Viertes KapitelDer Redakteur

Viertes KapitelDer Redakteur

Redakteur Gustav Borg war in Bergslagen aus adligem Geschlecht geboren. Der Vater war Amtmann und hielt streng auf seinen Adel; erzog seine Söhne in einem gewissen Hochmut, der sie vom Mittelstand isolierte, ohne ihnen Zutritt zu den höheren Schichten zu verschaffen. Die Söhne, Gustav und Henrik, besuchten das Gymnasium in Västeraas und hatten Sprößlinge des Hochadels zu Mitschülern; diese aber wollten sich ihnen nicht nähern; sie taten, als wüßten sie von dem Borgschen Adel nichts.

So wuchsen die Amtmannssöhne heran; einfach im Äußern, aber mit Siegelringen am Zeigefinger und Kronen auf dem Rasierzeug, achteten sie auf ihr Benehmen, hielten sich oben, wie man sagt, und waren entschlossen, den Namen durch Kenntnisse und Beförderung zu adeln.

Als die Zeit kam, da der Adel »abgeschafft« werden sollte, wurde Gustav Student.

Er reiste nach Upsala und wollte sich beim Kurator in die Landsmannschaft einschreiben lassen. Damals stand einnob.(nobilis) hinter allen adligen Namen im Studentenverzeichnis.

Als der Kurator nun Borg in die Matrikel einschrieb, vergaß er,nob.dahinterzusetzen.

Gustav Borg flammte auf und fragte, ob der Kurator ihm sein Erb und Eigen, seine Traditionen und Familienehre rauben wolle.

Der Kurator blieb ruhig, fragte aber:

»Sind Sie wirklich schwedischer Edelmann?«

»Wirklich? Was heißt das? Stehe ich nicht im Adelskalender?«

Der Kurator, der selbst adelig war und die Geheimnisse der Zunft kannte, antwortete mit einem Blinzeln:

»Ja, im Adelskalender!«

»Nun?« fragte Gustav.

»Ja, sehen Sie, der Adelskalender ist ein Buch, aber die Ahnentafeln, sehen Sie, das ist ein zweites. Kennen Sie die Ahnentafeln nicht, Anreps Ahnentafeln?«

»Nein, ich habe sie nie gesehen, aber es soll ein Skandalbuch sein.«

»Wir wollen es einmal anschauen,« antwortete der Kurator und nahm einen Band vom Schreibtisch. – »Es ist ein merkwürdiges Buch; die Herausgabe wurde vor längerer Zeit begonnen und das letzte Heft ist kürzlich erschienen. Ganz, als wenn das Buch bestellt wäre; und dies Buch wird vielleicht das Ritterhaus schließen, – jetzt werden wir gleich sehen: B; B–o; Borg: die adelige Familie Borg Nummer 1570. Dahinter steht ein Kreuz, und das bedeutet, daß die Familie ausgestorben ist.«

Der junge Student fühlte buchstäblich, wie er starb;und er sank auf einen Stuhl nieder. Aber als er sich erholt hatte, versuchte er nach dem Strohhalm zu greifen:

»Dann sind wir adoptiert!«

»Adoption gibt es nicht nach schwedischem Gesetz, und Sie sehen wohl ein, mein Herr, wenn man durch Adoption geadelt werden könnte, dann würde sich jeder reiche Großkaufmann für eine Lappalie von einem armen, heruntergekommenen Edelmann adoptieren lassen. Ja, Sie wissen doch, daß man jetzt Ritterhausbestallungen oder Vollmachten verkauft.«

Gustav Borg befühlte seinen Siegelring und machte noch einen Ausfall:

»Ich kann mir das nicht erklären; mein Vater hat keine Schuld, denn er ist absolut ehrenhaft.«

»Das habe ich nicht in Abrede gestellt, aber die Missetaten der Urväter gehen um; und wenn Sie etwas Köstliches sehen wollen, so müssen wir einen von den ärgsten Rednern des Ritterhauses, der für sein Erb und Eigen ficht, aufschlagen. Sehen Sie, hier steht es: die Familie wurde von dem englischen König Karl I. bei seinem Besuch in Dublin 1652 geadelt. Nun wurde bekanntlich Karl I. im Jahre 1649 enthauptet, so daß man seinen Besuch in Irland 1652 als kopflos bezeichnen muß, als noch kopfloser aber die Erhebung eines aufständischen Irländers in den Adelsstand. Sehen Sie, solche Dinge haben unsern Adel verdächtig gemacht, und alle diese ausländischen Geschlechtstafeln besonders sind sehr anrüchig. Ist Ihnen bekannt, was für Ahnen unser Ritterhausheld hat? Ichwill Ihnen ein paar von den zweiundvierzig vorlesen, die hier aufgezählt sind. ›Felimlomkdode; King; Ferghis Avrenoudh (König der Schotten); Eochy; Collumium.‹ Was soll mir Collumium! Entweder hat der Abschreiber einen Bock geschossen, oder einer hat sich den Namen ausgedacht. Sie dürfen darüber nicht traurig sein, Herr Borg, denn es ist jetzt beinahe besser, Anderson zu heißen als Gyllensparre; dann schnüffelt keiner die Taufscheine nach und sucht unter den Betten, wie dieser Anrep tut. Können Sie sich vorstellen: ein Galgenstrick von einem Buchdrucker hat ausgerechnet, daß sechzig Familien im unehelichen Bett gezeugt sind oder vom Junggesellensofa herstammen! Und daß die größten Helden unseres Ritterhauses Ausländer sind; daß im Reformministerium Holländer, Deutsche, alle möglichen Landsleute sitzen; und zieht man die mütterlichen Verwandten in Betracht, so ist auch Afrika und Asien dabei. Curry Treffenberg, der komische Patriot, ist Zigeuner; und der Legationssekretär …sky ist Pole. Demnach brauchen wir nicht traurig zu sein. Ich schreibe also nichtnobilisodernob.hin, wovon übrigens Thackeray das Wortsnobabgeleitet hat!«

Das war eine gewaltige Erschütterung für einen jungen Studenten; er warf den Wappenring in die Ecke, fuhr nach Hause zu seinem Vater und schimpfte auf die, die ihm eine falsche Herkunftsbezeichnung mitgegeben hatten. Der Vater wurde für unschuldig befunden, behielt aber seinen Wappenring. Bei einer im Ritterhaus angestellten Untersuchung wurde er aufdas Wappenbuch als sichere Quelle verwiesen; und da fand man, daß das Wappen hundert Jahre lang gestrichen gewesen, dann aber wieder eingeschmuggelt worden war.

»Die haben natürlich gemogelt,« sagte der Beamte, der an solche Manöver gewöhnt war.

Aber Gustav Borg und sein Bruder Henrik gingen mehrere Jahre lang beschämt umher und kamen sich wie Betrüger vor; doch dann rafften sie sich auf und bekamen einen solchen Abscheu vor allem, was falsch war, daß sie sich energisch auf die Seite derer stellten, die ausgangs der sechziger Jahre eine Revision aller alten Pfuscherei in Staat, Kirche und Gesellschaft verlangten.

An der Universität zu Upsala ging es mit Gustav Borg wie mit so vielen andern in jener Zeit. Er fühlte sich in Urzeit und Unfreiheit versunken; eine Atmosphäre, die sich von allem, was er erträumt hatte, wesentlich unterschied, ein Druck von oben, der unerträglich war, weil der Ursprung nicht sichtbar wurde. Die Lehrer, die sein Schicksal und seine Zukunft in der Hand hatten, bestimmten, was er denken und fühlen sollte, unter der Tyrannei der Lehrer aber stand die der Kameraden. Studentenkorps hieß ein Tyrann, Landsmannschaft ein anderer. Diese setzten Proklamationen auf, schickten kriechende Telegramme an Größen, die er nicht schätzte, eher im Gegenteil. Die Landsmannschaft wählte Ehrenmitglieder, denen zu unterstehen er nicht für eine Ehre ansah; aber es geschah im Namen der Landsmannschaft, also auch in seinem, gegen seinen Willen.

An einem 30. November sollte er die Kluft zwischen sich und den andern spüren. Karl XII. sollte gefeiert werden, und er stand im Studentenkorps und hörte die »sittliche Größe« des Vagabundenkönigs preisen.

Es kochte in ihm, und als am Abend die Landsmannschaft einen Kommers veranstaltete, trat er an den Tisch und bat, seine Vorbehalte hinsichtlich der Rede auf Karl XII. vorbringen zu dürfen. Wie er zu Wort kam, begriff er selbst nicht; aber er hatte einen Vollbart und eine gewaltige Gebirglerstimme, die den meist bartlosen Jünglingen imponierte, und er hatte das Gefühl, einem Ruf zu gehorchen, der unwiderstehlich war und deshalb unwiderstehlich wirkte. Er sagte ungefähr das Folgende:

»Eine Nation, die ihre großen Erinnerungen pflegt, handelt sicherlich recht; wehe dem aber, der das Unrechte recht und das Böse gut nennt. Ihr habt heute abend einem bösen Manne geopfert, und das ist eine Schande. Die Toten existieren ja nicht, sind Schatten, und über das Nichtvorhandene sollte man nicht sprechen. Man sagt freilich, daß wir in unsern Taten weiterleben; aber ich wüßte unter Karls XII. Taten keine, die ihm ein Scheinleben in unserer Erinnerung geben könnte. Schwedens Zerstörer haben wir heute abend als einen Nationalheiligen gefeiert; ja, ihr wißt so gut wie ich, daß er alle mannbaren Leute im Reiche zugrunde gerichtet hat; ihr wißt so gut wie ich, daß er durch gewissenlose Aushebung Gewerbe und Handel ruinierte und den schwedischen Boden verwahrlosen ließ. Ihr wißt vielleichtnicht, was verwahrloster Boden bedeutet und was Unland ist! Das heißt Unkraut ernten, wo man Roggen gesät hat! – Aber euer Held – der nicht mein Held ist – war der unsittlichste Mensch, der je gelebt hat, denn wer ohne mit der Wimper zu zucken sein Land und sein Volk dem eigenen Ehrgeiz opfert, der ist der Unsittlichste. Wenn einem wie Karl XII. über seine Irrtümer die Augen geöffnet werden, und man erkennt sie nicht und macht sie nicht gut, so ist man unsittlich.

Die Schweden sind ein Königsvolk, leider! Griechen und Römer waren es auch, solange sie wilde Völker waren. Der Sklavensinn wünscht zu gehorchen, weil das bequemer ist, deshalb sind die Schweden ein sklavisches Volk. Man hat uns Lakaien genannt und mit Recht!«

Hier begann ein Gemurmel im Saal der Landsmannschaft, und das reizte unsern Mann aus den Bergen, so daß er eine Kadenz machte und die Tonart änderte.

»Lakaien, ja, denn für einen Schweden ist es das Ideal, Beamter zu werden und Pension zu bekommen, an einer Ecke mit dabei zu sein und zu herrschen, indem man gehorcht, einem Vorgesetzten gehorcht.«

Da das Gemurmel in Lärm überging, wurde der Redner noch mehr angefeuert, und da ihm zum Bewußtsein kam, in welchem Milieu er sich befand, verfiel er in einen scherzhaften Ernst.

»Damit ihr treue Diener und später Vertrauensmänner des Königs werdet, hat der Staat bekanntlichdie Universität errichtet. Ihr wißt ja genau so gut wie ich, daß der Kram, der hier in den vier Fakultäten verhökert wird, nur den einen Zweck hat, uns zu Beamten zu machen, denn ob ich Geistlicher werde, Richter, Lehrer oder Kreisarzt, Beamter bin ich auf jeden Fall. Darüber wäre nun nichts zu sagen, wenn nicht die Quelle der Weisheit so schwer zugänglich wäre. Warum die Weisheit so teuer erkauft werden muß, kann ich nicht verstehen, wenn mir nicht jemand die Erklärung geben wollte, daß Stellungen knapp sind. Ihr wißt ja, wie schwer es ist, eine Stelle zu bekommen; man bewirbt sich nämlich nicht um eine Stelle beim Kammergericht, wie man sich um eine Anstellung in einem Geschäft bewirbt, sondern man wird berufen. Auf diesen Ruf also kommt es an, und der Ruf beruht auf einer Gnadenwahl. Dieser eigentümliche Wahlakt zeigt sich schon beim Examen. Manche guten Köpfe bestehen das Examen nicht, während viele schlechte Köpfe durchkommen. Das ist die Prädestination! Und glaubt mir, alles, was hier in Vorlesungen und Kollegs gelehrt wird, kann man in der Buchhandlung kaufen. Bei einem gut organisierten Buchhandel und angemessenen Examenskommissionen könnte man die Universität schließen, auf der man seine Zeit vertut und seine Nerven durch Trinken ruiniert. Die Universität ist eine Kombination von Kloster, Kneipe und Bordell; die Universität ist eine Schule – eine Schule für Hoffart, Unterdrückung, Faulheit, Neid, Kriecherei. In dieser Zeit, wo die Stände abgeschafft werden, müßte man auch den Gelehrtenstandstreichen. Was ist Gelehrsamkeit? Heute bist du im römischen Recht ungelehrt, morgen aber kaufst du dir in der Buchhandlung ein kleines Buch über römisches Recht, und übermorgen weißt du, was römisches Recht ist. Das ist Gelehrsamkeit, auf die wir so stolz sind. Heute wissen wir nicht, daß Karl XII. den Pfarrer Boëthius ins Irrenhaus bringen ließ, weil er darüber gepredigt hatte, wie gefährlich es sei, einen fünfzehnjährigen Lümmel auf dem Thron zu haben, morgen aber kaufen wir uns eine schwedische Geschichte, und dann wissen wir es. (Seht ihr, ich komme doch wieder zum Thema zurück!) Heute wissen wir nicht, daß Karl XII. geistesgestört war, morgen aber machen wir vom Bücherkredit Gebrauch, und dann wissen wir es! Meine Herren, ich bitte, ein Hoch ausbringen zu dürfen auf einen gut organisierten Buchhandel und einen unbeschränkten Kredit, dann brauchen wir Tage wie den heutigen nicht zu erleben, wo man aus Unkenntnis Schwedens Zerstörer, den Brandstifter, den Großinquisitor, den Falschmünzer Karl XII. in der Eigenschaft feiert, die ihm am meisten fehlt: nämlich in seiner sittlichen Grüße.«

Das Resultat war das erwartete. Gustav Borg wurde an der Universität unmöglich. Deshalb besuchte er nie Vorlesungen, sondern verschaffte sich einen Kredit auf Bücher, wählte also seine Lehrer selbst und meistens ausländische, denn schwedische gab es nicht. Jeder Student wußte, daß die Professoren selbst aus dem Auslande schöpften; die größten Lehrbücher waren ja in deutscher Sprache abgefaßt,besonders die medizinischen, theologischen und ästhetischen.

Nach dreijährigen freien Studien sah Gustav Borg seinen jüngeren Bruder Henrik die Akademie beziehen. Zwei Brüder aus dem gleichen Hause, aber so verschiedene hatte man selten gesehen. Der ältere blond mit blondem Vollbart, germanischer Typ, der vom Vater herrührte; der Jüngere, schwarz und mit sechzehn Jahren ein ausgewachsener Mann, ein weißer Afrikaner, leitete seine Abstammung unverkennbar von Seite der Mutter her, deren Vater irgend eine Beziehung zu den Tropen gehabt hatte, nach dem, was die Tradition berichtete.

Diese Brüder hatten nie am gleichen Strang gezogen. Der Jüngere war von dem Älteren unterdrückt worden; die wenigen Jahre, die sie trennten, konnten im Empfinden des Älteren nie ausgelöscht werden. Er hatte sich von Kindheit an daran gewöhnt, auf den Kleinen herabzublicken, alles zu verachten, was er sagte, ihn als Dummkopf zu behandeln und ähnliches; wie es gewöhnlich in Familien der Fall ist. Jetzt auf der Universität zeigte sich der Unterschied noch krasser. Gustav war Schwede und Bergbewohner, einer von den Urschweden, die auf das Vaterländische hielten, freilich mit Vorbehalten, während Henrik, der Exotische, nicht schwedisch zu fühlen vermochte, und dafür konnte er nichts.

Bei einer Diskussion über die Erinnerungen der Vorväter konnte beispielsweise Henrik seinem Bruder die folgende Antwort geben:

»Ich finde es für mich ebenso falsch, eure Ahnen zu annektieren, wie unser Adel falsch war. Mein schwarzer Urgroßvater tanzte am Äquator um ein Zimtfeuer, und er hätte unmöglich Karl XII. feiern können, ebensowenig wie ein Schone mit Leib und Seele an einem Gustav Adolf-Fest teilnehmen kann, weil Schonen zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges dänisch war.«

Die Antwort des Bruders blieb nicht aus, und sie war die stehende: Lützen.

»Warum feiern wir unsere Niederlage und unsere Schande?« wendete dann Henrik ein. »Euer König (er sagte nie unser) fiel bei Lützen, und die Katholiken feierten den Sieg; das Spiel ist doch gewonnen, wenn der König matt ist, Wallenstein aber war nicht geschlagen. Nach Lützen erneuerten die Schweden das Bündnis mit dem Kardinal Richelieu und riefen französische Truppen nach Deutschland. Deshalb wurde der schwedische Name von den Deutschen nach Lützen verflucht. Wenn man sich vorstellt: eine französische Invasion zu veranlassen; den Erbfeind, den Gallier, in das Land zu ziehen, das doch unser Freund sein sollte! Deshalb empört es mich, eure Vergötterung des rohen Vagabunden Banér zu sehen, der Sachsen verheerte und Böhmen brandschatzte, hauptsächlich aber wegen seiner Rückzüge berühmt ist.«

Da flammte Gustav auf. Karl XII. hatte er heruntergerissen; aber an Gustav Adolf und Johan Banér durfte man nicht rühren.

»Bist du ein Schwede?« schrie er.

»Nein, ich bin Weltbürger!« brüllte Henrik.

Gustav nahm ein Wredesches Gewehr von der Wand und Henrik zog einen Hochland-Dragoner-Säbel blank – und dann schämten sie sich und schlossen Frieden bis zum nächsten Mal, das bald genug kam.

Aber es gab andere und tiefere Differenzen. Gustav arbeitete an der Erneuerung des Alten, Henrik aber wirkte für die Zukunft.

»Das heutige Alte ist so morsch, daß man es nirgends anpacken kann. Diese ganze Wirtschaft mit Monarchie und Zubehör ist ja nur eine Gnadenfrist für dasancien régime; es wird von selbst vermodern und Streu bilden, in der das neue wachsen kann; es kann sich nicht erneuern, deshalb lebt es von Korruption: Orden, Akademien, Ämter, Beförderung. Wir, die wir die Erben der Revolution sind, haben an anderes zu denken, und wir betrachten dies nur, wie die Ärzte die Prostitution betrachten: als etwas, was man einstweilen nicht ändern kann, sondern was geduldet werden muß – eineMaison de tolérance, enfin!«

Henrik war gleichsam auf die Welt gekommen mit dieser Vorstellung, daß die Gesellschaft neu geboren werden müsse und daß dies unmerklich unter einer alten Staatsform geschehen könne, die schließlich, untergraben, von selbst in Asche fallen würde.

Die Brüder rieben sich, bis sie die Akademie verließen, der ältere ohne Examen, um Journalist zu werden, der jüngere mit dem Staatsexamen als Arzt.

Gustav Borg gründete eine Zeitung in der Hauptstadt,und sein Bruder Henrik beteiligte sich. Sie hatten ihren Vater beerbt und das Vermögen in einer Druckerei angelegt. Henrik aber vermehrte sein Kapital durch Sparsamkeit und Umsicht, so daß ihm schließlich der größte Teil der Zeitung gehörte. Die Brüder zankten sich, hielten jedoch zusammen. Sie verheirateten sich, bekamen Kinder, neue Zankäpfel. Schließlich wurde die Spannung im Laufe der Jahre so stark, daß ein Bruch kommen mußte. Und jetzt war er gekommen.

Die zoologische Weltanschauung oder die Veterinärphilosophie der achtziger Jahre hatte die Gemüter nicht gerade verfeinert, aber das konnte man auch nicht verlangen; und etwas Verwilderung dann und wann ist nur Ruhe. Die Schlagworte waren: Kampf, Kampf um alles; nimm dir, keiner ladet ein; sei frech, dann kommst du vorwärts! Die Alten, die es anders gelernt hatten, nämlich, daß den Sanftmütigen das Erdreich gehören solle, waren anfangs verzagt; dann amerikanisierten sie sich ebenfalls und nahmen den Kampf auf, so daß die ganze Gesellschaft sich als zwei befestigte Lager darstellte mit der gemeinsamen Losung: alle Mittel sind erlaubt! Alle Hilfstruppen waren gut, und wenn die Männer jetzt kämpften, waren sie unvorsichtig genug, ihre Frauen auch hinten auf den Streitwagen zu setzen; zuerst hinten, dann vorn, denn mit der Tiertheorie kam die abergläubische Furcht vor dem Weibchen, die allen Tieren eigen ist. Was bei den Alten traditionelle Ritterlichkeit war, Ehrfurchtvor Gattin und Mutter, ein freiwilliges Opfer eines christlichen Gemüts, wurde hier menschliches Recht, das heißt theoretischer Unsinn. Feige Männer krochen hinter ihre Frauen, schoben ihre Weiber vor; sie benutzten die Frauen gegenseitig als Stichwaffen und Dynamit; und mancher starke Mann, der selbst unüberwindlich war, wurde gerade in seiner festen Burg, der Familie, in die Luft gesprengt. Der Feind hetzte Frau und Kinder auf, und dann war die Festung verraten. Es war kein reinlicher Kampf, aber er kehrte die alten Begriffe von der Ehe als einer lebenslänglichen Verpflichtung um, er gab Umsatz und Bewegung; eine heilsame Unsicherheit, die den Einzelnen kurz hielt, immer wach, auf seiner Hut; ständige Erneuerung in einem unaufhaltsamen Vorwärts.

Doktor Henrik Borg hatte sich mit einer norwegischen Dame vom Noratyp verheiratet; die falsche Märtyrin, die hysterische Närrin, die nie existiert hatte, bevor sie in einem atrophischen Manneshirn erstand, als es sich mit Frauen und Kindern auf gleichem Niveau zu fühlen begann. Aber sie war auch aus all dem Jux zusammengesetzt, der damals von den norwegischen Volkshochschulen in die Welt geschickt wurde; sie glaubte zum Beispiel einer jungen Nation voll liebenswürdiger Jugendfehler anzugehören. Darunter verstand man die norwegische Nation, die uralt ist, älter als die schwedische, so alt, daß Schwedens Geschichte in den norwegischen Königssagen ihren Anfang nimmt. Sie hatte die Boheme von Kristiania durchgemacht, unddas war ihre Sache; in ihrer Torheit aber schwärmte sie zugleich für Svava, das Handschuhweib. Jetzt wollte sie reine Jünglinge haben, und ihr erster Vorwurf gegen den Doktor war, daß er nicht rein sei.

»Das warst du aber auch nicht,« antwortete der ungeschminkte Doktor.

Als da die Frau nur mit einer Miene antwortete, die bedeuten konnte: Ich? das ist etwas anderes! begriff er, daß es sich hier nicht um Gleichheit handelte, sondern um Tyrannei, und als Tyrannenhasser zog er das Schwert.

Mit einem unlenksamen Menschen, der für Gründe, Tatsachen und Logik unempfänglich ist, kann man nicht lange kämpfen; ein wertloses Schlachtfeld gibt man auf, und mit einem Unbewaffneten läßt man sich nicht ein. Aber er blieb bis auf weiteres in der Schlangengrube, um der Kinder willen, und wartete den Augenblick ab, da er sicher sein würde, daß die Kinder ihn nicht vermißten, wenn er ging. Es war ein eigentümlicher Zug der Männer dieser Zeit, daß ihre Gefühle für die Kinder stärker waren als die der Mütter, die die gesunden Instinkte verloren zu haben schienen und das Leben außer dem Hause aufsuchten, während die Männer noch für das häusliche Leben schwärmten.

In einem berühmten Scheidungsprozeß wurde von seiten des Mannes gegen die Frau die ungewöhnliche Beschuldigung erhoben, er müsse abends allein zu Hause sitzen, während die Frau mit seinen Freunden im Wirtshaus sei. Das freche und einfältige Weib wagteeinzuwenden, der Mann lasse sie allein sitzen (im Wirtshaus), deshalb müsse er die Folgen tragen.

Doktor Borg stand allein in seinem Kampf; und er versuchte gerade aus der in Mode gekommenen neuen Weltanschauung seinen Freunden zu beweisen, daß sie, wenn sie konsequent seien, gegen die Geschlechtsverwechselung Front machen müßten. Er versuchte es mit der durch die ganze Natur gehenden Arbeitsteilung, die zu Kraftersparnis und Vollkommenheit führt.

»Dem Manne Kraft und Außenarbeit; der Frau Schönheit und Innenbeschäftigung! Je größer der Unterschied des Geschlechts ist, desto besser die Nachkommen (Differenzierungsgesetz).«

Aber es ging nicht; auch die stärksten Naturalisten konnten »im Geschlecht keinen Unterschied sehen«. Und sie starteten eine weibliche Größe nach der anderen; sie fanden eine Seligkeit darin, ihre Unterlegenheit unter die Frau kundzutun.

»Das ist Päderastie oder Selbstbefleckung,« pflegte der Doktor dann aufzubrausen. »Ihr habt ja alles Selbstgefühl als Männer verloren, wenn ihr euch unterlegen fühlt; und wenn ihr eure Inferiorität empfindet, so seid ihr wohl auch inferior!«

Seltsam war es, aber ein Teil von den führenden Männern war pervers; viele wurden freilich verleumdet, aber eine Anzahl war es notorisch, ebenso wie viele bekannte Frauen verdächtig oder überführt waren.

Nun wurde der Doktor natürlich als Frauenhasser bezeichnet. Das focht ihn nicht an, denn er wußte, daß es Lüge war. Und er konnte antworten:

»Ich bin nicht Kinderhasser, weil ich die Unterordnung des Kindes unter die Frau erkenne, und ich bin nicht Frauenhasser, weil mir das rudimentäre Dasein der Frau zum Bewußtsein gekommen ist. Aber ihr könnt nicht beobachten und nicht denken. Ihr seid Afterdenker, denen die Hemmungszentren zwischen Großhirn und Kleinhirn fehlen …«

Doch er hatte das Pulver im eigenen Keller und sollte jetzt in die Luft gesprengt werden; das Attentat war von seinem eigenen Bruder, dem Redakteur, geplant. Da Doktor Borg ein gerechter Mann war, hatte er, wie wir wissen, die Norweger in ihren gerechten Freiheitsbestrebungen verteidigt und war infolgedessen von der Rechten als Norwegerfreund bezeichnet worden; da er aber mit seiner Frau, die Norwegerin war, unglücklich lebte, wurde er gegen seinen Willen von der Linken zum Norwegerhasser gestempelt. Er haßte seine böse, dumme Frau; sie war Norwegerin, ergo war er Norwegerhasser. Diese einfältige Schlußfolgerung leuchtete den weichen Hirnen der Parteimänner ein, und sie genügte, ihn in den Verdacht zu bringen, die »Fahne verlassen zu haben«! Daß er den Weiberwahnsinn nicht mitmachte, reichte aus, ihn zum Konservativen zu stempeln.

»Er ist im Grunde ein konservativer T…el,« war Gustavs Ultimatum.

Aber da dem Bärenpelz nichts anzuhaben war, versuchte er es mit dem Schürzenweg.

Am Tage nach seiner Absetzung machte er nämlich seiner Schwägerin, Frau Dagmar, einen Besuch. Miteinem schönen Namen vereinigte diese eine angeborene Schönheit, die sie nach Kräften verbarg und entstellte. Das herrliche Haar hatte sie abgeschnitten, um nicht daran erinnert zu werden, daß sie Sklavin sei (der Doktor hatte dagegen gelernt, daß langes Haar das Zeichen des freien Mannes war und daß alle Gefangenen geschoren wurden); einen schönen Hals versteckte sie unter Vatermördern, um zu vergessen, daß sie Weib war; ihre kleinen Füße verbarg sie in zu großen Schmierlederschuhen, die sich in Falten legten, so daß sich die Füße wund rieben; alles, was häßlich war, hatte sie für ihre Toilette zusammengesucht, alles, was schlecht aussah, in ihrem Heim gesammelt; die Bosheit grinste von jedem Möbelstück, aus den Farben der Gardinen und den Zieraten. Man sah den Trotz gegen den Mann, dessen Schönheitssinn bekannt war, und man verstand, daß die ganze Dekoration der bestimmten Absicht entsprang, den guten Geschmack des Mannes zu verletzen. Sie wolle ihre Unabhängigkeit zeigen, sagte sie, wenn sie ihre Abhängigkeit von ihrer Bosheit an den Tag legte.

Der Schwager Gustav wurde in einem unaufgeräumten Zimmer empfangen. Er sah sofort an zwei kleinen Gläsern mit Resten, daß Damenbesuch dagewesen war. Da er mit der Rolle und der Situation vollkommen vertraut war, wußte er, daß es hier keinen Sinn hatte, mit Artigkeiten zu beginnen, am wenigsten in Bezug auf Aussehen und Kleidung, weil das eine »Beschimpfung ihres Geschlechts« gewesen wäre.

Die Schwägerin hatte Gustav nie gemocht, aber im selben Augenblick, als er ihres Mannes Feind wurde, liebte sie ihn. Deshalb nahm das Gespräch sofort einen äußerst freundschaftlichen Charakter an.

»Nun, Dagmar,« begann also der Schwager, »dein Mann läßt sich als Reichstagskandidat der liberalen Partei aufstellen.«

»Ist er liberal?« unterbrach Frau Dagmar sofort, der die Antwort in den Mund gelegt war, ohne daß sie es merkte.

»Ja, man kann ihn wohl immerhin so nennen,« antwortete der durchtriebene Schwager.

»Nennen, ja! Aber er ist doch konservativ …«

»Du meinst in gewissen Fragen?«

»Ja, das meine ich; in der Frauenfrage ist er Reaktionär und müßte bekämpft werden. Außerdem ist er Norwegerhasser!«

»Aber nein,« reizte Gustav; »er ist doch mit dir verheiratet!«

»Ja, eben deshalb kann ich ihn ja beurteilen! Er nennt Ibsen einen Tropf und Björnson ein altes Weib. Ist er da nicht Norwegerhasser?«

»Das kann doch nicht sein Ernst sein?«

»Hat er nicht auf Lage Langs Fest die Norweger ein verteufeltes Volk genannt und seine Frau beschimpft? Aber ich bin schon beim Rechtsanwalt gewesen …«

Jetzt hellte sich Gustav Borgs Gesicht auf; denn der Zweck seines Besuchs war, zu erfahren, wie weit die Sache gediehen sei.

»Warum wollt ihr euch scheiden lassen?« erwiderte der Schwager mit der ganzen Teilnahme eines älteren Bruders. – »Denke an die Kinder!«

»Für die werde ich schon sorgen!«

»Bist du überzeugt, daß er auf sie verzichtet?«

»Ich nehme sie!« antwortete die Frau mit einer Bestimmtheit, die keine friedliche Lösung der Frage verhieß.

»Du nimmst sie nicht, denn das Gericht urteilt, nachdem es beide Parteien gehört hat.«

»Das Gericht hat mit meinen Kindern nichts zu schaffen!« schrie Frau Dagmar.

»Doch, meine Liebe; und was dein Mann gegen deine Qualifikation als Mutter anführen kann, wird sehr mitsprechen; denn er ist Arzt und als glaubwürdige Persönlichkeit bekannt.«

»Er? Der größte Lügner, den es auf der Erde gibt!«

Jetzt war die Lunte angezündet, und mehr verlangte Gustav Borg nicht. Er wollte aber doch die Flamme noch etwas anblasen, bevor er ging.

»Überlege dir, was du tust, meine Liebe! Eine Scheidung in diesem Augenblick würde seine Chancen als Reichstagskandidat zerstören, und das willst du doch nicht; besonders würde er die Frauen gegen sich haben, und du weißt, wie die Liberalen von ihren Frauen beherrscht werden.«

»Das eben weiß ich, und deshalb werde ich ihn in der Frauenzeitung bekämpfen lassen!«

Punktum! Jetzt brannte es lichterloh, und Gustavkonnte gehen. Aber ehe er ging, deutete er auf die kleinen Gläser und sagte freundlich und vertraulich:

»Laß so etwas nicht herumstehen, Dagmar; das kann im Prozeß gegen dich sprechen!«

»Trinkt er nicht auch?« sprühte Frau Borg.

»Doch, mein Kind! Aber nicht vormittags!«

Damit war dieses Zusammensein beendet.

Unterdes aber fand zu Hause beim Redakteur eine andere Zusammenkunft statt.

Kampf war auf allen Punkten, doch in dem damaligen Kampf um die Macht galt es, festzusetzen, was Liberalismus sei. Da alle in Entwickelungstheorien lebten, ging der Ehrgeiz dahin, an der Entwickelung teilzunehmen, sie zu fördern. Infolgedessen kämpfte man um die Chance, entscheiden zu dürfen, was Entwickelung sei. Einige glaubten, Entwickelung sei alles, was vorwärts drängte; als man aber alte Schäden und Krankheiten mit entsetzlicher Geschwindigkeit sich entwickeln sah, wurde man etwas zaghaft; und schließlich entdeckte man, daß Entwickelung nur Fortschritt an Menschlichkeit, zu Schönheit und Glück bedeuten konnte, durch Recht und Billigkeit gefördert. In Parteikämpfen aber gilt keine Vernunft; man hißt die Flagge und sagt: jetzt bist du der Feind! Doktor Borg, der Vernunft annahm, sollte um seiner Vernunft willen fallen. Als die Norweger 1885 in ihren heiligsten Rechten gekränkt wurden, hatte der Doktor unerschrocken ihre Partei ergriffen. Wie aber die Gefahr vorüber war und sie sich selbst helfen konnten, und zwarin dem Maße, daß sie mit Krieg drohten, hielt er weiteren Beistand für überflüssig; und da er schwedischer Untertan war, fand er es unrichtig, mit dem Feind zu gehen. Obwohl er in seiner Familie von der Frau nie etwas anderes hörte als norwegische Bauernprahlerei vom Morgen bis zum Abend, hörte, wie dumm und unbegabt die Schweden seien, wurde er doch nicht müde, dem recht zu geben, der recht hatte. Aber diese schwedische Ritterlichkeit, die sich auch in demonstrativen Huldigungen vor norwegischen Größen äußerte, wurde nirgends verstanden, und man erlebte sogar, daß norwegische Zeitungen die Schweden verhöhnten, weil die Künstler Lage Lang gefeiert hatten.

»Der feige Schwede«, hieß es, »der Schwede kriecht«, »Norwegen übernimmt die Führung« und so weiter. Solange das Unwahrheit war, wirkte es nicht auf den Doktor; als aber eines Tages die Kriecherei Wirklichkeit wurde, als die neidischen, niedriggesinnten Schweden, besonders die alten Weiber, systematisch alles Norwegische in den Himmel zu heben begannen, auch das Mittelmäßige, auf Kosten ihres Eigenen, und in der bestimmten Absicht, das Eigene herabzusetzen, da sagte er: Halt! Doch da fiel er und wurde Norwegerhasser genannt. Mit seinem Familienfrieden war es aus, und seine Reichstagskandidatur war in Gefahr. Sein Bruder Gustav, von Natur Großschwede und im Herzen den Norwegern feindlich gesinnt, ließ sich trotzdem von Politik, Interessen und Leidenschaften bestimmen und nutzte deshalb die norwegische Frage gegen seinen Bruder aus. Diese falscheTaktik reizte den ehrlichen Doktor, und er begab sich mitten in die Festung des Bruders, um ihn in die Luft zu sprengen.

Er machte Frau Brita seinen Besuch, während Gustav bei Frau Dagmar operierte.

Frau Brita saß in ihrer Villa; sie nannte sie ihre Villa, weil sie Geld mit in die Ehe gebracht hatte, Gustav aber nannte sie »unsere Villa«, weil zwischen den Ehegatten nach dem Gesetz Gütergemeinschaft bestand. Es war ein großes Holzhaus mit fünfzehn Zimmern und zwei Küchen. In der einen Küche hatte Brita ihren Schreibraum, wo sie ihre Vorträge, ihre Artikel, ihre Briefe schrieb, der einzige Ort, wo sie vor ihren vielen Kindern Ruhe fand; sie hatte sieben.

Mit ihrer unglaublichen Gutmütigkeit empfing sie den Schwager Henrik trotz seinen brutalen Reden auf der Dampferfahrt.

»Hör einmal, Altchen,« begann er, »wenn ich dir sage, daß wir Gustav neutralisieren müssen, so bedeutet das nicht, daß ich mit dir einen Kompromiß schließen will.«

»Was hat er denn jetzt vor?«

»Ja, erstens arbeitet er gegen die Zeitung, zweitens will er meine Kandidatur hindern, und drittens spekuliert er mit eurem Geld an der Börse.«

»Mit meinem Geld?«

»Nein, mit eurem; aber das ist ebenso tadelnswert!«

»Spielt er an der Börse?«

»Ja, die alten Kuckucke haben was gelernt!«

»Wie soll ich das hindern?«

»Du mußt dich scheiden lassen!«

»Ist das dein Ernst?«

»Ja, das ist es. Eure Ehe hat ihre Rolle ausgespielt, und ihr sollt nicht zusammen vermodern; die Jungen sind flügge, und das Nest sieht nicht mehr gemütlich aus.«

»Wie du redest!«

»Ja, so rede ich! Ihr seid schon längst keine Ehegatten mehr, und jetzt handelt es sich darum, daß die Kinder leben und atmen können. Der Vater hat das seine getan; jetzt bedrückt er nur, unterdrückt, hindert, erstickt! Weg mit ihm!«

»Und du bist selbst Vater!«

»Ja; eben deshalb weiß ich …«

»Spekuliert er an der Börse?«

»In Kaffee und Zucker!«

»So? In Kaffee und Zucker? – Wirklich?«

Hier machte Frau Brita eine Pause; und da sie schnell im Denken war, konnte sie in dieser Pause einen Entschluß fassen. Sie stand auf und trat an einen unbenutzten Eisschrank, in dem sie wichtige Papiere aufbewahrte. Sie suchte, und als sie gefunden hatte, nahm sie den Faden des Gesprächs wieder auf.

»Ich habe freilich keinen Ehekontrakt; aber ich habe etwas anderes, ich habe Briefe.«

»Hüte dich vor Briefen, Brita; vor Gericht schwindeln sie sich von Briefen ab; sie sagen entweder, sie hätten sie nicht geschrieben, oder es sei nicht so gemeint, es sei nur Scherz gewesen. Nein, du mußt ein Faktum haben, am besten einDelictum flagrans.«

»Was ist das?«

»Das ist die verbrecherische Handlung, begangen in Anwesenheit zweier felsenfester Zeugen.«

»Nein, das will ich nicht!«

»Nicht heute, aber wenn du die Ereignisse sich entwickeln läßt, willst du vielleicht später.«

»Ich habe ein Auge zugedrückt, ich habe verziehen; man kann sogar sagen, ich hätte meine Zustimmung gegeben, aber wenn es sich um meine Kinder handelt, um ihr Erbe und ihre Zukunft, dann ist nicht mit mir zu spaßen. Übrigens, man könnte glauben, er spare zu – einer neuen Ehe mit ihr.«

»Da deine Gedanken diese Richtung nehmen, so halte die Augen offen und unterschreibe vor allem keine Schriftstücke, die er dir vorlegt! Du weißt, ich bin kein blinder Anhänger von euch Frauen; aber recht muß recht bleiben!«

»Du hassest deinen Bruder?«

»Das ist wohl etwas zuviel gesagt, aber ich wappne mich gegen einen furchtbaren Feind … Übrigens: weißt du von Gustavs Kontrakt mit Holger?«

»Ja, Holger muß eine große jährliche Pacht an Gustav für Zeitung und Druckerei zahlen.«

»Weißt du, wie groß?«

»Nein!«

»Nun, sie ist so groß, daß er sich infolgedessen nicht über Wasser halten kann.«

»Hat Holger denn keine Handhabe gegen ihn?«

»Doch, er hat seine amerikanische Frechheit!«

»Wie soll es denn gehen?«

»Wir werden ihm helfen,« antwortete der Doktorund reichte der Schwägerin die Hand. »Denn jetzt gilt es Kampf auf Leben und Tod!«

»Willst du nicht zum Mittagessen bleiben?« fragte Frau Brita; »ich weiß allerdings nicht, was es gibt, denn ich kümmere mich nicht um die Wirtschaft.«

»Nein, danke, mein Kind, ich kann nicht mit dem Mann zu Tisch sitzen, der eben jetzt in mein Haus eingedrungen ist, um mich zu morden.«

»Ist er bei dir?«

»Ja, er scheut keine Mittel; was für welche er jetzt angewendet hat, werde ich erfahren, wenn ich nach Hause komme. Leb wohl, Brita.«


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