Vierzehntes Kapitel.

Vierzehntes Kapitel.

Die Frostkönig-Episode. — Betrachtungen über Schriftstellerei.

Der Winter des Jahres 1892 wurde durch eine Wolke an dem heiteren Himmel meiner Kindheit getrübt. Anstatt der Freude waren für lange, lange Zeit Zweifel, Sorge und Furcht bei mir eingekehrt. Die Bücher verloren ihren Reiz für mich, und noch jetzt schnürt sich mir bei dem Gedanken an jene schrecklichen Tage das Herz zusammen. Eine kleine Geschichte mit dem Titel »Der Frostkönig«,[6]die ich schrieb und an Herrn Anagnos, den Direktor des Perkinsschen Blindeninstitutes schickte, bildete die Veranlassung zu all der Unruhe. Um die Sache klarzustellen, muß ich die Tatsachen in Verbindung mit folgender Episode auseinandersetzen, die zu erwähnen mich sowohl die Gerechtigkeit gegen meine Lehrerin wie gegen mich selbst nötigt.

Ich schrieb die Erzählung, als ich zu Hause war, in demHerbste, nachdem ich sprechen gelernt hatte. Wir waren von Fern Quarry später als gewöhnlich aufgebrochen. Während unseres Aufenthaltes dort hatte mir Fräulein Sullivan die Schönheiten des herbstlichen Laubes beschrieben, und es scheint, als hätten ihre Schilderungen die Erinnerung an ein Märchen wachgerufen, das mir offenbar einmal vorgelesen worden war und das ich unbewußt behalten haben muß. Ich glaubte damals eine „Geschichte zu machen“, wie die Kinder sagen, und setzte mich voller Eifer hin, die niederzuschreiben, ehe sich die Gedanken wieder verflüchtigten. Die Gedanken flossen mir leicht aus der Feder; ich empfand lebhafte Freude bei der Ausarbeitung. Worte und Bilder strömten mir in reicher Fülle zu, und während ich mir einen Satz nach dem anderen ausdachte, schrieb ich alles mit meinem Braillegriffel nieder. Wenn mir jetzt Worte und Bilder ohne besondere Anstrengung kommen, so betrachte ich dies als einen ziemlich sicheren Beweis dafür, daß sie nicht mein geistiges Eigentum, sondern fremdes Gut sind, von dem ich nichts wissen will. Damals aber nahm ich alles, was ich las, begierig auf ohne irgend einen Gedanken an Verfasserrecht, und selbst jetzt kann ich die Grenzlinie zwischen meinen Gedanken und denen, die ich in meinen Büchern finde, nicht ganz scharf ziehen. Ich glaube, dies liegt daran, daß mir soviele Eindrücke durch die Vermittlung der Augen und Ohren anderer zugehen.

Als ich mit meiner Erzählung fertig war, las ich sie meiner Lehrerin vor, und ich erinnere mich noch jetzt lebhaft der Freude, die ich bei den gelungenen Stellen empfand, sowie meiner Ungeduld, wenn ich durch die Verbesserung der Aussprache eines Wortes unterbrochen wurde. Beim Mittagessen wurde sie der versammelten Familie vorgelesen, die ganz erstaunt war, daß ich so gut schrieb. Es fragte mich auch jemand, ob ich sie nicht in irgend einem Buche gelesen hätte.

Diese Frage überraschte mich sehr, denn ich hatte nicht die geringste Erinnerung daran, daß sie mir je vorgelesen worden sei. Ich sagte daher mit aller Entschiedenheit: O nein, es ist eine Geschichte von mir, und ich habe sie für Herrn Anagnos geschrieben.

Demgemäß schrieb ich die Erzählung ab und schickte sie dem genannten Herrn zu seinem Geburtstage. Es wurde mir geraten, den Titel, der ursprünglich »Herbstlaub« (Autumn Leaves) lautete, in »Der Frostkönig« (The Frost King) umzuändern, was ich denn auch tat. Ich trug die kleine Erzählung selbst zur Post, und es war mir dabei zu Mute, als ob ich in den Wolken schwebte. Ich ließ mir wenig davon träumen, wie hart ich für dieses Geburtstagsgeschenk zu büßen haben würde.

Herr Anagnos war über den »Frostkönig« entzückt und veröffentlichte das Märchen in einem seiner Jahresberichte über das Perkinssche Institut. Dies war der Gipfel meiner Glückseligkeit, von dem ich aber bald jäh wieder zur Erde geschleudert werden sollte. Ich war nur kurze Zeit in Boston gewesen, als es sich herausstellte, daß eine ähnliche Geschichte wie »Der Frostkönig«, nämlich »Die Frostelfen« (The Frost Fairies) von Fräulein Margaret T. Canby, vor meiner Geburt in einem Buche mit dem Titel »Birdie und seine Freunde« (Birdie and His Friends) erschienen sei. Die beiden Erzählungen stimmten in Inhalt und Form so sehr überein, daß kein Zweifel darüber bleiben konnte, daß Fräulein Canbys Märchen mir vorgelesen worden sein mußte, und daß das meinige — ein Plagiat war. Es hielt schwer, mir dies verständlich zu machen; als ich es aber begriffen hatte, war ich tief betrübt. Kein Kind hat je einen bittereren Kelch getrunken als ich. Ich hatte mir Schimpf und Schande zugezogen, ich hatte Verdacht bei denen erregt, die ich am meisten liebte. Und doch, wie war es möglich, daß so etwas geschehen konnte? Ich zermarterte mein Gehirn unablässig, um mich an irgend etwas zu erinnern, was ich über den Frost gelesen haben könnte, bevor ich den »Frostkönig« schrieb; ich konnte mich aber auf nichts entsinnen als auf die volkstümliche Redensart von Jack Frost und ein Kindergedichtchen: »Die Launen des Frostes« (The Freaks of the Frost), und ich wußte, daß ich dieses nicht bei meiner Arbeit benutzt hatte.

Zunächst schien mir Herr Anagnos zu glauben, obgleich er großen Kummer darüber empfand. Er war außergewöhnlich zärtlich und liebevoll zu mir, und eine kurze Zeitlang verschwand der Schatten. Ihm zuliebe suchte ich mich zu fassen und mich zur Feier von Washingtons Geburtstag, der bald nach dem peinlichen Zwischenfall festlich begangen wurde, so hübsch wie möglich zu machen.

Ich sollte die Ceres in einer Art von Maskenspiel darstellen, das von den blinden Kindern aufgeführt wurde. Wie gut erinnere ich mich an das reizvolle Gewand, das mich umhüllte, an das bunte Herbstlaub, das mein Haupt schmückte, an die Früchte und Aehren zu meinen Füßen und in meinen Händen, und unter all der Heiterkeit des Maskenspiels das drückende Bewußtsein eines nahenden Unheils, das mir das Herz schwer machte!

Am Abend vor der Feier hatte eine der Institutslehrerinnen eine Frage betreffs des »Frostkönigs« an mich gerichtet, und ich hatte ihr geantwortet, daß Fräulein Sullivan mir von Jack Frost und seinen Wunderwerken erzählt habe. Irgend eine Aeußerung von mir schien sie als Geständnis aufzufassen, daß ich mich an Fräulein Canbys Märchen von den »Frostelfen« erinnere, und sie teilte Herrn Anagnos dies mit, obgleich ich ihr ganz entschieden erklärte, sie habe mich mißverstanden.

Herr Anagnos, der mich zärtlich liebte, blieb den Beteuerungen meiner Liebe und Unschuld gegenüber taub, da er getäuscht worden zu sein glaubte. Er war der Meinungoder hegte wenigstens den Verdacht, daß Fräulein Sullivan und ich uns bewußt die Gedanken einer anderen angeeignet und sie ihm in betrügerischer Absicht zugeschickt hätten, um Bewunderung bei ihm zu finden. Ich wurde vor ein Gericht gestellt, das aus den Lehrern und Beamten des Institute bestand, und Fräulein Sullivan wurde aufgefordert, mich allein zu lassen. Dann wurde ich einem förmlichen Kreuzverhör unterworfen, das mich auf die Vermutung brachte, meine Richter seien fest entschlossen, mich zu dem Geständnis zu zwingen, ich erinnerte mich, daß mir das Märchen »Die Frostelfen« vorgelesen worden sei. Ich fühlte aus jeder Frage den Zweifel und den Verdacht heraus, den sie in ihrem Innern hegten, und ebenso empfand ich es, daß ein geliebter Freund uns vorwurfsvoll betrachtete, obgleich ich dies alles nicht in Worte fassen konnte. Alles Blut drängte sich mir nach meinem wild pochenden Herzen, und ich konnte kaum sprechen außer in abgerissenen Worten und Silben. Selbst das Bewußtsein, das Ganze sei nur ein furchtbares Mißverständnis, konnte meinen Schmerz nicht lindern, und als ich schließlich das Zimmer verlassen durfte, war ich noch ganz außer mir und achtete weder auf die Liebkosungen meiner Lehrerin noch auf die zärtlichen Worte meiner Freunde, die mir sagten, ich sei ein braves Mädchen, auf das man stolz sein könne.

Als ich diese Nacht in meinem Bette lag, weinte ich so herzbrechend, wie hoffentlich wenige Kinder geweint haben. Mir war so eisig kalt, daß ich glaubte, den nächsten Morgen nicht mehr zu erleben, und dieser Gedanke tröstete mich. Ich glaube, wenn dieser Schlag mich einige Jahre später getroffen hätte, so würde mein Geist unrettbar zusammengebrochen sein. Aber der Engel des Vergessens hat viel von dem Elend und der Bitternis dieser traurigen Tage aufgesammelt und mit sich fortgenommen.

Fräulein Sullivan hatte nie von den »Frostelfen« oder demBuch, in dem das Märchen erschienen war, gehört. MitDr.Alexander Grahams Hilfe untersuchte sie die Sache gründlich, und schließlich stellte es sich heraus, daß Frau Sophia C. Hopkins im Jahre 1888 ein Exemplar von Fräulein Canbys »Birdie und seine Freunde« besaß, als wir den Sommer mit ihr in Brewster zubrachten. Frau Hopkins konnte das Buch nicht mehr finden, sie hat mir aber erzählt, daß sie, während Fräulein Sullivan auf einer Ferienreise begriffen war, versucht habe, mir durch Vorlesen aus verschiedenen Büchern die Zeit zu vertreiben, und obgleich sie sich nicht deutlicher als ich erinnern konnte, die »Frostelfen« gelesen zu haben, war sie doch ganz sicher, daß sich ein Exemplar von »Birdie und seine Freunde« unter diesen Büchern befunden habe. Sie erklärte sich das Fehlen des Buches dadurch, daß sie vor kurzem ihr Haus verkauft und dabei verschiedene Jugendschriften, sowie alte Schulbücher und Märchen verschenkt hatte, und daß sich die betreffende Erzählung wahrscheinlich unter diesen befunden hätte.

Erzählungen hatten damals wenig oder gar kein Interesse für mich; aber das bloße Buchstabieren der seltsamen Worte genügte, einem kleinen Mädchen die Zeit zu vertreiben, das selber beinahe nichts zu seiner Unterhaltung beitragen konnte, und obgleich ich mich keines einzelnen Umstandes bei dieser Lektüre entsinne, kann ich doch nicht umhin zu glauben, daß ich mir die größte Mühe gegeben habe, die Worte zu behalten, in der Absicht, sie meiner Lehrerin nach ihrer Rückkehr zu wiederholen. Das eine ist unzweifelhaft, die Sprache war mir unauslöschlich eingeprägt, obgleich dies lange Zeit niemand wußte, am wenigsten ich selbst.

Als dann Fräulein Sullivan zurückkam, sprach ich mit ihr nicht über die »Frostelfen«, wahrscheinlich, weil sie sofort begann, mir den »Kleinen Lord Fauntleroy«[7]vorzulesen, der michso begeisterte, daß ich an nichts anderes denken konnte. Aber die Tatsache bleibt bestehen, daß mir Fräulein Canbys Märchen früher vorgelesen worden war und daß es sich mir, lange nachdem ich es vergessen hatte, mit solcher Ursprünglichkeit wieder aufdrängte, daß ich nie auf den Verdacht geriet, es könne das Geisteskind einer anderen sein.

Mitten in meinem Schmerze erhielt ich viele Beweise der Liebe und Teilnahme. Alle Freunde, die ich am meisten liebte, sind mir damals bis auf einen treu geblieben. Fräulein Canby selbst schrieb mir freundlich: Eines Tages werden Sie ein Märchen eigener Erfindung schreiben, das viele aufrichten und erheben wird. — Aber diese Prophezeiung ist nie in Erfüllung gegangen. Ich habe nie mehr zum Zwecke der bloßen Unterhaltung mit Worten gespielt. In der Tat bin ich seitdem stets von dem Gedanken gequält worden, daß das, was ich schreibe, nicht mein geistiges Eigentum ist. Lange Zeit wurde ich, wenn ich einen Brief schrieb, selbst an meine Mutter, von einem plötzlichen Angstgefühl befallen und ich zergliederte meine Sätze auf das genaueste, um sicher zu sein, sie nicht in einem Buche gelesen zu haben. Ohne den unausgesetzten Zuspruch Fräulein Sullivans würde ich, wie ich glaube, jeden weiteren Versuch, mich schriftstellerisch zu betätigen, aufgegeben haben.

Ich habe seitdem die »Frostelfen« gelesen und ebenso Briefe von mir, in denen ich noch andere Gedanken Fräulein Canbys benutzt habe. In einem von ihnen, einem Briefe an Herrn Anagnos vom 29. September 1891, finde ich Worte und ganze Sätze, die deutlich an jenes Buch erinnern. Um dieselbe Zeit schrieb ich den »Frostkönig«, und dieser Brief enthält gleich vielen anderen eine Anzahl Redewendungen, die beweisen, daß mein Geist ganz mit dem Märchen gesättigt war. Ich lege meiner Lehrerin folgende Worte über das goldene Herbstlaub in den Mund: Ja, es ist schön genug, um uns über die Fluchtdes Sommers zu trösten — ein Gedanke, der unmittelbar aus Fräulein Canbys Geschichte stammt.

Diese Gewohnheit, mir zu assimilieren, was mir gefiel, und es dann als mein Eigentum auszugeben, tritt vielfach in meinem frühesten Briefwechsel und meinen ersten schriftstellerischen Versuchen zutage. In einem Aufsatze, den ich über die alten Städte Griechenlands und Italiens schrieb, entnahm ich meine glühenden Schilderungen Quellen, die ich jetzt vergessen habe. Ich kannte Herrn Anagnos’ Vorliebe für das Altertum und seine begeisterte Verehrung für Italien und Griechenland. Ich brachte daher aus allen Büchern, die ich las, die Brocken von Poesie oder Geschichte an, die ihm, wie ich glaubte, Vergnügen bereiten würden. Herr Anagnos hatte bei der Besprechung meines Aufsatzes gesagt: Diese Gedanken sind in ihrem Kerne poetisch. Aber ich verstehe nicht, wie er je hat der Meinung sein können, ein blindes und taubstummes Kind von elf Jahren habe diese selbständig gefunden. Doch kann ich nicht glauben, daß, weil diese Gedanken nicht meinem eigenen Kopfe entsprungen sind, mein kleiner Aufsatz aus diesem Grunde alles Interesses bar sein sollte. Er beweist mir, daß ich imstande war, schöne, poetische Gedanken in klaren, lebendigen Worten wiederzugeben.

Jene Jugendaufsätze stellten eine geistige Gymnastik dar. Ich lernte, wie es alle jungen, unerfahrenen Leute tun, durch Assimilation und Nachahmung, Gedanken in Worte zu kleiden. Alles, was ich in einem Buche fand und was mir gefiel, bewahrte ich, bewußt oder unbewußt, in meinem Gedächtnisse auf und paßte es meinen Zwecken an. „Wenn man zu schreiben beginnt,“ sagt Stevenson, „versucht man unwillkürlich nachzuahmen, was einem am bewundernswertesten erscheint, und wechselt auffallend rasch mit den Gegenständen seiner Bewunderung. Selbst große Männer haben erst nach jahrelangerUebung gelernt, die Legion von Worten, die sich auf allen möglichen Nebenwegen ihrem Geiste aufdrängten, in gehörige Ordnung zu bringen.“

Ich fürchte, ich stehe noch jetzt mitten in dieser Entwickelung drin. Es ist klar, daß ich nicht immer meine eigenen Gedanken von denen, die ich irgendwo gelesen habe, sondern kann, eben weil das, was ich lese, das eigentliche Wesen und Gefüge meines Geistes ausmacht. Infolgedessen fördere ich beinahe in allem, was ich schreibe, etwas zutage, was große Aehnlichkeit mit der ungeschickten Stoppelei aufweist, die ich zustande brachte, als ich anfing, nähen zu lernen. Dieses Stoppelwerk bestand aus allerlei Fetzen und Lappen — hübschen Stückchen Seide und Sammet, aber die häßlichen Flicken, die durchaus keinen gefälligen Eindruck machten, herrschten stets vor. Ebenso bestehen meine schriftstellerischen Leistungen aus unverarbeiteten eigenen Begriffen, untermischt mit den klareren Gedanken und gereifteren Ansichten der Autoren, deren Bücher ich gelesen habe. Die Hauptschwierigkeit beim Schreiben scheint mir darin zu bestehen, daß die Sprache des hochgebildeten Geistes unsere verworrenen Ideen — halb Empfindungen, halb Gedanken — zu einer Zeit ausdrücken soll, da wir wenig mehr sind als Bündel instinktiver Antriebe. Die ersten schriftstellerischen Versuche haben große Aehnlichkeit mit einem Zusammenlegespiel. Wir sehen im Geiste ein Muster vor uns, das wir mit Worten darzustellen wünschen, aber die Worte passen nicht in die Zwischenräume, und wenn sie es tun, stimmen sie nicht mit der Zeichnung überein. Aber wir fahren in unseren Versuchen fort, weil wir sehen, daß andere Erfolg gehabt haben, und wir nicht gewillt sind, unseren Mangel an Begabung zuzugeben.

„Es gibt kein anderes Mittel, originell zu werden, als so geboren zu sein,“ sagt Stevenson, und obgleich ich gar nicht originell sein mag, so hoffe ich doch, dereinst meinen erkünstelten, unnatürlichen schriftstellerischen Versuchen zu entwachsen. Dann werden vielleicht meine eigenen Gedanken und Erfahrungen zutage treten. Inzwischen vertraue ich, hoffe ich, arbeite ich unermüdet weiter und suche es zu verhindern, daß die bittere Erinnerung an den »Frostkönig« etwa meine Kreise störe.

So hat diese traurige Erfahrung für mich auch etwas Gutes im Gefolge gehabt: sie ist die Veranlassung gewesen, daß ich über einige Probleme der Schriftstellerei nachgedacht habe. Ich bedaure nur das eine, daß der Vorfall den Verlust eines meiner teuersten Freunde, des Herrn Anagnos, zur Folge hatte.

Nach der Veröffentlichung der »Geschichte meines Lebens« imLadies’ Home Journalhat Herr Anagnos in einem Briefe an Herrn Macy geäußert, er habe mich zu der Zeit, als sich der Vorfall mit dem »Frostkönig« abspielte, für unschuldig gehalten. Er erklärt, das Gericht, vor das ich gestellt wurde, habe aus acht Mitgliedern bestanden: vier blinden und vier sehenden. Vier von diesen, behauptet er, waren der Ansicht, Fräulein Canbys Erzählung sei mir vorgelesen worden, während die anderen vier die entgegengesetzte Meinung vertraten. Herr Anagnos erklärt, seine Stimme zu meinen Gunsten abgegeben zu haben.

Wie aber auch die Sache gewesen sein und in welchem Sinne er seine Stimme abgegeben haben mag, das eine ist sicher: als ich in das Zimmer trat, in dem mich Herr Anagnos so oft auf seinen Knien gehalten und seine vielfachen Sorgen über meiner Lustigkeit vergessen hatte, und hier Personen antraf, die Zweifel in mich zu setzen schienen, fühlte ich, daß etwas Feindseliges und Drohendes in der Atmosphäre lag, und die nachfolgenden Ereignisse haben diesen Eindruck bestätigt. Zwei Jahre lang scheint Herr Anagnos an der Ansicht festgehalten zu haben, daß Fräulein Sullivan und ichunschuldig seien. Dann änderte er offenbar seine günstige Meinung, aus welchem Grunde, weiß ich nicht. Auch die Einzelheiten der Untersuchung kenne ich nicht, und selbst die Namen der Mitglieder des »Gerichtshofes«, die überdies während der ganzen Verhandlung kein Wort zu mir sprachen, sind mir unbekannt geblieben. Ich war zu aufgeregt, um auf irgend etwas zu achten, zu eingeschüchtert, um Fragen zu stellen. In der Tat kann ich mich kaum entsinnen, was ich sagte, oder was zu mir gesagt wurde.

Ich habe den Vorfall mit dem »Frostkönig« so ausführlich dargestellt, da er für mein Leben und meine Erziehung von Wichtigkeit war, und um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen, habe ich alle Tatsachen wiedergegeben, wie sie mir erscheinen, ohne die Absicht zu hegen, mich zu verteidigen oder irgend jemand anzuklagen.

[6]Vergl.S. 323 ff.[7]Vergl.S. 107 ff.,154.

[6]Vergl.S. 323 ff.

[6]Vergl.S. 323 ff.

[7]Vergl.S. 107 ff.,154.

[7]Vergl.S. 107 ff.,154.


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