[20]Mark twain= Ruf des Mississippi-Lotsen bei 2 Faden Tiefe.
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Helen Keller »betrachtet« eine Nike-Statuette
Helen Keller »betrachtet« eine Nike-Statuette
Einen Besuch im Bostoner Museum schildert Helen in einem Briefe vom 3. Februar 1899. Sie schreibt darin: Vorigen Montag hatte ich ein äußerst interessantes Erlebnis. Eine Freundin nahm mich an diesem Tage mit nach dem Bostoner Kunstmuseum. Sie hatte mir schon vorher bei General Loring, dem Direktor des Museums, die Erlaubnis ausgewirkt, die Statuen berühren zu dürfen, namentlich die, welche meine alten Freunde aus der Ilias und der Aeneis darstellten. War dies nicht liebenswürdig? Während ich dort weilte, trat General Loring selbst ein und zeigte mir einige der schönsten Statuen, unter denen sich die Venus von Medici, die Athene vom Parthenon, Diana in ihrem Jagdkleide mit der Hand am Köcher und einer Hindin neben ihr, sowie der unglückliche Laokoon nebst seinen beiden Söhnen befanden, die sich in den furchtbaren Umschlingungen zweier riesiger Schlangen winden und unter herzzerreißendem Geschrei ihre Arme zum Himmel emporstrecken. Auch den Apollo vom Belvedere sah ich. Er hat soeben den Python erlegt und steht neben einem großen Marmorpfeiler, die schöne Hand triumphierend über den furchtbaren Drachen ausstreckend. O er ist einfach wundervoll! Venus entzückte mich. Sie sah aus, als sei sie soeben aus dem Schaume des Meeres emporgestiegen, und ihre Lieblichkeit wirkte auf mich wie ein himmlischer Gesang. Auch die arme Niobe sah ich mit ihrem jüngsten Kinde, das sich fest an die anklammert, während sie die grausame Göttin anfleht, ihr nicht auch den letzten Liebling zu töten. Ich weinte beinahe, so lebenswahr und tragisch war dies alles. General Loring zeigte mir auch in liebenswürdiger Weise eine Nachbildung einer der wundervollen Bronzetüren aus dem Baptisterium zu Florenz, und ich befühlte die schönen Pfeiler, die auf den Rücken grimmiger Löwen ruhen. So hatte ich, wie Sie sehen, einen Vorgeschmack des Genusses, den ich eines Tages haben werde, wenn ich Florenz besuche. Meine Freundin versprach mir, später eine Nachbildung der von Lord Elgin nach London gebrachten Parthenonskulpturen zu zeigen.Ich würde es jedoch vorziehen, die Originale an der Stelle zu sehen, für die sie von dem Genius bestimmt waren, nicht nur als Hymnus zum Preise der Götter, sondern auch als Denkmal für den Ruhm Griechenlands. Es scheint mir tatsächlich ein Frevel zu sein, solche geweihte Werke aus dem Heiligtume der Vergangenheit, in das sie gehören, zu entführen.
Ebenso interessant wie das vorstehende Schreiben ist eine Aeußerung Helens in einem Briefe vom 2. Januar 1900 über ihre Empfindungen beim Orgelspiel. Es heißt darin: Am Sonntag gingen wir nach der Bartholomäuskirche... Nach dem Gottesdienste bat der Geistliche den Organisten Herrn Warren, die Orgel für mich zu spielen. Ich stand mitten in der Kirche, wo die von der großen Orgel erzeugten Luftschwingungen am stärksten sind, und fühlte die mächtigen Tonwogen gegen mich anbranden, wie die großen Meereswellen gegen ein kleines Schiff schlagen...
Zum Schluß seien noch einige Aeußerungen Helens über Schicksalsgefährten von ihr angeführt. Am 5. Juni 1899 schreibt sie über Linnie Haguewood, ein taub-blindes Mädchen, das von einem Fräulein Dora Donald erzogen worden war, an Herrn William Wade (vergl.S. 78): Linnie Haguewoods Brief interessierte mich sehr. Er scheint mir auf Selbständigkeit und große Sanftmut des Charakters hinzuweisen. Sehr interessant sind ihre Aeußerungen über Geschichte. Ich bedauere, daß sie kein Gefallen daran findet; aber auch ich empfinde es bisweilen, wie dunkel, geheimnisvoll und selbst furchtbar die Geschichte alter Völker, alter Religionen und alter Regierungsformen in Wahrheit ist.
Nun, ich muß offen gestehen, ich liebe die Zeichensprache nicht und glaube auch nicht, daß sie den Taub-Blinden vongroßem Nutzen ist. Ich finde es sehr schwer, den raschen Bewegungen der Taubstummen zu folgen, und außerdem scheinen die Zeichen ein großes Hindernis für sie bei der Gewöhnung an einen freien, gewandten Gebrauch der Sprache zu sein. Es fällt mir bisweilen schwer, sie zu verstehen, wenn sie mit den Fingern buchstabieren. Im ganzen genommen erscheint mir, wenn sie nicht die Lautsprache erlernen können, das Fingeralphabet als das beste und bequemste Verständigungsmittel für sie. Jedenfalls bin ich fest davon überzeugt, daß die Taub-Blinden es nicht fertig bringen, die Zeichensprache einigermaßen gewandt zu handhaben.
Eines Tages traf ich einen tauben Norweger, der Ragnhild Kaata und ihre Lehrerin sehr genau kennt, und wir unterhielten uns über sie in sehr interessanter Weise. Er erzählte, sie sei sehr fleißig und heiter. Sie spinnt und beschäftigt sich viel mit weiblichen Handarbeiten, sie liest und führt ein angenehmes, nützliches Leben. Aber denken Sie, sie versteht sich nicht auf das Fingeralphabet. Sie liest gut von den Lippen ab, und wenn sie etwas nicht versteht, so schreiben ihre Bekannten es ihr in die Hand, und auf diese Weise unterhält sie sich mit Fremden. Ich kann nichts verstehen, was man mir in die Hand schreibt; daraus können Sie sehen, daß Ragnhild mir in einigen Punkten überlegen ist. Ich hoffe, ich werde sie einmal sehen.
Am 9. Dezember 1900 schreibt Fräulein Keller an denselben Herrin:
... Im vergangenen Oktober hörte ich von einem ungewöhnlich geweckten taub-blinden Mädchen in Texas. Sie heißt Ruby Rice und ist, glaube ich, dreizehn Jahre alt. Sie hat niemals Unterricht erhalten; doch kann sie nähen und hilft anderen bei dieser Arbeit. Ihr Geruchssinn ist wunderbar fein ausgebildet. Wenn sie in einen Laden tritt, geht sie direkt aufdie Schaukästen zu; ebenso kann sie ihre eigenen Sachen von fremden unterscheiden. Ihre Eltern wünschen möglichst bald eine Lehrerin für sie. Auch haben sie schon an Herrn Hitz über ihre Tochter geschrieben.
Ebenso kenne ich ein Kind in dem Taubstummen-Institut in Mississippi. Sie heißt Maud Scott und ist sechs Jahre alt. Fräulein Watkins, ihre Erzieherin, hat mir einen sehr interessanten Brief geschrieben. Sie teilte mir mit, daß Maud taub geboren ist und ihr Gesicht schon im Alter von drei Monaten verlor, sowie daß sie bei ihrer vor ein paar Wochen erfolgten Aufnahme in das Institut ganz hilflos war. Sie konnte nicht einmal gehen und konnte auch ihre Hände nur wenig gebrauchen. Als man versuchte, ihr das Aufreihen von Perlen beizubringen, sanken ihr die Händchen herab. Augenscheinlich ist ihr Gefühlssinn nicht entwickelt worden, und bis jetzt kann sie nur gehen, wenn jemand sie bei der Hand faßt; aber sie scheint ein außergewöhnlich gewecktes Kind zu sein. Fräulein Watkins fügt hinzu, daß sie sehr hübsch ist. Ich habe ihr geschrieben, daß, wenn Maud lesen lernt, ich ihr viele Erzählungen schicken werde. Das Herz tut mir weh bei dem Gedanken, wie gänzlich dieses liebe, süße kleine Mädchen von allem abgeschnitten ist, was im Leben gut und wünschenswert ist. Aber Fräulein Watkins scheint gerade die richtige Erzieherin für sie zu sein.
Vor kurzem war ich in New York und traf Fräulein Rhoades, die mir erzählte, sie habe Katie Mc. Gier gesehen. Sie sagte, das arme junge Mädchen spreche und bewege sich gerade wie ein kleines Kind. Katie spielte mit Fräulein Rhoades’ Ringen, zog sie ihr ab und sagte mit einem fröhlichen Lachen: Sie bekommen sie nicht wieder. Sie konnte Fräulein Rhoades nur verstehen, wenn diese von den einfachsten Dingen sprach. Sie wollte ihr einige Bücher schicken, konnte aber keins finden, das einfach genug für sie gewesen wäre! Sie sagte, Katie sei sehrsanft, sei aber in Bezug auf den eigentlichen Unterricht in betrübender Weise zurückgeblieben. Ich war sehr überrascht, all dies zu hören; denn nach Ihren Briefen zu urteilen, muß Katie ein sehr frühreifes Mädchen sein.
Vor ein paar Tagen traf ich Tommy Stringer auf dem Bahnhofe in Wrentham. Er ist jetzt ein großer, starker Junge und wird bald der Leitung eines Mannes bedürfen; denn er ist wirklich zu groß, als daß sich eine Dame noch mit ihm abgeben könnte. Er geht, wie ich höre, in die öffentliche Schule, und seine Fortschritte sollen ganz erstaunlich sein; aber in der Unterhaltung zeigt er dies bis jetzt noch nicht, denn diese beschränkt sich auf ja und nein.
Ferner schreibt Helen in einem Briefe vom 27. Dezember 1890 an eine bekannte Dame: Ein Herr in Philadelphia hat vor kurzem an meine Lehrerin über ein taub-blindes Kind in Paris, dessen Eltern Polen sind, geschrieben. Die Mutter ist Aerztin und, wie er sagt, eine prächtige Frau. Der kleine Knabe konnte zwei bis drei Sprachen sprechen, bevor er sein Gehör durch Krankheit verlor, und ist jetzt erst fünf Jahre alt. Armer kleiner Bursche, ich wollte, ich könnte etwas für ihn tun; aber er ist so jung, meine Lehrerin glaubt, eine Trennung von seiner Mutter würde von zu nachteiligen Folgen für ihn begleitet sein. Frau Thaw schrieb mir kürzlich einen Brief über die Möglichkeit, etwas für all diese Kinder zu tun.Dr.Bell meint, die gegenwärtige Volkszählung würde ergeben, daß sich allein in den Vereinigten Staaten mehr als tausend befänden, und Frau Thaw glaubt, wenn alle meine Freunde ihre Anstrengungen vereinigten, so würde es ein leichtes sein, mit Beginn dieses neuen Jahrhunderts der Wohltätigkeit eine neue Bahn zu eröffnen und die Rettung dieser unglücklichen Kinder zu bewirken.
Am 11. November 1901 wurdeDr.Howes hundertjähriger Geburtstag in Boston feierlich begangen. Am Tage vorher schrieb Helen Keller an ihren VerwandtenDr.Edward Everett Hale (vergl. obenS. 139) folgenden Brief:
Cambridge, 10. November 1901.
Meine Lehrerin und ich hoffen morgen der Feier der hundertsten Wiederkehr vonDr.Howes Geburtstag beiwohnen zu können; aber ich bezweifle es sehr, ob wir eine Gelegenheit finden werden, mit Ihnen zu sprechen. Daher schreibe ich Ihnen heut, um Ihnen zu sagen, wie erfreut ich darüber bin, daß Sie die Festrede halten werden; denn ich fühle es, daß Sie besser als sonst jemand, den ich kenne, die aus dem tiefsten Herzen kommende Dankbarkeit derer zum Ausdruck bringen werden, die ihre Bildung, ihre Stellung im Leben, ihr Glück dem verdanken, der den Blinden die Augen geöffnet und den Stummen die Lautsprache geschenkt hat.
Während ich hier in meinem Studierzimmer sitze, umgeben von meinen Büchern, mich der tröstenden und erhebenden Gemeinschaft mit den großen Weisen erfreuend, suche ich mir vorzustellen, was mein Leben wohl gewesen wäre, wenn esDr.Howe nicht gelungen wäre, die große, ihm von Gott gestellte Aufgabe zu lösen. Hätte er nicht die Verantwortung für Laura Bridgmans Erziehung übernommen und sie aus dem Schlunde des Acheron zurück zu ihrem Menschentume geführt, würde ich dann heut eine Schülerin des Radcliffe College sein — wer vermag dies zu sagen? Aber es ist nutzlos, über das zu grübeln, was in Bezug aufDr.Howes große Leistung hätte sein können.
Ich glaube, nur diejenigen, welche jenem mehr dem Tode als dem Leben ähnlichen Dasein entronnen sind, von dem auch Laura Bridgman gerettet worden ist, können wissen, wie vereinsamt, wie in Dunkel gehüllt, wie durch die eigene Ohnmachtniedergedrückt eine Seele ohne Denken, ohne Glauben, ohne Hoffen ist. Worte sind zu schwach, um die Oede jenes Kerkers oder die Freude der Seele, die aus ihrer Haft befreit ist, zu schildern. Wenn wir die Dürftigkeit und Hilflosigkeit der Blinden vor dem Beginn vonDr.Howes Tätigkeit mit ihrer gegenwärtigen Brauchbarkeit und Unabhängigkeit vergleichen, so sind wir uns bewußt, daß sich große Dinge in unserer Mitte vollzogen haben. Physische Bedingungen haben hohe Mauern um uns errichtet, aber dank unserem Freunde und Helfer liegt uns die Welt nach oben offen; die Länge, die Breite, die Höhe des Himmels gehören uns.
Es ist ein erhebender Gedanke, daßDr.Howes edles Unternehmen den ihm gebührenden Tribut der Liebe und Dankbarkeit in der Stadt erhalten soll, die der Schauplatz seiner unendlichen Mühen und seiner glänzenden Siege zum Besten der Menschheit gewesen ist.
Mit den herzlichsten Grüßen, denen sich meine Lehrerin anschließt, bin ich
in treuer Liebe
Ihre FreundinHelen Keller.