Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Liebe zur Natur. — Körperliche Uebungen. — Rudern. — Segeln. — Halifax. — Regatta. — Sturm. — Aufenthalt in Wrentham. — Weltbegebenheiten. — Krieg mit Spanien. — Soziale Kämpfe. — Unterschied zwischen Stadt und Land. — Soziales Mitgefühl. — Spaziergänge. — Radfahren. — Liebe zu Hunden. — Dame- und Schachspiel. — Liebe zu Kindern. — Museen und Kunstsammlungen. — Theaterbesuch. — Zeitweiliges Gefühl der Vereinsamung.

Ich hoffe, meine Leser werden aus dem vorhergehenden Kapitel, das sich mit meiner Lektüre beschäftigt, nicht etwa die Folgerung ziehen, daß Bücher meine einzige Unterhaltung bilden; meine Unterhaltung und Erholung sind sehr mannigfaltiger Art.

Mehr als einmal habe ich in dem Verlauf meiner Selbstbiographie meine Liebe zur Natur und zu körperlichen Uebungen im Freien erwähnt. Schon als ich ein ganz kleines Mädchen war, lernte ich rudern und schwimmen, und wenn ich mich im Sommer in Wrentham in Massachusetts aufhalte, so verbringe ich den größten Teil meiner Zeit im Boote. Nichts gewährt mir größeres Vergnügen, als meine Freunde, die mich besuchen, auf den Fluß hinauszurudern. Selbstverständlich kann ich das Boot nicht gut allein leiten. In der Regel sitzt jemand am Steuer und lenkt es, während ich rudere. Bisweilen rudere ich jedoch auch ohne Steuer. Es ist ganz amüsant, an den Wasserrosen und Wasserlilien oder an den Büschen, die das Ufer umsäumen, entlangzufahren. Ich benutze Ruder mit Lederstrippen, durch die sie in ihrer Lage in den Dollen festgehalten werden, und merke an dem Widerstande des Wassers, wann sich die Ruder im Gleichgewichte befinden. In derselben Weise kann ich auch erkennen, wann ich gegen den Strom rudere. Ich liebe den Kampf mit Wind und Wellen. Was wirkt erfrischender auf unser Gemüt, als wenn unser kleines festes Boot, unserem Willen und unserer Muskelkraft gehorchend, leicht über die glitzernden, auf und nieder tanzenden Wellen dahinschießt und wir das beständige, unwiderstehliche Anbranden des Wassers spüren!

Ebenso liebe ich das Canoefahren, und ich glaube, der Leser wird lächeln, wenn ich erkläre, daß ich es namentlich in mondhellen Nächten liebe. Zwar kann ich den Mond nicht hinter den Fichten am Himmel emporsteigen und leise an der klaren Wölbung dahingleiten sehen und auch nicht den leuchtenden Pfad, den sein Licht in dem Wasser bildet; aber ich weiß es, Frau Luna ist da, und wenn ich auf meine Kissen zurückgelehnt liege und meine Hand ins Wasser halte, so stelle ich mir vor, sie berühre mich im Vorüberschreiten mit dem Saum ihres Gewandes. Bisweilen schlüpft mir ein kühnes Fischlein zwischen den Fingern hindurch, und oft streift eine Wasserlilie leise meine Hand. Häufig werde ich mir der Weite des mich umgebenden Luftraumes bewußt, wenn wir unter der Wölbung überhängender Büsche herauskommen. Eine leuchtende Wärme scheint mich dann zu umfluten. Ob dies von den Bäumen herrührt, die von der Sonne erwärmt wurden, oder vom Wasser, kann ich nicht sagen. Ich habe es an kalten, stürmischen Tagen und in der Nacht gespürt. Es ist wie der Kuß von warmen Lippen auf mein Gesicht.

Mein Lieblingsvergnügen ist das Segeln. Im Sommer 1901 besuchte ich Neuschottland und hatte dort mehrmals Gelegenheit, den Ozean kennen zu lernen, wie ich sie noch nie zuvor gehabt hatte. Nachdem ich einige Tage in der Heimat Evangelines zugebracht hatte, um die Longfellows schönes Gedicht einen berückenden Zauber gewoben hat, gingen Fräulein Sullivan und ich nach Halifax, wo wir den größten Teil des Sommers über blieben. Der Hafen war unsere Freude, unser Paradies!Was für herrliche Segelfahrten unternahmen wir nach Bedford Basin, Mc. Nabbs Island, York Redoubt und nach dem Northwest Arm! Und nachts, was verbrachten wir da für erquickende, wunderbare Stunden zwischen den großen Kriegsschiffen! O, es war alles so interessant, so schön! Die Erinnerung daran ist mir eine Freude für immer.

Eines Tages erlebten wir ein schreckliches Abenteuer. Es fand eine Regatta im Northwest Arm statt, an der die Boote der verschiedenen Kriegsschiffe teilnahmen. Wir fuhren mit vielen anderen in einem Segelboot hin, um uns die Wettfahrten mit anzusehen. Hunderte von kleinen Segelbooten schaukelten auf und nieder, und die See war still. Als die Wettfahrten vorüber waren und wir uns auf den Heimweg machten, entdeckte jemand von der Gesellschaft eine schwarze Wolke, die sich von der See aus näherte und immer größer und dichter wurde, bis sie den ganzen Himmel bedeckte. Der Wind erhob sich, und die Wogen brandeten zornig gegen unsichtbare Schranken an. Unser kleines Boot nahm furchtlos den Kampf auf; mit gespannten Segeln und straffen Tauen schoß es pfeilschnell vor dem Winde dahin. Jetzt verschwand es in den Wirbeln, jetzt tanzte es auf dem Kamme einer riesigen Woge, aber nur, um im nächsten Augenblicke unter furchtbarem Brausen und Zischen wieder in die Tiefe zu schießen. Das Hauptsegel wurde heruntergerissen. Wendend und beidrehend kämpften wir gegen den Wind an, der uns mit fürchterlichem Ungestüm von einer Seite zur anderen warf. Unsere Herzen pochten rascher, und unsere Hände bebten vor Aufregung, nicht vor Furcht; denn wir besaßen die Herzen von Wikingern und wußten, daß unser Steuermann Herr der Situation blieb. Er war durch manchen Sturm mit sicherer Hand und seekundigem Auge gesegelt. Als wir an der großen Barke und den im Hafen liegenden Kanonenbooten vorüberkamen, wurden wir stürmisch begrüßt, und dieMatrosen brachten dem Lenker des einzigen kleinen Bootes, das sich in den Sturm hinausgewagt hatte, ein »Hipp, hipp, Hurra« aus. Endlich erreichten wir frierend, hungrig und müde die Landungsbrücke.

Den vergangenen Sommer brachte ich in einem der anmutigsten Winkel der Erde, einer der reizendsten Städte Neuenglands zu. Wrentham in Massachusetts steht beinah zu all meinen Freuden und Leiden in Beziehung. Viele Jahre lang war Red Farm, in der Nähe von King Philips Pond, das Besitztum von Herrn I. E. Chamberlin und seiner Familie, meine Heimat. Ich gedenke mit der tiefsten Dankbarkeit der Güte dieser meiner lieben Freunde und der glücklichen Tage, die ich bei ihnen verlebt habe. Die liebenswürdige Gesellschaft ihrer Kinder war mir unendlich wert. Ich nahm an allen ihren Spielen, ihren Spaziergängen durch die Wälder und ihren Lustfahrten auf dem Wasser teil. Das Geplauder der Kleinen und ihr Wohlgefallen an den Geschichten, die ich ihnen von Elfen und Gnomen, von dem Helden und dem schlauen Bär erzählte, sind angenehme Erinnerungen für mich. Herr Chamberlin weihte mich in die Geheimnisse der Bäume und der wild wachsenden Blumen ein, bis ich mit dem leisen Ohr der Liebe das Emporsteigen des Saftes in der Eiche vernahm und die Sonnenstrahlen von Blatt zu Blatt huschen sah.

Gleichwie die Wurzeln in der dunklen TiefeDoch Anteil nehmen an des Wipfels Freuden,Den Sonnenschein, die milde Luft empfandenVermöge der Alliebe der Natur —,

Gleichwie die Wurzeln in der dunklen TiefeDoch Anteil nehmen an des Wipfels Freuden,Den Sonnenschein, die milde Luft empfandenVermöge der Alliebe der Natur —,

Gleichwie die Wurzeln in der dunklen TiefeDoch Anteil nehmen an des Wipfels Freuden,Den Sonnenschein, die milde Luft empfandenVermöge der Alliebe der Natur —,

Gleichwie die Wurzeln in der dunklen Tiefe

Doch Anteil nehmen an des Wipfels Freuden,

Den Sonnenschein, die milde Luft empfanden

Vermöge der Alliebe der Natur —,

so besitze ich auch eine Anschauung von Dingen, die ich nicht sehen kann.

Es scheint mir, als liege in jedem von uns die Fähigkeit, die Eindrücke und Empfindungen zu verstehen, die das Menschengeschlecht von Anfang an gehabt hat. Jedes Individuum besitzt eine unter der Schwelle des Bewußtseins verborgene Erinnerung an die grünende Erde und die murmelnden Gewässer, und weder Blindheit noch Taubheit kann es dieser von vergangenen Generationen her überkommenen Gabe berauben. Diese ererbte Fähigkeit ist eine Art sechsten Sinnes — ein Seelensinn, der zugleich sieht, hört, fühlt.

Ich habe viele Freunde unter den Bäumen in Wrentham. Einer von ihnen, eine herrliche Eiche, ist der besondere Stolz meines Herzens. Ich bringe alle meine übrigen Freunde zu dieser Königin des Waldes hin. Sie steht auf einer Anhöhe bei King Philips Pond, und diejenigen, die in der Baumkunde bewandert sind, behaupten, sie habe hier achthundert bis tausend Jahre gestanden. Nach einer Ueberlieferung warf unter diesem Baume König Philipp, der heldenhafte Indianerhäuptling, seinen letzten Blick auf Himmel und Erde.

Ich hatte auch noch eine andere Baumfreundin, liebenswürdig und nicht so unnahbar wie die große Eiche — eine Linde, die an dem Hoftore von Red Farm wuchs. Eines Nachmittages, während eines furchtbaren Gewitters, spürte ich einen heftigen Krach gegen die Wand des Hauses und wußte, noch ehe es mir jemand sagte, daß die Linde gefallen sei. Wir gingen hinaus, um uns den Heldenbaum anzusehen, der sovielen Stürmen widerstanden hatte, und mein Herz blutete, als ich ihn, der so machtvoll gestritten hatte und jetzt so machtvoll gefallen war, am Boden hingestreckt erblickte.

Ich darf jedoch nicht vergessen, daß ich von meinen Erlebnissen im letzten Sommer erzählen will. Sobald meine Examina vorüber waren, eilten Fräulein Sullivan und ich nach diesem grünen Winkel, wo wir ein kleines Landhaus an einem von den drei Seen besitzen, wegen deren Wrentham berühmt ist. Hier gehörten die langen, sonnigen Tage mir, undjeder Gedanke an Arbeit, College und die lärmende Stadt wurde in den Hintergrund gedrängt. In Wrentham vernahmen wir ein Echo von dem, was in der Welt vorging — Krieg, Bündnis, sozialer Kampf. Wir hörten von den blutigen, unnötigen Seeschlachten in dem weitabgelegenen Stillen Ozean und erfuhren von den Kämpfen zwischen Kapital und Arbeit. Wir wußten, daß jenseits der Grenzen unseres Edens die Menschen im Schweiße ihres Angesichts Geschichte machten, während sie doch besser getan hätten, sich einen Feiertag zu gönnen. Aber wir kümmerten uns wenig um diese Dinge. Sie würden vorübergehen; hier lagen Seen und Wälder, weite mit Tausendschönchen übersäte Felder und süß duftende Wiesen, und diese werden in aller Zukunft fortbestehen.

Leute, die der Meinung sind, daß uns alle sinnlichen Eindrücke durch Auge und Ohr zugehen, haben sich gewundert, daß ich, vielleicht abgesehen von dem Fehlen des Pflasters, einen Unterschied zwischen den Straßen der Stadt und den Wegen auf dem Lande bemerke. Sie vergessen, daß mein ganzer Körper auf die mich umgebenden Verhältnisse reagiert. Das Getöse und der Lärm der Stadt peitscht meine Gesichtsnerven; ich fühle das rastlose Auf- und Niederwogen einer ungesehenen Menschenmenge, und das mißtönende Treiben macht einen peinlichen Eindruck auf mich. Das Rollen der schweren Wagen auf dem harten Pflaster und das eintönige Klappern der Maschinen sind um so marternder für die Nerven, wenn jemandes Aufmerksamkeit nicht durch die bunten, wechselnden Bilder abgelenkt wird, die sich sehenden Menschen in den geräuschvollen Straßen auf Schritt und Tritt darbieten.

Auf dem Lande dagegen erblickt man nur die Schönheiten der Natur, und die Seele wird nicht traurig gestimmt durch den erbarmungslosen Kampf um das bloße Dasein, der in der dichtbevölkerten Stadt wütet. Zu verschiedenenmalen habeich die engen, schmutzigen Straßen besucht, in denen die armen Leute wohnen, und heißer Zorn und Entrüstung steigen in mir auf bei dem Gedanken, daß gute Menschen es über sich gewinnen können, in prächtigen Häusern zu wohnen und gesund und stark zu sein, während andere dazu verurteilt sind, in häßlichen, sonnenlosen Behausungen zu weilen und in Armseligkeit zu verkümmern. Die Kinder, die sich auf diesen schmutzigen Straßen halbnackt und abgemagert umhertreiben, schrecken vor jeder ausgestreckten Hand zurück, als sollten sie einen Schlag bekommen. Ich kann die Erinnerung an die lieben kleinen Geschöpfe nicht loswerden, und empfinde einen fortwährenden nagenden Schmerz dabei. Auch Männer und Frauen gibt es, die alle an Körper und Geist verkrüppelt und zurückgeblieben sind. Ich habe ihre harten, rauhen Hände in den meinigen gehalten und begriffen, was für ein endloses Ringen ihr Leben sein muß — nichts weiter als eine Kette nutzloser Versuche, emporzukommen. Ihr Dasein scheint ein ungeheures Mißverhältnis zwischen Anstrengung und Erfolg zu sein. Sonne und Luft sind Gottes freies Geschenk an jedermann; sind sie dies aber in der Tat? In die schmutzigen Straßen der Stadt drüben dringt kein Sonnenstrahl, und die Luft ist verdorben. O Mensch, wie kannst du deinen Bruder vergessen, ihm hindernd in den Weg treten und dabei beten: „Unser täglich Brot gib uns heute“, wenn er keins hat. O wollten doch jene Menschen die Stadt, deren Glanz und geräuschvolles Treiben, ihr Gold verlassen und zu Wald und Feld, zu einer schlichten, ehrenhaften Lebensweise zurückkehren! Dann würden ihre Kinder kräftig wie edle Bäume werden und ihre Gedanken friedlich und lauter wie die Blumen am Wegesrain. Es ist mir unmöglich, diese Gedanken zu verbannen, wenn ich nach einem arbeitsreichen Jahre in der Stadt auf das Land zurückkehre.

Was für eine Freude ist es für mich, den weichen, elastischen Boden wieder unter meinen Füßen zu fühlen, auf grasbewachsenen Wegen zu Bächen zu wandern, deren Ufer mit Farnkraut bedeckt sind und in deren sich kräuselnden Wellen ich meine Hände kühlen kann, oder über ein Steinmäuerchen zu klettern und mich auf grünen Wiesen in ausgelassener Fröhlichkeit umherzutummeln, mich auf dem Boden zu wälzen und die Abhänge emporzuklimmen.

Nächst einem behaglichen Spaziergange kommt als ein Hauptvergnügen für mich ein Ausflug auf meinem Tandem in Betracht. Es ist ein herrliches Gefühl, wenn mir der Wind ins Gesicht weht und ich die elastische Bewegung meines Stahlrosses empfinde. Das rasche Durchschneiden der Luft gewährt mir ein köstliches Gefühl der Kraft und des Schwunges, und bei der Anstrengung hüpfen meine Pulse und jubelt mein Herz.

Wenn irgend möglich, begleitet mich mein Hund auf meinen Ausflügen zu Fuß, Rad, Pferd oder Boot. Ich habe viele Freunde unter den Hunden gehabt — riesige Bullenbeißer, sanfte Wachtelhündchen, Jagdhunde und ehrbare, zutrauliche Bull Terriers. Augenblicklich besitzt einer von diesen letzteren die ganze Zuneigung meines Herzens. Er hat einen langen Stammbaum, ein geringeltes Schwänzchen und das drolligste Gesicht von der Welt. Meine Hundefreunde scheinen Kenntnis von meinen Gebrechen zu haben und halten sich stets dicht an meiner Seite, wenn ich allein bin. Ich liebe ihre Zärtlichkeiten und das beredte Wedeln ihres Schweifes.

Hält mich ein regnerischer Tag im Zimmer gefangen, so vertreibe ich mir die Zeit wie andere Mädchen. Ich stricke und häkele gern; ich lese aufs Geratewohl, wie ich es liebe, hier eine Zeile und dort eine oder spiele vielleicht mit einem Freunde eine oder zwei Partien Dame oder Schach. Ich habe ein besonderes Brett, auf dem ich diese Spiele spiele. Die Felder sindvertieft, sodaß die Figuren in ihnen feststehen. Die schwarzen Damensteine sind flach und die weißen oben gewölbt. Jeder Stein hat in der Mitte eine Vertiefung, in der ein Metallknopf zur Unterscheidung der Dame von den übrigen Steinen befestigt werden kann. Die Schachfiguren sind von zweierlei Größe, die weißen größer als die schwarzen, sodaß ich keine Mühe habe, die Operationen meines Gegners zu verfolgen, indem ich nach jedem Zuge meine Hände leicht über das Brett gleiten lasse. Das bei dem Bewegen der Figuren von einem Felde zum anderen entstehende Geräusch zeigt mir an, wann die Reihe an mir ist.

Bin ich zufällig ganz allein und in schlechter Laune, so lege ich mir eine Patience — ein Spiel, das ich sehr liebe. Ich benutze dazu Spielkarten, die rechts oben mit Braillezeichen versehen sind, die den Wert der Karte angeben.

Sind Kinder in meiner Nähe, so weiß ich kein größeres Vergnügen, als mit ihnen herumzutollen. Selbst das kleinste Kind gibt für mich einen ausgezeichneten Gesellschafter ab, und ich freue mich, sagen zu können, daß die Kinder mich in der Regel gern haben. Sie führen mich herum und zeigen mir die Dinge, die für sie von Interesse sind. Natürlich können die Kleinen noch nicht mit ihren Fingern buchstabieren, aber ich versuche, ihnen die Worte von den Lippen abzulesen. Wenn es mir nicht gelingt, so nehmen sie ihre Zuflucht zu Gestikulationen. Mitunter mißverstehe ich sie und tue etwas Verkehrtes. Dann brechen sie über mein Versehen in kindliches Gelächter aus, und die Pantomime beginnt von neuem. Ich erzähle ihnen oft Geschichten oder lehre sie ein Spiel, und die Stunden enteilen uns im Fluge und hinterlassen uns frohe und heitere Erinnerungen.

Auch Museen und Kunstsammlungen sind für mich eine Quelle des Genusses und der Begeisterung. Ohne Zweifel wird es manchem seltsam erscheinen, daß die Hand ohne Unterstützung durch das Gesicht in dem kalten Marmor Handlung, Empfindung, Schönheit soll wahrnehmen können; und doch habe ich in der Tat hohen Genuß bei der Berührung großer Kunstwerke. Wenn meine Fingerspitzen die Linien und die schwellenden Formen verfolgen, so finden die die Idee und die Empfindung heraus, die der Künstler dargestellt hat. Ich kann in den Zügen der Götter und Heroen Haß, Mut und Liebe wahrnehmen, genau so, wie ich diese Gemütsbewegungen bei lebenden Personen erkennen kann, wenn ich deren Gesicht berühren darf. Ich fühle aus der Haltung der Diana die Anmut, die Waldesfreiheit und den Geist heraus, der den Berglöwen zähmt und die wildesten Leidenschaften unterjocht. Meine Seele ergötzt sich an der Ruhe und den anmutigen Wellenlinien einer Venus, und in Barrés Bronzen enthüllen sich mir die Geheimnisse des Dschungels.

Ein Medaillon Homers hängt in meinem Studierzimmer an der Wand, in passender Höhe, sodaß ich es leicht erreichen und mit liebender Verehrung das schöne, traurige Antlitz berühren kann. Wie gut ich jede Linie auf dieser hoheitsvollen Stirn kenne — Furchen, die das Leben und die bitteren Erfahrungen des Kampfes und des Schmerzes gezogen haben, diese blinden Augen, die selbst in dem toten Gips das Licht und den blauen Himmel seines geliebten Hellas suchen und vergebens suchen, diesen schönen festen, aufrichtigen, liebevollen Mund! Es ist das Antlitz eines Dichters und eines Mannes, der mit dem Schmerz vertraut ist. Ach, wie gut ich dieses Gebrechen verstehe, das ewige Dunkel, in dem er weilte —

O Nacht, Nacht, Nacht beim hellen Glanz des Mittags.O Nacht, unwiderruflich, FinsternisJedweder Hoffnung bar, den Tag zu schau’n!

O Nacht, Nacht, Nacht beim hellen Glanz des Mittags.O Nacht, unwiderruflich, FinsternisJedweder Hoffnung bar, den Tag zu schau’n!

O Nacht, Nacht, Nacht beim hellen Glanz des Mittags.O Nacht, unwiderruflich, FinsternisJedweder Hoffnung bar, den Tag zu schau’n!

O Nacht, Nacht, Nacht beim hellen Glanz des Mittags.

O Nacht, unwiderruflich, Finsternis

Jedweder Hoffnung bar, den Tag zu schau’n!

In meiner Phantasie kann ich hören, wie Homer singend sich mit unsicheren, langsamen Schritten seinen Weg von Lager zuLager tastet — singend von Leben, von Liebe, von Krieg, von den Heldentaten eines edlen Volkes. Es war ein wunderbares, herrliches Lied, das dem blinden Dichter unsterblichen Ruhm, die Bewunderung aller Zeiten eintrug.

Ich bin mitunter im Zweifel, ob die Hand nicht empfänglicher für die Schönheiten der Plastik ist als das Auge. Ich sollte meinen, der wunderbare rhythmische Fluß der Linien ließe sich besser fühlen als sehen. Wie dem aber auch sei, ich weiß, daß ich den Herzschlag der alten Griechen in ihren marmornen Göttern und Göttinnen fühlen kann.

Eine fernere Unterhaltung, zu der sich freilich seltener die Gelegenheit bietet als zu den übrigen, ist der Theaterbesuch. Ich habe viel mehr Genuß von der Beschreibung eines Stückes während der Bühnenaufführung als von seiner Lektüre, weil ich mich dabei in die Mitte der dargestellten aufregenden Ereignisse selbst versetzt glaube. Ich habe das Glück gehabt, ein paar große Schauspieler und Schauspielerinnen kennen zu lernen, die die Macht besaßen, die Zuhörer so in ihrem Bann zu halten, daß diese darüber Zeit und Raum vergaßen und in der romantischen Vergangenheit lebten. Ich habe Gesicht und Kostüm von Fräulein Ellen Terry berühren dürfen, während sie das Ideal einer Königin verkörperte, und ihr ganzes Wesen atmete eine Erhabenheit, die auch das herbste Weh verklärt. Neben ihr stand Sir Henry Irving, angetan mit den Insignien der Königswürde, und in jeder Gebärde, in seiner ganzen Haltung lag eine Geisteshoheit, in jedem Zuge seines ausdrucksvollen Gesichtes sprach sich ein Herrscherbewußtsein aus, das überwältigend wirkte. In dem Königsantlitz, das er als Maske trug, lagen eine Vornehmheit und ein Erhabensein über den Schmerz, die ich nie vergessen werde.

Auch Herrn Jefferson kenne ich. Ich bin stolz darauf, ihn zu meinen Freunden zählen zu dürfen. Ich besuche das Theaterstets, wenn ich mich an dem Orte befinde, wo er auftritt. Zum erstenmal sah ich ihn spielen, als ich in New York in die Schule ging. Er trat als Rip van Winkle auf. Ich hatte oft die Erzählung gelesen, aber niemals war mir der Reiz von Rips sanfter, kluger, gütiger Handlungsweise so zum Bewußtsein gekommen, wie in dem Stücke. Herrn Jeffersons schöne, ergreifende Darstellung riß mich vor Entzücken hin. Ich habe ein Bild des alten Rip in meinen Fingern, das sich denselben unauslöschlich eingeprägt hat. Nach der Vorstellung führte mich Fräulein Sullivan zu ihm hinter die Kulissen, und ich betastete hier sein seltsames Gewand, sein wallendes Haar, seinen Bart. Herr Jefferson ließ mich sein Gesicht berühren, sodaß ich mir eine Vorstellung von seinem Aussehen machen konnte, als er von jenem seltsamen zwanzigjährigen Schlafe erwachte, und er zeigte mir, wie der arme alte Rip auf seinen Füßen hin- und herschwankte.

Helen Keller, Frl. Sullivan und Schauspieler Jefferson

Helen Keller, Frl. Sullivan und Schauspieler Jefferson

Auch in den »Rivals« habe ich ihn gesehen. Einst spielte er mir, als ich ihm in Boston, wo er auftrat, einen Besuch machte, die packendsten Szenen der »Rivals« vor. Das Empfangszimmer, in dem wir saßen, diente als Bühne. Er und sein Sohn setzten sich an den großen Tisch, und Bob Acres schrieb seine Herausforderung. Ich verfolgte alle seine Bewegungen mit den Händen und erhielt einen Eindruck von der Komik seiner seltsamen Gebärden, den ich nie erhalten hätte, wenn mir alles nur in die Hand buchstabiert worden wäre. Dann erhoben sich beide, um das Duell auszufechten, und ich folgte den schnellen Stößen, dem Parieren der Degen und dem Zittern des armen Bob, als ihm allmählich der Mut entsank. Dann gab sich der große Schauspieler einen Ruck und zog seine Mundwinkel herunter — und im Nu befand ich mich in dem Dorfe Falling Water und fühlte Schneiders rauhes Haupt an meinem Knie. Herr Jeffersonrezitierte die schönsten Szenen aus »Rip van Winkle«, in denen die Träne dem Lächeln dicht auf dem Fuße folgt. Er bat mich, ihm, soweit es mir möglich sei, die Gestikulationen und das Spiel anzugeben, die ich zu beobachten wünschte. Natürlich habe ich keine Ahnung von dramatischem Spiel, und ich konnte nur aufs Geratewohl Andeutungen machen; aber mit meisterhafter Kunst paßte er das Spiel den Worten an. Rips Seufzer, als er murmelt: „Wird denn ein Mann so rasch vergessen, wenn er fort ist?“, die Verdutztheit, mit der er Hund und Gewehr nach seinem langen Schlafe sucht, und seine komische Unentschlossenheit betreffs der Unterzeichnung des Vertrages mit Derrick — all dies schien aus dem Leben selbst gegriffen zu sein, das heißt, aus dem idealen Leben, in dem sich die Ereignisse nach unseren Wünschen richten.

Ich erinnere mich meines ersten Theaterbesuches noch sehr gut. Es war vor zwölf Jahren. Die kleine Schauspielerin Elsie Leslie war in Boston, und Fräulein Sullivan nahm mich zur Aufführung von »The Prince and the Pauper« mit. Nie werde ich den Wechsel von Heiterkeit und Trauer vergessen, der in dem hübschen kleinen Stück herrschte, oder das wunderbare Kind, das in ihm auftrat. Nach Beendigung der Vorstellung durfte ich hinter die Kulissen gehen und sie in ihrem Königsgewande betasten. Es würde schwer gewesen sein, ein lieblicheres oder liebenswürdigeres Kind zu finden als Elsie, wie sie mit ihren auf die Schultern herabfallenden goldenen Locken dastand, mit einem strahlenden Lächeln um den Mund, ohne die geringste Spur von Befangenheit oder Ermüdung, trotzdem sie vor einer zahllosen Zuschauermenge gespielt hatte. Ich lernte damals eben sprechen und hatte mir vorher ihren Namen so oft wiederholt, bis ich ihn ganz deutlich aussprechen konnte. Man kann sich mein Entzücken denken, als sie die wenigen Worte, die ich zu ihr sprach, verstandund mir sofort die Hand zur Begrüßung entgegenstreckte.

Ist es nun nicht wahr, daß mein Leben mit all seinen Beschränkungen in vielen Punkten dem Leben der großen Welt gleicht? Alles besitzt sein Wunderbares, selbst Dunkelheit und Stille, und ich lerne mich unter allen Umständen mit meiner Lage bescheiden.

Manchmal allerdings befällt mich ein Gefühl der Vereinsamung wie ein kalter Nebel, wenn ich allein bin und vor dem geschlossenen Tore des Lebens wartend sitze. Da drinnen ist Licht und Musik und heitere Geselligkeit; aber mir ist der Eintritt verwehrt. Das Schicksal versperrt mir schweigend, erbarmungslos den Weg. Gern würde ich wegen seines unabwendbaren Beschlusses mit ihm hadern, denn mein Herz ist noch ungebärdig und leidenschaftlich; aber meine Zunge will die bitteren, nutzlosen Worte, die sich auf meine Lippen drängen, nicht aussprechen, und sie sinken in mein Herz zurück wie unvergossene Tränen. Unermeßliches Schweigen lagert über meiner Seele. Dann naht sich die Hoffnung mit einem Lächeln und flüstert mir zu: „Auch im Selbstvergessen liegt Genuß.“ Und so versuche ich das Licht in anderer Augen zu meiner Sonne, die Musik in anderer Ohren zu meiner Symphonie, das Lächeln auf anderer Lippen zu meinem Glücke zu machen.


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