Kapitel 21

Kapitel 21

Das ist Heimat – Heimat ist nicht Raum, Heimat ist nicht Freundschaft, Heimat ist nicht Liebe. Was ist Heimat? – Der Doktor Heinrich Raschdorf sann diesem Gedanken nach, als er an einem prächtigen Frühherbstnachmittag viele Jahre später dem Buchenhofe zuschritt.

Er war ein anderer geworden. Das weiche Gesicht hatte einen festen, männlichen Ausdruck bekommen. Ein sonniges Lächeln lag in seinen Augen, wie man es bei jenen reifen, gefestigten Menschen findet, die sich selbst und das Leben überwunden haben, das stille Lächeln, das jene haben, die viel lernten und vor nichts mehr so leicht freudig oder traurig erschrecken. Ein Stiller, ein Reifer und Kluger war er geworden.

Er war heute unten im Dorfe bei einer armen Kranken gewesen. Wenn er nach Hause kam, wollte er anordnen, daß ihr einige Nahrungsmittel hinabgesandt würden, das tat am meisten not. Es ist gut, wenn einer zugleich Bauer und Arzt ist, da läßt sich manche glückliche Kur machen.

Heinrich Raschdorf liebte seinen neuen Beruf, er hatte auch in der Gegend genug Gelegenheit, ihn auszuüben. Aber es blieb ihm zuweilen auch ein bißchen Muße, Bauer zu sein wie in alter Zeit.

Der junge Arzt blieb stehen und sah ins Dorf. Dort unten hatte er keinen Feind mehr. Lauter Freunde, lauter Verehrer, alles Leute, die sich freuten, wenn er mit ihnen sprach. Sogar der junge Riedel grüßte ihn.

Heinrich war frei von Selbstgefälligkeit, wenn ihm das Goethesche Wort jetzt einfiel:

»Mußt Ruhm gewinnen,Werden sich die Leute anders besinnen.«

»Mußt Ruhm gewinnen,Werden sich die Leute anders besinnen.«

»Mußt Ruhm gewinnen,Werden sich die Leute anders besinnen.«

»Mußt Ruhm gewinnen,

Werden sich die Leute anders besinnen.«

Er freute sich nur des endlichen Sieges nach so langen Kämpfen.

Ein Wagen kam einen Feldweg entlang. Hannes saß darauf und machte ein mißvergnügtes Gesicht. Er hatte den Kretscham mit den dazu gehörigen Äckern gepachtet, seit Heinrich auf dem Buchenhofe selbst wieder als Herr eingezogen war.

»Nu, Hannes, fährst Du aufs Feld?«

Der brummte.

»Gar nich nötig wär's! 's sind Leute genug draußen, und wenn dann a Haufen Gäste in den Kretscham kommt, da is der Mathias alleine zum Einschenken. Das is gar keen richtiger Betrieb.«

»Ja, warum fährst Du denn aufs Feld, wenn Du im Kretscham so nötig bist?«

»Warum?! Schlaue Frage! Ich werd' mir immerfort von meinem Weibe die Gesichter ansehen und das Gebrumme anhören!«

»Aha! Deine Frau –«

Es entstand eine Pause. Heinrich lachte leise vor sich hin, während Hannes' Miene sich mehr und mehr umdüsterte.

»Ja, meine Frau! Sie is ja ganz gut und tüchtig, ja – aber ich och! Und kneipen tu ich doch nich; ich unterhalt' mich doch bloß mit a Gästen. Na, und das muß a Gastwirt. Sonst is keen Betrieb. Aber die, immer aufs Feld, immer aufs Feld jagt sie einen.«

»Sag' mal, Hannes, Du klagtest doch dieser Tage über Kopfschmerzen.«

»Ja, die hab' ich auch noch.«

»Du, dann tut Dir Bewegung in freier Luft sehr gut.«

»Jüh!«

Hannes hieb dem Pferde die Peitsche auf den Rücken und fuhr rasch davon.

Der junge Arzt sah ihm lachend nach. Ein guter, lustiger Kerl war der Hannes immer noch. Aber daß er das Regiment in seinem Hause führe, konnte nicht gut jemand behaupten. Und es schadete auch vielleicht nichts. Die Lene war bei aller Energie in ihren Mann so verliebt, wie nur je eine Frau. Sie kamen sehr gut fort in ihrer Wirtschaft. Nicht lange mehr, so würde Hannes den Kretscham kaufen können. Dann war der Traum des alten Schräger, die beiden Buchenhöfe zu vereinigen, endgültig zunichte. Über die Pläne des Menschen, die aufs Geld gegründet sind,schreitet die Zeit, die größte Mammonsfeindin, lachend hinweg.

Eine hohe Gestalt ragte in der Ferne auf. Das war der Schaffer. Als sein Sohn Hannes die Wirtschaft übernahm, zog er mit ihm nach dem Kretscham. Aber schon nach acht Tagen kam er nach dem Buchenhofe zurück. Er hatte das Heimweh bekommen. Er konnte sich nicht an eine neue Wohnung, an neue Wirtschaftsräume und am allerwenigsten an neue Felder gewöhnen. Und wieder tat er den bedeutsamen Ausspruch: »A alter Kater geht nich weg vom Hofe« – und blieb Schaffer auf dem Buchenhofe, wo er sein Leben lang gehaust hatte. Abends nur ging er manchmal nach dem Kretscham und ließ seinen Sohn »etwas verdienen«.

Dann sah er mit Stolz, wie Hannes den Wirt spielte und mehr redete als alle seine Gäste zusammen. Am allerschönsten war's immer, wenn Hannes von Breslau erzählte, von der herrlichen Soldatenzeit und von seinen zahlreichen anderen Besuchen in der Hauptstadt, da Heinrich als verheirateter Student mit der Lotte dort gewohnt hatte. Und wenn der Schaffer den Sohn also seine schöne Redegabe entfalten sah, ging ihm das Herz auf, und er selbst war ganz schweigsam gegenüber solchen Talenten.

Der junge Doktor näherte sich den Buchenhöfen. Hannes' zahlreiche Nachkommenschaft spielte auf der Straße, und auch sein eigenes, dreijähriges Söhnchen war dabei. Sein Einziger! Der Knabe lief ihm jauchzend entgegen, und er hob ihn zärtlich auf den Arm.

Der alte Mathias guckte durchs Kretschamfenster. Er war abwechselnd bald hier, bald dort, wo er eben gebrauchtwurde. Sein Liebling unter allen aber war immer noch der Heinrich. Alle Jahre vor der Ernte besuchte Mathias einmal bei den Grauen Schwestern seine Liese, und alle Jahre zu Weihnachten bekam er einen Brief von ihr. Und ob er selbst alt wurde, er war hinaus über alle Bitterkeit und zufrieden mit der Art, in der sich die Schicksale um ihn her erfüllt hatten.

Jetzt glänzten seine guten Augen, als er den Heinrich sah.

»Ich bin wieder amal Vize-Gastwirt,« schmunzelte er.

»Ja, ich hab's schon gehört, daß Ihr den Hannes rausgegrault habt.«

»Das nich! Aber 's is ganz gutt so! Wenn a den ganzen Tag und a ganzen Abend hier sitzt, red't a sich kaputt! Lange wird a ja nich draußen sein. Dann komm' ich zu Euch rüber.«

»Schön, Mathias. Komme nicht zu spät!«

Frau Lotte erschien drüben im Buchenhofe in der Haustür, und Heinrich ging mit dem Knaben hinüber und reichte seinem strahlenden, jungen Weibe die Hand. Ein Schwarm Wandervögel zog rauschend über sie hinweg, weit in die Fremde.

»Siehst Du die Vögel? Nun wird es bald Winter werden.«

»Ich freu' mich auf den Winter,« sagte sie schlicht.

Sie verstanden sich. Ein freundliches, liebes Haus hat bunte Zauberfenster. Ewig malt sich durch sie die Welt draußen goldig und schön, ob der Regen rinnt oder die Sonne lacht; im Herbst und Winter sieht das Auge nichts Trübes durch seine magischen Scheiben.

Er zog sie an der Hand heraus in den Hof. Das Wohnhaus hatte einen neuen Anstrich bekommen, und über der Tür war eine Tafel in die Wand eingelassen worden, die noch auf eine Inschrift harrte.

Heinrich wies auf die Tafel und sagte:

»Weißt Du, was ich da eingraben lasse?«

Sie sah ihn fragend an, und er schaute ihr ernst, aber mit tiefer Liebe in die schönen Augen und sagte langsam und mit jener leisen Feierlichkeit, mit der man eine schwer gewonnene Lebensweisheit ausspricht:

»Heimat ist Friede!«


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