Elftes Kapitel.
Rückkehr nach Tuscumbia. — Fern Quarry. — Jagden. — Bony »Black Beauty«. — In Lebensgefahr.
Im Herbst kehrte ich mit einem Herzen voll von freundlichen Erinnerungen nach meiner südlichen Heimat zurück. So oft ich mir diesen Besuch im Norden ins Gedächtnis zurückrufe, erfüllt er meine Seele immer von neuem mit Bewunderung über die reichen, mannigfaltigen Erfahrungen, die sich mit ihm verbinden. Er scheint mir der Ausgangspunkt meiner ganzen künftigen Entwickelung gewesen zu sein. Die Schätze einer neuen, schönen Welt wurden mir zu Füßen gelegt, und bei jedem Ausgange empfing ich erheiternde und belehrende Eindrücke. Ich lebte selbst in allen Dingen mit. Ich saß keinen Augenblick still; mein Leben war so voller Bewegung wie das jener kleinen Insekten, deren ganzes Dasein sich im Laufe eines kurzen Tages abspielt. Ich begegnete vielen Menschen, die sich mit mir unterhielten, indem sie die Worte in meine Hand buchstabierten, und in fröhlicher Wechselwirkung stiegen Gedanken auf, um sich mit Gedanken anderer zu kreuzen, und siehe da! es geschah ein Wunder! Die öden Strecken, die meinen Geist von dem meiner Mitmenschen getrennt hatten, bedeckten sich mit Blüten wie ein Rosenstrauch.
Die Herbstmonate brachte ich mit meiner Familie in unserem Sommerlandhause zu, das auf einem Berge ungefähr vierzehn Meilen von Tuscumbia entfernt lag. Es hieß Fern Quarry weil sich in seiner Nähe ein jetzt längst aufgegebener Kalkbruch befunden hatte. Drei muntere, in den Felsen oberhalb entspringende Bäche, durchströmten den Bruch, hier ruhig fließend, dort in sprudelnden Kaskaden schäumend, wo die Felsen ihnen den Weg zu versperren suchten. Der Eingang war mit Farnen bedeckt, die die Kalksteinschichten vollständig überwucherten. Derübrige Teil des Berges war dicht bewaldet. Hier wuchsen hohe Eichen und mächtige Tannen mit Stämmen, gleich moosigen Säulen, von deren Zweigen Gewinde von Efeu und Mistel herniederhingen, ebenso Persimonbäume, deren Wohlgeruch jeden Winkel des Waldes durchdrang — ein verlockendes, duftendes Etwas, das das Herz fröhlich machte. Stellenweise zogen sich wilde Weinreben von Baum zu Baum und bildeten Lauben, die der Lieblingsaufenthalt von Schmetterlingen und summenden Insekten waren. Es war köstlich, sich am späten Nachmittag unter den grünen Gewölben und in den Irrgängen jenes Waldes zu verlieren und den kühlen erquickenden Duft einzuatmen, der bei Sonnenuntergang aus der Erde emporstieg.
Unser Landhaus war eine Art Jagdhütte, schön gelegen auf dem Gipfel des Berges zwischen Eichen und Fichten. Die kleinen Zimmer befanden sich zu beiden Seiten einer langen, offenen Halle. Rings um das Haus dehnte sich ein weiter Platz aus, zu dem die Bergeswinde alle Wohlgerüche des Waldes herübertrugen. Auf diesem Platze brachten wir den größten Teil des Tages zu — hier arbeiteten, aßen und spielten wir. An der hinteren Tür des Hauses erhob sich ein mächtiger Nußbaum, um den herum Stufen führten, und vorn standen die Bäume so nahe, daß ich sie berühren und fühlen konnte, wenn der Wind ihre Zweige hin und her bewegte, oder das Laub in den Herbststürmen zu Boden wirbelte.
Wir hatten viel Besuch in Fern Quarry. Abends spielten die Männer am Lagerfeuer Karten und vertrieben sich die Zeit mit Gesprächen und körperlichen Uebungen. Sie erzählten Wunderdinge von ihren Jagden auf Hühner, Fische und allerlei Wild — wie viele wilde Enten und Truthühner sie geschossen, was für Forellen sie gefangen und wie die die schlauesten Füchse und die klügsten Opossums überlistet und die schnellsten Hirsche eingeholt hatten, bis ich der Ueberzeugungwar, daß sicherlich Löwen, Tiger, Bären und die übrigen reißenden Tiere allesamt diesen verschlagenen Jägern keinen Widerstand leisten könnten. Auf morgen zur Jagd! lautete ihr Gutenachtgruß, wenn sich der Kreis der lustigen Freunde bei Einbruch der Nacht auflöste. Die Männer schliefen in der Halle vor der Haustür, und ich konnte das tiefe Atmen der Hunde und Jäger spüren, wenn sie auf ihren improvisierten Betten lagen.
Bei Tagesanbruch wurde ich durch den Geruch von Kaffee, das Klirren von Gewehren und die schweren Tritte der Männer geweckt, die jetzt umhergingen voll froher Hoffnung auf einen glücklichen Jagderfolg. Ebenso konnte ich das Stampfen ihrer Pferde spüren, die unter den Bäumen angebunden waren, wo sie die ganze Nacht über gestanden hatten, laut wiehernd und ungeduldig das Loskoppeln erwartend. Endlich stiegen die Herren zu Pferde, und „fort trabten“, wie es in alten Liedern heißt, „die Rosse, mit klirrendem Zaumzeug, unter Peitschengeknall und Hundegebell“, und „fort trabten die Jäger mit lauten Hussa- und Hallorufen“.
Im Laufe des Vormittags trafen wir die Vorbereitungen für das Jagdessen. Ein Feuer wurde auf dem Boden eines tiefen Loches, das in die Erde gegraben war, angezündet, große Scheite wurden kreuzweise darüber gelegt und die Fleischstücke an diesen aufgehängt oder an Spießen gebraten. Um das Feuer herum kauerten Neger und verscheuchten die Fliegen mit langen Zweigen. Der würzige Duft des Fleisches machte mich hungrig, lange bevor die Tische gedeckt waren.
Hatte das aufgeregte Treiben seinen Höhepunkt erreicht, so kehrten die Teilnehmer an der Jagd zurück und erschienen in Gruppen von zwei oder drei, die Männer heiß und müde, die Pferde mit Schaum bedeckt, die abgehetzten Hunde keuchend und niedergeschlagen — und kein Stück Jagdbeute! Jedermann erklärte, er habe wenigstens einen Hirsch gesehen und das Tier sei ihm auch ganz nahe gekommen; so eifrig aber auch die Hunde das Wild verfolgten, so genau die Schützen zielen mochten — beim Abfeuern des Gewehres war kein Hirsch mehr zu erblicken. Man war so glücklich gewesen wie der kleine Junge, der da erklärte, er habebeinaheein Kaninchen gesehen — denn er sah dessen Fährte. Die Gesellschaft vergaß aber bald ihre Enttäuschung, und wir setzten uns zu Tische, freilich nicht zum Wildbretschmause, wohl aber zu einem zahmeren Mahle von Kalb- und geröstetem Schweinefleisch.
Eines Sommers hatte ich mein Pony mit nach Fern Quarry genommen. Ich nannte ihn dort Black Beauty, da ich soeben das Buch mit diesem Titel gelesen hatte, und er glich seinem Namensvetter in jeder Hinsicht, von seinem glänzenden schwarzen Felle bis zu der Blässe auf seiner Stirn. Ich brachte viele meiner glücklichsten Stunden auf seinem Rücken zu. Gelegentlich, wenn es durchaus keine Gefahr hatte, ließ meine Lehrerin den Leitzügel los, und dann ging der Pony gemächlich weiter oder machte nach Belieben Halt, um Gras abzurupfen oder das Laub der an der Seite des schmalen Weges stehenden Bäume zu benagen.
An den Vormittagen, an denen ich keine Lust hatte, auszureiten, machten meine Lehrerin und ich nach dem Frühstück einen Spaziergang in die Wälder und verloren uns gern inmitten der Bäume und Weinranken, ohne einen anderen Weg unter unseren Füßen zu haben, als die von Kühen und Pferden getretenen Pfade. Oft kamen wir an undurchdringliche Dickichte, die uns zwangen, sie im Bogen zu umgehen. Stets kehrten wir zu dem Landhause mit einer Last von wildem Lorbeer, Goldregen, Farnen und prächtigen Wasserlilien zurück, wie sie nur im Süden gedeihen.
Bisweilen ging ich mit Mildred und meinen kleinen Vettern fort, um Persimonpflaumen zu suchen. Ich aß die nicht, liebte aber ihren Duft und freute mich, wenn ich sie unter Laub und Gras entdeckte. Auch Nüsse sammelten wir, und ich half beim Aushülsen der Haselnüsse, sowie beim Zerschlagen der Schalen der Hickory- und Walnüsse — der großen, süßen Walnüsse.
Am Fuße des Berges lief eine Eisenbahn entlang, und die Kinder beobachteten das Vorbeifahren der Züge. Mitunter schreckte uns ein fürchterliches Pfeifen empor, dann erzählte mir Mildred in großer Aufregung, daß sich eine Kuh oder ein Pferd auf die Schienen verirrt habe. In der Entfernung von ungefähr einer Meile befand sich eine Eisenbahnbrücke, die einen tiefen Abgrund überspannte. Es war sehr schwierig, hinüberzugehen; die Bohlen standen weit auseinander und waren so schmal, daß man die Empfindung hatte, als ginge man auf Messerschneiden. Ich hatte die Brücke nie benutzt, bis eines Tages Mildred, Fräulein Sullivan und ich uns in den Wäldern verirrt hatten und stundenlang umherwanderten, ohne einen Pfad zu finden.
Plötzlich streckte Mildred ihre kleine Hand aus und rief: Dort ist die Brücke! Wir hätten noch einen anderen Weg einschlagen können, aber es war spät, und die Dunkelheit brach schon herein, und auf der Brücke schnitt man eine bedeutende Strecke ab. Ich mußte mit meinen Füßen nach den Schienen fühlen, aber ich hatte keine Furcht und schritt tapfer vorwärts, bis auf einmal aus der Ferne ein schwaches Puff, Puff ertönte.
Ich sehe den Zug! rief Mildred, und in der nächsten Minute würde er uns erreicht haben, wenn wir nicht auf die Kreuzbalken heruntergeklettert wären, während er über unseren Köpfen davonbrauste. Ich fühlte den heißen Dampf der Lokomotive in meinem Gesicht, und der Rauch und die Asche erstickten uns beinahe. Als der Zug vorüberrollte, schwankte die Brücke so, daß ich glaubte, wir würden in die Schlucht hinunterstürzen. Mit der äußersten Schwierigkeit gelangten wir wieder auf das Geleise. Lange nach Einbruch der Dunkelheit erreichten wir das Haus und fanden es leer; die ganze Familie war ausgezogen, um uns zu suchen.