen sein.Obschon die Peruaner sich lange Zeit mit den Spaniern geschlagen hatten, hatten sie ihre Waffen und noch weniger ihre Strategie nicht begriffen, und obgleich sie die Pferde und die Artillerie nicht mehr mit so großem Schrecken ansahen, waren sie dessenungeachtet in dem Augenblicke besiegt, da sie sich auf dem Schlachtfelde zeigten. Almagro wurde feierlich und ausführlich von Huascar ermächtigt, mit allen möglichen Mitteln die nöthigen Vorbereitungen zu einer entscheidenden Schlacht zu treffen, in welcher entweder Peru auf immer die Ketten schleppte, oder das Lied der Freiheit anstimmen konnte; und Almagro fing mit der ganzen Schnelligkeit, die ihm seine Rachgier eingab, zu handeln an.In Mitten der Gewaltherrschaft, mit der Pizarro und Luque Peru heimsuchten, war es unerläßlich, daß die Peruaner tausend Mal vorzögen, in den Tod zugehen, als das grausame und schimpfliche Joch ihrer Knechtschaft zu ertragen; und sogar aus den entferntesten Provinzen des Reiches wanderten trotz der spanischen Truppen, welche das Gebirge umgaben oder die Mittheilungen verunmöglichten, Unglückliche nach den Anden aus, um sich unter die Fahnen einreihen zu lassen. Arme waren genügend vorhanden, es bedurfte nur der Betriebsamkeit und Leitung. Von dem Augenblicke an dachte Almagro an die Befestigung des beinahe unüberwindlichen Bollwerks, das ihm die Natur in den Anden darbot; an die Herstellung von Hieb- und Feuerwaffen und an die Unterweisung der Krieger. In wenigen Monaten wurden Gewehre und Feldstücke verfertigt, die Peruaner mit der Handhabung der europäischen Waffen vertraut gemacht und die strenge Mannszucht verdoppelt, welche zum Siege führt.Almagro arbeitete unermüdlich Tag und Nacht; er hielt die Peruaner in steter Thätigkeit; aus Allem zog er Hülfsquellen, und zu Allem wurde er durch die Blicke seiner Coya aufgemuntert. Die Anden liehen ihm in ihrem Schooße so viele Hülfsmittel, als er zu den Verarbeitungen bedurfte; die reichsten und überflüssigsten kleinen Pfützen warfen für sich allein das Eisen, den Schwefel und aller Art von Metallen aus, und die Gipfel der Berge schienen die Stätte Vulkans zu sein. Huascar seinerseits, der sich der Liebe der Peruaner erfreute, hielt die sicherste Kundschaft; thätige Werber, welche der Wachsamkeit der Staatsbeamten entwischend, die schmeichelhaftesten Hoffnungen unter die unglücklichen Sklaven verbreiteten, durchzogen alle Provinzen, undbelebten die Auswanderung nach dem Gebirge, und im ganzen Reiche gährte ein heftiges und verborgenes Feuer, das dem Scharfblick des Statthalters und aller Eindringlinge entging, das aber eines Tages wie ein rasender Vulkan losbrechen sollte.Almagro war die Triebfeder aller Unternehmungen und das Bollwerk der Freiheit Perus; aber Almagro war ein Christ und Fanatiker des sechszehnten Jahrhunderts, und lebte unter Götzendienern, und dies war ein unüberwindliches Hinderniß. Freilich hatten ihn seine Tugenden im ganzen Reiche verehrt gemacht, und ein tugendhaftes Wesen empfiehlt die Religion, die es verehrt, für sich allein; aber die Christen hatten das Land mit Blut überschwemmt, und mit Schrecken sahen dessen unschuldigen Bewohner die Religion, welche zerstörerische Menschen zu Anhängern zählte. Sich seiner Stellung und seines Ansehens bedienend, dachte Almagro daran, Proselyten im Gebirge zu machen: Seine erste Sorge war eine Klause zu erbauen, worin er so viel als möglich dem wahrhaftigen Gott Anbetung erwies, und er machte, daß Coya ihn bei allen frommen Handlungen begleitete, und machte endlich bekannt, daß Coya das Christenthum umarmt hatte. Weder Huascar noch die Peruaner konnten sich diesem Betragen widersetzen, noch Coya anklagen; Almagro war mit ihren Interessen verschmolzen; Almagro war ihre Zukunft und ihre Hoffnung; sie vermochten seinen Wünschen selbst im Allergeringsten nicht zu widersprechen; Almagro setzte sie mit seinen Tugenden in Erstaunen, und auf dem Gipfel der Anden gab es eineKlause Christi’s und einen Sonnentempel. Las-Casas, ein ehrwürdiger, christlicher Priester, durch sein Wissen wie durch seine Tugenden gleich ausgezeichnet, litt grausame Verfolgungen von seinen Gefährten, weil er sich ihren Plänen der Zerstörung widersetzte, und von derselben Gemüthsart wie Almagro, vereinigte sie die innigste Freundschaft. Der Krieger konnte ihm heimlicherweise eine Nachricht hinterbringen, indem er ihm versicherte, daß es für das Christenthum von der größten Wichtigkeit sei, daß er an seiner Seite stände im Gebirge, und Las-Casas zweifelte keinen Augenblick; er flüchtete sich in die Anden, und die Klause Almagros hatte den ehrwürdigsten Priester. Von jenem Augenblick an dachte man mit Inbrunst an die Verkündigung des Christenthums; Almagro und Las-Casas waren die Vorbilder der reinsten Tugenden; weit entfernt von Dolch und Scheiterhaufen, waren das Beispiel und die Ueberzeugung ihre Waffen. Täglich predigte der ehrwürdige Las-Casas in seiner Klause über die Unsterblichkeit der Seele, die Reinheit der Religion Jesus, die ewige Belohnung der Tugenden, und über die ewige Bestrafung der Vergehen jener Handlungen, welche dem Bereiche der bürgerlichen Gesetze entgingen. Er schilderte einen gerechten die Gewissen beherrschenden Gott der Wahrheit, aber nur in seinen Privatansprachen trat er auf die Auslegung der Wunder und Mysterien ein, er wollte nicht von begrenzten Verstandeskräften riesenhafte Anstrengungen fordern, und unmerklich bereiteten sich die Gemüther zur Annahme des Christenthums vor.Der erste Neubekehrte, um den sich die Christen bemühten, war, als Inka und Herrscher des Reiches, Huascar; aber trotz der Verehrung, welche er für Almagro und den Priester hatte, hielt er sich für einen Sohn der Sonne, und war wenig geneigt, den Glauben seiner Väter zu verlassen: Andrerseits sah er, daß ein übereilter Schritt die Liebe seiner Unterthanen in Abscheu vertauschen könnte, und Huascar betete trotz der Bekehrung Coyas und den Ermahnungen der Christen die Sonne an; sie erlangten aber endlich, daß er seinen Unterthanen vollständige Freiheit gewährte, den Cultus zu bekennen, den ihnen ihre Vernunft vorschrieb, und viele empfingen, nicht aus Furcht, sondern aus Ueberzeugung getrieben, das Wasser der Taufe.In Vericochas, wie in allen Sonnenpriestern, brannte unauslöschlich das Feuer des Fanatismus, das gemeiniglich die Herzen der Diener aller Religionen verzehrt. Der Sonnencultus ergoß freilich die Erhabenheit und die Lieblichkeit seiner Glaubenslehren in die Seelen, aber dessen Priester trieben ihre Tugend nicht bis zur Duldung, andere Glaubenslehren noch andere Culte möglich zu finden; mit Entrüstung sahen sie die in den Anden erbaute christliche Klause, und verbreiteten unter die Peruaner die Besorgnisse, welche ihre Einbildung aufregte, wenn sie den Gott des Tages erzürnt glaubten. Als Vericochas die Bekehrung Coyas erfuhr, als er sich davon überzeugte, daß es unmöglich war zu verhüten, daß Almagro das Christenthum ausbreitete, und Las-Casas das Evangelium predigte, als er die Neubekehrten gewahrte, die sie machten, und endlichselbst Huascar schwanken sah, bemächtigte sich seines Herzens eine düstere Traurigkeit, und unablässig, in Thränen versunken, vor dem Sinnbilde der Sonne knieend, bat er seinen Gott, dem Reiche sein wohlthätiges Feuer und sein belebendes Licht nicht zu versagen. Seine Thränen und seine tiefe Schwermuth zehrten sein Leben sichtlich auf, und in Kürze bezahlte er der Natur seinen Tribut. Sein Tod wurde, wie man den Tod des Gerechten beweinen soll, durch das ganze Reich beweint; bei seinem Begräbniß entfaltete man die ganze Herrlichkeit des Cultus, und seine Büste wurde im Tempel zwischen den Bildnissen der Schutzgötter Perus beigesetzt.Inzwischen betrieb man die Vorbereitungen zum Kriege mit erstaunlicher Schnelligkeit; die in das Gebirge Geflüchteten beliefen sich auf zwanzig Tausend Mann, von denen die einen die Nahrungsmittel besorgten, die andern sich in der Handhabung der Waffen ausbildeten, andere unermüdlich in den Gießereien arbeiteten, und Alle sich, immer unter der Leitung des thätigen und arbeitsamen Almagros, bei den verschiedenen Arbeiten ablösten. Ah! die Gipfel der Anden gewährten bereits das Bild der Wiedergeburt der neuen Welt.Pizarro und Luque fuhren in ihrem Schreckenssystem, das sie über alle Provinzen ausbreiteten, in Cuzco fort; die rohe Militärgewaltherrschaft führte Tausende von Opfern zum Blutgerüst, und die ewig brennenden Scheiterhaufen der Inquisition gaben der Luft in dichten Rauchsäulen die Glieder der Unglücklichen,welche der Götzendienerei angeklagt waren. Die ominöseste Knechtschaft führte Tausende von Unglücklichen in die harte Sklaverei, und ihre tiefen, mit dem Freudengeschrei der Eindringlinge vermischten Seufzer hörte man einzig im Reiche an. Der Metropole war das politische und religiöse Betragen des Statthalters und der Priester wohl bewußt, aber trotz der Gründung legaler Körperschaften athmeten die Gesetze den gleichen Schrecken und menschliche Entwürdigung, und deren Vollziehung man Pizarro und Luque anvertraute. Das ganze staatliche und religiöse System der Metropole beruhte auf der Entziehung von Schätzen der neuen Welt, und darin, dem Christenthum Neubekehrte zuzuführen; über die Folgen einer so ungeheuerlichen Politik sah man hinweg, und Pizarro und Luque empfingen vom Hofe von Madrid beständig Beifallsbezeigungen, und Machtentfaltung, um als Herrscher und Despoten zu handeln.Einen so sonderbaren Gegensatz bildete die Verwaltung Pizarros und Luques mit derjenigen Almagros und Las-Casas. Bei der einen war Alles Milde, Ueberzeugung und Tugend; bei der andern Tod, Gewaltherrschaft und Schwelgerei. Und es waren Alle Christen! So sehr wechseln, je nach der Faser eines jeden Gläubigen, die religiösen Sekten ab! Die christliche Religion in der neuen Welt war den Peruanern ein unerklärliches Räthsel; abscheulich im Munde Luques, und verehrt im Munde Las-Casas; die Herrschaft der Spanier bildete unter dem Reiche Almagros das Glück Perus, unter dem Reiche Pizarros war sie seine Zerstörung und sein Untergang; ohne Despotismushätte die Metropole jene unermeßlichen Kolonieen Jahrhunderte lang behalten, aber mit ihrer traurigen Politik konnte sie, das Blut von vierzig Tausend Spaniern verlierend, während der Dauer ihrer kurzen Herrschaft kaum die Schätze zurückzahlen, die sie ihr kosteten.Das war die Thätigkeit für die Kriegsvorbereitungen in den Anden, und das die Hoffnungen, die sich in den Provinzen verbreiteten, die trotz dem Vertrauen, in welchem der Statthalter schlief, nichts desto weniger seine Aufmerksamkeit nach den Bergen hinlenkte. Alsbald setzte er voraus, daß Almagro an der Spitze jenes Aufstandes sein mußte, aber niemals glaubte er, daß er auf so gewaltige Hülfsquellen rechnete. Pizarro war nicht Staatsmann genug, um die Macht eines Helden zu berechnen, der bei einem geknechteten Volke die Fahne der Freiheit erhebt! Mit dreihundert Mann zog der Kapitän Soto aus, die Aufständischen anzugreifen, und der Statthalter in Cuzco gab sich inzwischen den verstellten Liebkosungen Ocollos hin, und überließ sogar die Zügel der Regierung Luque und der Geistlichkeit.Die Lage Ocollos war mit jedem Augenblicke mißlicher; die feurigen Begierden ihres Unterdrückers jedes Mal um so lebhafter, und die Unglückliche fand keine Hülfsquellen mehr, den Empfang der Taufe länger aufzuschieben. Wohl könnte sie, die Brust des Mörders Atahulpas durchbohrend, in einer Nacht ihre Rache vervollständigen, aber ihre Flucht war schwierig und ihr Blutgerüst sicher. DieEindringlinge wären ob des Mordes ihres Anführers entrüstet, und würden mit noch größerem Entsetzen das Verderben verbreiten, und Ocollo könnte, auf dem Schaffot ihr Leben aushauchend, der Freiheit nicht die unschätzbaren Dienste leisten, die sie an sie verschwendete. In Verbindung mit Huascar und Almagro, gab sie ihnen die sichersten und wichtigsten Nachrichten, und an der Seite des Statthalters versüßte sie sein Herz ein wenig, und befreite viele Unglückliche vom Tode. Augenblicklich theilte sie Almagro den Ausgang des Kapitän Sotos in die Anden mit, und Almagro hatte Zeit, einen glücklichen Hinterhalt zu legen. Soto ging ohne Vorsicht, die Macht des Feindes verachtend, und sicher, daß er wie immer zum Siege zog, als plötzlich tausend, von Almagro befehligte und mit europäischen blanken Waffen versehene Indianer über ihn herfielen. Die spanische Abtheilung stob, nicht an jene überraschenden Angriffe, noch daran gewohnt, mörderischen Waffen zu widerstehen, vor Schrecken auseinander, und die Peruaner richteten, da sie sich zum ersten Male als Sieger auf ihrem Boden sahen, unter den bestürzten und zerstreuten Spaniern ein gräßliches Blutbad an. Soto that Wunder der Tapferkeit, aber Alles war umsonst; dank seines Panzers rettete er sich vor dem Tode, und zog bestürzt aus dem Gebirge heraus, wo er die wenigen Reste seiner Mannschaft versammelte, die dem Kampfe entrinnen konnten, und theilte dem Statthalter umständlich einen Theil der Niederlage mit.Das Christenthum inzwischen machte Fortschritte, und die Klause Las-Casas war für die neuen Gläubigenbereits ein kleiner Raum. Die reinsten Tugenden herrschten unter den Neubekehrten, und einige der Ausgezeichnetsten erlangten die Ehre, zum Priesteramt befördert zu werden; eine in den Gesetzen Pizarros verbotene Ehre. Dieser staatskluge Schritt, dem Volke Priester aus dessen Schooß zu geben, gewann dem Evangelium Tausende von Anhängern, und selbst Huascar trat, als er die Mehrzahl seiner Unterthanen entschieden sah, und sah, daß der Gott seines Freundes und Beschützers dessen Waffen den Sieg verlieh, mit der ganzen Ueberzeugung seiner Vernunft in den Schooß der Kirche ein. Von jenem Augenblick an blieb der Sonnentempel bei seinen pompösen Ceremonieen leer: Die Kreuzesfahne flatterte siegreich auf dem Gebirge, und die reinsten Sitten erhöhten die Bewohner der Anden, und bereiteten sie zum Kriege und zum Siege vor.Pizarro empfing den Bericht der Niederlage Sotos, und die Wuth erglänzte in seinen funkelnden Augen. Schnell vereinigte er bis zu zwölfhundert Mann, und an deren Spitze gestellt, zog er, die Wuth und das Verderben ausrufend, nach den Anden. Die unglückliche Ocollo athmete in ihrer Bedrückung in dem Augenblick auf, da sie nicht mehr wußte, welchen Entschluß zu fassen in ihrem Widerstreite, und verblieb unter der Beobachtung Luques in Cuzco. Schnell benachrichtigte sie sowohl Huascar als Almagro von dem Ausgang des Statthalters, und ihre Seele erweiterte sich beim Betrachten der Dienste, die sie der Freiheit ihrer Unterthanen lieh.In wenigen Tagen hatte Pizarro an den Abhängen der Anden Stellung genommen, und Almagro bereitete sich freudig zu einem Kriege vor, in welchem er vielleicht, Körper an Körper, die Waffen mit seinem Gegner messen konnte. Jeden Tag nahmen die Streitkräfte Huascars immer mehr zu, und noch einige Spanier, bald Anhänger Almagros, bald ob der Strenge der Mannszucht oder der Gewaltherrschaft des Statthalters und des Fanatismus des Verwesers erbittert, vergrößerten seine Reihen und richteten die Indianer, die ebenfalls in den Anden die wichtigsten Dienste leisteten, mit dem tapfern Benalcazar ab. Von heftiger Gemüthsart, unerschrockenen Muthes, sättigte sich Pizarro nicht damit, irgend welche geringfügigen Streitkräfte, die sich ihm in den Engpässen darboten, mit fortzuwälzen, er bereitete sich vor, eine allgemeine Hetzjagd im Gebirge zu geben und die Spitze zu erstürmen, worauf der Sonnentempel und die christliche Klause erbaut worden war, der Punkt, der den Hof Huascars und den Heerd der Empörung bildete. Almagro sorgte, daß die kleinen Detachements, welche die Kriegsmacht des Statthalters im Gebirge unterhielten, keinerlei Gewehre noch Feuerwaffen gebrauchten, und obschon man mehr Regelmäßigkeit in den Heeresmassen und verschiedene Mannszucht in den Kämpfen gewahrte, zogen sich die Peruaner, den erhaltenen Befehlen gemäß, immer mit geringem Widerstand zurück, und Pizarro stürzte sich mit Riesenschritten in den Hinterhalt. In wenigen Tagen stellte er seine Truppe auf, um den Gipfel zu erstürmen, und als er mit mehrVertrauen die steilen Unebenheiten erkletterte, den Sieg anzustimmen, griff Almagro, die Artillerie und das Gewehrfeuer dabei gebrauchend, welche unter so vielen Anstrengungen in den Anden zu gießen ihm gelungen war, mit der ganzen Kriegsmacht an; und vor Schrecken überrascht, fielen die Spanier zu Hunderten, vom Feuer der Kanone verbrannt oder auf ihrer Flucht zwischen den Felsen abgestürzt. Almagro setzte ihnen auf der Flucht tapfer nach; umsonst versuchte der Statthalter, den Soldaten Muth einzuflößen, er war ein Opfer der Ueberraschung, und kaum zweihundert Mann retteten sich vor dem Tode und versammelten sich auf der Flur; aber besiegt, in die Flucht geschlagen, von außergewöhnlichen, nach europäischer Art geschulten und von dem tapfern und erfahrenen Almagro befehligten Streitkräften, mit gleich mörderischen Waffen angegriffen, zeigte der Statthalter nie mehr Anstrengung und Herzhaftigkeit, als indem er einen Rückzug bis vor die Mauern von Cuzco aushielt.An diesem berühmten Tage geschah, wenn wir den Ueberlieferungen glauben sollen, die sich noch im Lande erhalten, ein seltsames Wunder. Der unerschrockene Statthalter wurde weder von der Tapferkeit Almagros noch von der Tollkühnheit und der neuen Mannszucht der Peruaner besiegt; der erhabene Schatten Columbus, durch die Krümmungen der Anden streifend, gab den Ruf zur Freiheit, und band die Rechte Pizarros. Von seinem Drange getrieben, entdeckte Columbus die neue Welt, und führte die Europäer nach jenen köstlichen Gegenden, um die alte und neue Welt mitbrüderlichen Banden zu vereinen; aber nimmermehr, damit die unschuldigen Bewohner der neuen Gestade herabgewürdigte Sklaven der traurigen Europäer des sechszehnten Jahrhunderts wären. Menschenfreundlich und gefühlvoll war Columbus, so lange er an der Spitze der Expedition stand, der Trost der Indianer aller Umgegenden, aber ergriffen und angekettet, schimpflich nach Europa zurückgekehrt, fiel, wie wir bereits gesehen haben, von jenem Augenblicke an eine eiserne und vertilgende Hand über die neuen Festländer. Von Gewissensbissen verzehrt, die Europäer nach jenen entlegenen und unbekannten Himmelsstrichen geführt zu haben, seufzte der Schatten Columbus in seinem Grabe, und es geht das Gerücht, daß er ebenfalls nach den Anden schwebte, die Freiheit Perus zu verkünden, und daß er Almagro begeisterte, und die Rechte aller Peruaner stärkte. Bei der Niederlage Pizarros, versichern die Aeltesten des Landes, daß eine Feuersäule daherflog, welche den Statthalter und seine Abtheilung umnachtete, und die Peruaner erleuchtete. Jene Feuerwolke war der Schatten Columbus, der, um seine Gewissensbisse, jene köstlichen Gestade entdeckt zu haben, damit sein Geschlecht sie mit Blut röthete, zu beschwichtigen, ebenfalls für die Freiheit der neuen Welt kämpfte.Dekoratives Element
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Coyas Ueberraschung und die Rettung Almagros erfüllte, weil kein Mensch sich so ein außergewöhnliches Ereigniß genügend erklären konnte, Luque, Pizarro und alle Eindringlinge, und insbesondere die militärischen Oberhäupter, welche den Kriegsrath gebildet hatten, mit Schrecken und Bewunderung. Eine zahlreiche unter dem Befehl Benalcazars stehende Sondertruppe beobachtete, wie wir bereits angegeben haben, die Abtheilung Coyas und lähmte und verunmöglichte alle ihre Bewegungen; und die Gefangennahme, Verurtheilung und Hinrichtung Almagros war mit so großer Schnelligkeit und so undurchdringlichem Geheimniß gehandhabt worden, daß es kein Mensch in der Stadt erfahren hatte und noch weniger auf dem Lande hätte erfahren können.
Die schöne Ocollo, welche Almagro so viel verdankte, und in deren Busen die reinste Dankbarkeit glühte, benachrichtigte, da sie ihre Bitten und ihre Thränen zu Füßen Pizarros nutzlos sah, durch einen ihrer allervertrautesten Fußgänger, einen schnellenIndianer, sogar in jenen ängstlichen Augenblicken Coya; sinnberaubt und taumelnd, stürzte sich Coya in die Gefahr, weil ihre größte Qual gewesen wäre, ihren Angebeteten zu überleben. Benalcazar, der erste Freund und Parteigenosse Almagros, schon früher im Einverständnisse mit Coya, schwur, um seinem Freunde zu gefallen, weit entfernt, die Bewegungen der Peruanerin zu lähmen, mit ihr den Helden zu retten, und nachdem alle von Benalcazar befehligten Streitkräfte beisammen waren, fielen sie über das Viereck her, worauf der großmüthige Geliebte jeden Augenblick so unmenschlicherweise hingeopfert werden sollte.
Die Rathsmitglieder, die einzigen Personen, welche mit in das Geheimniß gezogen waren, schienen die einzigen Verantwortlichen zu sein, es gebrochen zu haben, und sehnlichst suchte man den Meineidigen, damit er eine exemplarische Strafe erlitte, aber kein Mensch wagte den Statthalter zu beschuldigen. Pizarro jedoch in seinem Gewissen, zweifelte an Ocollo, da aber sein Herz von der Peruanerin beherrscht und unterjocht war, beruhigte er es, sich ihrer Reize bedienend, gar bald.
Ihre Streitkräfte wieder ordentlich zusammenfaltend, zogen sich Almagro, Coya und Benalcazar in die uneinnehmbaren Gebirge zurück, und bereits fern von der Gefahr, fingen sie an den süßesten Trost zu fühlen, der sich wie beim Abschütteln eines düstern Traumes über den Sterblichen ergießt. Erstaunt sahen sie gerührt einander an und zweifelten noch, ob der Schrecken, der sie so nahe bedroht hatte, eine fantastischeEinbildung wäre; aber endlich wieder ruhiger geworden, schwor Almagro seinen grausamen Peinigern ewigen Haß, und Coya ermahnte ihn zur Rache, und Benalcazar bot ihm großmüthig seinen tapfern Degen an. Coya berichtete ihm die Art und Weise, womit ihr Ocollo die Mittheilung machte, daß er ohne Ocollo nicht am Leben wäre, daß Ocollo Pizarro nicht liebte; daß seine Wohlthäterin und ihr Vaterland gerettet werden mußte, daß gekämpft und immer wieder gekämpft und die Freiheit Perus ausgerufen werden mußte, wenn sie sich der Liebe, welche die Götter in ihrem Herzen entzündet hatten, ruhig erfreuen sollten.
Trotz so vieler Unziemlichkeiten, die er von seinen Gefährten empfing, trotz den Greuelthaten, die in der neuen Welt begangen wurden und die seinem Herzen so zuwider waren, liebte Almagro sein Vaterland und die Spanier, und bereitwillig gäbe er sein Dasein für sie her; als er aber das treulose Urtheil sah, als er sah, daß sein Blut ebenfalls den verzehrenden Durst sättigen sollte, der in den Eindringlingen der neuen Welt brannte, war seine Seele nur noch für das Rachegeschrei empfindlich, sein Verlangen, seinen Degen in der Brust Pizarros zu begraben, und sein ganzes Glück, die Spanier aus dem Vaterlande seiner Coya zu werfen, um ruhig seine Liebe zu genießen. Kaum sahen sich die süßen Geliebten in dem Gebirge, dachten sie nur noch daran, die Krieger, welche Coya folgten, geordnet dem Befehle Benalcazars zu überlassen, und auf verborgenen und schwierigen Wegen marschirten sie nach den Anden, um sich Huascar vorzustellen, undan den Feldzugsplan zu denken. In kurzen Tagen gelangten sie dahin, sich mit dem Nachfolger der Inkas zu vereinigen, und es wäre unmöglich, die Ueberraschung des Monarchen zu schildern, als er Almagro in seinem Lager sah, und ihm den süßen Namen eines Freundes gab. Von jenem Augenblicke an hielt er den Sieg für sich, und die Ankunft Almagros wurde mit größerem Gepränge gefeiert als die Krönung eines Inkas. Der tapfere, edle und großmüthige Huascar kannte die Kriegskunst immer noch nicht, um sich in’s Feld zu wagen; Almagro war unter den Peruanern wegen seiner Tapferkeit und seiner militärischen Erfahrenheit wohl bekannt, und Almagro mußte die Zielscheibe aller Hoffnungen sein.
Obschon die Peruaner sich lange Zeit mit den Spaniern geschlagen hatten, hatten sie ihre Waffen und noch weniger ihre Strategie nicht begriffen, und obgleich sie die Pferde und die Artillerie nicht mehr mit so großem Schrecken ansahen, waren sie dessenungeachtet in dem Augenblicke besiegt, da sie sich auf dem Schlachtfelde zeigten. Almagro wurde feierlich und ausführlich von Huascar ermächtigt, mit allen möglichen Mitteln die nöthigen Vorbereitungen zu einer entscheidenden Schlacht zu treffen, in welcher entweder Peru auf immer die Ketten schleppte, oder das Lied der Freiheit anstimmen konnte; und Almagro fing mit der ganzen Schnelligkeit, die ihm seine Rachgier eingab, zu handeln an.
In Mitten der Gewaltherrschaft, mit der Pizarro und Luque Peru heimsuchten, war es unerläßlich, daß die Peruaner tausend Mal vorzögen, in den Tod zugehen, als das grausame und schimpfliche Joch ihrer Knechtschaft zu ertragen; und sogar aus den entferntesten Provinzen des Reiches wanderten trotz der spanischen Truppen, welche das Gebirge umgaben oder die Mittheilungen verunmöglichten, Unglückliche nach den Anden aus, um sich unter die Fahnen einreihen zu lassen. Arme waren genügend vorhanden, es bedurfte nur der Betriebsamkeit und Leitung. Von dem Augenblicke an dachte Almagro an die Befestigung des beinahe unüberwindlichen Bollwerks, das ihm die Natur in den Anden darbot; an die Herstellung von Hieb- und Feuerwaffen und an die Unterweisung der Krieger. In wenigen Monaten wurden Gewehre und Feldstücke verfertigt, die Peruaner mit der Handhabung der europäischen Waffen vertraut gemacht und die strenge Mannszucht verdoppelt, welche zum Siege führt.
Almagro arbeitete unermüdlich Tag und Nacht; er hielt die Peruaner in steter Thätigkeit; aus Allem zog er Hülfsquellen, und zu Allem wurde er durch die Blicke seiner Coya aufgemuntert. Die Anden liehen ihm in ihrem Schooße so viele Hülfsmittel, als er zu den Verarbeitungen bedurfte; die reichsten und überflüssigsten kleinen Pfützen warfen für sich allein das Eisen, den Schwefel und aller Art von Metallen aus, und die Gipfel der Berge schienen die Stätte Vulkans zu sein. Huascar seinerseits, der sich der Liebe der Peruaner erfreute, hielt die sicherste Kundschaft; thätige Werber, welche der Wachsamkeit der Staatsbeamten entwischend, die schmeichelhaftesten Hoffnungen unter die unglücklichen Sklaven verbreiteten, durchzogen alle Provinzen, undbelebten die Auswanderung nach dem Gebirge, und im ganzen Reiche gährte ein heftiges und verborgenes Feuer, das dem Scharfblick des Statthalters und aller Eindringlinge entging, das aber eines Tages wie ein rasender Vulkan losbrechen sollte.
Almagro war die Triebfeder aller Unternehmungen und das Bollwerk der Freiheit Perus; aber Almagro war ein Christ und Fanatiker des sechszehnten Jahrhunderts, und lebte unter Götzendienern, und dies war ein unüberwindliches Hinderniß. Freilich hatten ihn seine Tugenden im ganzen Reiche verehrt gemacht, und ein tugendhaftes Wesen empfiehlt die Religion, die es verehrt, für sich allein; aber die Christen hatten das Land mit Blut überschwemmt, und mit Schrecken sahen dessen unschuldigen Bewohner die Religion, welche zerstörerische Menschen zu Anhängern zählte. Sich seiner Stellung und seines Ansehens bedienend, dachte Almagro daran, Proselyten im Gebirge zu machen: Seine erste Sorge war eine Klause zu erbauen, worin er so viel als möglich dem wahrhaftigen Gott Anbetung erwies, und er machte, daß Coya ihn bei allen frommen Handlungen begleitete, und machte endlich bekannt, daß Coya das Christenthum umarmt hatte. Weder Huascar noch die Peruaner konnten sich diesem Betragen widersetzen, noch Coya anklagen; Almagro war mit ihren Interessen verschmolzen; Almagro war ihre Zukunft und ihre Hoffnung; sie vermochten seinen Wünschen selbst im Allergeringsten nicht zu widersprechen; Almagro setzte sie mit seinen Tugenden in Erstaunen, und auf dem Gipfel der Anden gab es eineKlause Christi’s und einen Sonnentempel. Las-Casas, ein ehrwürdiger, christlicher Priester, durch sein Wissen wie durch seine Tugenden gleich ausgezeichnet, litt grausame Verfolgungen von seinen Gefährten, weil er sich ihren Plänen der Zerstörung widersetzte, und von derselben Gemüthsart wie Almagro, vereinigte sie die innigste Freundschaft. Der Krieger konnte ihm heimlicherweise eine Nachricht hinterbringen, indem er ihm versicherte, daß es für das Christenthum von der größten Wichtigkeit sei, daß er an seiner Seite stände im Gebirge, und Las-Casas zweifelte keinen Augenblick; er flüchtete sich in die Anden, und die Klause Almagros hatte den ehrwürdigsten Priester. Von jenem Augenblick an dachte man mit Inbrunst an die Verkündigung des Christenthums; Almagro und Las-Casas waren die Vorbilder der reinsten Tugenden; weit entfernt von Dolch und Scheiterhaufen, waren das Beispiel und die Ueberzeugung ihre Waffen. Täglich predigte der ehrwürdige Las-Casas in seiner Klause über die Unsterblichkeit der Seele, die Reinheit der Religion Jesus, die ewige Belohnung der Tugenden, und über die ewige Bestrafung der Vergehen jener Handlungen, welche dem Bereiche der bürgerlichen Gesetze entgingen. Er schilderte einen gerechten die Gewissen beherrschenden Gott der Wahrheit, aber nur in seinen Privatansprachen trat er auf die Auslegung der Wunder und Mysterien ein, er wollte nicht von begrenzten Verstandeskräften riesenhafte Anstrengungen fordern, und unmerklich bereiteten sich die Gemüther zur Annahme des Christenthums vor.
Der erste Neubekehrte, um den sich die Christen bemühten, war, als Inka und Herrscher des Reiches, Huascar; aber trotz der Verehrung, welche er für Almagro und den Priester hatte, hielt er sich für einen Sohn der Sonne, und war wenig geneigt, den Glauben seiner Väter zu verlassen: Andrerseits sah er, daß ein übereilter Schritt die Liebe seiner Unterthanen in Abscheu vertauschen könnte, und Huascar betete trotz der Bekehrung Coyas und den Ermahnungen der Christen die Sonne an; sie erlangten aber endlich, daß er seinen Unterthanen vollständige Freiheit gewährte, den Cultus zu bekennen, den ihnen ihre Vernunft vorschrieb, und viele empfingen, nicht aus Furcht, sondern aus Ueberzeugung getrieben, das Wasser der Taufe.
In Vericochas, wie in allen Sonnenpriestern, brannte unauslöschlich das Feuer des Fanatismus, das gemeiniglich die Herzen der Diener aller Religionen verzehrt. Der Sonnencultus ergoß freilich die Erhabenheit und die Lieblichkeit seiner Glaubenslehren in die Seelen, aber dessen Priester trieben ihre Tugend nicht bis zur Duldung, andere Glaubenslehren noch andere Culte möglich zu finden; mit Entrüstung sahen sie die in den Anden erbaute christliche Klause, und verbreiteten unter die Peruaner die Besorgnisse, welche ihre Einbildung aufregte, wenn sie den Gott des Tages erzürnt glaubten. Als Vericochas die Bekehrung Coyas erfuhr, als er sich davon überzeugte, daß es unmöglich war zu verhüten, daß Almagro das Christenthum ausbreitete, und Las-Casas das Evangelium predigte, als er die Neubekehrten gewahrte, die sie machten, und endlichselbst Huascar schwanken sah, bemächtigte sich seines Herzens eine düstere Traurigkeit, und unablässig, in Thränen versunken, vor dem Sinnbilde der Sonne knieend, bat er seinen Gott, dem Reiche sein wohlthätiges Feuer und sein belebendes Licht nicht zu versagen. Seine Thränen und seine tiefe Schwermuth zehrten sein Leben sichtlich auf, und in Kürze bezahlte er der Natur seinen Tribut. Sein Tod wurde, wie man den Tod des Gerechten beweinen soll, durch das ganze Reich beweint; bei seinem Begräbniß entfaltete man die ganze Herrlichkeit des Cultus, und seine Büste wurde im Tempel zwischen den Bildnissen der Schutzgötter Perus beigesetzt.
Inzwischen betrieb man die Vorbereitungen zum Kriege mit erstaunlicher Schnelligkeit; die in das Gebirge Geflüchteten beliefen sich auf zwanzig Tausend Mann, von denen die einen die Nahrungsmittel besorgten, die andern sich in der Handhabung der Waffen ausbildeten, andere unermüdlich in den Gießereien arbeiteten, und Alle sich, immer unter der Leitung des thätigen und arbeitsamen Almagros, bei den verschiedenen Arbeiten ablösten. Ah! die Gipfel der Anden gewährten bereits das Bild der Wiedergeburt der neuen Welt.
Pizarro und Luque fuhren in ihrem Schreckenssystem, das sie über alle Provinzen ausbreiteten, in Cuzco fort; die rohe Militärgewaltherrschaft führte Tausende von Opfern zum Blutgerüst, und die ewig brennenden Scheiterhaufen der Inquisition gaben der Luft in dichten Rauchsäulen die Glieder der Unglücklichen,welche der Götzendienerei angeklagt waren. Die ominöseste Knechtschaft führte Tausende von Unglücklichen in die harte Sklaverei, und ihre tiefen, mit dem Freudengeschrei der Eindringlinge vermischten Seufzer hörte man einzig im Reiche an. Der Metropole war das politische und religiöse Betragen des Statthalters und der Priester wohl bewußt, aber trotz der Gründung legaler Körperschaften athmeten die Gesetze den gleichen Schrecken und menschliche Entwürdigung, und deren Vollziehung man Pizarro und Luque anvertraute. Das ganze staatliche und religiöse System der Metropole beruhte auf der Entziehung von Schätzen der neuen Welt, und darin, dem Christenthum Neubekehrte zuzuführen; über die Folgen einer so ungeheuerlichen Politik sah man hinweg, und Pizarro und Luque empfingen vom Hofe von Madrid beständig Beifallsbezeigungen, und Machtentfaltung, um als Herrscher und Despoten zu handeln.
Einen so sonderbaren Gegensatz bildete die Verwaltung Pizarros und Luques mit derjenigen Almagros und Las-Casas. Bei der einen war Alles Milde, Ueberzeugung und Tugend; bei der andern Tod, Gewaltherrschaft und Schwelgerei. Und es waren Alle Christen! So sehr wechseln, je nach der Faser eines jeden Gläubigen, die religiösen Sekten ab! Die christliche Religion in der neuen Welt war den Peruanern ein unerklärliches Räthsel; abscheulich im Munde Luques, und verehrt im Munde Las-Casas; die Herrschaft der Spanier bildete unter dem Reiche Almagros das Glück Perus, unter dem Reiche Pizarros war sie seine Zerstörung und sein Untergang; ohne Despotismushätte die Metropole jene unermeßlichen Kolonieen Jahrhunderte lang behalten, aber mit ihrer traurigen Politik konnte sie, das Blut von vierzig Tausend Spaniern verlierend, während der Dauer ihrer kurzen Herrschaft kaum die Schätze zurückzahlen, die sie ihr kosteten.
Das war die Thätigkeit für die Kriegsvorbereitungen in den Anden, und das die Hoffnungen, die sich in den Provinzen verbreiteten, die trotz dem Vertrauen, in welchem der Statthalter schlief, nichts desto weniger seine Aufmerksamkeit nach den Bergen hinlenkte. Alsbald setzte er voraus, daß Almagro an der Spitze jenes Aufstandes sein mußte, aber niemals glaubte er, daß er auf so gewaltige Hülfsquellen rechnete. Pizarro war nicht Staatsmann genug, um die Macht eines Helden zu berechnen, der bei einem geknechteten Volke die Fahne der Freiheit erhebt! Mit dreihundert Mann zog der Kapitän Soto aus, die Aufständischen anzugreifen, und der Statthalter in Cuzco gab sich inzwischen den verstellten Liebkosungen Ocollos hin, und überließ sogar die Zügel der Regierung Luque und der Geistlichkeit.
Die Lage Ocollos war mit jedem Augenblicke mißlicher; die feurigen Begierden ihres Unterdrückers jedes Mal um so lebhafter, und die Unglückliche fand keine Hülfsquellen mehr, den Empfang der Taufe länger aufzuschieben. Wohl könnte sie, die Brust des Mörders Atahulpas durchbohrend, in einer Nacht ihre Rache vervollständigen, aber ihre Flucht war schwierig und ihr Blutgerüst sicher. DieEindringlinge wären ob des Mordes ihres Anführers entrüstet, und würden mit noch größerem Entsetzen das Verderben verbreiten, und Ocollo könnte, auf dem Schaffot ihr Leben aushauchend, der Freiheit nicht die unschätzbaren Dienste leisten, die sie an sie verschwendete. In Verbindung mit Huascar und Almagro, gab sie ihnen die sichersten und wichtigsten Nachrichten, und an der Seite des Statthalters versüßte sie sein Herz ein wenig, und befreite viele Unglückliche vom Tode. Augenblicklich theilte sie Almagro den Ausgang des Kapitän Sotos in die Anden mit, und Almagro hatte Zeit, einen glücklichen Hinterhalt zu legen. Soto ging ohne Vorsicht, die Macht des Feindes verachtend, und sicher, daß er wie immer zum Siege zog, als plötzlich tausend, von Almagro befehligte und mit europäischen blanken Waffen versehene Indianer über ihn herfielen. Die spanische Abtheilung stob, nicht an jene überraschenden Angriffe, noch daran gewohnt, mörderischen Waffen zu widerstehen, vor Schrecken auseinander, und die Peruaner richteten, da sie sich zum ersten Male als Sieger auf ihrem Boden sahen, unter den bestürzten und zerstreuten Spaniern ein gräßliches Blutbad an. Soto that Wunder der Tapferkeit, aber Alles war umsonst; dank seines Panzers rettete er sich vor dem Tode, und zog bestürzt aus dem Gebirge heraus, wo er die wenigen Reste seiner Mannschaft versammelte, die dem Kampfe entrinnen konnten, und theilte dem Statthalter umständlich einen Theil der Niederlage mit.
Das Christenthum inzwischen machte Fortschritte, und die Klause Las-Casas war für die neuen Gläubigenbereits ein kleiner Raum. Die reinsten Tugenden herrschten unter den Neubekehrten, und einige der Ausgezeichnetsten erlangten die Ehre, zum Priesteramt befördert zu werden; eine in den Gesetzen Pizarros verbotene Ehre. Dieser staatskluge Schritt, dem Volke Priester aus dessen Schooß zu geben, gewann dem Evangelium Tausende von Anhängern, und selbst Huascar trat, als er die Mehrzahl seiner Unterthanen entschieden sah, und sah, daß der Gott seines Freundes und Beschützers dessen Waffen den Sieg verlieh, mit der ganzen Ueberzeugung seiner Vernunft in den Schooß der Kirche ein. Von jenem Augenblick an blieb der Sonnentempel bei seinen pompösen Ceremonieen leer: Die Kreuzesfahne flatterte siegreich auf dem Gebirge, und die reinsten Sitten erhöhten die Bewohner der Anden, und bereiteten sie zum Kriege und zum Siege vor.
Pizarro empfing den Bericht der Niederlage Sotos, und die Wuth erglänzte in seinen funkelnden Augen. Schnell vereinigte er bis zu zwölfhundert Mann, und an deren Spitze gestellt, zog er, die Wuth und das Verderben ausrufend, nach den Anden. Die unglückliche Ocollo athmete in ihrer Bedrückung in dem Augenblick auf, da sie nicht mehr wußte, welchen Entschluß zu fassen in ihrem Widerstreite, und verblieb unter der Beobachtung Luques in Cuzco. Schnell benachrichtigte sie sowohl Huascar als Almagro von dem Ausgang des Statthalters, und ihre Seele erweiterte sich beim Betrachten der Dienste, die sie der Freiheit ihrer Unterthanen lieh.
In wenigen Tagen hatte Pizarro an den Abhängen der Anden Stellung genommen, und Almagro bereitete sich freudig zu einem Kriege vor, in welchem er vielleicht, Körper an Körper, die Waffen mit seinem Gegner messen konnte. Jeden Tag nahmen die Streitkräfte Huascars immer mehr zu, und noch einige Spanier, bald Anhänger Almagros, bald ob der Strenge der Mannszucht oder der Gewaltherrschaft des Statthalters und des Fanatismus des Verwesers erbittert, vergrößerten seine Reihen und richteten die Indianer, die ebenfalls in den Anden die wichtigsten Dienste leisteten, mit dem tapfern Benalcazar ab. Von heftiger Gemüthsart, unerschrockenen Muthes, sättigte sich Pizarro nicht damit, irgend welche geringfügigen Streitkräfte, die sich ihm in den Engpässen darboten, mit fortzuwälzen, er bereitete sich vor, eine allgemeine Hetzjagd im Gebirge zu geben und die Spitze zu erstürmen, worauf der Sonnentempel und die christliche Klause erbaut worden war, der Punkt, der den Hof Huascars und den Heerd der Empörung bildete. Almagro sorgte, daß die kleinen Detachements, welche die Kriegsmacht des Statthalters im Gebirge unterhielten, keinerlei Gewehre noch Feuerwaffen gebrauchten, und obschon man mehr Regelmäßigkeit in den Heeresmassen und verschiedene Mannszucht in den Kämpfen gewahrte, zogen sich die Peruaner, den erhaltenen Befehlen gemäß, immer mit geringem Widerstand zurück, und Pizarro stürzte sich mit Riesenschritten in den Hinterhalt. In wenigen Tagen stellte er seine Truppe auf, um den Gipfel zu erstürmen, und als er mit mehrVertrauen die steilen Unebenheiten erkletterte, den Sieg anzustimmen, griff Almagro, die Artillerie und das Gewehrfeuer dabei gebrauchend, welche unter so vielen Anstrengungen in den Anden zu gießen ihm gelungen war, mit der ganzen Kriegsmacht an; und vor Schrecken überrascht, fielen die Spanier zu Hunderten, vom Feuer der Kanone verbrannt oder auf ihrer Flucht zwischen den Felsen abgestürzt. Almagro setzte ihnen auf der Flucht tapfer nach; umsonst versuchte der Statthalter, den Soldaten Muth einzuflößen, er war ein Opfer der Ueberraschung, und kaum zweihundert Mann retteten sich vor dem Tode und versammelten sich auf der Flur; aber besiegt, in die Flucht geschlagen, von außergewöhnlichen, nach europäischer Art geschulten und von dem tapfern und erfahrenen Almagro befehligten Streitkräften, mit gleich mörderischen Waffen angegriffen, zeigte der Statthalter nie mehr Anstrengung und Herzhaftigkeit, als indem er einen Rückzug bis vor die Mauern von Cuzco aushielt.
An diesem berühmten Tage geschah, wenn wir den Ueberlieferungen glauben sollen, die sich noch im Lande erhalten, ein seltsames Wunder. Der unerschrockene Statthalter wurde weder von der Tapferkeit Almagros noch von der Tollkühnheit und der neuen Mannszucht der Peruaner besiegt; der erhabene Schatten Columbus, durch die Krümmungen der Anden streifend, gab den Ruf zur Freiheit, und band die Rechte Pizarros. Von seinem Drange getrieben, entdeckte Columbus die neue Welt, und führte die Europäer nach jenen köstlichen Gegenden, um die alte und neue Welt mitbrüderlichen Banden zu vereinen; aber nimmermehr, damit die unschuldigen Bewohner der neuen Gestade herabgewürdigte Sklaven der traurigen Europäer des sechszehnten Jahrhunderts wären. Menschenfreundlich und gefühlvoll war Columbus, so lange er an der Spitze der Expedition stand, der Trost der Indianer aller Umgegenden, aber ergriffen und angekettet, schimpflich nach Europa zurückgekehrt, fiel, wie wir bereits gesehen haben, von jenem Augenblicke an eine eiserne und vertilgende Hand über die neuen Festländer. Von Gewissensbissen verzehrt, die Europäer nach jenen entlegenen und unbekannten Himmelsstrichen geführt zu haben, seufzte der Schatten Columbus in seinem Grabe, und es geht das Gerücht, daß er ebenfalls nach den Anden schwebte, die Freiheit Perus zu verkünden, und daß er Almagro begeisterte, und die Rechte aller Peruaner stärkte. Bei der Niederlage Pizarros, versichern die Aeltesten des Landes, daß eine Feuersäule daherflog, welche den Statthalter und seine Abtheilung umnachtete, und die Peruaner erleuchtete. Jene Feuerwolke war der Schatten Columbus, der, um seine Gewissensbisse, jene köstlichen Gestade entdeckt zu haben, damit sein Geschlecht sie mit Blut röthete, zu beschwichtigen, ebenfalls für die Freiheit der neuen Welt kämpfte.
Dekoratives Element