Achtzehntes KapitelDie Neujahrsnacht
Jahre waren vergangen; das Jahrhundert war wirklich zu Ende; nur noch wenige Stunden waren übrig. Die Familie Borg wollte sich in den Gotischen Zimmern versammeln und gegen Mitternacht nach der Schanze hinausziehen. Das Leben läuft schnell, und dies Lokal war nicht mehr in Mode, sondern das literarische Hotel Rydberg hatte die Oberhand; und wenn einer vom Roten Zimmer sprechen wollte, so klang es wie Vergangenheit, und wurde mit der »Grünen Raute« und ähnlichem verwechselt.
Die Gesellschaft hatte sich eingefunden, und der alte Redakteur Borg, der jetzt über sechzig war, war auch da. Eine improvisierte Versöhnung war, zu Ehren des Tages, zustande gekommen. Esther, die im Begriff stand, ihr Examen zu beenden, war die einzige Dame; alle andern waren ins Versteck gekrochen und wieder ins Haus verwiesen, nachdem das kameradschaftliche Leben in den Kneipen sich als unhaltbar erwiesen hatte. – »Sie liefen mit ihren gegenseitigen Frauen herum, so daß man nicht wußte, mit wem sie verheiratet waren.« Die Sachlage war so, daß sie sich scheiden ließen und sich unmittelbar wiederverheirateten, unmittelbar,so daß man schließlich dahin kam, daß die Damen ihren Mädchennamen behielten. Die Biographen erwähnten nicht mehr, mit wem die berühmten Leute verheiratet waren, und der Adelsalmanach erfand als Euphemismus für Geschiedene, die sich wieder verheiratet hatten, die Bezeichnung: »Zum zweitenmal verheiratet.« Schließlich wurde in einem Nachbarlande vorgeschlagen, daß auch die Mädchen Frauen genannt werden sollten, da sie meistens nicht mehr Mädchen seien, sondern auf den Promenaden mit ihren Kindern spazieren gingen.
Auf einem Tisch in den Gotischen Zimmern lag eine Liste zum Unterzeichnen. Alle hatten ihre Namen unterschrieben, außer Doktor Borg, der doch selbst diese Adresse an Zola aufgesetzt hatte, in der die Bewunderung für seinen Mut im Dreyfusprozeß ausgedrückt wurde und die Hoffnung, daß das neue Jahrhundert die völlige Rehabilitierung seines Schützlings erleben werde. »Gerechtigkeit, aber nicht Gnade!«
»Nun, Doktor,« sagte Isak Levi, »willst du nicht unterschreiben? Vielleicht glaubst du, daß er schuldig ist?«
Das Thema war noch so explosiv, daß man Dreyfus' Namen nicht gern nannte, diesen Namen, der in den letzten Jahren die Menschheit in zwei Hälften gespalten hatte.
Der Doktor nahm die Feder und unterschrieb seine eigene Adresse mit einigen raschen Strichen.
»Wenn ich mich nur nicht um Ehre und Gewissen geschrieben habe,« sagte er.
»Aha!« rief es im Chor.
»Ja, Kinder,« sagte der Doktor, »ich habe viermal während des Prozesses meine Ansicht ändern müssen, und ich weiß noch heute nicht, ob ich nicht Dreyfusard geworden bin, wie ich Wagnerianer wurde.«
Alle schlugen die Augen nieder, einige um zu verbergen, andere um zu demonstrieren, und in der Stille, die entstand, hörte der Doktor eine Anklage, die er beantworten mußte.
»Seht einmal, in einem Spionageprozeß die Wahrheit an den Tag zu bringen, ist erstens fast unmöglich, weil alle Parteien Spione gewesen und also mit Lügen, Betrug und falschen Papieren immer umgegangen sind. Zweitens ist es ganz abnorm, nach drei Jahren einen Prozeß zu revidieren, da das menschliche Gedächtnis so gebrechlich ist, da die Jahre die Standpunkte verändern, neue Interessen neue Leidenschaften geweckt haben; nachdem die Zeugen verschwunden, Papiere gestohlen oder abhanden gekommen sind …«
»Ja, aber es war ein geheimes Gericht,« wendete der alte Gustav Borg ein.
»Jaa, warum nicht? Unsere freisinnige Jury ist doch auch geheim …«
»Ich glaube, du stehst auf Seite der Generale?« brauste Gustav auf.
»Da haben wir es!« antwortete der Doktor. »Es ist doch des Teufels, daß die Menschen den Verstand verlieren müssen, sobald man nur von diesem verdammten Prozeß spricht.«
Isak tat es leid um den Doktor, der sich unschuldigerweise in einer falschen Lage befand, und mit einem menschlichen Zug der Teilnahme suchte er ihm zu helfen, falls es dies Motiv war:
»Der Fall ist nicht klar, das gebe ich zu,« nahm er das Wort. »Für mich sind drei dunkle Punkte da, die mir absolut unerklärlich sind. – Der erste ist: Warum verlangte Dreyfus Zyankali, als er von der Revision erfuhr? Warum freute er sich nicht? Der zweite: Er glaubte damals sofort, die Generale hätten seine Partei genommen, und bat seine Frau, zu Boisdeffre zu gehen und um Hilfe zu bitten. Wie konnte er von Boisdeffre, den er kannte, so gut denken? Das ist doch eine infernalische Situation. Drittens: Als ich die Anklage der Generale in Rennes las, ja, meine Herren, da war ich überzeugt von Dreyfus' Schuld; was gebt ihr mir dafür? Besonders als die Generale erklärten, der Bordereau sei nicht entscheidend, da war ich durch all ihre Indizien, vor allem aber durch ihre klaren Worte und ihren noblen Ton in solchem Maß überzeugt, daß ich zu mir selbst sagte: Erschieße dich, Labori! Als dann Labori angeschossen wurde und sich weigerte, seinen eigenen Pariser Arzt zu Hilfe zu rufen, als keine Nachforschungen nach dem Mörder angestellt wurden, als man die Kugel aus der Wunde nicht untersuchte, da dachte ich: hier ist etwas faul! Die Sache ist unklar.«
Jetzt geschah das, was so oft geschieht, wenn ein Mensch andern Edelmut zeigt: die andern beginnen vor Edelmut überzufließen. Holger schnappte sofortzu, und das Rad des Edelmuts begann sich zu drehen.
»Was Isak sagt, habe ich auch gedacht; Meister Demanges Verteidigung, die eintrocknete, beruhte auf dem Entsetzen, das ihn überfiel, als er seinen Klienten in Rennes sah. Labori und Picquart sollen ihn jetzt im Stich gelassen haben …«
Die Auktion hatte begonnen, und die Eitelkeit, neue Gesichtspunkte zu einer alten Sache zu zeigen, griff um sich:
»Ja,« unterbrach Kurt, »ich habe auch einige dunkle Punkte gefunden. Besonders finde ich die Logik, die man anwendet, höchst betrüblich. Der Kanzler des Deutschen Reiches hat im Reichstage erklärt, er wisse von Dreyfus' Spionage nichts. Ja, Teufel auch, wie sollte er, wenn er in Berlin sitzt, wissen, was in Paris geschieht? Daß aber Bülows einfältige Äußerung, die völlig nichtssagend ist, als ein Beweis genommen wird, das ist sublim! Ferner, wenn Sergeant Depert im Gefängnis Dreyfus erklären hörte: ›Ich bin schuldig, aber ich nicht allein,‹ so wird diese Aussage verworfen, weil der Gefängnisdirektor sie nicht gehört hat. Ist nur das wahr, was ein Gefängnisdirektor hört? Wer eine solche Verwerfung anerkennt, muß im Kopf nicht ganz richtig sein. Denkt euch: weil der Direktor es nicht gehört hat, darum ist es falsch. Ferner sagt man und beansprucht bindende Kraft für diese Äußerung: ›Dreyfus war nicht erfreut über die Revision! Aus Stolz nicht!‹ – Könnt ihr diesen Stolz begreifen? – Wenn er sich geweigert hätte, um Gnadezu bitten, dann wäre er stolz gewesen! Aber sich zu weigern, Gerechtigkeit zu empfangen?«
Die Feuerung wurde verstärkt und die Hitze steigerte sich. Sellén wollte auch ein Scheit hineinwerfen:
»Jawohl, Logik, jawohl! Weil Henry als Berufsspion ein Dokument gefälscht hat, schließt man, daß auch die nachweislich echten gefälscht sind. Ist das Logik? Im übrigen muß ich gestehen, daß …«
»Na, hört einmal, wenn wir so fortfahren,« unterbrach der Doktor, »so erklären wir Dreyfus für schuldig, und das war doch nicht die Absicht. Oder was meint Max?«
»Ich kann nicht leugnen,« antwortete der Graf nachdenklich, »daß die Sache dunkel ist. Es wurde doch ein Dreyfusministerium mit Waldeck-Rousseau eingesetzt zu dem Zweck, Dreyfus zu befreien; dieses Ministerium ernennt einen Regierungskommissar namens Carrière, der nicht General war und der Dreyfus befreien wollte, weil er fest an seine Unschuld glaubte. Nachdem er die Generale und Zeugen in Rennes gehört hat, trotz Esterhazys Bordereau und Henrys Fälschung, bekehrt er sich im Laufe des Prozesses. Das ist sonderbar! Weiter hat man auf den Bordereau hingewiesen, ganz wie der Zauberkünstler nach der Decke deutet, während er etwas unter dem Tischtuch hervorholt. Der Bordereau ist als Beweis wertlos, ebenso wie Esterhazys Zeugenaussage; obwohl Sachverständige jetzt geschworen haben, der Bordereau weise keine Spur von Dreyfus' Handschrift auf, hat Dreyfus selbst die Ähnlichkeit zugegeben, indem erausrief: ›Sie haben mir meine Handschrift gestohlen!‹ Wir sehen so viele Widersprüche, daß wir kaum das Recht haben, uns eine Ansicht zu bilden. Daß Dreyfus, der zu einem Engel gemacht wurde, keiner war, da er ein Mensch ist, das hat nichts zu sagen, aber Zola und Björnson hätten nicht auf seine Ehre schwören sollen. Dreyfus hat zehn Unwahrheiten ausgesprochen, auf denen er ertappt ist. Er leugnete zunächst, die Organisation der Ostbahn zu kennen! Er kannte sie! Er leugnete, den Konzentrationsplan zu kennen! Er kannte ihn! Er leugnete, auf General Ransons Konferenz anwesend gewesen zu sein! Er war anwesend! Er behauptete, Picquart nie gekannt zu haben! Er kannte ihn! Er sagte früher, er sei nie in Mülhausen gewesen! Jetzt gibt er zu, daß er jeden Sommer dort gewesen ist! Er behauptet, das Schießhandbuch nie gesehen zu haben! Er hat es gesehen! Er beteuerte, das Artilleriegewehr 120 nicht gekannt zu haben! Er hat es gekannt. Er bestritt, bei Bodsons ausländische Militärattachés getroffen zu haben. Er hatte sie getroffen! Björnson, dieser, dieser … schwor auf Dreyfus' Sittlichkeit. Dreyfus gibt zu, als verheirateter Mann Geliebte gehabt zu haben, das gehe aber niemanden etwas an, da er die Mittel dazu besitze. Das mag sein, und das kümmert niemanden! Aber Björnsons Aussage!La vérité!Zola beschuldigte die Generale der Schurkerei! Dreyfus aber läßt den Generalen, da er besser von ihnen denkt, seinen Dank aussprechen!La vérité, Zola! Aber es kommen noch andere unheimliche Details im Prozeß vor. Dreyfusruft Major Curé zu Hilfe. Dieser kommt und sagt gegen ihn aus. Dreyfus vertraut auf Oberst Cordiers Dazwischentreten! Dieser hat nichts zu sagen. Doch weiter: Oberst Munier, der wichtige Telegramme zu überbringen hatte, starb im Zuge. Chaulain-Sauviniere starb im Zuge, Major d'Attel starb im Zuge. Und diese geheimnisvollen Todesfälle: Lemercier-Picard, Guenée, Reßmann und andere! Und jetzt ist Schneider in Wien gestorben, Scheurer-Kestner ist gestorben, der Chef des Generalstabs ist gestorben! Das geht nicht mit rechten Dingen zu, und dieser Lügnerkrieg weckt in einem fast die Sehnsucht nach Pulver und Blei. Aber in all dem scheint mir die göttliche Gerechtigkeit gesprochen und das Urteil gefällt zu haben. Dreyfus wurde in Rennes zu zehn Jahren verurteilt, weil er nicht verschwiegen gewesen war und dadurch sein neues Vaterland verraten hatte; aber er wurde mit Recht begnadigt auf Grund mildernder Umstände: seine berechtigten Gefühle für sein altes Vaterland, das Land seiner Kindheit. Henry mußte Hand an sich legen als Fälscher der Gerechtigkeit, Esterhazy wurde ehrlos und geächtet als Lügner; Felix Faure bekam eine Verwarnung, eine Sache zu drehen und zu wenden, die Generale eine Ermahnung, sich nicht aus Ungeduld und Kleinmütigkeit auf Fürsten und ihresgleichen zu verlassen. Und die Nation erfuhr, daß sie bereits so viele fremde Elemente in sich habe, daß sie nicht an Revanche denken dürfe, die ein Bruderkrieg werden könne; und als die Armee ihr Prestige verlor, hat sie mit einer neueren Aufgabe einneues bekommen. Sie dient in diesem Augenblick im fernen Osten Schulter an Schulter mit den Deutschen, was sie nicht getan haben würde, wenn der ›Prozeß‹ nicht gewesen wäre! Frankreich ist geöffnet! ebenso wie China! Doch mit dem ›Prozeß‹ wurde auch die religiöse Frage aktuell, obwohl ich nicht begreife, was sie damit zu tun hat; aber sie tauchte auf, weil Dreyfus Jude war. Und jetzt sind Protestanten und Juden dabei, die Klöster zu öffnen und ein paar hunderttausend lebenslänglich Gefangene herauszuholen. Das ist ja ganz wie bei Krönungen oder bei dem Regierungsantritt eines neuen Königs; aber es ist auch ein Gegenstück zur Bartholomäusnacht, wenn auch ein sehr gesittetes; es sind ja nur Wohltaten als Lohn für Untaten; es ist reine christliche Liebe, obwohl der Wille wohl nicht gut ist; doch wir sehen ja oft, wie das Böse zum Guten dienen muß; und Dreyfus war kein untadeliger Mann, aber er hat gedient, wie wir alle!«
»Ja,« nahm Doktor Borg wieder das Wort, »nach all unsern Zugeständnissen, die wohl zunächst der Oppositionslust entsprangen oder der Neugier, die Kehrseite der Sache zu sehen, finde ich es leichtsinnig, dies Schreiben an Zola abzuschicken, der allein glaubt, die Wahrheit gefunden zu haben. Einige Körner hat er gefunden, aber noch mehr Spreu, und etwas beschmutzt hat er sich den Rücken dabei. Wenn wir statt dessen ihm gratulierten als dem wiedergeborenen Gläubigen, dem an die Zukunft glaubenden Verfasser von ›Arbeit‹ und ›Paris‹; dem Sozialisten Emile Zola? Wollen wir das tun?«
Alle außer dem alten Borg sagten ja; und dabei blieb es.
Esther, die im Irrenhause Dienst hatte, entfernte sich, von Max begleitet.
Sie gingen lange schweigend durch die Straßen, schließlich sagte Max:
»Ist dir aufgefallen, daß er der antiken Statue ›Der Schleifer‹ ähnlich ist?«
»Ja, da hast du recht; vor allem das Kinn, das bei den Ohren anfängt.«
»Erinnerst du dich jetzt des Zyklons in Paris im Jahre 1896, der bei Saint Sulpice einsetzte, La Revanche ertränkte, den Justizpalast verwüstete und am Hospital Saint Louis endete, nachdem er zuvor die Sainte Chapelle Saint Louis erschüttert hatte? Glaubst du jetzt an symbolistische Zyklone?«
»Was in Gottes Namen soll man glauben? Ich bekomme Angst!«
»Aber ein anderer okkulter, das heißt noch unerklärlicher Umstand ist dieser: Bei der großen Revolution, am Tage vor der Erstürmung der Bastille, wurde der Tuileriengarten vom Royal Allemand gereinigt. Unter den Offizieren befanden sich ein Reinach und ein Esterhazy. Glaubst du an Zufälle?«
»Nein! Aber der Zusammenhang?«
»Weiß ich nicht! Der Zusammenhang wäre ja die Erklärung, und die finden wir nicht. Deshalb wird jede Erklärung lächerlich. Weiter aber: Baedeker, der doch kein okkultes Buch ist, berichtet ganz unschuldig: Als man 1869 die Königsgräber in Speyer plünderte,wurde das Manöver von einem angeführt, der Hinz hieß. Als die Königsgräber in Saint Denis 1789 geplündert wurden, hieß der Anführer auch Hinz.«
»Was könnte das bedeuten?«
»Weiß nicht!«
»Sag einmal, hast du Dreyfus gekannt?«
Da blieb Graf Max stehen und betrachtete Esther, als wolle er sehen, ob sie scherze:
»Nein, ich habe ihn nicht gekannt … aber wenn wir uns in vielen Jahren einmal unter vier Augen treffen und du dann noch ebenso interessiert bist wie jetzt, dann will ich dir eine Geschichte erzählen … Ja, er war ein Mann der Vorsehung, aber ein leidender Christus war er nicht.«
»Bist du Christ?«
»Ja, ich bin ein christlicher Freidenker … Und seltsam ist: als wir das Christentum geschleift haben, da ist soviel Weisheit und soviel Humanität mit verlorengegangen. Wir sind roher und dümmer geworden … Will man jetzt einen feinen Menschen finden, muß man ihn unter den Pietisten suchen, wenn sie nur nicht von Jesus reden und nach deiner Seele fragen. Willst du einen Menschen sehen, der sich beherrscht, der Sprache und Gedanken pflegt, der human im Urteil, resigniert im Leid ist, stets die Blicke emporrichtet, alles vergeistigt, was er anrührt, der es vermeidet, anzustoßen und zu verletzen, der seinen Körper diszipliniert, dann sieh dir einen Pietisten an! Er strebt zum Übermenschen, allerdings mißlingt ihm das oft. Doch das Streben ist es, siehst du … Wenner nur nicht darüber reden möchte. Religion für den eigenen Gebrauch, innerlich, doch nicht …«
»Aber die Freude am Leben?«
»Was ist das für eine Freude?«
»Siehst du, da trennen sich unsere Wege.«
»Wieso? Ich habe meine stille Freude auf meine Art, aber … Du erinnerst mich an Chopins zweites Nocturno und unsere erste Begegnung bei den Mädchen, die in Freude lebten … das war ihr Surrogat für …«
»Was ist deine größte Freude?«
»Einen neuen Gedanken zu gebären! Dann bin ich Vater und Mutter zugleich und brauche die Ehre nicht mit einer Frau zu teilen, die mit meinem Kinde ihrer Wege geht und sagt, es sei ihrs …«
»Max, ist es dir ein Genuß, daß ich leide?«
»Nein, ich leide unter dem Leid, das ich zufüge, aber ich höre an deiner Frage, daß es bei dir umgekehrt ist …«
»Wenn ich dich leiden sehe, liebe ich dich; es steht dir. Aber wenn du froh bist, hasse ich dich; du wirst banal, übermütig, laut. Im übrigen ist mir immer bange vor einem frohen Menschen; wer lacht, zeigt die Zähne und ist nicht weit vom Beißen …«
Sie verstummten beide, Esther, weil sie merkte, daß sie sich ins eigene Fleisch geschnitten hatte, Max, weil er sie nicht durch eine Enthüllung ihres Fehlhiebs verletzen wollte.
In den Gotischen Zimmern war man in lebhaftere Stimmung gekommen. Gustav Borg hatte einenBrief von seinem Sohn Anders aus Amerika, aus dem er Stücke vorlas:
»Das Charakteristischste in dem neuen Leben hier in Amerika ist die allgemeine Beweglichkeit, Unstetigkeit. Man hat keine Ruhe; alles verändert sich so schnell; Wohlstand und Armut wechseln, so daß keine Klassen und Geschlechter sich bilden können; der Reiche ist arm gewesen und kann es wieder werden, das weiß er; der Arme ist reich gewesen und kann es auch wieder werden. Deshalb verstehen sie sich; sind vorsichtig und handeln mit Vorbedacht. – – Der Tag ist zu kurz, und man eilt zur Ruhe der Nacht als dem einzigen großen Genuß, der nichts kostet; und man erwacht zum Ernst der heiligen Arbeit, von deren gewissenhafter Ausführung die Existenz abhängt. Hier ist es eine Gnade, Arbeit zu bekommen, und man wird stündlich daran erinnert, daß man kein Recht an das Leben hat, sondern daß alles Gnade ist. – – Diese harte Schule zieht eine Generation groß, die furchtbar sein mag, wenn sie dereinst Schwärme aussenden wird. Ich blicke bereits auf Europa wie auf ein verblühtes Hellas: viel Schönes, aber geschwächt und wahrscheinlich erschöpft; philosophiert über das Leben, lebt es aber nicht …«
»Ja, der Junge hat recht,« unterbrach der Doktor, der seiner Gewohnheit getreu das Wort führen wollte. »Ihr wißt, daß die letzte Statistik seit 1890 250 000 Auswanderer aus Schweden anführt; und die meisten zwischen 15 und 35 Jahren. Das Land wird schließlich von Kindern und alten Leuten bevölkert sein …«
»Ist es da ein Wunder, daß die Frauen heran mußten und arbeiten?« fiel Gustav Borg ein, der gern die Gelegenheit abpaßte.
»Da hast du ein wahres Wort gesagt. Ja, in einem Staat von Kindern und Pensionierten müssen sie heran und arbeiten, da keine Männer da sind, von denen sie leben könnten … Das ist ein neuer Gesichtspunkt! Wenn sie aber auch herrschen sollen, dann möge doch Asien über uns hereinbrechen und wir lieber von barbarischen Männern als von Damen der Gesellschaft, von Aspasien und Emanzipierten beherrscht werden.« – –
»Jetzt brechen wir nach der Schanze auf,« kommandierte Gustav Borg.
»Ja, gehen wir aufs Kapitol und danken wir den Göttern für das vergangene Jahrhundert, das mit Dreyfus endete und mit Napoleon begann, dessen Brüder zum mindesten zu den Kindern Israel zu gehören scheinen.«
Esther und Max waren zum Zoll hinausgekommen, wo im Halbdunkel das einsame Schloß, hinter dessen hohen Fenstern Licht brannte, sich weiß erhob.
Max sprach wie für sich selbst:
»Es gibt ein Wort, das unter Gebildeten außer Gebrauch gekommen ist, und man schämt sich, es auszusprechen; das ist das Wort Sünde. Man hat den Begriff Schuld wegphilosophiert, aber das Schuldgefühl ist noch vorhanden. Ich bin mit einem bösen Gewissen geboren und hatte als Kind Angst davor,entdeckt zu werden. Das kann man nur damit erklären, daß etwas Unbekanntes vorangegangen ist.«
»Das sind krankhafte Empfindungen, und wir haben viele solche Fälle hier in der Anstalt,« erklärte Esther. »Wir haben zum Beispiel einen, der glaubt, den Bordereau geschrieben zu haben.«
»Ja, was weißt du davon?«
»Nein, höre, jetzt kann ich dir nicht länger folgen.«
»Das weiß ich, und ich verlange es auch nicht. Du bist immer im Ton mit mir, aber mindestens eine Oktave tiefer. – Aus nichts wird nichts, und alles hat einen hinreichenden Grund; wenn er also glaubt, der Schuldige zu sein, ist ein logischer Grund dafür da. Die Einbildungen haben eine höhere Wirklichkeit, deren Zusammenhang mit dem Wirklichen ich nicht verstehe, aber nicht zu leugnen wage. Die Wirklichkeit kann ja nicht in mein Inneres eindringen und wieder zum Ausdruck kommen, ohne es als Vorstellung oder Einbildung passiert zu haben. Die Wirklichkeit kennen wir also nur durch unsere Vorstellungen von ihr; deshalb variieren unsere Vorstellungen von einer aufgefaßten Wirklichkeit so unendlich. Übrigens kann eine Seele ohne das Zusammenwirken mit andern Seelen nicht existieren. Nun habe ich Anlaß zu glauben, daß alle Seelen miteinander in Beziehung stehen; und es gibt Menschen mit so empfindlichen Empfangsapparaten, daß sie mit der ganzen Menschheit fühlen und folglich mit ihr leiden. Aber es gibt auch Menschen, die aus der Ferne Einfluß auf andere ausüben, sogar auf Unbekannte; das weißt du.«
»Ja, das stelle ich nicht in Abrede!«
»Nun gut, woher weißt du, daß nicht …«
Graf Max hatte die Gewohnheit angenommen, Meinungen nicht ganz auszusprechen, weil er wußte, daß Esther sie vollendete oder seine Gedanken hörte, und er brach immer ab, wenn der unausgesprochene Gedanke etwas Unausgereiftes besser ausdrückte, als das banalisierende Wort es tun würde.
»Ich wagte das Wort Sünde auszusprechen; ich glaube, alle Krankheiten sind die Folgen von Sünden. Die körperlichen Krankheiten werden ja auch analog den geistigen geheilt. Zunächst ist man zu den demütigenden Bekenntnissen vor dem Arzt genötigt (die Beichte). Dann wird man von ihm zur Buße verurteilt; bittere Kräuter, Fasten, strenge Disziplin, Entsagung; und oft wird einem vorgeschrieben, Gewohnheiten, Laster abzulegen, Gemütserregungen zu vermeiden, an freundliche Dinge zu denken. Wenn man dann geheilt ist, muß man zum Priester (zum Arzt) gehen, um zu danken und zu opfern. Und dann bekommt man den Rat: ›Hüten Sie sich jetzt vor Rückfällen; das heißt in der Übersetzung: Geh, aber sündige hinfort nicht mehr!‹ – Ist das nicht dasselbe? – Aber wie behandelt ihr die Gemütskranken hier drinnen, die Seelenkranken, denen Seelsorge not tut? Ja, ihr gebt ihren Körpern kaltes Wasser und Morphium! – Erinnerst du dich, wie Hanne Joel in ihrem merkwürdigen Buche ›Jenseits‹ ihre Genesung schildert? Nachdem sie lange auf die Ärzte und ihre Umgebung geschimpft hatte, kam schließlich an einem Weihnachtsabend die Krisis:Sie brach in Tränen aus und rief: Ich bin dumm und hochmütig gewesen! Und damit war sie geheilt. Frau Schram war härter, aber sie beugte sich schließlich und wurde durch die Freundlichkeit einer Pflegerin gesund. So wenig kann bisweilen helfen – ein gutes Wort! das man so selten hört! – Dies Schloß ist kein Krankenhaus, es ist wohl ein Inferno oder eine Strafanstalt, und das schlimmste an der Strafe ist vielleicht, daß der Arzt den Kranken ›nicht versteht‹; unverstanden oder mißverstanden zu sein, das ist ja die Hölle.«
»Wir haben doch auch Priester oder Seelsorger.«
»Kann man nicht sagen, daß die meisten hier einen Widerwillen gegen Priester und Religion hegen? Sie sollen ja lästern und schmähen.«
»Das ist verschieden, denn einige kommen gerade infolge religiöser Grübeleien hierher.«
»Ja, sie wollen den Vorhang durchdringen, und dann sehen sie das Theater mit den umgekehrten Kulissen … das ist die Strafe. Ihr habt doch den Dichter X. hier?«
»Ja, der ist hier!«
»Nun, der forderte den Herrn heraus und zitierte ihn auf den Walplatz in Hinnoms Tal! Wer hat gesiegt?«
»Meinst du, das war es?«
»Ja, was sollte es anders sein? Tabak- und Alkoholvergiftung ist doch leicht geheilt. Deliranten gehen selbst ins Krankenhaus und kommen in acht Tagen wieder heraus. Daß du einen Kausalzusammenhang, der so schlagend ist, nicht sehen kannst!«
»Zwangsvorstellungen …«
»Ein neues Wort im Wörterbuch; aber die Sache und die Ursache? Wer ist der Zwingende? Wer zwingt den Mörder, an sein Verbrechen zu denken? Das Gewissen! Und hinter dem Gewissen? – Der Dichter endete in einer religiösen Krisis …«
»Da siehst du, was Religion ist!«
»Hüte dich! Hüte dich! Aber ich glaube nicht, daß man ein Recht hat, hier über die ärztliche Behandlung zu klagen. Der Kranke soll wohl durch die Verständnislosigkeit der Umgebenden vollständig isoliert werden; er soll allein mit seinem Gewissen seine Angelegenheiten abmachen; keine Möglichkeit haben, sich zu beklagen und ein falscher Märtyrer zu werden. Hast du nie Angst, wenn du hier bist?«
»Nein, ich nicht, denn ich beobachte mich. Aber es gibt Kandidaten, die sich durch liederliches Leben in einen Schwächezustand versetzen, und die graulen sich, obwohl sie an nichts glauben als an die Physiologie. Man hat ja hier Professoren gesehen, die befallen wurden; und Wärter hatten wir mehrere …«
Sie betraten das Schloß. Abstrakt, streng, trübselig wie das Selbstmordzimmer im Hotel, das Zimmer, das man stets dem Gast gibt, der am unglücklichsten aussieht, das Zimmer mit drei Türen und einem Fenster; in dem das Bett vor der einen verschlossenen Tür steht, deren Schlüsselloch sich neben dem Kopfkissen befindet, und das Sofa, das extra so gemacht ist, daß man weder darauf sitzen noch liegen kann, vor der andern Tür; dies Zimmer mit Aussicht auf den Hof und unaufgeräumte Zimmer gerade gegenüber,dieses Zimmer, das für den Selbstmörder reserviert zu sein scheint.
Graf Max fühlte sich beklommen; Esther aber, die zu spät kam, mußte sofort ihre Ronde machen, und der Freund ging mit ihr. Ein langer Korridor und eine Treppe hinunter; Feuerlöschapparate mit Schläuchen, die sich wie lange schwarze Schlangen an den weißen Wänden entlang schlängelten, Gasflammen gleich Schmetterlingen aus Feuer; schließlich ein vergittertes Fenster, vor dem sie stehenblieben.
Mitten in einem Raume, der wie ein Stall aussah, stand ein alter Mann, völlig nackt auf dem Steinfußboden, und streckte die Arme empor wie ein antiker Adorant oder ein Säulenheiliger.
»Warum ist er nackt?« fragte Max.
»Weil er sich die Kleider auszieht und vierzig Grad Fieber hat; das hat er drei Jahre lang gehabt, und so steht er seit drei Jahren. Er glaubt in einer Schlangengrube zu sein.«
»Dann ahne ich, wer es ist. Es ist der Mann, der Witwen und Waisen betrügerisch um ihren Besitz gebracht, sie ausgezogen hat, aber mit gesetzlichen Mitteln! Siehst du, daß es andere Gesetze gibt als die des Gerichts? Aber, Esther, warum glaubt er in der Schlangengrube zu sein? Er hat doch nicht den vierundzwanzigsten Gesang von Dantes Inferno gelesen, wo Diebe von Schlangen geplagt werden.«
»Was du sagst! Dante hat er sicher nicht gelesen!«
»Nun, wie meinst du, ist Dante darauf gekommen? Hat er es erfunden oder hat er einen Grund dafürgehabt? Gibt es in diesen Strafformen, die ihr Krankheiten nennt, etwas Objektives, Festes, das als Anhalt dienen kann? Ich sage ja, und mit gutem Grund … Ich glaube auch, daß sich in den Religionen Andeutungen darüber finden … Hättest du Swedenborg gelesen, so würdest du erkennen, daß seine Beschreibung der Höllen, die Gemütszustände, keine Orte sind, mit den Einbildungen zusammenfallen, mit denen du es hier zu tun hast. Es gibt also eine Konstante: suche sie, und du wirst die Lösung vieler Rätsel haben … wenn du willst oder kannst!«
Sie gingen weiter. Esther flatterte voran mit ihrem großen Pelerinenmantel und ihrem wirbelnden Haar, das in dem durchfallenden Licht der Gasflammen wie Gold leuchtete. Der Graf, schlank, dunkel, blaß, folgte.
Wieder blieben sie vor einem Gitter stehen. Da drinnen saß ein junges Mädchen auf einem Stuhl und tat nichts.
»Sprich mit ihr!« sagte der Graf.
»Was machen Sie denn, Fräulein?« fragte Esther, nur um Max den Willen zu tun.
»Ich leide,« antwortete das Mädchen, das von einer Schönheit war, bei der die Seele bis in die äußerste Haut drang.
»Warum leiden Sie denn?«
»Ich leide für die Missetaten meines Vaters; er hat keine Zeit, seine Strafe zu leiden, denn er muß für die Familie arbeiten. Und ich habe zu Gott gebetet, mich für ihn leiden zu lassen. Da ich unschuldig bin, sind meine Qualen größer, als die seinen wären,deshalb ist die Zeit verkürzt. Aber wehe ihm, wenn er undankbar ist oder sich nicht bessert, dann kommt es über ihn selbst! Das weiß er, und deshalb nimmt er sich in acht. Er weiß auch, daß ich ihm überall folge und ihn überwache. – O es ist schwer, aber es nimmt ein Ende. – In drei Jahren werde ich zu Weihnachten nach Hause kommen!«
Sie gingen weiter.
»Meinst du,« fragte Max, »daß dieser Engel nicht weiß, was er tut? Glaubst du, sie ist nicht bei Verstand? Mache dir die Mühe, in aller Heimlichkeit ihren Vater auszuforschen und zu erkunden, ob sie die Wahrheit spricht!«
»Dazu haben wir keine Zeit!«
»Du hast recht! – Aber ist dir aufgefallen, wem sie ähnlich sieht?«
»Ja, jetzt weiß ich, wen du meinst …«
»Nun? Wenn es seine Schwester ist, dann kennst du den Vater! – Aber wohin führt diese Treppe?«
»Zu den Allerschlimmsten! Da wohnen …«
»Ich weiß; das ist Swedenborgs Dreckhölle für die Wollüstigen …«
»Sagt Swedenborg das …?«
»Ja, stimmt es?«
»Es stimmt! Jetzt fange ich an, mich zu fürchten!«
»Höre zu! In Dantes Inferno ist von Dieben gesagt, daß sie in Ermangelung anderer Dinge einander das Aussehen stehlen. Erinnerst du dich des nie entschiedenen Prozesses des norrländischen Diebes, des kombinierten Mordes und des Traums der Frau vonetwas in einem Eisenbahnkupee … daran denke! Denke auch an die beiden geheimnisvollen Prozesse in Norrland und Östergotland, wo kein Verbrechen begangen zu sein schien, kein materielles wenigstens … und doch soviel gelitten werden mußte … außergerichtlich; ›schuldig und nicht schuldig‹ scheint das einzige Urteil zu sein … Ja, wenn wir alle unsere Gedanken aussprechen sollten … Rousseau war so unklug, das zu tun … wie wir innen aussehen! Und unser inneres Leben tritt bisweilen ans Licht, verwirrt die Begriffe, macht klare Aussagen unglaubhaft, dann wird der Ankläger der Schuldige. Deshalb sollten wir erst das Trinkgefäß inwendig rein machen … Was für eine schauerliche Maskerade ist das Leben! Ich kann nie in Gesellschaft gehen, denn ich höre Gedanken, lese Gesichter und bin so streng gegen mich selbst, daß ich meine heimlichen Gedanken strafe, die bisweilen ganz furchtbar sind, so daß ich mich nicht zu ihnen bekennen will … In schlechter Gesellschaft kann ich bisweilen immun sein, gewissermaßen geschützt, bisweilen aber kommt ihre Bosheit über mich, und sie sprechen durch meinen Mund … Dann haben sie den Eindruck, ich sei ein roher Mensch …«
Sie wanderten weiter und kamen schließlich an den großen Sitzungssaal, wo ein kleines Fest veranstaltet war.
Max wollte nicht hineingehen, sondern blieb an der Tür stehen.
»Dies erinnert mich an das Grauenvollste, was ich je gesehen habe. Es war ein sogenannter Wiener Ballfür perverse Männer und Weiber in Berlin. Ich war mit dem Polizeikommissar und einem Arzt zusammen da. Stelle dir nur vor: ein junger Mann ist verliebt in einen Kerl von vierzig Jahren, mit rotem, grobem, häßlichem Gesicht, Schnurrbart und Kneifer, und macht ihm den Hof. Der sollte die Geliebte vorstellen. Wer hatte sein Gesicht geblendet? Was liegt dahinter? Es muß einen Grund geben! – Nein, ich will nicht hineingehen! Ich habe Angst vor Irren; sie wirken wie Dämonen, denn sie sprechen sofort all meine Geheimnisse aus, sogar all meine ungeborenen Gedanken. Und da hast du die Gleichung des Irren: er lebt in einem stummen Unterbewußtsein, nimmt einen auf Vorschuß, ist so scharfsichtig, daß er boshaft erscheint. Er hört an unglaublichen Orten alles, was noch nicht lautbar geworden ist; er sieht Gedanken und Gefühle; seine seelischen Kräfte stehen in gewisser Weise über unsern gewöhnlichen, deshalb paßt er nicht in die Maskerade des Lebens hinein … Ach, da ist ja der Dichter!«
»Ja, er predigt jetzt Sittlichkeit gegen sich selbst!«
»Und weiß nicht, daß die Schöne Helena mit seinen banalen Liedern die Runde macht?«
»Nein, das weiß er nicht!«
»Wenn er es erfährt, was wird dann geschehen? Seine Person scheint freilich bereits gespalten zu sein, aber wenn er mit seinem früheren Ich in Disharmonie kommen sollte, wird er die Dissonanz durch Kompromiß oder Kampf gegen sich selbst lösen? … Weißt du … diese Sittlichkeit, richtig aufgefaßt, hat mehr für als gegen sich. Mit der gewaltigen Schöpferkraftzu spielen ist ein Greuel, und er wird am schlimmsten und häufigsten in der Ehe betrieben, wo er ein Zeitvertreib geworden ist. Deshalb will ich aus sittlichen Gründen die Auflösung der Ehe. Im zweischläfrigen Bett verliert man seine Persönlichkeit, seine Selbstachtung, seinen Menschenwert. Da verkauft man seine Seele, lernt das Verschweigen, sich versöhnen nennt man das. Es ist das Grab, in das das Ebenbild Gottes gelegt wird, und aus dem das Tier aufersteht! Da wird die grenzenlose Verachtung seiner selbst, der Liebe, der Gattin und des Heims geboren! Ich hörte kürzlich, wie ein Mann, in dessen Küche sich die Bräutigams ablösten, nach dreijähriger Ehe endlich aufwachte und ausrief: ›Ich halte es nicht mehr aus, Bordellwirt zu sein.‹ Nein, jetzt gehen wir auf die Schanze. In einer Stunde ist Mitternacht!«
Die Gäste aus den Gotischen Zimmern gingen in kleinen Trupps durch die Nacht und plauderten; Alte und Junge, Väter und Söhne, Onkel und Neffen als gleichaltrige Kameraden; das war die Losung der Zeit: »Der Tod ist keine Entschuldigung, und das Alter hat keinen Rang. Die Vaterschaft läßt sich nicht beweisen, deshalb sind wir alle Brüder.«
Der alte Gustav ging mit Isak an der Spitze:
»Kannst du dir vorstellen, Anders schrieb auch einen Sermon über amerikanische Familienverhältnisse, aber das wollte ich den Jungen nicht vorlesen. Er sagt, das Heim löse sich auf und die Familien wohnten im Boardinghouse. Ich gebe zu, es ist eine Verschwendungmit unseren Familienhaushalten, und der Altar des Hauses ist eigentlich der Küchenherd. Essenkochen und Aufwaschen ist ja vom Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang im Gange. – Und dann sagt er, Scheidungen seien ebenso üblich wie Hochzeiten, und es habe den Anschein, als sei das Leben durch diese Erneuerung der Persönlichkeit reicher geworden.«
Isak, der solche Fragen nicht gern behandelte, lenkte ab und nahm ein anderes Thema auf:
»Nobel ist ja jetzt gestorben und hat einiges hinterlassen; dreißig Millionen oder so.«
»Dann bekommt ja die Akademie etwas Geld zur Verfügung; wenn es nur nicht ein Reptilfond wird, mit dem politische Gegner gekauft werden.«
»Etwas Amtliches wird es sicher …«
Kurt und der Doktor im zweiten Gliede hatten eine Weibergeschichte vor. Kurt führte das Wort.
»Da ist sie mit dem Kind ihrer Wege gegangen, um mir den Todesstreich zu versetzen; aber ich lief ihr nicht nach, sondern ließ sie sitzen, und das hatte sie nicht in Rechnung gezogen. Da sagte sie, ich sei kein Gentleman; und dann lief sie zum Rechtsanwalt und beantragte die Scheidung, weil ich ›sie nicht glücklich gemacht hätte‹. Weißt du, was das heißt, eine Frau glücklich machen?«
»Ja, gewiß weiß ich das: wenn sie dich ruinieren, dich entehren, dich erniedrigen darf, dann hast du sie glücklich gemacht; und gelingt ihr das, ohne daß du klagst, dann bist du ein Gentleman!«
Holger und Sellén im dritten Glied sprachen überdie Zeitung: Sellén war mit den Rezensionen und den Persönlichkeiten nicht einverstanden.
»Aber das Leben ist öffentlich geworden, ganz wie im alten Athen: Ephoren und Zensoren durchforschen das Privatleben des einzelnen; darein muß man sich finden, muß es zu seiner Erziehung nutzen; im übrigen, wenn alle das Persönlichkeitsprinzip predigen, sind die Persönlichkeiten einer Kritik ausgesetzt, die persönlich werden muß. Aber als Korrektiv hat sich das Interview eingestellt. Früher konnte man auf eine unwahre Anschuldigung nicht antworten; das Urteil der Zeitung war drakonisch. Jetzt darf der Geringste antworten und sich erklären. Das ist ein großer Fortschritt.«
»Ja, aber wenn sie ungerecht sind …«
»Es gibt nichts Dümmeres, als ungerecht zu sein. Der Betroffene wird zum Märtyrer und erringt oft unverdiente Sympathien … Hier im Lande ist es schwer für ein Talent, hochzukommen, denn man nimmt lieber eine Unfähigkeit, die Bein vom eigenen Bein ist, und kreiert sie; aber es geschieht oft, daß man durch den Neid anderer auf einen Konkurrenten vorwärts kommt, und das ist der gewöhnliche Weg … Wollen sie einen Beneideten stürzen, müssen sie einen andern emporheben … Doch Reklame ist das Schlimmste, worauf man bauen kann, und ich begreife nicht, warum die Leute annoncieren! Wenn ich eine große Annonce sehe, bekomme ich Angst und denke, es ist Schwindel! Nein, die mündliche Propaganda durch einen Käufer, der eine gute Ware bekommen hat, das ist der einzigeWeg! – Unser Freund Lundell, der Maler, hat sein ganzes Leben hindurch Reklame gemacht, ist aber nie etwas geworden, ist namenlos gestorben und jetzt nach einem Jahr vergessen!«
Isak war in edelmütiger Stimmung und spielte aus Trümpfe und Stiche nacheinander.
»Man mag sagen, was man will, aber ohne die Heilsarmee und die Guttempler wäre Schweden in Trunksucht verfallen. Angenehm sind sie ja nicht, indessen …«
»Als Vorschule für Amerika haben sie allerdings ihre Rolle gespielt, und für das Publikum … Jedenfalls sind die größten Reformen in unserm sozialen Leben auf privatem Wege durchgeführt worden, ohne den Reichstag; die Regierung hat ja nie etwas anderes getan als gehemmt. Das Ritterhaus stürzen war keine Kunst, und der Adelsalmanach ist noch vorhanden, aber die Fräuleinreform des Abendblattes, die hat dem Adel den Todesstoß gegeben. Das war eine Guillotine. Auf dieselbe Weise haben die Guttempler die Nüchternheit geschaffen und die Pietisten die Staatskirche vernichtet, hat die Literatur die Sitten umgebildet, haben die Privatbanken das ökonomische Leben reformiert.«
»Apropos Ökonomie! Weißt du, daß das beste Geschäft in Schweden die Lebensversicherung ist? Nicht weil die Leute an den Tod denken, sondern weil die Versicherungspolicen als Hypotheken für Darlehen benutzt werden, und da alle pumpen … Aber der größte Gewinn resultiert aus den verfallenen Versicherungen;wie schwedisch das ist! Um zu zweihundert Kronen zu kommen, bezahlen sie sechshundert an Prämien, und dann lassen sie die Versicherung verfallen!«
Der Doktor im zweiten Gliede war bei seinem Thema:
»Eines Nachts kam sie aus dem Theater und wollte ein Butterbrot mit Kalbsbraten und Gurken haben. Der Braten fand sich, nachdem sie mich schimpfend geweckt hatte, aber als die Gurken fehlten, wurde sie böse und drehte die ganze elektrische Beleuchtung an, die bis zum Morgen mit voller Kraft brannte. Als ich ihr dann die Leviten las, sagte sie, ich sei kein Gentleman, und als ich ihr schließlich wenigstens bewies, daß ich ein Mann bin, lief sie zum Advokaten und sagte, ich machte sie nicht glücklich, ganz wie deine. Kann man als gesunder Mann mit einem wahnwitzigen Kinde zusammenleben? Kann man seinen Namen und seine Ehre seinem schlimmsten Feinde geben? Den Mann, den sie liebt, haßt sie! – Brunst und Haß, das ist die Liebe der Frau! – Der Mann liebt und sie haßt! – Alles Schöne, das wir in ihr sehen, sind nur Projektionen auf ihr weißes Tuch, auf dem sich nichts befindet. – Die Welt wird in Haß vergehen! Die Kinder werden in Haß geboren, in Haß erzogen! Es ist widerlich, in einer perversen Zeit zu leben, in der alles auf den Kopf gestellt ist. Sehen sie einen Mann mit einem männlichen Willen, so sagen sie, er ist ein Weib; sehen sie einen Alphons, der im Namen der Frau spricht und seinen Willen einer Frau unterstellt, so heißt es: Seht, das ist ein Mann! So muß ein Mann sein! Der DichterGrönlund, der sich gegen Bezahlung prostituiert und ein Entretenu ist, das ist der Dichter der Frauen! Er schreibt gegen sein eigenes Geschlecht und verleumdet es … Gynolatrie!«
Sie hatten die Insel passiert und waren an die Floßbrücke gekommen. Jetzt tauchte plötzlich der Schanzenberg im Licht der Feuerzeichen auf, und der Feuerkranz von Bredablick hing in der Dunkelheit …
Sie blieben einen Augenblick schweigend stehen, dann wurde der Marsch fortgesetzt, und die sechsstimmige Fuge kam wieder in Gang.
»Sellén und das Rote Zimmer haben 1870 die Schanze erfunden; das ist ja köstlich; bevor der Aussichtsturm da war; damals diente der Hügel als Motiv für Maler, auch als eine Art Luginsland …«
»Ich vergesse nie den Franzosen vom Geschwader, der mich zwei Tage lang mit seinem ›Es lebe die Akropolis‹ verfolgte, sogar bis in den Opernkeller.«
»Die Ursachen der Auswanderung? Sieh dir den Staatskalender und die Landsturmrolle an.«
»Jetzt ist alles in so raschem Fluß, und man kann eine Erklärung, die zehn Jahre alt ist, nicht benutzen, weil sie nicht mehr stimmt. Wo ist Panslawismus? Pangermanismus? Borussianismus? – Nirgends! Wo ist der amerikanische Weizen geblieben, der Europa in Angst versetzte? Und die Reblaus? Tot, und Frankreich weiß nicht, wo es seinen Überfluß an neuem Wein absetzen soll.«
»Alles scheint sich schließlich zurechtzuziehen, aber man kann das Eingreifen einer gewissen Vorsehung nicht leugnen. Damit Dreyfus frei werden konnte, mußte Bismarck sterben. Als er gestorben war, kam der Erlaß des Zaren, und damit war der Revanchegedanke erledigt, damit konnte China geöffnet und Dreyfus begnadigt werden, wodurch die Kampflust der französischen Armee beschnitten wurde …«
»Man mag sagen, was man will, aber der deutsche Kaiser (der in Berlin) ist ein Mann; er ist der einzige Monarch, der seine gesetzlichen Rechte und seinen persönlichen Einfluß zu benutzen wagt. Sein Telegramm an die Transvaaler erforderte Mut!«
»Konstitutionelle Monarchen, das ist doch nichts. Konnte nicht der Reichsmarschall den Reichstag eröffnen und die Bahnen einweihen? Die Orden könnte man ja streichen, dann brauchten sie nicht ausgeteilt zu werden.«
»Wenn man Mark Twains Gleichung geben wollte, wäre es die: Die Umwertung aller alten verfallenen Werte durch den Menschen der Gegenwart! Das Verflossene in elektrischer Beleuchtung gesehen; alte Kultur auf der Auktion, wo kein Respekt, keine Liebhaberwerte mehr mitsprechen, außer dem Zwangswert, den sie jetzt hat; sie muß zu jedem Preise realisiert werden … zum ersten-, zum zweiten- und zum drittenmal! Bibliotheken müßten dann und wann verbrannt werden, sonst wird das Gepäck, das man mitzuschleppen hat,zu groß. Chinesen und Araber haben das durchgeführt, und Japan hat eine ganze Kultur auf einmal beiseite geworfen … Japan, ja!«
»Man sagt, Holger habe im Gefängnis Dinge erlebt, über die er nicht sprechen will … daß er aber seinen alten Glauben an den Affen und an den Mechanismus ohne Mechanikus verloren hat, ist sicher. So weit wie Max ist er noch nicht gekommen …«
»Ja, Max und Esther! Da darf man sich nicht einmischen; das muß geheim bleiben und respektiert werden. In das Seelenleben zweier Menschen darf und kann niemand mit rauhen Händen eingreifen …«
»Warum wächst Stockholm nicht aufs Meer hinaus, sondern nach den Tümpeln zu? Wie kann man mit Bauplätzen auf dem Leibgedinge spekulieren, die nur auf Lebenszeit, die unbestimmt ist, Dispositionsrecht gewähren? Nein, ein Strandweg, eine lange Linie wie in Kopenhagen von der allgemeinen Gasse bis zum Blockhauszoll; die Industrie auf der Insel Sickla, die Flotte auf Vaxholm und für die Stadt Stockholm die Insel Liding … hinaus ins Meer!«
»Pastor Alroth liegt im Krankenhaus, um aufgeschnitten zu werden. – Es ist ein schauerlicher Tempel, in dem die Menschen von einer unbekannten Göttin geschlachtet werden, die den Blinddarm sehen will. Sie werden dahingebracht, um getötet zu werden, wie die Hunde zum Tierarzt!«
»Apropos Hunde! Es ist doch schändlich, daß sechstausend Hunde in Stockholm den Kindern Brot und Milch wegnehmen … Und die Hauswirte, die ihre feinen Wohnungen an Tiere und ähnliches vermieten … ist das gesetzlich? Es steht doch im Kontrakt, man soll ein stilles und ruhiges Leben führen … Die Tiere haben jetzt größere Rechte als der Mensch, dann ist der Mensch reif! – Streikten die Dienstboten und weigerten sie sich, frierend auf der Straße zu stehen, wenn die Hunde sich und andere soulagieren, dann würden wir bald eine zivilisierte Gesellschaft haben. – Wenn man sich vorstellt: man läßt einen Dienstboten vor der Haustür stehen und sich schämen! Pfui, was für Menschen … Barmherzigkeit gegen das Tier! Aber zunächst gegen den Menschen!«
Die Fuge fugierte sich den Schanzenberg hinauf.
»Akropolis, der Heilige Berg, das Kapitol!«
»Weltbürger bedeutet nicht, daß der Norweger von Blasieholm aus Schweden regieren soll; nein, nationale und kommunale Selbstverwaltung bei allen Föderativstaaten!«
»Selbst Talmud verflucht den Mann, der seinen Willen seiner Frau unterwirft.«
»So, da fangen die Hunde an zu kläffen, weil sie den Gesang vom Turm hören; nichts kann ohne Hunde vor sich gehen. Da lobe ich mir die Türken … und die Japaner! Bei ihnen ist das unreine Tier unrein … aber bei uns … jeder Hundebesitzer ist eincynêde… schlagt das Wort bei Lombroso nach …«
»Seht, da in dem Hause steht Grönlund, der Anführer der Teufelsanbeter … jawohl alle, die Karl XII. anbeten, sind Teufelsanbeter, und alle, die Gustav Adolf anbeten, müßten auch SwedenborgsDiarium Spiritualelesen …«
»Die Mitternacht kommt von Osten her,« sagte Max; »in diesem Augenblick steht sie über der Ostsee und hat das neue Jahrhundert in ihrem Arm.«
Sie standen vor dem Swedenborgpavillon, und Esther glaubte etwas über den großen Schweden sagen zu müssen, der jetzt aus hundertjähriger Vergessenheit und unverdienter Geringschätzung emporgestiegen war.
»Du glaubst doch nicht, daß Swedenborg mit andern Welten in Verbindung stand; man kann nicht in Verbindung mit andern Welten stehen, die es nicht gibt.«
»Gibt es sie nicht? Blicke zum Himmel auf und zu den Sternen! Siehst du jetzt nicht andere Welten?«
»Doch, aber …«
»Siehst du da nicht Capella, den großen, weißen Stern?«
»Nun?«
»Da du ihn siehst, so ist dein Auge durch das von ihm ausstrahlende Licht getroffen, und du stehst in einer Art Verbindung mit ihm, da du etwas von ihm bekommen hast.«
»Ja, einen Lichtstrahl …«
»Jawohl, einen Lichtstrahl, den du aufnimmst. Nun weißt du doch, daß man auf einem Lichtstrahl eine Tonwelle senden kann?«
»Nein, das weiß ich nicht.«
»Kennst du Bells Photophon nicht, durch das man mittels eines Lichtstrahls fernsprechen kann? Nun, das gibt es, wenn du es auch nicht kennst. Jedenfalls kannst du auf dem Lichtstrahl der Capella eine Tonwelle aussenden. Nun weißt du, daß eine Tonwelle einen Gedanken fortzupflanzen vermag; du schickst mir ja jeden Tag einen Gedanken durchs Telephon. Stimmt meine Beweisführung?«
»Ja …«
»Also der Schlußsatz: Andere Welten existieren, weil du sie siehst, und du könntest auf einer Lichtwelle durch eine Tonwelle einen Gedanken aussenden und umgekehrt auf dem gleichen Wege von dem gleichen Ort einen Gedanken empfangen.«
»Die Beweisführung ist richtig …«
»Dann sind wir einig, und Swedenborg kann mit andern Welten in Verbindung gestanden haben.«
»Das fasse ich nicht …«
»Soll ich die Beweise noch einmal wiederholen? Nein, das willst du nicht! – Jedenfalls hat Holger im Gefängnis eine Menge Erlebnisse gehabt, die er nicht erklären konnte, die ihn aber beunruhigt haben. Solange wir etwas nicht erklären können, nennen wir es Mystik. Nun hatte er Swedenborg nie gelesen; als er aber wieder herauskam, geschah ihm das Folgende, das du kontrollieren kannst, wenn du willst. Nach seiner Befreiung lebte er in Grübeleien und glaubte natürlich auf dem Wege zum Wahnsinn zu sein. Da kommt eines Tages auf die Redaktion ein armer Jugendfreundund will Swedenborgs Arcana Coelestia, die schwedische Ausgabe verkaufen, besaß aber nur Teil 6, 7 und 8. Um ihm zu helfen, kaufte Holger sie, ohne die Absicht, sie zu lesen. Als er jedoch, nachdem er allein geblieben war, darin blätterte, fand er in dem Buche – seine Erlebnisse im Gefängnis, und die Erklärungen dafür stimmten. Da wurde er nachdenklich, versuchte Geister zu beschwören mit den Formeln Hypnotismus, Suggestion, Zwangsvorstellungen und andern. Jedenfalls war auf seine Vergangenheit und seine Gegenwart ein neues Licht gefallen. Vierzehn Tage später war er in Upsala und ging zum Antiquar, um das Gesetzbuch von 1734 zu kaufen. Er muß selbst in den Regalen suchen und findet nun Teil 1, 2 und 3 der Arcana; aber natürlich nicht die gleiche Ausgabe wie die seine. Als er nach Stockholm zurückkam, wollte er sofort das ganze Werk kaufen, doch es war nirgends zu haben. Er wollte eben von dem letzten Antiquar fortgehen, da fällt ihm ein, zu fragen: Aber Sie haben vielleicht einzelne Bände? – Ja, die hatte er; und gerade Teil 4 und 5, die fehlten; und wieder eine andere Ausgabe als die seine. Wenn du das als Zufall hinstellen willst, so kannst du auch Lotterie spielen und voraussagen, ob du gewinnen wirst oder nicht. Dennoch ist er nicht Spiritist und hat keine Visionen – aber er nimmt wahr, er bekommt Eindrücke, Warnungen, ganz wie der nüchterne Sokrates von seinem Daimon. Seine Person scheint mir unter der höchsten Temperatur des Leidens in einer Retorte sublimiert zu sein; er hat sich gespalten in einenAlltagsmenschen, der unten in der Materie lebt, und einen Feiertagsmenschen, den er nach gut verrichteter Pflicht ausschlüpfen läßt.«
»Hast du Swedenborg gelesen?« fragte Esther, die sich bei diesem Gespräch nicht wohl fühlte.
»Ja, ich habe ihn gelesen, und ich glaube, kein Mensch hat so viele Geheimnisse ergründet wie er … Es ist kein Zufall, daß sein Haus hier auf dem Berge steht, gerade jetzt, wo er gebraucht wird … Höre an dem Namen Sweden borg, was er für unser Schweden bedeutet. Ich möchte ihn da in der Türöffnung sitzen sehen wie Abraham, als er im Haine Mamre Besuch von dem Herrn bekam … Er kehrt wieder, aber um zu erlösen und Gericht zu halten; um zu befreien, nämlich den Geist; um zu binden, nämlich das Tier! Ich habe nicht recht begriffen, warum all diese Tiere mit ihrer Unreinlichkeit hier auf dem Berge eingesperrt gehalten werden, aber das hat vielleicht den Grund, daß wir den Unterschied zwischen ihnen und uns sehen, daß wir durch Vergleich den Menschen entdecken sollen! Jetzt ist die Mitternacht da, und ich höre das Jahrhundert kommen, von Osten her; jetzt steht es über Värtan, es läutet in Vaxholm … Birgt es Frieden unter seinen Schwingen, Frieden durch Kampf? Die Menschen wollen keinen Frieden! Heute werden im Haag von sechsundzwanzig Staaten die Verhandlungen des Friedenskongresses unterzeichnet! Aber niemand glaubt an den Frieden; alle rüsten! … Wenn du gut von den Menschen sprichst, lachen sie dich aus; sie kennen sich, wir kennen uns; sprichst du aberschlecht von ihnen, von uns, dann werden sie böse. Etwas schlechter als ihr Ruf und etwas besser sind die Menschenkinder!«
Jetzt läutete es von den beiden Glockentürmen, und von der Stadt erhob es sich wie eine Wolkensäule von hallendem Geläut, so daß der Berg bebte. Es ging ein Erschauern durch die Volksmassen, die verstummten und den Kopf entblößten, ohne daran zu denken, wem sie huldigten. Die Tiere in Käfigen und Grotten krochen hinein und versteckten sich, erschrocken wie Heiden beim Klang der geweihten Glocken; es ging ein Rauschen durch die Kiefern, das das Rauschen des Nachtwindes sein konnte, aber auch das Rauschen des durch die Bronze erschütterten Luftmeeres.
Das große Te Deum von der Stadt stieg und stieg, und man sah die spitzen Kirchtürme sich wie Blitzableiter erheben, um die Blitze des Zorns abzuleiten. Der Sternenhimmel aber lächelte sanft, freundlich, nachsichtig.
Und dann verstummten die Glocken der Türme auf dem Berge, auch die der Stadt, eine nach der andern.
»Glaubst du, daß man dies droben gehört hat?« fragte Esther.
»Ja, so wahr meine Seele lebt, das hat man gehört!« antwortete Max.
Nach kurzem Schweigen nahm er wieder das Wort:
»Nun, was hältst du von dem neuen Jahrhundert, das angefangen hat?«
»Es ist dem alten gleich!«
»Ziemlich gleich! Aber doch ein anderes!«
»Wandern wir? Zusammen?«
»Eine Strecke!«
»Aufwärts?«
»Vorwärts!«
»Aber nicht mehr abwärts!«