Drei Jahre sind seitdem vergangen.
Es war wieder Herbst geworden, und die Blätter fingen an sich zu färben in dem herrlichen Parke des Falkenhofes und zauberten im Verein mit dem Sonnenlichte Tinten hervor, auf denen das entzückte Auge trunken weilte.
Die Sonne aber drang mit ihren Strahlen durch das fallende Laub mitunter bis hinab zur Erde und machte das goldene Kreuz auf der Gruftkapelle in siegreichem Feuer aufleuchten.
Die Pforten der Kapelle waren geöffnet, und unten in der Gruft kniete ein großes, schönes junges Paar neben einem Sarge, auf welchen es eben einen Strauß wundervoller weißer Moosrosen niedergelegt hatte. Zu Häupten des Sarges aber war eine Tafel in der Mauer eingelassen, auf welcher die Worte des Propheten Tobias geschrieben standen: »Der Mensch blüht auf wie eine Blume und wird gebrochen.«
Nachdem sie lange in stillem Gebet gekniet, erhob sich die Dame.
»Laß uns zum Sarge der Ahnfrau gehen,« flüsterte sie, »ich habe hier drei Rosen für sie – die weiße ihrer schuldlosen Tage, die rote ihrer Leiden und die goldfarbige ihrer Verklärung –«
Der Herr nickte und sie traten ein in die Bleikammer der Gruft. Dort schob er den nur eben aufgesetzten, schweren Deckel des Prunksarges zurück, und sie beugten sich beide herab, das einst so schöne Antlitz zu sehen, das den unseligen Bruderzwist entfacht und nach mehr denn zwei Jahrhunderten noch völlig kenntlich und wunderbar erhalten war.
Und die Dame nahm die drei Rosen und legte sie leise und vorsichtig, um den Körper nicht zu berühren, der Ahnfrau auf die Brust, und als sie die Hand kaum zurückgezogen, da geschah etwas Seltsames:
Vor den Augen der beiden zerfiel der sterbliche Rest der Freifrau Maria Dolorosa von Falkner zu Staub und binnen wenigen Minuten, während denen sie staunend neben dem entschwindenden Körper standen und schauten, ward der Raum in dem Sarge leerer und leerer, und zuletzt lagen auf dem Boden desselben inmitten einer grau scheinenden Asche nur noch die Schmucksachen, welche man ihr mitgegeben, und – die drei frischen Rosen von liebender Hand.
Das Paar aber stand stumm und reichte sich die Hände über den Sarg hinweg, durchschauert in tiefster Seele von Ehrfurcht vor dem, in dessen Hand wir nur Staub und Asche sind. Und da war es beiden zu gleicher Zeit, als hauchte ein unsichtbarer Mund einen Kuß auf ihre Stirn und ein kühler Hauch berührte sie, wie wenn jemand vorüberschritte an ihnen.
Da sank die Dame erschüttert in die Kniee.
»Sie ist erlöst – jetzt wird sie der Engel Alleluja hören, nach dem sie sich so lange gesehnt!« flüsterte sie.
»Sie ist erlöst,« sagte auch er, aber laut und freudig und überzeugt, und zog die Knieende empor an seine Brust.
Denn das Paar, es ist Alfred und Dolores von Falkner, das letzte Edelfalkenpaar hat sich gefunden, und der Falkenhof hat wieder einen Herrn und eine Herrin.
Dolores hatte lange ringen müssen mit dem Tode und hatte über ihn gesiegt. Mit Frau Ruß war sie dann nach dem Süden gegangen, dessen warme Sonne ihr die entschwundene Lebenskraft zurückgab – nicht auf einmal, aber allmählich Schritt vor Schritt. Und nachdem Lolo Falkner schon mehr als ein und ein halbes Jahr ruhte in der Falkengruft unter dem Spruche des Propheten Tobias, da kam Alfred Falkner auch nach dem Süden, und dort, unter dem blauen Himmel von Capri legten sie die Hände zusammen zum Bunde fürs Leben – die Herzen hatten sich ja längst gefunden.
In Rom, der ewigen Stadt, wurden sie vermählt und blieben an der Stätte ihres ersten, stillen Glückes monatelang, bis die Osterglocken verklungen waren und das Pfingstgeläute sie zurücklockte in die deutsche Heimat, in die grandiose grüne Waldeinsamkeit des Falkenhofes, des vielgeliebten.
Hier aber ward zum Erntefest ein Erbe getauft, ein junger Falke, ein kräftiger Sproß am alten Stamm.
Und heut' war Dolores zum erstenmal hinausgegangen zur Gruft, einen Akt der Pietät zu erfüllen an der Ahnfrau, deren Hand so wunderbar eingegriffen in ihr Geschick, und an der unseligen, so vorzeitig geknickten Menschenblume, die ihres Gatten erste Frau gewesen.
Langsam und schweigend schritten sie durch die schattige Eichenallee zurück zu dem Falkenhofe, noch ganz erfüllt von dem Wunderbaren, das sie unten erlebt in der stillen, kühlen Gruft. Und sie kamen überein, daß sie niemand davon sagen wollten, damit nicht am Ende noch Spott oder eine nüchterne, wissenschaftliche Erklärung den Hauch der Weihe abstreifte, der unten über sie gekommen.
Als sie aber vor der Terrasse anlangten, da hatten sie ein liebliches Bild, das sie ganz ins volle Leben zurückführte und ihnen das Herz in stolzem Glücke klopfen ließ – denn da stand eine lachende Wärterin in der malerischen Tracht ihrer Heimat und hielt auf den Armen ein schneeweißes Bündel von Spitzen, das mit blauen Schleifen umbunden war, und aus dem Bündel guckte ein kleines Köpfchen hervor mit goldblondem Haar und ein paar rosigen Fäustchen – –
Daneben saß Frau Ruß, über einem Kinderjäckchen strickend, aber ihr sonst so kaltes, ausdrucksloses Gesicht strahlte vor innerer Freude wie verklärt und in ihren lichtblauen Augen leuchtete es mild und weich wie nie vorher. Und sie kann wohl ruhig aussehen und zufrieden, denn der Falkenhof ist ihre Heimat und die Liebe ihrer Kinder thaut alles auf, was noch als Eis um ihr Herz gelegen hat – und – Doktor Ruß lebt in Australien, als hochgeachteter Mann und Träger einer Würde, von seiner Revenue, die ihm alljährlich aus dem Falkenhofe zufließt.
Vor dem kleinen Werner Falkner aber steht auch der alte Engels und schmunzelt vergnüglich und hält den Atem an, als könnte der schon dem Edelfalken vor ihm schaden.Und als er die schönen, stolzen Eltern dieses kleinen Wunders erblickte, da schwenkte er den alten Filz und rief ihnen lachend und gerührt zugleich entgegen:
»Hurra, es lebe der Sproß des prophezeiten tausendjährigen Reiches der Falken. Und wenn's auch etwas kürzer wird, was thut's? Denn unsere Augen sehen sie noch blühen, die Falkner vom Falkenhof!«
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Seite10:"«" eingefügt(daß dieser Agnat sich verheiratet –«)
Seite23:"«" eingefügt(Nicht wahr, Baronin, ich darf in die Ahnengruft?!«)
Seite62:"»" vor "Frau" entfernt(Frau Ruß ließ den Strickstrumpf sinken)
Seite86:"»" vor "Stiebel" entfernt(Stiebel, du mußt sterben,)
Seite107:"informirt" geändert in "informiert"(Jedenfalls bist du sehr gut informiert)
Seite128:"den" geändert in "dem"(Pein machte ihr dann der Erbprinz [...] dem siejetztnicht)
Seite130:"»" eingefügt(»Und seitdem nichts mehr?«)
Seite179:"«" hinter "stehenbleibend," entfernt(fragte er, stehenbleibend, scharf)