Inhalt der Germania

[pg 38]Inhalt der GermaniaAllgemeiner Teil (1–27)Das Land und seine Bewohner(1–5): Grenzen und Grenzströme (1) – Autochthone Abstammung und Stammsagen der Germanen (2) – Frühe Besuche aus der Fremde? (3) – Körperbau als weiterer Beweis der Autochthonie (4) – Natur und Erzeugnisse des Landes (5).Leben und Sitten der Germanen(6–27): Waffen, Kriegswesen (6) – Könige, Fürsten, Priester, Sippen, Frauen (7) – Frauen im Kampf, heilige Frauen (8) – Götter (9) – Lose, Vorzeichen (10) – Ratsversammlung (11) – Versammlung als Gericht, Verbrechen und Strafen (12) – Wehrhaftmachung, Gefolge (13) – Gefolge im Krieg (14) – Fürsten und Gefolge im Frieden (15) – Das Leben des einzelnen: Wohnungen (16) – Kleidung (17) – Ehe (18) – Frauen und Kinder (19) – Erziehung, Verwandtschaft, Erbfolge (20) – Vererbte Rache, Gastfreundschaft (21) – Leben im Hause, Trinkgelage (22) – Getränke, Speisen, Trunksucht (23) – Waffentänze, Würfelspiel (24) – Sklaven (25) – Ackerbau (26) – Bestattung; Übergang zum besonderen Teil (27).Besonderer Teil / Die einzelnen Völkerschaften (28–46)Grenzvölker(28,29): Fremde in Germanien: Helvetier und Bojer, Aravisker und Osen. Treverer und Nervier, angeblich Germanen, und reine Germanen in Gallien: Vangionen, Nemeter, Triboker, Ubier (28) – Germanen, die zu den Römern halten: Bataver und Mattiaker; Zehntland (29).[pg 39]West- und Nordwestgermanen(Nicht-Sueben,30–37): Chatten (30,31) – Usipier und Tenkterer (32) – Brukterer, Chamaver, Angrivarier (33) – Dulgubiner, Chasuarier, Friesen (34) – Chauken (35) – Cherusker (36) – Kimbern, Kimbern- und spätere Germanenkriege (37).Sueben(38–45): Ihre Haartracht (38) – Semnonen (39) – Langobarden und Nerthusvölker (40) – Hermunduren (41) – Varisten, Markomannen und Quaden (42) – Ost- und Nordostgermanen (43,44) – Ende der Welt, Ästier, Bernstein, Sitonen (45).Mischvölker im Osten: Peuciner (Bastarner), Veneter, Fennen (wohl nicht mehr Germanen) undFabelreich: Hellusier und Oxionen (46).[pg 40]Anmerkungen des ÜbersetzersWas ist dieses Buch, gewöhnlich„Germania“genannt, das die Insel-Bücherei hiermit erneuert? Vielleicht eine Schilderung, vielleicht eine Schrift für den Tag und seinen Zweck; sicher ein Kunstwerk.Eine Schilderung, und als solche das älteste Buch von den deutschen Landschaften und ihren Bewohnern, schon darum kostbar; aber auch, weil es so vieles weiß und bewahrt hat. Vor Tacitus haben wohl, und schon früh, Griechen und Römer über die Germanen berichtet. Pytheas aus Massilia kam im vierten vorchristlichen Jahrhundert auf einer Entdeckerfahrt bis zu der Insel„Thule“(Island?) und an die Küste der Nordsee; die Nachrichten des Poseidonios stehen an der Wende des zweiten zum ersten; Strabon behandelt Germanien in einem Buche seiner Geographie. Die ältesten römischen Quellen sind spärlich auf uns gekommen. Erst Cäsars Kriege in Gallien und seine Aufzeichnungen darüber bringen größere Klarheit; deutlich sondern sie, zum erstenmal, Germanen und Gallier. Was Tacitus bei Sallust und Livius (im 104. Buch seiner Römischen Geschichte) finden konnte, ist längst verloren; verloren auch ein Werk des Aufidius Bassus über die Germanenkriege und seine Fortsetzung durch den älteren Plinius. Erhalten aber des PliniusHistoria naturalis, die Geschichte des Velleius Paterculus und die Geographie des Pomponius Mela; auch die Reichskarte des Agrippa, soweit sie in der vom Mittelalter aufgezeichnetenTabula Peutingeriananachwirkt.Was vor ihm geschrieben wurde, wird Tacitus gekannt haben. Soldaten, Händler, Beamte aus Germanien gaben ihm neue Kunde. So ist sein Buch der Wissenschaft unschätzbar geworden, zumal da es immer mehr durch fortgesetzte Forschungen und besonders[pg 41]Grabungen bestätigt wird. Aber auch jenseits von allem Wissen, auch dort, wo er irrt, ist uns Tacitus teuer als Mensch, als Mann, als Künstler. Und die Größe seines Geistes und seiner Erscheinung mag sein Werk sicherer durch die Jahrhunderte getragen haben als der bloße Inhalt.Dennoch dankt man es wohl einem Bedürfnis des Tages. Es war im Jahre 98 nach Christi Geburt. Trajan, der neue Kaiser, weilte lange an den Grenzen Germaniens; in Rom fiel das auf. Da erschien die Schrift des Tacitus. Sie wollte zeigen, wer diese gefährlichsten Feinde Roms seien, und daß der Kaiser gut daran tue, viel Zeit an die Sicherung der Grenze zu wenden und an nichts anderes; daß es insbesondere falsch sei, außer an den Schutz des Reiches noch an einen Angriff zu denken, den eine Kriegspartei erwog. Man darf annehmen, daß der Kaiser, dessen Hause Tacitus nahe stand, die Schrift billigte.Der Verfasser hat seinen Zweck freilich mit keinem Wort verraten. Dennoch spricht viel für diese Annahme des großen Müllenhoff. Tacitus schildert nur – und schildert als Künstler. Der Plan des Ganzen ist wie jede Einzelheit, jedes Wort bedacht. Land, Eigenart, Abstammung, Leben des Volkes, dann, vom Nächsten und Bekannten ausgehend und sich immer mehr in„romantische“Ferne verlierend, seine einzelnen Stämme und Landschaften, bis er im Märchen endet. Mit knappen, dunklen Worten, oft als Dichter, in rhythmischer Sprache, der manchmal fast Verse, einmal sogar (Kap. 39) ein rechter Hexameter, vielleicht wider Willen, gerät. Jeder Absatz ist durch das zugespitzte Ergebnis einer Betrachtung deutlich bezeichnet. Niemals siegen nüchterne Angaben über den beziehungsreichen Bildner des Werkes, über den Meister.Meister ist er auch als Mensch: ein Mann im altrömischen Sinn. Dabei verbittert und ergrimmt über seine feile, alle Freiheit erdrückende Zeit, unter einer besseren Regierung eben wieder aufatmend[pg 42]und von jener Sehnsucht erfüllt, die dazumal die Geister bewegt, der Sehnsucht nach einer neuen Welt der Einfachheit und Wahrheit. Vielleicht bringen sie die Germanen herauf: darum schildert er dieses kühne, furchtbare und lichte Volk fast wohlwollend, obwohl es Feinde und über kurz oder lang siegreiche Feinde sind. Denn das römische Reich, dem er angehört, steht vor dem Ende. Er aber, ein wissender Warner, will nicht unbemerkt dahingelebt haben.So lassen ihn auch seine anderen Werke, so die kargen Nachrichten von seinem Leben erkennen. Er wurde etwa 55 nach Christo geboren und in der rhetorisch-politischen Schulung des Zeitalters herangebildet. Dann war er Staatsmann unter den flavischen Kaisern und zuletzt noch Statthalter in Asien. Mit der Tochter des britannischen Statthalters Agricola verheiratet, hielt er sich während der Verfolgungen unter Domitian fern. Dann, unter Nerva und Trajan, stand er wieder in hohem Ansehen. Er scheint noch die ersten Jahre Hadrians erlebt zu haben.Als Schriftsteller begann er, wahrscheinlich erst nach Domitians Tode hervortretend, mit demDialogüber die Redekunst und ihren Verfall. Es folgte die Lebensbeschreibung seines SchwiegervatersAgricolaund, noch im gleichen Jahre 98, dieGermania. Dann dieHistorien, eine Geschichte seiner Zeit von Galba (67) bis zum Ende Domitians (96), und dieAnnalen, vom Tode des Augustus bis zum Ausgang des Nero. Die letzten beiden Werke sind nichts weniger als vollständig erhalten. In ihnen erst erschließt sich Tacitus ganz,„le plus grand peintre de l’antiquité“, wie ihn Racine nannte. Er hat immer nur auf Kenner und verwandte Naturen gewirkt, auf diese aber durch Jahrhunderte, und seine Zeit und Sendung ist noch lange nicht vorüber. Freilich muß man, nach einer Anmerkung Lichtenbergs,„sehr viel selbst mitbringen, um ihn zu verstehen“.* * *[pg 43]Die„Germania“wird 865 von Rudolf von Fulda zitiert. Dann bleibt sie lange verschollen. Im Auftrage des Papstes Nikolaus V. reist Enoche von Ascoli nach Frankreich und Deutschland, um alte Handschriften zu suchen, und bringt die„Germania“und den„Dialog“1455 nach Italien. (Die Handschrift, die beide Werke enthielt, ist wohl in einem deutschen Kloster gefunden worden.) Später kommen andere Handschriften hinzu. Der Titel der Schrift lautet einmal„De origine, situ, moribus ac populis Germanorum“, ein andermal„De origine et situ Germanorum“. 1469 schon wird die„Germania“gedruckt. Wichtig sind die alten Ausgaben von Beatus Rhenanus und Justus Lipsius, beide aus dem 16. Jahrhundert; die neuen von Jakob Grimm (1833), Moritz Haupt (1855), Karl Müllenhoff (Germania antiqua, 1873); ferner Baumstark (1876), Schweizer-Sidler, zuletzt aufgelegt in der Bearbeitung von Schwyzer (1912).Diese unsere Übersetzung ist nicht die Arbeit eines Philologen. Sie geht von dem Künstler Tacitus aus und sucht den Rhythmus seiner Sprache und den Gehalt seines Wesens für Deutsche wieder lebendig zu machen.Sie lehnt sich fast überall an den Text von Schweizer-Sidler an; die Deutung und namentlich die folgenden Erläuterungen beruhen (von anderen Quellen abgesehen) auf seinem Kommentar, auf Baumstark und vor allem auf der ausführlichen Erklärung der Germania, die Müllenhoff im 4. Band seiner Deutschen Altertumskunde bietet. Von den zahlreichen Übersetzungen wurden alle wichtigeren, soweit sie erreichbar waren, benutzt, insbesondere alle neuen und neu aufgelegten; von älteren namentlich die von Bötticher und Bacmeister.Den Herren Dr. Friedrich Löhr, Sekretär des Archäologischen Instituts in Wien, und Dr. Gustav Kafka, Privatdozenten an der Münchner Universität, schuldet der Übersetzer für freundliche Ratschläge besonderen Dank.[pg 44]Erläuterungen1Die römische ProvinzRätienreicht nördlich bis zur Donau (Ries!), östlich zum Inn; von da bis zum Wienerwald Noricum, von Tacitus nicht genannt; weiter zwischen Donau und SavePannonien.Sarmaterin Osteuropa, etwa von der Weichsel an,Dakerin Siebenbürgen.Gebirgedie Karpathen.Ein Kriegszug: der des Tiberius im Jahre 5 n. Chr.?AbnobaSchwarzwald.2Der Beweis des ersten Absatzes ist wenig überzeugend.Asien,Afrika,Italiendie römischen Südprovinzen.Tuisto(Zwist!) ist zweigeschlechtig,MannusMann, Mensch, der erste Mensch. Die Namen derMarser(Merseburg) undGambrivierverschwinden bald; sind es, wieSuebenundVandilier(Ostgermanen), Kultverbände? DieTungrer(Tongern!) wurden Germanen genannt (von den Kelten? die Form ist keltisch:„Rufer im Streit“oder„Nachbarn“?); sie drohten, um ihr Ansehen zu heben, mit anderen„Germanen“über dem Rhein. Die Völker rechts des Rheins hätten sich dann wirklich so genannt (Müllenhoff).„Eine verzweifelte Stelle!“(Grimm.)3HerkuleswohlDonar;barditusist nicht genügend erklärt.Ulixes(Odysseus) der Schwanenritter?AsciburgiumAsberg bei Mörs im Rheinland.Griechische Schriftverwenden die Kelten.5Tacitus selbst erwähnt in den späteren Annalen, daß die Mattiaker (bei Wiesbaden) Silbergruben hatten. Ganz so harmlos gegen Gold und Silber waren auch die ältesten Zeiten der Germanen nicht (Tacitus an anderen Orten, die Sage!). Die erwähnten[pg 45]römischen Münzen, Silberdenare, wurden bis zum Jahre 54 v. Chr. geprägt; später hat sich der Feingehalt verschlechtert!6Die Germanen galoppieren rechts, weil sich beim Galopp links die linke, nicht vom Schild gedeckte Seite des Körpers dem Feinde zuwenden würde. Wirklich zeigen Gräberfunde den Sporn nur am linken Fuß (Schweizer-Sidler). DerKeilkehrt seine Spitze dem Gegner zu.7KönigeundFürstenhaben gleiche Befugnis, Fürst ist der König eines kleineren Gebietes. Der König wird aus dem Erbgeschlecht jedesmal gewählt. Königtum und Fürstenherrschaft gehen geradezu ineinander über. Im Osten sind Könige häufiger. Der König ist Heerführer. Nur bei der Vereinigung mehrerer Heere wird ein König zumduxgewählt (Müllenhoff).8Die Brüste entblößend: ihr Leib soll nicht fremden Siegern gehören.Veledazuletzt gefangen nach Rom gebracht.Machten...Göttinnenwie die römischen Senatoren, die so den Frauen der Kaiser schmeichelten.9Mercurius(besonders als Totenführer): Wotan (dies Mercurii=Wednesday). Mars: Tiu, Ziu (dies Martis=Tuesday).Herkules: Donar. Diese drei Götter nennt noch ein Taufgelöbnis des 8. Jahrh.Isis: vielleicht Freya? (Nerthus!) Die illyrischenLiburnerhatten leichte Schiffe.10Wilder Fruchtbaum: Eiche, Buche, Haselstrauch, Wacholder. Zeichen durch Pferde auch bei Persern und Slaven.[pg 46]11Nächtenoch jetzt Weihnacht, Fastnacht,Fortnight.In Waffennoch jetzt„Spießbürger“.Jeder: Müllenhoff folgert aus dem grammatischen Sinn, daß nurrex vel princepsreden durften, nicht jeder Teilnehmer. Aber jedesfallslicet accusareusw. (Kap. 12).12Am Körper Geschändete: widernatürliche Männer, aber wohl auch„entehrte“Frauen, für die sich Todesstrafe noch lange erhält. Dieses Versenken ist eine Weiberstrafe, daher besonders schimpflich.Frevel – Schandtat: das germanische Rechtsbewußtsein nimmt die offene, nicht verheimlichte Tat, ohne List, leichter hin.Die Fürsten bestimmtnämlich aus der Zahl der vorhandenen Fürsten.Recht sprechenist römische, nicht germanische Auffassung; nach dieser leitet der Fürst (später Gaugraf) nur die Volksverhandlung, derRatmacht den Urteilsvorschlag, derBeistandgibt das„Vollwort“: sie„finden“das Recht, der entsendete Richter tut nur den Spruch.15Brustschmuck(phalerae) ähnlich den Orden (oder wie Medaillons?).Geld: römische Kaiser (Caligula, Domitian) schließen um Geld mit den Germanen Frieden oder erkaufen Triumphe.16Vielleicht: in Wirklichkeit aus Unabhängigkeitssinn. Der Schlußsatz sucht die gewohnte Zuspitzung am Ende eines Abschnittes, wird aber gerade wortreich und gewöhnlich.17Kleiddie Unterkleidung, unter dem Rock, geht nach Baumstark unten (auch bei Frauen?) in Hosen aus. Bei Frauen, namentlich aber bei vornehmen, trotzdem Unterschiede in der Kleidung (vgl. die Germanin, sog. Thusnelda der Loggia dei Lanzi in Florenz): lang[pg 47]herabwallende Kleidung bis zu den Füßen. IhreKleidungläuft oben nicht in Ärmel aus wie in Rom. Die germanischen Männer wiederum hatten Ärmel, wenn auch kurze. Das Frauengewand wird nur an der Schulter zusammengehalten; der Armschlitz läßt die Brust zum Teil sichtbar werden.18Umworben werdenvon den Familien der Mädchen.Mitgift – Geschenke: Tacitus merkt nicht, daß er vom Brautkauf erzählt;Mitgiftist der Preis. Das Gegengeschenk der Braut (etwa ein Speer) ist das Zeichen für den Übergang der Gewalt vom Vater an den Ehemann. Alles dies vermengt Tacitus mit den Vorstellungen und Formeln derconfarreatio, der strengen altrömischen Ehe.19Schauspieldas römische Theater mit seinem mehr als eindeutigen Getriebe.20Anspielungen auf die Erziehung durch Sklaven in Rom und auf die Erbschleicherei bei Kinderlosen sind deutlich.22Eröffnet es noch: die Römer halten sich selbst da zurück. Überhaupt ist in diesem Kapitel fast jeder Satz ein Widerspiel römischer Sitten (Passow). Die Römer stehen früh auf, speisen lieber an einem gemeinsamen Tisch, dürfen in der Stadt nicht bewaffnet gehen und sollen nicht vor Abend trinken.23GetränkBier.Ufergrenzewohl nur des Rheins; die Sueben an der Donau dulden keinen Wein, weil die Händler als Gegenwert Sklaven fortschleppen.25Tacitus denkt hier nur an die„Hintersassen“; es gibt aber auch[pg 48]Haussklaven (Kap. 20). Im folgenden Anspielung auf das Treiben der Freigelassenen in Rom.26Besser verhütet: Müllenhoff und Baumstark können diesen Satz nur durch Flüchtigkeit erklären. Die folgende Schilderung der Anbauverhältnisse, von allen Seiten her erläutert, ist nach Müllenhoff übersetzt.Nicht in vier Zeiten: sondern in Winter und Sommer. So zählen sie auch, also nach halben Jahren. Doch istHerbstein altgermanisches Wort; nur brachte die Getreideernte bei den Germanen freilich schon der Sommer, Wein und edles Obst aber kannten sie nicht. Daher wohl der Irrtum des Textes.27Übergang vom allgemeinen zum besonderen Teil der Schrift.28Caesarwird als einziger Gewährsmann ausdrücklich genannt. Diese seine Behauptungen nimmt schon Tacitus nur mehr hin, heute sind sie als unrichtig erkannt. Die Kelten, die früher auch rechts vom Rhein saßen, wurden vielmehr von den Germanen überall zurückgedrängt.Herzynischer Walddas ganze deutsche Mittelgebirge, hier etwa Schwarzwald und Rauhe Alb.Helvetierbald darauf in der Nordschweiz,Bojerdamals in Böhmen (Beheim),Araviskerum Stuhlweißenburg,Osenin Oberungarn; diese beiden pannonische Stämme. Von den Osen ist esKap. 43ausdrücklich bezeugt; die WorteGermanorum nationekönnen nur auf den Wohnsitz gedeutet werden.Trevererum Trier, wahrscheinlich Gallier,Nervieran der Sambre,Vangionenum Worms,Tribokerbei Hagenau,Nemeterum Speyer,Ubier38 v. Chr. durch Agrippa ans linke Rheinufer verpflanzt; ihr Hauptort wird diecolonia Agrippinensis, der Geburtsort der Agrippa, Tochter des Germanicus und Gemahlin des Kaisers Claudius. Sie ist auch die Stifterin der Kolonie (Köln!).[pg 49]29Bataverim Rheindelta; die behauptete Auswanderung von den Chatten her wohl nicht richtig. Auch nach dem Aufstand des Civilis (69 und 70 n. Chr.) bleibt das Freundschaftsverhältnis zu den Römern.Mattiakerum Wiesbaden, dessen Quellen schon bekannt sind.Über die alten Grenzenendgültig durch den Bau des Grenzwalls (limes), der, von Domitian begonnen, in seiner Vollendung (3. Jahrh.) von der Donau bei Lorch oder Kehlheim über Odenwald und Taunus an den Rhein (Neuwied) ging; 550 km lang. Man hat schon tausend Wachttürme und hundert Kastelle (darunter die Saalburg) festgestellt. Er ist zuletzt eine förmliche Mauer.Zehntland(agri decumates, nur hier erwähnt) römisches Staatspachtland am mittleren Neckar.30Weiter hinausüber das Zehntland hin.Chatten= Hessen. Sie sind, außer den Friesen, nach Grimm„der einzige deutsche Volksschlag, der mit behauptetem alten Namen bis auf heute an derselben Stelle haftet, wo sie in der Geschichte zuerst erwähnt werden“. Ihnen widerfährt hier unter allen Stämmen das größte Lob.32Usipier(Usipeter) undTenkterer, immer gemeinsam genannt, vom Siebengebirge gegen Ruhr oder Lippe.33Bruktererzwischen Ems und Lippe (ihre Seherin Veleda!); später zurückgedrängt, aber keineswegs vernichtet. Die 60000 sind übertrieben. Alle diese Stämme gehen in den Franken auf, deren Hauptvolk später dieChamaverwerden, damals nördlich der Lippe bis zum Zuydersee.Angrivarier, an der Weser, später als Angern ein Hauptstamm der Altsachsen.[pg 50]34Im Rücken – vorn: die Völker mit dem Gesicht zur See.Dulgubinerin der Gegend von Hannover (?),Chasuarieran der Haase, Friesen zwischen Zuydersee und Ems, die Kleinfriesen zwischen Rhein und Yssel.Seenbesonders der Zuydersee, aber auch viele andere, da es an Deichen fehlt; so entstehen förmliche Inseln.Römische Flotten: Drusus Germanicus (12 v. Chr.) und sein Sohn Germanicus (14 und 15 n. Chr.). Auf eine andere, nicht recht zu bestimmende Unternehmung deutetKap. 1.Säulen des Herkuleswie bei Gibraltar (die Klippen von Helgoland?); hier ist der römische Herkules gemeint.Niemand versucht: nach Drusus Germanicus jedesfalls Tiberius (5 n. Chr.).35Zum Anfang dieses Kapitels: man denkt sich die kimbrische Halbinsel (Schleswig-Jütland) von der Elbemündung an stark ostwärts geneigt.Chaukenam Meer zwischen Ems und Elbe. Nach Müllenhoff sind es vielleicht überhaupt nur andere Friesen,„Chauken“ein Ehrenname. Im Bogen hätten sie die Chatten an der Weser treffen müssen, eine wahrscheinlich unrichtige Angabe. Plinius schildert die Chauken als armseliges Fischervolk, immer von Sturmfluten bedroht. Das auffallende Lob des Tacitus vielleicht beabsichtigter Gegensatz zum folgenden Kapitel.36Zur Seiteöstlich.Cheruskerin der Umgebung des Harzes, früher noch weiter nordwestlich, zwischen Weser und Elbe. Am bekanntesten durch ihren Kampf gegen die Römer: Vernichtung des Varus im Teutoburger Walde. Arminius, der„Befreier Germaniens“, besiegt auch Marbod, den König der Markomannen. Bald werden aber die Cherusker zurückgedrängt, innere Zwistigkeiten, Kämpfe mit den Chatten wüten, vom Frieden des Tacitus ist keine Rede.[pg 51]Ebenso scheint die Demütigung der Cherusker übertrieben. Nur ihr (hieratischer?) Name verschwindet. Sind es die späteren Sachsen?Fosenin der Wesergegend.37Kimbern: ein Rest also noch auf der kimbrischen Halbinsel. Auf ihrem großen Zuge stoßen die Kimbern 113 v. Chr. (641 [der varronianischen, 640 der catonianischen Ära] nach der Gründung der Stadt – Tacitus hält sich an die runde Zahl –) auf die Römer unter Papirius Carbo. 107 wird der Konsul L. Cassius mit seinem Heer vernichtet, 105 der Prokonsul Servilius Caepio und der Konsul Gnaeus Mallius. Das sind drei konsularische Heere; Aurelius Scaurus, gleichfalls geschlagen und getötet, hatte kein eigenes Heer, und Carbo erlitt nur eine geringe Niederlage. Das zweite Konsulat Trajans ist 98 n. Chr. Diese Stelle gilt als Beweis für die Abfassung der„Germania“im gleichen Jahre.Arsacesbegründet im 3. Jahrh. v. Chr. das große Partherreich, lange neben Rom die einzige östliche Großmacht; Crassus wird 53 v. Chr. von den Parthern getötet, Ventidius, ein Emporkömmling, rächt die Niederlage, indem er die Parther am Jahrestage dieser Schlacht 38 v. Chr. besiegt und ihren Prinzen Pacorus tötet.Selbst dem Caesar: Augustus.Neroist Tiberius.Rüstungen des C. Caesar: Caligula; er läßt seine germanische Leibwache Feind spielen und triumphiert (40 n. Chr.); später feiert auch Domitian einen höchst sonderbaren Triumph. In den Bürgerkriegen nach Neros Tod beginnt der Aufstand der Nordwestgermanen.38Nunmehreröffnet den zweiten Hauptteil: Tacitus rechnet alle folgenden, auch die nichtgermanischen Stämme zu den Sueben. Aber schon die Nerthusvölker gehören nicht mehr dazu; auch nicht die Ost- und Nordgermanen.Suebenwortgleich mit„Schwaben“.[pg 52]Stammeszeichen: der Knoten, ohne Band, an der rechten Schläfe über dem Ohr ist durch Bilder bezeugt, aber auch bei Nichtsueben; eher wären nach Baumstark im letzten Satz des43. KapitelsKennzeichen angegeben. Baumstark unterscheidet die Männer, die diese Knoten ohne Band tragen, von denen, die ihn über dem Scheitel (mit einem Band) flechten, und diese wieder von den„Vornehmen“.39Müllenhoff hält den NamenSemnonenfür hieratisch: ihr Wohnsitz, etwa im Spree- und Havelland, entspricht der von ihm behaupteten Urheimat der Germanen. Der besonders großartige Kultus ist denn auch der des Stammvaters Ziu, an dem die Sueben festhalten; ihre Stadt ist Ziesburg = Augsburg. Im 3. Jahrh. wandern die Semnonen als Alamannen (alle Mannen, ein Zusammenschluß!) an den rätischen Limes und erobern von da ab das jetzt noch alemannisch-schwäbische Gebiet. Der Versauguriis – sacramim Deutschen durch„Zeichen – weihten“wiedergegeben. Vgl. die allgemeine Einleitung!40Langobardenan der unteren Elbe; im 5. Jahrh. über Südmähren ins Alföld (ihr„Feld“) und weiter nach Pannonien und Italien (Lombardei). Die sieben Nerthusvölker: eine Kultgemeinschaft, in Schleswig-Holstein, vielleicht auch Mecklenburg; die Angeln gehen später nach England. Nicht genannt sind die Sachsen, damals in Holstein.Nerthusnicht etwa Hertha (eine falsche Bildung), sondern Freya; als Mutter Erde (magna mater Idaea) bezeichnet, weil auch diese auf einem Wagen gefahren wird und ein Priester Bild und Wagen reinigt.Inselsicher nicht Rügen, ebenso der See nicht der Herthasee, dessen Sage eine späte gelehrte Erfindung ist.Wenn man es glauben darf: also kein Götterbild (Kap. 9).[pg 53]41Wie noch zuvor: vom Zehntland bis zu den Chauken (Kap. 35), ja im wesentlichen sogar bis zu dieser Stelle folgt Tacitus der Südnordrichtung des Rheins; im folgenden der Westostrichtung der Donau.Hermundurenzwischen Harz und Erzgebirge, südwärts bis zum Main, vielleicht sogar zur Donau. Die gute Ausnahme bei den Römern deutet nicht gerade auf unmittelbare Nachbarschaft; Grenznachbarn des Reiches dürfen den Strom nur an bestimmten Stellen unter Aufsicht überschreiten.KolonieistAugusta Vindelicorum(Augsburg).Elbe: man dachte sich wohl die Moldau oder Eger oder thüringische Saale als Oberlauf der Elbe. So weit waren römische Heere gedrungen, aber seit der Niederlage des Varus kannte man die Elbe nur noch vom Hörensagen.42Varistenam Fichtelgebirge,Markomannenin der großen„Mark“zwischen Main und Donau, die nach dem Abzug der Helvetier entstanden war, ein suebisches Volk. Marbod führt sie nach Böhmen, wo schon vorher, vielleicht mit durch die Markomannen, die Bojer vertrieben worden waren. Er begründet ein mächtiges Reich, das bis zur Weichsel reicht, aber ein Krieg mit den Cheruskern zerstört es, und Marbod flüchtet zu den Römern. Später, unter Marc Aurel, der Jahre währende große Markomannenkrieg der Römer (Vorspiel der Völkerwanderung?). Im 6. Jahrh. wird Böhmen slavisch, die Markomannen sind nach Bayern gerückt. Hier ist der Stamm, vom Lech bis zur Enns, geblieben (Bayern und Deutschösterreicher).Quadenwahrscheinlich mit den Markomannen zusammen gewandert, gleichfalls Sueben, in Mähren und Oberungarn, Bundesgenossen der sarmatischen Jazygen, 407 mit den Vandalen nach Spanien.Stirnwehrgegen Rom.Tudruswahrscheinlich ein Quadenkönig.[pg 54]43Noch weiter ab: nördlich und östlich der Markomannen und Quaden, um das schlesische Gebirge.Eisen, das bei den Germanen so selten ist, verwenden die Kotiner nicht einmal, um sich von den Abgaben zu befreien.Gebirgeder östliche Teil des Herzynischen Waldes, besonders das Eschengebirge, slavisch Jesenik, Gesenke.Lugieroder Lygier die Südgruppe der Ostgermanen, wieder ein Kultverband (Vandilier,Kap. 2), der alle hier genannten Stämme und wohl auch die nicht genannten Burgunder umfaßt. Das Heiligtum liegt bei den Nahanarvalern (hieratischer Name, Müllenhoff). Die Lugier, von der Ostgrenze Böhmens bis zur Weichsel, heißen später Vandalen, eine Nebenform von„Vandilier“. Ihre Wanderung führt nach Gallien, Spanien, Nordafrika.In Frauentracht: nur der Haarschmuck oder wirklich Frauenkleidung? Das erste aus Hasdingi (dem Namen des Königsgeschlechtes und darnach des ganzen Volkes) abgeleitet,„Männer mit Frauenhaar“; das Königsgeschlecht aber nennt sich nach dem Brüderpaar„Kastor und Pollux“, einer alten indogermanischen Lichtgottheit, gleich den Dioskuren:„Alken“und„Hasdingi“soll zusammenhängen. Das Totenheer und die straffere Königsherrschaft leitet die Steigerung ein, die allmählich in das Reich des Märchens hinüberführt.Goten, das bedeutendste ostgermanische Volk, das Heldenvolk der Germanen, zwischen Weichsel und Pregel; später in Südrußland, wo sich in der Krim Reste bis ins 16. Jahrh. erhalten haben. Ihre Wanderung ist bekannt.RugierundLemovierdamals an der Ostsee zwischen Weichsel und Oder, die Rugier später an der österreichischen Donau.44In der Westostrichtung zur Ostsee, von der man damals keine rechte Vorstellung hatte.Suionensind Schweden, Skandinavien gilt als Insel. Schiffe, ähnlich den hier beschriebenen, noch heute[pg 55]bei den Norwegern als Scherenboote gebaut.Reichtum: Geldgier führt zur Entartung, und Entartete lassen sich einen unumschränkten Herrscher gefallen. Aber der schwedische König, der ein Stammesheiligtum verwaltet und dafür Opfersteuern einnimmt, hat in Wirklichkeit gar keine unbeschränkte Macht. Nur gebietet er Festfrieden, und dann sind alle Waffen verschlossen (Kap. 40). Vielleicht haben Südgermanen, die den Glanz dieser Feste sahen, das Mißverständnis verschuldet. Steigerung gegenüber der Königsmacht der Goten!45Jenseitsnördlich.Starr: Pytheas von Massilia berichtet, es gebe eineθάλασσα πεπηγυῖα, ein geronnenes Meer (im Mittelalter die Sage vom Lebermeer). Also Kunde vom Eismeer und von der Mitternachtssonne!Der Erdkreisist eine Scheibe, die Sonne am Rand so nahe, daß man ihre Rosse und die Strahlen um das Haupt des Sonnengottes wahrnimmt. Die aufgehende Sonne erklingt nach altem Glauben.„Tönend wird für Geistesohren schon der neue Tag geboren ... welch Getöse bringt das Licht!“(Faust).Nun denn: der Bericht geht wieder zu einer bekannten Gegend über. DierechteKüste ist nach der Westostrichtung die der Ostsee.Ästiersind die Litauer; erst später geht der Name auf die finnischen Esthen über. Das Folgende zeigt gerade, daß die Ästier keine Germanen sind; die Ähnlichkeit mit der britannischen Sprache wohl nur zufällig.Bernstein, ein uralter Schmuck, wird über die„Bernsteinwege“zu Land und zur See nach Südeuropa gebracht. Die Entstehung des Bernsteins nach Plinius; die Anschauung, daß von den Enden der Welt kostbare Schätze kommen, bei Herodot.glesum: Glas, das Glänzende.Landtiere: Martial nennt die Viper.Sitonenöstlich von den Suionen sind Finnen (Kvänen; Anklang an gotischesqêns, Weib,queen): daher der Bericht über die Frauenherrschaft. Höhe[pg 56]punkt der Steigerung: Goten, Suionen, Sitonen immer unbeschränkter regiert, immer märchenhafter bis zur Frauenherrschaft.46Peucinerein anderer Name für die Bastarner, das östlichste Germanenvolk (von der Weichsel durch Galizien hin zur Donaumündung), auch das zuerst, schon den Griechen, 200 v. Chr. an der unteren Donau bekannte.VeneterWenden, das germanische Wort für Slaven.Fennen: Finnen. Die Schilderung bezieht sich nur auf ihr Leben im Sommer. DieHellusiersollen„Hirschartige“, dieOxioner„Ochsenartige“sein, vielleicht nach den Tierfellen, die sie tragen; und daher wohl auch die Fabel.Illustration: Karte zu Tacitus’ GermaniaDruck der SpamerschenBuchdruckerei, Leipzig

[pg 38]Inhalt der GermaniaAllgemeiner Teil (1–27)Das Land und seine Bewohner(1–5): Grenzen und Grenzströme (1) – Autochthone Abstammung und Stammsagen der Germanen (2) – Frühe Besuche aus der Fremde? (3) – Körperbau als weiterer Beweis der Autochthonie (4) – Natur und Erzeugnisse des Landes (5).Leben und Sitten der Germanen(6–27): Waffen, Kriegswesen (6) – Könige, Fürsten, Priester, Sippen, Frauen (7) – Frauen im Kampf, heilige Frauen (8) – Götter (9) – Lose, Vorzeichen (10) – Ratsversammlung (11) – Versammlung als Gericht, Verbrechen und Strafen (12) – Wehrhaftmachung, Gefolge (13) – Gefolge im Krieg (14) – Fürsten und Gefolge im Frieden (15) – Das Leben des einzelnen: Wohnungen (16) – Kleidung (17) – Ehe (18) – Frauen und Kinder (19) – Erziehung, Verwandtschaft, Erbfolge (20) – Vererbte Rache, Gastfreundschaft (21) – Leben im Hause, Trinkgelage (22) – Getränke, Speisen, Trunksucht (23) – Waffentänze, Würfelspiel (24) – Sklaven (25) – Ackerbau (26) – Bestattung; Übergang zum besonderen Teil (27).Besonderer Teil / Die einzelnen Völkerschaften (28–46)Grenzvölker(28,29): Fremde in Germanien: Helvetier und Bojer, Aravisker und Osen. Treverer und Nervier, angeblich Germanen, und reine Germanen in Gallien: Vangionen, Nemeter, Triboker, Ubier (28) – Germanen, die zu den Römern halten: Bataver und Mattiaker; Zehntland (29).[pg 39]West- und Nordwestgermanen(Nicht-Sueben,30–37): Chatten (30,31) – Usipier und Tenkterer (32) – Brukterer, Chamaver, Angrivarier (33) – Dulgubiner, Chasuarier, Friesen (34) – Chauken (35) – Cherusker (36) – Kimbern, Kimbern- und spätere Germanenkriege (37).Sueben(38–45): Ihre Haartracht (38) – Semnonen (39) – Langobarden und Nerthusvölker (40) – Hermunduren (41) – Varisten, Markomannen und Quaden (42) – Ost- und Nordostgermanen (43,44) – Ende der Welt, Ästier, Bernstein, Sitonen (45).Mischvölker im Osten: Peuciner (Bastarner), Veneter, Fennen (wohl nicht mehr Germanen) undFabelreich: Hellusier und Oxionen (46).[pg 40]Anmerkungen des ÜbersetzersWas ist dieses Buch, gewöhnlich„Germania“genannt, das die Insel-Bücherei hiermit erneuert? Vielleicht eine Schilderung, vielleicht eine Schrift für den Tag und seinen Zweck; sicher ein Kunstwerk.Eine Schilderung, und als solche das älteste Buch von den deutschen Landschaften und ihren Bewohnern, schon darum kostbar; aber auch, weil es so vieles weiß und bewahrt hat. Vor Tacitus haben wohl, und schon früh, Griechen und Römer über die Germanen berichtet. Pytheas aus Massilia kam im vierten vorchristlichen Jahrhundert auf einer Entdeckerfahrt bis zu der Insel„Thule“(Island?) und an die Küste der Nordsee; die Nachrichten des Poseidonios stehen an der Wende des zweiten zum ersten; Strabon behandelt Germanien in einem Buche seiner Geographie. Die ältesten römischen Quellen sind spärlich auf uns gekommen. Erst Cäsars Kriege in Gallien und seine Aufzeichnungen darüber bringen größere Klarheit; deutlich sondern sie, zum erstenmal, Germanen und Gallier. Was Tacitus bei Sallust und Livius (im 104. Buch seiner Römischen Geschichte) finden konnte, ist längst verloren; verloren auch ein Werk des Aufidius Bassus über die Germanenkriege und seine Fortsetzung durch den älteren Plinius. Erhalten aber des PliniusHistoria naturalis, die Geschichte des Velleius Paterculus und die Geographie des Pomponius Mela; auch die Reichskarte des Agrippa, soweit sie in der vom Mittelalter aufgezeichnetenTabula Peutingeriananachwirkt.Was vor ihm geschrieben wurde, wird Tacitus gekannt haben. Soldaten, Händler, Beamte aus Germanien gaben ihm neue Kunde. So ist sein Buch der Wissenschaft unschätzbar geworden, zumal da es immer mehr durch fortgesetzte Forschungen und besonders[pg 41]Grabungen bestätigt wird. Aber auch jenseits von allem Wissen, auch dort, wo er irrt, ist uns Tacitus teuer als Mensch, als Mann, als Künstler. Und die Größe seines Geistes und seiner Erscheinung mag sein Werk sicherer durch die Jahrhunderte getragen haben als der bloße Inhalt.Dennoch dankt man es wohl einem Bedürfnis des Tages. Es war im Jahre 98 nach Christi Geburt. Trajan, der neue Kaiser, weilte lange an den Grenzen Germaniens; in Rom fiel das auf. Da erschien die Schrift des Tacitus. Sie wollte zeigen, wer diese gefährlichsten Feinde Roms seien, und daß der Kaiser gut daran tue, viel Zeit an die Sicherung der Grenze zu wenden und an nichts anderes; daß es insbesondere falsch sei, außer an den Schutz des Reiches noch an einen Angriff zu denken, den eine Kriegspartei erwog. Man darf annehmen, daß der Kaiser, dessen Hause Tacitus nahe stand, die Schrift billigte.Der Verfasser hat seinen Zweck freilich mit keinem Wort verraten. Dennoch spricht viel für diese Annahme des großen Müllenhoff. Tacitus schildert nur – und schildert als Künstler. Der Plan des Ganzen ist wie jede Einzelheit, jedes Wort bedacht. Land, Eigenart, Abstammung, Leben des Volkes, dann, vom Nächsten und Bekannten ausgehend und sich immer mehr in„romantische“Ferne verlierend, seine einzelnen Stämme und Landschaften, bis er im Märchen endet. Mit knappen, dunklen Worten, oft als Dichter, in rhythmischer Sprache, der manchmal fast Verse, einmal sogar (Kap. 39) ein rechter Hexameter, vielleicht wider Willen, gerät. Jeder Absatz ist durch das zugespitzte Ergebnis einer Betrachtung deutlich bezeichnet. Niemals siegen nüchterne Angaben über den beziehungsreichen Bildner des Werkes, über den Meister.Meister ist er auch als Mensch: ein Mann im altrömischen Sinn. Dabei verbittert und ergrimmt über seine feile, alle Freiheit erdrückende Zeit, unter einer besseren Regierung eben wieder aufatmend[pg 42]und von jener Sehnsucht erfüllt, die dazumal die Geister bewegt, der Sehnsucht nach einer neuen Welt der Einfachheit und Wahrheit. Vielleicht bringen sie die Germanen herauf: darum schildert er dieses kühne, furchtbare und lichte Volk fast wohlwollend, obwohl es Feinde und über kurz oder lang siegreiche Feinde sind. Denn das römische Reich, dem er angehört, steht vor dem Ende. Er aber, ein wissender Warner, will nicht unbemerkt dahingelebt haben.So lassen ihn auch seine anderen Werke, so die kargen Nachrichten von seinem Leben erkennen. Er wurde etwa 55 nach Christo geboren und in der rhetorisch-politischen Schulung des Zeitalters herangebildet. Dann war er Staatsmann unter den flavischen Kaisern und zuletzt noch Statthalter in Asien. Mit der Tochter des britannischen Statthalters Agricola verheiratet, hielt er sich während der Verfolgungen unter Domitian fern. Dann, unter Nerva und Trajan, stand er wieder in hohem Ansehen. Er scheint noch die ersten Jahre Hadrians erlebt zu haben.Als Schriftsteller begann er, wahrscheinlich erst nach Domitians Tode hervortretend, mit demDialogüber die Redekunst und ihren Verfall. Es folgte die Lebensbeschreibung seines SchwiegervatersAgricolaund, noch im gleichen Jahre 98, dieGermania. Dann dieHistorien, eine Geschichte seiner Zeit von Galba (67) bis zum Ende Domitians (96), und dieAnnalen, vom Tode des Augustus bis zum Ausgang des Nero. Die letzten beiden Werke sind nichts weniger als vollständig erhalten. In ihnen erst erschließt sich Tacitus ganz,„le plus grand peintre de l’antiquité“, wie ihn Racine nannte. Er hat immer nur auf Kenner und verwandte Naturen gewirkt, auf diese aber durch Jahrhunderte, und seine Zeit und Sendung ist noch lange nicht vorüber. Freilich muß man, nach einer Anmerkung Lichtenbergs,„sehr viel selbst mitbringen, um ihn zu verstehen“.* * *[pg 43]Die„Germania“wird 865 von Rudolf von Fulda zitiert. Dann bleibt sie lange verschollen. Im Auftrage des Papstes Nikolaus V. reist Enoche von Ascoli nach Frankreich und Deutschland, um alte Handschriften zu suchen, und bringt die„Germania“und den„Dialog“1455 nach Italien. (Die Handschrift, die beide Werke enthielt, ist wohl in einem deutschen Kloster gefunden worden.) Später kommen andere Handschriften hinzu. Der Titel der Schrift lautet einmal„De origine, situ, moribus ac populis Germanorum“, ein andermal„De origine et situ Germanorum“. 1469 schon wird die„Germania“gedruckt. Wichtig sind die alten Ausgaben von Beatus Rhenanus und Justus Lipsius, beide aus dem 16. Jahrhundert; die neuen von Jakob Grimm (1833), Moritz Haupt (1855), Karl Müllenhoff (Germania antiqua, 1873); ferner Baumstark (1876), Schweizer-Sidler, zuletzt aufgelegt in der Bearbeitung von Schwyzer (1912).Diese unsere Übersetzung ist nicht die Arbeit eines Philologen. Sie geht von dem Künstler Tacitus aus und sucht den Rhythmus seiner Sprache und den Gehalt seines Wesens für Deutsche wieder lebendig zu machen.Sie lehnt sich fast überall an den Text von Schweizer-Sidler an; die Deutung und namentlich die folgenden Erläuterungen beruhen (von anderen Quellen abgesehen) auf seinem Kommentar, auf Baumstark und vor allem auf der ausführlichen Erklärung der Germania, die Müllenhoff im 4. Band seiner Deutschen Altertumskunde bietet. Von den zahlreichen Übersetzungen wurden alle wichtigeren, soweit sie erreichbar waren, benutzt, insbesondere alle neuen und neu aufgelegten; von älteren namentlich die von Bötticher und Bacmeister.Den Herren Dr. Friedrich Löhr, Sekretär des Archäologischen Instituts in Wien, und Dr. Gustav Kafka, Privatdozenten an der Münchner Universität, schuldet der Übersetzer für freundliche Ratschläge besonderen Dank.[pg 44]Erläuterungen1Die römische ProvinzRätienreicht nördlich bis zur Donau (Ries!), östlich zum Inn; von da bis zum Wienerwald Noricum, von Tacitus nicht genannt; weiter zwischen Donau und SavePannonien.Sarmaterin Osteuropa, etwa von der Weichsel an,Dakerin Siebenbürgen.Gebirgedie Karpathen.Ein Kriegszug: der des Tiberius im Jahre 5 n. Chr.?AbnobaSchwarzwald.2Der Beweis des ersten Absatzes ist wenig überzeugend.Asien,Afrika,Italiendie römischen Südprovinzen.Tuisto(Zwist!) ist zweigeschlechtig,MannusMann, Mensch, der erste Mensch. Die Namen derMarser(Merseburg) undGambrivierverschwinden bald; sind es, wieSuebenundVandilier(Ostgermanen), Kultverbände? DieTungrer(Tongern!) wurden Germanen genannt (von den Kelten? die Form ist keltisch:„Rufer im Streit“oder„Nachbarn“?); sie drohten, um ihr Ansehen zu heben, mit anderen„Germanen“über dem Rhein. Die Völker rechts des Rheins hätten sich dann wirklich so genannt (Müllenhoff).„Eine verzweifelte Stelle!“(Grimm.)3HerkuleswohlDonar;barditusist nicht genügend erklärt.Ulixes(Odysseus) der Schwanenritter?AsciburgiumAsberg bei Mörs im Rheinland.Griechische Schriftverwenden die Kelten.5Tacitus selbst erwähnt in den späteren Annalen, daß die Mattiaker (bei Wiesbaden) Silbergruben hatten. Ganz so harmlos gegen Gold und Silber waren auch die ältesten Zeiten der Germanen nicht (Tacitus an anderen Orten, die Sage!). Die erwähnten[pg 45]römischen Münzen, Silberdenare, wurden bis zum Jahre 54 v. Chr. geprägt; später hat sich der Feingehalt verschlechtert!6Die Germanen galoppieren rechts, weil sich beim Galopp links die linke, nicht vom Schild gedeckte Seite des Körpers dem Feinde zuwenden würde. Wirklich zeigen Gräberfunde den Sporn nur am linken Fuß (Schweizer-Sidler). DerKeilkehrt seine Spitze dem Gegner zu.7KönigeundFürstenhaben gleiche Befugnis, Fürst ist der König eines kleineren Gebietes. Der König wird aus dem Erbgeschlecht jedesmal gewählt. Königtum und Fürstenherrschaft gehen geradezu ineinander über. Im Osten sind Könige häufiger. Der König ist Heerführer. Nur bei der Vereinigung mehrerer Heere wird ein König zumduxgewählt (Müllenhoff).8Die Brüste entblößend: ihr Leib soll nicht fremden Siegern gehören.Veledazuletzt gefangen nach Rom gebracht.Machten...Göttinnenwie die römischen Senatoren, die so den Frauen der Kaiser schmeichelten.9Mercurius(besonders als Totenführer): Wotan (dies Mercurii=Wednesday). Mars: Tiu, Ziu (dies Martis=Tuesday).Herkules: Donar. Diese drei Götter nennt noch ein Taufgelöbnis des 8. Jahrh.Isis: vielleicht Freya? (Nerthus!) Die illyrischenLiburnerhatten leichte Schiffe.10Wilder Fruchtbaum: Eiche, Buche, Haselstrauch, Wacholder. Zeichen durch Pferde auch bei Persern und Slaven.[pg 46]11Nächtenoch jetzt Weihnacht, Fastnacht,Fortnight.In Waffennoch jetzt„Spießbürger“.Jeder: Müllenhoff folgert aus dem grammatischen Sinn, daß nurrex vel princepsreden durften, nicht jeder Teilnehmer. Aber jedesfallslicet accusareusw. (Kap. 12).12Am Körper Geschändete: widernatürliche Männer, aber wohl auch„entehrte“Frauen, für die sich Todesstrafe noch lange erhält. Dieses Versenken ist eine Weiberstrafe, daher besonders schimpflich.Frevel – Schandtat: das germanische Rechtsbewußtsein nimmt die offene, nicht verheimlichte Tat, ohne List, leichter hin.Die Fürsten bestimmtnämlich aus der Zahl der vorhandenen Fürsten.Recht sprechenist römische, nicht germanische Auffassung; nach dieser leitet der Fürst (später Gaugraf) nur die Volksverhandlung, derRatmacht den Urteilsvorschlag, derBeistandgibt das„Vollwort“: sie„finden“das Recht, der entsendete Richter tut nur den Spruch.15Brustschmuck(phalerae) ähnlich den Orden (oder wie Medaillons?).Geld: römische Kaiser (Caligula, Domitian) schließen um Geld mit den Germanen Frieden oder erkaufen Triumphe.16Vielleicht: in Wirklichkeit aus Unabhängigkeitssinn. Der Schlußsatz sucht die gewohnte Zuspitzung am Ende eines Abschnittes, wird aber gerade wortreich und gewöhnlich.17Kleiddie Unterkleidung, unter dem Rock, geht nach Baumstark unten (auch bei Frauen?) in Hosen aus. Bei Frauen, namentlich aber bei vornehmen, trotzdem Unterschiede in der Kleidung (vgl. die Germanin, sog. Thusnelda der Loggia dei Lanzi in Florenz): lang[pg 47]herabwallende Kleidung bis zu den Füßen. IhreKleidungläuft oben nicht in Ärmel aus wie in Rom. Die germanischen Männer wiederum hatten Ärmel, wenn auch kurze. Das Frauengewand wird nur an der Schulter zusammengehalten; der Armschlitz läßt die Brust zum Teil sichtbar werden.18Umworben werdenvon den Familien der Mädchen.Mitgift – Geschenke: Tacitus merkt nicht, daß er vom Brautkauf erzählt;Mitgiftist der Preis. Das Gegengeschenk der Braut (etwa ein Speer) ist das Zeichen für den Übergang der Gewalt vom Vater an den Ehemann. Alles dies vermengt Tacitus mit den Vorstellungen und Formeln derconfarreatio, der strengen altrömischen Ehe.19Schauspieldas römische Theater mit seinem mehr als eindeutigen Getriebe.20Anspielungen auf die Erziehung durch Sklaven in Rom und auf die Erbschleicherei bei Kinderlosen sind deutlich.22Eröffnet es noch: die Römer halten sich selbst da zurück. Überhaupt ist in diesem Kapitel fast jeder Satz ein Widerspiel römischer Sitten (Passow). Die Römer stehen früh auf, speisen lieber an einem gemeinsamen Tisch, dürfen in der Stadt nicht bewaffnet gehen und sollen nicht vor Abend trinken.23GetränkBier.Ufergrenzewohl nur des Rheins; die Sueben an der Donau dulden keinen Wein, weil die Händler als Gegenwert Sklaven fortschleppen.25Tacitus denkt hier nur an die„Hintersassen“; es gibt aber auch[pg 48]Haussklaven (Kap. 20). Im folgenden Anspielung auf das Treiben der Freigelassenen in Rom.26Besser verhütet: Müllenhoff und Baumstark können diesen Satz nur durch Flüchtigkeit erklären. Die folgende Schilderung der Anbauverhältnisse, von allen Seiten her erläutert, ist nach Müllenhoff übersetzt.Nicht in vier Zeiten: sondern in Winter und Sommer. So zählen sie auch, also nach halben Jahren. Doch istHerbstein altgermanisches Wort; nur brachte die Getreideernte bei den Germanen freilich schon der Sommer, Wein und edles Obst aber kannten sie nicht. Daher wohl der Irrtum des Textes.27Übergang vom allgemeinen zum besonderen Teil der Schrift.28Caesarwird als einziger Gewährsmann ausdrücklich genannt. Diese seine Behauptungen nimmt schon Tacitus nur mehr hin, heute sind sie als unrichtig erkannt. Die Kelten, die früher auch rechts vom Rhein saßen, wurden vielmehr von den Germanen überall zurückgedrängt.Herzynischer Walddas ganze deutsche Mittelgebirge, hier etwa Schwarzwald und Rauhe Alb.Helvetierbald darauf in der Nordschweiz,Bojerdamals in Böhmen (Beheim),Araviskerum Stuhlweißenburg,Osenin Oberungarn; diese beiden pannonische Stämme. Von den Osen ist esKap. 43ausdrücklich bezeugt; die WorteGermanorum nationekönnen nur auf den Wohnsitz gedeutet werden.Trevererum Trier, wahrscheinlich Gallier,Nervieran der Sambre,Vangionenum Worms,Tribokerbei Hagenau,Nemeterum Speyer,Ubier38 v. Chr. durch Agrippa ans linke Rheinufer verpflanzt; ihr Hauptort wird diecolonia Agrippinensis, der Geburtsort der Agrippa, Tochter des Germanicus und Gemahlin des Kaisers Claudius. Sie ist auch die Stifterin der Kolonie (Köln!).[pg 49]29Bataverim Rheindelta; die behauptete Auswanderung von den Chatten her wohl nicht richtig. Auch nach dem Aufstand des Civilis (69 und 70 n. Chr.) bleibt das Freundschaftsverhältnis zu den Römern.Mattiakerum Wiesbaden, dessen Quellen schon bekannt sind.Über die alten Grenzenendgültig durch den Bau des Grenzwalls (limes), der, von Domitian begonnen, in seiner Vollendung (3. Jahrh.) von der Donau bei Lorch oder Kehlheim über Odenwald und Taunus an den Rhein (Neuwied) ging; 550 km lang. Man hat schon tausend Wachttürme und hundert Kastelle (darunter die Saalburg) festgestellt. Er ist zuletzt eine förmliche Mauer.Zehntland(agri decumates, nur hier erwähnt) römisches Staatspachtland am mittleren Neckar.30Weiter hinausüber das Zehntland hin.Chatten= Hessen. Sie sind, außer den Friesen, nach Grimm„der einzige deutsche Volksschlag, der mit behauptetem alten Namen bis auf heute an derselben Stelle haftet, wo sie in der Geschichte zuerst erwähnt werden“. Ihnen widerfährt hier unter allen Stämmen das größte Lob.32Usipier(Usipeter) undTenkterer, immer gemeinsam genannt, vom Siebengebirge gegen Ruhr oder Lippe.33Bruktererzwischen Ems und Lippe (ihre Seherin Veleda!); später zurückgedrängt, aber keineswegs vernichtet. Die 60000 sind übertrieben. Alle diese Stämme gehen in den Franken auf, deren Hauptvolk später dieChamaverwerden, damals nördlich der Lippe bis zum Zuydersee.Angrivarier, an der Weser, später als Angern ein Hauptstamm der Altsachsen.[pg 50]34Im Rücken – vorn: die Völker mit dem Gesicht zur See.Dulgubinerin der Gegend von Hannover (?),Chasuarieran der Haase, Friesen zwischen Zuydersee und Ems, die Kleinfriesen zwischen Rhein und Yssel.Seenbesonders der Zuydersee, aber auch viele andere, da es an Deichen fehlt; so entstehen förmliche Inseln.Römische Flotten: Drusus Germanicus (12 v. Chr.) und sein Sohn Germanicus (14 und 15 n. Chr.). Auf eine andere, nicht recht zu bestimmende Unternehmung deutetKap. 1.Säulen des Herkuleswie bei Gibraltar (die Klippen von Helgoland?); hier ist der römische Herkules gemeint.Niemand versucht: nach Drusus Germanicus jedesfalls Tiberius (5 n. Chr.).35Zum Anfang dieses Kapitels: man denkt sich die kimbrische Halbinsel (Schleswig-Jütland) von der Elbemündung an stark ostwärts geneigt.Chaukenam Meer zwischen Ems und Elbe. Nach Müllenhoff sind es vielleicht überhaupt nur andere Friesen,„Chauken“ein Ehrenname. Im Bogen hätten sie die Chatten an der Weser treffen müssen, eine wahrscheinlich unrichtige Angabe. Plinius schildert die Chauken als armseliges Fischervolk, immer von Sturmfluten bedroht. Das auffallende Lob des Tacitus vielleicht beabsichtigter Gegensatz zum folgenden Kapitel.36Zur Seiteöstlich.Cheruskerin der Umgebung des Harzes, früher noch weiter nordwestlich, zwischen Weser und Elbe. Am bekanntesten durch ihren Kampf gegen die Römer: Vernichtung des Varus im Teutoburger Walde. Arminius, der„Befreier Germaniens“, besiegt auch Marbod, den König der Markomannen. Bald werden aber die Cherusker zurückgedrängt, innere Zwistigkeiten, Kämpfe mit den Chatten wüten, vom Frieden des Tacitus ist keine Rede.[pg 51]Ebenso scheint die Demütigung der Cherusker übertrieben. Nur ihr (hieratischer?) Name verschwindet. Sind es die späteren Sachsen?Fosenin der Wesergegend.37Kimbern: ein Rest also noch auf der kimbrischen Halbinsel. Auf ihrem großen Zuge stoßen die Kimbern 113 v. Chr. (641 [der varronianischen, 640 der catonianischen Ära] nach der Gründung der Stadt – Tacitus hält sich an die runde Zahl –) auf die Römer unter Papirius Carbo. 107 wird der Konsul L. Cassius mit seinem Heer vernichtet, 105 der Prokonsul Servilius Caepio und der Konsul Gnaeus Mallius. Das sind drei konsularische Heere; Aurelius Scaurus, gleichfalls geschlagen und getötet, hatte kein eigenes Heer, und Carbo erlitt nur eine geringe Niederlage. Das zweite Konsulat Trajans ist 98 n. Chr. Diese Stelle gilt als Beweis für die Abfassung der„Germania“im gleichen Jahre.Arsacesbegründet im 3. Jahrh. v. Chr. das große Partherreich, lange neben Rom die einzige östliche Großmacht; Crassus wird 53 v. Chr. von den Parthern getötet, Ventidius, ein Emporkömmling, rächt die Niederlage, indem er die Parther am Jahrestage dieser Schlacht 38 v. Chr. besiegt und ihren Prinzen Pacorus tötet.Selbst dem Caesar: Augustus.Neroist Tiberius.Rüstungen des C. Caesar: Caligula; er läßt seine germanische Leibwache Feind spielen und triumphiert (40 n. Chr.); später feiert auch Domitian einen höchst sonderbaren Triumph. In den Bürgerkriegen nach Neros Tod beginnt der Aufstand der Nordwestgermanen.38Nunmehreröffnet den zweiten Hauptteil: Tacitus rechnet alle folgenden, auch die nichtgermanischen Stämme zu den Sueben. Aber schon die Nerthusvölker gehören nicht mehr dazu; auch nicht die Ost- und Nordgermanen.Suebenwortgleich mit„Schwaben“.[pg 52]Stammeszeichen: der Knoten, ohne Band, an der rechten Schläfe über dem Ohr ist durch Bilder bezeugt, aber auch bei Nichtsueben; eher wären nach Baumstark im letzten Satz des43. KapitelsKennzeichen angegeben. Baumstark unterscheidet die Männer, die diese Knoten ohne Band tragen, von denen, die ihn über dem Scheitel (mit einem Band) flechten, und diese wieder von den„Vornehmen“.39Müllenhoff hält den NamenSemnonenfür hieratisch: ihr Wohnsitz, etwa im Spree- und Havelland, entspricht der von ihm behaupteten Urheimat der Germanen. Der besonders großartige Kultus ist denn auch der des Stammvaters Ziu, an dem die Sueben festhalten; ihre Stadt ist Ziesburg = Augsburg. Im 3. Jahrh. wandern die Semnonen als Alamannen (alle Mannen, ein Zusammenschluß!) an den rätischen Limes und erobern von da ab das jetzt noch alemannisch-schwäbische Gebiet. Der Versauguriis – sacramim Deutschen durch„Zeichen – weihten“wiedergegeben. Vgl. die allgemeine Einleitung!40Langobardenan der unteren Elbe; im 5. Jahrh. über Südmähren ins Alföld (ihr„Feld“) und weiter nach Pannonien und Italien (Lombardei). Die sieben Nerthusvölker: eine Kultgemeinschaft, in Schleswig-Holstein, vielleicht auch Mecklenburg; die Angeln gehen später nach England. Nicht genannt sind die Sachsen, damals in Holstein.Nerthusnicht etwa Hertha (eine falsche Bildung), sondern Freya; als Mutter Erde (magna mater Idaea) bezeichnet, weil auch diese auf einem Wagen gefahren wird und ein Priester Bild und Wagen reinigt.Inselsicher nicht Rügen, ebenso der See nicht der Herthasee, dessen Sage eine späte gelehrte Erfindung ist.Wenn man es glauben darf: also kein Götterbild (Kap. 9).[pg 53]41Wie noch zuvor: vom Zehntland bis zu den Chauken (Kap. 35), ja im wesentlichen sogar bis zu dieser Stelle folgt Tacitus der Südnordrichtung des Rheins; im folgenden der Westostrichtung der Donau.Hermundurenzwischen Harz und Erzgebirge, südwärts bis zum Main, vielleicht sogar zur Donau. Die gute Ausnahme bei den Römern deutet nicht gerade auf unmittelbare Nachbarschaft; Grenznachbarn des Reiches dürfen den Strom nur an bestimmten Stellen unter Aufsicht überschreiten.KolonieistAugusta Vindelicorum(Augsburg).Elbe: man dachte sich wohl die Moldau oder Eger oder thüringische Saale als Oberlauf der Elbe. So weit waren römische Heere gedrungen, aber seit der Niederlage des Varus kannte man die Elbe nur noch vom Hörensagen.42Varistenam Fichtelgebirge,Markomannenin der großen„Mark“zwischen Main und Donau, die nach dem Abzug der Helvetier entstanden war, ein suebisches Volk. Marbod führt sie nach Böhmen, wo schon vorher, vielleicht mit durch die Markomannen, die Bojer vertrieben worden waren. Er begründet ein mächtiges Reich, das bis zur Weichsel reicht, aber ein Krieg mit den Cheruskern zerstört es, und Marbod flüchtet zu den Römern. Später, unter Marc Aurel, der Jahre währende große Markomannenkrieg der Römer (Vorspiel der Völkerwanderung?). Im 6. Jahrh. wird Böhmen slavisch, die Markomannen sind nach Bayern gerückt. Hier ist der Stamm, vom Lech bis zur Enns, geblieben (Bayern und Deutschösterreicher).Quadenwahrscheinlich mit den Markomannen zusammen gewandert, gleichfalls Sueben, in Mähren und Oberungarn, Bundesgenossen der sarmatischen Jazygen, 407 mit den Vandalen nach Spanien.Stirnwehrgegen Rom.Tudruswahrscheinlich ein Quadenkönig.[pg 54]43Noch weiter ab: nördlich und östlich der Markomannen und Quaden, um das schlesische Gebirge.Eisen, das bei den Germanen so selten ist, verwenden die Kotiner nicht einmal, um sich von den Abgaben zu befreien.Gebirgeder östliche Teil des Herzynischen Waldes, besonders das Eschengebirge, slavisch Jesenik, Gesenke.Lugieroder Lygier die Südgruppe der Ostgermanen, wieder ein Kultverband (Vandilier,Kap. 2), der alle hier genannten Stämme und wohl auch die nicht genannten Burgunder umfaßt. Das Heiligtum liegt bei den Nahanarvalern (hieratischer Name, Müllenhoff). Die Lugier, von der Ostgrenze Böhmens bis zur Weichsel, heißen später Vandalen, eine Nebenform von„Vandilier“. Ihre Wanderung führt nach Gallien, Spanien, Nordafrika.In Frauentracht: nur der Haarschmuck oder wirklich Frauenkleidung? Das erste aus Hasdingi (dem Namen des Königsgeschlechtes und darnach des ganzen Volkes) abgeleitet,„Männer mit Frauenhaar“; das Königsgeschlecht aber nennt sich nach dem Brüderpaar„Kastor und Pollux“, einer alten indogermanischen Lichtgottheit, gleich den Dioskuren:„Alken“und„Hasdingi“soll zusammenhängen. Das Totenheer und die straffere Königsherrschaft leitet die Steigerung ein, die allmählich in das Reich des Märchens hinüberführt.Goten, das bedeutendste ostgermanische Volk, das Heldenvolk der Germanen, zwischen Weichsel und Pregel; später in Südrußland, wo sich in der Krim Reste bis ins 16. Jahrh. erhalten haben. Ihre Wanderung ist bekannt.RugierundLemovierdamals an der Ostsee zwischen Weichsel und Oder, die Rugier später an der österreichischen Donau.44In der Westostrichtung zur Ostsee, von der man damals keine rechte Vorstellung hatte.Suionensind Schweden, Skandinavien gilt als Insel. Schiffe, ähnlich den hier beschriebenen, noch heute[pg 55]bei den Norwegern als Scherenboote gebaut.Reichtum: Geldgier führt zur Entartung, und Entartete lassen sich einen unumschränkten Herrscher gefallen. Aber der schwedische König, der ein Stammesheiligtum verwaltet und dafür Opfersteuern einnimmt, hat in Wirklichkeit gar keine unbeschränkte Macht. Nur gebietet er Festfrieden, und dann sind alle Waffen verschlossen (Kap. 40). Vielleicht haben Südgermanen, die den Glanz dieser Feste sahen, das Mißverständnis verschuldet. Steigerung gegenüber der Königsmacht der Goten!45Jenseitsnördlich.Starr: Pytheas von Massilia berichtet, es gebe eineθάλασσα πεπηγυῖα, ein geronnenes Meer (im Mittelalter die Sage vom Lebermeer). Also Kunde vom Eismeer und von der Mitternachtssonne!Der Erdkreisist eine Scheibe, die Sonne am Rand so nahe, daß man ihre Rosse und die Strahlen um das Haupt des Sonnengottes wahrnimmt. Die aufgehende Sonne erklingt nach altem Glauben.„Tönend wird für Geistesohren schon der neue Tag geboren ... welch Getöse bringt das Licht!“(Faust).Nun denn: der Bericht geht wieder zu einer bekannten Gegend über. DierechteKüste ist nach der Westostrichtung die der Ostsee.Ästiersind die Litauer; erst später geht der Name auf die finnischen Esthen über. Das Folgende zeigt gerade, daß die Ästier keine Germanen sind; die Ähnlichkeit mit der britannischen Sprache wohl nur zufällig.Bernstein, ein uralter Schmuck, wird über die„Bernsteinwege“zu Land und zur See nach Südeuropa gebracht. Die Entstehung des Bernsteins nach Plinius; die Anschauung, daß von den Enden der Welt kostbare Schätze kommen, bei Herodot.glesum: Glas, das Glänzende.Landtiere: Martial nennt die Viper.Sitonenöstlich von den Suionen sind Finnen (Kvänen; Anklang an gotischesqêns, Weib,queen): daher der Bericht über die Frauenherrschaft. Höhe[pg 56]punkt der Steigerung: Goten, Suionen, Sitonen immer unbeschränkter regiert, immer märchenhafter bis zur Frauenherrschaft.46Peucinerein anderer Name für die Bastarner, das östlichste Germanenvolk (von der Weichsel durch Galizien hin zur Donaumündung), auch das zuerst, schon den Griechen, 200 v. Chr. an der unteren Donau bekannte.VeneterWenden, das germanische Wort für Slaven.Fennen: Finnen. Die Schilderung bezieht sich nur auf ihr Leben im Sommer. DieHellusiersollen„Hirschartige“, dieOxioner„Ochsenartige“sein, vielleicht nach den Tierfellen, die sie tragen; und daher wohl auch die Fabel.Illustration: Karte zu Tacitus’ GermaniaDruck der SpamerschenBuchdruckerei, Leipzig

[pg 38]Inhalt der GermaniaAllgemeiner Teil (1–27)Das Land und seine Bewohner(1–5): Grenzen und Grenzströme (1) – Autochthone Abstammung und Stammsagen der Germanen (2) – Frühe Besuche aus der Fremde? (3) – Körperbau als weiterer Beweis der Autochthonie (4) – Natur und Erzeugnisse des Landes (5).Leben und Sitten der Germanen(6–27): Waffen, Kriegswesen (6) – Könige, Fürsten, Priester, Sippen, Frauen (7) – Frauen im Kampf, heilige Frauen (8) – Götter (9) – Lose, Vorzeichen (10) – Ratsversammlung (11) – Versammlung als Gericht, Verbrechen und Strafen (12) – Wehrhaftmachung, Gefolge (13) – Gefolge im Krieg (14) – Fürsten und Gefolge im Frieden (15) – Das Leben des einzelnen: Wohnungen (16) – Kleidung (17) – Ehe (18) – Frauen und Kinder (19) – Erziehung, Verwandtschaft, Erbfolge (20) – Vererbte Rache, Gastfreundschaft (21) – Leben im Hause, Trinkgelage (22) – Getränke, Speisen, Trunksucht (23) – Waffentänze, Würfelspiel (24) – Sklaven (25) – Ackerbau (26) – Bestattung; Übergang zum besonderen Teil (27).Besonderer Teil / Die einzelnen Völkerschaften (28–46)Grenzvölker(28,29): Fremde in Germanien: Helvetier und Bojer, Aravisker und Osen. Treverer und Nervier, angeblich Germanen, und reine Germanen in Gallien: Vangionen, Nemeter, Triboker, Ubier (28) – Germanen, die zu den Römern halten: Bataver und Mattiaker; Zehntland (29).[pg 39]West- und Nordwestgermanen(Nicht-Sueben,30–37): Chatten (30,31) – Usipier und Tenkterer (32) – Brukterer, Chamaver, Angrivarier (33) – Dulgubiner, Chasuarier, Friesen (34) – Chauken (35) – Cherusker (36) – Kimbern, Kimbern- und spätere Germanenkriege (37).Sueben(38–45): Ihre Haartracht (38) – Semnonen (39) – Langobarden und Nerthusvölker (40) – Hermunduren (41) – Varisten, Markomannen und Quaden (42) – Ost- und Nordostgermanen (43,44) – Ende der Welt, Ästier, Bernstein, Sitonen (45).Mischvölker im Osten: Peuciner (Bastarner), Veneter, Fennen (wohl nicht mehr Germanen) undFabelreich: Hellusier und Oxionen (46).

Allgemeiner Teil (1–27)Das Land und seine Bewohner(1–5): Grenzen und Grenzströme (1) – Autochthone Abstammung und Stammsagen der Germanen (2) – Frühe Besuche aus der Fremde? (3) – Körperbau als weiterer Beweis der Autochthonie (4) – Natur und Erzeugnisse des Landes (5).Leben und Sitten der Germanen(6–27): Waffen, Kriegswesen (6) – Könige, Fürsten, Priester, Sippen, Frauen (7) – Frauen im Kampf, heilige Frauen (8) – Götter (9) – Lose, Vorzeichen (10) – Ratsversammlung (11) – Versammlung als Gericht, Verbrechen und Strafen (12) – Wehrhaftmachung, Gefolge (13) – Gefolge im Krieg (14) – Fürsten und Gefolge im Frieden (15) – Das Leben des einzelnen: Wohnungen (16) – Kleidung (17) – Ehe (18) – Frauen und Kinder (19) – Erziehung, Verwandtschaft, Erbfolge (20) – Vererbte Rache, Gastfreundschaft (21) – Leben im Hause, Trinkgelage (22) – Getränke, Speisen, Trunksucht (23) – Waffentänze, Würfelspiel (24) – Sklaven (25) – Ackerbau (26) – Bestattung; Übergang zum besonderen Teil (27).

Das Land und seine Bewohner(1–5): Grenzen und Grenzströme (1) – Autochthone Abstammung und Stammsagen der Germanen (2) – Frühe Besuche aus der Fremde? (3) – Körperbau als weiterer Beweis der Autochthonie (4) – Natur und Erzeugnisse des Landes (5).

Leben und Sitten der Germanen(6–27): Waffen, Kriegswesen (6) – Könige, Fürsten, Priester, Sippen, Frauen (7) – Frauen im Kampf, heilige Frauen (8) – Götter (9) – Lose, Vorzeichen (10) – Ratsversammlung (11) – Versammlung als Gericht, Verbrechen und Strafen (12) – Wehrhaftmachung, Gefolge (13) – Gefolge im Krieg (14) – Fürsten und Gefolge im Frieden (15) – Das Leben des einzelnen: Wohnungen (16) – Kleidung (17) – Ehe (18) – Frauen und Kinder (19) – Erziehung, Verwandtschaft, Erbfolge (20) – Vererbte Rache, Gastfreundschaft (21) – Leben im Hause, Trinkgelage (22) – Getränke, Speisen, Trunksucht (23) – Waffentänze, Würfelspiel (24) – Sklaven (25) – Ackerbau (26) – Bestattung; Übergang zum besonderen Teil (27).

Besonderer Teil / Die einzelnen Völkerschaften (28–46)Grenzvölker(28,29): Fremde in Germanien: Helvetier und Bojer, Aravisker und Osen. Treverer und Nervier, angeblich Germanen, und reine Germanen in Gallien: Vangionen, Nemeter, Triboker, Ubier (28) – Germanen, die zu den Römern halten: Bataver und Mattiaker; Zehntland (29).[pg 39]West- und Nordwestgermanen(Nicht-Sueben,30–37): Chatten (30,31) – Usipier und Tenkterer (32) – Brukterer, Chamaver, Angrivarier (33) – Dulgubiner, Chasuarier, Friesen (34) – Chauken (35) – Cherusker (36) – Kimbern, Kimbern- und spätere Germanenkriege (37).Sueben(38–45): Ihre Haartracht (38) – Semnonen (39) – Langobarden und Nerthusvölker (40) – Hermunduren (41) – Varisten, Markomannen und Quaden (42) – Ost- und Nordostgermanen (43,44) – Ende der Welt, Ästier, Bernstein, Sitonen (45).Mischvölker im Osten: Peuciner (Bastarner), Veneter, Fennen (wohl nicht mehr Germanen) undFabelreich: Hellusier und Oxionen (46).

Grenzvölker(28,29): Fremde in Germanien: Helvetier und Bojer, Aravisker und Osen. Treverer und Nervier, angeblich Germanen, und reine Germanen in Gallien: Vangionen, Nemeter, Triboker, Ubier (28) – Germanen, die zu den Römern halten: Bataver und Mattiaker; Zehntland (29).

West- und Nordwestgermanen(Nicht-Sueben,30–37): Chatten (30,31) – Usipier und Tenkterer (32) – Brukterer, Chamaver, Angrivarier (33) – Dulgubiner, Chasuarier, Friesen (34) – Chauken (35) – Cherusker (36) – Kimbern, Kimbern- und spätere Germanenkriege (37).

Sueben(38–45): Ihre Haartracht (38) – Semnonen (39) – Langobarden und Nerthusvölker (40) – Hermunduren (41) – Varisten, Markomannen und Quaden (42) – Ost- und Nordostgermanen (43,44) – Ende der Welt, Ästier, Bernstein, Sitonen (45).

Mischvölker im Osten: Peuciner (Bastarner), Veneter, Fennen (wohl nicht mehr Germanen) und

Fabelreich: Hellusier und Oxionen (46).

[pg 40]Anmerkungen des ÜbersetzersWas ist dieses Buch, gewöhnlich„Germania“genannt, das die Insel-Bücherei hiermit erneuert? Vielleicht eine Schilderung, vielleicht eine Schrift für den Tag und seinen Zweck; sicher ein Kunstwerk.Eine Schilderung, und als solche das älteste Buch von den deutschen Landschaften und ihren Bewohnern, schon darum kostbar; aber auch, weil es so vieles weiß und bewahrt hat. Vor Tacitus haben wohl, und schon früh, Griechen und Römer über die Germanen berichtet. Pytheas aus Massilia kam im vierten vorchristlichen Jahrhundert auf einer Entdeckerfahrt bis zu der Insel„Thule“(Island?) und an die Küste der Nordsee; die Nachrichten des Poseidonios stehen an der Wende des zweiten zum ersten; Strabon behandelt Germanien in einem Buche seiner Geographie. Die ältesten römischen Quellen sind spärlich auf uns gekommen. Erst Cäsars Kriege in Gallien und seine Aufzeichnungen darüber bringen größere Klarheit; deutlich sondern sie, zum erstenmal, Germanen und Gallier. Was Tacitus bei Sallust und Livius (im 104. Buch seiner Römischen Geschichte) finden konnte, ist längst verloren; verloren auch ein Werk des Aufidius Bassus über die Germanenkriege und seine Fortsetzung durch den älteren Plinius. Erhalten aber des PliniusHistoria naturalis, die Geschichte des Velleius Paterculus und die Geographie des Pomponius Mela; auch die Reichskarte des Agrippa, soweit sie in der vom Mittelalter aufgezeichnetenTabula Peutingeriananachwirkt.Was vor ihm geschrieben wurde, wird Tacitus gekannt haben. Soldaten, Händler, Beamte aus Germanien gaben ihm neue Kunde. So ist sein Buch der Wissenschaft unschätzbar geworden, zumal da es immer mehr durch fortgesetzte Forschungen und besonders[pg 41]Grabungen bestätigt wird. Aber auch jenseits von allem Wissen, auch dort, wo er irrt, ist uns Tacitus teuer als Mensch, als Mann, als Künstler. Und die Größe seines Geistes und seiner Erscheinung mag sein Werk sicherer durch die Jahrhunderte getragen haben als der bloße Inhalt.Dennoch dankt man es wohl einem Bedürfnis des Tages. Es war im Jahre 98 nach Christi Geburt. Trajan, der neue Kaiser, weilte lange an den Grenzen Germaniens; in Rom fiel das auf. Da erschien die Schrift des Tacitus. Sie wollte zeigen, wer diese gefährlichsten Feinde Roms seien, und daß der Kaiser gut daran tue, viel Zeit an die Sicherung der Grenze zu wenden und an nichts anderes; daß es insbesondere falsch sei, außer an den Schutz des Reiches noch an einen Angriff zu denken, den eine Kriegspartei erwog. Man darf annehmen, daß der Kaiser, dessen Hause Tacitus nahe stand, die Schrift billigte.Der Verfasser hat seinen Zweck freilich mit keinem Wort verraten. Dennoch spricht viel für diese Annahme des großen Müllenhoff. Tacitus schildert nur – und schildert als Künstler. Der Plan des Ganzen ist wie jede Einzelheit, jedes Wort bedacht. Land, Eigenart, Abstammung, Leben des Volkes, dann, vom Nächsten und Bekannten ausgehend und sich immer mehr in„romantische“Ferne verlierend, seine einzelnen Stämme und Landschaften, bis er im Märchen endet. Mit knappen, dunklen Worten, oft als Dichter, in rhythmischer Sprache, der manchmal fast Verse, einmal sogar (Kap. 39) ein rechter Hexameter, vielleicht wider Willen, gerät. Jeder Absatz ist durch das zugespitzte Ergebnis einer Betrachtung deutlich bezeichnet. Niemals siegen nüchterne Angaben über den beziehungsreichen Bildner des Werkes, über den Meister.Meister ist er auch als Mensch: ein Mann im altrömischen Sinn. Dabei verbittert und ergrimmt über seine feile, alle Freiheit erdrückende Zeit, unter einer besseren Regierung eben wieder aufatmend[pg 42]und von jener Sehnsucht erfüllt, die dazumal die Geister bewegt, der Sehnsucht nach einer neuen Welt der Einfachheit und Wahrheit. Vielleicht bringen sie die Germanen herauf: darum schildert er dieses kühne, furchtbare und lichte Volk fast wohlwollend, obwohl es Feinde und über kurz oder lang siegreiche Feinde sind. Denn das römische Reich, dem er angehört, steht vor dem Ende. Er aber, ein wissender Warner, will nicht unbemerkt dahingelebt haben.So lassen ihn auch seine anderen Werke, so die kargen Nachrichten von seinem Leben erkennen. Er wurde etwa 55 nach Christo geboren und in der rhetorisch-politischen Schulung des Zeitalters herangebildet. Dann war er Staatsmann unter den flavischen Kaisern und zuletzt noch Statthalter in Asien. Mit der Tochter des britannischen Statthalters Agricola verheiratet, hielt er sich während der Verfolgungen unter Domitian fern. Dann, unter Nerva und Trajan, stand er wieder in hohem Ansehen. Er scheint noch die ersten Jahre Hadrians erlebt zu haben.Als Schriftsteller begann er, wahrscheinlich erst nach Domitians Tode hervortretend, mit demDialogüber die Redekunst und ihren Verfall. Es folgte die Lebensbeschreibung seines SchwiegervatersAgricolaund, noch im gleichen Jahre 98, dieGermania. Dann dieHistorien, eine Geschichte seiner Zeit von Galba (67) bis zum Ende Domitians (96), und dieAnnalen, vom Tode des Augustus bis zum Ausgang des Nero. Die letzten beiden Werke sind nichts weniger als vollständig erhalten. In ihnen erst erschließt sich Tacitus ganz,„le plus grand peintre de l’antiquité“, wie ihn Racine nannte. Er hat immer nur auf Kenner und verwandte Naturen gewirkt, auf diese aber durch Jahrhunderte, und seine Zeit und Sendung ist noch lange nicht vorüber. Freilich muß man, nach einer Anmerkung Lichtenbergs,„sehr viel selbst mitbringen, um ihn zu verstehen“.* * *[pg 43]Die„Germania“wird 865 von Rudolf von Fulda zitiert. Dann bleibt sie lange verschollen. Im Auftrage des Papstes Nikolaus V. reist Enoche von Ascoli nach Frankreich und Deutschland, um alte Handschriften zu suchen, und bringt die„Germania“und den„Dialog“1455 nach Italien. (Die Handschrift, die beide Werke enthielt, ist wohl in einem deutschen Kloster gefunden worden.) Später kommen andere Handschriften hinzu. Der Titel der Schrift lautet einmal„De origine, situ, moribus ac populis Germanorum“, ein andermal„De origine et situ Germanorum“. 1469 schon wird die„Germania“gedruckt. Wichtig sind die alten Ausgaben von Beatus Rhenanus und Justus Lipsius, beide aus dem 16. Jahrhundert; die neuen von Jakob Grimm (1833), Moritz Haupt (1855), Karl Müllenhoff (Germania antiqua, 1873); ferner Baumstark (1876), Schweizer-Sidler, zuletzt aufgelegt in der Bearbeitung von Schwyzer (1912).Diese unsere Übersetzung ist nicht die Arbeit eines Philologen. Sie geht von dem Künstler Tacitus aus und sucht den Rhythmus seiner Sprache und den Gehalt seines Wesens für Deutsche wieder lebendig zu machen.Sie lehnt sich fast überall an den Text von Schweizer-Sidler an; die Deutung und namentlich die folgenden Erläuterungen beruhen (von anderen Quellen abgesehen) auf seinem Kommentar, auf Baumstark und vor allem auf der ausführlichen Erklärung der Germania, die Müllenhoff im 4. Band seiner Deutschen Altertumskunde bietet. Von den zahlreichen Übersetzungen wurden alle wichtigeren, soweit sie erreichbar waren, benutzt, insbesondere alle neuen und neu aufgelegten; von älteren namentlich die von Bötticher und Bacmeister.Den Herren Dr. Friedrich Löhr, Sekretär des Archäologischen Instituts in Wien, und Dr. Gustav Kafka, Privatdozenten an der Münchner Universität, schuldet der Übersetzer für freundliche Ratschläge besonderen Dank.

Was ist dieses Buch, gewöhnlich„Germania“genannt, das die Insel-Bücherei hiermit erneuert? Vielleicht eine Schilderung, vielleicht eine Schrift für den Tag und seinen Zweck; sicher ein Kunstwerk.

Eine Schilderung, und als solche das älteste Buch von den deutschen Landschaften und ihren Bewohnern, schon darum kostbar; aber auch, weil es so vieles weiß und bewahrt hat. Vor Tacitus haben wohl, und schon früh, Griechen und Römer über die Germanen berichtet. Pytheas aus Massilia kam im vierten vorchristlichen Jahrhundert auf einer Entdeckerfahrt bis zu der Insel„Thule“(Island?) und an die Küste der Nordsee; die Nachrichten des Poseidonios stehen an der Wende des zweiten zum ersten; Strabon behandelt Germanien in einem Buche seiner Geographie. Die ältesten römischen Quellen sind spärlich auf uns gekommen. Erst Cäsars Kriege in Gallien und seine Aufzeichnungen darüber bringen größere Klarheit; deutlich sondern sie, zum erstenmal, Germanen und Gallier. Was Tacitus bei Sallust und Livius (im 104. Buch seiner Römischen Geschichte) finden konnte, ist längst verloren; verloren auch ein Werk des Aufidius Bassus über die Germanenkriege und seine Fortsetzung durch den älteren Plinius. Erhalten aber des PliniusHistoria naturalis, die Geschichte des Velleius Paterculus und die Geographie des Pomponius Mela; auch die Reichskarte des Agrippa, soweit sie in der vom Mittelalter aufgezeichnetenTabula Peutingeriananachwirkt.

Was vor ihm geschrieben wurde, wird Tacitus gekannt haben. Soldaten, Händler, Beamte aus Germanien gaben ihm neue Kunde. So ist sein Buch der Wissenschaft unschätzbar geworden, zumal da es immer mehr durch fortgesetzte Forschungen und besonders[pg 41]Grabungen bestätigt wird. Aber auch jenseits von allem Wissen, auch dort, wo er irrt, ist uns Tacitus teuer als Mensch, als Mann, als Künstler. Und die Größe seines Geistes und seiner Erscheinung mag sein Werk sicherer durch die Jahrhunderte getragen haben als der bloße Inhalt.

Dennoch dankt man es wohl einem Bedürfnis des Tages. Es war im Jahre 98 nach Christi Geburt. Trajan, der neue Kaiser, weilte lange an den Grenzen Germaniens; in Rom fiel das auf. Da erschien die Schrift des Tacitus. Sie wollte zeigen, wer diese gefährlichsten Feinde Roms seien, und daß der Kaiser gut daran tue, viel Zeit an die Sicherung der Grenze zu wenden und an nichts anderes; daß es insbesondere falsch sei, außer an den Schutz des Reiches noch an einen Angriff zu denken, den eine Kriegspartei erwog. Man darf annehmen, daß der Kaiser, dessen Hause Tacitus nahe stand, die Schrift billigte.

Der Verfasser hat seinen Zweck freilich mit keinem Wort verraten. Dennoch spricht viel für diese Annahme des großen Müllenhoff. Tacitus schildert nur – und schildert als Künstler. Der Plan des Ganzen ist wie jede Einzelheit, jedes Wort bedacht. Land, Eigenart, Abstammung, Leben des Volkes, dann, vom Nächsten und Bekannten ausgehend und sich immer mehr in„romantische“Ferne verlierend, seine einzelnen Stämme und Landschaften, bis er im Märchen endet. Mit knappen, dunklen Worten, oft als Dichter, in rhythmischer Sprache, der manchmal fast Verse, einmal sogar (Kap. 39) ein rechter Hexameter, vielleicht wider Willen, gerät. Jeder Absatz ist durch das zugespitzte Ergebnis einer Betrachtung deutlich bezeichnet. Niemals siegen nüchterne Angaben über den beziehungsreichen Bildner des Werkes, über den Meister.

Meister ist er auch als Mensch: ein Mann im altrömischen Sinn. Dabei verbittert und ergrimmt über seine feile, alle Freiheit erdrückende Zeit, unter einer besseren Regierung eben wieder aufatmend[pg 42]und von jener Sehnsucht erfüllt, die dazumal die Geister bewegt, der Sehnsucht nach einer neuen Welt der Einfachheit und Wahrheit. Vielleicht bringen sie die Germanen herauf: darum schildert er dieses kühne, furchtbare und lichte Volk fast wohlwollend, obwohl es Feinde und über kurz oder lang siegreiche Feinde sind. Denn das römische Reich, dem er angehört, steht vor dem Ende. Er aber, ein wissender Warner, will nicht unbemerkt dahingelebt haben.

So lassen ihn auch seine anderen Werke, so die kargen Nachrichten von seinem Leben erkennen. Er wurde etwa 55 nach Christo geboren und in der rhetorisch-politischen Schulung des Zeitalters herangebildet. Dann war er Staatsmann unter den flavischen Kaisern und zuletzt noch Statthalter in Asien. Mit der Tochter des britannischen Statthalters Agricola verheiratet, hielt er sich während der Verfolgungen unter Domitian fern. Dann, unter Nerva und Trajan, stand er wieder in hohem Ansehen. Er scheint noch die ersten Jahre Hadrians erlebt zu haben.

Als Schriftsteller begann er, wahrscheinlich erst nach Domitians Tode hervortretend, mit demDialogüber die Redekunst und ihren Verfall. Es folgte die Lebensbeschreibung seines SchwiegervatersAgricolaund, noch im gleichen Jahre 98, dieGermania. Dann dieHistorien, eine Geschichte seiner Zeit von Galba (67) bis zum Ende Domitians (96), und dieAnnalen, vom Tode des Augustus bis zum Ausgang des Nero. Die letzten beiden Werke sind nichts weniger als vollständig erhalten. In ihnen erst erschließt sich Tacitus ganz,„le plus grand peintre de l’antiquité“, wie ihn Racine nannte. Er hat immer nur auf Kenner und verwandte Naturen gewirkt, auf diese aber durch Jahrhunderte, und seine Zeit und Sendung ist noch lange nicht vorüber. Freilich muß man, nach einer Anmerkung Lichtenbergs,„sehr viel selbst mitbringen, um ihn zu verstehen“.

* * *

Die„Germania“wird 865 von Rudolf von Fulda zitiert. Dann bleibt sie lange verschollen. Im Auftrage des Papstes Nikolaus V. reist Enoche von Ascoli nach Frankreich und Deutschland, um alte Handschriften zu suchen, und bringt die„Germania“und den„Dialog“1455 nach Italien. (Die Handschrift, die beide Werke enthielt, ist wohl in einem deutschen Kloster gefunden worden.) Später kommen andere Handschriften hinzu. Der Titel der Schrift lautet einmal„De origine, situ, moribus ac populis Germanorum“, ein andermal„De origine et situ Germanorum“. 1469 schon wird die„Germania“gedruckt. Wichtig sind die alten Ausgaben von Beatus Rhenanus und Justus Lipsius, beide aus dem 16. Jahrhundert; die neuen von Jakob Grimm (1833), Moritz Haupt (1855), Karl Müllenhoff (Germania antiqua, 1873); ferner Baumstark (1876), Schweizer-Sidler, zuletzt aufgelegt in der Bearbeitung von Schwyzer (1912).

Diese unsere Übersetzung ist nicht die Arbeit eines Philologen. Sie geht von dem Künstler Tacitus aus und sucht den Rhythmus seiner Sprache und den Gehalt seines Wesens für Deutsche wieder lebendig zu machen.

Sie lehnt sich fast überall an den Text von Schweizer-Sidler an; die Deutung und namentlich die folgenden Erläuterungen beruhen (von anderen Quellen abgesehen) auf seinem Kommentar, auf Baumstark und vor allem auf der ausführlichen Erklärung der Germania, die Müllenhoff im 4. Band seiner Deutschen Altertumskunde bietet. Von den zahlreichen Übersetzungen wurden alle wichtigeren, soweit sie erreichbar waren, benutzt, insbesondere alle neuen und neu aufgelegten; von älteren namentlich die von Bötticher und Bacmeister.

Den Herren Dr. Friedrich Löhr, Sekretär des Archäologischen Instituts in Wien, und Dr. Gustav Kafka, Privatdozenten an der Münchner Universität, schuldet der Übersetzer für freundliche Ratschläge besonderen Dank.

[pg 44]Erläuterungen1Die römische ProvinzRätienreicht nördlich bis zur Donau (Ries!), östlich zum Inn; von da bis zum Wienerwald Noricum, von Tacitus nicht genannt; weiter zwischen Donau und SavePannonien.Sarmaterin Osteuropa, etwa von der Weichsel an,Dakerin Siebenbürgen.Gebirgedie Karpathen.Ein Kriegszug: der des Tiberius im Jahre 5 n. Chr.?AbnobaSchwarzwald.2Der Beweis des ersten Absatzes ist wenig überzeugend.Asien,Afrika,Italiendie römischen Südprovinzen.Tuisto(Zwist!) ist zweigeschlechtig,MannusMann, Mensch, der erste Mensch. Die Namen derMarser(Merseburg) undGambrivierverschwinden bald; sind es, wieSuebenundVandilier(Ostgermanen), Kultverbände? DieTungrer(Tongern!) wurden Germanen genannt (von den Kelten? die Form ist keltisch:„Rufer im Streit“oder„Nachbarn“?); sie drohten, um ihr Ansehen zu heben, mit anderen„Germanen“über dem Rhein. Die Völker rechts des Rheins hätten sich dann wirklich so genannt (Müllenhoff).„Eine verzweifelte Stelle!“(Grimm.)3HerkuleswohlDonar;barditusist nicht genügend erklärt.Ulixes(Odysseus) der Schwanenritter?AsciburgiumAsberg bei Mörs im Rheinland.Griechische Schriftverwenden die Kelten.5Tacitus selbst erwähnt in den späteren Annalen, daß die Mattiaker (bei Wiesbaden) Silbergruben hatten. Ganz so harmlos gegen Gold und Silber waren auch die ältesten Zeiten der Germanen nicht (Tacitus an anderen Orten, die Sage!). Die erwähnten[pg 45]römischen Münzen, Silberdenare, wurden bis zum Jahre 54 v. Chr. geprägt; später hat sich der Feingehalt verschlechtert!6Die Germanen galoppieren rechts, weil sich beim Galopp links die linke, nicht vom Schild gedeckte Seite des Körpers dem Feinde zuwenden würde. Wirklich zeigen Gräberfunde den Sporn nur am linken Fuß (Schweizer-Sidler). DerKeilkehrt seine Spitze dem Gegner zu.7KönigeundFürstenhaben gleiche Befugnis, Fürst ist der König eines kleineren Gebietes. Der König wird aus dem Erbgeschlecht jedesmal gewählt. Königtum und Fürstenherrschaft gehen geradezu ineinander über. Im Osten sind Könige häufiger. Der König ist Heerführer. Nur bei der Vereinigung mehrerer Heere wird ein König zumduxgewählt (Müllenhoff).8Die Brüste entblößend: ihr Leib soll nicht fremden Siegern gehören.Veledazuletzt gefangen nach Rom gebracht.Machten...Göttinnenwie die römischen Senatoren, die so den Frauen der Kaiser schmeichelten.9Mercurius(besonders als Totenführer): Wotan (dies Mercurii=Wednesday). Mars: Tiu, Ziu (dies Martis=Tuesday).Herkules: Donar. Diese drei Götter nennt noch ein Taufgelöbnis des 8. Jahrh.Isis: vielleicht Freya? (Nerthus!) Die illyrischenLiburnerhatten leichte Schiffe.10Wilder Fruchtbaum: Eiche, Buche, Haselstrauch, Wacholder. Zeichen durch Pferde auch bei Persern und Slaven.[pg 46]11Nächtenoch jetzt Weihnacht, Fastnacht,Fortnight.In Waffennoch jetzt„Spießbürger“.Jeder: Müllenhoff folgert aus dem grammatischen Sinn, daß nurrex vel princepsreden durften, nicht jeder Teilnehmer. Aber jedesfallslicet accusareusw. (Kap. 12).12Am Körper Geschändete: widernatürliche Männer, aber wohl auch„entehrte“Frauen, für die sich Todesstrafe noch lange erhält. Dieses Versenken ist eine Weiberstrafe, daher besonders schimpflich.Frevel – Schandtat: das germanische Rechtsbewußtsein nimmt die offene, nicht verheimlichte Tat, ohne List, leichter hin.Die Fürsten bestimmtnämlich aus der Zahl der vorhandenen Fürsten.Recht sprechenist römische, nicht germanische Auffassung; nach dieser leitet der Fürst (später Gaugraf) nur die Volksverhandlung, derRatmacht den Urteilsvorschlag, derBeistandgibt das„Vollwort“: sie„finden“das Recht, der entsendete Richter tut nur den Spruch.15Brustschmuck(phalerae) ähnlich den Orden (oder wie Medaillons?).Geld: römische Kaiser (Caligula, Domitian) schließen um Geld mit den Germanen Frieden oder erkaufen Triumphe.16Vielleicht: in Wirklichkeit aus Unabhängigkeitssinn. Der Schlußsatz sucht die gewohnte Zuspitzung am Ende eines Abschnittes, wird aber gerade wortreich und gewöhnlich.17Kleiddie Unterkleidung, unter dem Rock, geht nach Baumstark unten (auch bei Frauen?) in Hosen aus. Bei Frauen, namentlich aber bei vornehmen, trotzdem Unterschiede in der Kleidung (vgl. die Germanin, sog. Thusnelda der Loggia dei Lanzi in Florenz): lang[pg 47]herabwallende Kleidung bis zu den Füßen. IhreKleidungläuft oben nicht in Ärmel aus wie in Rom. Die germanischen Männer wiederum hatten Ärmel, wenn auch kurze. Das Frauengewand wird nur an der Schulter zusammengehalten; der Armschlitz läßt die Brust zum Teil sichtbar werden.18Umworben werdenvon den Familien der Mädchen.Mitgift – Geschenke: Tacitus merkt nicht, daß er vom Brautkauf erzählt;Mitgiftist der Preis. Das Gegengeschenk der Braut (etwa ein Speer) ist das Zeichen für den Übergang der Gewalt vom Vater an den Ehemann. Alles dies vermengt Tacitus mit den Vorstellungen und Formeln derconfarreatio, der strengen altrömischen Ehe.19Schauspieldas römische Theater mit seinem mehr als eindeutigen Getriebe.20Anspielungen auf die Erziehung durch Sklaven in Rom und auf die Erbschleicherei bei Kinderlosen sind deutlich.22Eröffnet es noch: die Römer halten sich selbst da zurück. Überhaupt ist in diesem Kapitel fast jeder Satz ein Widerspiel römischer Sitten (Passow). Die Römer stehen früh auf, speisen lieber an einem gemeinsamen Tisch, dürfen in der Stadt nicht bewaffnet gehen und sollen nicht vor Abend trinken.23GetränkBier.Ufergrenzewohl nur des Rheins; die Sueben an der Donau dulden keinen Wein, weil die Händler als Gegenwert Sklaven fortschleppen.25Tacitus denkt hier nur an die„Hintersassen“; es gibt aber auch[pg 48]Haussklaven (Kap. 20). Im folgenden Anspielung auf das Treiben der Freigelassenen in Rom.26Besser verhütet: Müllenhoff und Baumstark können diesen Satz nur durch Flüchtigkeit erklären. Die folgende Schilderung der Anbauverhältnisse, von allen Seiten her erläutert, ist nach Müllenhoff übersetzt.Nicht in vier Zeiten: sondern in Winter und Sommer. So zählen sie auch, also nach halben Jahren. Doch istHerbstein altgermanisches Wort; nur brachte die Getreideernte bei den Germanen freilich schon der Sommer, Wein und edles Obst aber kannten sie nicht. Daher wohl der Irrtum des Textes.27Übergang vom allgemeinen zum besonderen Teil der Schrift.28Caesarwird als einziger Gewährsmann ausdrücklich genannt. Diese seine Behauptungen nimmt schon Tacitus nur mehr hin, heute sind sie als unrichtig erkannt. Die Kelten, die früher auch rechts vom Rhein saßen, wurden vielmehr von den Germanen überall zurückgedrängt.Herzynischer Walddas ganze deutsche Mittelgebirge, hier etwa Schwarzwald und Rauhe Alb.Helvetierbald darauf in der Nordschweiz,Bojerdamals in Böhmen (Beheim),Araviskerum Stuhlweißenburg,Osenin Oberungarn; diese beiden pannonische Stämme. Von den Osen ist esKap. 43ausdrücklich bezeugt; die WorteGermanorum nationekönnen nur auf den Wohnsitz gedeutet werden.Trevererum Trier, wahrscheinlich Gallier,Nervieran der Sambre,Vangionenum Worms,Tribokerbei Hagenau,Nemeterum Speyer,Ubier38 v. Chr. durch Agrippa ans linke Rheinufer verpflanzt; ihr Hauptort wird diecolonia Agrippinensis, der Geburtsort der Agrippa, Tochter des Germanicus und Gemahlin des Kaisers Claudius. Sie ist auch die Stifterin der Kolonie (Köln!).[pg 49]29Bataverim Rheindelta; die behauptete Auswanderung von den Chatten her wohl nicht richtig. Auch nach dem Aufstand des Civilis (69 und 70 n. Chr.) bleibt das Freundschaftsverhältnis zu den Römern.Mattiakerum Wiesbaden, dessen Quellen schon bekannt sind.Über die alten Grenzenendgültig durch den Bau des Grenzwalls (limes), der, von Domitian begonnen, in seiner Vollendung (3. Jahrh.) von der Donau bei Lorch oder Kehlheim über Odenwald und Taunus an den Rhein (Neuwied) ging; 550 km lang. Man hat schon tausend Wachttürme und hundert Kastelle (darunter die Saalburg) festgestellt. Er ist zuletzt eine förmliche Mauer.Zehntland(agri decumates, nur hier erwähnt) römisches Staatspachtland am mittleren Neckar.30Weiter hinausüber das Zehntland hin.Chatten= Hessen. Sie sind, außer den Friesen, nach Grimm„der einzige deutsche Volksschlag, der mit behauptetem alten Namen bis auf heute an derselben Stelle haftet, wo sie in der Geschichte zuerst erwähnt werden“. Ihnen widerfährt hier unter allen Stämmen das größte Lob.32Usipier(Usipeter) undTenkterer, immer gemeinsam genannt, vom Siebengebirge gegen Ruhr oder Lippe.33Bruktererzwischen Ems und Lippe (ihre Seherin Veleda!); später zurückgedrängt, aber keineswegs vernichtet. Die 60000 sind übertrieben. Alle diese Stämme gehen in den Franken auf, deren Hauptvolk später dieChamaverwerden, damals nördlich der Lippe bis zum Zuydersee.Angrivarier, an der Weser, später als Angern ein Hauptstamm der Altsachsen.[pg 50]34Im Rücken – vorn: die Völker mit dem Gesicht zur See.Dulgubinerin der Gegend von Hannover (?),Chasuarieran der Haase, Friesen zwischen Zuydersee und Ems, die Kleinfriesen zwischen Rhein und Yssel.Seenbesonders der Zuydersee, aber auch viele andere, da es an Deichen fehlt; so entstehen förmliche Inseln.Römische Flotten: Drusus Germanicus (12 v. Chr.) und sein Sohn Germanicus (14 und 15 n. Chr.). Auf eine andere, nicht recht zu bestimmende Unternehmung deutetKap. 1.Säulen des Herkuleswie bei Gibraltar (die Klippen von Helgoland?); hier ist der römische Herkules gemeint.Niemand versucht: nach Drusus Germanicus jedesfalls Tiberius (5 n. Chr.).35Zum Anfang dieses Kapitels: man denkt sich die kimbrische Halbinsel (Schleswig-Jütland) von der Elbemündung an stark ostwärts geneigt.Chaukenam Meer zwischen Ems und Elbe. Nach Müllenhoff sind es vielleicht überhaupt nur andere Friesen,„Chauken“ein Ehrenname. Im Bogen hätten sie die Chatten an der Weser treffen müssen, eine wahrscheinlich unrichtige Angabe. Plinius schildert die Chauken als armseliges Fischervolk, immer von Sturmfluten bedroht. Das auffallende Lob des Tacitus vielleicht beabsichtigter Gegensatz zum folgenden Kapitel.36Zur Seiteöstlich.Cheruskerin der Umgebung des Harzes, früher noch weiter nordwestlich, zwischen Weser und Elbe. Am bekanntesten durch ihren Kampf gegen die Römer: Vernichtung des Varus im Teutoburger Walde. Arminius, der„Befreier Germaniens“, besiegt auch Marbod, den König der Markomannen. Bald werden aber die Cherusker zurückgedrängt, innere Zwistigkeiten, Kämpfe mit den Chatten wüten, vom Frieden des Tacitus ist keine Rede.[pg 51]Ebenso scheint die Demütigung der Cherusker übertrieben. Nur ihr (hieratischer?) Name verschwindet. Sind es die späteren Sachsen?Fosenin der Wesergegend.37Kimbern: ein Rest also noch auf der kimbrischen Halbinsel. Auf ihrem großen Zuge stoßen die Kimbern 113 v. Chr. (641 [der varronianischen, 640 der catonianischen Ära] nach der Gründung der Stadt – Tacitus hält sich an die runde Zahl –) auf die Römer unter Papirius Carbo. 107 wird der Konsul L. Cassius mit seinem Heer vernichtet, 105 der Prokonsul Servilius Caepio und der Konsul Gnaeus Mallius. Das sind drei konsularische Heere; Aurelius Scaurus, gleichfalls geschlagen und getötet, hatte kein eigenes Heer, und Carbo erlitt nur eine geringe Niederlage. Das zweite Konsulat Trajans ist 98 n. Chr. Diese Stelle gilt als Beweis für die Abfassung der„Germania“im gleichen Jahre.Arsacesbegründet im 3. Jahrh. v. Chr. das große Partherreich, lange neben Rom die einzige östliche Großmacht; Crassus wird 53 v. Chr. von den Parthern getötet, Ventidius, ein Emporkömmling, rächt die Niederlage, indem er die Parther am Jahrestage dieser Schlacht 38 v. Chr. besiegt und ihren Prinzen Pacorus tötet.Selbst dem Caesar: Augustus.Neroist Tiberius.Rüstungen des C. Caesar: Caligula; er läßt seine germanische Leibwache Feind spielen und triumphiert (40 n. Chr.); später feiert auch Domitian einen höchst sonderbaren Triumph. In den Bürgerkriegen nach Neros Tod beginnt der Aufstand der Nordwestgermanen.38Nunmehreröffnet den zweiten Hauptteil: Tacitus rechnet alle folgenden, auch die nichtgermanischen Stämme zu den Sueben. Aber schon die Nerthusvölker gehören nicht mehr dazu; auch nicht die Ost- und Nordgermanen.Suebenwortgleich mit„Schwaben“.[pg 52]Stammeszeichen: der Knoten, ohne Band, an der rechten Schläfe über dem Ohr ist durch Bilder bezeugt, aber auch bei Nichtsueben; eher wären nach Baumstark im letzten Satz des43. KapitelsKennzeichen angegeben. Baumstark unterscheidet die Männer, die diese Knoten ohne Band tragen, von denen, die ihn über dem Scheitel (mit einem Band) flechten, und diese wieder von den„Vornehmen“.39Müllenhoff hält den NamenSemnonenfür hieratisch: ihr Wohnsitz, etwa im Spree- und Havelland, entspricht der von ihm behaupteten Urheimat der Germanen. Der besonders großartige Kultus ist denn auch der des Stammvaters Ziu, an dem die Sueben festhalten; ihre Stadt ist Ziesburg = Augsburg. Im 3. Jahrh. wandern die Semnonen als Alamannen (alle Mannen, ein Zusammenschluß!) an den rätischen Limes und erobern von da ab das jetzt noch alemannisch-schwäbische Gebiet. Der Versauguriis – sacramim Deutschen durch„Zeichen – weihten“wiedergegeben. Vgl. die allgemeine Einleitung!40Langobardenan der unteren Elbe; im 5. Jahrh. über Südmähren ins Alföld (ihr„Feld“) und weiter nach Pannonien und Italien (Lombardei). Die sieben Nerthusvölker: eine Kultgemeinschaft, in Schleswig-Holstein, vielleicht auch Mecklenburg; die Angeln gehen später nach England. Nicht genannt sind die Sachsen, damals in Holstein.Nerthusnicht etwa Hertha (eine falsche Bildung), sondern Freya; als Mutter Erde (magna mater Idaea) bezeichnet, weil auch diese auf einem Wagen gefahren wird und ein Priester Bild und Wagen reinigt.Inselsicher nicht Rügen, ebenso der See nicht der Herthasee, dessen Sage eine späte gelehrte Erfindung ist.Wenn man es glauben darf: also kein Götterbild (Kap. 9).[pg 53]41Wie noch zuvor: vom Zehntland bis zu den Chauken (Kap. 35), ja im wesentlichen sogar bis zu dieser Stelle folgt Tacitus der Südnordrichtung des Rheins; im folgenden der Westostrichtung der Donau.Hermundurenzwischen Harz und Erzgebirge, südwärts bis zum Main, vielleicht sogar zur Donau. Die gute Ausnahme bei den Römern deutet nicht gerade auf unmittelbare Nachbarschaft; Grenznachbarn des Reiches dürfen den Strom nur an bestimmten Stellen unter Aufsicht überschreiten.KolonieistAugusta Vindelicorum(Augsburg).Elbe: man dachte sich wohl die Moldau oder Eger oder thüringische Saale als Oberlauf der Elbe. So weit waren römische Heere gedrungen, aber seit der Niederlage des Varus kannte man die Elbe nur noch vom Hörensagen.42Varistenam Fichtelgebirge,Markomannenin der großen„Mark“zwischen Main und Donau, die nach dem Abzug der Helvetier entstanden war, ein suebisches Volk. Marbod führt sie nach Böhmen, wo schon vorher, vielleicht mit durch die Markomannen, die Bojer vertrieben worden waren. Er begründet ein mächtiges Reich, das bis zur Weichsel reicht, aber ein Krieg mit den Cheruskern zerstört es, und Marbod flüchtet zu den Römern. Später, unter Marc Aurel, der Jahre währende große Markomannenkrieg der Römer (Vorspiel der Völkerwanderung?). Im 6. Jahrh. wird Böhmen slavisch, die Markomannen sind nach Bayern gerückt. Hier ist der Stamm, vom Lech bis zur Enns, geblieben (Bayern und Deutschösterreicher).Quadenwahrscheinlich mit den Markomannen zusammen gewandert, gleichfalls Sueben, in Mähren und Oberungarn, Bundesgenossen der sarmatischen Jazygen, 407 mit den Vandalen nach Spanien.Stirnwehrgegen Rom.Tudruswahrscheinlich ein Quadenkönig.[pg 54]43Noch weiter ab: nördlich und östlich der Markomannen und Quaden, um das schlesische Gebirge.Eisen, das bei den Germanen so selten ist, verwenden die Kotiner nicht einmal, um sich von den Abgaben zu befreien.Gebirgeder östliche Teil des Herzynischen Waldes, besonders das Eschengebirge, slavisch Jesenik, Gesenke.Lugieroder Lygier die Südgruppe der Ostgermanen, wieder ein Kultverband (Vandilier,Kap. 2), der alle hier genannten Stämme und wohl auch die nicht genannten Burgunder umfaßt. Das Heiligtum liegt bei den Nahanarvalern (hieratischer Name, Müllenhoff). Die Lugier, von der Ostgrenze Böhmens bis zur Weichsel, heißen später Vandalen, eine Nebenform von„Vandilier“. Ihre Wanderung führt nach Gallien, Spanien, Nordafrika.In Frauentracht: nur der Haarschmuck oder wirklich Frauenkleidung? Das erste aus Hasdingi (dem Namen des Königsgeschlechtes und darnach des ganzen Volkes) abgeleitet,„Männer mit Frauenhaar“; das Königsgeschlecht aber nennt sich nach dem Brüderpaar„Kastor und Pollux“, einer alten indogermanischen Lichtgottheit, gleich den Dioskuren:„Alken“und„Hasdingi“soll zusammenhängen. Das Totenheer und die straffere Königsherrschaft leitet die Steigerung ein, die allmählich in das Reich des Märchens hinüberführt.Goten, das bedeutendste ostgermanische Volk, das Heldenvolk der Germanen, zwischen Weichsel und Pregel; später in Südrußland, wo sich in der Krim Reste bis ins 16. Jahrh. erhalten haben. Ihre Wanderung ist bekannt.RugierundLemovierdamals an der Ostsee zwischen Weichsel und Oder, die Rugier später an der österreichischen Donau.44In der Westostrichtung zur Ostsee, von der man damals keine rechte Vorstellung hatte.Suionensind Schweden, Skandinavien gilt als Insel. Schiffe, ähnlich den hier beschriebenen, noch heute[pg 55]bei den Norwegern als Scherenboote gebaut.Reichtum: Geldgier führt zur Entartung, und Entartete lassen sich einen unumschränkten Herrscher gefallen. Aber der schwedische König, der ein Stammesheiligtum verwaltet und dafür Opfersteuern einnimmt, hat in Wirklichkeit gar keine unbeschränkte Macht. Nur gebietet er Festfrieden, und dann sind alle Waffen verschlossen (Kap. 40). Vielleicht haben Südgermanen, die den Glanz dieser Feste sahen, das Mißverständnis verschuldet. Steigerung gegenüber der Königsmacht der Goten!45Jenseitsnördlich.Starr: Pytheas von Massilia berichtet, es gebe eineθάλασσα πεπηγυῖα, ein geronnenes Meer (im Mittelalter die Sage vom Lebermeer). Also Kunde vom Eismeer und von der Mitternachtssonne!Der Erdkreisist eine Scheibe, die Sonne am Rand so nahe, daß man ihre Rosse und die Strahlen um das Haupt des Sonnengottes wahrnimmt. Die aufgehende Sonne erklingt nach altem Glauben.„Tönend wird für Geistesohren schon der neue Tag geboren ... welch Getöse bringt das Licht!“(Faust).Nun denn: der Bericht geht wieder zu einer bekannten Gegend über. DierechteKüste ist nach der Westostrichtung die der Ostsee.Ästiersind die Litauer; erst später geht der Name auf die finnischen Esthen über. Das Folgende zeigt gerade, daß die Ästier keine Germanen sind; die Ähnlichkeit mit der britannischen Sprache wohl nur zufällig.Bernstein, ein uralter Schmuck, wird über die„Bernsteinwege“zu Land und zur See nach Südeuropa gebracht. Die Entstehung des Bernsteins nach Plinius; die Anschauung, daß von den Enden der Welt kostbare Schätze kommen, bei Herodot.glesum: Glas, das Glänzende.Landtiere: Martial nennt die Viper.Sitonenöstlich von den Suionen sind Finnen (Kvänen; Anklang an gotischesqêns, Weib,queen): daher der Bericht über die Frauenherrschaft. Höhe[pg 56]punkt der Steigerung: Goten, Suionen, Sitonen immer unbeschränkter regiert, immer märchenhafter bis zur Frauenherrschaft.46Peucinerein anderer Name für die Bastarner, das östlichste Germanenvolk (von der Weichsel durch Galizien hin zur Donaumündung), auch das zuerst, schon den Griechen, 200 v. Chr. an der unteren Donau bekannte.VeneterWenden, das germanische Wort für Slaven.Fennen: Finnen. Die Schilderung bezieht sich nur auf ihr Leben im Sommer. DieHellusiersollen„Hirschartige“, dieOxioner„Ochsenartige“sein, vielleicht nach den Tierfellen, die sie tragen; und daher wohl auch die Fabel.Illustration: Karte zu Tacitus’ GermaniaDruck der SpamerschenBuchdruckerei, Leipzig

1Die römische ProvinzRätienreicht nördlich bis zur Donau (Ries!), östlich zum Inn; von da bis zum Wienerwald Noricum, von Tacitus nicht genannt; weiter zwischen Donau und SavePannonien.Sarmaterin Osteuropa, etwa von der Weichsel an,Dakerin Siebenbürgen.Gebirgedie Karpathen.Ein Kriegszug: der des Tiberius im Jahre 5 n. Chr.?AbnobaSchwarzwald.

Die römische ProvinzRätienreicht nördlich bis zur Donau (Ries!), östlich zum Inn; von da bis zum Wienerwald Noricum, von Tacitus nicht genannt; weiter zwischen Donau und SavePannonien.Sarmaterin Osteuropa, etwa von der Weichsel an,Dakerin Siebenbürgen.Gebirgedie Karpathen.Ein Kriegszug: der des Tiberius im Jahre 5 n. Chr.?AbnobaSchwarzwald.

2Der Beweis des ersten Absatzes ist wenig überzeugend.Asien,Afrika,Italiendie römischen Südprovinzen.Tuisto(Zwist!) ist zweigeschlechtig,MannusMann, Mensch, der erste Mensch. Die Namen derMarser(Merseburg) undGambrivierverschwinden bald; sind es, wieSuebenundVandilier(Ostgermanen), Kultverbände? DieTungrer(Tongern!) wurden Germanen genannt (von den Kelten? die Form ist keltisch:„Rufer im Streit“oder„Nachbarn“?); sie drohten, um ihr Ansehen zu heben, mit anderen„Germanen“über dem Rhein. Die Völker rechts des Rheins hätten sich dann wirklich so genannt (Müllenhoff).„Eine verzweifelte Stelle!“(Grimm.)

Der Beweis des ersten Absatzes ist wenig überzeugend.Asien,Afrika,Italiendie römischen Südprovinzen.Tuisto(Zwist!) ist zweigeschlechtig,MannusMann, Mensch, der erste Mensch. Die Namen derMarser(Merseburg) undGambrivierverschwinden bald; sind es, wieSuebenundVandilier(Ostgermanen), Kultverbände? DieTungrer(Tongern!) wurden Germanen genannt (von den Kelten? die Form ist keltisch:„Rufer im Streit“oder„Nachbarn“?); sie drohten, um ihr Ansehen zu heben, mit anderen„Germanen“über dem Rhein. Die Völker rechts des Rheins hätten sich dann wirklich so genannt (Müllenhoff).„Eine verzweifelte Stelle!“(Grimm.)

3HerkuleswohlDonar;barditusist nicht genügend erklärt.Ulixes(Odysseus) der Schwanenritter?AsciburgiumAsberg bei Mörs im Rheinland.Griechische Schriftverwenden die Kelten.

HerkuleswohlDonar;barditusist nicht genügend erklärt.Ulixes(Odysseus) der Schwanenritter?AsciburgiumAsberg bei Mörs im Rheinland.Griechische Schriftverwenden die Kelten.

5Tacitus selbst erwähnt in den späteren Annalen, daß die Mattiaker (bei Wiesbaden) Silbergruben hatten. Ganz so harmlos gegen Gold und Silber waren auch die ältesten Zeiten der Germanen nicht (Tacitus an anderen Orten, die Sage!). Die erwähnten[pg 45]römischen Münzen, Silberdenare, wurden bis zum Jahre 54 v. Chr. geprägt; später hat sich der Feingehalt verschlechtert!

Tacitus selbst erwähnt in den späteren Annalen, daß die Mattiaker (bei Wiesbaden) Silbergruben hatten. Ganz so harmlos gegen Gold und Silber waren auch die ältesten Zeiten der Germanen nicht (Tacitus an anderen Orten, die Sage!). Die erwähnten[pg 45]römischen Münzen, Silberdenare, wurden bis zum Jahre 54 v. Chr. geprägt; später hat sich der Feingehalt verschlechtert!

6Die Germanen galoppieren rechts, weil sich beim Galopp links die linke, nicht vom Schild gedeckte Seite des Körpers dem Feinde zuwenden würde. Wirklich zeigen Gräberfunde den Sporn nur am linken Fuß (Schweizer-Sidler). DerKeilkehrt seine Spitze dem Gegner zu.

Die Germanen galoppieren rechts, weil sich beim Galopp links die linke, nicht vom Schild gedeckte Seite des Körpers dem Feinde zuwenden würde. Wirklich zeigen Gräberfunde den Sporn nur am linken Fuß (Schweizer-Sidler). DerKeilkehrt seine Spitze dem Gegner zu.

7KönigeundFürstenhaben gleiche Befugnis, Fürst ist der König eines kleineren Gebietes. Der König wird aus dem Erbgeschlecht jedesmal gewählt. Königtum und Fürstenherrschaft gehen geradezu ineinander über. Im Osten sind Könige häufiger. Der König ist Heerführer. Nur bei der Vereinigung mehrerer Heere wird ein König zumduxgewählt (Müllenhoff).

KönigeundFürstenhaben gleiche Befugnis, Fürst ist der König eines kleineren Gebietes. Der König wird aus dem Erbgeschlecht jedesmal gewählt. Königtum und Fürstenherrschaft gehen geradezu ineinander über. Im Osten sind Könige häufiger. Der König ist Heerführer. Nur bei der Vereinigung mehrerer Heere wird ein König zumduxgewählt (Müllenhoff).

8Die Brüste entblößend: ihr Leib soll nicht fremden Siegern gehören.Veledazuletzt gefangen nach Rom gebracht.Machten...Göttinnenwie die römischen Senatoren, die so den Frauen der Kaiser schmeichelten.

Die Brüste entblößend: ihr Leib soll nicht fremden Siegern gehören.Veledazuletzt gefangen nach Rom gebracht.Machten...Göttinnenwie die römischen Senatoren, die so den Frauen der Kaiser schmeichelten.

9Mercurius(besonders als Totenführer): Wotan (dies Mercurii=Wednesday). Mars: Tiu, Ziu (dies Martis=Tuesday).Herkules: Donar. Diese drei Götter nennt noch ein Taufgelöbnis des 8. Jahrh.Isis: vielleicht Freya? (Nerthus!) Die illyrischenLiburnerhatten leichte Schiffe.

Mercurius(besonders als Totenführer): Wotan (dies Mercurii=Wednesday). Mars: Tiu, Ziu (dies Martis=Tuesday).Herkules: Donar. Diese drei Götter nennt noch ein Taufgelöbnis des 8. Jahrh.Isis: vielleicht Freya? (Nerthus!) Die illyrischenLiburnerhatten leichte Schiffe.

10Wilder Fruchtbaum: Eiche, Buche, Haselstrauch, Wacholder. Zeichen durch Pferde auch bei Persern und Slaven.

Wilder Fruchtbaum: Eiche, Buche, Haselstrauch, Wacholder. Zeichen durch Pferde auch bei Persern und Slaven.

[pg 46]11Nächtenoch jetzt Weihnacht, Fastnacht,Fortnight.In Waffennoch jetzt„Spießbürger“.Jeder: Müllenhoff folgert aus dem grammatischen Sinn, daß nurrex vel princepsreden durften, nicht jeder Teilnehmer. Aber jedesfallslicet accusareusw. (Kap. 12).

Nächtenoch jetzt Weihnacht, Fastnacht,Fortnight.In Waffennoch jetzt„Spießbürger“.Jeder: Müllenhoff folgert aus dem grammatischen Sinn, daß nurrex vel princepsreden durften, nicht jeder Teilnehmer. Aber jedesfallslicet accusareusw. (Kap. 12).

12Am Körper Geschändete: widernatürliche Männer, aber wohl auch„entehrte“Frauen, für die sich Todesstrafe noch lange erhält. Dieses Versenken ist eine Weiberstrafe, daher besonders schimpflich.Frevel – Schandtat: das germanische Rechtsbewußtsein nimmt die offene, nicht verheimlichte Tat, ohne List, leichter hin.Die Fürsten bestimmtnämlich aus der Zahl der vorhandenen Fürsten.Recht sprechenist römische, nicht germanische Auffassung; nach dieser leitet der Fürst (später Gaugraf) nur die Volksverhandlung, derRatmacht den Urteilsvorschlag, derBeistandgibt das„Vollwort“: sie„finden“das Recht, der entsendete Richter tut nur den Spruch.

Am Körper Geschändete: widernatürliche Männer, aber wohl auch„entehrte“Frauen, für die sich Todesstrafe noch lange erhält. Dieses Versenken ist eine Weiberstrafe, daher besonders schimpflich.Frevel – Schandtat: das germanische Rechtsbewußtsein nimmt die offene, nicht verheimlichte Tat, ohne List, leichter hin.Die Fürsten bestimmtnämlich aus der Zahl der vorhandenen Fürsten.Recht sprechenist römische, nicht germanische Auffassung; nach dieser leitet der Fürst (später Gaugraf) nur die Volksverhandlung, derRatmacht den Urteilsvorschlag, derBeistandgibt das„Vollwort“: sie„finden“das Recht, der entsendete Richter tut nur den Spruch.

15Brustschmuck(phalerae) ähnlich den Orden (oder wie Medaillons?).Geld: römische Kaiser (Caligula, Domitian) schließen um Geld mit den Germanen Frieden oder erkaufen Triumphe.

Brustschmuck(phalerae) ähnlich den Orden (oder wie Medaillons?).Geld: römische Kaiser (Caligula, Domitian) schließen um Geld mit den Germanen Frieden oder erkaufen Triumphe.

16Vielleicht: in Wirklichkeit aus Unabhängigkeitssinn. Der Schlußsatz sucht die gewohnte Zuspitzung am Ende eines Abschnittes, wird aber gerade wortreich und gewöhnlich.

Vielleicht: in Wirklichkeit aus Unabhängigkeitssinn. Der Schlußsatz sucht die gewohnte Zuspitzung am Ende eines Abschnittes, wird aber gerade wortreich und gewöhnlich.

17Kleiddie Unterkleidung, unter dem Rock, geht nach Baumstark unten (auch bei Frauen?) in Hosen aus. Bei Frauen, namentlich aber bei vornehmen, trotzdem Unterschiede in der Kleidung (vgl. die Germanin, sog. Thusnelda der Loggia dei Lanzi in Florenz): lang[pg 47]herabwallende Kleidung bis zu den Füßen. IhreKleidungläuft oben nicht in Ärmel aus wie in Rom. Die germanischen Männer wiederum hatten Ärmel, wenn auch kurze. Das Frauengewand wird nur an der Schulter zusammengehalten; der Armschlitz läßt die Brust zum Teil sichtbar werden.

Kleiddie Unterkleidung, unter dem Rock, geht nach Baumstark unten (auch bei Frauen?) in Hosen aus. Bei Frauen, namentlich aber bei vornehmen, trotzdem Unterschiede in der Kleidung (vgl. die Germanin, sog. Thusnelda der Loggia dei Lanzi in Florenz): lang[pg 47]herabwallende Kleidung bis zu den Füßen. IhreKleidungläuft oben nicht in Ärmel aus wie in Rom. Die germanischen Männer wiederum hatten Ärmel, wenn auch kurze. Das Frauengewand wird nur an der Schulter zusammengehalten; der Armschlitz läßt die Brust zum Teil sichtbar werden.

18Umworben werdenvon den Familien der Mädchen.Mitgift – Geschenke: Tacitus merkt nicht, daß er vom Brautkauf erzählt;Mitgiftist der Preis. Das Gegengeschenk der Braut (etwa ein Speer) ist das Zeichen für den Übergang der Gewalt vom Vater an den Ehemann. Alles dies vermengt Tacitus mit den Vorstellungen und Formeln derconfarreatio, der strengen altrömischen Ehe.

Umworben werdenvon den Familien der Mädchen.Mitgift – Geschenke: Tacitus merkt nicht, daß er vom Brautkauf erzählt;Mitgiftist der Preis. Das Gegengeschenk der Braut (etwa ein Speer) ist das Zeichen für den Übergang der Gewalt vom Vater an den Ehemann. Alles dies vermengt Tacitus mit den Vorstellungen und Formeln derconfarreatio, der strengen altrömischen Ehe.

19Schauspieldas römische Theater mit seinem mehr als eindeutigen Getriebe.

Schauspieldas römische Theater mit seinem mehr als eindeutigen Getriebe.

20Anspielungen auf die Erziehung durch Sklaven in Rom und auf die Erbschleicherei bei Kinderlosen sind deutlich.

Anspielungen auf die Erziehung durch Sklaven in Rom und auf die Erbschleicherei bei Kinderlosen sind deutlich.

22Eröffnet es noch: die Römer halten sich selbst da zurück. Überhaupt ist in diesem Kapitel fast jeder Satz ein Widerspiel römischer Sitten (Passow). Die Römer stehen früh auf, speisen lieber an einem gemeinsamen Tisch, dürfen in der Stadt nicht bewaffnet gehen und sollen nicht vor Abend trinken.

Eröffnet es noch: die Römer halten sich selbst da zurück. Überhaupt ist in diesem Kapitel fast jeder Satz ein Widerspiel römischer Sitten (Passow). Die Römer stehen früh auf, speisen lieber an einem gemeinsamen Tisch, dürfen in der Stadt nicht bewaffnet gehen und sollen nicht vor Abend trinken.

23GetränkBier.Ufergrenzewohl nur des Rheins; die Sueben an der Donau dulden keinen Wein, weil die Händler als Gegenwert Sklaven fortschleppen.

GetränkBier.Ufergrenzewohl nur des Rheins; die Sueben an der Donau dulden keinen Wein, weil die Händler als Gegenwert Sklaven fortschleppen.

25Tacitus denkt hier nur an die„Hintersassen“; es gibt aber auch[pg 48]Haussklaven (Kap. 20). Im folgenden Anspielung auf das Treiben der Freigelassenen in Rom.

Tacitus denkt hier nur an die„Hintersassen“; es gibt aber auch[pg 48]Haussklaven (Kap. 20). Im folgenden Anspielung auf das Treiben der Freigelassenen in Rom.

26Besser verhütet: Müllenhoff und Baumstark können diesen Satz nur durch Flüchtigkeit erklären. Die folgende Schilderung der Anbauverhältnisse, von allen Seiten her erläutert, ist nach Müllenhoff übersetzt.Nicht in vier Zeiten: sondern in Winter und Sommer. So zählen sie auch, also nach halben Jahren. Doch istHerbstein altgermanisches Wort; nur brachte die Getreideernte bei den Germanen freilich schon der Sommer, Wein und edles Obst aber kannten sie nicht. Daher wohl der Irrtum des Textes.

Besser verhütet: Müllenhoff und Baumstark können diesen Satz nur durch Flüchtigkeit erklären. Die folgende Schilderung der Anbauverhältnisse, von allen Seiten her erläutert, ist nach Müllenhoff übersetzt.Nicht in vier Zeiten: sondern in Winter und Sommer. So zählen sie auch, also nach halben Jahren. Doch istHerbstein altgermanisches Wort; nur brachte die Getreideernte bei den Germanen freilich schon der Sommer, Wein und edles Obst aber kannten sie nicht. Daher wohl der Irrtum des Textes.

27Übergang vom allgemeinen zum besonderen Teil der Schrift.

Übergang vom allgemeinen zum besonderen Teil der Schrift.

28Caesarwird als einziger Gewährsmann ausdrücklich genannt. Diese seine Behauptungen nimmt schon Tacitus nur mehr hin, heute sind sie als unrichtig erkannt. Die Kelten, die früher auch rechts vom Rhein saßen, wurden vielmehr von den Germanen überall zurückgedrängt.Herzynischer Walddas ganze deutsche Mittelgebirge, hier etwa Schwarzwald und Rauhe Alb.Helvetierbald darauf in der Nordschweiz,Bojerdamals in Böhmen (Beheim),Araviskerum Stuhlweißenburg,Osenin Oberungarn; diese beiden pannonische Stämme. Von den Osen ist esKap. 43ausdrücklich bezeugt; die WorteGermanorum nationekönnen nur auf den Wohnsitz gedeutet werden.Trevererum Trier, wahrscheinlich Gallier,Nervieran der Sambre,Vangionenum Worms,Tribokerbei Hagenau,Nemeterum Speyer,Ubier38 v. Chr. durch Agrippa ans linke Rheinufer verpflanzt; ihr Hauptort wird diecolonia Agrippinensis, der Geburtsort der Agrippa, Tochter des Germanicus und Gemahlin des Kaisers Claudius. Sie ist auch die Stifterin der Kolonie (Köln!).

Caesarwird als einziger Gewährsmann ausdrücklich genannt. Diese seine Behauptungen nimmt schon Tacitus nur mehr hin, heute sind sie als unrichtig erkannt. Die Kelten, die früher auch rechts vom Rhein saßen, wurden vielmehr von den Germanen überall zurückgedrängt.Herzynischer Walddas ganze deutsche Mittelgebirge, hier etwa Schwarzwald und Rauhe Alb.Helvetierbald darauf in der Nordschweiz,Bojerdamals in Böhmen (Beheim),Araviskerum Stuhlweißenburg,Osenin Oberungarn; diese beiden pannonische Stämme. Von den Osen ist esKap. 43ausdrücklich bezeugt; die WorteGermanorum nationekönnen nur auf den Wohnsitz gedeutet werden.Trevererum Trier, wahrscheinlich Gallier,Nervieran der Sambre,Vangionenum Worms,Tribokerbei Hagenau,Nemeterum Speyer,Ubier38 v. Chr. durch Agrippa ans linke Rheinufer verpflanzt; ihr Hauptort wird diecolonia Agrippinensis, der Geburtsort der Agrippa, Tochter des Germanicus und Gemahlin des Kaisers Claudius. Sie ist auch die Stifterin der Kolonie (Köln!).

[pg 49]29Bataverim Rheindelta; die behauptete Auswanderung von den Chatten her wohl nicht richtig. Auch nach dem Aufstand des Civilis (69 und 70 n. Chr.) bleibt das Freundschaftsverhältnis zu den Römern.Mattiakerum Wiesbaden, dessen Quellen schon bekannt sind.Über die alten Grenzenendgültig durch den Bau des Grenzwalls (limes), der, von Domitian begonnen, in seiner Vollendung (3. Jahrh.) von der Donau bei Lorch oder Kehlheim über Odenwald und Taunus an den Rhein (Neuwied) ging; 550 km lang. Man hat schon tausend Wachttürme und hundert Kastelle (darunter die Saalburg) festgestellt. Er ist zuletzt eine förmliche Mauer.Zehntland(agri decumates, nur hier erwähnt) römisches Staatspachtland am mittleren Neckar.

Bataverim Rheindelta; die behauptete Auswanderung von den Chatten her wohl nicht richtig. Auch nach dem Aufstand des Civilis (69 und 70 n. Chr.) bleibt das Freundschaftsverhältnis zu den Römern.Mattiakerum Wiesbaden, dessen Quellen schon bekannt sind.Über die alten Grenzenendgültig durch den Bau des Grenzwalls (limes), der, von Domitian begonnen, in seiner Vollendung (3. Jahrh.) von der Donau bei Lorch oder Kehlheim über Odenwald und Taunus an den Rhein (Neuwied) ging; 550 km lang. Man hat schon tausend Wachttürme und hundert Kastelle (darunter die Saalburg) festgestellt. Er ist zuletzt eine förmliche Mauer.Zehntland(agri decumates, nur hier erwähnt) römisches Staatspachtland am mittleren Neckar.

30Weiter hinausüber das Zehntland hin.Chatten= Hessen. Sie sind, außer den Friesen, nach Grimm„der einzige deutsche Volksschlag, der mit behauptetem alten Namen bis auf heute an derselben Stelle haftet, wo sie in der Geschichte zuerst erwähnt werden“. Ihnen widerfährt hier unter allen Stämmen das größte Lob.

Weiter hinausüber das Zehntland hin.Chatten= Hessen. Sie sind, außer den Friesen, nach Grimm„der einzige deutsche Volksschlag, der mit behauptetem alten Namen bis auf heute an derselben Stelle haftet, wo sie in der Geschichte zuerst erwähnt werden“. Ihnen widerfährt hier unter allen Stämmen das größte Lob.

32Usipier(Usipeter) undTenkterer, immer gemeinsam genannt, vom Siebengebirge gegen Ruhr oder Lippe.

Usipier(Usipeter) undTenkterer, immer gemeinsam genannt, vom Siebengebirge gegen Ruhr oder Lippe.

33Bruktererzwischen Ems und Lippe (ihre Seherin Veleda!); später zurückgedrängt, aber keineswegs vernichtet. Die 60000 sind übertrieben. Alle diese Stämme gehen in den Franken auf, deren Hauptvolk später dieChamaverwerden, damals nördlich der Lippe bis zum Zuydersee.Angrivarier, an der Weser, später als Angern ein Hauptstamm der Altsachsen.

Bruktererzwischen Ems und Lippe (ihre Seherin Veleda!); später zurückgedrängt, aber keineswegs vernichtet. Die 60000 sind übertrieben. Alle diese Stämme gehen in den Franken auf, deren Hauptvolk später dieChamaverwerden, damals nördlich der Lippe bis zum Zuydersee.Angrivarier, an der Weser, später als Angern ein Hauptstamm der Altsachsen.

[pg 50]34Im Rücken – vorn: die Völker mit dem Gesicht zur See.Dulgubinerin der Gegend von Hannover (?),Chasuarieran der Haase, Friesen zwischen Zuydersee und Ems, die Kleinfriesen zwischen Rhein und Yssel.Seenbesonders der Zuydersee, aber auch viele andere, da es an Deichen fehlt; so entstehen förmliche Inseln.Römische Flotten: Drusus Germanicus (12 v. Chr.) und sein Sohn Germanicus (14 und 15 n. Chr.). Auf eine andere, nicht recht zu bestimmende Unternehmung deutetKap. 1.Säulen des Herkuleswie bei Gibraltar (die Klippen von Helgoland?); hier ist der römische Herkules gemeint.Niemand versucht: nach Drusus Germanicus jedesfalls Tiberius (5 n. Chr.).

Im Rücken – vorn: die Völker mit dem Gesicht zur See.Dulgubinerin der Gegend von Hannover (?),Chasuarieran der Haase, Friesen zwischen Zuydersee und Ems, die Kleinfriesen zwischen Rhein und Yssel.Seenbesonders der Zuydersee, aber auch viele andere, da es an Deichen fehlt; so entstehen förmliche Inseln.Römische Flotten: Drusus Germanicus (12 v. Chr.) und sein Sohn Germanicus (14 und 15 n. Chr.). Auf eine andere, nicht recht zu bestimmende Unternehmung deutetKap. 1.Säulen des Herkuleswie bei Gibraltar (die Klippen von Helgoland?); hier ist der römische Herkules gemeint.Niemand versucht: nach Drusus Germanicus jedesfalls Tiberius (5 n. Chr.).

35Zum Anfang dieses Kapitels: man denkt sich die kimbrische Halbinsel (Schleswig-Jütland) von der Elbemündung an stark ostwärts geneigt.Chaukenam Meer zwischen Ems und Elbe. Nach Müllenhoff sind es vielleicht überhaupt nur andere Friesen,„Chauken“ein Ehrenname. Im Bogen hätten sie die Chatten an der Weser treffen müssen, eine wahrscheinlich unrichtige Angabe. Plinius schildert die Chauken als armseliges Fischervolk, immer von Sturmfluten bedroht. Das auffallende Lob des Tacitus vielleicht beabsichtigter Gegensatz zum folgenden Kapitel.

Zum Anfang dieses Kapitels: man denkt sich die kimbrische Halbinsel (Schleswig-Jütland) von der Elbemündung an stark ostwärts geneigt.Chaukenam Meer zwischen Ems und Elbe. Nach Müllenhoff sind es vielleicht überhaupt nur andere Friesen,„Chauken“ein Ehrenname. Im Bogen hätten sie die Chatten an der Weser treffen müssen, eine wahrscheinlich unrichtige Angabe. Plinius schildert die Chauken als armseliges Fischervolk, immer von Sturmfluten bedroht. Das auffallende Lob des Tacitus vielleicht beabsichtigter Gegensatz zum folgenden Kapitel.

36Zur Seiteöstlich.Cheruskerin der Umgebung des Harzes, früher noch weiter nordwestlich, zwischen Weser und Elbe. Am bekanntesten durch ihren Kampf gegen die Römer: Vernichtung des Varus im Teutoburger Walde. Arminius, der„Befreier Germaniens“, besiegt auch Marbod, den König der Markomannen. Bald werden aber die Cherusker zurückgedrängt, innere Zwistigkeiten, Kämpfe mit den Chatten wüten, vom Frieden des Tacitus ist keine Rede.[pg 51]Ebenso scheint die Demütigung der Cherusker übertrieben. Nur ihr (hieratischer?) Name verschwindet. Sind es die späteren Sachsen?Fosenin der Wesergegend.

Zur Seiteöstlich.Cheruskerin der Umgebung des Harzes, früher noch weiter nordwestlich, zwischen Weser und Elbe. Am bekanntesten durch ihren Kampf gegen die Römer: Vernichtung des Varus im Teutoburger Walde. Arminius, der„Befreier Germaniens“, besiegt auch Marbod, den König der Markomannen. Bald werden aber die Cherusker zurückgedrängt, innere Zwistigkeiten, Kämpfe mit den Chatten wüten, vom Frieden des Tacitus ist keine Rede.[pg 51]Ebenso scheint die Demütigung der Cherusker übertrieben. Nur ihr (hieratischer?) Name verschwindet. Sind es die späteren Sachsen?Fosenin der Wesergegend.

37Kimbern: ein Rest also noch auf der kimbrischen Halbinsel. Auf ihrem großen Zuge stoßen die Kimbern 113 v. Chr. (641 [der varronianischen, 640 der catonianischen Ära] nach der Gründung der Stadt – Tacitus hält sich an die runde Zahl –) auf die Römer unter Papirius Carbo. 107 wird der Konsul L. Cassius mit seinem Heer vernichtet, 105 der Prokonsul Servilius Caepio und der Konsul Gnaeus Mallius. Das sind drei konsularische Heere; Aurelius Scaurus, gleichfalls geschlagen und getötet, hatte kein eigenes Heer, und Carbo erlitt nur eine geringe Niederlage. Das zweite Konsulat Trajans ist 98 n. Chr. Diese Stelle gilt als Beweis für die Abfassung der„Germania“im gleichen Jahre.Arsacesbegründet im 3. Jahrh. v. Chr. das große Partherreich, lange neben Rom die einzige östliche Großmacht; Crassus wird 53 v. Chr. von den Parthern getötet, Ventidius, ein Emporkömmling, rächt die Niederlage, indem er die Parther am Jahrestage dieser Schlacht 38 v. Chr. besiegt und ihren Prinzen Pacorus tötet.Selbst dem Caesar: Augustus.Neroist Tiberius.Rüstungen des C. Caesar: Caligula; er läßt seine germanische Leibwache Feind spielen und triumphiert (40 n. Chr.); später feiert auch Domitian einen höchst sonderbaren Triumph. In den Bürgerkriegen nach Neros Tod beginnt der Aufstand der Nordwestgermanen.

Kimbern: ein Rest also noch auf der kimbrischen Halbinsel. Auf ihrem großen Zuge stoßen die Kimbern 113 v. Chr. (641 [der varronianischen, 640 der catonianischen Ära] nach der Gründung der Stadt – Tacitus hält sich an die runde Zahl –) auf die Römer unter Papirius Carbo. 107 wird der Konsul L. Cassius mit seinem Heer vernichtet, 105 der Prokonsul Servilius Caepio und der Konsul Gnaeus Mallius. Das sind drei konsularische Heere; Aurelius Scaurus, gleichfalls geschlagen und getötet, hatte kein eigenes Heer, und Carbo erlitt nur eine geringe Niederlage. Das zweite Konsulat Trajans ist 98 n. Chr. Diese Stelle gilt als Beweis für die Abfassung der„Germania“im gleichen Jahre.Arsacesbegründet im 3. Jahrh. v. Chr. das große Partherreich, lange neben Rom die einzige östliche Großmacht; Crassus wird 53 v. Chr. von den Parthern getötet, Ventidius, ein Emporkömmling, rächt die Niederlage, indem er die Parther am Jahrestage dieser Schlacht 38 v. Chr. besiegt und ihren Prinzen Pacorus tötet.Selbst dem Caesar: Augustus.Neroist Tiberius.Rüstungen des C. Caesar: Caligula; er läßt seine germanische Leibwache Feind spielen und triumphiert (40 n. Chr.); später feiert auch Domitian einen höchst sonderbaren Triumph. In den Bürgerkriegen nach Neros Tod beginnt der Aufstand der Nordwestgermanen.

38Nunmehreröffnet den zweiten Hauptteil: Tacitus rechnet alle folgenden, auch die nichtgermanischen Stämme zu den Sueben. Aber schon die Nerthusvölker gehören nicht mehr dazu; auch nicht die Ost- und Nordgermanen.Suebenwortgleich mit„Schwaben“.[pg 52]Stammeszeichen: der Knoten, ohne Band, an der rechten Schläfe über dem Ohr ist durch Bilder bezeugt, aber auch bei Nichtsueben; eher wären nach Baumstark im letzten Satz des43. KapitelsKennzeichen angegeben. Baumstark unterscheidet die Männer, die diese Knoten ohne Band tragen, von denen, die ihn über dem Scheitel (mit einem Band) flechten, und diese wieder von den„Vornehmen“.

Nunmehreröffnet den zweiten Hauptteil: Tacitus rechnet alle folgenden, auch die nichtgermanischen Stämme zu den Sueben. Aber schon die Nerthusvölker gehören nicht mehr dazu; auch nicht die Ost- und Nordgermanen.Suebenwortgleich mit„Schwaben“.[pg 52]Stammeszeichen: der Knoten, ohne Band, an der rechten Schläfe über dem Ohr ist durch Bilder bezeugt, aber auch bei Nichtsueben; eher wären nach Baumstark im letzten Satz des43. KapitelsKennzeichen angegeben. Baumstark unterscheidet die Männer, die diese Knoten ohne Band tragen, von denen, die ihn über dem Scheitel (mit einem Band) flechten, und diese wieder von den„Vornehmen“.

39Müllenhoff hält den NamenSemnonenfür hieratisch: ihr Wohnsitz, etwa im Spree- und Havelland, entspricht der von ihm behaupteten Urheimat der Germanen. Der besonders großartige Kultus ist denn auch der des Stammvaters Ziu, an dem die Sueben festhalten; ihre Stadt ist Ziesburg = Augsburg. Im 3. Jahrh. wandern die Semnonen als Alamannen (alle Mannen, ein Zusammenschluß!) an den rätischen Limes und erobern von da ab das jetzt noch alemannisch-schwäbische Gebiet. Der Versauguriis – sacramim Deutschen durch„Zeichen – weihten“wiedergegeben. Vgl. die allgemeine Einleitung!

Müllenhoff hält den NamenSemnonenfür hieratisch: ihr Wohnsitz, etwa im Spree- und Havelland, entspricht der von ihm behaupteten Urheimat der Germanen. Der besonders großartige Kultus ist denn auch der des Stammvaters Ziu, an dem die Sueben festhalten; ihre Stadt ist Ziesburg = Augsburg. Im 3. Jahrh. wandern die Semnonen als Alamannen (alle Mannen, ein Zusammenschluß!) an den rätischen Limes und erobern von da ab das jetzt noch alemannisch-schwäbische Gebiet. Der Versauguriis – sacramim Deutschen durch„Zeichen – weihten“wiedergegeben. Vgl. die allgemeine Einleitung!

40Langobardenan der unteren Elbe; im 5. Jahrh. über Südmähren ins Alföld (ihr„Feld“) und weiter nach Pannonien und Italien (Lombardei). Die sieben Nerthusvölker: eine Kultgemeinschaft, in Schleswig-Holstein, vielleicht auch Mecklenburg; die Angeln gehen später nach England. Nicht genannt sind die Sachsen, damals in Holstein.Nerthusnicht etwa Hertha (eine falsche Bildung), sondern Freya; als Mutter Erde (magna mater Idaea) bezeichnet, weil auch diese auf einem Wagen gefahren wird und ein Priester Bild und Wagen reinigt.Inselsicher nicht Rügen, ebenso der See nicht der Herthasee, dessen Sage eine späte gelehrte Erfindung ist.Wenn man es glauben darf: also kein Götterbild (Kap. 9).

Langobardenan der unteren Elbe; im 5. Jahrh. über Südmähren ins Alföld (ihr„Feld“) und weiter nach Pannonien und Italien (Lombardei). Die sieben Nerthusvölker: eine Kultgemeinschaft, in Schleswig-Holstein, vielleicht auch Mecklenburg; die Angeln gehen später nach England. Nicht genannt sind die Sachsen, damals in Holstein.Nerthusnicht etwa Hertha (eine falsche Bildung), sondern Freya; als Mutter Erde (magna mater Idaea) bezeichnet, weil auch diese auf einem Wagen gefahren wird und ein Priester Bild und Wagen reinigt.Inselsicher nicht Rügen, ebenso der See nicht der Herthasee, dessen Sage eine späte gelehrte Erfindung ist.Wenn man es glauben darf: also kein Götterbild (Kap. 9).

[pg 53]41Wie noch zuvor: vom Zehntland bis zu den Chauken (Kap. 35), ja im wesentlichen sogar bis zu dieser Stelle folgt Tacitus der Südnordrichtung des Rheins; im folgenden der Westostrichtung der Donau.Hermundurenzwischen Harz und Erzgebirge, südwärts bis zum Main, vielleicht sogar zur Donau. Die gute Ausnahme bei den Römern deutet nicht gerade auf unmittelbare Nachbarschaft; Grenznachbarn des Reiches dürfen den Strom nur an bestimmten Stellen unter Aufsicht überschreiten.KolonieistAugusta Vindelicorum(Augsburg).Elbe: man dachte sich wohl die Moldau oder Eger oder thüringische Saale als Oberlauf der Elbe. So weit waren römische Heere gedrungen, aber seit der Niederlage des Varus kannte man die Elbe nur noch vom Hörensagen.

Wie noch zuvor: vom Zehntland bis zu den Chauken (Kap. 35), ja im wesentlichen sogar bis zu dieser Stelle folgt Tacitus der Südnordrichtung des Rheins; im folgenden der Westostrichtung der Donau.Hermundurenzwischen Harz und Erzgebirge, südwärts bis zum Main, vielleicht sogar zur Donau. Die gute Ausnahme bei den Römern deutet nicht gerade auf unmittelbare Nachbarschaft; Grenznachbarn des Reiches dürfen den Strom nur an bestimmten Stellen unter Aufsicht überschreiten.KolonieistAugusta Vindelicorum(Augsburg).Elbe: man dachte sich wohl die Moldau oder Eger oder thüringische Saale als Oberlauf der Elbe. So weit waren römische Heere gedrungen, aber seit der Niederlage des Varus kannte man die Elbe nur noch vom Hörensagen.

42Varistenam Fichtelgebirge,Markomannenin der großen„Mark“zwischen Main und Donau, die nach dem Abzug der Helvetier entstanden war, ein suebisches Volk. Marbod führt sie nach Böhmen, wo schon vorher, vielleicht mit durch die Markomannen, die Bojer vertrieben worden waren. Er begründet ein mächtiges Reich, das bis zur Weichsel reicht, aber ein Krieg mit den Cheruskern zerstört es, und Marbod flüchtet zu den Römern. Später, unter Marc Aurel, der Jahre währende große Markomannenkrieg der Römer (Vorspiel der Völkerwanderung?). Im 6. Jahrh. wird Böhmen slavisch, die Markomannen sind nach Bayern gerückt. Hier ist der Stamm, vom Lech bis zur Enns, geblieben (Bayern und Deutschösterreicher).Quadenwahrscheinlich mit den Markomannen zusammen gewandert, gleichfalls Sueben, in Mähren und Oberungarn, Bundesgenossen der sarmatischen Jazygen, 407 mit den Vandalen nach Spanien.Stirnwehrgegen Rom.Tudruswahrscheinlich ein Quadenkönig.

Varistenam Fichtelgebirge,Markomannenin der großen„Mark“zwischen Main und Donau, die nach dem Abzug der Helvetier entstanden war, ein suebisches Volk. Marbod führt sie nach Böhmen, wo schon vorher, vielleicht mit durch die Markomannen, die Bojer vertrieben worden waren. Er begründet ein mächtiges Reich, das bis zur Weichsel reicht, aber ein Krieg mit den Cheruskern zerstört es, und Marbod flüchtet zu den Römern. Später, unter Marc Aurel, der Jahre währende große Markomannenkrieg der Römer (Vorspiel der Völkerwanderung?). Im 6. Jahrh. wird Böhmen slavisch, die Markomannen sind nach Bayern gerückt. Hier ist der Stamm, vom Lech bis zur Enns, geblieben (Bayern und Deutschösterreicher).Quadenwahrscheinlich mit den Markomannen zusammen gewandert, gleichfalls Sueben, in Mähren und Oberungarn, Bundesgenossen der sarmatischen Jazygen, 407 mit den Vandalen nach Spanien.Stirnwehrgegen Rom.Tudruswahrscheinlich ein Quadenkönig.

[pg 54]43Noch weiter ab: nördlich und östlich der Markomannen und Quaden, um das schlesische Gebirge.Eisen, das bei den Germanen so selten ist, verwenden die Kotiner nicht einmal, um sich von den Abgaben zu befreien.Gebirgeder östliche Teil des Herzynischen Waldes, besonders das Eschengebirge, slavisch Jesenik, Gesenke.Lugieroder Lygier die Südgruppe der Ostgermanen, wieder ein Kultverband (Vandilier,Kap. 2), der alle hier genannten Stämme und wohl auch die nicht genannten Burgunder umfaßt. Das Heiligtum liegt bei den Nahanarvalern (hieratischer Name, Müllenhoff). Die Lugier, von der Ostgrenze Böhmens bis zur Weichsel, heißen später Vandalen, eine Nebenform von„Vandilier“. Ihre Wanderung führt nach Gallien, Spanien, Nordafrika.In Frauentracht: nur der Haarschmuck oder wirklich Frauenkleidung? Das erste aus Hasdingi (dem Namen des Königsgeschlechtes und darnach des ganzen Volkes) abgeleitet,„Männer mit Frauenhaar“; das Königsgeschlecht aber nennt sich nach dem Brüderpaar„Kastor und Pollux“, einer alten indogermanischen Lichtgottheit, gleich den Dioskuren:„Alken“und„Hasdingi“soll zusammenhängen. Das Totenheer und die straffere Königsherrschaft leitet die Steigerung ein, die allmählich in das Reich des Märchens hinüberführt.Goten, das bedeutendste ostgermanische Volk, das Heldenvolk der Germanen, zwischen Weichsel und Pregel; später in Südrußland, wo sich in der Krim Reste bis ins 16. Jahrh. erhalten haben. Ihre Wanderung ist bekannt.RugierundLemovierdamals an der Ostsee zwischen Weichsel und Oder, die Rugier später an der österreichischen Donau.

Noch weiter ab: nördlich und östlich der Markomannen und Quaden, um das schlesische Gebirge.Eisen, das bei den Germanen so selten ist, verwenden die Kotiner nicht einmal, um sich von den Abgaben zu befreien.Gebirgeder östliche Teil des Herzynischen Waldes, besonders das Eschengebirge, slavisch Jesenik, Gesenke.Lugieroder Lygier die Südgruppe der Ostgermanen, wieder ein Kultverband (Vandilier,Kap. 2), der alle hier genannten Stämme und wohl auch die nicht genannten Burgunder umfaßt. Das Heiligtum liegt bei den Nahanarvalern (hieratischer Name, Müllenhoff). Die Lugier, von der Ostgrenze Böhmens bis zur Weichsel, heißen später Vandalen, eine Nebenform von„Vandilier“. Ihre Wanderung führt nach Gallien, Spanien, Nordafrika.In Frauentracht: nur der Haarschmuck oder wirklich Frauenkleidung? Das erste aus Hasdingi (dem Namen des Königsgeschlechtes und darnach des ganzen Volkes) abgeleitet,„Männer mit Frauenhaar“; das Königsgeschlecht aber nennt sich nach dem Brüderpaar„Kastor und Pollux“, einer alten indogermanischen Lichtgottheit, gleich den Dioskuren:„Alken“und„Hasdingi“soll zusammenhängen. Das Totenheer und die straffere Königsherrschaft leitet die Steigerung ein, die allmählich in das Reich des Märchens hinüberführt.Goten, das bedeutendste ostgermanische Volk, das Heldenvolk der Germanen, zwischen Weichsel und Pregel; später in Südrußland, wo sich in der Krim Reste bis ins 16. Jahrh. erhalten haben. Ihre Wanderung ist bekannt.RugierundLemovierdamals an der Ostsee zwischen Weichsel und Oder, die Rugier später an der österreichischen Donau.

44In der Westostrichtung zur Ostsee, von der man damals keine rechte Vorstellung hatte.Suionensind Schweden, Skandinavien gilt als Insel. Schiffe, ähnlich den hier beschriebenen, noch heute[pg 55]bei den Norwegern als Scherenboote gebaut.Reichtum: Geldgier führt zur Entartung, und Entartete lassen sich einen unumschränkten Herrscher gefallen. Aber der schwedische König, der ein Stammesheiligtum verwaltet und dafür Opfersteuern einnimmt, hat in Wirklichkeit gar keine unbeschränkte Macht. Nur gebietet er Festfrieden, und dann sind alle Waffen verschlossen (Kap. 40). Vielleicht haben Südgermanen, die den Glanz dieser Feste sahen, das Mißverständnis verschuldet. Steigerung gegenüber der Königsmacht der Goten!

In der Westostrichtung zur Ostsee, von der man damals keine rechte Vorstellung hatte.Suionensind Schweden, Skandinavien gilt als Insel. Schiffe, ähnlich den hier beschriebenen, noch heute[pg 55]bei den Norwegern als Scherenboote gebaut.Reichtum: Geldgier führt zur Entartung, und Entartete lassen sich einen unumschränkten Herrscher gefallen. Aber der schwedische König, der ein Stammesheiligtum verwaltet und dafür Opfersteuern einnimmt, hat in Wirklichkeit gar keine unbeschränkte Macht. Nur gebietet er Festfrieden, und dann sind alle Waffen verschlossen (Kap. 40). Vielleicht haben Südgermanen, die den Glanz dieser Feste sahen, das Mißverständnis verschuldet. Steigerung gegenüber der Königsmacht der Goten!

45Jenseitsnördlich.Starr: Pytheas von Massilia berichtet, es gebe eineθάλασσα πεπηγυῖα, ein geronnenes Meer (im Mittelalter die Sage vom Lebermeer). Also Kunde vom Eismeer und von der Mitternachtssonne!Der Erdkreisist eine Scheibe, die Sonne am Rand so nahe, daß man ihre Rosse und die Strahlen um das Haupt des Sonnengottes wahrnimmt. Die aufgehende Sonne erklingt nach altem Glauben.„Tönend wird für Geistesohren schon der neue Tag geboren ... welch Getöse bringt das Licht!“(Faust).Nun denn: der Bericht geht wieder zu einer bekannten Gegend über. DierechteKüste ist nach der Westostrichtung die der Ostsee.Ästiersind die Litauer; erst später geht der Name auf die finnischen Esthen über. Das Folgende zeigt gerade, daß die Ästier keine Germanen sind; die Ähnlichkeit mit der britannischen Sprache wohl nur zufällig.Bernstein, ein uralter Schmuck, wird über die„Bernsteinwege“zu Land und zur See nach Südeuropa gebracht. Die Entstehung des Bernsteins nach Plinius; die Anschauung, daß von den Enden der Welt kostbare Schätze kommen, bei Herodot.glesum: Glas, das Glänzende.Landtiere: Martial nennt die Viper.Sitonenöstlich von den Suionen sind Finnen (Kvänen; Anklang an gotischesqêns, Weib,queen): daher der Bericht über die Frauenherrschaft. Höhe[pg 56]punkt der Steigerung: Goten, Suionen, Sitonen immer unbeschränkter regiert, immer märchenhafter bis zur Frauenherrschaft.

Jenseitsnördlich.Starr: Pytheas von Massilia berichtet, es gebe eineθάλασσα πεπηγυῖα, ein geronnenes Meer (im Mittelalter die Sage vom Lebermeer). Also Kunde vom Eismeer und von der Mitternachtssonne!Der Erdkreisist eine Scheibe, die Sonne am Rand so nahe, daß man ihre Rosse und die Strahlen um das Haupt des Sonnengottes wahrnimmt. Die aufgehende Sonne erklingt nach altem Glauben.„Tönend wird für Geistesohren schon der neue Tag geboren ... welch Getöse bringt das Licht!“(Faust).Nun denn: der Bericht geht wieder zu einer bekannten Gegend über. DierechteKüste ist nach der Westostrichtung die der Ostsee.Ästiersind die Litauer; erst später geht der Name auf die finnischen Esthen über. Das Folgende zeigt gerade, daß die Ästier keine Germanen sind; die Ähnlichkeit mit der britannischen Sprache wohl nur zufällig.Bernstein, ein uralter Schmuck, wird über die„Bernsteinwege“zu Land und zur See nach Südeuropa gebracht. Die Entstehung des Bernsteins nach Plinius; die Anschauung, daß von den Enden der Welt kostbare Schätze kommen, bei Herodot.glesum: Glas, das Glänzende.Landtiere: Martial nennt die Viper.Sitonenöstlich von den Suionen sind Finnen (Kvänen; Anklang an gotischesqêns, Weib,queen): daher der Bericht über die Frauenherrschaft. Höhe[pg 56]punkt der Steigerung: Goten, Suionen, Sitonen immer unbeschränkter regiert, immer märchenhafter bis zur Frauenherrschaft.

46Peucinerein anderer Name für die Bastarner, das östlichste Germanenvolk (von der Weichsel durch Galizien hin zur Donaumündung), auch das zuerst, schon den Griechen, 200 v. Chr. an der unteren Donau bekannte.VeneterWenden, das germanische Wort für Slaven.Fennen: Finnen. Die Schilderung bezieht sich nur auf ihr Leben im Sommer. DieHellusiersollen„Hirschartige“, dieOxioner„Ochsenartige“sein, vielleicht nach den Tierfellen, die sie tragen; und daher wohl auch die Fabel.

Peucinerein anderer Name für die Bastarner, das östlichste Germanenvolk (von der Weichsel durch Galizien hin zur Donaumündung), auch das zuerst, schon den Griechen, 200 v. Chr. an der unteren Donau bekannte.VeneterWenden, das germanische Wort für Slaven.Fennen: Finnen. Die Schilderung bezieht sich nur auf ihr Leben im Sommer. DieHellusiersollen„Hirschartige“, dieOxioner„Ochsenartige“sein, vielleicht nach den Tierfellen, die sie tragen; und daher wohl auch die Fabel.

Illustration: Karte zu Tacitus’ Germania

Illustration: Karte zu Tacitus’ Germania

Druck der SpamerschenBuchdruckerei, Leipzig

Druck der SpamerschenBuchdruckerei, Leipzig


Back to IndexNext