II.

»Wald und Flur im schnellen ZugKaum gegrüßt – gemieden;Und vorbei, wie Traumesflug,Schwand der Dörfer Frieden.«

»Wald und Flur im schnellen ZugKaum gegrüßt – gemieden;Und vorbei, wie Traumesflug,Schwand der Dörfer Frieden.«

»Wald und Flur im schnellen ZugKaum gegrüßt – gemieden;Und vorbei, wie Traumesflug,Schwand der Dörfer Frieden.«

»Wald und Flur im schnellen Zug

Kaum gegrüßt – gemieden;

Und vorbei, wie Traumesflug,

Schwand der Dörfer Frieden.«

Der glattrasierte alte Mann wollte keinerlei Rührseligkeit erzeugen, aber um so stärker und inniger griffen diese deutschen Laute an das Gemüt der Gefangenen.

Ganz eigenartig, dachte Konsul Bark. Anstatt sich in unnütze Vermutungen über das sie erwartende Los zu ergehen, geben sich diese harten Geschäftsmenschen der Erinnerung an die halbvergessenen Poesien eines Dichters hin. Das entspricht wohl am tiefsten unserem Wesen.

Und davon mitteilsamer gemacht, ergriff die Hand des Kaufmanns unbemerkt die Finger seiner Gefährtin, und während er sie tröstend drückte, fragte er sorgsam:

»Liebes Kind, Sie sehnen sich gewiß nach Haus und Schwestern zurück, nicht wahr?«

Aber die Antwort, die ihm wurde, ließ ihn vollkommen verstummen.

»Oh nein, Herr Konsul, was würde denn aus Ihnen werden, wenn ich jetzt nicht für Sie reden und eintreten könnte? Ganz gewiß, ich freue mich furchtbar, daß auch ich einmal eine solche Wichtigkeit habe.«

Fort ging es über die letzte Bodenwelle der Heimat, tief unter den von dannen Geführten blinzelten bereits aus dem großen dunklen verschlafenen Land einzelne Lichter der Fremde herauf.

»Weiter ging's durch Feld und HagMit verhängtem Zügel;Lang' mir noch im Ohre lagJener Klang vom Hügel.«

»Weiter ging's durch Feld und HagMit verhängtem Zügel;Lang' mir noch im Ohre lagJener Klang vom Hügel.«

»Weiter ging's durch Feld und HagMit verhängtem Zügel;Lang' mir noch im Ohre lagJener Klang vom Hügel.«

»Weiter ging's durch Feld und Hag

Mit verhängtem Zügel;

Lang' mir noch im Ohre lag

Jener Klang vom Hügel.«

Gewitterbange Wolken grollten über Maritzken dahin. Die russische Invasion, die zuerst nur in stoßweisen Überfällen sich einzelner Grenzstädte und des dazu gehörigen schmalen Hinterlandes bemächtigt hatte, schlug nun planmäßig in breiter Woge über das Land und grub ein weites fruchtbares Gebiet, das von arbeitsamen, ernsthaften und lernbegierigen Menschen erfüllt war, von seinem natürlichen Zusammenhang ab. Nicht nur wenige kecke Truppenkörper, sondern eine ganze Armee, deren Glieder eng miteinander verbunden waren, hatte jetzt ihren Vormarsch angetreten, und die Bewohner von Maritzken sahen in bunter Folge fast alle Waffengattungen ihrer Bedränger auf dem Durchzug bei sich einquartiert. In dem Herrenhause kampierte dann häufig die Generalität mit ihren Stäben. Elegante Herren, die in blitzenden Equipagen vorfuhren und deren anspruchsvolle Gewohnheiten noch nicht auf den Krieg eingestellt waren. Sie tauchten in der Nacht auf, entfesselten ein tolles Gewimmel, Feldtelegraphen spielten und Flieger senkten sich herab, um am nächsten Morgen fast spurlos wieder zu verschwinden. Von den deutschen Heerscharen aber hörte man vorläufig nur, daß sie sich damit begnügten, an den Grenzen des aufgegebenen Landes eine dünne Kette gezogen zu haben, die elastisch zurückprallte, sobald der Gegner mit eisernem Stoß gegen sie ausholte. Aber merkwürdig, nach dem Aufeinandertreffen fanden sich die metallenen Glieder wieder stets zusammen,und die dünne Kette hing noch immer störend und drohend vor dem weiteren Wege der Eroberer. Die vermaledeite eiserne Schnur sperrte auf eine geradezu lächerliche Art die Straße nach Berlin.

Daher kam es, daß einzelne Etappen nicht weiter nach vorn geschoben werden konnten, sondern gezwungen waren, sich an ihren zuerst eingenommenen Standorten gewissermaßen anzusiedeln. Auch Fürst Fergussow war von diesem Los betroffen. Und obwohl das Stilliegen auf dem einsamen ostpreußischen Gutshofe dem verwöhnten Kavalier manchmal langweilig und unerträglich deuchte, so gab es doch auch Stunden, wo dem Sohne der halbasiatischen Großstadt das Verweilen in der frischen Landluft und in dieser gut geordneten Wirtschaft, deren Betrieb er hier und da sogar zu fördern versuchte, als eine Gesundung und ein Erwachen erschien. Außerdem – selbst in diesem weltvergessenen Winkel fanden sich ja für ihn gewisse heimliche Reizungen, die ihn nun einmal in lieblicher und lockender Gestalt verfolgten, wo er auch immer sich befand, mochte er sie verschmähen oder herbeiwünschen.

Es war an einem Vormittag des Spät-August. Über dem herbstlich reifen Lande leuchtete einer jener glashellen Tage, wie sie in solch stiller, lautloser Melancholie und Herbheit nur das östliche Grenzgebiet kennt. Alles Kriegerische war von dem weißen Gutshofe heute verweht und abgestreift. Nur ein einzelner Dragoner hatte sein Pferd dicht an die Tränke gebunden, und während er ein heiteres Liedchen pfiff, striegelte er dem Tier achtsam das glänzend braune Fell. In der Luft klang ein Summen vorüberschwärmender Bienen, die blütenträchtig ihren Stöcken zustrebten, und dazwischen schlug manchmal das seltsame Gurgeln und die tiefen Kehllaute von ein paar unsichtbaren Lachtauben, die sich irgendwo unter den vollen Kronen des anstoßendenGartens verborgen hielten. Hinter dem allen aber tönte unablässig das silberne Klirren der Sensen, die, von den fremden Eindringlingen geführt, ihre scharfe Schnittarbeit besorgten.

Aber es war nicht dieser stille Gesang eines vorgetäuschten Friedens, der den Fürsten Fergussow so hartnäckig von dem Studium eines Bandes Hebbelscher Dramen ablenkte, dem er sich bis jetzt mit sichtlichem Genuß an dem offenen Parterrefenster seines Zimmers hingegeben. Nein, es war ein Bild, eine Darbietung, eine Szene, von der er mit lächelnder Ironie und ohne große Überhebung ahnte, daß sie allein für ihn, den einzigen Beschauer, gestellt würde. Mitten auf dem Hofe, gerade seinem Fenster gegenüber, war nämlich ein mächtiger blau und weiß gestrichener Balken eingerammt, und auf ihm erhob sich, fast in der Höhe des ersten Stockwerks, ein achteckiges Taubenhaus, auf dessen unterer Plattform sich im Moment die schneeweißen Bewohner drängten und wieder vertrieben. Wahrlich, die geflügelte Schar besaß einigen Grund dazu, denn unter ihnen, leicht an den Pfahl gelehnt, streute Marianne aus einem Körbchen dem beschwingten Volk einen goldgelben Regen von Weizenkörnern und Erbsen hin. Ein ewiges Flattern und Flügeln rauschte um die ebenmäßige Gestalt herum, und es bot einen heiteren und lockenden Anblick, wenn sich aus dem weißen Schneetreiben ein besonders keckes Tierchen auf der Schulter der blühenden Spenderin niederließ und es sogar duldete, daß sich das dunkle Haupt des Mädchens für eine Sekunde kosend an das weiche Gefieder schmiegte. Die goldenen Ströme flossen herab, und immer öfter wagten sich zwei bis drei zahme Tauben auf den gefällig gebogenen Arm.

»Der Teufel selbst fürchtet sich vor dem Weibe,« dachte Dimitri Sergewitsch, indem er sich an ein russisches Sprichworterinnerte. Er lehnte sich in seinen Fauteuil zurück und gab sich den Anschein, seine Lektüre eifrig weiter zu verfolgen. Allein die schwarzen Augen, die durch das Schneegewimmel hindurchleuchteten, zogen ihn stets von neuem von den gedruckten Blättern ab und zu sich herüber. »Ein verwünschtes Spiel,« fuhr es dem Gardeoffizier, der es doch gewohnt war, den ihm gereichten Becher auf den ersten Zug zu leeren, durch den Sinn. »Wie lange soll diese Neckerei noch dauern? Ist es wirklich möglich, daß ich die dumme Ehrfurcht vor der blonden Riesin, die jeden meiner Schritte mit ihren stahlharten blauen Augen belauert, nicht überwinden kann? Wie oft soll diese gefällige Hexe da drüben noch rufen? Es ist wahr, die deutsche Philosophie und die germanische Gründlichkeit machen mich allmählich bescheiden und mutlos.«

Und er stützte den Arm auf das Fensterbrett und nickte dem schönen Geschöpf beifallspendend zu. Marianne grüßte wieder, verzog die Lippen zu einem Lächeln und wandte das Haupt ein wenig verlegen ab. Vor Männern, die ihre Einbildungskraft beschäftigten, zeigte sie fast stets ein solch verschämtes Lächeln, ›als ob sie sich jeden Augenblick zu entschuldigen hätte‹, dachte Fürst Fergussow, ›weil sie nackt und bloß dastehe‹. Und von diesem Gedanken entzündet, wurden die Augen des Obersten beredter und sprechender. Eine jener gefährlichen Unterhaltungen begann, die ohne Wort noch Zeichen die Urgründe der Natur aufwühlen und eine unverschämte Vertraulichkeit herbeiführen, die ein späteres Zurückweichen kaum mehr duldet. Langsam stieg eine feine Röte über die dunklen Wangen der Abgewandten, und ihre Hand, die das Futter streute, strich manchmal verstohlen über das durchbrochene weiße Gewand. Jetzt trafen die Blicke der Beiden für eine Sekunde tief und leuchtend aufeinander.

»Warte,« dachte der Oberst am Fenster, während er äußerlich wieder seinen liebenswürdigen Gruß entbot, »diesmal schützt dich deine Walküre nicht mehr. Es wird ja nicht hinterher gleich ein Weltuntergang folgen. Nun, und wenn –« er zuckte leichtsinnig die Achseln – »wer hat uns hier etwas zu gebieten? Im übrigen, die Schwarze sieht so aus, als ob sie kleine Geheimnisse zu bewahren verstünde. Nicht wahr, du heißes, trunkenes Geschöpf?« sprach es deutlich aus seinen Mienen.

Und Marianne schlug die Augen nieder.

Da trat etwas aus einem der weißen Wirtschaftsgebäude. Und kaum hatte der Russe die hohe Gestalt in dem blau und weiß gepunkteten Kleid erkannt, da versenkte er sich auffallend schnell in das von der Walküre entliehene Buch und schien von der tiefgründigen dichterischen Kraft, die sich hier entfesselte, derartig gepackt, daß er kein Wort von dem Disput auffing, der sich ganz in seiner Nähe zwischen den so verschiedenen Schwestern erhob. Mit ihrem festen gebieterischen Schritt hatte sich Johanna genähert. Ihre Rechte umklammerte weit ausgestreckt den hell angestrichenen Pfahl, und es sah prachtvoll aus, wie sie jetzt ihre Glieder reckte, um einen Moment finster ihr blondbezopftes Haupt zur Erde zu neigen.

»Was soll diese Verschwendung von Futter?« fragte sie nach einer Weile ungehalten. »Geh, liebes Kind, auf dich wartet eine Arbeit, die du besser verstehst. Ich habe dir in deinem Zimmer einen Brief an unsere Schwester Isa niedergelegt, für dessen Besorgung ich Seine Durchlaucht, den Fürsten Fergussow, zu interessieren hoffe. Es wird dich gewiß drängen, einen Gruß anzufügen. Mach schnell.«

»Die ewigen Tinten-Klecksereien,« widersprach Marianne gereizt, »es wird noch Zeit haben.«

»Es hat keine Zeit,« damit hob Johanna das Haupt,und während ihr angespannter Arm noch immer das Holz nicht freigab, sprühte aus den harten blauen Augen ein Strahl der Verachtung. »Es ist wichtiger, wenn das arme Kind ein paar Tage früher eine Nachricht von uns erhält, als« – sie warf den Kopf geringschätzig zur Seite.

»Nun, als –?« nahm Marianne in unterdrücktem Zorn auf.

»Als diese dummen Spielereien hier,« vollendete die Ältere, unbekümmert darum, ob der fremde Offizier etwa ihre Meinung und ihre Absicht verstehen könne.

Da schleuderte die Schwarze das Körbchen mit einer sie entstellenden Gebärde des Abscheus mitten unter die auseinanderstäubenden Tauben, raffte ihr Kleid zusammen und lief stürmisch über den Hof. Aber selbst in diesen Bewegungen einer ungewollten Wildheit verleugnete sich der ihr eigene Reiz so wenig, daß durch dieses Dahinstürmen sogar ein zweiter Beobachter, von dem die Enteilende in der Tat gar nichts ahnte, in eine dumpfe Verzweiflung versetzt wurde.

Hinter den Gardinen, an einem der Fenster des oberen Stockwerkes, hatte sich nämlich während dieser ganzen Zeit ein bärtiges Männergesicht abgezeichnet. Zuweilen war auch an dem durchbrochenen Tüll von einer Faust heftig gezerrt worden. Jetzt aber wurde der Stoff rücksichtslos zurückgeworfen, und das krankhaft eingefallene Antlitz des Rittmeisters Sassin preßte sich hartnäckig gegen das Glas. Dann bog der Kranke seine Arme nach rückwärts, um in aufspringender Wut auf dem schmerzenden Rücken herum zu hämmern.

»Daß man das mit ansehen muß,« hüstelte er und wankte matt durch die kleine Stube. »Unser großer Suworow hatte recht, die Kugel ist eine Närrin. Sie trifft immer den Falschen. Nein, nein, mein Anstand sträubt sichgegen einen solchen Skandal. Man muß ihn abwenden. Man muß ihn durchaus ans Licht ziehen.« Und er warf sich auf das kleine Sofa, schleuderte Kissen und Decken mitten auf den Estrich, und aus seinen großen verzweifelten Kinderaugen perlten wirkliche Tränen.

Inzwischen klopfte es an die Tür des Fürsten Dimitri. Dieses harte und energische Pochen kannte Seine Durchlaucht allmählich. Es verursachte ihm stets einen leichten Schrecken. Beim Zeus, es war zum mindesten seltsam, wie sehr es dieses blonde Germanenweib verstanden hatte, beständig eine Art ehrfürchtigen Respekts bei ihm wach zu erhalten. Wenigstens so lange sie mit ihm in ihrer geschäftlichen, nüchternen Weise sprach. Sie hatte dann eine solche selbstverständliche abgegrenzte Ruhe, und sie bewegte sich stets in so sachlichen und dem Tage angehörenden Erörterungen, daß es dem gewandten Weltmanne schändlich dünkte, diese hausbackene Gradheit irgendwie zu anderen Gedanken zu drängen. Und doch, manchmal wunderte sich der Fürst und gestand sich zu, daß jene langweiligen und grundgescheiten Deutschen doch wohl imstande seien, selbst einem erfahrenen Menschenkenner einige Rätsel aufzugeben. Wie kam es zum Beispiel, daß ein derartig an das Praktische und Gewöhnliche gebundenes Geschöpf in den wenigen Stunden seiner Muße eine Lektüre bevorzugte, die selbst ihm, dem überall herumschwärmenden Kunstliebhaber, wegen ihrer Tiefe und grausamen Unerbittlichkeit ein leichtes Frösteln einjagte?

Zu närrisch. Jedenfalls eines war sicher: zum erstenmal in seinem Leben ertappte sich der leichtfertige Held der Petersburger Boudoirs darauf, wie er ängstlich bemüht war, jeden unstatthaften Gedanken gegenüber diesem Weibe, das ihm doch so nahe weilte, sofort wenn er auftauchte, zu unterdrücken. Und doch konnte er es nicht hindern, daßin ihrer Abwesenheit die stolze kraftgebändigte Fülle ihrer Erscheinung ihn ängstigte und beunruhigte. Ja, in den Träumen dieser heißen Augustnächte war es dem bedrückt Atmenden schon öfter vorgekommen, als habe ein entsetzliches Ringen zwischen ihm und den schweren Gliedern der Germanin angehoben.

An der weißen Tür wiederholte sich das Pochen, und Fürst Dimitri sprang auf und legte sorgsam sein Buch auf die aufgeschlagene Seite. Dann rief seine klangvolle Stimme: »Entrez.«

»Ah, mein gnädiges Fräulein,« fuhr er fort, als er die hohe Gestalt seiner Gastgeberin gewahrte, und sofort sammelte sich auf seinen Zügen jener sonnige Glanz, der dem ernsthaften Mädchen von Anfang an so unverständlich geblieben war, »welcher wirtschaftlichen Berechnung verdanke ich heute das Glück Ihres Besuches? Ich hoffe, es ist nichts geschehen, was gegen mein Versprechen des strengen Ordnunghaltens verstößt?«

»Doch, Durchlaucht,« entgegnete unbeirrt Johanna, die einen kleinen Zettel hervorzog und dabei die auf einen Sessel deutende Handbewegung des Offiziers übersah. »Und in diesem Falle wird mir der Weg nicht leicht.«

»Das bedaure ich außerordentlich, verehrtes Fräulein. Ich denke, ich habe in meiner schwierigen Position nichts versäumt, was mir Ihr Vertrauen hätte erwerben können. Bitte, wollen Sie nicht Platz nehmen?«

»Oh danke, Herr Oberst.«

Dimitri verzog ein wenig den sprechenden Mund.

»Nun dann offenbaren Sie mir wenigstens Ihre Beschwerden,« sprach er rascher, denn es verletzte ihn, daß sich diese Nemza eine Verhandlung mit ihm nie ohne Anklagen denken zu können schien. »Welche Schandtaten haben wir wieder begangen?«

Der seltsam betrübte Ton des hübschen Menschen wollte ein Lächeln auf die Lippen Johannas zaubern – und der Fürst sah diesen strengen Mund sehr gern sanfter werden – aber die Erinnerung daran, wie das Treiben und Wirken der Fremden in all seiner Verachtung und Verständnislosigkeit wirklich ein unfaßbares Unglück für ihr Land bedeute, all das verjagte die aufspringende Heiterkeit vollkommen. Über ihre Stirn legte sich eine leichte Falte. Und sie sah jetzt älter aus, wie bisher.

»Es sind durchaus keine Schandtaten, Durchlaucht,« begann sie gefaßt, »sondern wohl mehr Versäumnisse. Aber da es sich um eine Geldangelegenheit handelt, – –«

»Eine Geldangelegenheit?« rief der Fürst, sie anstarrend, dazwischen. »Und die wollen Sie mit mir besprechen?Fi donc!«

Aber Johanna ließ sich nicht aus ihrer Ruhe schrecken.

»Ich habe erwartet,« fuhr sie einfach fort, »daß Sie mein Begehren wahrscheinlich sehr absonderlich finden würden. Ich bin auch vollkommen auf eine Abweisung vorbereitet.« –

»Oh bitte!«

»Aber ich bin es der Verwaltung, die ich hier führe, und meinen Schwestern schuldig, wenn ich mich bis zum Äußersten einer Benachteiligung widersetze.« Hier hob das blonde Mädchen den Zettel ein wenig und schien ein paar Zahlenreihen zu durchfliegen. »Durchlaucht werden sich erinnern,« sprach sie rasch weiter, »daß mir hier gleich zu Anfang zugesichert wurde, es würde jede Entnahme bar bezahlt werden.«

Fürst Fergussow ließ sich langsam in seinen Sessel gleiten. Es war nicht zu leugnen, er fand alles, was die Nemza jetzt vorbrachte, ja ihre ganze Art, abscheulich. Wie taktlos sich die deutschen Frauen gebärden konnten. Eine solcheSchacherei hätte eine vornehme Russin sich niemals zugemutet. Und die hölzerne Walküre schien ihr Beginnen zu alledem noch für ein lobenswertes Werk zu halten.Fi donc – fi donc!

»Soweit mir erinnerlich,« sammelte er sich endlich, wobei er sein Mißfallen mühsam zu verbergen suchte, »soweit mir erinnerlich, hat mein Regimentszahlmeister hier wöchentlich eine Abrechnung gehalten. Sollte dabei vielleicht etwas übersehen worden sein?«

»Allerdings, Durchlaucht.« Johanna schritt dicht bis an das Fenster und legte ihren Zettel gerade auf das Buch. »Es betrifft nicht, wie Sie vielleicht zu meinen scheinen, Speise und Trank, sondern etwas, was in einer Landwirtschaft das Wichtigste bedeutet.«

»Und was ist das?«

»Getreide. Man hat mir hier fast den größten Teil meiner Hafer- und Roggenbestände gemäht und fortgefahren, – ja, noch heute können Sie Ihre Leute hinter dem Garten sensen hören – ohne daß man mir auch nur das Quantum oder die Zentner-Anzahl gemeldet hätte. Dagegen möchte ich jetzt bei Ihnen Einspruch erheben.«

»Bei mir! Ah, was Sie sagen!« Der Fürst schlug das Bein leicht über das andere, sah auf seine glänzenden Lackstiefel herunter und bemühte sich, seine totale Ahnungslosigkeit nicht allzu sichtbar werden zu lassen.

»Ich berechne mir meinen Schaden auf etwa 8-10 000 Mark.«

»So, so,« sagte der Fürst gleichgültig, »das bedeutet ja nicht viel.«

Hier entstand eine Pause. Die blauen Augen der Deutschen vergrößerten sich immer mehr, und dem ungemütlich hin und her rückenden Offizier war es so, als hätte er noch nie in seinem Leben eine so derbe Lektion empfangen,als sie sich in dem hartnäckigen Schweigen der Nemza aussprach. Endlich rang sich die Blonde eine Erwiderung ab.

»Durchlaucht,« sagte sie bitter, »ich kann vollkommen begreifen, daß einem Manne, der vielleicht an einem Abend diese Summe auf eine einzige Karte setzt, – – –«

Fürst Dimitri vollführte eine lebhafte Bewegung. »Ohpardon, Sie täuschen sich, mein Fräulein,« entgegnete er hastig, »ich huldige dem Spiel nicht mehr. Längst darüber hinaus. Im Grunde eine geistlose und alberne Unterhaltung.«

»Darüber habe ich nicht zu urteilen,« lehnte Johanna frostig ab, »ich wollte Ihnen nur bemerken, daß in meinem Einkommen dieser Posten eine bedeutende Rolle spielt.«

Der Fürst stand auf, blickte ungewiß nach dem Schreibtisch und begann dort mit dem Schlüssel eines Faches zu spielen.

»Ich verstehe wirklich nicht,« meinte er endlich unsicher, »warum sich die Regimentskasse nicht schon längst mit Ihnen abfand. Sie können überzeugt sein, dieses Hinauszögern entspricht durchaus nicht meinen Wünschen. Nur müssen Sie entschuldigen,« fuhr er stockend fort, und die aufrichtige Verlegenheit kleidete den hohen Herrn wirklich allerliebst, – »da ich niemals gewohnt war, meine Schatulle selbst zu führen, so weiß ich eigentlich nicht – – obwohl ich im Grunde nicht einsehe, was es Peinliches für Sie besitzen könnte, wenn ich mir erlaubte, diese Bagatelle selbst zu regeln. Das heißt, Sie müssen recht verstehen,« setzte er eifrig hinzu, als er die großen blauen Augen auf sich gerichtet fühlte, »ich verauslage die paar Rubel natürlich nur. Es ist in der Tat nicht der Rede wert, und Sie bereiten mir wirklich eine große Freude damit, den Fehler unserer Verwaltung etwas zu verkleinern. Nicht wahr, ich darf auf Ihre Zustimmung rechnen?«

Die geschmeidige Gestalt des jungen Mannes stand jetzt hinter dem Schreibtisch, wo er langsam und geräuschlos eine der Laden aufzog. Das helle Sonnenlicht, das in breiter Bahn schräg durch die Seitenfenster hereinbrach, spielte auf seinen edlen klassischen Zügen und streute grelle Goldringe auf sein welliges braunes Haar. Betroffen starrte Johanna zu ihm herüber.

Da – da war es wieder! Die einfangende Erscheinung tauchte abermals auf. Das Bild aus ihrer Schlafkammer hatte Leben gewonnen, und das merkwürdig werbende, bittende Lächeln dieses feinen Mundes erregte in dem besonnenen Landfräulein ein solch schreckhaftes Entsetzen, daß ihr alles andre für eine Weile entglitt. Erst als die schmale Hand des Aristokraten eine Reihe fremdartiger Kassenscheine aus einem weichen juchtenledernen Portefeuille zu ziehen begann, da strömte ihr Leben und Überlegung zurück, und ein Widerstand, den sie sich in ihrer Verwirrung nicht zu deuten vermochte, lehnte sich gegen die Hilfsbereitschaft des vornehmen Herrn auf. Was wünschte sie eigentlich? Es war doch so selbstverständlich, daß sie das Entgelt für ihr entwendetes Eigentum annahm? Und doch, die Abneigung, die sie widerspruchsvoll erfüllte, litt es nicht. Eine tiefe Röte stieg in ihre Wangen, als sie mit sich kämpfend hervorstieß:

»Verzeihen Sie, Fürst Fergussow – ich möchte mir Ihren Vorschlag erst noch überlegen. Er verpflichtet mich Ihnen gegenüber so eigenartig, ich kann mich in die neu geschaffene Lage vorläufig durchaus nicht finden. Sie werden das begreifen.«

Damit verneigte sie sich und wandte sich ohne weitere Förmlichkeit zur Tür. Es war beinahe ein Flüchten. Aber ein helles Lachen, das hinter ihr aufklang, hielt sie noch einmal zurück. Der Fürst hatte das Portefeuille achtlosauf den Schreibtisch geworfen, und in seinen dunklen Augen glitzerte es vor Spott und Ironie, als er jetzt leichtfüßig hinter der Abgewandten hereilte. Ja, in dem Bestreben, sie nicht völlig entweichen zu lassen, griff er nach ihrem Arm. Es war das erste Mal, daß er sie berührte. Und Johanna war es wieder, als dürfe sie eine solche Beleidigung nicht dulden. Heimlich zitterte sie vor Scham, weil sie vor diesem eleganten Laffen ihre Sicherheit nicht finden konnte.

»Aber mein verehrtes Fräulein,« spottete Fürst Dimitri, »was sind das für spitzfindige Grübeleien? Ganz Ihr Landsmann Hebbel.« Er wies lachend nach dem Buch auf dem Fensterbrett. »Wer weiß, gegen welches System ich nun wieder verstoße. Wenn es Sie aber beruhigt, dann werde ich natürlich den unsichtbaren Zahlmeister herkommandieren, und Sie können sich mit ihm in die geheimnisvollsten Rechnungen vertiefen.«

»Ja, es ist mir lieber so,« stimmte Johanna zu.

»Vortrefflich. Und nun, meine Gnädigste, um nicht ebenfalls in den Verdacht zu geraten, mit fremdem Eigentum zu liebäugeln, so gestatten Sie mir wohl, Ihnen Ihren tiefgründigen Poeten wieder auszuhändigen.« Er griff nach dem Buche auf dem Fensterbrett und reichte den Band mit einer leichten Verneigung seiner Besitzerin. »Eine eigenartige Affäre übrigens, diese Judith-Angelegenheit,« sprach er angeregt weiter, und im Moment überfiel ihn der seltsame Einfall, als ob diese große Nemza mit einem blinkenden Schwert vor ihm aufrage. »Es ist schauderhaft, mit welcher philosophischen Gründlichkeit diesem armen Barbaren die Gurgel abgeschnitten wird. Der verschlafene Tropf kam ja gleichfalls etwa aus unseren Gegenden. Wenn man sich das so recht überlegt, sollte man sich vielleicht doch ein wenig mehr vor Ihnen in acht nehmen.«

Johanna fuhr auf. Und in grenzenlosem Erstaunen kam es aus ihr heraus: »Vor mir? Welchen Grund hätten Sie dazu? Wir beide haben doch nichts miteinander abzumachen.«

»Gott,« – Dimitri Sergewitsch sah die Unmöglichkeit ein, mit dem starren Geschöpf zu einer Plauderei gelangen zu können. Die großen blauen Augen blieben einmal hart und empfindungslos. Offenbar vergaß sie nie, daß sie einem fremden, im Augenblick überfallenen und zurückgedrängten Volksstamm angehöre. Man tat zweifellos gut daran, sie auf ihrer dumpfen, kleinbürgerlichen Bahn zu lassen – »Gott,« zuckte der junge Mann bereits etwas abgekühlter die Achseln, »ich bin doch nun einmal, was man mit einem sehr unvollkommenen Ausdruck ›Landesfeind‹ nennt. Ich liege hier mitten in Ihrem Machtbereich, wo ich mich übrigens sehr wohl befinde, und wenn man Sie so sieht, mein Fräulein, so groß, entschieden und voll nachdenklicher Energie –«

»Was dann?«

»Dann könnte man vielleicht zu dem Entschluß gelangen, eine Leibwache zu halten oder des Nachts das Zimmer fester zu verschließen.«

Johanna starrte den Sprechenden an. Dann versetzte sie hart und kurz, während sie bereits die Tür öffnete:

»Sie scherzen natürlich. Etwas Derartiges haben Sie vorläufig nicht von mir zu befürchten.«

»Ah, vorläufig,« wiederholte Dimitri verblüfft und strich spielend über sein braunes Haar. »Ihre Enthüllung interessiert mich ungeheuer, gnädiges Fräulein. Sind Sie denn so ganz ohne Haß gegen mich?«

Die Blonde blieb ernsthaft.

»Das nicht,« entgegnete sie wahrheitsgemäß und blickte zu Boden, »aber Sie müssen als Ausländer die Frauengestaltdes deutschen Dichters mißverstanden haben. Mein Urteil ist natürlich gar nicht maßgebend, aber ich meine doch, die Judith handelte aus anderen Beweggründen.«

»Und darf man die nicht erfahren?« fragte Fürst Fergussow gespannt.

»Das hat keinen Zweck,« schnitt das Mädchen entschlossen ab, »ich könnte auch gar nicht ausdrücken, was ich meine.« Und in ihren gewohnten und frostigen Ton zurückfallend, forschte sie: »Haben Sie sonst noch Wünsche oder Befehle für mich, Durchlaucht?«

Der Russe verschränkte seine Hände und führte mit ihnen eine verzweifelte Bewegung gen Himmel aus.

»Ja, liebstes Fräulein,« rief er lebhaft, »Himmel und alle Heiligen, ich wünschte von Herzen, Sie einmal lächeln zu sehen.«

Johanna stand schon auf der Schwelle.

»Dazu habe ich leider keine Ursache,« entgegnete sie unbeirrt. »Guten Morgen, Durchlaucht.«

»Bon jour, bon jour,« rief der Fürst wie befreit hinter ihr her.

Und sich in den Schreibtischsessel werfend, riß er eine Karte hervor und studierte alle Straßen, die von diesem Gut fortführten. Der Aufenthalt auf Maritzken gehörte nicht immer zu den Annehmlichkeiten des Daseins. Kurze Zeit darauf rief er nach seinem Pferd, und Johanna, die eben die Gartentür öffnete, sah, wie er auf dem weißen Tier die sonnenüberglänzte Chaussee dahinsprengte. Der Säbel mit dem goldenen Griff, der ihm von der Schulter hing, prallte an die Weichen des Rosses, und der leicht vorgebeugte Reiter klopfte dem strahlenden Schimmel kosend den Hals.

Er hatte immer etwas Schmeichlerisches.

Die Hitze lag jetzt wie ein heißer, silberglänzender Schild auf den trockenen Steinen des Hofes. Man mußte die Augen schließen, um den herumschwirrenden spitzen Lichtpfeilen zu entgehen.

Bedrückt atmend schritt das Gutsfräulein tiefer in den Schatten des Gartens. Sie konnte sich ja jetzt öfter eine Erholung gönnen, seitdem diese Asiaten ihr geregeltes Tagewerk auseinandergeschlagen hatten. Mit einer geheimnisvollen Kraft zog es sie bis zu dem dicht umbuschten Grenzgraben, von wo sie dem Klirren der Sensen lauschen wollte. Es war doch ein gewohntes Geräusch, wenn es auch nicht mehr auf ihr Geheiß und zu ihrem Nutzen laut wurde. Dicht an der ausgetrockneten Wasserscheide, zwischen den braunen schlangenhaften Stämmen eines wild verschlungenen Haselnußgestrüpps, stand eine Bank. Vom herabdringenden Regen war sie halb vermorscht, grüne Moosfleckchen hatten sich an der Rücklehne fest angesiedelt, und Johanna erinnerte sich kaum, daß sie jemals jene Sitzgelegenheit benutzt. Jetzt aber trat sie unter das schattenspendende Blätterdach und ließ sich auf dem breiten Brett nieder. Eine Weile schloß sie die Augen. Sie war müde von all dem Widersprechenden, an das sie zu denken hatte. Jedoch kaum senkte sie ihre Lider herab, so tauchten auch schon wie hinter einem grünschwarzen Vorhang jene Gestalten auf, hinter denen ihre Einbildungskraft beständig herjagte. Sie sah ihre Schwester Isa und Konsul Bark in der russischen Grenzstadt, in deren verräucherten Mauern sie selbst noch vor kurzem geweilt, und ihr Herz schlug laut, wenn sie sich vorstellte, welch ein Schicksal den beiden dort bereitet werden könnte. Oh, diese Ungewißheit! Ob man jemals wieder von den Fortgeschleppten etwas hören würde? Vielleicht gelang es doch dem Fürsten, bei dem Nachdruck, den ihm sein Name verlieh, eine Erkundigung einzuziehen. Und er,der sich stets so glatt und willfährig zeigte, der feine Weltmann, der für die Wünsche einer Dame fast niemals eine Weigerung hatte, obwohl er sich gewiß nicht das geringste dabei dachte, er würde sicherlich auch ihrem Verlangen mit seiner geschmeidigen Bereitwilligkeit dienen. Es lag eigentlich etwas Verletzendes in seiner überhöflichen Art. Etwas bewußt Überhebungsvolles, als lohne es sich gar nicht, auf die Eigenart fremder Naturen näher einzugehen. Dem großen Herrn bedeutete es genug, wenn er mit seinem strahlenden Lächeln und namentlich ohne langen Disput den ihm nahenden Bittstellern eine Gefälligkeit erweisen konnte, die ihn im Grunde genommen nichts kostete.

Die Blonde fuhr empor, ihre Augen öffneten sich weit. Sie sagte sich nicht, daß sie selbst jede Unterscheidung für andere Art und fremdes Volkstum verloren, sie empfand nur einen brennenden Haß, der immer stärker über ihr zusammenschlug. Wie geringschätzig der schöne Mann gelächelt hatte, als er den unpassenden Vergleich zwischen ihr und der bluttriefenden Jüdin gezogen, die mitten in der schmerzhaftesten Wollust ihrem Bezwinger, nach dem sie sich doch sehnte, das Haupt nahm. Zu ihrer eigenen Strafe, um sich selbst und ihre Raserei und ihr ganzes früheres Leben damit zu töten, dachte die Einsame.

Der Sitzenden sanken die Arme herunter, mit einem harten Entschluß reckte sie sich auf, und um ihren Mund lagerte sich ein verächtliches Lächeln. Also bis zu solchem Widersinn, bis zu solch häßlichen Torheiten konnte man durch das Gefühl der Bedrückung und des Unterworfenseins getrieben werden. Es war einfach schmählich, auf den gleichgültigen und fremden Mann so viel schwächliches Nachdenken zu verschwenden. Was hatte sie überhaupt hier zu suchen? Ach ja, nach den sensenden Soldaten hatte sie ausspähenwollen. Langsam bewegte sie sich auf das Erlengestrüpp der Wasserscheide zu und zog ein paar Zweige auseinander.

Da fuhr sie heftig zurück.

Auf dem jenseitigen Ufer, schon auf den abgemähten Stoppeln, lagen fünf bis sechs Männer auf dem Rücken, kehrten ihre rotflammenden Gesichter der Sonne zu und schliefen. An ihren zerfetzten, schmutzigen Hemden, die die verbrannte Brust offen ließen, und den zerlumpten und zerschlissenen Beinkleidern erkannte der geübte Blick des Landfräuleins sofort eine zusammengetriebene Horde von Landstreichern oder Knechten, die von den Russen irgendwie zu ihrer Arbeit ohne großes Entgelt gezwungen wurden. Aber das, was die Aufmerksamkeit der Gutsbesitzerin so besonders fesselte, daß sie sich immer weiter vorbeugte, damit ihr nichts mehr entgehen konnte, das gipfelte in einem Umstand, der auch in harmlosen Friedenszeiten ihr Befremden erregt hätte. Einer dieser Landstreicher nämlich hatte gerade in dem Moment, wo Johanna ihre Hand zwischen die Blätterwand streckte, seinen blank geschorenen Schädel, in dessen Schweiß sich die Sonne spiegelte, über die Schar seiner schnarchenden Genossen erhoben, und es dünkte die Beobachterin auffällig, mit welch spähendem Interesse der Mensch den Schlummer der anderen zu prüfen schien. Was bedeutete das?

Manchmal pfiff der Bursche ziemlich laut vor sich hin, um gleich darauf sein Haupt wieder in die Stoppeln einzuwühlen, als wollte er abwarten, ob seine Gefährten das Geräusch vernommen hätten. Allein nichts regte sich um ihn, und nach einiger Zeit sah Johanna, wie der Zerlumpte, schlangenhaft auf dem Boden kriechend, seinen Körper gegen die Wasserscheide zuwälzte. Einen Augenblick lang wollte sie Furcht beschleichen, aber durch ein ganzes Leben daran gewöhnt, hier auf ihrem Grund wie ein Mann zuwalten, zwang sie sich ihre alte Fassung ab, um mit immer lauter werdendem Herzklopfen das weitere Gebaren des Fremden zu verfolgen. Jetzt war der Landstreicher an dem Graben angelangt. Hier blieb er eine Weile starr und regungslos liegen, und nur Johanna merkte, wie seine Beine ganz allmählich eine Schleife ausführten, bis die Gestalt des Burschen sich wagerecht dem Grabenlauf anschmiegte. Die hohen Halme des Unkrauts, das hier wuchs, bedeckten ihn fast.

Plötzlich rollte der Körper in den Schlamm des Grabens herab.

Johanna schrie leise auf und wartete. Jedoch sei es, daß der Fremde durch ihren Ruf erschreckt war, oder ob er sich dem weichen Morast nicht leicht entwinden konnte, jedenfalls dauerte es bange Minuten, bevor die Blonde den kahlen Schädel, der jetzt vollkommen mit grünen Linsen übersät war, in scheuer Zurückhaltung in dem Gebüsch zu ihren Füßen auftauchen sah. Der Landstreicher jedoch schien sie sofort zu erkennen, anders wenigstens vermochte sich die Sprachlose die warnende Bewegung nicht zu erklären, mit der der schwarze, triefende Bursche seinen Finger an den Mund hob.

»Fräulein Grothe,« keuchte eine Stimme, die Johanna sich bestimmt erinnerte, schon gehört zu haben.

»Um Gott, wer sind Sie?«

Inzwischen hatte der Unbekannte seinen Leib völlig durch das Gebüsch geschoben, so daß er nun auf den Knien vor dem Mädchen lag. Jetzt sprang er trotz der überstandenen Anstrengung elastisch auf die Füße. Sein Antlitz war durch den Schmutz des Feldes und den Morast des Grabens gleichsam mit einer schwarzen Larve bedeckt, und doch schoß Johanna bei dem Anblick dieser schlanken Glieder eine blitzartige Erinnerung auf.

»Fritz Harder, sind Sie es?« stammelte sie unentschieden.

Der Fremde reichte ihr die Hand, zog sie aber im nächsten Moment mit einem matten Lächeln wieder zurück, als er die Verunreinigung seiner Finger bemerkte. Dann ließ er sich auf die Bank nieder, und indem er sich angelegentlich das rechte Knie rieb, das wohl durch das Kriechen einige Risse und Schürfungen empfangen hatte, fragte er plötzlich, indem er sich leicht nach der Richtung des Herrenhauses umwandte:

»Steht alles gut bei Ihnen, Johanna? Sind Sie alle wohlauf? Ist niemand in dieser schlimmen Zeit etwas Böses zugestoßen?«

Niemals zuvor war die Gutsbesitzerin von dem nachdenklichen jungen Offizier mit ihrem Vornamen angeredet worden. Aber als sie jetzt, umgeben von der nahen Gefahr, in der dunklen verschlungenen Haselnußlaube weilten, fand die Blonde das Benehmen des jungen Mannes ganz natürlich. Und einer mütterlichen Wallung unterliegend, und ohne Rücksicht auf ihre saubere Kleidung, strich sie ihrem atemschöpfenden Gefährten aufmunternd über die schmutzige Wange. Dann flog die Rede zwischen ihnen hin und her.

»Nein, Fritz, es ist niemand von uns etwas zugestoßen. Niemand,« setzte sie mit besonderer Betonung hinzu, da sie die dunklen Augen des Offiziers so beharrlich ihr Wohnhaus suchen sah, »nur meine Schwester Isa ist bis jetzt nicht zu uns zurückgekehrt, und wir leben daher in schwerer Besorgnis.«

»Das weiß ich, Fräulein Grothe, das weiß ich. Sie müssen nicht glauben, daß wir uns so ganz ohne Kenntnis über die hiesigen Zustände befinden. Oh nein, wir wissen weit mehr, als sich diese Eisbären träumen lassen. Sie sehen ja, wir spazieren hier sogar ganz ungeniert in ihren Linien herum.«

»Ja, um alles in der Welt, Fritz, – verzeihen Sie, wenn ich danach frage – aber was haben Sie denn hier vor? Was bedeutet Ihr abscheulicher Aufzug? Sie sind doch nicht etwa als Spion hierher geschickt?«

Jetzt zuckte der triefende junge Mensch unwillkürlich zusammen. Das schonungslose Wort schien ihn für eine Weile zu verdüstern. Schwermütig verzog er die Augenbrauen und starrte eine Zeitlang auf den braunen Lehmboden zu seinen Füßen.

»So müssen Sie meine Tätigkeit nicht bezeichnen, liebes Fräulein,« sagte er endlich ruhig. »Ich habe es mir gründlich überlegt, ehe ich mich zur Ausführung dieses Befehls meldete. Denn es gehört einer dazu, der – –« Hier stockte der Redende, als hätte er schon zu viel geäußert.

»Was Fritz, erklären Sie sich deutlicher!«

Der junge Mann aber warf die Rechte abschneidend durch die Luft.

»Nichts,« entgegnete er besonnen und lächelte zuversichtlicher. »Ich darf selbst Ihnen wirklich nicht mehr verraten, liebe Johanna. Es geht ganz gegen die Ordre. Aber wenn Sie vielleicht eine alte Uhr zum Reparieren für meinen Quartierwirt Adameit mitzugeben haben,« fuhr er mit gutmütiger Neckerei fort, »dann will ich sie dem alten Tausendkünstler pünktlich in die Hände liefern.«

Johanna traute ihren Ohren nicht.

»Um Himmels willen,« brachte sie mühsam hervor, und eine jäh aufspringende Angst veranlaßte sie durch die Lücken des Geästes nach allen Seiten hinauszuspähen, »Sie glauben doch nicht, daß Sie durch die vielen Tausende hier ungefährdet bis in die Stadt gelangen werden?«

»Das hoffe ich allerdings bestimmt,« gab der Sitzende unerschüttert zurück; »und auf Grund eines von dem hiesigen Etappenkommandanten ausgestellten Arbeitscheineswerde ich sogar mit den größten Ehren empfangen werden.« Er fuhr in seine Brusttasche und zog einen Fetzen bestempeltes Papier hervor. »Sehen Sie, Fürst Dimitri Sergewitsch Fergussow – hier steht es – bestätigt dem Arbeiter Paul Bramschek usw. Wenn es nichts Wichtigeres zu verrichten gäbe, könnte ich sogar hier bleiben und heute nacht unter Ihrer Obhut diesen russischen Prinzen – –« er spreizte beide Hände und machte die Gebärde des Erwürgens.

Johanna wurde dunkelrot.

»Großer Gott,« flüsterte sie, ohne ihre Besinnung wieder erlangt zu haben, »Sie müssen hier fort. Denken Sie nur, welch ein Unglück Sie auf uns alle herabbeschwören könnten.«

Kaum hatte das Mädchen eine Spur von Besorgnis geäußert, als der junge Mann sofort seinen Platz auf der Bank aufgab und sich zum Gehen anschickte.

»Sie haben ganz recht, Johanna,« pflichtete er ernsthaft bei, »in der Freude Sie zu sehen und zu hören, hatte ich ganz vergessen, daß es üble Folgen haben kann, mit mir in einer Unterhaltung getroffen zu werden. Leben Sie wohl, Fräulein Grothe, und Sie brauchen keinem zu sagen, daß ich hier war. Sie verstehen mich, keinem, ohne Ausnahme.«

Da stieg es heiß in dem großen Mädchen auf. Beide Hände legte sie dem von Unrat Übergossenen fest auf die Schultern. Und während ihre ehrlichen Augen die seinen suchten, preßte sie sich ab:

»Nein, bleiben Sie noch, Fritz; eines müssen und dürfen Sie mir anvertrauen: wie steht es bei uns dort draußen? Müssen wir jede Hoffnung aufgeben, in die gewohnten und lieben Zustände zurückzukehren? Wann wird das Unheil, das sich hier breit macht, fortgefegt? Denn es ist ein Unheil, Fritz, es ist ein großes Unheil.«

Der in Lumpen und Fetzen gehüllte junge Mensch wandte sich auf ihren verzweifelten Ruf plötzlich voll zu ihr, undein sonderbares Leuchten und Strahlen überglänzte seine eingefallenen, verhärmten Züge.

»Fräulein Grothe,« begann er endlich, und er preßte beide Fäuste zusammen, als könne er die Fülle, die er in sich barg, nicht anders bändigen, »unsere dünnen Reihen wurden jammervoll zugerichtet, und wir sind von weiten Landstrichen verdrängt worden. Aber was sich jetzt bei uns vorbereitet, glauben Sie mir, das wird und kann nicht fehlschlagen. Sie werden nicht mehr lange mit Ihrem Prinzen an einer Tafel sitzen, verlassen Sie sich darauf,« stieß er heftig hervor, und aus dem verunreinigten Gesicht blitzten die weißen Zahnreihen so wild und begierig, daß sich Johanna, um eine unerklärliche Angst niederzukämpfen, die Hand fest um den Hals spannte.

»Fritz, wird es bald sein?« fragte sie verwirrt und wandte ihr Haupt ungewiß nach dem Herrenhaus.

Der andere zuckte die Achseln, und seine Stimme wurde immer dunkler und drohender. »Sie werden von uns hören, Fräulein Grothe, und von mir auch,« setzte er frohlockend hinzu. »Nein, nein, lassen Sie,« wehrte er ab, als er merkte, wie das Mädchen noch einmal ihr Drängen nach seinen Plänen zu wiederholen suchte, »lassen Sie mich hier in dem Graben entlang waten, so komme ich am besten um das Gut herum.«

Damit kauerte er sich wieder an der Erde nieder, bis seine Füße über die Böschung herabhingen, und während Johanna gleich darauf den Morast aufspritzen hörte, wurde unten das Erlengestrüpp noch einmal zur Seite geschoben, und der kahl geschorene Schädel tauchte abermals auf.

»Ich soll noch einen Gruß an Sie bestellen,« klang es aus dem Wasserlauf empor. »Ich habe Ihren Vetter von Sorquitten vor wenigen Tagen gesprochen.«

Da mußte Johanna lächeln. »Ach, Fedor Stötteritz,« meinte sie gutmütig, »wie geht es dem großen Jungen?«

»Als ich ihn zuletzt sah, stand er in der Abenddämmerung unter einem zerschossenen Schuppen neben seinem riesigen Pferde und rief mir nach, diesmal würden Sie es ihm wohl nicht übelnehmen, wenn er recht bald mit seinem lauten Wesen in Maritzken nach dem Rechten sähe. Ich bitte um Verzeihung, Fräulein Grothe, wenn ich den Auftrag wörtlich ausrichte, doch ich hoffe, daß er Ihnen verständlich sein wird.«

»Ich danke,« entgegnete Johanna beklommen und sah ernst zu Boden. »Ich verstehe seine Meinung recht gut.«

Abermals schlug ihr das Herz, und sie begann unwillkürlich zu lauschen, ob sich auf den Steinen des weißen Hofes nicht ein silberner Sporenklang melde. Als sie wieder aufblickte, hatten sich die Zweige zu ihren Füßen geschlossen, und nichts deutete mehr darauf hin, daß hier vor kurzem jemand geweilt, der zwischen ihr und der Außenwelt ganz unerwartet ein paar dünne Fäden geknüpft hatte.

Aber die Außenwelt brauste noch auf einem anderen Wege, gleich Gewitter und Hagelschlag, in den erzwungenen Frieden von Maritzken und schmetterte die künstlich schlaffe Ruhe, die hier wie eine kranke Blume aufgeschossen war, für immer zu Boden.

Ein Geheul und Gekreisch, das sich unmöglich aus Menschenlauten zusammensetzte, nein, das vielmehr von bösartigen, losgelassenen Geistern der Tiefe ausgestoßen schien, schrillte, pfiff, heulte und wieherte über die Landstraße und riß das vergrübelte Weib wie mit krallenden Nägeln aus der kühlen Haselnußlaube heraus. Entsetzt, unfähig, einen Gedanken zu fassen, stürzte die Herrin von Maritzkenauf ihren Hof. Von allen Seiten flogen die Fenster auf, scheue, angstvolle Gesichter beugten sich heraus, und alles starrte auf die Chaussee, wo windschnell ein wüster schwarzer Haufe vorüberwirbelte. Tier und Mensch ununterscheidbar durcheinander. Dazwischen Flintenschüsse. Markdurchzitternde, gellende Hetzrufe. Und alles eingehüllt in eine dicke und doch blinkende Staubwolke. Gleich darauf schlug hinter den Bäumen des Parkes eine Feuerlohe in die Höhe. Von dem leichten Wind getrieben, stoben die Funken über die Dächer des Anwesens. Durch das Tor aber quollen junge Weiber herein, hoch aufgeschürzt, die meisten mit entblößten sonnengebräunten Armen; Mägde des Gutes und zurückgebliebene Tagelöhnerfrauen, die sich wie verzweifelt an die hohe Gestalt Johannas drängten als ob sie hier ihren letzten Rückhalt witterten.

»Fräulein – Kosaken!«

»Sie sagen, es sei hier geschossen worden.«

»Den Laden von Kurra haben sie ausgeräumt und angesteckt.«

»Ja, und Tilly – Tilly Baumgartner –«

»Was ist's mit Tilly?« stammelte Johanna betäubt und griff nach der Schulter einer der Mägde, um sich zu stützen.

Da drängte sich die Frau des Verwalters, der seit jener Ausfahrt nicht mehr wiedergekehrt, aus dem Haufen, und das Weib raffte sich ihre blaue Schürze vor das Gesicht und heulte unter dem Leinen hervor:

»Weggenommen haben sie sie mir, Fräulein, von meiner Hand gerissen, und mir selbst einen Schlag über die Augen, daß ich nicht sehen kann.«

Dann ein Wimmern der Mägde, von draußen herannahendes Galoppieren, Hetzen und Verwünschungen, unddicker qualmiger Staub, der über die Mauern des Hofes rauchte.

Da – da – durch die Einfahrt schoß es herein – kleine Pferde, struppig wie nasse Hunde, vornübergebeugte Reiter, in ihren faltigen Röcken gleich bärtigen Frauen auf den Tieren hängend, Lammfellmützen tief auf die stieren Augen gedrückt, schwingende Fäuste, und von den weißen Mauern zurückgeworfen das wetternde Knallen unzähliger Peitschen. Jetzt schoß, sprang, wälzte und purzelte es aus den Sätteln; schon drängte sich das fremde Gesindel durch alle offenen Türen hinein. Wer ihm in den Weg geriet, wurde zurückgestoßen, bis er blutend auf das Pflaster taumelte. Tiefe gurgelnde Laute schienen entsetzliche Drohungen zu verkünden, und nichts, nichts hemmte die Horde, nichts wirkte dem sie beherrschenden Trieb entgegen nach Raub und Plünderung, nach Schandtat und Gewalt. Vergebens, daß sich im ersten Stock ein Fenster öffnete, und der abgezehrte Rittmeister Sassin mit wütenden Gebärden etwas Unverständliches herunterbrüllte, ganz umsonst, daß sich Johanna toll vor Wut und Scham auf einen schwarzhaarigen Riesen stürzte, in dessen Armen die kleine Tilly zappelte, unwürdigen, schmachvollen Liebkosungen ausgesetzt, umsonst, vergeblich, die Streitenden wurden voneinander getrennt, alles ging unter in dem brausenden Strudel, der ungebändigt mit einer irren elementaren Kraft zwischen den Mauern des eben noch so stillen Anwesens kochte.

»Scho–i, scho–i,« schrien die Kosaken, traten Zäune und Türen ein und hieben mit ihren Peitschen lechzend vor Irrsinn und Brunst durch die Luft.

»Der Fürst,« kreischten mitten in dem Graus ein paar heiser geschriene Frauenstimmen.

Unter dem Tor hielt eine einzelne Reitergestalt. DieRechte hatte sie zum Schutz gegen die Sonne quer über den Schirm der zerbeulten Mütze gelegt, die Linke, die den Zügel hielt, spielte gleichzeitig achtlos mit einer reich vergoldeten Reitpeitsche. Aber die vorgeneigte Haltung und sein ungläubiges Hinstarren in das quirlende Menschengeschäume bewiesen, wie auch dem Besitzer des scharrenden Schimmels alles, was sich da vor ihm abspielte, gleich der tollen Ausgeburt einer dampfenden Phantasie erschien. Ganz gebannt schüttelte er das Haupt und zuckte die Achseln. Sein Anblick jedoch verschaffte Johanna, die, umrast von dieser nie geahnten Wildheit, ihre klare Vernunft völlig eingebüßt hatte, die nebelhafte Überzeugung, der Mann unter dem Tor müsse und würde sie gegen diese blutdürstigen und fauchenden Tiere schützen oder verteidigen. Mit übernatürlicher Kraft streifte sie die jammernden Mägde von sich ab, und es war wirklich die blonde, furchtlose Walküre, wie sie Dimitri Sergewitsch in den schwülen Augustnächten immer geahnt, als sie sich mit bebenden Gliedern von neuem gegen den riesenhaften Bedränger der kleinen Tilly warf.

»Fürst Fergussow,« schrie sie dabei mit einer vor Wut und Scham erstickten Stimme.

»Hund, ich schieße dir dein Spatzengehirn gegen die Mauer,« heulte der kranke Rittmeister, von Hustenanfällen unterbrochen, aus dem oberen Fenster, und seine zitternden Hände zogen bereits die Sicherung von einer Pistole ab.

Doch er brauchte sich nicht mehr zu bemühen. Mit einem kräftigen Sprung setzte der Schimmel des Fürsten in den auseinanderstürzenden Schwarm hinein, eine zielsichere Faust riß dem überraschten Riesen die Lammfellmütze vom Kopfe, und zu gleicher Zeit sauste ein Reitgertenhieb dem Aufjammernden quer über das Gesicht. Brüllend vor Schmerz ließ der struppige Kerl sein Opfer fahren, undes war für alle Zuschauer ein gräßlicher Anblick, wie der Oberst nun sein Pferd noch einmal gegen den Gebändigten antrieb, so daß dieser in dumpfem Fall vor die Füße des Tieres rollte.

»Du triebst natürlich nur einen kleinen Scherz,« sagte Dimitri böse und schneidend, und die erwachende Johanna sah mit Entsetzen, welche grausamen Lichter in den dunkel gewordenen Augen des Reiters zucken konnten, »nicht wahr, mein Söhnchen, so war es doch?«

»Ja, einen Scherz, Väterchen,« jammerte der Gefallene und streckte in sklavischer Demut beide Hände gegen die erhobene Peitsche aus, »nichts weiter, als einen Scherz.«

»Dacht ich's mir doch,« meinte Dimitri höhnisch durch die ängstliche Stille, welche plötzlich auf dem Hof nach all dem Lärm entstanden war. Und sich im Sattel umwendend, sagte er hell und durchdringend, so daß den Kosaken, die sich scheu an den Wänden herumdrückten, keines seiner Worte verloren gehen konnte: »Wehe, ihr Kanaillen, wenn ihr nicht alles, was ihr gestohlen habt, sofort wieder zurückgebt. Auf den Bäumen dort hat es Platz für viele von euch. Habt ihr mich verstanden?«

»Ja, Väterchen, verstanden.«

»Seid ihr hier einquartiert?«

»Bis morgen früh,« gurgelte unvermutet eine vor Ingrimm oder Trunk heisere Stimme in der Nähe des Fürsten.

Sie gehörte einem Kosakenrittmeister an, der bis jetzt einen Besuch in der Schenke abgestattet und nun sein klepperartiges Pferd am Zügel hinter sich herzog. Das erste, was der Mann tat, nachdem er sich durch einige Stöße in den Kreis hineingeschoben, bestand darin, daß er dem noch immer auf den Knien verharrenden Kosaken einen heftigen Fußtritt in die Seite versetzte.

»Was ist hier geschehen?« forschte er und stampfte grob auf den Steinen herum. »Ich frage, was hier geschehen ist? Ich war dienstlich verhindert, Herr Kamerad.«

Der Fürst jedoch schien keinen Wert auf die Zusammengehörigkeit mit dem Sohn der Donschen Steppe zu legen. Er ließ einen hochmütigen Blick über das brandrote Habichtsgesicht des Reiters hinweggleiten und sagte sehr ruhig:

»Oh nichts, was bei Ihren Formationen zu dem Auffallenden gehört. Aber ich möchte Ihnen doch empfehlen, Herr Rittmeister, Ihre Leute, so lange sie uns das Vergnügen schenken, in den Stall zu komplimentieren.«

»In den Stall?« brummte der andere, die Fäuste ballend; da er aber nicht wagte, gegen den vorgesetzten Gardeoffizier ausfällig zu werden, so versetzte er wenigstens dem liegenden Mann einen neuen Stoß, um ihn dann an den Ohren empor zu reißen. »Pack dich, Wassily, du Schuft! Was liegst du hier wie ein krankes Schwein herum? Was soll man von dem Beispiel denken, das ich Euch gegeben? Was soll man denken, frage ich? Warte, mein Guter, wir sprechen uns noch.«

Die Menge hatte sich verlaufen, das Gutsgesinde war zu seiner gewohnten Beschäftigung zurückgekehrt, nur Johanna und der Oberst weilten noch auf dem Hofe.

»Sie sehen auffallend blaß aus, mein Fräulein,« hörte die Gutsherrin ihren Gefährten im Ton aufrichtigen Mitgefühls beginnen; und als sie in ihrer gelähmten Haltung verharrte, fügte er ehrerbietig hinzu: »Sie können mir glauben, daß mich nur die Besorgnis zu dieser Bemerkung veranlaßt. Vielleicht würde Ihnen ein Spaziergang hier im nahen Walde wohltun. Für diesen Fall hebe ich selbstverständlichmit Vergnügen das Verbot Ihrer Bewegungsfreiheit auf, und um Sie vor weiteren Belästigungen zu bewahren, biete ich Ihnen gern meine eigene Begleitung an. Sie sollten es wirklich nicht abschlagen,« vollendete er ganz treuherzig.

Zum erstenmal hatte dieser in der glatten Rede des Salons verstrickte Mann wie ein wohlwollender Mensch gesprochen, dem die Not eines Mitgeschöpfes die Seele erschreckte. Und Johanna atmete auf, und über ihre versteinten Züge huschte es wie von Befreiung und Erlösung. Gottlob, endlich nach den langen Tagen der erzwungenen Beschränkung sollte jetzt eine Stunde folgen, die es ihr ermöglichte, die so schmerzlich entbehrte Wanderung über den heimatlichen Boden genießen zu können. Oh, welchen Dank sie demjenigen schuldete, der ihr jenes unerwartete Geschenk darbot. Jedem anderen hätte sie in leidenschaftlicher Wallung und mit ihrem klaren, unversteckten Lachen beide Hände geschüttelt. Hier aber wagte sie nur zustimmend das Haupt zu neigen, und doch berührte es sie eigenartig wohltuend, als sie bemerkte, mit welcher Freude der fremde Offizier dieses leise Zeichen ihrer Bereitwilligkeit auffing.

»Wahrhaftig?« rief der Fürst ganz erstaunt, »Sie hegen keine Bedenken? Ah, meine Gnädigste, Sie vergeben mir gewiß, wenn ich heimlich denke, daß Sie sich dann wirklich durch das abscheuliche Gebaren dieser Steppenreiter im hohen Grade angegriffen fühlen müssen.«

»Sie dürfen darüber nicht spotten,« entgegnete Johanna befangen, weil es das erste Mal war, daß sie mit dem schönen jungen Mann andere Dinge als die des täglichen Unterhalts verhandelte. »Ich war auf die Schrecken des Krieges gefaßt und bin auch imstande, sie zu ertragen, aber eine derartige Raserei –«

»Leider kann ich Ihnen keineswegs widersprechen,« unterbrachDimitri Sergewitsch hastig, denn ihm lag alles daran, die Blonde von dem eben erduldeten Überfall abzulenken. »Sie werden verstehen, was es mich kostet, wenn ich Ihnen versichere, wie sehr ich und viele andere Kameraden, die wir den Europäer-Standpunkt nicht aufzugeben gewillt sind, von dem Treiben jener Stämme innerlich angewidert werden. Aber fort damit,« suchte er von dem bedenklichen Gegenstand loszukommen, »ich bin heute früh schon durch Ihre herrlichen Buchenwälder geritten, und es bereitet mir eine wahrhafte Genugtuung, Ihr Wiedersehen mit diesen frischen und geheimnisvollen Gründen vermitteln zu dürfen. Sehen Sie, ich kann sogar schon jetzt die schönsten Grüße von dort an Sie bestellen.«

Lebhaft riß er aus seinem Wams ein kleines Skizzenbuch hervor, und Johanna, die einen raschen Blick über seine Schulter warf, stieß unwillkürlich einen Laut des Erkennens aus. In einer ganz feinen, schattenhaften Manier, worin Licht und Luft mehr festgehalten waren, als der darzustellende Gegenstand, erhob sich auf dem Blatt mitten auf einer dunklen Waldwiese ein ungeheurer geborstener Buchenstamm, an dessen Ästen unzählige Heiligenbilder, Glasherzen und Kränze als Weihegeschenke aufgehängt waren.

»Ah, der Sankt-Annen-Baum,« stellte Johanna überrascht fest. »Wie zart und fein Sie das getroffen haben.«

Der Oberst zuckte die Achseln, verbeugte sich jedoch leicht.

»Was wollen Sie!?« meinte er gleichgültig, »die Frucht und der Überrest der vielen Lieblingsbeschäftigungen, die eine Petersburger Wintersaison so mit sich bringt. Man darf gar nicht daran denken, wieviel Zeit und Jugend man so tatenlos verschleuderte. Aber, mein gnädiges Fräulein,« entraffte er sich elastisch derartigen Vorstellungen, und seine edlen Züge strahlten wieder jenen das Gutsfräulein so verwirrenden Glanz, »wozu Reue und Selbstzerfleischungan einem herrlichen Ferientag? So fasse ich nämlich unseren Ausflug auf. Benötigen Sie vielleicht noch einen Sonnenschirm, den man herbeischaffen müßte?«

Johanna schüttelte das Haupt, doch konnte sie es nicht hindern, daß ein Lächeln ihre Lippen öffnete. Die Nonne, die ihre Tage der Arbeit verschrieben, entäußerte sich plötzlich der ihr anhaftenden Herbheit und sah frisch und gesund und genußfähig aus. Ganz versonnen starrte sie der Fürst an.

»Wo denken Sie hin, Durchlaucht,« meinte sie gutmütig, während sie sich bereits zum Gehen anschickte, »ein Landmädchen, wie ich, das hie und da selbst mit anfaßt, das fürchtet keinen verbrannten Teint. Übrigens tut mir die Sonne auch nichts,« setzte sie hinzu und zeigte ihm ein Antlitz, dessen lichte Reinheit weder durch ein Mal noch durch ein Sonnenpünktchen verunziert war. »Wollen wir durch das Tor?« fuhr sie innehaltend fort.

»Nein, bitte nicht dort hinaus,« weigerte sich der Fürst mit auffallender Lebhaftigkeit. »Sie könnten dort manches sehen, was Sie zu unangenehm an meine und meiner Landsleute Anwesenheit erinnert. Ich möchte Ihnen heute gar zu gern ein paar Potemkinsche Dörfer vorspiegeln. Kommen Sie, wir schreiten lieber hier an dem Graben entlang und wenden uns dann über die kleine Brücke.«

Bald darauf war das Paar von den dunklen Schatten des Haselnußgehölzes umhüllt, und Johanna mußte unwillkürlich den Blick zu Boden senken, als sie die Bank gewahrte, auf der noch eben der junge verdüsterte Preuße ihr seine Pläne enthüllt. Ihr fiel wieder die spreizende Bewegung seiner Hände ein, da er davon gesprochen, wie leicht ein Kühner unter der Obhut der Hausherrin den hier befehlenden Etappenkommandanten in den ewigen Schlummer senden könnte. Und unbewußt trieb sie den ahnungslos neben ihr Schreitenden zu größerer Eile an.

Wirklich, es war ein erquickendes Wandeln unter dem niedrigen Laubdach zur Seite des abgemähten Feldes, über dem die Sonnenstrahlen tanzten und funkelten. Anmutig jeder vorspringenden Baumwurzel ausweichend, schritt ihr Dimitri Sergewitsch voran, und in einer so selbstvergessenen Lust befand sich Johanna, daß sie rückhaltslos die elegante Geschmeidigkeit seiner Glieder bewunderte. Wie sorgsam und mit wieviel Aufwand von Zeit und Bedienung der vornehme Herr gewiß seinen Körper gepflegt hatte. Wie blendend weiß und geschont sich auch jetzt mitten im Waffenhandwerk seine schmalen Hände darboten. Und Johanna empfand fast eine Art von naiver Hochachtung vor jenen Bevorzugten, die ihrer Gesundheit so unablässig zu dienen suchten. Und dieser kräftige, unermüdliche Mensch, der wie ein lebendes Kunstwerk ohne sichtbare Unebenheiten und Fehler durch die Schöpfung schritt, er sollte nach den häßlichen Geständnissen des Rittmeisters Sassin ein Frühverdorbener, ein Angefressener und Vergifteter sein?

Schaudernd strich sich das Mädchen eine blonde Haarsträhne, die im Winde flatterte, aus der Stirn, und sie beschloß – für heute wenigstens – all diese unsauberen Gedanken zu verbannen. Ihre alte Willensstärke kam ihr wieder, als sie sich eingestand, daß es sie ja im Grunde gar nicht berührte, aus welchen Erfahrungen der Charakter des Fremden zusammengeschossen sei. Nein, für den Augenblick brauchte sie sich nur dem frohen Gefühl hinzugeben, aus dem unsichtbaren Kerker, der ihr so unerwartet geöffnet wurde, mit dankbarem Gemüt herauszuschreiten und sich der kurzen Stunde der Freiheit mit aufnahmefähigen Sinnen zu freuen.

Und das tat sie.

Heute bewunderte sie jedes wilde Brombeergestrüpp, das sich im Vorbeistreifen an ihr Gewand nistete, und hieund da bückte sie sich, um eine rötliche Hagebutte neugierig zu mustern. In dem Haselnußdach über ihr schwirrten junge, grünweiße Meisen herum, sie hingen sich an die Äste und übten lautlos ihre schwierigen Kletterkünste. Und das Landfräulein staunte die Tierchen an, als ob sie die wilde Schar heute das erste Mal sähe. Helle Lichtpunkte tröpfelten durch das Blätterwerk hindurch und tanzten, glitten und zitterten ihr fröhlich über das Haar und den unbedeckten Hals. Als sich der Fürst einmal umwandte, erschrak er fast. Das Weib, das hinter ihm herschritt, leuchtete und funkelte so eigentümlich, daß ihm das Wort auf der Lippe erstarb. In dem grünen Dämmer wandelte die hohe Gestalt, umflossen von der ihr anhaftenden Frische und Reinheit, und wieder schien es dem Beobachter, als ob er dieses unberührte Menschenkind durchaus nicht in den ihm gewohnten wilden Reigen einzuordnen vermöchte. Fast beschämt kehrte er sich ab, um ihr von neuem durch den schmalen Gang voran zu eilen. In weiter Biegung schlängelte sich der Weg um das Feld herum, um endlich breiter und breiter zu werden, bis sich das Gebüsch allmählich in den herantretenden Buchenwald verlor. Hier spürte man nichts mehr von der Hitze des Tages. Zwischen den matten, grauen Stämmen hing ein unsichtbarer Flor herab, hinter dem alles Gegenständliche verdämmerte und verschwamm. Geräuschlos flirrte das feine Spiel der Blätter, rechts und links über die Waldwege zogen sich die glitzernden Fäden der Spinne, grüne Fliegen hingen in der Luft und zuckten plötzlich wieder davon, und der ganze ungeheure Wald war erfüllt von Schläfrigkeit und einem ewig auf- und absteigenden Summen. Von Zeit zu Zeit aber wichen die Riesenbäume weit auseinander, und hohe, ungeheure Hallen empfingen die Wanderer unter grünen, leise schwankenden Kuppeln.

Mitten auf einer der Waldwiesen träumte die Sankt-Annen-Buche, unter deren weit ausladenden Ästen unzählige Betrübte schon in frommer Einfalt gekniet hatten. Johanna lehnte sich leicht an den grauen, vielnarbigen Stamm und blickte zu einem Perlenstern empor, auf dessen grünem Untergrund eine zitternde Hand nichts als die Worte gezeichnet hatte: »St. Anna hilf uns!« Nie zuvor war von der Gutsherrin diese Spende gesehen worden. Sie bedeutete wohl einen Notschrei aus schlimmer Zeit. Wer konnte wissen, zu welch entwürdigender Arbeit die emsigen Hände von fremden Einlagerern schon verurteilt waren.

Johanna atmete schwer und rührte sich nicht.

So vermochte sie nicht wahrzunehmen, wie Fürst Dimitri, nachdem er eine geraume Weile die Unbewegliche unter dem grünen Buchenmantel in künstlerischem Genießen gemustert, verstohlen sein Skizzenbuch hervorzog und mit fliegenden Strichen das strenge Bild festzuhalten strebte. Erst eine rasche Bewegung verriet ihn. Sofort trat das Mädchen zurück, jedoch nur, um sich auf einen abgehauenen Baumstumpf niederzulassen, wo sie den Blicken des Beobachters nicht mehr ausgesetzt war. Doch mit keinem Wort tadelte sie die Freiheit, die sich ihr Gefährte genommen. Dazu wurde sie zu sehr, – trotz eigener Entfernung von der Kunst, – durch die Ehrfurcht vor allem Können beherrscht.

»Schade,« bedauerte Dimitri Sergewitsch leise.

Allein auch er kam durch keine Andeutung auf seinen vereitelten Wunsch zurück.

Mit ein paar respektvollen Worten bat er, sich auf einer Mooserhöhung lagern zu dürfen, und als ihm dies freundlich gewährt war, da ließ sich der Oberst auf dem Erdbuckel nieder, ohne sich jedoch auszustrecken oder irgendwie einelässige Haltung anzunehmen. Die Vornehmheit seiner Gewohnheiten oder Erziehung äußerte sich eben ganz ungezwungen in jeder Lage. Und doch – trotz dieser Rücksicht – empfand es Johanna schmerzlich, als sich die fremde Uniform mitten zwischen den Farrenkräutern und Gräsern abzeichnete. Die umfriedete Ruhe des deutschen Waldes schien ihr dadurch gestört. Und ihr Blick heftete sich gezwungen auf ein kleines blaues Ordenskreuz, das der Offizier dicht unter dem Halskragen befestigt trug.

»Das ist wohl eine hohe Auszeichnung?« fragte sie endlich trotz inneren Zögerns.

Der Fürst nahm seine Mütze von den braunen Locken, zuckte die Achseln, und seine Hand begann mit der blauen Dekoration ohne große Wertschätzung zu spielen.

»Ich empfing das Ding,« äußerte er, »zum Fest der heiligen Wasserweihe. Irgendein Verdienst wurde meines Wissens damit nicht belohnt.« Und wieder ließ er das blaue Kreuz durch seine Finger schnellen.

Heilige Wasserweihe?! Wie unbegreiflich fern und einem anderen Volke angehörig doch die Bezeichnung jenes Festes hier unter den grünen Buchen klang. Und dadurch hervorgerufen stieg dem blonden Mädchen die Erinnerung auf, wie ihr Gefährte ja seinem Glauben nach einem bunten geheimnisvollen Ritus huldige, der seine Bekenner durch düsteren Pomp viel mehr an Orient und Osten knüpfte, als an das wunderlose, begriffsscharfe Europäertum. Ein zu seltsamer Gedanke, wenn man sich den distinguierten Mann betrachtete, der sich in nichts anderem von den ihr bekannten Herren unterschied, als durch die edle Regelmäßigkeit seiner Gesichtszüge und die schwermütige Schönheit, die über ihnen ausgebreitet lag.

Merkwürdig, auch der Fürst schien sich ähnlichen Vorstellungen über das, was Völker trennen und verbindenkonnte, hinzugeben. Er hielt das schmale Haupt erhoben und verfolgte die Sprünge eines schwarzbraunen Eichkätzchens, das ohne einen Begriff von der Heiligkeit der Stätte in den oberen Ästen der Sankt-Annen-Buche herumturnte. Manchmal auch setzte es sich, so daß die Ruthe feinfaserig herabhing, um nach den beiden Menschen zu äugen, die in dieser grauen Ruhe der Baumriesen zu atmen und zu sprechen wagten.

»Welch unbegreifliche Grenzscheiden die Menschen sich doch errichten,« begann der russische Offizier endlich seinen Gedanken Ausdruck zu verleihen. »Das Trennende liegt mehr in unserem Gehirn und richtet dort Unheil an. Sehen Sie, verehrtes Fräulein, auf meinen Gütern, die gar nicht weit von Petersburg liegen, da gibt es Wälder von ganz gleicher Stille und Unberührtheit wie dieser hier. Ich bin Tage und Nächte lang durch sie hindurch geritten, und manchmal nach einer töricht durchschwärmten Zeit konnte ich jubeln gleich unseren kleinen uniformierten Ferienschülern, denn mich empfing in den stillen Gründen stets das Gefühl, als ob ich in die reinigenden Arme einer Mutter zurückkehrte. Und hier –?« Er schüttelte das Haupt und sah sich mit einem langen verwunderten Blick um.

»Nun, und hier?« fragte Johanna von ihrem Baumstumpf aus beklommen.

Er zuckte die Achseln und riß ein paar Halme von seinem Lager aus.

»Hier ist die Fremde. Ich weiß nicht, wie es kommt – obwohl ich, wie Sie vielleicht schon bemerkten, gar keinen so recht innerlichen Anteil nehme an dieser Völkerabrechnung, weil ich zu jenen gehaßten Kosmopoliten gehöre, wurzellosen Weltbürgern, von denen die Oberschicht Rußlands voll ist – es verschlägt alles nichts, in dem Gehirn sitzteinmal der harte Begriff: hier ist die Fremde, hier wohnt der Feind, die erklärungslose Antipathie.«

Er wartete einen Augenblick, und da Johanna nichts erwiderte, fuhr er ruhig fort:

»Ich könnte mir ganz gut vorstellen, daß alle diese bewegungslosen Stämme um uns herum Ihre Gestalt angenommen hätten, mein Fräulein, und daß sie einen Arm starr nach mir ausstreckten, um mir zuzurufen: ›Du gehörst nicht hierher. Wir sind deutsche Bäume und wollen einen Slawen lieber unter uns begraben sehen, als ihm Schatten und Erquickung spenden‹. Habe ich das Gefühl Ihres Waldes richtig getroffen?«

Ein Schrecken durchrann Johannas Glieder, als ihr Gefährte so sicher ihre heimlichsten Wünsche zerfaserte.

»Ich dachte nicht immer so,« sagte sie an sich haltend, während ihre blauen Augen den Hingestreckten mit ihrem glasklaren und doch nicht warmen Leuchten umspannten.

Jetzt lächelte der Fürst. Es war ein feines, verständnisvolles Lächeln, das den Welt- und Menschenkenner verriet.

»Selbstverständlich,« entgegnete er, »ich zweifle nicht im geringsten daran, daß Ihre Abneigung gegen uns erst entstand, nachdem Sie die dunkelsten Seiten unseres Volkstums gegen sich selbst gerichtet spürten. Unser plumpes Kraftbewußtsein, eine täppische, kindliche Zerstörungswut und die finstere Nacht unserer erschreckenden Unbildung. Ich weiß, Germanien betrachtet sich uns gegenüber häufig als eine Herrin und das umliegende slawische Land als ihren Knecht. Auch Sie sind solch eine Herrin,« setzte er bedeutungsvoll hinzu.

Johanna starrte ihn an. Sie begriff durchaus nicht die Gelassenheit, mit der der fremde Aristokrat mitten in dem großen Streit von seinem eigenen Volke sprach. War das Falschheit? Oder wollte er ihr einen Fallstrick legen, weiler ihre leidenschaftliche Hingabe an ein furchtloses Bekennertum kannte? Wie war solch gleichgültige Kritik überhaupt möglich? Es klang, wie wenn ein gänzlich Unbeteiligter über einen Tausende von Meilen entfernten Stamm zu urteilen hätte. Immer unbegreiflicher wurde ihr der fremde Mann, und sie glaubte, daß jetzt die letzten von den Banden rissen, die zwei Angehörige derselben Artung sonst verknüpfen.

»Fremd – fremd,« mahnte es in ihr.

Und dann – wie furchterregend! Der Fürst schien schon wieder den versteckten Spuren ihrer Überlegungsreihen gefolgt zu sein. Ohne Zorn, nur mit einer Bewegung des Besserunterrichteten, erteilte er ihr auf ihre stillen Einwände die Antwort:

»Ich merke, Sie finden es verächtlich, mein gnädiges Fräulein, weil ich Ihnen so schonungslos über meine Volksgenossen berichte. Aber glauben Sie mir, darin liegt gerade die tiefe Tragik unseres Riesenreiches. Nirgends in der Welt leben der wirkliche Adel und die Oberschicht derartig von der dunklen Masse getrennt, ja durch unüberbrückbare Ströme geschieden, wie bei uns. Wir, die wir das Volk leiten und befehligen, sind im Grunde wurzellose Menschen; ich möchte beinahe sagen ohne festen Wohnsitz. Unsere Kleidung ist die englische, unsere Sprache die französische, und unser Bildungsdrang, wenigstens bei den Besten von uns, geht nach dem Deutschen. Wir wohnen gewissermaßen nur auf Besuch unter den Unsrigen, denn unsere größte Anregung und die tiefste Befriedigung unserer Nerven finden wir in den großen Städten des Westens. Wenn Sie vielleicht einwenden, daß gerade wir es sind, die eine allumfassende nationale Strömung erweckten, so muß ich Ihnen hier unter uns und einigermaßen beschämt bekennen, daß dies im Grunde nur eines der geistigen Mittelist, durch die wir die unruhige, an religiösen Qualen leidende Menge am Zügel halten. Uns selbst aber wäre ein weiteres Überwiegen slawischen Einflusses direkt unbequem. Denn es würde uns allmählich an dem Auskosten aller feineren Genüsse hindern. Sie sehen also, mein Fräulein,« schloß der Fürst immer mit derselben schonungslosen Offenheit, »von welchem Zwiespalt die leitenden Männer bei uns ergriffen sind und zu welchen peinigenden Lügen sie ihre Zuflucht nehmen müssen, wenn sie nach außen hin das Gegenteil verkünden. Glauben Sie mir, mit diesen widersprechenden Gefühlen sind wir auch in den Krieg gezogen, für den uns das große Schlagwort, die berauschende Phrase absolut mangelt. Ganz abgesehen davon, daß wir uns aus einer Reihe unvermischter, meistens unterworfener Stämme zusammensetzen, deren Wünsche und Ziele weit auseinander streben. Und doch lieben wir diese unglückselige Heimat und beweinen sie.«


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