VIERTE SPAZIERFAHRT.

VIERTE SPAZIERFAHRT.

Dorothee, welche nun die Reihe traf, ließ vier Monathe verstreichen, bevor sie eine neue Unternehmung wagte, damit sich unterdessen das Gerücht vom Kapellenbaue verlieren möchte. Auch benützte man diese Zeit, um den Wagen wiederanders zuzurichten, und Kutscher und Pferde zu wechseln. Endlich fand sie es räthlich, in Gesellschaft ihrer Mutter, und der alten Banuelos zu Madrid einzuziehen. Sie nahmen ihre Wohnung dieß Mahl zur Abwechslung in dem Martinsviertel. Nach einigen Tagen begaben sie sich mit dem neuen Escudero, den sie aufgenommen hatten, unter das Thor von Quadalaxara. Als die jungen Herren, die auf dem Markte herum spazierten, einen Damenwagen an einem Kaufmannsgewölbe halten sahen, liefen sie wie Hasen davon, um nicht etwa in die Verlegenheit zu gerathen, wenn es eine von ihren Bekannten wäre, aus Artigkeit oder Tändeley ein Geschenk anbiethen zu müssen. Dorothee ließ sich eine goldener Tabatiere, und etwas von Frauenputz an den Wagenschlag bringen. Mit einem Mahle kam ein fremder Cavalier, der erst unlängst aus Andalusien angekommen war, und nun hier den Zusammenfluß der Madriter schauen wollte, an dem Wagen vorüber. Die schöne Dorothee fiel ihm auf, und als ein Mann von Welt, machte er ihr sogleichseine tiefe Verbeugung. Er mochte beyläufig sechs und zwanzig Jahre haben, war klein von Person, aber niedlich gebaut, und ganz fertig, ein Gespräch mit feinen Wendungen und drolligen Einfällen zu würzen; dabey war er aber von ungemein verliebter Stimmung, und sein Kopf war vom Romanenlesen ein wenig angebrannt. Dorothee bemerkte den raschen Eindruck, den sie auf ihn gemacht habe, und begegnete seinem Blicke vorsetzlich einige Mahl. Er ward muthiger, trat an den Wagenschlag, und sagte: „Schöne Unbekannte, diese Waare ist schon bestellet.“ „Das thut mit leid,“ antwortete Dorothee. „Indessen,“ fuhr der Andalusier fort, „wenn sie Ihnen gefällt, bin ich bereit, sie mir abhandeln zu lassen, und will sie als förmlicher Kaufmann in Ihre Wohnung bringen, die Sie mir zu sagen belieben werden.“ Hiermit steckte er dem Kaufmann, was die Waare beyläufig werth seyn mochte, in die Hand.

„In der That,“ sagte Dorothee, „wenn ich Sie kennte, würde ich Ihnen vielleicht mit eben dieser — wie will ich sagen — Freymüthigkeit, oder Zudringlichkeit, wenn Sie wollen, in Ihren Ton einstimmen; so aber“ — sie hatte sehr gut gesehen, was vorgegangen war — „bleibt mir nichts übrig, als die Waare wieder dahin zurück zu stellen, von wo ich sie bekommen habe. Gnädiges Fräulein,“ sagte er, „denn Frau können Sie doch unmöglich seyn; Sie scheinen ungehalten: seyn Sie es aber nicht. Ich bin ein Mensch, der niemand auf Erden, am wenigsten aber eine Dame beleidigen will, und der nur manchmahl den Rechnungsfehler begeht, daß er meint, man würde seine — ich kann es mit gutem Gewissen nur Lebhaftigkeit nennen, eben so gerade aufnehmen, als er sie äußert. Bey uns in Andalusien wird mir so etwas zu Gute gehalten; ich erwartete denn, daß ich hier, wo ich erst zwey Tage bin, ein anderes Andalusien finden werde.“

Dorothee merkte nun, daß sie ihren Mann gefunden habe, und fand es für gut, an der Stelle eine nähere Bekanntschaft zu gründen. Sie frage denn: „Mein Herr, das ganze Waarenlager werden Sie doch nicht aufgekauft haben,“ stieg ausdem Wagen, und ging in das Gewölbe; Der Andalusier ihr nach.

Sie ließ sich Federn, Bänder, und Seidenstoff für beyläufig hundert Escudo’s vorlegen, und behandelte den Preis. Sie bemerkte, daß er vom Kaufmanne heimlich die Rechnung fordre, und sagte daher: „Mein lieber Herr, ich habe vor Tische noch einige Besuche vor mir: Sie würden mich verbinden, wenn Sie mir alles nach Tische in meine Wohnung schickten; dann werden Sie auch gleich das Geld dafür erhalten.“ Der Kaufmann fand sich sehr bereit, und Dorothee sagte ihm ihre Wohnung. Der Andalusier sprach nur: „Gnädiges Fräulein, ich weiß nun Ihre Wohnung: wie würden Sie sich wohl benehmen, wenn ich unartig genug wäre, Sie zu besuchen?“ „Fürs erste,“ antwortete Dorothee, „halt’ ich Sie nicht für so voreilig; und wenn Sie es wären, würde mir nichts übrig bleiben, als daß ich durch ein artiges Betragen Sie zu bessern suchte.“ Sie ging fort, und fuhr nach Hause. Nach Tische kam der Diener des Kaufmanns, brachte die Waaren, und als sie sich anstellte, als ob sie bezahlen wollte, schlug er es unter dem Vorwande aus, daß die Summe noch zu klein wäre, um eine Rechnung zu machen, und daß sie ihr noch mehr zu verkaufen dächten. Es währte nicht lange, so war auch unser Andalusier da. Dorothee empfing ihn in Gesellschaft ihrer Duennen sehr artig, und er erzählte ihr, daß er Don Thadeo de Sylva heiße, eigentlich aber Don Thadeo Tristan de Lorgenes, nach einem Oheime, der das Abgeschmackte dieses Nahmens mit einer ansehnlichen Erbschaft wieder gut gemacht hätte; Dorothee vertraute ihm dafür, daß sie mit einem Ritter verheirathet sey, der sich in Indien befände, und so unglücklich gewesen sey, in Lima gefangen zu werden; nun erwarte sie aber ihn und ihr ganzes Vermögen mit der nächsten Flotte. Don Thadeo both ihr feyerlich alle Dienste an, die in seinen Kräften ständen, indem er wohl wisse, was sich für Schwierigkeiten fänden, wenn man am Hofe Forderungen machte. „Es ist wahr,“ erwiederte sie; „aber zum Glücke hab’ ich doch immer genug gehabt, um zwey Dienerinnen, einen Escudero, und meinen Wagen zu halten.“ Nun war es Zeit, sich zu entfernen, und Thadeo empfahl sich.

Dorothee suchte nun nähere Erkundigung über seine Umstände einzuziehen, und alle Nachrichten waren nach Wunsche. Seine Besuche wurden immer häufiger, und seine Neigung immer heftiger. Dorothee suchte seine Schwächen aufzufinden, unter denen auch die Vorliebe für Lieder und Melodien, die er selbst verfaßt hatte, war, und suchte sie auf’s Beste zu benutzen; kurz, er ward so verliebt, als noch kein Liebhaber ihrer Mitschwesterchen gewesen war. Dorothee, die eine sehr schöne Stimme, und einen hinreißenden Vortrag hatte, sang von der Stunde an kein Liedchen mehr, das nicht Thadeo verfertigt hatte, und verlangte selbst noch Unterricht auf der Guitarre von ihm; dafür liefen sich seine Bedienten mit Küchengeschenken müde, und er selbst brachte beynahe jeden Tag irgend eine kostbare Kleinigkeit zum Putze mit. Dorothee hatte jedes Mahl einen Vorwand bereit, unter dem es ihre Bescheidenheit erlaubte, seine Großmuth nicht zurück zu schrecken. Auch hatte sie sich schon zwey Mahl einen Kuß auf die Lippen gefallen lassen, von denen sie den letzten sogar — wer hätte sich’s von Donna Dorothea träumen lassen? — mit schamhaftem Erröthen erwiederte.

Den folgenden Tag kam Thadeo nicht, und Dorothee war in sichtbarer Unruhe: sie konnte sein Außenbleiben nur mit der strengen Witterung entschuldigen; denn es war mitten im Winter. Sie hatte sich auch nicht getäuscht; denn er kam den andern Tag: indessen war es ihr doch ein Fingerzeig, daß sie ihn noch nicht genug in Bewegung gesetzt habe. Sie suchte daher alles Mögliche hervor, was einen Mann fest halten kann: sie schmollte; sie bezeigte ihm bey jeder Gelegenheit Aufmerksamkeit, und es gelang ihr auch, ihn bald so zu kirren, daß er mit Leib und Seele an ihr hing, und nun weiter nichts mehr fehlte, als eine gute Gelegenheit, um sein Vertrauen und seine Liebe so ergiebig als möglich zu benutzen.

Während Dorothee in Illescas wohnte, war ein Student aus Toledo dort angekommen. Er hieß Don Basil, war ein erzarmer Teufel, übrigens aber so schön und wacker gebildet, und so aufgeweckten Geistes, daß Dorotheens Standhaftigkeit selbst so vielen Reitzen nicht widerstehen konnte. Sie wurden bald bekannt, noch geschwinder vertraut, und es war bald so weit gekommen, daß sie ihm sogar gestattete, ihr nach Madrit zu folgen, unter dem Bedingniß’ aber, daß er ihre Unternehmungen nicht im geringsten stören sollte. Er ging es darauf ein, und lebte denn auch in Madrit in dem besten Einverständnisse mit ihr, ohne sich von Eifersucht plagen zu lassen. Alles wäre gut gegangen; nur wollte sich noch keine besonders vortheilhafte Gelegenheit zeigen.

Endlich traf es sich, daß einer von Thadeo’s Freunden heirathete. Thadeo sagte Dorotheen, daß die Vermählung bey San Sebastian mit einer seltnen Pracht gehalten werden würde, und daß er selbst in einem Glanze erscheinen werde, in dem sie ihn noch nie gesehen habe. „Wenn ich in der Kirche erscheinen soll,“ sagte Dorothee, „so verlange ich ohne dieß, daßmein lieber Thadeo die übrige Gesellschaft übertreffe. Wenn Sie mir aber dann gefallen, bin ich nicht zufrieden, Sie nur in der Kirche bewundern zu können; ich will Sie bey mir im Hause haben. Sie werden sich doch gewiß um eilf Uhr vom Spiele los machen können; und bis dahin will ich mit dem Abendessen auf Sie warten.“

Thadeo sagte es ihr heilig zu, und so schieden sie aus einander. Die Vermählung ging vor sich, und Dorothee erstaunte über die Pracht ihres Geliebten. Er war im prächtigsten Stoffe gekleidet, und schien alle Juweliere von Madrit ausgekauft zu haben. Knöpfe, Ketten, Agraffen, Ringe, alles war von Brillanten. Er kam auch um eilf Uhr des Abends voll Vergnügen zu Dorotheen, und erzählte ihr, daß er so glücklich gewesen sey, gegen zwey tausend Escudo’s zu gewinnen. Sie speisten; es wurde immer später; Dorothee war ungemein gefällig, und sagte endlich, daß sie ihn heute nicht mehr nach Hause lasse: denn wenn irgend ein Schurke seinen Schmuck gewahr würde, könnte er ein Unglück haben. Sie werde ihm daher einBett anweisen, und sie nehme durchaus keine Widerrede an.

Thadeo meinte, nun schon den Gipfel seines Glücks erstiegen zu haben, und war beynahe ausgelassen vor Freude. Er trank ein Glas ums andere; aber Dorothee hatte ihm einen besonders köstlichen Trank bereitet, dessen Wirkung er nicht vermuthet hätte. Es war zwölf Uhr, und Dorothee wies ihm das Bett in dem Zimmer an dem ihrigen an. Er kleidete sich hastig aus, hatte sich aber im Bette kaum ein wenig erwärmt, als der Trank seine Wirkung that, und der verliebte Ritter so laut zu schnarchen anfing, daß man es auf die Gasse gehört haben würde, wenn ihm seine treuen Wärterinnen nicht die Bettdecke über den Kopf gelegt hätten.

Nun ward alles, was er an dem Leibe gehabt hatte, sammt dem beträchtlichen Spielgewinne, mit Hülfe des Studenten aus Toledo, und des Kutschers zusammen gepackt, und nach ihrer einstimmigen Schätzung auf mehr als vierzehn tausend Escudo’s angeschlagen. Es war nichts mehr übrig, als was sie mit Don Thadeoanfangen sollten. Er hatte ein zu schönes Spitzhemd auf dem Leibe, als daß es ihm der Student aus Toledo hätte gönnen sollen; er zog es ihm denn ab, und bekleidete ihn dafür mit einem Unterrocke der alten Banuelos. Vorn unter das Kinn band er ihm ein Tuch, wie einem kleinen Kinde, und an eine Schnur knüpfte er verschiedene Sachen, wie man den Kindern anzuhängen pflegt; ein Füßchen von den Hasen, den er des Abends noch gegessen hatte; eine Elendklaue, wider das Augenweh; einen kleinen Mörserstößel, und eine kleine Glocke. In diesen Aufzuge setzten sie ihn auf einen großen Korb; der Student und der Kutscher trugen ihn fort, hingen ihn an den Balcon eines armen Indianers, und eilten nach Hause, um sich mit der übrigen Gesellschaft in Sicherheit zu setzen.

Thadeo schlief in seinem Korbe fort, und träumte sich in den Armen der schönen Dorothee. Mit Anbruch des Tages stand der Indianer auf, schlug die Fensterbalken auf, und nahm den Korb wahr. Er setzte die Augengläser auf, und sahzu seiner größten Verwunderung dieses große Kind in dem Korbe liegen. Sein erster Gedanke war wirklich, daß es ein Findelkind sey, das man ihm vors Haus gebracht hätte, und er rief seinen Bedienten, daß er es herab nehmen, und vor ein anderes Haus legen solle. Der Bediente konnte nicht sehen, was im Korbe wäre, weil der Korb so hoch hing, und schnitt den Strick ab, um den Korb mit den Händen aufzufangen; das Kind fiel aber mit solcher Gewalt herunter, daß es den armen Bedienten zu Boden warf. Das Kind selbst schlief so sanft, daß es selbst von dieser Erschütterung nicht erwachte. So wehe sich der Bediente gethan hatte, brach er doch in ein lautes Gelächter aus, als er das Kind erblickte. Er trug es mit Hülfe seines Herrn in die Stube, und hier bemerkten sie erst einen Zettel, den es im Busen stecken hatte. Er lautete: „Die Mutter dieses Kindes hat es Armuths halber in ihren Armen hierher getragen, und bittet, sich seiner anzunehmen. Übrigens ist es schon seit einiger Zeit getauft.“ Der Indianer und der Bediente suchten es zu wecken; sie kitzelten und kneipten es; alles war aber vergebens. „Wahrhaftig,“ sagte der Indianer; „ich habe noch kein Kind gesehen, das einen so gesunden Schlaf gehabt hätte.“ Indessen kamen sie doch bald auf die Vermuthung, daß dieser unnatürliche Schlummer die Wirkung eines Schlaftrunkes sey. Erst gegen Mittag kam Thadeo zu sich; und als er seinen lächerlichen Aufzug erblickte, und sah, daß er in einer ganz fremden Wohnung sey, fing er zu schreyen an, daß der Indianer und sein Bedienter herbey liefen, die ihm denn erzählten, in was für einem Zustande sie ihn gefunden hätten. Er schnaubte vor Wuth, und schwor allen, die an dieser Beschimpfung Theil hätten, sie zu vernichten. Er ließ sich Kleider bringen, und machte sogleich Anstalt, um Dorotheen mit ihrer ganzen Gesellschaft in Verhaft nehmen zu lassen. Sie war aber schon längst zu Illescas, wo sie mit ihren Mitschwestern überein kam, nach Granada zu reisen, um dort neue Abenteuer, die ihrer würdig wären, aufzusuchen.

Wie lange sie dieselben fortsetzten, meldet die Geschichte nicht: so viel läßt sich vermuthen, daß sie sich bald von einander zu trennen genöthigt sahen, welches sie um so leichter thun konnten, da jede schon in Schäfchen ins Trockne gebracht hatte.

ENDE.


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