Neunzehntes Kapitel.

Neunzehntes Kapitel.

Beginn des zweiten Schuljahres. — Physik, Algebra, Geometrie, Astronomie, Griechisch, Latein. — Anfälle von Kleinmut. — Abgang vom Gymnasium und Weiterbildung durch Privatunterricht. — Rückkehr nach Boston (Oktober 1898). — Schlußprüfung für das Radcliffe College (Juni 1899).

Bei Beginn des zweiten Schuljahres war ich voller Hoffnung und Vertrauen auf einen endgültigen Erfolg. Aber in den ersten paar Wochen stellten sich mir unvorhergesehene Schwierigkeiten in den Weg. Herr Gilman hatte seine Einwilligung dazu gegeben, daß ich in diesem Jahre hauptsächlich Mathematik treiben sollte. Ich erhielt Unterricht in Physik, Algebra, Geometrie, Astronomie, Griechisch und Latein. Leider waren viele von den Büchern, deren ich bedurfte, zu Beginn des Unterrichts noch nicht im Hochdruck fertig, und es fehlten mir daher wichtige Hilfsmittel zu einigen meiner Studien. Die Klassen, die ich besuchte, waren sehr groß, und es war unmöglich für die Lehrer, mir besondere Unterweisung zu erteilen. Fräulein Sullivan mußte mir alle Bücher vorlesen und mitteilen, was die Lehrer vortrugen, und zum erstenmal in elf Jahren hatte es den Anschein, als sei ihre liebe Hand der Aufgabe nicht gewachsen.

Ich mußte in der Klasse beim algebraischen und geometrischen Unterricht nachschreiben und physikalische Aufgaben lösen, und dies war mir unmöglich, ehe wir eine Brailleschreibmaschine gekauft hatten, mittels deren ich die nötigen Aufzeichnungen machen konnte. Mit meinen Augen konnte ich den auf die Wandtafel gezeichneten geometrischen Figuren nicht folgen, und das einzige Mittel, mir eine klare Vorstellung von ihnen zu machen, bestand darin, daß ich sie auf einem Kissen mit Hilfe von geraden und gekrümmten Drähten mit spitzen, umgebogenen Enden nachmachte. Ich hatte, wie Herr Keith inseinem Berichte sagte, die Buchstabenbezeichnung der Figuren, die Voraussetzung und Schlußfolgerung, die Konstruktion und den Gang des Beweises im Kopfe zu behalten. Mit einem Worte, in jedem Fache zeigten sich Schwierigkeiten. Zeitweilig verlor ich allen Mut und verriet meine Empfindungen in einer Weise, deren ich mich noch jetzt schäme, wenn ich mich daran erinnere, namentlich da die Äußerungen meines Kleinmuts später zu Angriffen auf Fräulein Sullivan benutzt wurden, der einzigen von all den lieben Freundinnen in Cambridge, die imstande war, mir meine Pfade zu ebnen und meine Aufgabe zu erleichtern.

Allmählich begannen jedoch die Schwierigkeiten zu schwinden. Die in Hochdruck hergestellten Bücher und andere Hilfsmittel langten an, und ich machte mich mit neuem Mute an die Arbeit. Algebra und Geometrie waren die einzigen Fächer, die nach wie vor allen Anstrengungen meinerseits, in sie einzudringen, spotteten. Wie ich schon erwähnt habe, besaß ich keine besondere Beanlagung für Mathematik; die einzelnen Punkte wurden mir nicht so klargemacht, wie ich es gewünscht hätte. Die geometrischen Zeichnungen waren teilweise völlig unverständlich für mich, da ich selbst auf dem Kissen das Verhältnis der verschiedenen Teile zu einander nicht erkennen konnte. Eine klarere Vorstellung von der Mathematik erhielt ich erst, seit Herr Keith mich darin unterrichtete.

Ich war auf dem Weg, alle diese Schwierigkeiten zu überwinden, als ein Ereignis eintrat, das einen vollständigen Umschwung herbeiführte.

Unmittelbar bevor die Bücher eintrafen, hatte Herr Gilman Fräulein Sullivan Vorstellungen darüber gemacht, daß ich zu angestrengt arbeitete, und trotz meiner eifrigen Proteste setzte er die Zahl meiner Unterrichtsstunden herab. Anfangs waren wir dahin übereingekommen, daß ich nötigenfalls fünf Jahre aufmeine Vorbereitung für die Universität verwenden sollte; am Ende des ersten Jahres aber überzeugte der Erfolg meiner Prüfungen Fräulein Sullivan, Fräulein Harbaugh (Herrn Gilmans erste Lehrerin) und noch eine andere Lehrerin von der Möglichkeit, daß ich ohne allzugroße Anstrengung meine Vorbereitung in zwei weiteren Jahren beenden könne. Herr Gilman erklärte sich anfangs damit einverstanden; als aber meine Ausgaben etwas verwickelter wurden, bestand er darauf, ich sei überarbeitet und solle noch drei weitere Jahre auf dem Gymnasium zubringen. Mir gefiel dieser Plan nicht, denn ich wollte mit meiner Klasse zugleich die Universität beziehen.

Am 17. November fühlte ich mich nicht ganz wohl und konnte den Unterricht nicht besuchen. Obgleich Fräulein Sullivan sah, daß es sich nur um eine leichte Unpäßlichkeit handle, erklärte Herr Gilman als er davon hörte, doch, ich stehe im Begriff, zusammenzubrechen, und traf Änderungen in meinem Studienplan, die es mir unmöglich machten, meine Abgangsprüfung zugleich mit meiner Klasse abzulegen. Schließlich führte die Meinungsverschiedenheit zwischen Herrn Gilman und Fräulein Sullivan dahin, daß meine Mutter meine Schwester Mildred und mich von dem Gymnasium in Cambridge wegnahm.

Nach einiger Zeit wurde beschlossen, daß ich meine Studien unter der Leitung eines Hauslehrers, Herrn Merton S. Keith aus Cambridge, fortsetzen sollte. Den Rest des Winters verlebten Fräulein Sullivan und ich bei der uns befreundeten Familie Chamberlin in Wrentham, einer fünfundzwanzig Meilen von Boston entfernten Stadt.

Vom Februar bis Juli 1898 kam Herr Keith wöchentlich zweimal nach Wrentham und unterrichtete mich in Algebra, Geometrie, Griechisch und Latein. Fräulein Sullivan übersetzte mir seine Erläuterungen.

Im Oktober 1898 kehrten wir nach Boston zurück. AchtMonate hindurch erteilte mir Herr Keith wöchentlich fünfmal Unterricht, jedesmal ungefähr eine Stunde lang. Er erklärte mir stets, was ich in der vorhergehenden Unterrichtsstunde nicht begriffen hatte, stellte mir neue Aufgaben und nahm meine griechischen Exerzitien, die ich während der Woche auf meiner Schreibmaschine angefertigt hatte, nach Hause, korrigierte sie sorgfältig und gab sie mir das nächstemal zurück.

Auf diese Weise schritt meine Vorbereitung für die Universität ohne Unterbrechung weiter fort. Ich fand es leichter und angenehmer, für mich allein unterrichtet zu werden als in der Klasse mit anderen zusammen. Es gab hier keine Überstürzung, keine Verwirrung. Mein Lehrer hatte vollauf Zeit, mir zu erklären, was ich nicht verstand, und daher machte ich raschere Fortschritte und hatte bessere Leistungen aufzuweisen als je auf dem Gymnasium. Ich fand jedoch noch immer mehr Schwierigkeiten bei der Lösung von mathematischen Aufgaben als in jedem anderen Unterrichtsfache. Ich wünschte, Algebra und Geometrie wären mir nur halb so leicht gefallen wie das Sprach- und Literaturstudium. Aber selbst die Mathematik machte mir Herr Keith anziehend; es gelang ihm, mir die Lehrsätze und Aufgaben so faßlich zu machen, daß ich dem Unterrichte mit Leichtigkeit folgen konnte. Er erhielt meine Aufmerksamkeit rege und lebendig und gewöhnte mich an klares Denken und ruhiges, logisches Schließen anstatt meiner früheren wilden, ziellosen Kreuz- und Quersprünge. Er war stets freundlich und zuvorkommend, wie ungeschickt ich mich auch mitunter angestellt haben mag, und man kann es mir glauben, meine Beschränktheit würde oft sogar eine Hiobsgeduld erschöpft haben.

Am 29. und 30. Juni 1899 legte ich die Schlußprüfung für das Radcliffe College ab. Am ersten Tage kamen die Anfangsgründe im Griechischen und lateinische Lektüre, am zweitenGeometrie, Algebra und griechische Lektüre an die Reihe.

Die Universitätsbehörden gestatteten Fräulein Sullivan nicht, mir die Prüfungsaufgaben vorzulesen; dafür wurde Herr Eugen C. Vining, einer der Lehrer des Perkinsschen Blindeninstituts, mit der Übertragung der Aufgaben für mich in amerikanische Brailleschrift betraut. Herr Vining war mir völlig fremd und konnte sich nur mittels der Brailleschrift mit mir verständigen. Auch der aufsichtführende Beamte war mir fremd und machte keinerlei Versuch, sich mit mir in Verbindung zu setzen.

Die Brailleschrift genügte zwar für die Sprachen vollständig; als aber Geometrie und Algebra an die Reihe kamen, ergaben sich Schwierigkeiten. Ich war schmerzlich überrascht und niedergeschlagen, da ich viel kostbare Zeit verlor, namentlich in der Algebra. Zwar war ich mit allen gewöhnlich zu literarischen Zwecken benutzten Braillesystemen vertraut — dem englischen, dem amerikanischen und dem New Yorker; aber die geometrischen und algebraischen Zeichen sind in diesen drei Systemen sehr verschieden, und ich hatte in der Algebra nur das englische benutzt.

Zwei Tage vor dem Beginn der Prüfungen sandte mir Herr Vining die Braillekopie einer früher von der Harvard-Universität gestellten algebraischen Aufgabe. Zu meinem Schreck bemerkte ich, daß sie in der amerikanischen Notation gehalten war. Ich setzte mich unverzüglich hin und bat Herrn Vining in ein paar Zeilen um eine Erklärung der Zeichen. Umgehend erhielt ich eine andere Arbeit und eine Tabelle, in der die Zeichen erklärt waren, und setzte mich hin, um die Notation zu erlernen. Aber am Abend vor der Prüfung in der Algebra, während ich über einigen sehr verwickelten Aufgaben brütete, hatte ich keine Zeit, mir die Zusammenstellungen von Klammern, Haken und Wurzelzeichen einzuprägen. Sowohl Herr Keith wie ich warenniedergeschlagen und voll trüber Ahnungen für morgen; wir gingen aber ein wenig vor dem Beginn der Prüfung nach dem Universitätsgebäude und baten Herrn Vining, uns die amerikanischen Zeichen etwas eingehender zu erklären.

In der Geometrie bestand die Hauptschwierigkeit für mich darin, daß ich stets gewohnt gewesen war, die Sätze im Liniendruck zu lesen oder sie in die Hand buchstabiert zu bekommen, und obgleich die Sätze jetzt dicht vor mir lagen, fand ich doch die Brailleschrift einigermaßen verwirrend und konnte mir nicht klar vorstellen, was ich las. Als aber die Algebra an die Reihe kam, brach eine noch härtere Zeit für mich an. Ich konnte mich in die Zeichen, die ich so spät erlernt hatte und die ich zu kennen glaubte, nicht finden. Außerdem konnte ich nicht prüfen, was ich auf meiner Schreibmaschine geschrieben hatte. Ich hatte stets meine Arbeiten in Brailleschrift oder im Kopfe gemacht. Herr Keith hatte sich zu sehr auf meine Fertigkeit, die Aufgaben im Kopfe zu lösen, verlassen und hatte mich nicht im schriftlichen Anfertigen von Examensarbeiten unterwiesen. Infolgedessen ging meine Arbeit peinlich langsam von statten, und ich hatte die Aufgaben immer und immer wieder zu lesen, ehe ich begriff, was von mir verlangt wurde. In der Tat bin ich selbst jetzt noch nicht sicher, alle Zeichen richtig gelesen zu haben. Es fiel mir schwer, meinen Kopf beisammen zu halten.

Aber ich klage niemand an. Die Universitätsbehörde wußte nicht, wie schwer sie mir meine Prüfung machte, noch begriff sie die besonderen Schwierigkeiten, die ich zu überwinden hatte. Aber wenn sie mir unabsichtlich Hindernisse in den Weg legte, so habe ich die Genugtuung, zu wissen, daß ich sie alle überwunden habe.


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