Zweites KapitelDie Palastrevolution

Zweites KapitelDie Palastrevolution

Redakteur Gustav Borg, der ältere Bruder des Doktors, saß bei seiner Morgenzigarre im Büro und besichtigte den Briefkasten. Der Briefkasten ist ein wunderliches Ding: es ist die Post, die in einem geschlossenen Blechkasten, zu dem der Redakteur den Schlüssel hat, abgeholt wird. Dieser kleine Kasten enthält die Geheimnisse der Redaktion: Erwiderungen, Eingesandtes, Bittschriften, die anonymen Briefe, die groben Postkarten; dieser Kasten war gerade infolge der offenen Postkarten aufgekommen, die von dem Boten und andern Untergebenen gelesen wurden, was ihnen Mißachtung vor dem Redakteur und der Zeitung beibrachte und ihnen ein auf Vertraulichkeit beruhendes Übergewicht verlieh.

Der Chefredakteur hatte lange gebraucht, bis er soweit war, nicht jedesmal, wenn er den Kasten öffnete, in Wut zu geraten. Ein Schweißbad kostete es freilich, aber er hatte schließlich eine solche Technik in der Kunst des Brieföffnens erlangt, daß er sofort an Handschrift, Unterschrift und ähnlichem sah, ob er das Schriftstück lesen mußte oder es in den Papierkorb werfen konnte.

Heute ging es jedoch etwas langsamer, denn zum erstenmal seit Bestehen der Zeitung bekam der Redakteur offene Postkarten mit Lobesworten und Danksagungen von Konservativen, Familienvätern und Staatserhaltern, weil er in der gestrigen Nummer gegen den Sozialismus zu den Waffen gegriffen hatte.

Gustav Borg war nämlich um die Mitte des Jahrhunderts geboren und hatte bis 1890 von den liberalen Idealen der vierziger Jahre gelebt, als da sind: konstitutionelle Monarchie (oder am liebsten Republik), Religionsfreiheit, allgemeines Wahlrecht, Frauenemanzipation, Volksschulen, Russenhaß und dergleichen. Er hatte die Repräsentationsveränderung 1866 miterlebt und an das Kommen des Tausendjährigen Reiches geglaubt. Aber es kam nicht. Was man gemeint hatte, berechnen zu können, erwies sich als falsche Rechnung. Bei den Neuwahlen 1867 ergab sich nämlich das folgende bizarre Resultat: der Adel, der früher ein Viertel der Volksvertretung ausmachte, hatte gewonnen und bildete jetzt ein Drittel, obwohl das Ritterhaus gestürzt war. Der geistliche Stand war von einem Viertel auf ein Dreißigstel reduziert worden. Das Papsttum Schwedens hatte also seine weltliche Macht verloren. Die Zahl der Vertreter des Bürgerstandes war von einem Viertel auf ein Sechstel herabgesetzt, und der Bauernstand behielt sein Viertel, hatte aber durch das Zweikammersystem doch an Macht gewonnen.

Das Ritterhaus war freilich gestürzt, aber die Majorität der ersten Kammer wurde dennoch von Beamtenund außerdem von Rittergutsbesitzern, meistens Edelleuten, gebildet.

Es war also im großen und ganzen ein Reichstag wie im alten Rom mit Patriziern und Plebejern. Bei genauerem Hinsehen schienen freilich die Plebejer das Übergewicht zu haben, und das mußte einen Liberalen freuen; doch bei noch näherer Betrachtung stellte sich heraus, daß die Plebejer konservativ waren.

In dieser babylonischen Verwirrung verlor Gustav Borg den Kopf. Seine etwas abstrakten Vorstellungen von Politik verleiteten ihn zu dem Glauben, der Reichstag werde sich mit staatsrechtlichen Theorien beschäftigen, während er doch die Aufgabe hatte, für die momentanen Bedürfnisse der Mitbürger zu sorgen. Er hatte den Kopf in seine eigene Schlinge gesteckt, da er stets das Recht der Mehrheit verfochten hatte und nun die vom Volk gewählte Mehrheit am Ruder sah. Schweden war damals ein Ackerbauland, deshalb hatten die Landwirte die Majorität. Das war logisch; und die Bauern waren jetzt an der Reihe: ihre älteren Klagen wurden aufgenommen, alte Ungerechtigkeiten vor Gericht gezogen. So weit konnte er mitgehen. Aber als diese selbe Majorität in Kulturfragen Gesetze aufstellen, bestimmen wollte, was die Nation glauben und denken, wie die Jugend erzogen werden solle, als sie diejenigen, die an der Zukunft arbeiteten, ins Gefängnis zu werfen beabsichtigte, da mußte er eingreifen und gegen seine Plebejer blank ziehen. Damit kam er in Streit mit sich selbst und begann zu schwanken.

Die Mannigfaltigkeit der Faktoren machte die Berechnungenkompliziert; denn wenn er sah, wie die Königsmacht durch die neue Staatsform geschwächt wurde, konnte er nicht unterlassen, die Plebejer zu stützen, trotz ihrem Geiz, ihrer Unduldsamkeit und Trägheit. Es gab Augenblicke, in denen er die Zeit der Freiheit wiederkehren sah. Der Reichstag stürzte ja die Ratgeber des Königs, die Bauern setzten Ausschüsse ein, bevor die Wahl in der Kammer vor sich ging; häufig wurden Anträge eingebracht, die Apanage des Königs einzuziehen, und man diskutierte den Hofhalt der Prinzen.

»Jetzt sind wir nicht weit vom Namenstempel!« sagte der Redakteur in einem Augenblick der Hellsichtigkeit

Alle älteren politischen Begriffe lösten sich auf, es wurde große Wäsche gehalten, bei der Wergleinwand und feines Tuch zusammentrafen; und es war fast unmöglich, schwarz und weiß, mein und dein zu unterscheiden. Man stand dem großen Paradoxon gegenüber: die konservativen Plebejer haben die Königsmacht gestürzt; und dieser dreifache Selbstwiderspruch wirkte wie ein elektrischer Aal: man konnte ihn nicht mit Händen greifen, teils, weil er glatt war wie ein Aal, teils weil er geladen war. Man bekam einen Schlag, wenn man ihn anrührte, und er schlug nach allen Richtungen aus, nach rechts und links, nach oben und unten.

Nun kam das Neue und veranlaßte die Menschen, von etwas anderm als von Bauern zu sprechen. Das war die sogenannte soziale Frage; die Grundfesten der Gesellschaft wurden untersucht und vor Alter undFeuchtigkeit baufällig befunden, so daß man auf ihnen nicht weiter zu bauen wagte, in der Befürchtung, das Haus möchte einstürzen.

Die Panik, die jetzt entstand, ergriff zuerst die Oberen. Die Oberen, die Leichtesten, die deshalb oben schwammen; die Oberen, die Schwächsten, die deshalb da oben Schutz und Halt suchten, waren natürlich die Ängstlichsten. Aber die Furcht verbreitete sich, und eines schönen Tages wurde den Kämpfenden, den Wachsenden, den Liberalen auch bange. Man hatte nämlich begonnen, die Familie zu diskutieren, und hatte sie für individuell und persönlich wachsendes Leben zu eng befunden. Da die Alten der Ansicht waren, die Gesellschaft sei auf die Familie gegründet, so glaubten sie die Gesellschaft bedroht. Nun basiert aber weder der Staat noch die Gesellschaft auf der Familie; denn der Staat hat gar keine Ähnlichkeit mit der Ehe, sondern die Staaten sind aus dem Zusammenschluß freier Männer zu gemeinsamem Schutz entstanden. Das machte nichts, man blieb dabei, die Familie sei das Fundament der Gesellschaft. Und es war nutzlos, einzuwenden: mag immerhin die Familie das Fundament sein, wenn aber dies Fundament nicht mehr hält, so müssen wir an anderer Stelle neuen Grund legen und Neues bauen.

Bei der Untersuchung des Begriffs Familie machte man ausfindig, daß zwei Menschen bei der jetzt so raschen Entwicklung keine dauernde Sympathie, ohne die das Zusammenleben der Ehegatten unerträglich ist, fürs ganze Leben schwören könnten. Das stark hervortretendeStreben nach Persönlichkeit widersprach gegenseitiger Unterwerfung; das Hinaustreten der Frau in Arbeit und öffentliches Leben hinderte die Entwicklung des Familienlebens und die häusliche Erziehung der Kinder. Die Erfahrung zeigte ja, wie sich die Zahl der Ehescheidungen erhöhte; und diese tief schmerzliche Operation wollten die Alten in ihrer verständnislosen Art dem Leichtsinn zuschreiben, obwohl die prozessierenden Parteien genau wußten, daß sie dem schlimmsten, was es gab, der Sklaverei, nur entflohen, um ihre Persönlichkeit zu retten. Als dann Kindergärten und Schulen die Erziehung der Kinder in die Hand nahmen, fiel die Erziehung im Hause weg. Die Häuslichkeit war ja im übrigen nur ein Zufluchtsort gewesen, wo alle Untugenden blühten; die Erziehung fing erst in der Schule an, wurde in der Kaserne fortgesetzt und begann von neuem ernstlich draußen im Leben.

So ungefähr wurden die Anklagen gegen die Familie formuliert. Und da ergriff die Panik auch einen so starken Mann wie Gustav Borg.

Gestern hatte er selbst einen Leitartikel gegen die Auflöser der Gesellschaft geschrieben; und heute nahm er zum Dank für die Hilfe die Händedrücke der Konservativen entgegen.

Mit seinem Sohn Holger, dem Hilfsredakteur, hatte er am Tage vorher eine stürmische Auseinandersetzung gehabt, in der dieser drohte, abzugehen. Doktor Borg, der Bruder, hatte ihm telephonisch seinen Besuch angekündigt; und den erwartete er jetzt, nicht ohne eine gewisse Unruhe, die auch dadurch hervorgerufenwurde, daß zahlreiche Abonnenten die Zeitung zurückgeschickt hatten.

Der Erwartete kam; der Doktor trat unangemeldet bei seinem Bruder ein und legte sofort los:

»Was hast du getan?«

»Ich habe nach meiner Überzeugung gegen eure Predigten der Unsittlichkeit geschrieben.«

»Deine Überzeugung müßte sich auf bestehende Tatsachen gründen und auf Erfahrungen beruhen, aber das ist nicht der Fall; Predigten oder Prediger existieren gar nicht, denn alle, die über die Familie schreiben, teilen nur ihre Entdeckungen und Erfahrungen mit; sie sagen zum Beispiel: so und so geht die Entwicklung vorwärts, so und so ist das Familienleben im letzten Menschenalter entartet, und das Heim ist eine Schule des Despotismus, der Selbstsucht, der Heuchelei geworden. Sie teilen also nur tatsächliche Verhältnisse mit und predigen keine Theorien.«

»Und du, der du selbst Töchter hast, sympathisierst mit diesen Lehren?«

»Ich bin ebenso besorgt um meine Töchter wie du, und ich lehre sie nichts; denn ich weiß in diesem Punkte nichts; aber ich verhalte mich abwartend und beobachtend; ich glaube schon bemerkt zu haben, daß meine Kinder mit andern Ideen geboren sind als ich; die Schamhaftigkeit verbietet uns, darüber zu sprechen; deshalb ist es gut, daß es geschrieben wird; das gedruckte Wort ist still und verletzt niemanden. Aber das eine sage ich dir, ich bin gleich dir auf – alles gefaßt! Daich einsehe, daß ich nichts dabei tun kann, denn du weißt, was Ratschläge wert sind, so schweige ich und denke: vielleicht muß es so sein; vielleicht verstehen sie es besser; vielleicht ist dies der Weg zu der neuen Gesellschaftsform. Die Jungen, die für ihre neuen Ideale kämpfen, müssen für die ersten Versuche wohl leiden; viele werden fallen und deshalb viele abfallen; aber der Strom der Zeit fließt, ohne uns um Rat zu fragen, und ich werde keine verzweifelten Versuche machen, ihn aufzuhalten. – Aber da du dich jetzt gegen uns gewendet hast, hast du die Zeitung ruiniert. Als Aktionär und Direktor ersuche ich dich, abzugehen und deinem Sohn Holger deinen Posten zu überlassen.«

»Ich, abgehen? – Nie!«

»Gut! Dann gründen Holger und ich eine neue Zeitung!«

»Eine neue Zeitung geht nicht!«

»Doch, eine neue Zeitung, die bei der Farbe bleibt und die von dir verlassenen Traditionen aufnimmt, die geht.«

»Du meinst eine einseitige Parteizeitung, die ihre Gegner als Verbrecher behandelt.«

»Nein, als Feinde! Solange die Schlacht im Gange ist, erschießt man den Soldaten, der Unterhandlungen beginnt. – Hast du nie bemerkt: wenn man dem Feinde ein Zugeständnis macht oder ihm ein gutes Wort gibt, so jubelt er über die Unterwerfung. Gute Worte und Höflichkeiten kommen hinterher, beim Friedensschluß. – Betrachte dich jetzt als einen erschossenen Deserteur und geh!«

»Nie!«

»Dann ruinieren wir dich durch Konkurrenz!«

»So spricht ein Bruder!«

»Ja, ein ehrlicher Bruder, der nicht dem Nepotismus oder der Parteilichkeit huldigt, der die Gerechtigkeit über die Bruderliebe und das allgemeine Wohl über das private stellt.«

»Du vergißt, daß du dein Geld verlierst, wenn du mich stürzt!«

»Das vergesse ich nicht; aber ich habe mehr Geld, als du glaubst, also bin ich nicht zu ruinieren. Du hast bis morgen um zwölf Bedenkzeit. Adieu! …«

Der Doktor fuhr zur Tür hinaus, und der Redakteur blieb mit seinen schweren Gedanken allein.

Abgesetzt, als Ausgedienter auf den Kehricht geworfen, er, der die große materielle Neubildung nach 1850 mitgemacht hatte. Er erinnerte sich der ersten Eisenbahnstrecke 1852; erinnerte sich der Eröffnung der Telegraphen 1853, der ersten Gaslaterne 1854; der ersten Briefmarke 1855, und er hatte in den achtziger Jahren das Telephon und das elektrische Licht mit erlebt. Aber von den politischen Idealen seiner Jugend hatten sich wie gewöhnlich nur wenige realisiert, die meisten waren zerstört und verschwunden und als Afterkorn in den Graben gefallen; einige waren auf andere Weise, als er erträumt hatte, verwirklicht worden, und die Folgen waren das Gegenteil von dem gewesen, was man erwartet hatte. Unterdes waren neue Ideale aufgetaucht, die er nicht verstand und die er fürchtete. Zum Beispiel verstand er diegroße Arbeiterbewegung nicht, denn er hatte nicht bemerkt, daß das Land in diesen vierzig Jahren aus einem Bauernlande ganz allmählich ein Industrieland geworden war; er nannte die Führer der Arbeiterpartei Agitatoren und Anarchisten, obwohl sie gerade für Gesetzgebung und Ordnung in den noch ungeordneten Massen wirkten. Er verstand das Streben der Jugend nach Freiheit und Verantwortung, nach Selbstbetätigung und Selbstbestimmungsrecht nicht, deshalb fiel er. Das war tragisch, denn es war unabänderlich, daß die Zeit der Wachstumsfähigkeit des Menschengeistes eine Grenze setzte; und er fiel nicht durch eigene Schuld, sondern infolge der Gesetze des Lebens.

Daß der Sohn sein Nachfolger werden würde, hatte er sich ja immer gedacht; aber daß er ihn verdrängte, und auf diese Art, das war schlimmer als alle Bitterkeit des Lebens.

Er verschloß seinen Schreibtisch und ging fort, um aufs Land zu reisen und über den Entschluß, den er fassen mußte, nachzudenken. Seit einigen Jahren hatte er nämlich einen Landbesitz draußen auf den Schären, wo er den größeren Teil des Jahres mit seiner Familie lebte.


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