Zehntes KapitelVorm Rat
Als Gustav Borg in Langvik ankam und den Sohn abwesend fand, war er zuerst verzagt, denn er liebte die Frau des Sohnes nicht und sah an ihrer Verlegenheit, daß er unwillkommen war, weil er Forderungen hatte und weil er der Schwiegervater war. Deshalb war ihr Gespräch sehr kurz, und er schloß sich im Fremdenzimmer ein.
Warum er hierhergekommen war? Ja, er konnte sich doch nicht seinem Sohn gegenüber beklagen, denn der stand natürlich auf Seite der Mutter; und im übrigen hatte er sich ja durch seine Unvorsichtigkeit im Hause Hände und Zunge gebunden. Er mußte irgendwo in dem Bezirk bleiben, wo die Scheidung verhandelt werden würde, und hier war doch eine Art Heim, wo er mit einigem Recht sich aufhalten konnte.
Als nun Anders gekommen war und seine erste Verzweiflung sich gelegt hatte, ging er zum Vater hinein; und da er ein einfaches Gemüt hatte und verzweifelt war, konnte er weder Freude über das Wiedersehen an den Tag legen, noch ihn willkommenheißen, besonders da er von der bevorstehenden Scheidung wußte.
»Guten Tag, mein Junge,« sagte der Vater, der sofort in den leichtverständlichen Mienen des Sohnes las. »Du brauchst keine Angst vor mir zu haben, denn ich werde weder lange bleiben, noch die Pacht von dir verlangen.«
Anders kaute auf dem Schnurrbart und zwinkerte mit den Augen, denn die bloße Erinnerung an die Schuld war ihm eine Qual. Dieses Schweigen machte den Vater nervös, und er mußte selber sprechen.
»Du weißt vielleicht, welche Veränderungen in meinem Hause bevorstehen – hm! – aber es wird bald entschieden sein.«
Anders' Gedanken waren so fern. Er hatte auf einen angenehmen Abend mit seiner Frau gehofft, an dem er unter dem sichern Schutz des erworbenen Geldes seine Reiseabenteuer erzählen wollte, und nun saß er hier und zitterte vor unangenehmen Fragen hinsichtlich des leeren Speichers und ähnlichem. Der Vater merkte wohl an seinen nach innen gekehrten Augen, daß er abwesend war; doch er verstand die Situation nicht recht.
Daß er ungelegen gekommen war, begriff er; aber er mußte aus der Verlegenheit heraus, und als er keine Antwort erhielt, wurde er selbst vernagelt und begann mit den Augen zu blinzeln wie einer, der nach einem neuen Gesprächsthema sucht. Ebenso unglücklich war die Wahl des Stoffes, den er in geheimem Gedankenlesen aus dem Bewußtsein des Sohnesschöpfte. Die Furcht, daß der wunde Punkt berührt werden könne, machte gerade diesen Stoff frei. Er mochte in den leeren Augen des Sohnes den leeren Speicher gesehen haben und wurde gegen seinen Willen dahin getrieben.
»Nun, du hast die Bücher abgeschlossen, und du bist mit deinem Jahr zufrieden? Volle Scheunen und Speicher?«
Anders wurde von der Wut übermannt, sich bloßgestellt zu sehen, wurde vor Zorn noch stummer, wollte aufstehen, um den unsichtbaren Faden abzuschneiden, suchte einen Vorwand, hätte gern von draußen gehört, daß die Frau polterte oder die Kinder sich prügelten; er war in kalten Schweiß gebadet, saß aber fest auf dem Stuhl.
»Bist du taub oder bist du betrunken?« schrie der Vater, der nicht ein Wort aus dem Angeredeten herausbekam.
Dadurch wurde Anders aus seinem wachen Schlaf aufgeweckt; wollte in einen Strom von Worten ausbrechen, erfror aber wieder vor der unüberwindlichen Kraft der väterlichen Macht. Er war nur vernichtet, fühlte sich beschämt, so daß der Vater seinen Ausfall bereute und die Szenerie zu ändern beschloß, um eine andere Stimmung zu schaffen. Er stand auf und warf eine einfache Alltagsfrage hin:
»Wann eßt ihr zu Abend? Ich bin um mein Mittagessen gekommen und habe Appetit auf etwas Warmes.«
»Wir essen nie zu Abend,« antwortete Anders. »Wir haben uns das seit einem Jahre abgewöhnt.«
»So setzt mir Butter und Brot vor,« erwiderte der Vater, »ich bin auch mit wenigem zufrieden.«
»Ja, ich weiß nicht, ob wir etwas im Hause haben.«
»So schicke doch zum Kaufmann,« half der Vater nach, da er Unrat zu ahnen begann.
»Wir haben kein Pferd im Stall.«
»Wo ist es denn?«
»Fort, nach der Stadt.«
Der Vater sah an den flackernden Blicken, daß der Sohn log, und begriff den ganzen Zusammenhang; aber jetzt vom eigenen Elend in das anderer untertauchen wollte er nicht.
»So laß uns einen Grog trinken und den Abend verplaudern,« schlug er vor.
»Wenn ich etwas im Hause hätte,« lautete die tonlose Antwort, die zur Beendigung der Unterhaltung aufforderte.
Der Vater verließ das Zimmer, mehr erstaunt über die Entdeckungen, die er gemacht hatte, als traurig; er war keine gefühlvolle Natur, hatte früh seine Ansprüche an die Menschen herabgeschraubt und liebte Abrechnungen und Erklärungen nicht. Als er in das Fremdenzimmer kam, das man zu heizen vergessen hatte, wurde er von einem solchen Frösteln befallen, daß er in Kleidern zu Bett ging; denn er wollte keinen Lärm im Hause machen. In der Karaffe war kein Wasser, ein Lichtstumpf verhieß nur für eine Stunde Licht, und das leere Fenster ohne Rouleau fraß das meiste von dem Lichtschein auf; die grauen Speisekammertapeten sahen wie die ewige Langeweile und Eintönigkeit aus, die spärlichen Möbel sprachen von Armut und Ruin.
Er war so überwältigt von den aufregenden Erlebnissen des Tages, daß er sofort in einen todesähnlichen Schlaf fiel.
Als er aufwachte, dachte er, es sei Morgen; doch im selben Augenblick schlug die Eßzimmeruhr, und er zählte elf Schläge. Elf! Er hatte sich um neun Uhr hingelegt, und nun sah er die lange schlaflose Nacht vor sich, denn er war vollkommen munter.
Und jetzt auf einmal stand seine ganze Lage klar vor ihm. Ein Mann in seiner Stellung, in seinem Alter, aus seinem Heim vertrieben, von seinem Posten abgesetzt; ohne Mittag gegessen zu haben, wie ein Landstreicher, hungrig und frierend, ein unwillkommenes Anhängsel, das man weit weg wünschte … Die ganze Erniedrigung des Auftritts zu Hause, da er vor seinen Kindern bloßgestellt wurde, das Grauen vor dem, was seiner wartete … vor Prozessen und Skandalen.
Er lag da und blickte auf den Lichtstumpf, wußte, wenn er zu Ende war, würde die Dunkelheit kommen. Da er nicht zu den Leuten gehörte, die den Menschen Mühe machen mögen, fiel es ihm nicht einen Augenblick ein, einen Dienstboten zu wecken, um sich Licht, Feuer und Wasser zu verschaffen. Gelähmt von dem Schicksalsschlage wagte er sich nicht einmal zu rühren, sondern lag da wie festgenagelt, frierend, als seien alle Säfte des Körpers tatsächlich erstarrt.
Immerfort betrachtete er das Abnehmen des Lichts und hatte jetzt das Gefühl, als hinge sein Leben davon ab, werde erlöschen, wenn das Licht erlosch. Er wurdedurstig vor Hunger und fror vor Hunger, aber Kummer und Sehnsucht, Scham und Zorn mischten sich hinein und klangen zu einem Akkord von Qual zusammen. Alle Bitterkeit des Lebens zugleich erstand in ihm, ohne die Möglichkeit, Trost in Klagen zu finden, denn er war zu aufgeklärt, um über undankbare Kinder oder eine treulose Gattin zu jammern. Er hatte das Leben mit harten Handschuhen angegriffen und war nicht an Verzärtelung gewöhnt, dies aber überstieg seine Kräfte; und als der Lichtrest zischend in die Tülle sank, sprang er auf, um sich gegen die Finsternis zu schützen. Er ging leise in den Eßsaal hinüber und nahm sich Streichhölzer mit; und als er anzündete, sah er, daß die Uhr erst fünf Minuten über elf war. Er zog die Hängelampe herunter und steckte sie an; ging an das Büfett und fand etwas abgestandenes Wasser in einer gelb gewordenen Karaffe; auf dem Büfett lagen die Fahrhandschuhe des Sohnes aus grauer Kastorwolle; der eine Handschuh lag mit geballten Fingern da wie eine harte, drohende Faust, der andere lag auf dem Rücken, die Handfläche ausgestreckt, als bitte ein Bettler um ein Almosen; beide grob, mit Anschwellungen an den Gelenken, wie abgehauen, liegen geblieben, innen noch mit Menschenfett getränkt.
Er öffnete die Büfettür; als er sich bückte, schien sein großer, schwarzer Schatten mit hineinzukriechen. Ein hartes Stück Brot war das einzige, was er fand; aus der Menage nahm er gelben Senf und strich ihn aufs Brot, dazu etwas Salz; aber als er es zum Munde führte, roch es nach Petroleum, weil er die Lampeangefaßt hatte, und er legte das Brot auf ein Brett, dessen gemustertes Papier an die Streifen erinnerte, die kleine Kinder um den Hals tragen. Da dachte er: wenn man das Brot mit dem Senf darauf findet, könnte eins von den Kindern morgen Schläge bekommen, weil es unschuldig dieser Untat beschuldigt wird. Er nahm das Brot in die eine Hand und die Lampe in die andere, blieb aber unentschlossen mitten im Zimmer stehen, da er nicht wußte, wo er den lästigen Zeugen seiner seltsamen nächtlichen Expedition verstecken sollte. Wenn ich es in den Ofen lege, wird es morgen früh vom Mädchen gefunden werden; sie bringt es sofort zur Hausfrau und beschuldigt natürlich die Kinder oder das Kind, das sie am wenigsten mag, und dann gibt es Prügel, zunächst wegen des Vergehens, dann wegen des Leugnens. Das habe ich selbst erlebt. Es mußte aber entfernt werden, und er machte schließlich ausfindig, daß die einzige Möglichkeit sei, es in Papier zu wickeln, in die Tasche zu stecken und den morgigen Tag abzuwarten. Er ging nun an den Zeitungsständer, um sich das nötige Papier zu holen, und sein Riesenschatten erhob sich vom Fußboden, kroch die Wand hinauf und nahm die runde Wanduhr auf die Schultern, wo sie wie ein Kopf sitzen blieb, in dem die beiden Löcher zum Aufziehen die Augen bildeten und der Name des Uhrmachers den Mund. Als er vor dem Zeitungsständer stand, besann er sich, denn, dachte er, wenn eine Zeitungsnummer vermißt wird, können die Mädchen unschuldig Schelte bekommen. Es war ein schwieriger Fall.»Ich nehme die Annoncenbeilage,« sagte er, zögerte aber wieder, denn »auf dem Lande liest man die Annoncen, und habe ich Pech … und das habe ich seit einiger Zeit, ohne zu wissen, warum …« Er hatte aber doch ein Blatt ergriffen, und als er es entfaltete, knisterte es und machte solchen Lärm, daß er Angst bekam. Auf der ersten Seite des Blattes stand eine Riesenannonce: Frische Austern. Austern, gerade jetzt, im Metropol, um halb zwölf, bevor zugemacht wurde, das wäre etwas! Er näherte sich dem Fenster und wollte das Stück Brot durch die Lüftungsklappe werfen, aber kein Tier würde den Senf fressen, und es wäre wieder dieselbe Geschichte.
Jetzt stand er am Fenster; und als er in die Nacht hinausblickte, sah er in dem rechten, vorspringenden Flügel Licht; er stieg auf einen Stuhl, nachdem er die Lampe unter dem Klavier versteckt hatte, und jetzt konnte er sehen … In der guten Stube saß das Ehepaar am Kaminfeuer; der Mann bei einem Grog und einer Zigarre, munter plaudernd. Ein kleiner Tisch stand hinter ihnen, gedeckt und mit den Resten eines netten Soupers; die leuchtend rote Schale eines Hummers stach in die Augen, daß es weh tat …
Gustav Borg hatte nie Mitleid mit König Lear gehabt; hatte gefunden, er liege, wie er sich gebettet habe, da er als Schwiegervater sich bei Neuvermählten niederließ und eine Garnison von hundert Mann mitbrachte. Er hatte auch Vater Goriot gut bezahlt gefunden durch die Zärtlichkeit, die er seinen Kindern schenken durfte, denn nicht alle Kinder nehmen Zärtlichkeitan. Trotz all dem fühlte er einen Stich im Herzen, stieg vom Stuhl herunter und ging mit seiner Lampe in das anstoßende Zimmer, das das Kontor war. Da stand eine Rasiertoilette, und als wisse er, was er suche, zog er die Schublade auf, nahm das Rasiermesser heraus und den Streichriemen und begann es abzuziehen.
»Das beste ist, Schluß zu machen! das beste ist, Schluß zu machen!«
Aber dann besann er sich; erst mußte das Brot weg, zuerst; unbedingt. Er warf es oben auf den Ofen, und im gleichen Augenblick fühlte er sich befreit, erlöst von etwas.
Und dann nahm er das Fell, das unter dem Schreibtisch lag, und legte es über sich, als er auf das Ledersofa niedersank.
Seine letzten beiden Gedanken, ehe er einschlief, waren diese:
»Hier ist es jedenfalls warm und schön. Und: sie mögen ja Abendbrot und Kognak haben holen lassen, als ich mich schon zu Bett gelegt hatte. Vielleicht sind sie auch bei mir gewesen, um mich einzuladen, haben mich aber schlafend gefunden. Man verurteilt ja so oft Menschen zu Unrecht.«
Als Gustav Borg am nächsten Morgen aufwachte, hatte sein Körper durch die Ruhe die Kraft zu leiden wiedergewonnen; denn ein Geschwächter hat nur die Fähigkeit, sich stumpfer Gleichgültigkeit hinzugeben. Er sprang völlig wach vom Sofa auf und übersah dieganze Situation. Hier konnte er nicht bleiben, das war das erste; in der Stadt wollte er nicht wohnen, von Hause war er vertrieben, aber in diesem Kirchspiel mußte er sich des Prozesses wegen aufhalten. Ihm fiel ein Bauer ein, der ein Zimmer an Sommergäste zu vermieten pflegte. Zu diesem wollte er jetzt fahren; und da er am liebsten ohne Abschied abreiste, ging er in den Stall hinunter, um sich Pferd und Schlitten geben zu lassen.
Der Stallknecht, der seinen Lohn nicht erhalten und am Abend vorher vom Herrn Schelte bekommen hatte, war heute besonders mitteilsam. Und als der Redakteur den Pferdestand leer sah, erzählte der Knecht sofort, das Pferd sei verkauft, ebenso der Schlitten; er war auch nicht faul, zu erzählen, daß der Speicher leer, der Hof verfallen und der Boden ausgesogen sei.
Das war ein neuer Schlag für ihn, da er für die Pacht Bürgschaft geleistet hatte; und er war eben im Begriff, nach dem Hause zurückzugehen, als eine kleine, windige Figur an ihn herantrat und fragte, ob er Redakteur Borg sei. Nachdem er sich zu erkennen gegeben hatte, wurden ihm zwei gestempelte Schriftstücke eingehändigt, die er durchflog und in die Tasche steckte.
Statt zusammenzuschrumpfen, schien er zu wachsen, denn er hatte nun etwas, gegen das er reagieren konnte, etwas, was zu fassen war.
Er wendete sich zu dem Polizeidiener und fragte: »Glauben Sie, daß man bei dem nächsten Nachbarn Fuhrwerk bekommt? Ich muß nämlich um elf auf dem Pfarrhof sein.«
»Der Nachbar pflegt immer Fuhrwerk zu haben,« antwortete der Polizeidiener und damit ging er.
Gustav Borg sah nach seiner Uhr und konstatierte, daß er mit Pferd und Schlitten rechtzeitig zu der Sitzung des Kirchenrats kommen werde, zu der er zwecks Entgegennahme der Verwarnung geladen war. Er knöpfte den Rock wieder zu, begann zu marschieren und fühlte sich wie ein Soldat, der zu einem Feldzug aufbricht.
Aber der Schnee war tief, der Weg ungebahnt, und das Gehen wurde bald beschwerlich.
Er hatte gute Zeit, über seine Lage nachzudenken.
Von den beiden barbarischen Arten, ein vieljähriges Zusammenleben zu lösen, hatte man also die demütigende und schamlose gewählt, die Gatten dem Gerichtshof, der Kirchenrat hieß, auszusetzen. Da würden sie sitzen und einander bloßstellen, sich gegenseitig anklagen und wie Unmündige Ermahnungen entgegennehmen. Ein ganzes langes Zusammenleben würde aufgerollt werden, obwohl mein und dein ihre Wurzeln so verflochten hatten, daß das eine nicht abgetrennt werden konnte, ohne daß das andere zerriß; wo Schuld und Nichtschuld unmöglich abzuwägen war, wo Ursache mit Wirkung verwechselt wurde und umgekehrt, wo alles Alte, das vergeben und vergessen war, ausgegraben und in neue Beleuchtung gesetzt werden sollte; was in Liebe vergeben war, sollte jetzt in Haß angeklagt werden.
Diese Art hatte man gewählt, um die entehrende, obligatorische Flucht zu vermeiden, wo der Zurückbleibendedie Schande des Verlassenseins trägt und der Weglaufende die Schande der Untreue auf sich lädt; und trotzdem stimmte die Flucht mehr mit menschlichen Begriffen von Scham überein, da man den Schauplatz verließ und sein Elend vor neugierigen Blicken versteckte.
Die Verwarnung des Kirchenrats war aber nur eine Formalität, die den Gerichtsverhandlungen voranging, und er war vor den ersten Frühjahrsting bestellt worden, angeklagt nach Paragraph so und so des Gesetzes, das seine Verurteilung wegen Ehebruchs unter Verlust aller ehelichen Rechte forderte.
Als er die schweren Schritte gegangen war und das Haus des Nachbars sah, war er fast entschlossen, sich vor dem Rat nicht einzufinden, teils um die entsetzliche Szene zu vermeiden, bei der er seiner Gattin begegnen würde, teils weil er alle Verteidigung für nutzlos hielt.
Als er zu dem Bauern kam, erfuhr er, daß alle Pferde fort seien. Das war ihm wie eine Befreiung, und er setzte sich zum Ausruhen auf eine Bank. Aber der Bauer war zufällig Schöffe und interessierte sich für die Angelegenheiten des Kirchspiels.
»Wollen Sie zum Kirchenrat?« fragte er.
»Ja, da Sie es ja wissen!« antwortete der Redakteur.
»Den darf man nicht versäumen,« fing der Bauer wieder an; »denn der Ting urteilt nach dessen Protokoll, und hat einer etwas zu seiner Verteidigung anzuführen, so muß es jetzt gleich geschehen.«
Diese einfache Mitteilung setzte den Unentschlossenenin Flammen; er sprang von der Bank auf, sah auf seine Uhr und fragte:
»Kann ich zu Fuß gehen?«
»Ja, aber dann müssen Sie rasch gehen und noch dazu über die Kirchbucht.«
»Hält die Kirchbucht denn?«
»Ja, gestern hat sie gehalten, heißt es.«
»Also dann leben Sie wohl, Schöffe. Aber richtig: kann ich hier für den Winter das Sommerzimmer mieten?«
»Ja, das wird wohl gehen!«
»Ich komme zurück, dann sprechen wir darüber.«
Und nun begann der Marsch wieder. Jetzt wußte er, daß er hin mußte, hin mußte, um sich zu verteidigen, falls die Angabe von Motiven wenigstens als mildernder Umstand gelten konnte, da das Gesetz private Abmachungen, die zu der geltenden Verfassung im Widerspruch standen, nicht anerkannte.
Als er eine halbe Stunde gegangen war, kam die Sonne hervor, und da sie tief stand, brannte sie. Er machte den Rock auf und nahm den Hut in die Hand. Der Schnee schmolz halb, wurde feucht und ballte sich unter den Stiefeln. Die Schritte wurden immer schwerer, die Atemnot wuchs und die schweißigen Unterkleider brannten wie Nesseln.
Aber er mußte vorwärts. Wie er sich nach einer neuen halben Stunde umdrehte, sah er seine Fußspuren eine krumme Linie von Vertiefungen bilden.
Nach abermals einer halben Stunde kam er an die Landstraße; mit wiedergewonnenen Kräftenmarschierte er, wie befreit von Fußfesseln, und als er auf eine Höhe gelangte, sah er in der Ferne die Kirche. Doch die Bucht trennte, und die sah man nicht von seinem Beobachtungspunkt. Dann ging es abwärts, und er lief zu den Fischerhäusern hinunter. Da blieb er stehen und sah – die Bucht offen liegen, blau, satirisch lächelnd, zwischen sich und dem Walplatz, wo die Schlacht stattfinden sollte; als er auf die Uhr blickte, sah er, daß zehn Minuten an elf fehlten. Er stürzte zum Fischer hinein und fragte nach einem Boot.
»Das Boot ist versenkt, weil es gedichtet werden soll.«
»Kommen Sie mit und schöpfen Sie es aus!«
»Nee, was hätte das für einen Zweck?«
»Helft mir, Leute, ich muß um elf in der Kirche sein.«
Nein, man hatte gar keine Lust dazu.
Da lief er nach dem Boot hinunter und sah es unter Wasser liegen. Es war ein alter Kahn ohne Ruder und Schöpfkellen. Er lief umher, um die Ruder zu suchen, fand aber keine; er suchte einen Eimer zum Schöpfen und fand keinen; an einer Wand aber stand eine etwas gewölbte Schaufel. Die nahm er, kehrte nach dem Boot zurück und warf den Rock ab; und während er in Hemdsärmeln breitbeinig auf den Bootsrändern stand, schöpfte er das Boot mit der Schaufel halb leer. Darauf stieß er ab, und wie ein Kanuführer paddelnd, rettete er sich über die Bucht, während der Kahn Wasser schöpfte. Als er das andere Ufererreichte, sank das Boot. Er ließ es liegen, warf die Schaufel hinein und lief nach dem Pfarrhause hinauf.
Er hatte nicht Zeit gehabt, sich die Szene, die ihn erwartete, auszumalen; er hatte nur das bestimmte Gefühl, daß der Pastor ihm nach dem letzten Auftritt feindlich gesinnt sei, und daß der Kirchenrat, der aus Pietisten bestand, ihm hart zusetzen werde. Als er den Saal betrat, fand er seinen Schwager als Wortführer dasitzen, ruhig, würdig, mit fast freundlichem Ausdruck.
Frau Borg saß kalt, abwartend auf einem Sofa.
Als der Redakteur gegrüßt hatte und aufgefordert worden war, Platz zu nehmen, eröffnete der Geistliche die Verhandlung mit einem Hammerschlag und fragte den Rat, ob man ihn als Schwager des Ehegatten und als Bruder der Gattin für befangen erklären wolle.
Niemand wollte Einspruch erheben, und so begann der Vorsitzende.
»Meiner Pflicht gemäß und nach den Instruktionen des Kirchenrats frage ich hiermit meine Schwester, ob sie die Ehe mit Gustav Borg fortzusetzen gedenkt?«
»Nein!« antwortete Frau Brita, kurz, überlegt.
»Dann will ich Gustav fragen, ob er die Absicht hat, die Ehe fortzusetzen?«
»Nein,« antwortete der Gefragte ebenso bestimmt.
»Nun muß ich meine Schwester fragen, welchen Grund sie für Auflösung der Ehe anführt?«
Frau Brita antwortete:
»Den Ehebruch des Mannes.«
Die Sache war ja bekannt, aber trotzdem wirkte das ausgesprochene Wort wie ein Schuß; die Greise am Tisch schüttelten sich, und der Vorsitzende, der es anständig und nett haben wollte, war vor den Kopf gestoßen. Er wendete sich deshalb mit einer gewissen Teilnahme an seinen alten Gegner, und da er die ganze Sachlage im voraus kannte, suchte er sofort auf die mildernden Umstände zu kommen:
»Kannst du den dir zur Last gelegten Fehltritt ungeteilt auf dich nehmen, Gustav Borg?«
»Ein Verbrechen habe ich nicht begangen, denn ich habe mein Ehegelübde nicht gebrochen, da ich von ihm entbunden worden war, und zwar von dem einzigen Menschen, der das Recht hatte, mich davon zu entbinden, nämlich von meiner Frau.«
Neues Schaudern am Ratstisch; und gleich darauf die Stimme des Wortführers:
»Ist das wahr, muß ich meine Schwester fragen?«
»Das ist Lüge!« antwortete Frau Brita.
»Da haben wir es,« fiel Gustav Borg ein. »Mit einem Menschen, der nicht die Wahrheit sagenkann, will ich nicht verhandeln und bitte mir deshalb die formelle Verwarnung zu erteilen, die nach dem Gesetz der gerichtlichen Verhandlung des Falles vorangehen muß.«
»Meine Herren,« nahm der Pfarrer das Wort, »die Ursache des ehelichen Unglücks liegt gewöhnlich so weit zurück, daß (hier warf er einen Blick nach der Tür zu seinem Innendepartement) man sie nicht genau feststellen kann. Ich bin daher der Meinung, daß wir,da man nicht wissen kann, wer angefangen hat oder wer schuld an dem ist, was später geschah, zu der gesetzlichen Verwarnung übergehen. Hat einer von den Mitgliedern eine Einwendung zu machen?«
Hier bat der freikirchliche Hofbesitzer Lundström ums Wort.
»Gegen die Erteilung der Verwarnung habe ich nichts einzuwenden, aber gegen die Auffassung des Herrn Redakteurs, als sei die Ehe nur eine private Abmachung, möchte ich opponieren. Staat und Kirche treten doch als Autoritäten auf, um Garantien zu erhalten, was daraus hervorgeht, daß der Scheidungsprozeß vorm weltlichen Gerichtshof verhandelt und die Scheidungsurkunde vom geistlichen Gericht oder Konsistorium ausgefertigt wird. Die Ehefrau kann also den Gatten nicht von seinem Treuschwur entbinden, noch ihn von dem Vergehen freisprechen.«
Redakteur Borg bat antworten zu dürfen:
»Die Ehe gründet sich zunächst auf eine private Abmachung, die in der Verlobung mündet. Und das Gesetz erkennt private Abmachungen hinsichtlich der Treue an, auch wenn die Ehe geschlossen ist. Zum Beispiel: die Frau ist untreu und gebiert in der Ehe das Kind eines andern Mannes. Hier liegt doch ein Ehebruch vor, aber er darf nicht vom öffentlichen Ankläger verfolgt werden. Wenn der Mann verzeiht, schweigt das Gesetz und erkennt damit die private Abmachung an; das Gesetz drückt ein Auge zu, und das Vergehen scheint damit einer objektiven Basis zu entbehren. Ist aber der Mann unvorsichtig genuggewesen, zu verzeihen, bereut dies später, nach der Geburt des unehelichen Kindes und beantragt Scheidung auf Grund des Ehebruches der Frau, so wird er abgewiesen, weil er verziehen hat. Und was schlimmer ist: das Kind des Fremden steht auf dem Kirchenschein des Mannes, trägt seinen Namen, beerbt ihn, nur weil er verziehen hat. Da sehen wir also, daß die private Abmachung Staats- und Naturgesetze bricht. Ich erhalte deshalb mein Verlangen aufrecht, die Anklage meiner Frau für ungültig zu erklären, da sie vier Jahre lang den Prozeß nicht anhängig gemacht hat. Nun möchte ich hinzufügen; daß ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Ehebruch des Mannes und dem der Frau besteht, ein Unterschied, den die Natur selbst angeordnet hat; denn die Untreue des Mannes kann nie die Einführung falscher Kinder in die Familie oder auf den Kirchenschein der Frau zur Folge haben (wenn sie Witwe wird und ihre eigenen Dokumente bekommt); deshalb ist das Gesetz mangelhaft, da es summarisch urteilt, als seien Mann und Frau gleich, und es ist ungerecht gegen den Mann; ja, ich kenne einen Richter, der einem Manne ein Kind zugesprochen hat, das nicht seins war, obwohl er rechtzeitig die Scheidung beantragt hatte. Dies Kind, dessen Vater offen genannt wird, steht in den Kirchenakten des Mannes, trägt seinen Namen, wird von ihm unterhalten und soll ihn beerben. Das ist doch ungeheuerlich; aber der Richter sagt, kein Mann habe das Recht, ein Kind zu verleugnen, das in seiner Ehe geboren ist.«
Frau Britas Hutfeder zitterte vor Wut, denn siewar aus dem Holz, daß sie glaubte, ihre »Ansichten« in der Frauenfrage ständen über allen Tatsachen. Was sie »finde«, sei das richtige; Gesetze hätten keine Gültigkeit mehr, wenn sie etwas »meine«, und sie konnte nie eines Irrtums überführt werden, weil sie Beweise nicht verstand und Gründen nicht zugänglich war.
Sie explodierte deshalb und plapperte über die Gleichheit von Frau und Mann, daß die Natur sie gleich gemacht habe (das weiß der Teufel), wenn auch der Mann die Frau als Sklavin behandle (als Herrin des Hauses) und diesen ganzen Unsinn, den auch die dekadenten Männer der Zeit wiederkäuten.
Schließlich schlug der Vorsitzende mit dem Hammer auf den Tisch und erklärte, das Gericht sei das rechte Forum für den Scheidungsprozeß, der Frauenklub aber das Forum für Weibergezänk.
Darauf verwarnte er die Gatten und erklärte die Sitzung für aufgehoben.
Dies war der gewöhnliche Ausgang der Gespräche zwischen Mann und Frau am Ende des Jahrhunderts: die Sitzung wurde aufgehoben.
Die Frauenfrage, das größte und schwierigste Problem der damaligen Zeit, war wohl sozusagen die letzte Deduktion der Demokratiein absurdum. Alle Menschen seien gleich (obwohl sie so ungleich sind); das war die falsche These. Die Demokraten mußten sie beibehalten oder ihre Grundsätze verleugnen. Die Aristokraten machten mit, teils um Stimmen zu bekommen und die Taschen der Demokratie zu bestehlen, teils weilsie in der Frau nach ihrer veralteten Weltanschauung ein höheres Wesen sahen.
Da war so viel Scheinbares und so viel Wirkliches. Die Frau, die ein Mann liebt, ist ihm anscheinend überlegen, so lange er sie liebt, aber nur ihm, und sie erscheint nur ihm so, denn es gehört zur Liebe des Mannes, daß er sie über sich stellt und auch über andere. Nun aber wurde dies in ein System gebracht und der Mann dankte ab. Nie hat man den Mann so auf dem Bauch kriechen und den Boden unter den Füßen der Frau fressen sehen wie damals. Männer, von denen man Besseres geglaubt hatte, ergötzten sich daran, auf Salonteppichen zu den ungewaschenen Füßen der häßlichsten Frauen zu liegen. Statt daß wie früher auf der Straße der Mann der Frau den Arm bot, was schön wirkte, weil es richtig war, sah man jetzt die dekadenten Männer von ihren Frauen geführt werden.
Die Frauen kleideten sich wie Männer und die Männer wie Frauen; das Armband ging auf den Mann über. Das war Perversität, und man begann unangenehme Verwechselungen der Geschlechter wahrzunehmen; während aber die perversen Männer ausgesprochene Frauenfreunde waren, sei es, weil sie ihr Gebrechen vertuschen wollten, sei es, daß sie etwas Weibliches in ihrer eigenen Natur sich regen fühlten, wurden dagegen die perversen Frauen ausgesprochene Hasser des männlichen Geschlechts, woraus sie kein Hehl machten; und ihre Lebensaufgabe war, die Ehe zu sprengen, – natürlich um die Frau zu befreien.
Das Problem, das von Kreti und Pleti durcheinandergewirrtworden war, konnte jedoch auf die eine Formel reduziert werden: Die Befreiung der Frau sollte Befreiung von Kindergebären und Kindererziehen sein. Glaubt ein vernünftiger Mensch an ein solches abnormes Verhalten der Natur? Und wer soll Kinder gebären, wenn nicht die Frau? Das war ja alles Unsinn! Aber auch im Staat der Zukunft, in dem die Frau arbeitete, mußte die Frau doch in der Regel Kinder haben, so daß eine Emanzipation im eigentlichen Sinne wohl nie zustande kommen konnte. Warum also um einiger hysterischer Frauen willen die Gesellschaft um und um kehren?
Indem sie den Männern die Stellen wegnahmen, wurde ja für jeden brotlosen Mann eine Ehe unmöglich; dadurch wurden die Ehen vermindert und die Prostitution erhöht! Und dafür arbeiteten Staatserhalter und Sittlichkeitsfreunde.
Es war die reine Verrücktheit!
Pfarrer Alroth auf Storö hatte aber ein Auge auf diese Bewegung gehabt; seine Schwester, Frau Brita, hatte versucht, seine eigene Frau aufzuhetzen und sie mit Sitzungen und ähnlichem aus dem Hause zu locken; deshalb konnte er von seinen brüderlichen Gefühlen nicht geblendet werden, sondern sah die peinliche Stellung seines Schwagers im Hause sehr wohl ein. Auch gefiel es ihm, daß der Schwager nicht Vergehen gegen Vergehen quittieren wollte, indem er die letzte Geschichte mit den Kindern und was mit Zustimmung der Frau im Hause geschehen war, Dinge, die er von seinem Standpunkt aus verabscheuungswürdig fand, vorbrachte.
Als nun der Rat gegangen und Frau Brita nach Hause geeilt war, blieben die Schwäger allein zurück.
Der Pfarrer gehörte zu der Art von Menschen, die ihren Vorteil darin sehen, durchzustreichen und weiterzugehen. Er hatte vom Leben gelernt, daß der Schimpf, den man nicht beachtet, nicht existiert, und daß die Rache Zeit kostet und Revanche hervorruft. Er hatte deshalb die letzten schimpflichen Schmähungen des Schwagers aus seinem Gedächtnis gestrichen, wenn auch der Eindruck noch in ihm haftete. Noch etwas anderes machte ihn sanft; eine gewisse natürliche und unerklärliche Sympathie für Gustav Borg bewirkte, daß er ihm nicht richtig böse sein konnte; ein sehr gewöhnlicher Fall, der erklärt, warum man gewissen Menschen gegenüber so schwer recht bekommt, auch wenn sie überführt und auf frischer Tat ertappt sind.
Man beklagt sich einem Freunde gegenüber über das häßliche Benehmen eines Abwesenden.
»Das kann ich nicht von ihm glauben! Das ist ihm so unähnlich!« antwortet der Freund.
Man kommt nicht vom Fleck, sondern sitzt wie ein armer Sünder da, der mit einem mißtrauischen Gemüt behaftet ist; die deutlichsten Beweise, die glaubwürdigsten Zeugen helfen nichts.
Also die Schwäger waren allein.
»Das ist eine leidige Geschichte,« begann der Pastor. »Und du hast vor Gericht keine Aussichten; der Richter ist besessen und gibt jeder Frau recht gegen einen Mann, trotz klaren Beweisen. Das ist der Geist der Zeit, siehst du! Hast du nicht neulich von der englischenDame gelesen, die ihren Mann vergiftet hat? Zweiundfünfzig Ärzte schwuren, sie sei unschuldig; sie aber saß im Gefängnis und legte mittlerweile ein Geständnis ab! Tableau! Jetzt war es aus, sollte man denken! Nein, jetzt kamen Massenpetitionen, die den Giftmord verteidigten, unter dem Vorgeben, der Mann sei ein Schwein gewesen. Von meinem Standpunkt, wohlgemerkt, würde ich es so erklären, daß die Vorsehung die Männer wegen ihrer Unmännlichkeit und Charakterschwäche straft, indem sie die Frauen losläßt. Diese Kreaturen, die nicht die Wahrheit sagen können und deshalb nicht zeugen dürfen, sollen Advokaten und Richter werden. Gott bewahre uns davor! Neulich hat das Postfräulein in großer Gesellschaft erzählt, sie öffne und lese alle Briefe auf der Post. Was soll man dazu sagen? Ich sprach darüber mit einem modernen Herrn, und der sagte, das sei Lüge! Ich wollte ihn zuerst schlagen, aber er erschien mir so interessant, daß ich über ihn nachzudenken anfing. Er wurde böse über meine Geschichte, als sei er eine Frau und fühle sich getroffen. Oder er hatte sich der Frauenfrage verschworen und war böse auf sich selbst, weil er unrecht gehabt hatte. Dies ist das wahrscheinlichste. Deine Aussichten, lieber Schwager, bei Gericht sind klein: denn wenn eine Frau heutzutage einem Mann unrecht tut, so hat sie die Sympathien der ganzen Welt für sich. Und Brita hat dir unrecht getan, das weiß ich, das wissen wir alle! Was kann man dabei tun? Nichts! Aber höre auf meinen Rat! Nimm einen Winkeladvokaten, einen Schuft, der eine große Schnauzehat, und geh nicht selbst hin. Das ist etwas besser als selber da stehen und sich zanken; freilich, sicher bist du trotzdem nicht, denn wenn ein Mann einen Weiberrock sieht, wird er feig. Ich hatte neulich einen Prozeß gegen die Lehrerin hier. Und ich wählte aus dem Haufen eigens einen Advokaten, der unglücklich verheiratet war. Jetzt, dachte ich, kriegt sie es! Jawohl! Kannst du dir denken, dies bezahlte Vieh steht da und verteidigt meine Gegenpartei!«
Gustav Borg hatte nicht ungern diesen tröstenden und teilnehmenden Worten gelauscht, aber er konnte es nicht über sich bringen, zuzugeben, daß der Pfarrer recht habe, denn das hieße einen Irrtum wiedergutmachen. Er fühlte sich im Gegenteil einen Augenblick herausgefordert, zu widersprechen, die Frauen in Schutz zu nehmen, wie er sie stets in seiner Zeitung verteidigt hatte.
Als er nun ging und auf die Landstraße kam, erwachte in ihm ein Nachgefühl des Geschehenen, und er fand, daß die letzten tröstlichen Worte eine Demütigung gewesen seien. Das setzte ihn in Trab, und während er weiterschritt, in die Welt hinaus, faßte er den Entschluß, in die Stadt zu fahren, da seine Anwesenheit hier draußen überflüssig war. Er lenkte deshalb die Schritte nach der Dampferanlegebrücke.
Wie er nach der Uhr sah, fand er, daß bis zur Ankunft des Dampfers noch drei Stunden blieben.
Das war lange, aber er hatte ein neues Leben vor sich und ein altes hinter sich.
Anlegebrücken sind außerordentlich geeignet, um daraufBetrachtungen anzustellen; da ist ebener Boden unter den Füßen, so daß man auf und ab gehen und denken kann; da hört das Land auf und das große, einsame Wasser beginnt; da ist es regungslos still, und man geht und wartet auf etwas, das neue Bewegung in einen bringen, einen an einen andern Ort versetzen, die Anschauungen ändern und das Schicksal umgestalten soll.
Gustav Borg ging auf und ab und dachte. Er war jetzt an dem Punkt im Leben angekommen, den man die Zeit des »Ausessens« nennt. »Das mußt du einmal ausessen,« hatte er so oft sagen hören, ohne es zu verstehen, ohne es zu glauben, in dem rastlosen Vorwärtsschreiten des Lebens. Jetzt verstand er es, aber gleich so vielen andern zog er die falsche Schlußfolgerung, er müsse bereuen und die Lehren zurücknehmen, die durch ihn verbreitet worden waren und nicht ganz zu dem beabsichtigten Ergebnis geführt hatten. Er glaubte seine Arbeit an Irrtümer verschwendet zu haben, die jetzt bekämpft werden mußten, erkannte aber nicht, daß in seinem sogenannten Irrtum ein Teil der Wahrheit lag, die nur unter dem Zusammenwirken der feindlichen Plus- und Minusposten ans Tageslicht kommen konnte. Die Verbesserungen hatten schon die Gegner gemacht, er brauchte sie also nicht von neuem zu machen. Nun grämte er sich über vergeudete Mühe, ärgerte sich, daß er wie ein Narr reaktionär gewirkt hatte, während er Vorspann zu sein glaubte. Und die Leiden, die er jetzt durchmachte, sah er als eine Strafe für das Böse an, das er getan hatte, obwohl sie auch Prüfungen sein konnten.
Diese Abrechnung, die jeder Mensch in einem gewissen Alter durchmacht, ist jedoch nur ein Bücherabschluß der Persönlichkeit, bei dem eine genauere Untersuchung zeigt, daß das relative Böse, das man zwecks Durchführung einer guten Sache andern zufügen mußte, ein notwendiges Böses war. Andererseits aber scheint eine immanente ewige Gerechtigkeit zu fordern, daß auch unschuldig zugefügte Leiden in der Weltordnung neutralisiert werden durch entsprechende Schmerzen bei dem, der sie hervorgerufen hat. Wenn ein in der höheren Buchführung Erfahrener in diesem Augenblick der Abrechnung neben einem Menschen stände, würde er alle Siegel lösen und zu dem vom Stachel der Reue Verwundeten sagen: »Sei getrost! Sieh hier das Gute, das du ausgerichtet hast, und hier das Böse! Jetzt wollen wir Posten gegen Posten quittieren, dann bleibt doch noch ein Saldo zu deinen Gunsten; denn schon daß du dein Leben so gut du vermochtest gelebt hast, ist eine Heldentat; und jeder Mensch, der sich zu einem natürlichen Tode durchgearbeitet hat, ist ein Held; jeder Gestorbene verdiente ein Denkmal, so schwer und mühselig ist es, das Leben zu leben. Und der Elendeste ist nicht weniger bewundernswert, denn seine Last war schwerer als die anderer, sein Kampf größer, sein Leiden tiefer; und warum er ein Elender war, das weiß kein Sterblicher, kann kein Mensch erklären, weder mit Statistik, noch mit Nationalökonomie.«
Gustav Borg konnte die Synthese seines Lebens noch nicht vollenden, sondern befand sich in vollerKrisis, da er in das Reich eintrat, das Swedenborg die Vernichtung nennt. Und das schlimmste von allem war: er hatte die Hand gegen sich selbst erhoben; denn er, der Gegner der freien Sittengesetze, war wegen eines Unsittlichkeitsverbrechens angeklagt. Diese Disharmonie war nicht leicht zu lösen.
Von der Brücke sah er die Schornsteine seines Hauses. Gerade jetzt stiegen zwei blaue Rauchwolken empor. Es brannte im Herde, da verbrannte alles und das beste: Gattin und Kinder.