Siebzehntes Kapitel.

Siebzehntes Kapitel.

Verhandlungen der Amerikanischen Vereinigung zur Förderung der Taubstummen im Sprechen in Chautauqua (Sommer 1894). — Besuch der Wright-Humason-Schule in New York. — Arithmetik, physikalische Geographie, Französisch, Deutsch. — Lektüre von »Wilhelm Tell« und »Le médecin malgré lui«. — Zentralpark in New York. — Ausflüge in die Umgebung der Stadt.

Im Sommer 1894 wohnte ich den in Chautauqua stattfindenden Verhandlungen der Amerikanischen Vereinigung zur Förderung der Unterweisung der Taubstummen im Sprechen bei. Es war vereinbart worden, daß ich die Wright-Humason-Schule für Taubstumme in New York besuchen sollte. Diese Schule war namentlich zum Zwecke meiner gründlichen Ausbildung im Sprechen und Ablesen von den Lippen gewählt worden. Außer diesen beiden Fertigkeiten studierte ich in den zwei Jahren, in denen ich die Schule besuchte, Arithmetik, physikalische Geographie, Französisch und Deutsch.

Fräulein Reamy, meine deutsche Lehrerin, verstand das Fingeralphabet, und nachdem ich mir einen kleinen Wortschatz angeeignet hatte, sprachen wir deutsch miteinander, so oft sich eine Gelegenheit dazu bot, und in wenigen Monaten konnte ich beinahe alles verstehen, was sie sagte. Vor Schluß des ersten Jahres las ich »Wilhelm Tell« mit dem größten Genusse. In der Tat glaube ich, daß ich im Deutschen größere Fortschritte gemacht habe als sonst in einem Fache. Das Französische fand ich viel schwieriger. Ich lernte es bei Frau Olivier, einer Französin, die das Fingeralphabet nicht kannte und die daher ihren Unterricht mündlich erteilen mußte. Ich konnte noch nicht geläufig von ihren Lippen ablesen, und meine Fortschritte waren infolgedessen bedeutend langsamer als im Deutschen. Ich versuchte jedoch abermals Molière:Le médecin malgré luizu lesen. Das Stück war sehr lustig; es gefiel mir aber nicht annähernd so gut wie »Wilhelm Tell«.

Meine Fortschritte im Ablesen von den Lippen und im Sprechen waren nicht so groß, wie meine Lehrerin und ich gehofft und erwartet hatten. Mein Ehrgeiz ging dahin, so zu sprechen, wie andere Menschen, und meine Lehrer hielten dies für durchführbar; allein trotz aller angestrengten und gewissenhaften Arbeit erreichten wir unser Ziel nicht ganz. Ich glaube, wir hatten es zu hoch gesteckt, und eine Enttäuschung war daher unvermeidlich. Die Arithmetik betrachtete ich noch als ein System von Fallgruben. Ich hielt mich auf der gefährlichen Grenze des Erratens und vermied das breite Tal des Denkens, was meinen Lehrern und mir selbst unaufhörlichen Verdruß bereitete. Wenn ich mich nicht aufs Raten legte, so machte ich Sprünge in meinen Schlußfolgerungen, und dieser Fehler in Verbindung mit meinen körperlichen Gebrechen erhöhte die Schwierigkeiten mehr, als es notwendig und in der Ordnung gewesen wäre.

Obgleich aber diese Enttäuschungen mich zuweilen recht niederdrückten, setzte ich doch meine anderen Studien mit unermüdlicher Ausdauer fort, namentlich das Studium der physikalischen Geographie. Es gewährte mir hohe Freude, in die Geheimnisse der Natur einzudringen, zu lernen, wie — um in der bilderreichen Sprache des Alten Testaments zu reden — die Winde von den vier Ecken des Himmels her blasen, wie die Dünste von den Enden der Erde aufsteigen, wie die Flußläufe zwischen den Felsen ausgeschnitten sind und Berge niederstürzen, und auf welche Weise der Mensch viele Kräfte überwinden kann, die stärker sind als er selbst. Ich verlebte zwei glückliche Jahre in New York, und noch jetzt blicke ich mit aufrichtiger Genugtuung auf sie zurück.

Namentlich erinnere ich mich der Spaziergänge, die wir alle zusammen jeden Tag in den Zentralpark unternahmen, den einzigen Teil der Stadt, in dem ich mich heimisch fühlte. Mein Entzücken über diesen großen Park blieb immer das gleiche. Ich hätte gewünscht, ihn jedesmal schildern zu können, wenn ich ihn betrat, denn er war in jeder Hinsicht schön, und seine Reize waren so mannigfaltiger Art, daß er an jedem Tage in den neun Monaten, die ich in New York verlebte, neue Schönheiten enthüllte.

Im Frühjahr unternahmen wir Ausflüge nach verschiedenen interessanten Orten. Wir segelten auf dem Hudson und wanderten an seinen grünen Ufern entlang, die Bryant mit Vorliebe in seinen Liedern verherrlicht. Unter den Orten, die wir besuchten, befand sich auch Tarrytown, die Heimat von Washington Irving, wo ich durch die »Schlafhöhle« wanderte.

Die Lehrer an der Wright-Humason-Schule waren stets darauf bedacht, ihren Zöglingen alle Annehmlichkeiten zu verschaffen, deren sich diejenigen, die hören können, erfreuen; die wenigen Anlagen und passiven Erinnerungen, die in ihnen schlummern, soviel wie möglich zu wecken und sie aus den beengenden Verhältnissen, in die sie die Ungunst des Schicksals versetzt hat, zu befreien.

Bevor ich New York verließ, wurden diese heiteren Tage durch den größten Schmerz verdunkelt, den ich je seit dem Tode meines Vaters erlebt habe. Im Februar 1896 starb Herr John Spaulding in Boston. Nur diejenigen, die ihm am nächsten standen, können ermessen, was seine Freundschaft für mich bedeutete. Er, der jedermann in zartfühlender, unaufdringlicher Weise beglückte, war gegen Fräulein Sullivan und mich äußerst gütig und liebevoll gewesen. Solange wir seine Augen auf uns gerichtet sahen und wußten, daß er den regsten Anteil an dem Gelingen unseres Werkes nehme, das mit so vielen Schwierigkeiten umgeben war, so lange konnten wir nicht verzagen. Sein Abscheiden ließ eine Lücke in unserem Dasein zurück, die nie ausgefüllt worden ist.


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