Die Abfassung des Buches.

Die Abfassung des Buches.

Schwierigkeit der Prüfung des mit der Schreibmaschine hergestellten Manuskriptes. — Braillekopie. — Revision mit Hilfe Fräulein Sullivans.

Man muß gestehen, Fräulein Kellers »Geschichte meines Lebens« erscheint gerade jetzt zur rechten Zeit. Die Entwickelung der Verfasserin ist im wesentlichen abgeschlossen, und was sie auch in Zukunft noch erreichen mag, es wird immer nur ein verhältnismäßig geringfügiger Zuwachs zu den Erfolgen sein, die sie schon jetzt aufzuweisen hat. Diese Erfolge liegen klar zutage, denn ihre Leistungen im Radcliffe College während der letzten beiden Jahre haben bewiesen, daß sie ihre Ausbildung so weit fortsetzen kann, als ob sie unter normalen Bedingungen studierte. Alle Zweifel, die Fräulein Keller etwa selbst gehegt haben mag, sind nun verstummt.

Um den Leser in den Stand zu setzen, Fräulein Kellers Aufzeichnungen von dem richtigen Gesichtspunkte aus zu betrachten, sind einige Erläuterungen notwendig. In der Schilderung, die sie von ihren ersten Unterrichtsjahren entwirft, gibt sie keinen wissenschaftlich genauen Bericht über ihr Leben, nicht einmal über die wichtigsten Ereignisse darin. Sie kann im einzelnen nicht wissen, in welcher Weise sie unterrichtet wurde, und die Erinnerung an ihre Kindheit ist zum Teil eine idealisierte Erinnerung an das, was sie später von ihrer Lehrerin und anderen erfahren hat. Sie ist weniger imstande, sich auf Ereignisse zu entsinnen, die fünfzehn Jahre zurückliegen, als die meisten von uns sich ihre Kindheit ins Gedächtnis zurückrufen können. Aus diesem Grund wird man stellenweise einen Unterschied zwischen den Aufzeichnungen Fräulein Kellers und den Berichten ihrer Lehrerin finden.

Die Art und Weise, in der Fräulein Keller ihre Biographie geschrieben hat, legt deutlicher als alles andere Zeugnis von den Schwierigkeiten ab, die sie zu überwinden hatte. Wenn wir schreiben, so können wir das Fertiggewordene überlesen, seitenlang zurückblättern, einfügen, die Anordnung ändern; wir können sehen, wie sich die Sätze im Konzepte ausnehmen, und so das ganze Werk offensichtlich vor unseren Augen aufbauen, wie ein Architekt seine Pläne entwirft. Wenn Fräulein Keller die Schreibmaschine benutzt, so kann sie das Niedergeschriebene nur prüfen, wenn es ihr jemand mittels des Fingeralphabets vorliest.

Diese Schwierigkeit wird zum Teil durch die Benutzung der Braillemaschine gehoben, die ein für sie lesbares Manuskript liefert; da ihre Arbeit doch aber zuletzt in Schreibmaschinenschrift übertragen werden muß, und eine Braillemaschine etwas unbequem zu handhaben ist, so hat sie sich daran gewöhnt, sofort mit der Schreibmaschine zu arbeiten. Sie ist so wenig von ihrem Braillemanuskript abhängig, daß, als sie vor länger als Jahresfrist ihre Biographie zu schreiben begann und etwa hundert Seiten des Entwurfes nebst einzelnen Bemerkungen hiezu fertiggestellt hatte, sie aus Unachtsamkeit diese Anmerkungen vernichtete, ehe sie ihr Manuskript beendet hatte. Daher schrieb sie einen großen Teil ihrer Biographie mittels der Schreibmaschine nieder und verließ sich behufs der Zusammenstellung der einzelnen Episoden, die ihr Fräulein Sullivan vorlas, bei der endgültigen Ausarbeitung ganz auf ihr Gedächtnis.

Als sie im vergangenen Juli unter großer Ueberbürdung mit Arbeit das Schlußkapitel beendet hatte, begann sie dasganze Buch mit der Schreibmaschine umzuschreiben. Ein guter Freund von ihr, Herr William Wade, hatte für sie eine vollständige Braillekopie nach den Niederschriften angefertigt. Nun hatte sie zum ersten Male ihr gesamtes Manuskript auf einmal unter den Fingern. Sie bemerkte Mängel in der Anordnung der Abschnitte und Wiederholungen einzelner Redewendungen; ferner erkannte sie, daß ihre Biographie von selbst in kurze Kapitel zerfiel, und teilte sie demgemäß von neuem ein.

Teils infolge ihres Temperaments, teils infolge der Bedingungen, unter denen ihr Buch entstanden war, hatte sie mehr eine Reihe glänzender Einzelschilderungen als eine einheitliche Erzählung gegeben; in der Tat sind verschiedene Abschnitte ihrer Biographie kurze Aufsätze, die sie in ihren englischen Unterrichtsstunden geschrieben hatte, und die lose Verbindung zeigt mitunter ihren ursprünglichen Umfang an.

Bei der Reinschrift brachte Fräulein Keller mit Hilfe ihrer Brailleschreibmaschine Korrekturen und Ergänzungen auf besonderen Blättern zu Papier. Längere Korrekturen schrieb sie mittels der Schreibmaschine nieder und bezeichnete die Stellen, an die sie gehörten, durch Stichworte. Dann las sie das ganze Buch von ihrer Braillekopie ab und brachte während des Lesens noch Korrekturen an, die auf das Manuskript niedergeschrieben wurden, das dann in die Druckerei kam. Während dieser Revision erörterte sie Fragen, die auf Inhalt und Form Bezug hatten. Sie saß da, ließ ihre Finger über das Braillemanuskript gleiten, hielt dann und wann inne, um die Blätter, auf die sie ihre Notizen in Brailleschrift aufgezeichnet hatte, zu vergleichen, und las die ganze Zeit über laut, um ihre Zuhörer in die Lage zu versetzen, das Manuskript zu kontrollieren.

Sie hörte auf die Kritik genau so wie jeder andere Schriftsteller auf das Urteil seiner Freunde oder seines Verlegers hört. Fräulein Sullivan, die eine ausgezeichnete Kritikerin ist, machteihr sowohl bei der Ausarbeitung wie bei der Revision vielfach Verbesserungsvorschläge. Man hat behaupten wollen, Fräulein Keller sei durch übereifrige Freunde zur Abfassung ihres Buches sowie zur Einfügung gewisser Dinge gedrängt worden. In Wahrheit haben die Ratschläge, die sie erhalten und befolgt hat, mehr zu Streichungen als zu Zusätzen geführt. Das Buch ist Fräulein Kellers ausschließliches geistiges Eigentum und der entscheidende Beweis für ihre selbständige Begabung.


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