Chapter 32

Jede auch noch so leise Gefühlsregung findet in ihrem lebhaften Mienenspiel ihren Ausdruck. Ihr Verhalten ist natürlich und ungezwungen, und wegen ihrer Offenheit und augenscheinlichen Aufrichtigkeit bezaubernd. Ihr Gemüt ist zu selbstlos und liebevoll, als daß sie sich etwas von Unfreundlichkeit träumen ließe. Sie kann sich nicht vorstellen, daß jemand anders als liebreich und gut sein könnte. Sie ist sich keines Grundes bewußt, weswegen sie sich vor irgend etwas fürchten sollte; infolgedessen sind ihre Bewegungen frei und anmutig.

Zu allen lebenden Wesen im Hause hegt sie eine große Zuneigung und will nicht, daß sie unfreundlich behandelt werden. Wenn sie im Wagen ausfährt, so will sie dem Kutscher nicht erlauben, die Peitsche zu gebrauchen, denn, sagt sie, „poor horses will cry“. Eines Morgens war sie sehr betrübt, als sie fand, daß einem der Hunde ein großes Stück Holz am Halsbande angebunden war. Wir erklärten ihr, dies sei geschehen, damit Pearl nicht fortlaufe. Helen drückte tiefes Mitgefühl dabei aus und suchte im Laufe des Tages bei jeder Gelegenheit Pearl auf, um ihm die Last tragen zu helfen.

Ihr Vater schrieb ihr im vergangenen Sommer, daß die Vögel und Bienen ihm alle seine Weintrauben auffräßen. Zuerst war sie ganz empört darüber und meinte, die kleinen Tiere seien „very wrong“; sie schien sich aber zu beruhigen, als ich ihr erklärte, die Vögel und Bienen seien hungrig und wüßten nicht, daß es egoistisch sei, alle Früchte aufzuzehren. In einem kurze Zeit darauf geschriebenen Briefe wiederholte sie das von mir Gesagte fast wörtlich.

Sie macht immer größere Fortschritte in der Aneignung der Sprache, je umfassender ihre Kenntnisse werden. Als diese noch gering waren, blieb ihr Wortschatz naturgemäß beschränkt; je mehr sie aber von der sie umgebenden Welt kennen lernt, desto zutreffender wird ihr Urteil, desto eindringender, lebhafter und schärfer ihr Verstand und desto fließender und logischer die Sprache, in der sie ihre regen Gedanken ausdrückt.

Wenn wir reisen, so sitze ich neben ihr im Wagen und beschreibe ihr, was ich vom Fenster aus sehe — Hügel, Täler und Flüsse, Baumwollplantagen und Gärten, in denen Erdbeeren, Pfirsiche, Birnen, Melonen und Gemüse wachsen, Herden von Kühen und Pferden, die auf den weiten Wiesen weiden, Schafe an den Berglehnen, die Städte mit ihren Kirchen und Schulen, ihren Gasthöfen und Läden und die Beschäftigungen der Einwohner.

Als sie das Fingeralphabet zu erlernen begann, hatte sie natürlich zuerst große Neigung, von einem Satze nur die wichtigsten Wörter zu gebrauchen. Sie sagte z. B.:Helen milk.Ich nahm die Milch, um ihr zu zeigen, daß sie das richtige Wort gebraucht hatte, gab ihr aber nicht eher zu trinken, alsbis sie mit meiner Hilfe einen vollständigen Satz gebildet hatte, wie z. B.:Give Helen some milk to drink.Bei diesem ersten Unterricht ermunterte ich sie zu dem Gebrauch verschiedener Ausdrucksformen für denselben Gedanken. Aß sie ein Stückchen Zucker, so sagte ich:Will Helen please give teacher some candy?oderteacher would like to eat some of Helen’s candy, wobei ich das’sbesonders hervorhob. Sie begriff sehr bald, daß derselbe Gedanke auf sehr verschiedene Weise ausgedrückt werden könne. Zwei bis drei Monate nach meiner Ankunft in Tuscumbia sagte sie:Helen wants to go to bedoderHelen is sleepy, and Helen will go to bed.

Ich werde fortwährend gefragt: Wie machten Sie Ihrer Schülerin die Bedeutung von Wörtern klar, die intellektuelle und moralische Eigenschaften bezeichnen? Ich glaube, es geschah mehr auf dem Wege der Assoziation und Wiederholung als durch eine Erläuterung meinerseits. Namentlich gilt dies von den ersten Lektionen, als ihre Kenntnis der Sprache noch so gering war, daß eine Erläuterung unmöglich war.

Ich habe es stets so gehalten, daß ich Wörter, die Gemütsbewegungen, intellektuelle oder moralische Eigenschaften und Handlungen bezeichneten, in Verbindung mit dem Umstande gebrauchte, der diese Bezeichnung verdiente. Bald nach meiner Ankunft zerbrach Helen ihre neue Puppe, die sie sehr liebte. Sie begann zu weinen. Ich sagte ihr:teacher issorry. Nach einigen Wiederholungen gelangte sie dahin, daß sie das Wort mit dem Gefühl assoziierte.

Auf dieselbe Weise lernte die das Worthappy, ebensoright,wrong,good,badund andere Adjektiva. Das Wortlovelernte sie wie andere Kinder — durch die Verbindung mit Liebkosungen.

Eines Tages legte ich Helen eine einfache Frage vor, auf die sie zerstreut antwortete. Ich schalt sie, und sie standstill, während der Ausdruck ihres Gesichtes deutlich verriet, daß sie nachzudenken versuchte. Ich berührte ihre Stirn und buchstabiertet–h–i–n–k. Das Wort, in dieser Weise mit der Handlung verbunden, schien sich ihrem Geiste genau so einzuprägen, wie wenn ich ihre Hand auf einen Gegenstand gelegt und dann seinen Namen buchstabiert hätte. Seit dieser Zeit gebrauchte sie stets das Wortthink.

Später begann ich Wörter zu gebrauchen wieperhaps,suppose,expect,forget,remember. Wenn Helen fragte:Where is mother now?antwortete ich:I do not know.Perhapsshe is with Leila.

Sie will stets die Namen der Leute wissen, die wir in der Pferdebahn oder sonstwo treffen, und erfahren, wohin sie gehen und was sie zu tun beabsichtigen. Unterhaltungen wie die folgende sind nichts Seltenes:

Helen. Wie heißt der kleine Knabe?

Lehrerin. Ich weiß es nicht, denn er ist ein kleiner Knabe, den ich nicht kenne; abervielleichtheißt er Jack (... butperhapshis name is Jack).

Helen. Wo geht er hin?

Lehrerin.Möglicherweisegeht er nach dem Parke, um sich mit anderen Knaben umherzutummeln (Hemay begoing to the Common to have fun with other boys).

Helen. Was wird er spielen?

Lehrerin. Ich vermute, er wird Ball spielen (Isuppose, he will play ball).

Helen. Was tun die Knaben jetzt?

Lehrerin.Vielleichtwarten sie auf Jack. (Perhapsthey are expecting Jack.)

Nachdem ihr die Worte vertraut geworden sind, wendet sie sie in schriftlichen Ausarbeitungen an, wie das folgende Beispiel zeigt.

26. September [1888]

Heut früh saßen Lehrerin und ich am Fenster, und wir sahen einen kleinen Knaben auf dem Trottoir gehen. Es regnete sehr stark, und er hatte einen sehr großen Schirm zum Schutz gegen die Regentropfen.

Ich weiß nicht, wie alt er war,glaubeaber, er istmöglicherweisesechs Jahre alt gewesen (butthinkhemay have beensix years old).Vielleichthieß er Joe (Perhapshis name was Joe). Ich weiß nicht, wohin er ging, weil ich ihn nicht kenne. Abervielleichtschickte ihn seine Mutter in einen Laden, um etwas für das Mittagessen einzukaufen (Butperhapshis mother sent him to a store to buy something for dinner). Er hatte eine Tasche in der Hand. Ichvermute, er brachte sie seiner Mutter (Isupposehe was going to take it to his mother).

Bei meinem Unterricht habe ich kein bestimmtes System zugrunde gelegt. Ich habe die spontanen Geistesregungen meiner Schülerin beobachtet und versucht, die mir dadurch gegebenen Winke zu befolgen.

Wegen Helens Nervosität habe ich alle Vorsichtsmaßregeln getroffen, um eine übermäßige Belastung ihres an sich schon äußerst lebhaft arbeitenden Gehirns zu verhüten. Den größten Teil des Jahres haben wir auf Reisen nach verschiedenen Städten zugebracht, und ihr Unterricht ist durch die mannigfaltigen Orte, durch die wir gekommen sind, und die Erfahrungen, die wir hier gesammelt haben, bestimmt worden. Sie zeigt denselben Eifer wie zu Anfang. Niemals ist es erforderlich, sie zum Lernen anzuhalten, ja, ich muß sie sogar mitunter nötigen, ein Exempel oder einen Aufsatz unbeendet zu lassen.

Während ich mich durch kein bestimmtes pädagogischesSystem leiten ließ, war es mein stetes Streben, Helens allgemeine Bildung und Intelligenz zu fördern, ihre Kenntnisse in Bezug auf die sie umgebende Welt zu erweitern und sie an ein ungezwungenes und natürliches Zusammenleben mit den Menschen zu gewöhnen. Ich habe sie zur Führung eines Tagebuches ermuntert, aus dem ich das folgende mitteile (vergl.S. 261).

22. März 1888.

Herr Anagnos besuchte mich am Donnerstag. Ich war froh, ihn herzen und küssen zu können. Er sorgt für sechzig kleine blinde Mädchen und siebzig kleine blinde Knaben. Ich liebe sie. Kleine blinde Mädchen schickten mir einen hübschen Arbeitskorb. Ich fand darin Schere und Zwirn und Nadelbuch mit vielen Nadeln darin und Häkelhaken und Fingerhut und Schachtel und Zentimetermaß und Knöpfe und Nadelkissen. Ich will kleinen blinden Mädchen einen Brief schreiben, um ihnen zu danken. Ich will hübsche Kleider für Nancy und Adeline und Allie machen. Im Mai will ich nach Cincinnati gehen und ein anderes Kind kaufen. Dann werde ich vier Kinder haben. Der Name des neuen Kindes ist Harry. Herr Wilson und Herr Mitchell besuchten uns am Sonntag. Herr Anagnos ging am Montag nach Louisville, um kleine blinde Kinder zu besuchen. Mutter ging nach Huntsville. Ich schlief bei Vater und Mildred bei Lehrerin. Ich lernte über »heiter«. Es bedeutet ruhig und froh (I did learn about calm. It does mean quiet and happy). Onkel Morrie schickte mir hübsche Geschichten. Ich lese über Vögel. Die Wachtel legt fünfzehn bis zwanzig Eier, und sie sind weiß. Sie baut ihr Nest auf den Erdboden. Der Eisvogel baut sein Nest in einen hohlen Baum, und seine Eier sind blau. Die Eier des Rotkehlchens sind grün. Ich lernte ein Liedchen über Frühling. März, April, Mai sind Frühling.

Now melts the snow,The warm winds blowThe waters flowAnd robin dear,Is come to showThat Spring is here.

Now melts the snow,The warm winds blowThe waters flowAnd robin dear,Is come to showThat Spring is here.

Now melts the snow,The warm winds blowThe waters flowAnd robin dear,Is come to showThat Spring is here.

Now melts the snow,

The warm winds blow

The waters flow

And robin dear,

Is come to show

That Spring is here.

James tötete Schnepfen zum Frühstück. Kleine Hühnchen wurden sehr kalt und starben. Ich bin traurig. Lehrerin und ich fuhren auf dem Tennesseeflusse in einem Boote. Ich sah Herrn Wilson und James mit Rudern rudern. Boot glitt schnell dahin und ich steckte Hand in Wasser und fühlte es fließen.

Ich fing Fisch mit Haken und Leine und Rute. Wir kletterten auf hohen Berg, und Lehrerin fiel und zerschlug ihren Kopf. Ich aß sehr kleinen Fisch zum Abendbrot. Ich las über Kuh und Kalb. Die Kuh liebt Gras zu essen wie Mädchen Brot und Butter und Milch. Kleines Kalb springt und läuft ins Feld. Es liebt zu hüpfen und zu spielen, denn es ist froh, wenn die Sonne hell und warm ist. Kleiner Knabe liebte sein Kalb. Und er sagte: Ich will dich küssen, kleines Kalb, und er legte seine Arme um des Kalbes Hals und küßte es. Das Kalb leckte gutes Knaben Gesicht mit langer rauher Zunge. Kalb braucht Mund nicht weit zu öffnen, um zu küssen. Ich bin müde, und Lehrerin wünscht nicht, daß ich länger schreibe.

Im Herbst besuchte Helen einen Zirkus (vergl.S. 253 f.). Während wir vor den Käfigen standen, brüllte der Löwe, und Helen fühlte die Erschütterung der Luft so deutlich, daß sie den Ton ganz genau nachahmen konnte.

Ich versuchte ihr das Aussehen eines Kamels zu beschreiben; da wir aber das Tier nicht berühren durften, fürchtete ich, sie hätte keine richtige Vorstellung von seiner Gestalt bekommen. Ein paar Tage später hörte ich jedoch eine Bewegung im Unterrichtszimmer, und als ich eintrat, fand ich Helen auf allen vieren mit einem Kissen auf ihrem Rücken, das so befestigt war, daß es in der Mitte eine Vertiefung und auf jeder Seite einen Höcker bildete. Zwischen diese Höcker hatte sie ihre Puppe gesetzt, die sie nun auf sich im Zimmer herumreiten ließ. Ich beobachtete sie längere Zeit, während sie sich herumbewegte und lange Schritte zu machen versuchte, um den Gang des Kamels, wie ich ihn ihr beschrieben hatte, getreu nachzuahmen. Als ich sie fragte, was sie denn da mache, antwortete sie:I am a very funny camel.

Als eines Tages Helens Pony und Esel nebeneinander standen, ging sie von einem zum anderen und untersuchte beide Tiere genau. Endlich legte sie ihre Hand auf Neddys Kopf und sprach zu ihm: Ja, lieber Neddy, es ist wahr, daß du nicht so schön wie Black Beauty bist. Dein Körper ist nicht so schön gebildet, dein Auge blickt nicht so stolz, und dein Hals wölbt sich nicht. Außerdem siehst du mit deinen langen Ohren etwas komisch aus. Natürlich kannst du nichts dafür, und ich liebe dich genau so, als wenn du das schönste Geschöpf von der Welt wärest. — Helen hatte an der Geschichte von »Black Beauty« großes Gefallen gefunden. Wie rasch ihre Auffassungsgabe und ihr Assoziationsvermögen sind, geht am besten aus dem folgenden hervor. Ich hatte ihr den Abschnitt der Geschichte vorgelesen, in dem es heißt:

„Das Pferd war ein alter, abgetriebener Brauner mit struppigem Fell und Knochen, die überall hervorstanden; die Kniee waren eingeknickt, und die Vorderbeine zitterten heftig. Ich fraß soeben etwas Heu, und der Wind trieb ein kleines Häufchen davon fort; das arme Geschöpf streckte seinen langen, mageren Hals aus, um es aufzunehmen, wandte sich dann um und suchte umher, ob es nicht noch etwas fände. Es lagein hoffnungsloser Ausdruck in den trüben Augen, den ich nicht umhinkonnte, zu bemerken, und als ich dann nachdachte, wo ich dieses Pferd wohl schon gesehen haben könnte, sah es mich voll an und fragte: Black Beauty, bist du es?“

Als ich soweit gekommen war, preßte Helen meine Hand zusammen, zum Zeichen, daß ich nicht weiterlesen solle. Sie schluchzte krampfhaft. „Es war der arme Ginger,“ — war alles, was sie anfangs sagen konnte. Später, als sie imstande war, über die Erzählung zu sprechen, sagte sie: „Armer Ginger! Die Worte zauberten mir ein deutliches Bild vor die Seele. Ich sah den armen Ginger leibhaftig vor mir; all seine Schönheit war dahin, sein herrlich geschwungener Nacken war gesenkt, aller Mut aus seinem feurigen Auge, alle Anmut aus seiner Haltung verschwunden. O wie schrecklich war das! Ich hatte vorher noch nie gewußt, daß eine solche Veränderung mit einem Geschöpfe vor sich gehen könnte. Der arme Ginger hatte wenig Freude und viel Trauriges erlebt.“ — Nach einem Weilchen fuhr sie bekümmert fort: „Ich fürchte, vielen Menschen ergeht es genau so wie Ginger.“ —

Heut früh las Helen zum ersten Male Bryants Gedicht: »Oh, mother of a mighty race!« Ich sagte zu ihr: Wenn du das Gedicht ausgelesen hast, so sage mir, wer nach deiner Ansicht die Mutter ist. — Als sie bis zu dem Verse gelangte: »There’s freedom at thy gates, and rest«, rief sie aus: „Es ist Amerika. Das Tor ist, glaube ich, die Stadt New York, und unter der »Freiheit« ist die große Statue der Freiheitsgöttin zu verstehen.“ — Als sie das Gedicht »The Battlefield« von demselben Verfasser gelesen hatte, fragte ich sie, welche Strophe sie für die schönste halte. Sie antwortete: Am bestem gefällt mir folgende:

Truth crushed to earth shall rise again;The eternal years of God are hers;But Error, wounded, writhes with pain,And dies among his worshipers.

Truth crushed to earth shall rise again;The eternal years of God are hers;But Error, wounded, writhes with pain,And dies among his worshipers.

Truth crushed to earth shall rise again;The eternal years of God are hers;But Error, wounded, writhes with pain,And dies among his worshipers.

Truth crushed to earth shall rise again;

The eternal years of God are hers;

But Error, wounded, writhes with pain,

And dies among his worshipers.

Sie kann sich mit einem Schlage in den Mittelpunkt der Begebenheiten einer Erzählung versetzen. Sie freut sich, wenn die Gerechtigkeit siegt, sie ist traurig, wenn die Tugend unterliegt, und ihr Antlitz strahlt vor Bewunderung und Ehrfurcht, wenn Heldentaten geschildert werden. Sie dringt sogar in den Geist der Schlacht ein, und sagt: „Ich glaube, es ist die Pflicht der Männer, gegen Uebeltäter und Tyrannen zu kämpfen.“

Fräulein Sullivans zusammenhängende Darstellung in dem Jahresbericht des Perkinsschen Institutes für 1891 lautet folgendermaßen:

Im Verlaufe der letzten drei Jahre hat Helen immer größere Fortschritte in der Aneignung der Sprache gemacht. Sie hat einen Vorteil vor normalen Kindern voraus, nämlich den, daß keine äußere Störung sie von ihren Studien ablenkt.

Aber dieser Vorteil schließt andererseits auch einen Nachteil ein; die Gefahr einer übermäßigen geistigen Anstrengung. Ihr Geist ist so geartet, daß sie sich in einem Zustand fieberischer Unruhe befindet, sobald sie sich bewußt wird, daß es etwas gibt, was sie nicht versteht. Ich kann mich keines Falles erinnern, in dem sie geneigt gewesen wäre, eine Arbeit liegen zu lassen, wenn sie fühlte, es handle sich dabei um etwas, was sie nicht verstand. Wenn ich ihr riet, eine Rechenaufgabe bis zum anderen Tag liegen zu lassen, antwortete sie: „Ich glaube, es würde meinen Geist kräftigen, wenn ich sie jetzt löste.“ —

Vor einiger Zeit sprachen wir eines Abends über Tariffragen. Helen wünschte, ich möchte ihr den Gegenstand erklären. Ich sagte: „Nein, das kannst du jetzt noch nicht verstehen.“ — Sie schwieg einen Augenblick; dann aber fragte sie erregt: „Woher wissen Sie denn, daß ich es nicht verstehen kann? Ich habe einen klaren Verstand. Sie müssen bedenken, liebes Fräulein, daß bei den Griechen die Eltern sehr eifrig um ihre Kinder besorgt waren und ihnen Gelegenheit gaben, weise Reden zu hören, und ich glaube, sie verstanden wenigstens einen Teil von dem Gesagten.“ — Ich habe gefunden, es ist das beste, ihr nicht zu sagen, sie könne etwas nicht verstehen, weil sie fast unfehlbar dabei in Aufregung gerät.

Vor nicht allzu langer Zeit suchte ich ihr zu zeigen, wie sie aus ihren Baukastensteinen einen Turm errichten könne. Als die Ausführung etwas verwickelt wurde, brachte die leiseste Erschütterung den Bau zum Einsturz. Nach einer Weile verlor ich die Geduld und sagte ihr, ich fürchtete, sie könne mit dem Turm nicht zustande kommen; ich wollte ihn für sie bauen; allein sie wollte nichts davon wissen. Sie war fest entschlossen, den Turm selbst zu bauen, und beinahe drei Stunden arbeitete sie unermüdlich weiter, sammelte geduldig die Steine auf, wenn sie zusammengefallen waren, und begann von neuem, bis endlich ihre Arbeit von Erfolg gekrönt war. Der Turm stand in jeder Einzelheit vollendet da.

Bis zum Oktober 1889 hielt ich es für das beste, mich bei Helens Unterricht an keinen geregelten Stundenplan zu binden. Die ersten beiden Jahre ihres geistigen Lebens glich sie einem Kinde in einem fremden Lande, wo ihr alles neu und verworren vorkam, und solange sie sich noch keine genügende Kenntnis der Sprache angeeignet hatte, war es unmöglich, ihr systematischen Unterricht zu erteilen.

Außerdem war Helens Wißbegierde während dieser Jahre so groß, daß ihre Fortschritte in der Aneignung der Sprache gehemmt worden wären, wenn die Beantwortung der fortwährend auftauchenden Fragen bis nach der Beendigung der Unterrichtsstunde verschoben worden wäre. Aller Wahrscheinlichkeit nach würde sie dann die Frage vergessen haben und eine gute Gelegenheit zur Erläuterung eines Punktes von wirklichem Interesse verloren gegangen sein. Daher habe ich es stets für das beste gehalten, meiner Schülerin alles, was sie zu wissen verlangte, klarzumachen, mochte es nun auf den gerade vorliegenden Gegenstand Bezug haben oder nicht.

Seit dem Oktober 1889 wurde der Unterricht systematischer und umfaßte Rechnen, Geographie, Zoologie, Botanik und Lesen.

Im Rechnen hat sie bedeutende Fortschritte gemacht. Sie kann multiplizieren, addieren, subtrahieren und dividieren und scheint die Rechnungsoperationen zu verstehen; sie steht jetzt bei den unechten Brüchen. Auch im schriftlichen Rechnen sind ihre Leistungen gut. Ihr Geist arbeitet so rasch, daß, wenn ich ihr ein Exempel aufgebe, sie mir oft schon die richtige Antwort gibt, ehe ich Zeit habe, ihr die ganze Frage in die Hand zu schreiben. Auf die sprachliche Form achtet sie bei der Stellung einer Aufgabe wenig und fragt selten nach der Bedeutung ihr unbekannter Wörter oder Redewendungen. Als ihr einst eine Aufgabe großes Kopfzerbrechen machte, schlug ich ihr vor, einen Spaziergang zu machen, dann würde sie ihr vielleicht leichter fallen. Sie schüttelte aber energisch den Kopf und sagte: Meine Feinde würden glauben, ich liefe vor ihnen davon. Nein, ich muß ausharren und sie jetzt überwinden — und sie tat es.

Der intellektuelle Fortschritt, den Helen in den letzten beiden Jahren gemacht hat, zeigt sich in ihrer zunehmenden Beherrschung der Sprache und ihrer Fähigkeit, feinere Nuancen in der Bedeutung der Wörter zu erkennen, deutlicher als in jedem anderen Unterrichtszweige.

Es vergeht nicht ein Tag, ohne daß sie eine ganze Anzahl neuer Wörter lernt, und dies sind nicht nur die Bezeichnungen konkreter Gegenstände. Zum Beispiel wünschte sie eines Tages die Bedeutung folgender Wörter kennenzulernen:phenomenon,comprise,energy,reproduction,extraordinary,perpetualundmystery. Einige dieser Wörter haben mehrere Bedeutungen, die, von einfacheren beginnend, allmählich zu abstrakteren emporsteigen. Es würde ein aussichtsloses Unternehmen gewesen sein, Helen die feineren Bedeutungen des Wortesmysteryklarzumachen, aber sie begriff mit leichter Mühe, daß es etwas Verborgenes oder Verstecktes bedeute, und wenn sie erst größere Fortschritte gemacht hat, wird sie die feinen Bedeutungen des Wortes ebenso leicht auffassen wie jetzt die einfacheren. Bei der Behandlung eines Themas läßt es sich gar nicht vermeiden daß anfangs Wörter und Konstruktionen vorkommen, die nicht eher voll verstanden werden können, als bis der Schüler einen bedeutenden Fortschritt gemacht hat; ich habe es jedoch für das beste gehalten, meiner Schülerin anfangs nur einfache Erläuterungen zu geben in der Meinung, daß diese, mögen sie auch etwas unbestimmt und unvollständig sein, einander unterstützen werden und daß das, was heut unklar ist, morgen klar sein wird.

Ich betrachte meine Schülerin als ein freies und selbsttätiges Wesen, dessen spontane Antriebe meine zuverlässigsten Führer sein müssen. Ich habe stets zu Helen genau so gesprochen wie zu einem sehenden und hörenden Kinde und darauf gedrungen, daß die anderen es ebenso machten. Wenn mich jemand fragt, ob sie dies oder jenes verstehen werde, antworte ich stets: Es kommt gar nicht darauf an, ob sie jedes einzelne Wort eines Satzes versteht oder nicht. Sie wird die Bedeutung der ihr unbekannten Wörter aus deren Verbindung mit anderen erraten, die ihr schon bekannt sind.

Die Auswahl der Bücher, die Helen lesen sollte, habe ich nie mit Bezug auf die Taubheit und Blindheit meiner Schülerin getroffen. Sie liest nur die Bücher, an deren Lektüre sich sehende und hörende Kinder ihres Alters erfreuen. Natürlich war es anfangs notwendig, daß der Inhalt leicht verständlich und fesselnd und daß die Sprache rein und schlicht war. Sie hatte die Druckschrift erlernt, und eine Zeitlang hatte sie sich damit unterhalten, mit Hilfe von Pappstreifen, auf denen die Wörter in erhöhten Lettern gedruckt waren, einfache Sätze zu bilden; aber diese Sätze standen in keiner näheren Beziehung zueinander. Eines Morgens fingen wir eine Maus, und ich verfiel auf den Gedanken, Helens Interesse mit Hilfe einer lebenden Maus und einer lebenden Katze anzuregen, indem ich einige Sätze in einer Weise zusammenstellte, daß sie eine kleine Geschichte bildeten, um ihr so einen neuen Begriff von dem Werte der Sprache zu geben. Ich stellte also die folgenden Sätze in dem Rahmen zusammen und gab ihn Helen: „Die Katze sitzt auf der Kiste. Eine Maus sitzt in der Kiste. Die Katze kann die Maus sehen. Die Katze möchte die Maus gern fressen. Laß die Katze die Maus nicht fangen! Die Katze kann etwas Milch bekommen, und die Maus kann etwas Kuchen bekommen.“ Das Wort »the« war ihr unbekannt, und sie wollte es natürlich erklärt haben. Da es aber bei dem damaligen Stande ihrer Ausbildung zwecklos gewesen wäre, ihr seinen Gebrauch zu erklären, so machte ich gar nicht erst einen Versuch dazu, sondern leitete ihren Finger zum nächsten Worte hin, das sie mit einem strahlenden Lächeln erkannte. Als ich nun ihre Hand auf die Katze legte, die auf der Kiste saß, stieß sie einen leichten Schrei der Ueberraschung aus, und der übrige Teil des Satzes wurde ihr sofort klar. Als sie die Wörter des zweiten Satzes gelesen hatte, zeigte ich ihr, daß sich wirklich eine Maus in der Kiste befand. Dann bewegte sie ihren Finger miteinem Ausdruck regen Interesses bis zur nächsten Zeile. „Die Katze kann die Maus sehen.“ Hierbei ließ ich die Katze die Maus erblicken und Helen die Katze befühlen. Der Ausdruck in den Zügen des kleinen Mädchens verriet, daß es ganz erstaunt war. Ich lenkte nun Helens Aufmerksamkeit auf die folgende Zeile, und obgleich sie nur die drei Wörter cat, eat und mouse kannte, verstand sie doch sofort den Inhalt des Satzes. Sie nahm die Katze weg und setzte sie auf den Fußboden, indem sie zugleich den Rahmen über die Kiste deckte. Als sie las: „Laß die Katze die Maus nicht fangen!“ (Do not let the cat get the mouse!), bemerkte sie die Negation in dem Satze und schien zu begreifen, daß die Katze die Maus nicht fangen dürfe.Getundletwaren ihr unbekannt. Die Wörter des letzten Satzes waren ihr bekannt, und sie war entzückt, als sie die Erlaubnis erhielt, sie in die Tat umzusetzen. Aus den Zeichen, die sie machte, entnahm ich, daß sie eine neue Geschichte wünschte, und ich gab ihr ein Buch mit ganz kurzen und in der einfachsten Sprache gehaltenen Erzählungen. Sie ließ ihre Finger über die Zeilen gleiten, fand die Wörter heraus, die sie kannte, und erriet die Bedeutung der übrigen — alles in einer Weise, die auch den konservativsten Pädagogen zu der Ueberzeugung bringen würde, daß ein kleines taubstummes Kind, wenn ihm die Gelegenheit dazu geboten wird, ebenso leicht und auf ebenso natürlichem Wege lesen lernt wie normale Kinder.

Ich bin darum überzeugt, daß Helens Gewandtheit im englischen Ausdruck großenteils eine Folge ihrer fleißigen Lektüre ist. Sie liest oft zwei bis drei Stunden hintereinander und legt selbst dann das Buch nur widerstrebend zur Seite. Als wir eines Tages die Bibliothek verließen, erschien sie mir ernster als gewöhnlich, und ich erkundigte mich nach der Ursache davon. „Ich muß daran denken, wieviel klüger wirimmer sind, wenn wir hier herauskommen, als wenn wir hineingehen,“ — lautete ihre Antwort.

Auf die Frage, warum sie Bücher so sehr liebe, erwiderte sie einst: Weil sie mir so viel Interessantes über Dinge erzählen, die ich nicht sehen kann, und weil sie niemals müde oder schlechter Laune sind wie die Menschen. Sie erzählen mir alles und jedes, was ich zu wissen wünsche. —

Als wir Dickens’ »Child’s History of England« lasen, kamen wir an den Satz: „Noch war der Mut der Briten nicht gebrochen“. Ich fragte, was dies nach ihrer Meinung bedeute. Sie entgegnete: „Ich glaube, es bedeutet, daß die tapferen Briten nicht entmutigt waren, daß die Römer so viele Schlachten gewonnen hatten, und sie nur umsomehr zu vertreiben wünschten.“ — Es wäre ihr nicht möglich gewesen, die einzelnen Wörter dieses Satzes zu erklären, und doch faßte sie den Sinn der Stelle ganz richtig auf und war imstande, ihn mit ihren eigenen Worten wiederzugeben. Die nächsten Zeilen enthalten noch schwieriger zu verstehende Wendungen: „Als Suetonius das Land verließ, griffen sie seine Truppen an und eroberten die Insel Anglesea zurück.“ — Ihre Erläuterung dieses Satzes lautete folgendermaßen: „Es bedeutet, daß, als der römische General fortgegangen war, die Briten wiederum zu kämpfen begannen, und weil die römischen Soldaten keinen General hatten, der ihnen hätte sagen können, was sie tun sollten, so wurden sie von den Briten überwunden und verloren die Insel, die sie erobert hatten.“ —

Sie zieht geistige Beschäftigungen Handarbeiten vor und liebt Häkeln, Stricken und dergl. nicht in dem Maße wie viele blinde Kinder; aber sie will es ihnen durchaus in allen Leistungen gleichtun. Sie hat die Benutzung der Schreibmaschine erlernt und schreibt sehr korrekt, wenn auch bis jetztnoch nicht allzuschnell, da sie erst die Uebung von nicht ganz einem Monat hinter sich hat.

Vor länger als zwei Jahren lehrte ein Vetter sie das Telegraphenalphabet, indem er ihr die Punkte und Striche mit seinem Finger auf dem Rücken ihrer Hand vormachte. So oft sie jemanden antrifft, der mit diesem System bekannt ist, so ist sie erfreut, es bei der Unterhaltung in Anwendung bringen zu können. Ich habe gefunden, daß es ein bequemes Verständigungsmittel zwischen uns abgibt, wenn sich Helen in einiger Entfernung von mir befindet, denn es macht es mir möglich, mit ihr zu sprechen, indem ich mit meinem Fuße auf den Boden klopfe. Sie fühlt die Erschütterungen und versteht, was ich ihr mitzuteilen habe.

Man hatte in Gelehrtenkreisen gehofft, eine so hervorragend begabte Natur wie Helen würde, wenn sie völlig auf ihre eigenen Hilfskräfte angewiesen bliebe, Gelegenheit bieten, verschiedene psychologische Fragen, die vonDr.Howe noch nicht erschöpfend beantwortet worden waren, ihrer Lösung näher zu bringen; aber diese Hoffnungen sollten nicht in Erfüllung gehen. Bei Helen war ebenso wie bei Laura Bridgman eine Enttäuschung unvermeidlich. Es ist unmöglich, ein Kind inmitten der Gesellschaft so zu isolieren, daß es von den Anschauungen derer, mit denen es zusammenlebt, ganz unbeeinflußt bleibt. Bei Helen hätte eine solche Absicht nur dadurch erreicht werden können, daß man sie dem Verkehr mit anderen, der ihrer Natur so unentbehrlich ist, entzogen hätte.

Es mußte allen, die die rasche Entwickelung von Helens Anlagen beobachteten, klar sein, daß es unmöglich war, ihren wißbegierigen Geist auf die Dauer von der Beschäftigung mit den unergründlichen Geheimnissen des Lebens abzuhalten. Aber es wurde große Sorgfalt darauf verwandt, ihre Gedanken nicht vor der Zeit auf Gegenstände zu lenken, die fürjedermann ein unentwirrbares Rätsel bleiben. Kinder stellen tiefe Fragen, erhalten aber oft seichte Antworten, oder, um richtiger zu sprechen, sie beruhigen sich bei solchen Antworten.

„Woher bin ich gekommen?“ — und „Wohin werde ich gehen, wenn ich sterbe?“ — waren Fragen, die Helen stellte, als sie acht Jahre alt war. Aber die Erklärungen, die sie damals zu verstehen vermochte, waren unzulänglich, obgleich sie sie zum Schweigen brachten, bis ihr Geist seine höheren Kräfte zu äußern und sie aus zahllosen Eindrücken und Vorstellungen, die ihr aus Büchern und ihren täglichen Erfahrungen zuströmten, allgemeine Schlüsse zu ziehen begann. Ihr Geist forschte nach der Ursache der Dinge.

Sowie ihre Beobachtung der Naturerscheinungen umfassender und ihr Wortvorrat reicher und feiner wurde, sodaß sie imstande war, ihre eigenen Begriffe und Ideen klar auszudrücken und ebenso die Gedanken und Erfahrungen anderer zu verstehen, erkannte sie die Beschränktheit der menschlichen Schöpfungskraft und sah ein, daß eine andere Macht, die höher sei als die menschliche, die Erde, die Sonne und die tausend Naturgegenstände, mit denen sie völlig vertraut war, geschaffen haben müsse.

Schließlich fragte sie eines Tages nach einem Namen für diese Macht, deren Vorhandensein sie schon in ihrem Inneren erkannt hatte.

Durch Charles Kingsley’s »Greek Heroes« war sie mit den schönen Sagen über die griechischen Götter und Göttinnen bekannt geworden, und die Wörter Gott, Himmel, Seele und eine große Menge ähnlicher Ausdrücke mußten ihr schon in ihren Büchern begegnet sein.

Sie hatte niemals nach der Bedeutung solcher Wörter gefragt, auch nie eine Bemerkung gemacht, wenn sie vorkamen, und bis zum Februar 1889 hatte niemand zu ihr von Gottgesprochen. Zu jener Zeit versuchte eine liebe Verwandte, die zugleich eine eifrige Christin war, Helen von Gott zu erzählen; da diese Dame aber nicht Worte gebrauchte, die der Fassungskraft des Kindes angemessen waren, so machten diese Unterredungen wenig Eindruck auf Helen. Als ich später mit ihr sprach, sagte sie: „Ich habe Ihnen etwas sehr Spaßiges mitzuteilen. A. sagt, Gott habe mich und jedermann aus Erde gemacht; das muß aber ein Scherz sein. Ich bestehe doch aus Fleisch und Blut und Knochen, nicht wahr?“ — und dabei untersuchte sie mit offenbarer Genugtuung ihren Arm und lachte aus Herzensgrunde. Nach einem Weilchen fuhr sie fort: „A. sagt, Gott sei überall, und er sei die Liebe; aber ich kann mir niemand denken, der aus Liebe besteht. Liebe ist nur etwas in unserem Herzen drin. Dann sagte A. noch etwas sehr Komisches. Sie sagte, er (nämlich Gott) sei mein lieber Vater. Ich mußte darüber sehr lachen, denn ich weiß, mein Vater heißt Arthur Keller.“ —

Ich setzte ihr auseinander, sie sei noch nicht imstande, das Gesagte zu verstehen, und brachte sie mit leichter Mühe zu der Einsicht, es sei besser, über solche Dinge erst dann zu sprechen, wenn sie klüger geworden sei.

Im Laufe ihrer Lektüre war sie auf den Ausdruck »Mutter Natur« gestoßen, und lange Zeit pflegte sie alles, was nach ihrem Dafürhalten die menschliche Kraft überstieg, der Mutter Natur zuzuschreiben. Wenn sie vom Wachstum einer Pflanze sprach, sagte sie: „Mutter Natur sendet den Sonnenschein und den Regen, damit die Bäume und das Gras und die Blumen wachsen können.“ —

Eines Abends schien Helen nach dem Abendessen etwas ernster zu sein, und Frau H. fragte sie, woran sie dächte. „Ich denke daran, wieviel die liebe Mutter Natur in der Frühlingszeit zu tun hat,“ — antwortete sie. Als sie gefragtwurde, warum, erwiderte sie: „Weil sie für so viele Kinder zu sorgen hat. Sie ist die Mutter aller Dinge, der Blumen, Bäume und Winde.“ —

„In welcher Weise sorgt denn Mutter Natur für die Blumen?“ — fragte ich. „Sie sendet den Sonnenschein und den Regen, damit sie wachsen können,“ — antwortete sie, und nach einem Weilchen fuhr sie fort: „Ich denke mir, der Sonnenschein ist Mutter Naturs warmes Lächeln, und die Regentropfen sind ihre Tränen.“ —

Später sagte sie: „Ich weiß nicht, ob Mutter Natur mich erschaffen hat. Ich denke mir, meine Mutter erhielt mich vom Himmel her, aber ich weiß nicht, wo dieser Ort ist. Ich weiß, daß Tausendschönchen und Stiefmütterchen aus Samenkörnern kommen, die in die Erde gelegt worden sind; aber Kinder wachsen nicht aus der Erde hervor, das weiß ich ganz bestimmt. Ich habe noch nie eine Kindespflanze gesehen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, wer die Mutter Natur geschaffen hat, können Sie es? Ich liebe den schönen Frühling, weil die knospenden Bäume, die blühenden Blumen und das zarte grüne Laub mein Herz mit Freude erfüllen. Ich muß jetzt in meinen Garten gehen. Die Tausendschönchen und Stiefmütterchen werden glauben, ich habe sie vergessen.“ —

Seit dem Mai 1890 war es mir klar, daß ihre Entwickelung soweit fortgeschritten war, daß die religiösen Anschauungen der Personen ihrer Umgebung ihr nicht länger vorenthalten werden konnten. Sie bestürmte mich förmlich mit Fragen, die der Ausfluß ihrer regen Intelligenz waren.

Anfang Mai schrieb sie folgende Fragen in ihr Notizbuch: „Ich möchte über Dinge schreiben, die ich nicht verstehe. Wer schuf die Erde und die Meere und alles? Was macht die Sonne heiß? Wo war ich, ehe ich zu Mutter kam? Ich weiß, daß Pflanzen aus Samenkörnern emporwachsen, die in derErde liegen, aber ich bin fest überzeugt, daß Menschen nicht auf diese Weise entstehen. Ich habe noch nie eine Kindespflanze gesehen. Kleine Vögel und Hühnchen kommen aus Eiern. Ich habe sie gesehen. Was war das Ei, ehe es ein Ei war? Warum fällt die Erde nicht, da sie doch so groß und schwer ist? Sagen Sie mir etwas, was Vater Natur tut. Kann ich das Buch, die Bibel genannt, lesen? Bitte, sagen Sie Ihrer kleinen Schülerin viele Dinge, wenn Sie viele Zeit haben.“ —

Kann man, wenn man diese Fragen gelesen hat, daran zweifeln, daß das Kind, das imstande war, sie zu stellen, auch imstande war, wenigstens die einfachsten Antworten auf dieselben zu verstehen? Während Helens ganzer Erziehung habe ich unverrückbar daran festgehalten, daß sie verstehen kann, was sie zu wissen wünscht. Hätte freilich in Helens Geist kein solcher Denkprozeß stattgefunden wie der, von dem diese Fragen Zeugnis ablegen, so würde jegliche Erklärung dieser Punkte für sie unverständlich gewesen sein. Ohne jenes Maß geistiger Entwickelung und Regsamkeit, durch das man befähigt wird, die Notwendigkeit einer übermenschlichen schöpferischen Kraft einzusehen, ist keine Erklärung von Naturerscheinungen möglich.

Nachdem es ihr gelungen war, die Ideen, die langsam in ihrem Geist herangewachsen waren, in Worte zu fassen, schienen sie plötzlich all ihr Denken in Anspruch zu nehmen, und sie wollte durchaus alles erklärt haben. Als wir kurze Zeit, nachdem sie diese Fragen niedergeschrieben hatte, an einem großen Globus vorüberkamen, blieb sie vor ihm stehen und fragte: „Wer hat diewirklicheWelt geschaffen?“ — Ich antwortete: „Niemand weiß es, wie die Erde, die Sonne und alle die Weltkörper, die wir Sterne nennen, entstanden sind; aber ich will dir erzählen, wie kluge Männer es versucht haben, sich deren Entstehung klarzumachen und die großen, geheimnisvollen Kräfte der Natur zu enthüllen.“ —

Sie wußte, daß die Griechen viele Götter hatten, denen sie verschiedene Kräfte beilegten, weil sie glaubten, die Sonne, der Blitz und hundert andere Naturkräfte seien unabhängige, übermenschliche Wesen. Aber nach vielem Nachdenken und Forschen, sagte ich ihr, seien die Menschen zu der Ueberzeugung gelangt, daß all diese Kräfte nur Offenbarungen einer einzigen Macht seien, und dieser Macht hätten sie den Namen Gott gegeben.

Ein paar Minuten war sie still und dachte offenbar angestrengt nach. Dann fragte sie: „Wer hat Gott geschaffen?“ — Ich war genötigt, diese Frage ausweichend zu beantworten, denn ich konnte ihr das Geheimnis eines durch sich selbst existierenden Wesens nicht erklären. In der Tat würden viele ihrer eifrigen Fragen eine viel klügere Person, als ich bin, in Verwirrung gesetzt haben. Hier sind einige von ihnen: „Woraus machte Gott die neuen Welten? Woher nahm er die Erde, das Wasser, die Samenkörner und die ersten Tiere? Wo ist Gott? Haben Sie Gott je gesehen?“ — Ich sagte ihr, Gott sei allgegenwärtig, und sie dürfe sich ihn nicht als Person denken, sondern als das Leben, den Geist, die Seele aller Dinge. Sie unterbrach mich: „Nicht alle Dinge haben Leben. Die Felsen haben kein Leben und können nicht denken.“ — Man muß sie oft daran erinnern, daß es unendlich viele Dinge gibt, die die weisesten Leute auf der Welt nicht zu erklären vermögen.

Helen hat nie Unterricht über Dogmen oder Glaubensbekenntnisse erhalten, noch ist je ein Versuch gemacht worden, ihre Aufmerksamkeit mit Gewalt auf religiöse Lehrmeinungen zu lenken. Da ich mir meiner eigenen Unfähigkeit voll bewußt war, ihr irgendwelche zulängliche Erklärung von den Geheimnissen zu geben, die mit den Begriffen Gott, Seele, Unsterblichkeit verbunden sind, so hielt ich es stets für meine Pflicht, so wenig wie möglich mit meiner Schülerin über religiöse Dinge zusprechen. Der hochwürdige Herr Philips Brooks[27]hat ihr die Vaterliebe Gottes in ergreifender Weise dargelegt.

Sie hat bis jetzt noch nicht in der Bibel lesen dürfen, weil ich nicht weiß, wie sie dies gegenwärtig tun kann, ohne einen ganz irrigen Begriff von den Eigenschaften Gottes zu bekommen. Ich habe ihr bereits in schlichter Sprache von dem herrlichen, hilfsbereiten Leben Jesu und seinem qualvollen Tode erzählt. Die Erzählung rührte sie tief, als sie sie zum ersten Male hörte.

Als sie auf unsere Unterredung zurückkam, so geschah dies, um zu fragen: „Warum ging Jesus nicht fort, sodaß ihn seine Feinde nicht finden konnten?“ — Die Wunder Jesu betrachtete sie mit sehr kritischem Auge. Als ihr erzählt wurde, daß Jesus auf dem See einherwandelte, um seinen Jüngern entgegenzugehen, sagte sie sehr entschieden: „Es heißt nichtwandelte, sondernschwamm.“ — Als ich ihr davon erzählte, daß Jesus Tote auferweckt habe, wurde sie ganz stutzig und sagte: „Das glaube ich nicht, daß ein Toter wieder lebendig werden kann.“ —

Eines Tages sagte sie traurig: „Ich bin taub und blind. Das ist der Grund, warum ich den lieben Gott nicht sehen kann.“ — Ich lehrte sie das Wort unsichtbar (invisible) und erwiderte ihr: „Wir können Gott nicht mit unseren Augen sehen, weil er ein Geist ist; wenn aber unsere Herzen voll von Güte und Sanftmut sind, dann sehen wir ihn, weil wir ihm dann ähnlicher sind.“ —

Ein anderesmal fragte sie: „Was ist eine Seele?“ — „Niemand weiß, was die Seele ist,“ — entgegnete ich; „aber das wissen wir, daß sie nicht der Körper ist und daß sie der Teil von uns ist, der denkt, liebt und hofft und der, wie dieChristen glauben, weiterleben wird, wenn der Körper tot ist.“ — Dann fragte ich sie: „Kannst du dir deine Seele getrennt vom Körper denken?“ — „O ja,“ antwortete sie; „ich dachte vor einer Stunde sehr lebhaft an Herrn Anagnos, und da war mein Geist — meine Seele, verbesserte sie sich — in Athen, aber mein Körper war hier im Unterrichtszimmer.“ — In diesem Augenblicke schien ihr ein anderer Gedanke durch den Kopf zu gehen, denn sie fügte hinzu: „Aber Herr Anagnos sprach nicht zu meiner Seele.“ — Ich erklärte ihr, daß auch die Seele unsichtbar oder mit anderen Worten, ohne sinnlich wahrnehmbare Gestalt sei. „Aber wenn ich niederschreibe, was meine Seele denkt,“ versetzte sie, „dann wird sie sichtbar, und die Worte sind dann ihr Körper.“

Längere Zeit darauf sagte Helen zu mir: „Ich möchte sechzehnhundert Jahre leben.“ — Auf die Frage, ob sie nichtfür immerin einem schönen Lande, Himmel genannt, leben wolle, erwiderte sie zunächst: „Wo liegt der Himmel?“ — Ich mußte zugestehen, dies nicht zu wissen, äußerte aber die Vermutung, es könnte einer von den Sternen sein. Ein Weilchen darauf sagte sie nun: „Wollen Sie nicht die Freundlichkeit haben, zuerst hinzugehen und mir dann alles über ihn erzählen?“ — und fuhr dann fort: „Tuscumbia ist eine sehr hübsche kleine Stadt.“ — Es verging mehr als ein Jahr, ehe sie auf das Thema zurückkam, und als sie dies tat, waren ihre Fragen sehr zahlreich und dringend. Sie fragte: „Wo liegt der Himmel und wie sieht es dort aus? Warum können wir über den Himmel nicht soviel wissen wie über fremde Länder?“ — Ich erklärte ihr in sehr einfacher Sprache, es könne viel Orte mit dem Namen Himmel geben, aber der Hauptsache nach sei er ein Zustand — die Erfüllung des Sehnens des Herzens, die Befriedigung seiner Wünsche; der Himmel sei überall dort zu finden, wo das Rechte anerkannt, ausgeübt und geliebt werde.

Vor dem Gedanken an den Tod schrak sie mit augenscheinlichem Schauder zurück. Als ihr vor kurzem ein von ihrem Bruder erlegter Hirsch gezeigt wurde, war sie sehr traurig, und fragte bekümmert: „Warum muß alles sterben, selbst der schnellfüßige Hirsch?“ — Ein andermal fragte sie mich: „Glauben Sie nicht, daß wir alle viel glücklicher sein würden, wenn wir nicht zu sterben hätten?“ — „Nein,“ entgegnete ich, „denn wenn es keinen Tod gäbe, so würde unsere Welt mit lebenden Geschöpfen bald so überfüllt sein, daß keines von ihnen behaglich leben könnte.“ — „Aber,“ erwiderte Helen rasch, „meiner Meinung nach hätte Gott ebensogut mehrere Welten erschaffen können, wie er diese eine erschaffen hat.“ —

Als ihr einige Freundinnen von der großen Glückseligkeit erzählten, die unser in einem anderen Leben warte, fragte sie sofort: „Woher wissen Sie das, wenn Sie noch nicht tot gewesen sind?“ —

Der Umstand, daß sie ganz gebräuchliche Worte und Redewendungen mitunter in buchstäblichem Sinne nimmt, beweist, wie nötig es für uns ist, uns zu vergewissern, daß sie diese in ihrer richtigen Bedeutung auffaßt. Als ihr vor kurzem erzählt wurde, die Ungarn seien geborene Musiker, so fragte sie erstaunt: „Singen sie denn, wenn sie geboren werden?“ — Als ihre Freundin hinzufügte, daß einige Schülerinnen, die sie in Budapest gesehen habe, mehr als hundert Melodien in ihrem Kopfe hätten, antwortete sie lachend: „Dann wird es in ihrem Kopfe wohl sehr geräuschvoll zugehen.“ — Sie besitzt einen scharfen Blick für das Lächerliche, und anstatt sich durch eine bildliche Ausdrucksweise in Verlegenheit setzen zu lassen, ergötzt sie sich oft an ihrer allzu wörtlichen Auffassung der betreffenden Redewendungen.

Als ihr einmal gesagt worden war, die Seele sei gestaltlos,stutzte sie bei Davids Worten: ‚Er führet meine Seele‘. — „Hat sie Füße? Kann sie gehen? Ist sie blind?“ fragte sie, denn für die war die Vorstellung des Geführtwerdens mit der Vorstellung des Blindseins verknüpft.

Von allem, was Helen in Unruhe und Verwirrung versetzt, stimmt sie nichts so traurig, wie die Erkenntnis von dem Vorhandensein des Schlechten, und von den Leiden, die aus diesem entspringen. Lange Zeit hindurch war es möglich, sie vor dieser Erkenntnis zu bewahren, und es wird stets verhältnismäßig leicht sein, sie vor persönlicher Berührung mit Laster und Verderbtheit zu behüten. Die Tatsache, daß die Sünde existiert und daß großes Elend aus ihr entspringt, dämmerte ihrem Geiste allmählich auf, je mehr sie das tägliche Leben und seine Erfahrungen kennen lernte. Es mußte ihr die Notwendigkeit von Gesetzen und Strafen erklärt werden. Es wurde ihr sehr schwer, das Vorhandensein des Uebels in der Welt mit der Vorstellung von Gott zu vereinigen, die man ihr eingeprägt hatte.

Eines Tages fragte sie: „Sorgt Gott allezeit für uns?“ — Als ihr dies bejaht wurde, fuhr sie fort: „Warum hat er denn dann meine kleine Schwester heute morgen fallen lassen, sodaß sie sich den Kopf so arg zerschlagen hat?“ — Ein andermal fragte sie nach der Allmacht und Güte Gottes. Man hatte ihr von einem schrecklichen Sturme auf der See erzählt, bei dem mehrere Menschen ihr Leben eingebüßt hatten, und sie fragte: „Warum hat Gott die Leute nicht gerettet, wenn er alles zu tun vermag?“

Umgeben von liebenden Angehörigen und Freunden und unter veredelnden Einflüssen aufgewachsen, hat Helen vom Beginne ihrer geistigen Entwickelung an stets bereitwillig das Rechte getan. Sie erkennt mit unfehlbarem Instinkt, was recht ist, und tut es mit Freuden. Sie hält die eine schlechte Handlung nicht für harmlos, eine andere nicht für bedeutungslos, eine dritte nicht für unbeabsichtigt. Für ihre reine Seele ist alles Schlechte gleich häßlich.

Die letzten Aeußerungen Fräulein Sullivans über ihre Methode finden sich in dem Berichte, den sie für die im Juli 1894 in Chautauqua abgehaltene Versammlung der »Amerikanischen Vereinigung zur Förderung der Unterweisung der Taubstummen im Sprechen« verfaßt hat. Es heißt darin unter anderem:

Sie dürfen nicht glauben, daß Helen mit einem Schlage den Wortschatz der englischen Sprache zu beherrschen lernte, sobald sie den Gedanken, daß jeder Gegenstand eine Bezeichnung habe, erfaßte, oder daß »ihre geistigen Fähigkeiten in voller Waffenrüstung wie Pallas Athene aus Zeus’ Haupt aus der totenähnlichen Erstarrung, in der sie lebend schlummerten, emporstiegen«, wie einer ihrer begeisterten Bewunderer uns glauben machen möchte. Zu Anfang waren die Wörter, Redewendungen und Sätze, deren sie sich zum Ausdruck ihrer Gedanken bediente, sämtlich Nachahmungen derer, die wir in der Unterhaltung mit ihr angewandt hatten und die ihr Gedächtnis unbewußt festgehalten hatte. Und in der Tat, dies trifft auf die Sprache aller Kinder zu. Ihre Sprache ist die Erinnerung an die Sprache, die sie in ihrem Elternhause gehört haben. Die fortwährende Wiederholung der im täglichen Leben üblichen Unterhaltung hat ihrem Gedächtnis gewisse Wörter und Redewendungen eingeprägt, und wenn sie zu sprechen beginnen, so liefert ihnen ihr Gedächtnis die Wörter, die sie stammeln. Gleicherweise ist die Sprache der Gebildeten die Erinnerung an die Sprache der Bücher.

Die Sprache wächst aus dem Leben, dessen Bedürfnissen und Erfahrungen hervor. Anfangs war der Geist meiner kleinen Schülerin völlig leer. Sie hatte in einer Welt gelebt,die sie nicht erkennen konnte. Sprache und Erkenntnis sind unlöslich miteinander verknüpft; sie stehen zueinander in wechselseitiger Beziehung. Gute Leistungen im Gebrauch der Sprache setzen eine wirkliche Kenntnis der Dinge voraus und hängen von dieser ab. Sobald Helen die Vorstellung faßte, daß jeder Gegenstand eine Bezeichnung habe und daß diese Bezeichnungen mit Hilfe des Fingeralphabets anderen übermittelt werden können, ging ich dazu über, ihr Interesse an den Dingen, deren Bezeichnungen sie mit so offenkundiger Freude buchstabieren lernte, wachzurufen. Niemals erteilte ich ihr Unterricht im Sprechen lediglich zu Unterrichtszwecken, sondern ich bediente mich stets der Sprache als eines Mittels zur Gedankenübertragung, und so fiel die Erlernung der Sprache mit der Aneignung von Kenntnissen zusammen. Um die Sprache in vernünftiger Weise zu gebrauchen, muß man etwas haben, worüber man spricht, und dies ist wieder das Ergebnis von Erfahrungen, die man gemacht hat. Kein Maß von Sprachübung wird unsere Kinder befähigen, die Sprache leicht und fließend zu handhaben, wenn sie sich nicht in ihrem Innern klargemacht haben, was sie sagen wollen, oder wenn es uns nicht gelungen ist, in ihnen den Wunsch rege zu machen, zu erfahren, was im Innern anderer Menschen vorgeht.

Anfangs band ich mich bei meinem Unterricht an keinen bestimmten Plan. Ich suchte stets herauszufinden, wofür sich Helen am meisten interessierte, und machte dies zum Ausgangspunkt der neuen Lektion, mochte es nun mit dem Gegenstand, den ich mir zu behandeln vorgenommen hatte, zusammenhängen oder nicht. Während der ersten beiden Jahre ihrer geistigen Entwickelung hielt ich Helen sehr selten zum Schreiben an. Um schreiben zu können, muß man einen Stoff haben, über den man schreibt, und dies erfordert wiederum einige geistige Vorbereitung. Das Gedächtnis muß einen Vorrat von Vorstellungen haben und der Geist muß durch Wissen bereichert sein, bevor das Schreiben eine naturgemäße und angenehme Arbeit wird. Unsere Kinder werden, glaube ich, nur zu häufig zum Schreiben angehalten, ehe sie etwas zu sagen haben. Man lehre sie denken, lesen und aussprechen, was sie meinen, und sie werden schreiben, weil sie nicht anders können.

Helen eignete sich die Sprache mehr durch Uebung und Gewohnheit an, als durch das Erlernen von Regeln und Definitionen. Die Grammatik mit ihrer verwirrenden Menge von Klassifikationen, Bezeichnungen und Paradigmen war aus dem Unterrichte gänzlich verbannt. Sie erlernte die Sprache dadurch, daß sie mit der lebenden Sprache selbst in Berührung gebracht wurde; sie lernte diese aus der täglichen Unterhaltung und aus ihren Büchern kennen und wurde veranlaßt, sie in der mannigfaltigsten Weise hin- und herzuwenden, bis sie imstande war, sie richtig zu gebrauchen. Zweifellos sprach ich mehr und anhaltender mit meinen Fingern, als ich es mit meinem Munde hätte zu tun brauchen; denn wenn sie hätte sehen und hören können, so würde sie in Bezug auf Unterhaltung und Belehrung weniger von mir abhängig gewesen sein.

Ich glaube, jedes Kind hat in seinem Innern wertvolle Eigenschaften verborgen, die belebt und entwickelt werden können, wenn wir nur den richtigen Weg einschlagen; niemals werden wir aber die höheren Naturen unter uns in angemessener Weise entwickeln, wenn wir fortfahren, ihren Geist mit den sogenannten Anfangsgründen vollzustopfen. Die Mathematik wird sie nie zu liebevollen Wesen machen, und ebensowenig wird die Kenntnis von der Größe und der Gestalt der Erde sie zur Würdigung von deren Schönheiten befähigen. Statt dessen wollen wir die Kinder in den ersten Jahren lieber dazu anleiten, ihren höchsten Genuß in der Natur zu finden. Wir wollen sie auf den Feldern umherspringen lassen, ihnenvon Tieren erzählen und sie zur Beobachtung der realen Dinge anhalten. Kinder werden sich unter gesunden Verhältnissen selbst erziehen. Sie bedürfen viel mehr einer liebevollen Leitung als der Belehrung.

Ich glaube, daß zu Helens fließendem Sprechen viel der Umstand beigetragen hat, daß fast jeder Eindruck, den sie empfängt, ihr durch das Medium der Sprache vermittelt wird. Aber abgesehen von Helens natürlicher Beanlagung zum Erlernen der Sprache und dem günstigen Einflusse ihrer Umgebung werden wir, glaube ich, finden, daß der beständige Umgang mit guten Büchern von der größten Bedeutung für ihre Erziehung gewesen ist. Es ist nicht erforderlich, daß ein Kind jedes Wort in einem Buche verstehe, wenn es dasselbe mit Genuß und Nutzen lesen soll. In der Tat sollten nur solche Erklärungen gegeben werden, die wirklich wesentlich sind. Helen nahm die Sprache in sich auf, die sie anfangs noch nicht verstehen konnte, die aber in ihrem Geiste zurückblieb, bis sie ihrer bedurfte, und die Worte sich von selbst ihrer Unterhaltung und ihren schriftlichen Ausarbeitungen anschmiegten. In der Tat ist von einigen behauptet worden, daß sie zuviel lese, daß sie einen großen Teil ihrer schöpferischen Kraft in der Freude an Büchern zersplittere, daß, während sie selbständig urteilen und sich ausdrücken könne, sie die Dinge lediglich durch die Augen anderer betrachte und sich in deren Sprache ausdrücke; allein ich bin überzeugt, daß selbständiges Arbeiten ohne Vorbereitung durch fleißige Lektüre ein Ding der Unmöglichkeit ist. Helen hat die besten und reinsten Muster in der Sprache beständig vor Augen, und ihre Unterhaltung sowie ihre schriftlichen Darlegungen sind unbewußte Erinnerungen an das, was sie gelesen hat. Das Lesen sollte meines Erachtens unabhängig von den sonstigen Schularbeiten betrieben werden. Kinder sollten zum Lesen rein des Vergnügens wegenermuntert werden. Die Haltung, die ein Kind seinen Büchern gegenüber einnimmt, sollte die der unbewußten Empfänglichkeit sein. Die großen Werke der Dichtkunst sollten einen Teil seines Lebens ausmachen, sowie sie einst der wahre Lebensinhalt für ihre Urheber waren. Es ist richtig, je empfänglicher und phantasiereicher der Geist ist, der das in der Literatur Gebotene aufnimmt, desto genauer werden auch die feinsten Züge wiedergegeben. Helen besitzt ein lebhaftes Empfinden, ein frisches, leicht erregbares Interesse an allem, einen geistigen Einblick in das Wesen des künstlerischen Temperaments und infolgedessen natürlich eine lebhaftere und intensivere Freude am Leben, einfach als Leben aufgefaßt, an der Natur, an Büchern und an Menschen als minderbegabte Sterbliche. Ihr Geist ist von den hohen Gedanken und den Idealen der großen Dichter so erfüllt, daß ihr nichts als Gemeinplatz erscheint, denn ihre Phantasie schmückt das ganze Leben mit ihren eigenen reichen Farben aus.

Fräulein Sullivan hat mit ihrer Methode dort eingesetzt, woDr.Howe aufgehört hat. Er erfand das Instrument, das physische Werkzeug, aber das Lehren der Sprache ist etwas ganz anderes als das mechanische Mittel, durch das die Sprache gelehrt werden kann. Durch Versuche, durch die Beobachtung anderer Kinder gelangte Fräulein Sullivan auf den praktischen Weg, die Sprache nach der natürlichen Methode zu lehren. Nach dieser »natürlichen Methode« hatteDr.Howe gesucht, sich aber nie zu dem Gedanken aufschwingen können, daß man ein taubstummes Kind nicht jedes Wort einzeln für sich durch Definition lehren darf, sondern daß ihm die Sprache durch unaufhörliche Wiederholung von Wörtern, die es nichtversteht, beigebracht werden muß. Und hierin besteht Fräulein Sullivans große Entdeckung. Den ganzen Tag hindurch vom frühen Morgen bis zum späten Abend buchstabierte Fräulein Sullivan unverdrossen in die Hand ihrer Schülerin, und hierdurch fing Helen Keller Wörter auf, genau so wie das Kind in der Wiege Wörter auffängt, dadurch, daß es sie zu Tausenden hört, ehe es ein einziges gebraucht, und die Wörter mit der Gelegenheit, bei der sie gesprochen wurden, in der Erinnerung verknüpft. So lernt es, daß Wörter Gegenstände, Handlungen, Empfindungen bezeichnen. Dieses ist das erste Prinzip bei Fräulein Sullivans Methode, ein Prinzip, das praktische Ergebnisse gezeitigt hat und das, soviel ich finden kann, niemals bei der Erziehung eines taubstummen Kindes, geschweige denn eines taubstummen und blinden, praktisch angewandt worden ist, ehe es Fräulein Sullivan bei Helen Keller versuchte. Und dieses Prinzip ist auch nicht eher klar formuliert worden, bevor Fräulein Sullivan ihre Briefe schrieb.

Das zweite Prinzip bei ihrer Methode (die numerische Reihenfolge ist natürlich willkürlich) besteht darin, mit dem Kinde nie über Dinge zu sprechen, die ihm unangenehm oder langweilig sind. In der ersten Taubstummenschule, die Fräulein Sullivan überhaupt besuchte, war die Lehrerin damit beschäftigt, auf der Wandtafel den Kindern mittels geschriebener Worte etwas mitzuteilen, was diese nicht zu wissen verlangten, während sie die besuchenden Gäste mit der größten Neugierde umringten und dadurch den Beweis lieferten, daß es tausenderlei Dinge gab, die sie zu wissen verlangten. Warum knüpfte die Lehrerin beim Sprachunterricht nicht an das an, wofür sich die Kinder interessierten?

Verwandt mit dem Grundsatz, mit dem Kinde nur über Dinge zu sprechen, für die es sich interessiert, ist der weitere, einem Kinde, das Fragen stellt, niemals den Mund zu verbieten,sondern seine Fragen so gut wie möglich zu beantworten. Fräulein Sullivan paßte ihre Ausführungen weder in Inhalt noch in Form dem vermeintlichen niedrigen Stande der Intelligenz des Kindes an, sondern ersuchte jedermann, mit Helen natürlich zu sprechen, ihr ganze Sätze und vernünftige Gedanken mitzuteilen, gleichviel, ob Helen sie verstehe oder nicht. So erkannte Fräulein Sullivan, was so viele noch nicht begreifen wollen, daß nach der ersten allereinfachsten Definition von »Hut«, »Tasse«, »gehen«, »sitzen« die Spracheinheit für das Kind der Satz ist, wie dieser ebenfalls die Spracheinheit der Erwachsenen darstellt.

So schuf sich Fräulein Sullivan eine Methode, die so einfach ist und so sehr alles künstlichen Zuschnittes ermangelt, daß ihre Methode eher die Verneinung jeder Methodik zu sein scheint. Es ist zweifelhaft, ob wir etwas von Helen Keller erfahren hätten, wenn Fräulein Sullivan nicht schon vorher mit anderen Kindern verkehrt hätte. Durch deren Beobachtung lernte sie ihren Zögling soviel wie möglich wie ein normales Kind behandeln.

Das Fingeralphabet war nicht das einzige Mittel, Helen die Kenntnis von Wörtern beizubringen. Bücher ergänzten das Fingeralphabet, ja kamen diesem vielleicht an Bedeutung für den Sprachunterricht gleich. Helen saß voller Eifer über ihnen, bevor sie lesen konnte, anfänglich nicht des Inhaltes wegen, sondern um die Wörter, die sie kannte, herauszufinden, und die Erläuterung neuer Wörter durch den Zusammenhang, durch die Verbindung mit schon bekannten, bereicherten Helens Wortschatz. Die Bücher sind der Speicher der Sprache, und jedes Kind, mag es taub sein oder nicht, muß lernen, wenn seine Aufmerksamkeit in irgend einer Weise auf gedruckte Blätter gelenkt wird. Es lernt nicht dadurch, daß es liest, was es versteht, sondern dadurch, daß es Wörter liest die es nicht versteht,und deren es sich später erinnert. Und obgleich wenig Kinder ein so frühreifes Interesse an Büchern nehmen wie Helen Keller, so kann doch die natürliche Neugierde eines jeden Kindes auf gedruckte Blätter gelenkt werden, namentlich, wenn der Lehrer geschickt ist und ein Wörterspiel einleitet, wie es Fräulein Sullivan tat (s.S. 287 f.). Helen Keller soll eine besondere Sprachbegabung besitzen. Richtiger würde man sagen, sie besitze eine besondere Begabung für das Denken, und ihre Vorliebe für die Sprache sei auf den Umstand zurückzuführen, daß die Sprache für sie gleichbedeutend mit Leben ist. Die Sprache war kein besonderes Fach für sie wie Geographie oder Arithmetik, sondern das Mittel, durch das sie zur Kenntnis äußerer Dinge gelangte.

Als sie im Alter von vierzehn Jahren erst wenige Unterrichtsstunden im Deutschen gehabt hatte, überlas sie den Text von »Wilhelm Tell« und versuchte die Handlung des Stückes herauszufinden. Von der Grammatik wußte sie nichts und kümmerte sich auch nicht um sie. Sie lernte die Sprache von der Sprache selbst, und dies ist neben dem Hören der Sprache eine lebendigere und am Ende auch leichtere Art und Weise, eine fremde Sprache zu erlernen, als unsere Schulmethode, mit der Grammatik zu beginnen. Auf dieselbe Weise spielte sie mit dem Latein, indem sie nicht allein aus den Lektionen lernte, die ihr erster lateinischer Lehrer ihr gab, sondern auch daraus, daß sie die Worte eines Textes immer und immer wieder überlas — ein Spiel, das sie für sich selbst trieb.

Herr John D. Wright, einer ihrer Lehrer an der Wright-Humason-Schule, schreibt über Helen:

Oft fand ich sie, wenn sie einen Augenblick freie Zeit hatte, in ihrer Lieblingsecke auf einem Armstuhle sitzen, auf dessen Seitenlehnen das schwere in Blindendruck hergestellte Buch ruhte, während sie ihren Finger langsam über die Zeilen vonMolières Lustspiel »Le Médecin malgré lui« gleiten ließ und bei den komischen Situationen und humoristischen Zügen leise vor sich hin lachte. Damals war ihr Wortvorrat im Französischen noch sehr klein, aber unter Zuhilfenahme ihres Verstandes vermochte sie die Bedeutung der Wörter zu erraten, sodaß sie sich den Sinn zusammensetzte wie ein Kind das Zusammenlegespiel betreibt. Die Folge davon war, daß nach Verlauf weniger Wochen wir beide, sie und ich, eines Abends eine höchst heitere Stunde verlebten, in der sie mir die ganze Handlung des Dramas erzählte, wobei sie mit großem Behagen bei dem darin herrschenden Humor und blendenden Witze verweilte. Es war keine Unterrichtsstunde, sondern nur eine ihrer Erholungen. —

So ist Helen Kellers Sprachbegabung identisch mit ihrer gesamten geistigen Begabung, die sich wegen des außerordentlichen Wertes, den die Sprache für das junge Mädchen besitzt, auf diese geworfen hat.

Man hat die Frage aufgeworfen, ob Helen Kellers Leistungen ihrer natürlichen Befähigung oder der bei ihrem Unterricht benutzten Methode zu verdanken seien. Ohne allen Zweifel würde eine Lehrerin, und wenn sie zehnmal so genial gewesen wäre wie Fräulein Sullivan, ihre Schülerin nicht so weit haben bringen können wie Helen Keller, wenn sie es mit einem unbegabten und geistig minderwertigen Kinde zu tun gehabt hätte. Andererseits würde aber Helen Keller unzweifelhaft, auch wenn sie noch zehnmal soviel Genie besessen hätte, sich nicht zu dem entwickelt haben, was sie ist, wenn sie nicht vom ersten Augenblick an, namentlich zu Anfang eine so vortreffliche Erziehung genossen hätte.

Fräulein Sullivan ist eine Persönlichkeit von ungewöhnlichen Fähigkeiten. Ihre Methode wird, von einem anderen Lehrer ausgeübt, nicht dieselben Erfolge zeitigen. Fräulein Sullivans starker selbständiger Geist hat viel von seiner Spannkraft auf ihre Schülerin übertragen. Dies heißt aber nicht, daß Fräulein Keller sich in vollständiger Abhängigkeit von ihrer Lehrerin befindet. Es wird erzählt, daß sie im Alter von acht Jahren einmal, als jemand sie zu etwas zu bewegen suchte, eine Weile ernst dasaß und dann auf die Frage, was ihr fehle, antwortete:I am preparing to assert my independence.Eine solche eigenwillige Persönlichkeit kann nicht in völliger Abhängigkeit aufwachsen, selbst nicht unter dem Einfluß eines Willens, der so stark ist wie der Fräulein Sullivans. Aber letztere hat vermöge ihrer natürlichen Veranlagung vieles für ihren Zögling getan, was sich nicht analysieren oder auf ein Prinzip zurückführen läßt: sie hat ihr die Anregungen zu teil werden lassen, die in dem Wesen der wahren Freundschaft begründet sind, die die Kräfte beider Teile weit mehr zur Entfaltung bringt als sie hemmt. Wenn Fräulein Keller außerdem ein »Engel an Sanftmut und Güte« ist, wenn sie eine starke Liebe »zu allem Guten und Schönen« hegt, so verdankt sie sicher etwas davon der Lehrerin, die volle sechzehn Jahre hindurch beständig um sie gewesen ist.

Fräulein Sullivan hat demnach vieles für Fräulein Keller getan, was keine andere Lehrerin in genau derselben Weise für eine andere Schülerin hätte tun können. Um eine zweite Helen Keller heranzubilden, müßte man eine zweite Annie Sullivan haben. Um ein anderes taubstummes und blindes Kind sorgfältig zu erziehen, dazu braucht man nur einen anderen Lehrer, der unter günstigen Verhältnissen tätig ist, eine Fülle von äußeren Interessen besitzt, stets mit seinem Zögling zusammenlebt, völlig freie Hand hat und die Prinzipien, die zu finden Fräulein Sullivan ihm die Mühe erspart hat, nach seinen Bedürfnissen anwendet, indem er sie modifiziert und ergänzt, je nachdem er es für nötig erachtet; ebenso muß der Zögling gesund, von guten natürlichen Anlagen und jung genugsein, um noch Bildungsfähigkeit zu besitzen. Jedes taubstumme oder taubstumme und blinde Kind kann, wofern es gesund ist, unterrichtet werden. Und die einzigen, die dies zu tun vermögen, sind die Eltern, oder ein Hauslehrer, nicht die Schule. Dieser Satz wird von den Leitern von Taubstummenanstalten sicher auf das heftigste bekämpft werden. Unzweifelhaft ist die Taubstummenanstalt die einzige Möglichkeit für den staatlichen Unterricht. Aber es ist klar, daß das, worin das taubstumme Kind unterwiesen werden soll, gerade das ist, was andere Kinder lernen, bevor sie überhaupt in die Schule gehen. Als Fräulein Sullivan in den Geflügelhof trat, ein junges Hühnchen aufhob und mit Helen darüber sprach (s.S. 236), so erteilte sie eine Art von Unterricht, der innerhalb der vier Wände unmöglich ist.

Augenscheinlich befindet sichDr.Howe im Irrtum, wenn er sagt: Ein Lehrer kann kein Kind sein. Gerade dies ist es, was der Lehrer eines taubstummen Kindes sein muß, selbst ein Kind, bereit, zu spielen und herumzutollen und an allem kindlichen Tun Interesse zu finden.

Wesentlich für Helen Kellers Entwickelung war der Umstand, daß sie während der ersten neunzehn Monate ihres Lebens sehen und hören konnte. Dies bedeutete eine gewisse geistige Entwickelung. Außerdem besaß sie von ihren Eltern her gute körperliche und geistige Anlagen. Sie drückte ihre Gedanken durch Zeichen aus, ehe sie sprechen lernte. Frau Keller äußerte in einem Briefe, daß Helen vor ihrer Krankheit für all und jedes Zeichen gebrauchte, und glaubte, diese Angewohnheit sei schuld daran, daß das Kind so spät sprechen gelernt habe. Nach der Krankheit, als sie vollständig auf Zeichen angewiesen war, entwickelte sich Helens Neigung zur Gestikulation. Wie weit sich andere ihr verständlich machen konnten, läßt sich schwer feststellen, aber sie erkannte viel von dem, wasum sie herum vorging. Sie wußte, daß andere ihre Lippen bewegten, sie »sah« ihren Vater eine Zeitung lesen, und als dieser sie beiseite gelegt hatte, setzte sie sich auf seinen Stuhl und hielt die Zeitung vor ihr Gesicht (s.S. 14). Ihre anfänglichen Wutausbrüche waren ein unglücklicher Ausdruck ihrer angeborenen Charakterstärke, die durch die Erziehung später in geschulte und geregelte Kraft umgewandelt wurde.

So war es denn eine dankbare Aufgabe für Fräulein Sullivan, einer solchen Schülerin ihre Hingebung, ihre Intelligenz und ihre vor keiner Schwierigkeit zurückschreckende Willfährigkeit zu widmen. Fräulein Sullivans Methode war so vorzüglich, daß jedermann deren Richtigkeit anerkennen müßte, selbst wenn sie keinen Erfolg gehabt hätte. Zudem besaß Fräulein Sullivan eine große Energie. Und schließlich begünstigten alle Umstände diesen ersten Unterricht, bei dem Lehrerin und Schülerin in untrennbarer Gemeinschaft miteinander spielten, sich gegenseitig ergründeten und gegenseitig erzogen.


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