Dekoratives ElementKapitel 9.Waffenstillstand.Müde, auf den Feldern Cajamalcas zu schlachten, zogen sich die Eindringlinge, als die erschrockenen Peruaner sich bereits in den Mauern eingeschlossen hatten, und die Nacht ihren dunkeln Schleier über den mit Blut bespritzten Kampfplatz ausbreitete, abermals in ihre Zelte zurück. Eine unermeßliche Beute war die Frucht jenes berühmten Tages, so unermeßlich, daß sie die riesigen Begriffe und Hoffnungen, welche die Abenteurer von jenen reichen Gebieten gefaßt hatten, bei Weitem übertraf. Der prächtige, goldene Thron Atahulpas, die ungeheuer vielen Edelsteine, welche den Monarchen, seinen Hof und seine Adeligen bedeckten, Alles fiel in die Gewalt der Sieger, die sich in einem günstigen Augenblicke sozusagen der Reichthümer des Reiches bemächtigten. Obwohl unter sanften Vorstellungen undGebärden, wurde der gefangene Kaiser, indem man ihm sagte, daß dieses, da es der Papst Alexander ihm überlassen hatte, dem großen König im Osten gehörte, aller seiner Reichthümer, womit er sich schmückte, beraubt, und wie es bei allen Siegen natürlichist, zerstreuten sich die Sieger über das Schlachtfeld und beraubten und entkleideten beim Scheine des flimmernden Mondes die Leichen und Verwundeten. Es waren Ketzer, die unglücklichen Sonnenanbeter, denen das sechszehnte Jahrhundert nichts als Entsetzen, Verachtung, Tod und Verderben gewährte.Durch den Schrecken, den sie ihren Gegnern eingeflößt hatten, sicher, gaben sich die Eindringlinge, ohne Furcht, angegriffen zu werden, in Mitten ihrer üppigen Beute der Schwelgerei und dem Lachen hin, und unverzüglich schritt man, gewissenhaft einen Fünftel für den König von Spanien bei Seite legend, entsprechend den militärischen Abstufungen zur Vertheilung so großer Schätze, und nach den besten peruanischen Texten entfielen auf jeden einfachen Soldaten Beträge von fünfzehntausend Duros.[3]Der Lärm und die Fröhlichkeit ertönten in einem mit dem Wehklagen der Verwundeten und den Seufzern Atahulpas, und so zog die schweigsame Nacht bereits ihren Schleier ein und der Morgenstern erhellte den Horizont.Der Inka konnte in den ersten Augenblicken seiner Gefangennahme, in Mitten seines Erstaunens, kaum an einen so unerwarteten und überraschenden Erfolg glauben; gar bald aber sah er die ganze Entsetzlichkeit seines Schicksals ein und seine Niedergeschlagenheit entsprach der Höhe, von wo er gefallen war. Pizarro, der die Vortheile, welche ihm der Besitz eines so ansehnlichen Gefangenen einbringen mußte, zu verlieren befürchtete,bemühte sich, ihn mit Liebes- und Achtungsbezeugungen zu trösten, und andrerseits erklärte ihm Luque bedächtig die Geheimnisse des Christenthums und ermahnte ihn, den Heiland am Kreuze anzubeten. Aber der Inka bat ihn in Mitten seines Entsetzens innigst, seine Ermahnungen einzustellen, da sie späterhin mit Bedacht über den Gegenstand sprächen, weil jene Augenblicke Gefühls- und nicht Verstandessache seien.Pizarro indessen befahl seinen Soldaten, den Kaiser mit aller der einem so hohen Gefangenen gebührenden Aufmerksamkeit zu behandeln und zu bedienen, und kaltblütig berechnete er die Vortheile, welche er durch ihn aus einem ihre Herrscher vergötternden Volke ziehen konnte. Seitdem sich Pizarro der Person Atahulpas bemächtigt hatte, hielt er sich für den unumschränkten Herr des Reiches, er mußte sich aber noch so lange verstellen, bis daß ihm die Zeit sein Verhalten bezeichnete. Endlich, da er seinen Versprechungen nicht nachkam, triumphirte er, und trotzdem er den frommen Schrecken kannte, den seine Ankunft im Reiche verursacht hatte, konnte er doch nicht voraussehen, wie sich die Peruaner verhalten würden, und umsonst mochte er unter hundert Vermuthungen seinen Feldzugsplan entwerfen.Das war der Zustand des feindlichen Lagers, als sie, nachdem bereits der Abend eingetreten war, ein kurzes und einfaches Gefolge aus der Stadt herausgehen sahen. Die schwachen, von einem unermeßlichen Volke gekrönten Mauern Cajamalcas zeigten die Erregung seiner Bewohner und die Wichtigkeit der Abordnung, worauf sie ihre Blicke hefteten; und Pizarrodurchschaute alsbald, daß dieser Schritt ihm großen Aufschluß für seine Absicht geben würde. Wirklich kamen Ocollo und Coya mit einem kurzen Gefolge aus der Stadt heraus und lenkten ihre Schritte nach dem Lager der Eindringlinge. Aus einiger Entfernung sandten sie eine Botschaft an Pizarro, indem sie um Erlaubniß baten, ihn sprechen zu dürfen, was ihnen alsbald gewährt wurde, worauf sich die Peruanerinnen dem Lagerplatze näherten.Nichtsdestoweniger überraschte es ihn, daß nur zwei schöne Frauen der Abordnung vorstanden, worauf, wie er glaubte, das Schicksal des Reiches beruhte; aber er verbarg sein Erstaunen während eines einzigen Augenblicks, als Ocollo zögerte, sich ihm vor die Füße zu werfen. »Sohn der Sonne«, rief sie aus, »welches ist das Schicksal Atahulpas, lebt dein Bruder, der Inka, noch?« Verwirrt hob sie Pizarro vom Boden und sagte zu ihr: »Er lebt noch, schöne Peruanerin, er lebt noch, und noch ist es Zeit, um ihn zu retten; stille deine Erregung.« Almagro heftete seine Blicke auf die göttliche Coya: Er fühlte die Liebe, welche sie ihm bereits eingeflößt hatte, immer heftiger entbrennen, und in tiefer Betäubung wahrte er das beredteste Stillschweigen. Coya durchdrang die Seele Almagros; arglose jungfräuliche Schamröthe erglänzte auf ihren Wangen, und die Flamme der reinsten Liebe loderte in ihrem Herzen.Durch die tröstenden Worte Pizarros wurde Ocollo wieder beruhigt und sie bat ihn inständig, er möchte ihr erlauben, mit dem Monarchen zu sprechen. Siesagte ihm ausführlich, wer sie war, die Liebe, welche sie zum Inka hatte, daß der Inka sie verehrte und die Zufriedenheit, welche ihm ihr Anblick verursachen würde; aber von seiner Freilassung, noch von dem Zustande Cajamalcas und des Reiches sagte sie ihm nichts. Pizarro sah die Schönheit und Reize Ocollos nicht mitGleichgültigkeit; wenn auch ehrgeizig und stolz, war er am Ende doch ein Mensch und der Liebe empfänglich. »Ja, Ocollo«, sagte er zu ihr, »du kannst den Monarchen, den glücklichen Sterblichen, der sich deiner Reize erfreut, wohl sehen....« Und die Augen des Kriegers funkelten, ohne ihren rohen Stolz zu verlieren, vor lauter Liebe. Er befahl, sie in das nahe Zelt der Inkas zu führen, trug aber der Wache auf, daß sie nicht von deren Seite wiche, bald damit sie keine Liebkosungen austauschten, auf die Pizarro schon neidisch war, bald damit Atahulpa keine wichtigen Mittheilungen machte.Almagro und Coya seufzten, von der Liebe, die sie im Innersten ihres Herzens verbargen, bedrängt; aber von hundert Zeugen umgeben, war es ihnen nicht möglich, ihre Schmerzen zu beklagen, noch ihre Leidenschaft auszulassen. Almagro jedoch benutzte einen Augenblick und sagte zu Coya, daß, wenn sie diese Nacht mit einigen Regimentern auf das Feld hinausginge, er die Flur durchstreifen und sie sehnlichst suchen würde, um ihr wichtige Geheimnisse zu enthüllen. Die Schöne durchschaute Almagros ganzen Gedanken, sie nahm die Bestellung an, und die Stille schien in diesen beiden beunruhigten Herzen einzukehren.Ocollo wurde an das Zelt des unglücklichen Inkas geführt, der unter einer zahlreichen Bewachung seufzte, und als sich die beiden Ehegatten sahen, liefen sie, von einem höhern Antrieb, als ihrer Niedergeschlagenheit und ihrer Gefahr, hingerissen, sich an einander zu schmiegen. Trotz der sie umstehenden Spanier und Peruaner schmiegten sich ihre Herzen zärtlich aneinander, und ihre brennenden Lippen schlossen sich in hundert Liebesküssen. Lange Zeit herrschte, ähnlich der Windstille der Wogen nach schweren Gewitterstürmen, in dem Zelte und im Lager der Sieger ein tiefes Schweigen; reichliche Thränen benetzten die unschuldigen Ehegatten, und die Liebe, die Freude und großes Herzeleid glänzte auf den Gesichtern und lähmte die Lippen. Ocollo brach endlich das Stillschweigen, indem sie den Inka mit süßeren Liebkosungen als die Luft an heißen Sommerabenden tröstete, und Atahulpa frug nach seinen Edlen und seinen Kriegern, und jedes Mal, wenn ihm gesagt wurde, daß einer auf dem Schlachtfelde von Cajamalca getödtet worden sei, wandte er die Augen zur Sonne und rief geängstigt aus: »Gott des Lichtes, und du willst noch, daß ich lebe.« Ocollo versüßte seine Leiden, sie berichtete ihm die Aufmerksamkeitsbezeugungen, womit Pizarro sie empfangen hatte, sie wiederholte ihm die Liebe seiner Unterthanen und den Auftrag, den sie vom Rathe mitbrachte, seine Freiheit um jeden Preis zu erwirken.Der Inka, der gesehen hatte, wie man ihn der Schätze beraubte, womit er geschmückt war, der gesehen hatte, wie man den Leichen die Edelsteine entriß,welche sie bedeckten, der den Ehrgeiz der von Osten Gekommenen befühlt hatte, faßte begründete Hoffnungen, auf Kosten von Schätzen seine Freiheit zu erkaufen. Als Ocollo und der Inka bereits ein wenig ruhiger geworden waren, kam Pizarro an das Zelt heran und erfüllte mit seinen gewohnten Achtungsbezeugungen die beiden bekümmerten Seelen mit Hoffnung. Atahulpa sagte ihm, daß sie ihn insgeheim sprechen müßten, und der Spanier befahl denen, die sie umgaben, sich zurückzuziehen und flößte ihnen Freiheit ein, damit sie ihm vertrauensvoll ihr Herz eröffneten.Das Wohl des Reiches, sagte der Inka zu ihm, beruht einzig darauf, daß der Monarch wieder zu seinem umtrauerten Throne zurückkehrt. Ich und mein Volk schlagen einen, deiner und des großen Herrn im Osten, würdigen Loskauf vor. Wenn du dem Herrscher Perus die Freiheit giebst, füllt man dir dieses Zelt bis zu Mannshöhe mit Gold. Trotz den großartigen Begriffen, welche Pizarro von dem Reichthum Perus hatte, mochte ihn nichtsdestoweniger ein so herrliches Angebot verwundern und überraschen; das Zelt war zweiundzwanzig Fuß lang und dreizehn Fuß breit, die Summe war ungeheuer, und Pizarro zögerte, obwohl er immer zum Inka sagte, er müsse die Bestätigung des Königs im Osten abwarten, dessen Gemüth wohl ebenfalls zur Annahme hinneigen würde, keinen Augenblick mit dem Zugeständniß eines Lösegeldes, das seinen Ehrgeiz erfüllte. Er ging zu seinen Gefährten, theilte ihnen das unermeßliche Angebot mit und sie freuten sich schon sehnsüchtig aufden Augenblick, die Schätze der neuen Welt zu vertheilen, und Ocollo und Atahulpa gaben sich, als sie sahen, daß sie um den Preis eines blassen Metalles von Neuem zu den zärtlichsten Liebkosungen und zu dem stillen Glück zurückkehren würden, den reinsten Fröhlichkeitsergüssen hin. In Begleitung Luques kehrte Pizarro nach dem Zelte zurück und sie kamen überein, die Feindseligkeiten einzustellen und das Gold in den Zelten zusammenzubringen, bis daß Pizarro von seinem Herrn, dem König im Osten, die Bestätigung des Abkommens empfinge, ohne dessen Gutheißen er nicht für sich allein entscheiden konnte. Man versprach sich, da die beiden Heere untereinander verkehren durften, überdies gegenseitig die freundschaftlichsten Beziehungen, indem man den Auszüglern bis zu zehn an der Zahl den Eintritt in Cajamalca gestattete und die Peruaner bis zu hundert an der Zahl an die europäischen Zelte herankommen durften; daß das Lager Pizarros mitLebensmittelnzu versehen war und man in jener Nacht den Sonnenpriestern gestattete, die Leichen, welche die Flur bedeckten, zu begraben.In der Hoffnung, seine Freiheit wieder zu erlangen, sandte Atahulpa, vor Freude hingerissen, Boten nach Cuzco,Quito,Tititakaund andern goldreichen Ländern, damit man, um den Preis seines Lösegeldes aufzubringen, bald von den Tempeln, bald von den Palästen der Inkas, alle Schätze sammelte und sie nach Cajamalca überführte; und Ocollo, vor Lust und Freude aufathmend, zog nach der Stadt, um den Rath und das Volk von dem glücklichen Erfolge ihrer Botschaft in Kenntniß zu setzen.Von Neuem umarmte sie Atahulpa, der ein wenig getröstet blieb, und da die Verbindung offen war, trennte sie nicht mehr die stumme Abwesenheit. Almagro, mit seinen durchdringenden Blicken der schönen Coya folgend, hatte mit ihr das Stelldichein wiederholt, und die beiden Geliebten flehten die Nacht an, baldigst ihren schwarzen Schleier auszubreiten. Die Bewohner Cajamalcas, welche auf den Mauern thronten, zeigten die Ruhe, die im Lager der von Osten Gekommenen herrschte, von glücklicher Vorbedeutung an und zweifelten, als sie Coya und Ocollo zurückkommen sahen, nicht, daß die Sonne, welche das Reich den ganzen Tag rein und schön erleuchtet hatte, ihre flehentlichen Bitten anhörend, ihnen das Ende ihrer Leiden zu berühren gewährte. Schließlich stellten sich die beiden Schönen dem Rathe vor; die Aeltesten des Reiches und ein zahlreiches Volk hofften sehnlichst, das Ergebniß der Botschaft zu erfahren, und als sie vernahmen, daß der Inka lebte, als die Schönen die gegenseitigen Schwüre berichteten, welche Pizarro und Atahulpa sich vor ihren Göttern geleistet hatten, herrschten Freude und Jubel in den Umkreisen der Stadt; einfache Laute bewegten harmonisch die nächtliche Luft, das Volk und die Krieger stimmten Freiheitslieder an und die Priester erhoben göttliche Gesänge als Dankgebet zu ihrem Gott, der sein wohlthätiges Licht über sie ergoß.Dekoratives Element
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Müde, auf den Feldern Cajamalcas zu schlachten, zogen sich die Eindringlinge, als die erschrockenen Peruaner sich bereits in den Mauern eingeschlossen hatten, und die Nacht ihren dunkeln Schleier über den mit Blut bespritzten Kampfplatz ausbreitete, abermals in ihre Zelte zurück. Eine unermeßliche Beute war die Frucht jenes berühmten Tages, so unermeßlich, daß sie die riesigen Begriffe und Hoffnungen, welche die Abenteurer von jenen reichen Gebieten gefaßt hatten, bei Weitem übertraf. Der prächtige, goldene Thron Atahulpas, die ungeheuer vielen Edelsteine, welche den Monarchen, seinen Hof und seine Adeligen bedeckten, Alles fiel in die Gewalt der Sieger, die sich in einem günstigen Augenblicke sozusagen der Reichthümer des Reiches bemächtigten. Obwohl unter sanften Vorstellungen undGebärden, wurde der gefangene Kaiser, indem man ihm sagte, daß dieses, da es der Papst Alexander ihm überlassen hatte, dem großen König im Osten gehörte, aller seiner Reichthümer, womit er sich schmückte, beraubt, und wie es bei allen Siegen natürlichist, zerstreuten sich die Sieger über das Schlachtfeld und beraubten und entkleideten beim Scheine des flimmernden Mondes die Leichen und Verwundeten. Es waren Ketzer, die unglücklichen Sonnenanbeter, denen das sechszehnte Jahrhundert nichts als Entsetzen, Verachtung, Tod und Verderben gewährte.
Durch den Schrecken, den sie ihren Gegnern eingeflößt hatten, sicher, gaben sich die Eindringlinge, ohne Furcht, angegriffen zu werden, in Mitten ihrer üppigen Beute der Schwelgerei und dem Lachen hin, und unverzüglich schritt man, gewissenhaft einen Fünftel für den König von Spanien bei Seite legend, entsprechend den militärischen Abstufungen zur Vertheilung so großer Schätze, und nach den besten peruanischen Texten entfielen auf jeden einfachen Soldaten Beträge von fünfzehntausend Duros.[3]Der Lärm und die Fröhlichkeit ertönten in einem mit dem Wehklagen der Verwundeten und den Seufzern Atahulpas, und so zog die schweigsame Nacht bereits ihren Schleier ein und der Morgenstern erhellte den Horizont.
Der Inka konnte in den ersten Augenblicken seiner Gefangennahme, in Mitten seines Erstaunens, kaum an einen so unerwarteten und überraschenden Erfolg glauben; gar bald aber sah er die ganze Entsetzlichkeit seines Schicksals ein und seine Niedergeschlagenheit entsprach der Höhe, von wo er gefallen war. Pizarro, der die Vortheile, welche ihm der Besitz eines so ansehnlichen Gefangenen einbringen mußte, zu verlieren befürchtete,bemühte sich, ihn mit Liebes- und Achtungsbezeugungen zu trösten, und andrerseits erklärte ihm Luque bedächtig die Geheimnisse des Christenthums und ermahnte ihn, den Heiland am Kreuze anzubeten. Aber der Inka bat ihn in Mitten seines Entsetzens innigst, seine Ermahnungen einzustellen, da sie späterhin mit Bedacht über den Gegenstand sprächen, weil jene Augenblicke Gefühls- und nicht Verstandessache seien.
Pizarro indessen befahl seinen Soldaten, den Kaiser mit aller der einem so hohen Gefangenen gebührenden Aufmerksamkeit zu behandeln und zu bedienen, und kaltblütig berechnete er die Vortheile, welche er durch ihn aus einem ihre Herrscher vergötternden Volke ziehen konnte. Seitdem sich Pizarro der Person Atahulpas bemächtigt hatte, hielt er sich für den unumschränkten Herr des Reiches, er mußte sich aber noch so lange verstellen, bis daß ihm die Zeit sein Verhalten bezeichnete. Endlich, da er seinen Versprechungen nicht nachkam, triumphirte er, und trotzdem er den frommen Schrecken kannte, den seine Ankunft im Reiche verursacht hatte, konnte er doch nicht voraussehen, wie sich die Peruaner verhalten würden, und umsonst mochte er unter hundert Vermuthungen seinen Feldzugsplan entwerfen.
Das war der Zustand des feindlichen Lagers, als sie, nachdem bereits der Abend eingetreten war, ein kurzes und einfaches Gefolge aus der Stadt herausgehen sahen. Die schwachen, von einem unermeßlichen Volke gekrönten Mauern Cajamalcas zeigten die Erregung seiner Bewohner und die Wichtigkeit der Abordnung, worauf sie ihre Blicke hefteten; und Pizarrodurchschaute alsbald, daß dieser Schritt ihm großen Aufschluß für seine Absicht geben würde. Wirklich kamen Ocollo und Coya mit einem kurzen Gefolge aus der Stadt heraus und lenkten ihre Schritte nach dem Lager der Eindringlinge. Aus einiger Entfernung sandten sie eine Botschaft an Pizarro, indem sie um Erlaubniß baten, ihn sprechen zu dürfen, was ihnen alsbald gewährt wurde, worauf sich die Peruanerinnen dem Lagerplatze näherten.
Nichtsdestoweniger überraschte es ihn, daß nur zwei schöne Frauen der Abordnung vorstanden, worauf, wie er glaubte, das Schicksal des Reiches beruhte; aber er verbarg sein Erstaunen während eines einzigen Augenblicks, als Ocollo zögerte, sich ihm vor die Füße zu werfen. »Sohn der Sonne«, rief sie aus, »welches ist das Schicksal Atahulpas, lebt dein Bruder, der Inka, noch?« Verwirrt hob sie Pizarro vom Boden und sagte zu ihr: »Er lebt noch, schöne Peruanerin, er lebt noch, und noch ist es Zeit, um ihn zu retten; stille deine Erregung.« Almagro heftete seine Blicke auf die göttliche Coya: Er fühlte die Liebe, welche sie ihm bereits eingeflößt hatte, immer heftiger entbrennen, und in tiefer Betäubung wahrte er das beredteste Stillschweigen. Coya durchdrang die Seele Almagros; arglose jungfräuliche Schamröthe erglänzte auf ihren Wangen, und die Flamme der reinsten Liebe loderte in ihrem Herzen.
Durch die tröstenden Worte Pizarros wurde Ocollo wieder beruhigt und sie bat ihn inständig, er möchte ihr erlauben, mit dem Monarchen zu sprechen. Siesagte ihm ausführlich, wer sie war, die Liebe, welche sie zum Inka hatte, daß der Inka sie verehrte und die Zufriedenheit, welche ihm ihr Anblick verursachen würde; aber von seiner Freilassung, noch von dem Zustande Cajamalcas und des Reiches sagte sie ihm nichts. Pizarro sah die Schönheit und Reize Ocollos nicht mitGleichgültigkeit; wenn auch ehrgeizig und stolz, war er am Ende doch ein Mensch und der Liebe empfänglich. »Ja, Ocollo«, sagte er zu ihr, »du kannst den Monarchen, den glücklichen Sterblichen, der sich deiner Reize erfreut, wohl sehen....« Und die Augen des Kriegers funkelten, ohne ihren rohen Stolz zu verlieren, vor lauter Liebe. Er befahl, sie in das nahe Zelt der Inkas zu führen, trug aber der Wache auf, daß sie nicht von deren Seite wiche, bald damit sie keine Liebkosungen austauschten, auf die Pizarro schon neidisch war, bald damit Atahulpa keine wichtigen Mittheilungen machte.
Almagro und Coya seufzten, von der Liebe, die sie im Innersten ihres Herzens verbargen, bedrängt; aber von hundert Zeugen umgeben, war es ihnen nicht möglich, ihre Schmerzen zu beklagen, noch ihre Leidenschaft auszulassen. Almagro jedoch benutzte einen Augenblick und sagte zu Coya, daß, wenn sie diese Nacht mit einigen Regimentern auf das Feld hinausginge, er die Flur durchstreifen und sie sehnlichst suchen würde, um ihr wichtige Geheimnisse zu enthüllen. Die Schöne durchschaute Almagros ganzen Gedanken, sie nahm die Bestellung an, und die Stille schien in diesen beiden beunruhigten Herzen einzukehren.
Ocollo wurde an das Zelt des unglücklichen Inkas geführt, der unter einer zahlreichen Bewachung seufzte, und als sich die beiden Ehegatten sahen, liefen sie, von einem höhern Antrieb, als ihrer Niedergeschlagenheit und ihrer Gefahr, hingerissen, sich an einander zu schmiegen. Trotz der sie umstehenden Spanier und Peruaner schmiegten sich ihre Herzen zärtlich aneinander, und ihre brennenden Lippen schlossen sich in hundert Liebesküssen. Lange Zeit herrschte, ähnlich der Windstille der Wogen nach schweren Gewitterstürmen, in dem Zelte und im Lager der Sieger ein tiefes Schweigen; reichliche Thränen benetzten die unschuldigen Ehegatten, und die Liebe, die Freude und großes Herzeleid glänzte auf den Gesichtern und lähmte die Lippen. Ocollo brach endlich das Stillschweigen, indem sie den Inka mit süßeren Liebkosungen als die Luft an heißen Sommerabenden tröstete, und Atahulpa frug nach seinen Edlen und seinen Kriegern, und jedes Mal, wenn ihm gesagt wurde, daß einer auf dem Schlachtfelde von Cajamalca getödtet worden sei, wandte er die Augen zur Sonne und rief geängstigt aus: »Gott des Lichtes, und du willst noch, daß ich lebe.« Ocollo versüßte seine Leiden, sie berichtete ihm die Aufmerksamkeitsbezeugungen, womit Pizarro sie empfangen hatte, sie wiederholte ihm die Liebe seiner Unterthanen und den Auftrag, den sie vom Rathe mitbrachte, seine Freiheit um jeden Preis zu erwirken.
Der Inka, der gesehen hatte, wie man ihn der Schätze beraubte, womit er geschmückt war, der gesehen hatte, wie man den Leichen die Edelsteine entriß,welche sie bedeckten, der den Ehrgeiz der von Osten Gekommenen befühlt hatte, faßte begründete Hoffnungen, auf Kosten von Schätzen seine Freiheit zu erkaufen. Als Ocollo und der Inka bereits ein wenig ruhiger geworden waren, kam Pizarro an das Zelt heran und erfüllte mit seinen gewohnten Achtungsbezeugungen die beiden bekümmerten Seelen mit Hoffnung. Atahulpa sagte ihm, daß sie ihn insgeheim sprechen müßten, und der Spanier befahl denen, die sie umgaben, sich zurückzuziehen und flößte ihnen Freiheit ein, damit sie ihm vertrauensvoll ihr Herz eröffneten.
Das Wohl des Reiches, sagte der Inka zu ihm, beruht einzig darauf, daß der Monarch wieder zu seinem umtrauerten Throne zurückkehrt. Ich und mein Volk schlagen einen, deiner und des großen Herrn im Osten, würdigen Loskauf vor. Wenn du dem Herrscher Perus die Freiheit giebst, füllt man dir dieses Zelt bis zu Mannshöhe mit Gold. Trotz den großartigen Begriffen, welche Pizarro von dem Reichthum Perus hatte, mochte ihn nichtsdestoweniger ein so herrliches Angebot verwundern und überraschen; das Zelt war zweiundzwanzig Fuß lang und dreizehn Fuß breit, die Summe war ungeheuer, und Pizarro zögerte, obwohl er immer zum Inka sagte, er müsse die Bestätigung des Königs im Osten abwarten, dessen Gemüth wohl ebenfalls zur Annahme hinneigen würde, keinen Augenblick mit dem Zugeständniß eines Lösegeldes, das seinen Ehrgeiz erfüllte. Er ging zu seinen Gefährten, theilte ihnen das unermeßliche Angebot mit und sie freuten sich schon sehnsüchtig aufden Augenblick, die Schätze der neuen Welt zu vertheilen, und Ocollo und Atahulpa gaben sich, als sie sahen, daß sie um den Preis eines blassen Metalles von Neuem zu den zärtlichsten Liebkosungen und zu dem stillen Glück zurückkehren würden, den reinsten Fröhlichkeitsergüssen hin. In Begleitung Luques kehrte Pizarro nach dem Zelte zurück und sie kamen überein, die Feindseligkeiten einzustellen und das Gold in den Zelten zusammenzubringen, bis daß Pizarro von seinem Herrn, dem König im Osten, die Bestätigung des Abkommens empfinge, ohne dessen Gutheißen er nicht für sich allein entscheiden konnte. Man versprach sich, da die beiden Heere untereinander verkehren durften, überdies gegenseitig die freundschaftlichsten Beziehungen, indem man den Auszüglern bis zu zehn an der Zahl den Eintritt in Cajamalca gestattete und die Peruaner bis zu hundert an der Zahl an die europäischen Zelte herankommen durften; daß das Lager Pizarros mitLebensmittelnzu versehen war und man in jener Nacht den Sonnenpriestern gestattete, die Leichen, welche die Flur bedeckten, zu begraben.
In der Hoffnung, seine Freiheit wieder zu erlangen, sandte Atahulpa, vor Freude hingerissen, Boten nach Cuzco,Quito,Tititakaund andern goldreichen Ländern, damit man, um den Preis seines Lösegeldes aufzubringen, bald von den Tempeln, bald von den Palästen der Inkas, alle Schätze sammelte und sie nach Cajamalca überführte; und Ocollo, vor Lust und Freude aufathmend, zog nach der Stadt, um den Rath und das Volk von dem glücklichen Erfolge ihrer Botschaft in Kenntniß zu setzen.
Von Neuem umarmte sie Atahulpa, der ein wenig getröstet blieb, und da die Verbindung offen war, trennte sie nicht mehr die stumme Abwesenheit. Almagro, mit seinen durchdringenden Blicken der schönen Coya folgend, hatte mit ihr das Stelldichein wiederholt, und die beiden Geliebten flehten die Nacht an, baldigst ihren schwarzen Schleier auszubreiten. Die Bewohner Cajamalcas, welche auf den Mauern thronten, zeigten die Ruhe, die im Lager der von Osten Gekommenen herrschte, von glücklicher Vorbedeutung an und zweifelten, als sie Coya und Ocollo zurückkommen sahen, nicht, daß die Sonne, welche das Reich den ganzen Tag rein und schön erleuchtet hatte, ihre flehentlichen Bitten anhörend, ihnen das Ende ihrer Leiden zu berühren gewährte. Schließlich stellten sich die beiden Schönen dem Rathe vor; die Aeltesten des Reiches und ein zahlreiches Volk hofften sehnlichst, das Ergebniß der Botschaft zu erfahren, und als sie vernahmen, daß der Inka lebte, als die Schönen die gegenseitigen Schwüre berichteten, welche Pizarro und Atahulpa sich vor ihren Göttern geleistet hatten, herrschten Freude und Jubel in den Umkreisen der Stadt; einfache Laute bewegten harmonisch die nächtliche Luft, das Volk und die Krieger stimmten Freiheitslieder an und die Priester erhoben göttliche Gesänge als Dankgebet zu ihrem Gott, der sein wohlthätiges Licht über sie ergoß.
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