Chapter 2

„Hören Sie, mein Freund!“ rief er dem kleinen Advokaten zu, der in einer Rasenfläche stand und sich mit der Gießkanne über ein Tulpenbeet beugte, um die Blumen in der Mitte zu begießen. „So kommen Sie doch heraus! Es gibt Neuigkeiten! Nun, so kommen Sie doch endlich!“

Er wartete in liebenswürdiger Ungeduld, bis der Advokat fertig war und auf den Weg trat, um mit der leeren, grünen Kanne zum Brunnen zu gehen. „Ich will Ihnen erzählen, was sich heute ereignete,“ begann er dann rasch, „Seine Majestät der König von Sachsen haben geruht —“

„Verzeihen Sie,“ unterbrach ihn flüsternd der Advokat und fing an zu gehen, „es ist heiß, ich habe es eilig. Die Blumen vertrocknen.“

„Ich gehe mit Ihnen zum Brunnen,“ fuhr Michael Petroff gut gelaunt fort und ging rasch neben dem eilenden Advokaten her, „ich kann es Ihnen ja ebensogut im Gehen erzählen. Ich sage also heute zum Doktor: ‚Nun, Doktor, für mich haben Sie heute nichts?‘ ‚Nein,‘ sagt er, ‚lieber Kapitän, leider nichts.‘ ‚Gar nichts,‘ sage ich und fasse ihn am Arm, ‚seit Wochen ist keine einzigeAntwort eingelaufen? Wirklich nichts, Doktor?‘ Er sieht mich an und denkt nach. ‚Ach ja,‘ sagt er, ‚ich hätte es beinahe vergessen. Es ist ein Schreiben eingelaufen. Es betrifft diesen Tischlergesellen, Sie wissen, lieber Kapitän?‘ ‚Tischlergesellen? Doktor? Ich erinnere mich nicht‘ — ich ziehe mein Taschenbuch heraus, in das ich alle ausgehenden Schriftstücke eintrage: ‚Woher kam die Antwort? Aus Sachsen? Ah,‘ sage ich, ‚dann betrifft es jenen Schlächtergesellen, den man zum Tode verurteilt hatte.‘ ‚Ja,‘ sagt der Doktor, ‚ganz richtig, ein Schlächtergeselle war der Bursche.‘ Und nun hören Sie, lieber Freund: Seine Majestät der König von Sachsen haben geruht, ihn auf meine Petition hin zu begnadigen. Ich werde noch heute ein Dankschreiben an Seine Majestät entwerfen.“

„Wie sie heute sticht, die Sonne“, antwortete der Advokat auf Michael Petroffs Erzählung und begann den Pumpenschwengel zu ziehen. „Die Blumen sehen alle so matt aus.“

„Hahaha!“ Michael Petroff lachte. „Sie hören ja gar nicht zu? Wie?“

Nein, der Advokat hörte nicht zu. Er sah in die Kanne, ob sie voll wäre.

Michael Petroff betrachtete ihn eine Weile mit zur Seite geneigtem Kopf, dann lachte er still vor sich hin und ging rasch weiter. Er blickte überden Garten und suchte nach jemand, dem er die frohe Botschaft erzählen könnte.

Da entdeckte er den „Rajah“, der im Gemüsegarten, zwischen zwei Salatbeeten hin und her ging. Seiner Gewohnheit gemäß war der „Rajah“ allein und da, wo sonst niemand war.

Michael Petroff wippte sich auf den Zehen und dachte einen Augenblick daran, mit einem einzigen Sprung über die Beete zu setzen, die ihn, etwa hundert Schritt breit, von dem „Rajah“ trennten. Er brauchte sich ja nur ein bißchen in die Höhe zu schnellen und wäre dort. Aber er befürchtete unhöflich gegen den „Rajah“ zu sein, ihn vielleicht zu erschrecken, und unterließ es.

Der „Rajah“ ging so stolz und würdevoll einher wie gewöhnlich, aber heute war er unruhig und nachdenklich. Die Worte Engelhardts, der das Weltall im Gleichgewicht hielt, daß es nicht in Trümmer stürze, hatten seinen Sinn gefangen genommen. Er dachte darüber nach, und nach langem unerbittlichen Nachdenken war er zu dem Schlusse gekommen, daß es nur noch eines gäbe — eines — —

Da trat Michael Petroff an ihn heran.

„Erlauben Sie, daß ich störe!“ sagte er höflich und zog die graue englische Reisemütze. „Kapitän Michael Petroff!“

Der „Rajah“, sah ihn mit seinen schwarzen brennenden Augen ernst an.

„Was willst du?“ fragte er ruhig.

Michael Petroff lächelte. „Ich möchte Ihnen gerne eine freudige Neuigkeit mitteilen“, begann er. „Heute morgen also sage ich zum Doktor: ‚Nun, Doktor, haben Sie nichts für mich, heute —?‘“ — Und er erzählte freudestrahlend dieselbe Geschichte, die er heute schon dutzendmal erzählt hatte.

Der „Rajah“ hörte schweigend zu, während er Michael Petroff nachdenklich betrachtete. Dann sagte er: „Ich möchte gerne mit dir sprechen.“

„Ich stehe Ihnen zur Verfügung!“

Der „Rajah“ ließ seine Augen langsam und würdevoll über den Garten schweifen.

„Wollen wir zu jener Bank gehen!“

„Mit Vergnügen.“

Der „Rajah“ setzte sich und lud Michael Petroff mit einer herablassenden Handbewegung ein, ebenfalls Platz zu nehmen.

„Ich sehe dich immerfort schreiben —“ begann er.

Michael Petroff lüftete die Mütze: „Michael Petroff, Kapitän der russischen Armee“, sagte er höflich.

Der „Rajah“ sah ihn an und fuhr hierauf mit der gleichen Ruhe und Hoheit fort: „Wenn du schreibst, so mußt du wissen. Und gewiß hast du Weisheiten über Menschen und Dinge aus den heiligen Büchern geschöpft, die uns andern verschlossen bleiben, und dein Leben gemäß den Vorschriftendeiner Kaste in Meditationen verbracht. Gut, so lege mir die Worte des Fakirs aus, der nach dem unerforschlichen Ratschluß der Götter das Weltengebäude auf den Schultern trägt! Sprich!“

Michael Petroff lächelte geschmeichelt und verbeugte sich gegen den „Rajah“. Er verstand zwar nicht alles, was der „Rajah“ sprach, aber er fühlte Hochachtung und Verehrung aus seinen Worten. Er fand, daß er gewissermaßen die Verpflichtung habe, den „Rajah“ in das Geheimnis seiner Zeitung einzuweihen, aber zu seiner eigenen Überraschung fragte er: „Sie meinen Freund Engelhardt?“

„Du hörtest, was er sagte?“

„Ja!“

„So sprich!“ Es zeigte sich, daß der „Rajah“ kein einziges Wort, das Engelhardt zu Doktor März sagte, vergessen hatte; Michael Petroff dagegen wußte nahezu nichts mehr und zog sich den Unwillen des „Rajahs“ zu.

„Pardon!“ entschuldigte er sich. „Es gehen mir so viele Dinge durch den Kopf.“

„Was aber wird geschehen, wenn er keine neue Seele erhält?“ fragte der „Rajah“ weiter.

„Oh, der Doktor wird wohl Sorge tragen.“

„Auch Fakire sind nur Menschen. Was wird geschehen, wenn ihm die Kräfte versagen? Wird die Welt einstürzen?“

„Sie wird einstürzen!“ erwiderte Michael Petroff und mußte lachen.

„Weshalb lachst du da?“ sagte der „Rajah“ ruhig, und seine dunkeln Augen funkelten. „Was wirst du tun, wenn sie einstürzt?“

„Ich?“ Michael Petroff lächelte und deutete auf den Pavillon, der durch die Büsche schimmerte. „Wenn dieses Haus dort einstürzt,“ fuhr er fort, „so werde ich mich rasch davon machen und in meine Heimat zurückkehren. Meine Heimat ist Rußland. Sie kennen Rußland? Sie können Deutschland auf der Hand forttragen, Rußland aber nicht einmal auf dem Rücken. So groß ist meine Heimat.“

Der „Rajah“ dachte lange und angestrengt nach. Dann sagte er, langsam und mehr für sich selbst: „Wenn die Welt einstürzt, wird dann auch meinReich einstürzen? Die Berge mit den Tempeln, die Wälder und Städte, wird all das zerstört werden?“

Michael Petroff nickte und lächelte schadenfroh. „Ich glaube wohl!“

Auch der „Rajah“ nickte nun. Er neigte einigemal langsam sein Haupt. „All meine Untertanen werden zu Grunde gehen?“ fragte er und nickte. Er stand auf und schüttelte den Kopf. „Nein“, sagte er ernst und sah Michael Petroff an. „Das soll nicht sein! Wir wünschen es nicht.“

Der Rajah ging. Langsam und würdevoll schritt er in der Sonne dahin dem Pavillon zu.

Michael Petroff sah ihm nach. Er lächelte und schüttelte den Kopf. „Was für ein wunderlicher Mensch er doch ist!“ sagte er und lachte. Und als er sein Lachen hörte, lachte er nochmals laut und fröhlich und schnippte mit den Fingern dazu. „Hahahaha!“

Der „Rajah“ aber trat in Engelhardts Zimmer und teilte ihm mit, daß er gesonnen sei, ihm seine Seele zu überlassen. „Wenn die Götter mein Opfer annehmen wollen.“

Engelhardt, der wie tot auf dem Bett lag, öffnete die Augen und sah ihn an.

„Wollen Sie?“ keuchte er und seine Hände und sein Gesicht zuckten.

„Ja.“

„Drei Tage will ich noch kämpfen!“ keuchte Engelhardt.

Der „Rajah“ zog die Türe zu. Er begab sich in sein Zimmer und schrieb mit großen, fliegenden Buchstaben, die alle in verschiedene Richtungen flatterten, einen kurzen Brief an Doktor März.

„Euer Hochwohlgeboren,“ so schrieb er, „der Himmel hat es beschlossen. Wir sollen den blauen Fluß nicht mehr sehen. Wir sollen die überschwemmten Reisfelder nicht mehr sehen und nicht mehr die weißen Elefanten, deren Zähne goldne Ringe tragen. Der Himmel hat es beschlossen und wir gehorchen. Sagen Sie der englischen Regierung, daß wir erhaben sind über das Gefühl der Rachsucht und Bitterkeit. Sagen Sie der englischen Regierung, daß wir gesonnen sind, unsere Untertanen zu retten und unsere Seele preisgeben, wenn den Göttern das Opfer gefällt.“

Der „Rajah“ klingelte dem Pfleger und übergab ihm ruhig und voll Würde das Schreiben. Dann entkleidete er sich und legte sich zu Bett, bereit zu sterben.

Am Abend, als es dunkelte, kam der Advokat verstört in das Zimmer Michael Petroffs gestürzt, ohne anzuklopfen, ohne unter der Türe zu warten, wie er es sonst zu tun pflegte.

„Helfen Sie mir, Kapitän!“ flüsterte er und flüchtete sich in die Arme des erstaunten Michael Petroff. Der Advokat zitterte vor Entsetzen.

„Was in aller Welt —?“ rief Michael Petroff erstaunt und erschrocken aus.

„Er steht im Gange!“ flüsterte der Advokat.

„Wer? Was haben Sie?“

„Engelhardt! Er steht vor der Türe des ‚Rajah‘. Er holt sich seine Seele.“

„Was sagen Sie da?“ Michael Petroff lachte leise.

„Ich sah ihn stehen. Lassen Sie ihn nicht zu mir kommen, oh, du guter Gott!“

„Pst!“ unterbrach ihn Michael Petroff. „Ich werde nachsehen.“

Der Advokat umklammerte seine Füße. „Er wird hereinkommen, oh, mein Gott, mein Gott!“

„Lieber Freund,“ versetzte Michael Petroff, „fassen Sie sich. Er soll nicht hereinkommen. Ich verspreche es Ihnen. Aber ich will sehen!“

Der kleine Advokat kauerte auf dem Boden und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Michael Petroff aber ging hinaus. Nach einer Weile kam er zurück. Er sah etwas blaß aus, aber er lachte, um sich Mut zu machen.

„Ja,“ sagte er gedämpft, „da steht er an seiner Türe und lauscht. Weshalb zittern Sie so, lieber Freund?“

„Verlassen Sie mich nicht!“ flüsterte der Advokat, immer noch die Hände vor dem Gesicht.

Der „Rajah“ lag auf dem Bett, die großen Augen mit einem glänzenden Blick in die Ferne gerichtet, und regte sich nicht, über sein gebräuntes Gesicht war eine hoheitsvolle Ruhe und Gelassenheit ausgegossen. Er weigerte sich aufzustehen und wies jede Nahrung zurück. Doktor März maß die Temperatur und fand sie einigermaßen niedrig, den Puls etwas langsam, irgendwelche Symptome einer gesundheitlichen Störung oder Anzeichen einer nahenden Krankheit konnte er aber nicht entdecken. Er redete dem „Rajah“ mit freundlichem Ernst zu, aufzustehen und zu essen, da der „Rajah“ ihm aber nicht antwortete, ließ er ihn in Ruhe. Er war an die Launen seiner Patienten gewöhnt und wußte, daß sie ebenso rasch gingen, wie sie kamen.

Dagegen machte ihm Engelhardt ernstlich Sorge. Er hatte trotz aller Dauerbäder und Beruhigungsmittel die Nacht wiederum schlaflos und erregt verbracht. Nun lag er in einer Art Halbschlaf und zitterte und zuckte unter der Anstrengung, die sein schrecklicher Wahn von ihm forderte. Er vernahm Stimmen, das Geschrei von Millionen von Menschen, die die Hände nach ihm rangen und ihn anflehten, sie nicht der Vernichtung preiszugeben, er hörte das Läuten der Glocken, die Bittgesänge von Prozessionen, die Gebete der Kaiserund Könige, Bischöfe und Päpste. Seine Haut war trocken und spröde, sein Puls hüpfend und unstet. Doktor März saß lange Zeit neben seinem Bett und beobachtete ihn, während er, zuweilen blinzelnd, sein ganzes Wissen und alle seine Erfahrungen blitzschnell in Gedanken durchflog. Dann verließ er Engelhardt mit einer nachdenklichen und ratlosen Miene.

Nach einer Stunde aber war er schon wieder bei ihm.

Die Patienten des Pavillons wurden von einer sonderbaren Nervosität ergriffen, die sich stets bei ihnen einstellte, wenn die häufigen Besuche des Arztes darauf hindeuteten, daß jemand schwer krank war. Sie gingen mit behutsamen Schritten, sprachen nur halblaut, und manche verließen das Zimmer überhaupt nicht. Der kleine Advokat wagte kaum sich zu regen und bat die tausend Vögel, die mitihm im Zimmer lebten, recht ruhig zu sein, als er ihnen Brosamen und Wasser auf den Tisch stellte. Wieder und wieder zwang ihn eine unbekannte Macht durch das Schlüsselloch zu sehen. Da stand er lange Zeit, die Hand in der Art der Kinder auf das linke Auge gepreßt und spähte mit dem rechten durch das Schlüsselloch hinaus auf die weiße Wand des Korridors. Sobald aber ein Vorübergehender den Ausblick verdeckte, fuhr er erschrocken zurück. Wenn er hinaus zu seinen Blumen mußte, so öffnete er lautlos und langsam die Türe und ging rückwärts, die Augen auf Engelhardts Türe gerichtet, bis zu den Stufen. Hier drehte er sich rasch um und eilte hinab, immer in der Furcht, daß ihn plötzlich eine Hand am Rockkragen festhalten werde.

Michael Petroff war der einzige, dem die allgemeine Unruhe nichts anhaben konnte. Er saß an seinem Schreibtisch, schnitt seine Fälle aus, numerierte, registrierte, klebte, schrieb. Er schüttelte lächelnd den Kopf über die Furcht des kleinen Advokaten, versprach ihm aber für alle Fälle seinen Schutz.

„Seien Sie ganz ruhig, lieber Freund!“ sagte er gönnerhaft. „Solange ich lebe, haben Sie keine Ursache, sich zu beunruhigen!“ Und mit wichtiger Miene fügte er hinzu: „Ich war bei ihm. Er erzählte mir, daß der ‚Rajah‘ ihm seine Seele versprochen habe. Nun, was weiter? Voilà tout. Sie aber verlassen sich auf Michael Petroff!“

„Ich danke Ihnen!“ flüsterte der Advokat und griff nach Michael Petroffs Hand, um sie zu küssen.

„Nicht das! Wozu?!“ wehrte Michael Petroff ab, fühlte sich aber doch geschmeichelt und geehrt.

Der Advokat verließ ihn ruhiger. In der Nacht aber hörte er Engelhardt rufen und verkroch sich zähneklappernd unter die Bettdecke. Nun war es ihm, als sei er in die Erde eingegraben, in einen hohen Berg und vermochte vor Angst kaum zu atmen. Da aber sah er plötzlich einen ungeheuren Schwarm von Vögeln, die pfeilschnell in einer leichten Biegung über den Himmel glitten. Er winkte und rief empor: „Wohin? Wohin?“ — „Komm mit! Komm mit!“ zwitscherten die Vögel zur Antwort. „Nach Wien! nach Wien!“ und sie glitten in die Ferne. Der Advokat sah ihnen nach und schlief ein.

Die Kräfte des „Rajahs“ schwanden zusehends, obgleich Doktor März ihm künstlich Nahrung zuführen ließ. Rasch wie die Dämmerung in den Tropen erlosch er. Sein braunes Gesicht und seine braunen Hände hatten eine graue, fahle Färbung angenommen, wie trockene Gartenerde, und seine mächtige breite Brust hob und senkte sich rasch und lautlos unter der Decke. Seine Lider, die fahler aussahen als das Gesicht, waren halb über die Augen gesenkt, aber sobald jemand ins Zimmer trat,hoben sie sich langsam, und ein großer glänzender Blick traf fragend den Eintretenden.

Der Puls wurde dünn und fliehend, und Doktor März saß fast die ganze Zeit am Bett des Kranken. Der rasche Verfall seiner Kräfte war ihm unverständlich und besonders besorgt machte ihn das unerklärliche, rapide Nachlassen des Herzens. Er saß und blinzelte zuweilen, beobachtete, dachte, versuchte alles nur Denkbare, — und am Abend wußte er, daß der „Rajah“ nicht mehr zu retten war.

„Wie geht es ihm, Doktor?“ fragte Michael Petroff, der im Korridor dem Arzt aufgelauert hatte, und deutete mit dem Kopf auf die Tür des „Rajah“.

„Nun, nicht schlecht!“ antwortete Doktor März zerstreut.

Michael Petroff lachte leise hinter ihm her. Dann ging er sofort ins Zimmer des Advokaten.

„Der ‚Rajah‘ stirbt!“, sagte er mit einem triumphierenden Blick.

Der Advokat sah ihn furchtsam von unten herauf an; er entgegnete nichts.

„Ja!“ Michael Petroff setzte sich in einen Rohrstuhl und zog die Beinkleider etwas in die Höhe, damit sich die Knie nicht herausdrückten. „Ich frage eben den Doktor. Er sagt: nicht schlecht. Nun, das heißt, der ‚Rajah‘ stirbt. Als Heinrichstarb, Heinrich, der die lustigen Lieder sang, über die Sie so lachen konnten, mein Freund, was sagte da der Doktor? Nicht schlecht! Und Heinrich starb. Ja, ich verstehe mich auf Ärzte.“

Der kleine Advokat hüllte sich in seinen Schal. Ihn fröstelte.

„Er saugt ihm die Seele aus dem Leib“, fuhr Michael Petroff mit wichtiger Miene fort. „Er versteht seine Sache, dieser Engelhardt. Wie machte er es damals mit dem Pfleger Schwindt? Genau so, sehen Sie!“

Und Michael Petroff ging, sich fröhlich die Hände reibend. Er fühlte sich angeregt von all dem, was um ihn vorging, von all den Dingen, die er durchschaute. Es gab da Neuigkeiten —! In vorzüglicher Laune setzte er sich an den Schreibtisch, um seinen Artikel: Doktor März verhaftet! durchzufeilen.

In dieser Nacht, gegen drei Uhr, starb der „Rajah“.

Die Nacht war warm und still und so hell vom Mond, daß man im Freien lesen konnte. Die Patienten waren unruhig, sie räusperten sich, gingen auf und ab und sprachen mit sich. Zuweilen aber wurden sie alle still: das war, wenn Engelhardt zu schreien anhob. Ich kann nicht mehr! Und dazwischen deklamierte er laut die Ansprachen, die die Könige und Fürsten, die vor ihm knieten, an ihn richteten.

Der kleine Advokat hatte es nicht gewagt, sich niederzulegen. Er saß angekleidet auf dem Sofa, in all seine Decken gehüllt. Und doch fror er, daß ihm die Zähne klapperten. Wenn Engelhardt zu schreien anfing, bewegte er betend die Lippen und schlug das Kreuz.

Michael Petroff aber hatte sich, unbekümmert um alles, zu Bett gelegt. Er lag, die Arme unter dem Kopf, und dachte über einen geeigneten Titel seiner Zeitung nach. Denn diesmal wollte er den Doktor überrumpeln, packen, — ja, warte nur! Was aber sollte ein Titel wie der „Unparteiische“ sagen, bitte schön? War damit diesem hartgesottenen Doktor beizukommen? Wie? O nein, nein, ganz und gar nicht. Der Titel mußte nach Feuer und Schwefel riechen, wie ein Schwert, das geschwungen wird, mußte er sein, wie die Öffnung eines Gewehres, das auf den Doktor gerichtet war. — Doktor März mußte erschrecken, wenn er den Titel las! Und nach langem Nachdenken entschloß sich Michael Petroff, seine Zeitung diesmal „Schwert des Erzengels“ zu nennen. Er sah diesen Erzengel deutlich dahinfahren, schräg, mit fürchterlich wehenden Gewändern und erschreckend verzerrter Miene, das Schwert mit beiden Händen ein wenig nach hinten geneigt in die Höhe haltend. Und dieses Schwert, das rasiermesserscharf und hinten sehr breit war, schlitzte das Firmament auf, und eindampfender blutroter Streifen wurde sichtbar. Dieser rote dampfende Streifen erfüllte Michael Petroff mit einem starken Wollustgefühl. Er setzte sich auf und sagte: „Warte nur, haha!“

Plötzlich aber legte er die Hand über die Augen. Ein dunkler, wehmütiger Schmerz hatte ihn überfallen, und er wußte nicht warum.

„Michael Petroff —?“ sagte er leise, „Michael Petroff —?“ und Tränen traten in seine Augen. So, die Hand über den feuchten Augen und einen dunkeln Schmerz im Herzen schlief er ein.

Er lag in tiefem Schlaf, als ihn ein Pochen an der Tür weckte: „Ich bin es, der Pfleger, erschrecken Sie nicht.“

„Was gibt es?“

Der Pfleger trat ein und sagte halblaut: „Herr Doktor März läßt Sie ersuchen zu kommen. Der Lehrer möchte Sie sprechen.“

„Der Lehrer?“

„Der ‚Rajah‘, Sie wissen ja.“

„Sie wissen nicht, was er von mir will?“

„Nein, Doktor März läßt Sie ersuchen.“

„Gut, ich komme.“

Michael Petroff erhob sich und machte langsam und sorgfältig Toilette. Der Pfleger kam zurück und bat ihn, sich beeilen zu wollen. Michael Petroff band sich sorgfältig die Krawatte. „Ich komme ja schon,“ sagte er unwillig, „ichkann doch nicht halb angekleidet einen Besuch machen.“

Endlich war er fertig; er besah sich noch rasch im Spiegel, strich den Schnurrbart zurecht und ging hinaus.

„Herr Kapitän!“ flüsterte der kleine Advokat durch die Türspalte, denn das Klopfen und Sprechen in Petroffs Zimmer hatte ihn noch ängstlicher gemacht. „Ich flehe Sie an —!“

„Ich habe Eile“, antwortete Michael Petroff und schritt den Korridor entlang. Er hörte Engelhardt in seinem Zimmer deklamieren: „Wir stehen zu dir, zerstöre nicht den Dom der Welt, gepriesen sei dein Name!“ Und mit veränderter, keuchender Stimme fuhr Engelhardt fort: „Ich kämpfe, ich kämpfe —!“ Oben im ersten Stock ging ein Schritt hin und her, ruhelos, immer auf und ab, wie das ferne Stampfen einer Maschine.

Da öffnete der Pfleger die Tür zu dem Zimmer des „Rajah“ und Michael Petroff trat ein.

„Guten Morgen!“ sagte er laut und heiter, als sei es lichter Tag und der „Rajah“ nicht dem Tode nahe. „Guten Morgen, Doktor! Hier bin ich. — Guten Morgen — Fürst!“ fügte er nach einem Blick auf den „Rajah“ leiser hinzu. „Michael Petroff, Kapitän der russischen Armee.“

Der Anblick des „Rajah“ hatte Michael Petroff betroffen gemacht. Der „Rajah“ saß aufrecht imBett, die großen schwarzen Augen auf ihn gerichtet. Ihm zu Häupten brannte eine verschleierte elektrische Lampe, aber trotz des Halbdunkels leuchtete das von schwarzen Haupt- und Barthaaren umrahmte Gesicht des „Rajah“ wie dunkles Gold, ja, es glänzte. Und gerade dieses Glänzen hatte Michael Petroff betroffen gemacht, so daß er leiser sprach und die Anrede „Fürst“ gebrauchte. Er hatte eigentlich nie ernsthaft darüber nachgedacht, wer der „Rajah“ war. Er war ein Fürst, der irgendwo ein großes Reich besaß, in der Verbannung lebte, nun, Michael Petroff glaubte es, ohne sich dabei etwas zu denken. In diesem Augenblicke jedoch begriff er, daß der „Rajah“ ein Fürst war, und er veränderte vollkommen seine Haltung.

„Sie beliebten mich rufen zu lassen?“ sagte er, etwas verwirrt und unsicher, und verbeugte sich.

Der „Rajah“ wandte das Antlitz Doktor März zu.

„Mein Herr,“ sagte er mit ruhiger tiefer Stimme, deren Klang getrübt war, „ich danke Ihnen. Sie hätten mir, der ich Ihr Gefangener bin, diese Gunst verweigern können, ich weiß es.“

„Lieber Freund —“, antwortete der Arzt, aber der „Rajah“ beachtete ihn gar nicht mehr.

„Ich habe dich rufen lassen,“ wandte er sich an Michael Petroff, „damit du meinen letzten Willen niederschreibst.“

„Zu Ihrer Verfügung“, erwiderte Michael Petroff mit einer leichten Verbeugung.

„So schreibe, was ich dir sage.“

Michael Petroff betastete verwirrt seine Taschen. „Ich eile,“ sagte er, „ich werde sofort —“ und verließ rasch das Zimmer, um in seinem Bureau Papier und Blei zu holen.

„Michael Petroff —?“ flüsterte stehend der kleine Advokat. „Sie verlassen mich —?“

„Der Rajah befiehlt!“ entgegnete Michael Petroff ungehalten und eilte an den ausgestreckten kleinen Händen des zitternden Advokaten vorbei, zurück in das Sterbezimmer.

„Hier bin ich, Verzeihung“, stammelte er atemlos.

„So schreibe!“ sagte der „Rajah“.

Michael Petroff setzte sich zurecht und der „Rajah“ begann:

„Wir, Rajah von Mangalore, verbannt von der englischen Regierung, die wir sterben, erhaben über das Gefühl der Rachsucht für unsere Feinde, um unsere Untertanen zu erretten, geben unserem Volke kund:

Gruß dir, unser Volk! Gruß euch, Palmenwäldern, die die Tempel unserer Väter beschatten! Gruß dem blauen Fluß, der unser Land erquickt!“ —

Michael Petroff, der eifrig und hingegeben niederschrieb, was der „Rajah“ diktierte, blickteauf, da der „Rajah“ eine Pause machte. Da sah er, daß aus den glänzenden schwarzen Augen des „Rajahs“ zwei große Tränen rannen, die über seine leuchtenden fahlen Wangen liefen und in den Bart sickerten.

Der „Rajah“ hob die Hand zu einer erhabenen Gebärde. Dann fuhr er fort, bis ans Ende gleich ruhig und hoheitsvoll:

„Wir erlassen eine allgemeine Amnestie! Alle unsere Kerker und Gefängnisse sollen sich öffnen und in Asche gelegt werden. Fortan werde kein Blut mehr vergossen!“

„Oh, Herr — — Fürst!“ flüsterte Michael Petroff und schrieb.

„Es gebe keine Arme mehr in unserem Land, und niemand soll mit der Schale betteln gehen. Das Vermögen in unseren Kammern sei zu gleichen Teilen unter das Volk verteilt. Es gebe fortan weder Kasten noch Stände. Jedermann sei dem andern gleich und alle seien Brüder und Schwestern.

Die Greise sollen ihre Hütte haben, um darin zu sterben, und den Kindern vermachen wir die Wiesen, darauf zu spielen. Den Kranken schenken wir Gesundheit und den Unglücklichen Schlaf, tiefen Schlaf. Es soll keine Kriege mehr geben und keinen Haß mehr zwischen den Völkern, gleichviel welcher Farbe, so bestimmen wir es. Die Richter seien weise und gerecht, und wer Unrechttat, dem soll man sagen: geh und sei glücklich, denn das Schlechte kommt aus dem Unglück hervor.

Den Menschen vermachen wir die Erde, daß sie sich darin teilen vermögen, den Fischen dasWasser und Meer, den Vögeln den Himmel und den Tieren die Wälder und die Auen, die darin versteckt liegen!

Dich, unser Volk, aber segnen und küssen wir, die wir sterben.“

Der „Rajah“ hob die Arme segnend empor und sank in die Kissen zurück.

Alle im Zimmer blieben still und sahen auf ihn, dessen Brust rasch und unmerklich ging und dessen Lider über die Augen herabgesunken waren und wie helle Flecke in seinem Gesicht erschienen.

Doktor März trat leise an das Bett heran.

Da lächelte der „Rajah“. Er bog den Kopf zurück, öffnete die Lippen, und es sah aus, als wollte er singen. Aber nur ein feiner singender Ruf, der ganz hoch ausklang, kam über seine Lippen, so fein und fern, als rufe der „Rajah“ schon aus weiter Ferne. Es war der Ruf der Straßenverkäufer im Orient.

Der „Rajah“ war tot.

Michael Petroff stand auf den Zehenspitzen und blickte mit halboffenem Mund in das fahle, unverständlich schöne Gesicht, das aus den schwarzen Haaren schimmerte. Ein beschämendes Gefühl erfüllte ihn. So lange hatte er mit dem Toten gelebt, ohne zu denken, wer er war. Er hätte niederknien mögen bei dem Bett des Toten und flüstern: „Fürst, mein Fürst!“ Aber er wagte esnicht, sich zu nähern, er fürchtete sich und stahl sich aus dem Zimmer.

Als Doktor März nach einer geraumen Weile auf den Korridor heraustrat, überraschte ihn die Ruhe des Pavillons. Kein Laut war zu hören. Der dumpfe Schritt oben, der stundenlang hin und her gegangen war, war verstummt. Und Engelhardt hatte aufgehört zu schreien und zu stöhnen.

Doktor März trat an die Türe des Schuhmachers. Es war totenstill darinnen. Er öffnete und lauschte: Engelhardt — schlief! Tief und regelmäßig ging der Atem . . . Doktor März schüttelte den Kopf und verließ nachdenklich den Pavillon. Auf der Treppe zum Garten zündete er sich eine Zigarre an und stülpte den Rockkragen hinauf. Ihn fröstelte.

Nun schläft er, dachte er, während er durch den nächtigen Garten ging, dessen Büsche lange fahle Schatten warfen. Ist irgendein Zusammenhang zwischen dem Tod des Lehrers und dem Schlaf Engelhardts anzunehmen? Und er dachte weiter an einen Kollegen, der auf jeden Fall einen Zusammenhang konstruieren würde, und daran, daß er sich jetzt auf eine Tasse starken Kaffees freue, — da blieb er leicht erschrocken stehen: im Mondlicht bewegte sich ein kleiner vermummter Mensch. Es war der Advokat.

Der kleine Advokat hatte die ganze Nacht zitternd und frierend in seinem dunklen Zimmer verbracht. Aber als der erste Hahn krähte, hatte er sich aus dem Pavillon geschlichen, um seine Blumen zu begießen.

„Pst, pst!“ flüsterte er den tausend Vögeln zu, die in den Büschen zu zwitschern begannen, sobald er sich näherte. „Schlaft noch ein wenig, ihr Kleinen!“

Und als er die Blumen begoß, hatte er die Nacht, den „Rajah“ und Engelhardt, der eine Seele brauchte, vergessen und lächelte. „Guten Morgen, ihr Lieblinge,“ sagte er leise und nickte, „da bin ich, da habt ihr mich wieder.“

Im Zimmer Michael Petroffs aber brannte Licht.

Michael Petroff saß an seinem Schreibtisch, lächelnd und gutgelaunt, und schrieb eifrig. Denn der Eindruck, den der Tod des „Rajahs“ auf ihn machte, hatte sich ebenso rasch verflüchtigt, wie die Tränen, die er um ihn geweint hatte. Nun arbeitete er an einem Artikel, den er als einen ungeheuer wertvollen Beitrag für seine Zeitung betrachtete. Und das gab ihm die heitere, leichte Laune.

Mit den saubersten Buchstaben schrieb er:

„Telegramm! Der Rajah von Mangalore — gegen dessen Exilierung wir bei der englischenRegierung telegraphisch Protest erhoben haben — ist heute nacht um drei Uhr sanft entschlafen. Wir hatten die Ehre, bei seinem Hinscheiden gegenwärtig zu sein und den letzten Willen des hohen Herrn aufzuzeichnen. Er sei unseren Lesern mitgeteilt:

„Wir, Rajah von Mangalore, verbannt von der englischen Regierung, die wir sterben, erhaben über das Gefühl der Rachsucht für unsere Feinde, um unsere Untertanen zu erretten, geben unserem Volke kund . . .“

Erst als die Sonne aufging, begab sich Michael Petroff zur Ruhe.

Werke vonBernhard KellermannIngeborgRoman. 110. AuflageDer TorRoman. 46. AuflageDas MeerRoman. 83. AuflageDer TunnelRoman. 227. AuflageYester und LiRoman. 152. TausendDer neunte NovemberRoman. 51. Auflage

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Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig


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