III.

»Schönen guten Abend, Herr Leutnant,« sagte der knickbeinige Geselle zu dem Einwohner seines Herrn hinauf und verzog die weit vorstehende Karpfenschnauze, die ewig beweglich in einem Meer von Runzeln schwamm, zu einem griesgrämigen Lächeln. »Was hab' ich Ihnen gesagt, was hab' ich Ihnen schon heut morgen gesagt? Er ist wieder vollständig wild. Ein Meschuggener, Herr Leutnant, Sie können es mir glauben. Aber einer von die schlimme Sorte. Besessen. Er wird noch einmal anrichten das größte Malheur. Heute hat er wieder – das heißt, das gehört nicht zur Sache –,« unterbrach sich Leiser Bienchen und bewegte seine verkrümmte Gestalt in den Hüften hin und her, so daß sein Rockkragen immer abwechselnd das rechte oder das linke Ohr erreichte; »was ich sagen wollte, seine Ideen sind gut, aber zu hastig, Herr Leutnant, zu hastig. Jeden Tag was anderes. Nu, wie gesagt, ich freue michbloß auf das große Unglück. Sie werden sehen. Gute Nacht, Herr Leutnant.«

Fritz Harder nickte der schlottrigen Gestalt zu und verfolgte den Davontrabenden, bis er ihn in der Einbuchtung des Marktplatzes verschwinden sah. Was er aber nicht wußte, das bestand darin, daß dieser mit Gott und den Menschen unzufriedene Geselle in den kargen Abendstunden, die ihm vergönnt waren, sich fast regelmäßig unter eine äußere Nische der herrlichen Sebalduskirche mitten auf dem Marktplatz drückte, um gespannt abzuwarten, bis das berühmte Glockenspiel seinen silbernen Gesang ertönen ließ. Dann neigte der kleine Jude das Haupt, und während er sein mächtiges Lippenpaar krampfhaft festhielt, damit es sich nicht gegen seinen Willen kritisch hin und her bewege, da murmelte er fast immer in einer seltsamen Rührung:

»Großartig, ganz, ganz großartig. Wie er das wohl herausgebracht hat? Was hab' ich immer gesagt? Dieser Adameit is'n Meschuggener und 'n ganz gemeiner, gewöhnlicher Filz, der mir abzieht bald 'n Groschen hier und bald 'n Groschen da. Aber was kann ich dafür? Der Mann ist ein Genie, 'n ganz großes, unerklärliches Genie, und es ist mein Pech, daß ich ihm nicht ablernen kann, wie man das wird.« Und dann hob er das Haupt und schockelte sich verzückt in den Hüften hin und her. »Gott, wie ein Klang. Man möchte tanzen dazu. Wie schön ist doch diese deutsche Musik!«

Immer grauer kroch die Dämmerung durch die enge Rosenkranzgasse. Schon traten einzelne Geschäftsleute auf das schmale Trottoir, um die Jalousien vor ihren Schaufenstern herabzuziehen. In dem kleinen Leutnantszimmer jedoch merkte man nichts mehr von Dämmerung und Kahlheit. Allgewaltig herrschte in ihm jener klingende, sorgenlösendeGott, den der kleine verkümmerte Jude unter seiner Kirchennische so inbrünstig angerufen hatte. Fritz Harder saß vor seinem Flügel und spielte. Längst hatte er die vorgezeichneten Bahnen des Musiktextes verlassen, und ohne, daß er es selbst ahnte, ebneten sich plötzlich helle, weißschimmernde Pfade vor ihm, die ihn hinaufleiteten auf klare, glashelle Höhen. Je weiter er aufwärts stieg, desto wunderbarere Prozessionen zogen ihm entgegen. Sie trugen goldene Kronen, die er sich auf das Haupt setzte, um unter wuchtigen Klängen den düsteren Schauer der Macht zu spüren. Und hinter seinen geschlossenen Augen spiegelte es sich deutlich, wie sich die zarten Luftgebilde ehrfürchtig vor dem armen kleinen Leutnant neigten. Aber das war noch nicht das Herrlichste, was ihm entgegenquoll. Einsamer und stiller wurden die verschwiegenen Wege, schwanke, braune Haselnußstauden schlossen sich über ihm zu einem schattigen Domgang zusammen, und ganz oben auf der letzten Stufe, da leuchtete wartend und verlangend eine Gestalt von so üppiger Pracht, daß der Betörte mitten durch seine Melodien dicht über dem Haupte das betäubende Donnern einer ungeheuren Glocke zu vernehmen meinte. Aber es waren nur die starken Schläge seines eigenen Herzens, das die Ströme des Blutes nicht mehr zu bändigen vermochte.

»Marianne,« flüsterte er ermattet, während seine Hände kraftlos von den Tasten herabsanken.

Da – um Gott, das war doch nicht möglich, – da lachte etwas hinter ihm. Genau mit demselben silbernen, etwas müden Ausdruck, wie er es eben in den verebbenden Phantasien aufgefangen. Undenkbar! Das war noch nie geschehen. Ein wahnsinniger Spuk, der ihm deutlich zeigte, wie weit seine kräftige Natur bereits von allem Wirklichen fortgelockt war. Wozu nachgeben? Weshalb sich erst umwenden?

Und doch – dicht neben ihm rauschte es stärker. Ein feiner Resedaduft schlug auf. Hinter seinem Rücken wähnte der Gebannte etwas Weiches, Köstliches zu spüren, und dann – ein züngelnder Blitz – ein paar warme Lippen schmiegten sich auf seinen Nacken und blieben dort haften.

Er sprang in die Höhe, daß die Tasten einen wimmernden Laut aussendeten. Vor seinen Augen schimmerte es. Er konnte das Unwahrscheinliche nicht fassen.

»Marianne,« stammelte er ungläubig, ohne den Klaviersessel, den er umkrampft hielt, frei zu geben, »bist du es wirklich? Bei mir?« Und er schickte einen beschwörenden Blick in die Runde, als ob er die geblümte Tapete, die abgetretenen Dielen, sowie die jämmerlich mürben Möbelstücke anflehen wollte, sich für die elegante Dame in dem weißen Sommerkleid zu einem Fürstensaal zu verwandeln.

Ganz im Gegensatz zu der Befürchtung des jungen Offiziers indessen schien sich seine Besucherin von diesem Junggesellenheim äußerst angemutet zu fühlen. Langsam schlug sie ihren blauseidenen Staubmantel auseinander, beugte das eine Knie auf den einzigen Korblehnstuhl und zeichnete mit ihrem schlanken weißen Sonnenschirm allerlei Figuren auf den verschossenen grünen Teppich.

»Also hier wohnst du, Fritz?«

Inzwischen hatte der Überraschte Sprache und Besinnung wiedergefunden. Ein fernes nagendes Gefühl des Unbehagens zehrte in seiner Brust und ließ ihn einen hastigen Blick auf die niedrige Tür werfen. Die Idee, daß jene Schwelle in wenigen Minuten von seinem menageschleppenden Burschen überschritten werden könnte, sie peinigte seine anerzogene Vornehmheit und zauste in der aufspringenden Freude herum.

»Liebe, süße Marianne,« begann er befangen, »daß dusoviel Mut besitzt! Ich weiß gar nicht, wie ich dir dafür danken soll.«

»Oh,« erwiderte das schöne Geschöpf lächelnd, »ich wüßte es schon. Du könntest zum Beispiel schnell die Vorhänge vor deinem Fenster schließen. Das würde dich sicherlich von vielen Befürchtungen befreien, nicht wahr, Fritzchen?«

Sie sprach es so harmlos und lässig, und ihre schwarzen Augen streiften dabei so schalkhaft sein Antlitz, daß der Offizier im ersten Moment gar nicht begriff, warum ihn ihre praktische Anordnung derartig verletzte. Und nur langsam verstand er sich selbst. Die Sicherheit, mit der sie hier disponierte, das Vertrautsein mit allerlei abscheulichen kleinen Kriegslisten, alles das erkältete ihn und ließ ihn verstummen. Schweigend schritt er zum Fenster und riß den Vorhang zusammen. Dann trat er hinter ihren Stuhl, den sie noch immer in leise schaukelnder Bewegung hielt. Und unvermerkt entzündete sich sein Schönheitssinn an der sanften Schwingung, durch die diese prachtvollen Glieder ihm bald zugebeugt und wieder entfernt wurden. Ganz sacht und unmerklich. Immer von neuem ein betörendes Haschen und Entflattern. Die Macht, die sie über ihn ausübte, ohne daß sie viel sprach oder ihn durch blendende Gedanken zu interessieren vermochte, sie schlug abermals über dem halb Gewonnenen zusammen.

»Du siehst so ernst aus, mein Liebling,« sagte sie mit ihrer weichen Stimme, aus der ein geübteres Ohr freilich leicht einen ganz feinen Unterton des Spottes herausgehört hätte, »hat dich der Dienst wieder so mitgenommen? Oder bist du mir vielleicht böse, weil ich dir durch meinen Besuch – meinen ersten – Unannehmlichkeiten bereiten könnte?«

Sie lag jetzt mit beiden Knien auf dem knarrenden Korbgeflecht,eng und warm ihm hingegeben, und er fühlte, wie die feine Seide ihres Handschuhs seine Wange streichelte. Nur die schwanke Lehne des Sessels türmte eine unmerkliche Grenzscheide zwischen ihnen.

»Bist du mir böse?« forschte sie noch einmal in einem nachgiebigen Ton, der ihn durchzitterte.

Fritz Harder strich sich leicht über die Stirn. Noch war das Entgegenstehende, das ihn gefangen hielt, nicht gänzlich überwunden. Und dann – in dieser Minute der Besinnung bestürmte ihn noch einmal der ehrliche und klare Wunsch, etwas Dauerndes zu schaffen, rechtlich und vornehm zu handeln, wie es der kleine vierschrötige Oberförster dort oben in den masurischen Wäldern unbedingt von ihm verlangt und gefordert hätte.

»Ich fürchte nichts für mich,« gab er deshalb ernster, als er beabsichtigt, zurück, »mich erschreckt nur der Gedanke, Marianne, daß dich die klatschsüchtigen Leute hier in der Gasse aus meinem Hause heraustreten sehen könnten.«

Da versetzte sie ihm einen leichten Schlag auf die Wange und wunderbar – sie lachte belustigt auf.

»Aber du Dummerchen,« beruhigte sie ihn, und wieder wiegte sie sich leise, »du glaubst doch nicht, daß ich für einen solchen Fall nicht vorgesorgt hätte? Ja, ich habe meiner Schwester Johanna sogar direkt mitgeteilt, in welches Haus ich gehe.«

»Was? Das hast du getan?«

»Ja, denk mal, wie schrecklich. Herr Nikolaus Adameit repariert nämlich meine goldene Armbanduhr, und selbst Johanna hielt es für nützlich, den alten Sonderling zu einiger Eile zu ermuntern. Meine große Schwester fürchtet ja immer, es könnte ihr irgend jemand etwas fortnehmen. Nun?« schmeichelte sie und blickte von unten zu ihm herauf,»sind deine Beklemmungen jetzt verflogen? Wirst du nun tapferer sein?«

Da enträtselte er zum erstenmal den verborgenen Spott in den Worten des Mädchens. Eine ferne Geringschätzung, die an seinem unbekümmerten Mut, an seiner jugendlichen Sorglosigkeit zu zweifeln schien. Das ertrug er nicht. Und auch diese Augen, die so erwartend und leuchtend schimmerten, in jenen großen schwarzen Bränden verknisterten all seine Pläne. Immer kecker lächelte der kleine, sich darbietende Frauenmund. Und da wirbelte auch schon wieder der Rausch über ihm empor.

Ein einziges, gewaltsames Ansichreißen, ein gedämpfter Laut der Überraschung, und dann stürzten die Wände mit den geblümten Tapeten, der geborgte Flügel, der Korbsessel und all das kahle Gerät in der wütenden Lohe zusammen.

Er fand sich wieder, aufwachend, verwirrt, in einer Situation, die er sich durchaus nicht zu deuten wußte. Wie in aller Welt hatte Marianne ihm den Degen von der Seite zu entwenden vermocht und weshalb setzte sie ihm die Spitze der Waffe auf einen Schritt Entfernung gegen die Brust, als ob sie sich vor ihm schützen wolle?

»Nun ist es aber wirklich genug, Fritzchen,« hörte er eine überraschend vernünftige Stimme durch all die Wirrnis hindurchschlagen, »du benimmst dich immer wieder wie ein kleiner unartiger Junge und hast nicht den geringsten Begriff davon, wie man mit einer Damentoilette umgeht. Was soll sich denn Johanna von mir und meiner Konferenz mit Herrn Adameit denken? Sieh bloß mal an, wie du meinen Staubmantel zerknittert hast!«

Ach ja, der Staubmantel! Ihm gebührte freilich nach dem Wiederkehren aus dem von Blutrosen und Dornen umsponnenen Eiland die erste Rücksicht. Dieser verfluchte,stumpfsinnige, lächerliche Mantel! Im Moment haßte der sich Zurückfindende das elegante Kleidungsstück, dessen knisternde Seide er eben noch mit kosenden Fingern gestreichelt. Immer deutlicher nahmen seine schmerzenden Augen wahr, wie störend sich die Erscheinung des berückenden Geschöpfes darbot, als Marianne jetzt den Degen achtlos auf das Sofa warf, um sich darauf vor dem kleinen goldgerahmten Wandspiegel den dunklen Rosenhut sorgfältig auf ihren Flechten zu befestigen. Erstaunt blickte er auf die ihm abgewandte Gestalt hinüber. Und doch, wie zart sich die krausen feinen Härchen von dem matt getönten Nacken abhoben! Herr des Himmels – ein leiser Seufzer entfuhr ihm – nein, das ertrug er nicht länger. All die widersprechenden Empfindungen, all das Unvereinbare von Anbetung und scheuem furchtsamen Tasten nach der innersten Seele der Geliebten, es umgab ihn mit einem dichten betäubenden Nebel, aus dem er sich unbedingt ins Freie retten mußte. Selbst seine Glieder schmerzten, als würde sein sich bäumender Körper tatsächlich durch feine mutwillige Hände von Bergesspitzen in Abgründe geschleudert. Und alles aus Neckerei. Aus Lust an Aufregung und Spiel. Darunter nahm sein Mannestum Schaden. Eine dumpfe Hörigkeit umschnürte seinen freien Willen, die ihm in den Augenblicken der Selbsterkenntnis unwürdig und unerträglich dünkte. Plötzlich reckte er sich. Er war ganz der klare Soldat, dem von allen seinen Untergebenen ein unbedingtes Vertrauen entgegengebracht wurde.

»Marianne,« sagte er unvermittelt klar und bestimmt, »ich habe mit dir zu reden.«

Die junge Dame am Spiegel ließ die vollen Arme, die den Schäferhut in eine anmutig schräge Lage zu bringen trachteten, nicht sinken, sie kehrte sich auch nicht zu ihm,sondern, während ihre frischen Lippen die lange Hutnadel in der Schwebe hielten, da suchten ihre Augen verwundert sein Bild in der blanken Spiegelscheibe auf.

»Du mußt mir einen Augenblick Gehör schenken, Marianne,« drängte der Offizier weiter und tat einen Schritt gegen sie.

»Schon wieder?« murmelte Marianne hinter der blitzenden Nadel undeutlich hervor. »Fritzchen, daß du ein solches Vergnügen an derartigen Auseinandersetzungen empfindest. Also was willst du denn, Liebling? Aber recht rasch, bitte, nicht wahr? Denn sieh mal, von der Sebalduskirche schlägt es schon halb acht. Johanna hat gewiß bereits wieder ihr strengstes Gesicht aufgesetzt.«

Noch hatte sie nicht geendet, als sie betroffen ihre schwarzen Augen bis zu der kleinen Eingangstür irren ließ, um dann plötzlich aufgescheucht ihren blauen Mantel ungestüm über sich zusammenzuziehen. Von der Treppe her drangen schwere, knarrende Tritte herauf. Verstört flüchtete das schöne Mädchen bis dicht an die Seite ihres verstummten Gefährten.

»Um Gott, Fritz, du erhältst doch nicht etwa Besuch? – Dein Bursche? – Aber das ist doch sehr unrecht von dir! – Wo soll ich denn jetzt hin?«

Erregte Worte fuhren zwischen den Beiden hin und her, dann ein hastiges Aufraffen des weißen Sonnenschirms, ein Huschen und Flattern, und der eintretende Reddemann bemerkte mit Erstaunen, wie sein junger Herr in offenbarer Verwirrung abgewandt vor der Tür des Alkovens verweilte, wo er im Grunde nichts zu suchen hatte. Auch für die leckere Zubereitung der Menagengerichte, die noch in ihren Schüsseln dampften, schien sein Gebieter heute keinen rechten Sinn zu besitzen. Unwirscher als sonst triebder Offizier, der merkwürdigerweise seinen Platz vor dem Nebenzimmer nicht aufgab, zur Eile.

»Ja, die Serviette muß ich doch wenigstens in den Ring schieben,« verteidigte sich der Ostpreuße verständnislos, obwohl auch er anfing aufmerksam nach der niedrigen Verbindungstür zu schielen, »und dann Messer und Gabel, Herr Leutnant.«

»Schon gut, schon gut, es ist alles sehr schön, – nur rasch!«

»Zu Befehl, darf ich nun noch das Bett aufschlagen?«

Aber merkwürdig, wie unberechenbar diese Vorgesetzten manchmal werden konnten. Der noble Herr, der ihn fast niemals fühlen ließ, daß er zur persönlichen Dienstleistung des Offiziers kommandiert war, er bekam unvermutet drei schwere Falten über der Nasenwurzel, und während er nervös nach der leeren Degenscheide griff, schrie er den treu Sorgenden zum erstenmal rücksichtslos an.

»Zum Donnerwetter, ich habe genug von dem langweiligen Geplapper. Mach, daß du fortkommst!«

Jedoch Reddemann blieb begriffsstutzig.

»Was, Herr Leutnant, ohne Bett?« stammelte er.

Und erst als sein Herr die Degenscheide auf den Erdboden stieß, daß alles klirrte und bebte, da schlug der Bursche blutrot die Hacken zusammen und stürzte wie behext die enge Treppe herunter.

»Da stimmt etwas nicht,« glitt es dem pfiffigen Patron durch den Schädel, »so fein hat es bei uns noch nie gerochen. Donnerwetter ja, die Vornehmen haben doch alles vom Besten.«

In dem Zimmer blieb es noch eine kleine Weile still. Erst als der dumpfe Schlag der Haustür verkündet hatte, daß jede Gefahr der Mitwisserschaft beseitigt, da raffte sich Fritz Harder zusammen, um mit einem raschen Entschlußseinen Besuch aus der seltsamen Einkerkerung zu befreien. Und wie heftig ihm auch das Herz schlug wegen der unwürdigen Rolle, zu der sie beide durch diese Heimlichkeit verurteilt waren, – das Bild, das sich ihm hinter der kleinen Tapetentür darbot, schimmerte in solch bestrickendem Reiz, daß all die Vorwürfe, die er gegen sich und die Geliebte im stillen erhob, vor ihm versanken. Da stand Marianne dicht an der Schwelle, das Haupt mit dem breitrandigen Rosenhut lauschend vorgebeugt, und die Wangen von Neugierde und Unruhe dunkel überflammt. Die Dämmerung des Alkovens umgab die matt beleuchtete, weiße Gestalt gleich einem schweren Ebenholzrahmen. Aufatmend und mit jener Lässigkeit, die den jungen Offizier schon so häufig betört hatte, trat sie in das helle Wohnzimmer und knöpfte sich eifriger als sonst die langen weißen Seidenhandschuhe zu. Offenbar wurde das Mädchen nur von der einen Sucht beherrscht, ihren Aufbruch so schnell und so unbemerkt als möglich zu vollziehen.

»Adieu, Fritzchen,« schnitt sie ihm bereits das erste Wort ab, denn sie fühlte mit Unbehagen, wie ihr aus den Augen des Gefährten schon wieder allerlei unbequeme Fragen entgegendrohten, »adieu, mein Liebling. – Nein, nein, um Gottes willen, rühre mich nicht an, solche ungeschickten Männerhände sind ja sofort wahrnehmbar. Und Johanna ist der mißtrauischste Polizist, den du dir denken kannst. Nein, ganz still, ganz artig« – und sie preßte ihm rasch die Rechte auf die Lippen, die sich schon zum Widerspruch oder zu einem Vorwurf geöffnet hatten. »Aber wenn du recht folgsam bist, komme ich vielleicht einmal auf ein Viertelstündchen wieder. Adieu, Fritzchen, adieu!«

Geschickt schmiegte sie sich durch den schmalen Türritzhindurch, allein jenseits der Schwelle wandte sie sich und warf noch einmal einen lachenden Blick zurück. Das Geschirr auf dem Tisch schien ihre Aufmerksamkeit zu fesseln.

»Wie drollig sich deine Wirtschaft ausnimmt,« flüsterte sie hinein, hob jedoch sogleich den Finger warnend gegen den Mund, damit er sie nicht durch eine laute Antwort verriete, »wie schade, daß du mich nicht bewirten konntest! Warum kommt dir eigentlich niemals solch ein hübscher Einfall? Überhaupt, du verdienst die große Bevorzugung und auch die Gefahr nicht, der ich mich deinetwegen aussetze. Sst, – ganz still, Fritzchen, hier hast du noch eine Kußhand, so – und nun schlaf wohl, mein Schatz.«

Fritz Harder hatte seine karge Mahlzeit kaum berührt. Ruhelos schritt er in der engen Stube auf und nieder, und seine verzogene Stirn deutete darauf hin, wie sehr er sich bemühte, der widerstrebenden Gedanken Herr zu werden. Zweimal schon hatte er sich an den Flügel gesetzt, allein unter seinen geübten Händen waren nur ein paar mißtönende Dissonanzen aufgeschrillt. Und durch einen heftigen Schlag auf die Tasten wurde das regellose Spiel beendigt.

Nein, das ging nicht. Er mußte sich sammeln und Klarheit gewinnen. Ungeduldig riß er die Schublade des roten Fichtentischchens auf und warf ein blaues Heft auf die Platte. Dies war seine Arbeit, von der er sich einmal Erfolg versprochen. Jetzt blieben seine Augen wirr auf einer sauber gezeichneten Terrainkarte haften, und er versuchte sich zu besinnen, warum er mit roter und grüner Tinte verschiedene sich kreuzende Linien hineingemalt hatte.

Alles vergeblich. Der bohrende Gram, die innere Unzufriedenheit mit sich selbst, sie warfen sein Auffassungsvermögenum, sie schlugen den stärkeren Menschen in ihm nieder.

Nein, es war genug. Törichter Hochmut, sich für besser zu halten und würdiger als seine Kameraden sich gaben. Und dann – er lachte bitter auf, bedeckte sich mit der blauen Mütze, und nach ein paar Minuten schon klirrte sein metallener Säbel über das Trottoir der menschenleeren Rosenkranzgasse.

»Ah, Fritz Harder,« rief der lange Janick, als sein Freund das Spielzimmer des Kasinos betrat; und damit erhob sich der Oberleutnant, lebhaft winkend, von seinem Sitz, »kommen Sie, Beethoven, hier ist eine große Neuigkeit eingetroffen. Schieberamsch mit Pauken und Trommeln. Das müssen Sie lernen, Fritzchen, setzen Sie sich neben mich, so etwas Anregendes haben wir schon lange nicht erlebt. Prost, Musikante – prost.«

Dunkelheit senkte sich bereits über die Stadt. Aus dem Portal des Goldenen Bechers trat, dicht in einen schwarzen Hängemantel gehüllt, der bewegliche Kammerdiener des Konsuls Bark heraus, in der Hand ein ziemlich umfangreiches Briefkuvert, das er im Auftrage seines Herrn dem Leutnant Fritz Harder in sein Quartier überbringen sollte. Der weiße Umschlag leuchtete durch die Nacht, als Pawlowitsch achtlos schlenkernd über den Marktplatz schritt. Noch war der Diener nicht weit gekommen, als seinen auch jetzt rastlos umherspähenden Äuglein die Umrisse eines Jagdwagens auffielen, der, mit drei winzigen Pferdchen bespannt, dicht vor der Einfahrt des zweiten großen Gasthofes der Stadt »Zum russischen Großfürsten« wartete. Interessiert und auf unhörbaren Sohlen tänzelte Pawlowitsch näher. Aus der Dunkelheit tauchtenzwei Gestalten auf, die sich augenscheinlich an dem Hinterrad des Gefährts zu schaffen machten. Ein paar derbe Flüche in russischer Sprache wurden laut, und der Kammerdiener erkannte sofort das dröhnende Organ des Grenzoffiziers, der vor ein paar Stunden seinem Herrn die Ehre seines Besuches geschenkt hatte.

»Dummes Vieh,« hörte der regungslos Verharrende den Rittmeister Sassin auf seinen Rosselenker einschimpfen, »hab' ich dir nicht zehnmal gesagt, daß das Rad quietscht wie eine kranke Katze? Du Hundesohn hast wieder verschlafen, Fett auf die Achse zu schmieren. Ich schneide dir noch einmal in Wahrheit beide Ohren ab. Gleich holst du dir von diesen Deutschen etwas von dem Zeug heraus. Hast du verstanden?«

Der zusammengekrümmte Kutscher zog seine hohe Schirmmütze. »Jawohl, guter Herr,« murmelte er demütig und verschränkte seine Arme über der Brust. »Euer Gnaden, ich gehorche.«

»Zum Teufel, dann mach, daß du fortkommst! Und wenn du fertig bist, dann holst du mich dort drüben aus der Konditorei ab. Hast du begriffen?«

»Ich gehorche, Euer Gnaden.«

Der Kutscher trottete in die Einfahrt zurück, und der Rittmeister schlenderte säbelklirrend über das rauhe Pflaster, bis er plötzlich vor der schweigenden Gestalt des Lauschers zurückschreckte.

»Was ist?« rief er drohend.

»Oh nichts, Euer Gnaden,« erwiderte Pawlowitsch sich tief verbeugend, »ich bin es nur, der Diener des Herrn Konsul Bark.«

»Aha – aha – Diener – Diener von ausgezeichnetem Freund Rudolf Bark,« lenkte der Russe ganz widerspruchsvoll ein, und dabei versetzte er dem zierlichen Männcheneinen wohlwollenden Faustschlag auf die Schulter, so daß der Überraschte, der eine solche Gunstbezeugung wohl kaum erwartet haben mochte, ein wenig vornüber taumelte.

»Heilige Mutter!« stöhnte der Getroffene leise.

Der Russe jedoch ließ von seiner Zärtlichkeit nicht ab, ja, er beugte seine mächtige Gestalt sogar noch etwas tiefer zu dem Unentschlossenen herab, als sei es für ihn überaus interessant zu konstatieren, was für einen weißen Zettel der Diener des ausgezeichneten Rudolf Bark in den Händen trüge.

»Pawlowitsch, guter Junge,« rief er wohlgelaunt, und dabei zupfte er nach russischer Sitte dem weißhaarigen Kerlchen sanft an dem Ohrlappen herum, »bist fleißigstes Geschöpf, das ich kenne in dieser fleißigen Stadt!Toujours en vedette, früh und spät. Weißt du auch, daß ich dich deinem Herrn schon längst ausmieten wollte? Sieh einmal, du trägst Brief, Pawlowitsch!«

»Oh,« erwiderte der Hausmeister, der einen Augenblick zögerte, bis er dann doch die Aufschrift des Kuverts nach oben kehrte, »an den Leutnant Fritz Harder«.

»Leutnant Fritz Harder,« wiederholte der Dragoner in beglücktem Ton, »ach, sieh einmal, wirklich an lieben Fritz Harder.« Und nach einer Weile des Nachdenkens, während deren sich der Russe rasch den blonden Kinnbart strich, setzte er hinzu: »Mir ist, als ob junger Herr bei der Festungskommandantur beschäftigt wäre?«

»Ja,« pflichtete Pawlowitsch immer langsamer bei, indem er den Brief vorsichtig unter dem herabwallenden Hängemantel vergrub, »der Herr Leutnant ist seit kurzem dazu kommandiert.«

»Nun, will nicht aufhalten,« sagte der Russe freundlich, »besorge Auftrag, Pawlowitsch. Aber warte, – sollteich heute nicht vergessen haben, dir dein gewohntes Trinkgeld zu überreichen?«

Jetzt schüttelte der Diener heftig abwehrend das Haupt, allein er konnte es doch nicht verhindern, daß seine schwarzen Äuglein trotz der Dunkelheit einen höheren Glanz gewannen.

»Nein, nein, Euer Gnaden, ich habe nichts zu beanspruchen. Der Herr Rittmeister haben ja nichts bei uns genossen.«

Der Russe jedoch streckte wiederum seine Faust nach dem Ohrläppchen des nicht mehr Zurückweichenden aus.

»Kleiner Galgenvogel,« meinte er gutmütig, »hast du vergessen, daß ich euch beinahe eine ganze Flasche von wunderschönen klaren und lieblichen Rheinwein austrank? Ein schöner Wein, ein seltener Wein! Wir Russen sind dankbar, wir erinnern uns stets der treuen und braven Diener. Hier, Pawlowitsch, nimm. Macht mir Freude, wenn du an Rittmeister Sassin denkst.«

War es Ernst oder bestand alles in einem Irrtum? Gott im hohen Himmel, da hielt der Mann im Radmantel ein blankes Zwanzigmarkstück in der Hand; der über dem Markt heraufkommende Mond weckte Funken in dem roten Metall, und es war ein so einzig schönes Bild, daß Pawlowitsch seine langen Finger krampfhaft schloß, als gönne er es anderen nicht, sich an dieser wärmenden Augenweide zu ergötzen. Und doch krümmte sich seine Seele und wand sich ängstlich hin und her, denn die Güte des Rittmeisters erschien dem kundigen Mann verdächtig, und ein quälender Zweifel beschlich ihn, ob jenes Gold nicht vielleicht dazu bestimmt wäre, um die besseren Mahnungen seines Herzens zu übertönen. Man hatte so viel von den rauhen Grenznachbarn gehört, sie waren so lüstern nach diesen oder jenen gleichgültigen Dingen, die den Uneingeweihtengänzlich nebensächlich erschienen, und die dann doch plötzlich eine besondere Geltung gewinnen konnten. Und dann – die Versucher von dort drüben sollten sich im Besitz von ungeheuerlichen Schätzen befinden, die sie wahllos und verschwenderisch über die ihnen Ergebenen und Willfährigen ausstreuten. Hatte sich Pawlowitsch, der Listige und Verschlagene, nicht schon oft heimliche Gedanken darüber gemacht, wie hübsch es wäre, wenn man die groben ungeschlachten Kerle von jenseits der Grenze ein wenig necken würde? Natürlich nur ein bißchen aufziehen, um sie hinters Licht zu führen, denn man wußte ja eigentlich gar nichts, was die neugierige Gesellschaft wirklich interessieren könnte. Aber als der Hausmeister jetzt das kalte Goldstück mit seinen langen Spinnenfingern umschloß, da gab es ihm doch einen brennenden Stich durch alle Adern hindurch, und einen Moment schlugen Angst und Feigheit so stark in ihm empor, daß er fast ohne Überlegung die Hand ausstreckte, um das liebe, das schöne, das reiche Geschenk wieder von sich zu schleudern.

»Da – da – Panne Rittmeister –«

»Was willst du, mein lieber Junge?«

»Ich – ich« – das Kerlchen im Radmantel erwachte – »ich wollte Ihnen bloß herzlich danken, Herr Rittmeister,« sagte er schmerzlich.

Der Russe jedoch versetzte ihm einen freundschaftlichen Puff vor die Brust, so daß dem ohnehin Bedrückten einen Moment lang die Luft fortblieb.

»Schon gut, Pawlowitsch,« hörte er die dröhnende Stimme dicht vor seinem Ohr, »das ist nur Kleinigkeit. Du gefällst mir, du gefällst mir wirklich. Und dann – wir sind ja auch halbe Landsleute. Wer weiß, was ich noch alles für dich tun kann? Und nun geh und richtedeinen Auftrag aus, bei lieben Leutnant Fritz Harder. Wo wohnt er doch noch?«

»Er wohnt Rosenkranzgasse 19,« schlich dem Diener die Stimme mühsam aus der Kehle. Und sich windschief verbeugend, schlug der Davoneilende ein Kreuz unter dem langen Mantel, indem er noch erstickt hinterher zu flüstern versuchte: »Jesus, Maria und Joseph, legt Fürbitte ein!«

Als Pawlowitsch dies herausstöhnte, schlug es von der Sebalduskirche die zehnte Stunde. Das Glockenspiel des Meisters Adameit begann wieder seine glasklaren Melodien zu spielen: »Wer nur den lieben Gott läßt walten.« Da trat Pawlowitsch der Schweiß auf die Stirn. Fester und gieriger preßte er die Goldmünze in seiner Hand zusammen, als müsse er sich durchaus an etwas Irdisches klammern, und doch bröckelte es von seinen Lippen noch einmal wie vorhin, nur schaudernd und abwehrend:

»Jesus, Maria und Joseph, wie leicht kann man das Geld auf dieser Erde verdienen. Wie leicht – legt Fürbitte ein!«

Durch die langen schmalen Eichen vor dem Herrenhause von Maritzken raschelte der Frühwind. So eng beschnitten hatte man die dunkelgrünen saftigen Kronen, daß man die Bäume in der Ferne für hochstrebende Pappeln halten konnte. Nun wiegten sich die Wipfel im weißen Sonnenlicht des Julivormittags und warfen schwankende Schatten auf den grob gepflasterten Hof, der trotz beginnender Ernte und obwohl er von Leiterwagen und Pflügen besetzt war, so sauber aussah, als wäre er für eine besondere Feierlichkeit aus vielen Wasserschläuchen überspült worden. Auch die umgebenden Wirtschaftsgebäude blitzten stets untereinem weißen Anstrich, denn es machte den Stolz der Herrin von Maritzken aus, daß sich das von ihr bewirtschaftete Gut immer in weithin leuchtender Weiße zeige. Unter dem viereckigen Toreingang aber stand Johanna Grothe selbst, und die Sonnenstrahlen hüllten ihr lockeres Haar in eine Goldhaube ein. Vor ihr verharrte in Hemdsärmeln die untersetzte Figur ihres Statthalters, der sein kleines zehnjähriges Töchterchen an der Hand führte.

»Nun, Baumgartner,« fragte Johanna den Mann mit der vorzeitig durchfurchten Stirn freundlich, »wie weit halten wir heute?«

Da berichtete der treu sorgende Verwalter, der die Angewohnheit aller älteren Landleute besaß, die Gutsangelegenheiten nicht allzu rosig darzustellen, wie man bei der Rapsernte auf ganz verfluchte Flecken gestoßen sei, die mit nichts als Unkraut und Hederich bewachsen wären.

»Da ist wieder ein toller Hund gelaufen,« sagte der Landmann nach dem Aberglauben der dortigen Gegend.

»I, lassen Sie nur, Baumgartner,« tröstete Johanna lächelnd, »unser Raps selbst steht fett und gut. Es kann einem das Herz im Leibe lachen.«

Der Mann kraute sich leicht hinter dem Ohr. »Na ja, Fräuleinchen, aber mit dem Kartoffelumwerfen, da kommen wir nicht richtig vorwärts. Uns fehlen Pferde. Ponnies müßten wir haben, mit schmalem Tritt.«

»Da haben Sie recht, Baumgartner,« nahm seine Herrin den Einwurf lebhaft auf, »aber wissen Sie das Neueste? Heute nachmittag fahre ich mit meinen Schwestern nach Grabowo.«

»Was, über die Grenze?« hob hier der Verwalter sein sonnengebräuntes Haupt und zuckte ein wenig mißtrauisch die Achseln, und als er erfahren, daß seine Gebieterin dort drüben das vermißte Pferdematerial zu kaufen beabsichtigte,da klopfte er mit dem Finger noch einmal warnend gegen die Schärfe seiner Sichel. Es gab einen hellen Ton. »Vorsichtig, gnädiges Fräulein,« riet er dringend, »die Gesellschaft da drüben geht nicht immer ehrlich zu Werke.«

»Oh, Sie können unbesorgt sein, Baumgartner, Herr Konsul Bark begleitet uns.«

Da ging ein beifälliger Zug über das ernste Antlitz des Landmannes.

»Das ist gut,« stellte er fest. »Konsul Bark versteht seine Sache. Er hat auch mit dem alten Trakehner Hengst bei uns recht behalten. Das Tier arbeitet drei junge Pferde in Grund und Boden.« Und während sich der Beamte schon zum Abgang wandte, fragte er noch einmal ehrerbietig: »Und zu wann befehlen das Fräulein den Wagen?«

Eine schwere Falte grub sich dabei mitten über die Stirn des Mannes. Allein Johanna verstand ihn.

»Nein, nein, Baumgartner,« beruhigte sie. »Sie brauchen sich gar nicht stören zu lassen, Herr Konsul Bark holt uns in seiner eigenen Equipage ab, obwohl uns unser Weg ja ohnehin durch die Stadt führen würde. Sie können Ihre Pferde ruhig bei der Arbeit behalten.«

»Oh, danke schön, gnädiges Fräulein, das ist gut. Herr Konsul Bark weiß, was sich gehört. Ich freue mich immer, wenn er auf das Gut kommt. Nun vorwärts, Tilli.«

Er gab seiner kleinen Tochter einen Wink, das Kind knixte und beide schritten rasch bis zum Hoftor. Jedoch sie sollten nicht hinausgelangen. Von der Chaussee her erhob sich ein scharfes Rollen, Peitschenklang schwirrte durch die Luft, und gleich darauf sah die Gutsherrin, wie ihr Verwalter ein Paar mächtigen Rappenhäuptern beruhigend über die schäumigen Nüstern klopfte.

Bei Gott, dies Gespann kannte Johannas geübter Blick.Ja sogar den harten, sausenden Peitschenklang unterschied sie vor allen anderen. So dröhnend und unbekümmert raste nur der Riese dort drüben von Sorquitten über die Landstraße. Und richtig, noch hatte sie die Ziegelschwelle unter der viereckigen Einfahrt nicht verlassen, da schob sich auch bereits eine mächtige Männerfigur in einem gelben Sportanzug durch die Toröffnung, und ein grünes Tirolerhütchen mit einer alten verbogenen Hahnenfeder wurde aus Leibeskräften in der Luft geschwenkt.

»Morjen, morjen, Johanna, alte Seele,« wetterte das markige Organ des Vetters Fedor von Stötteritz, und dabei stampfte der ungeheuerliche Eindringling bald rechts, bald links mit den braunen Schnürstiefeln, aus denen sich ein paar unförmige Waden herausdrängten, schallend auf den Steinen des Hofes herum. »Laß mal eiligst so einen kleinen Tritt herausbringen, liebste Cousine, meine alte Dame will sich nämlich wieder nicht meinen Armen anvertrauen. Sie behauptet, ich zerbräche ihr immer ein paar Knochen im Leibe. Also fix, Johanna,« und er führte die beiden Mittelfinger in den Mund und ließ einen gellenden Pfiff erschallen. »Vorwärts, wo bleiben die Faulpelze? Meine Frau Mama kann ja bekanntlich nicht warten.«

Jetzt wurde es auf dem Hofe lebendig. Eine Magd mit einem Tritt lief hochaufgeschürzt hinzu, und nachdem auch Johanna bis an den Wagenschlag geeilt war, da entschloß sich die lang aufragende, hagere Insassin des Gefährtes endlich, die Expedition auf den sicheren Erdboden zu unternehmen. Mit einem Krückstock indessen tastete sie erst vorsichtig die Unebenheiten des Terrains ab. Kurzatmig stand sie dann neben ihrem Sohn, um ihrem blauroten und doch pergamentartig mageren Antlitz ein wenig kühlende Luft zuzufächeln.

»Es ist nichts mit solchen Ausfahrten,« stellte Frau von Stötteritz grämlich fest, wobei sie der Hausherrin steif ihre Rechte zum Handkuß darbot. »Guten Tag, liebes Kind. Ich wollte dich gewiß nicht belästigen – nein, nein, schon gut, wer soll sich denn über eine so alte anspruchsvolle Frau im Ernst freuen? – aber mein dummer Junge läßt mir ja keine Ruhe. Es sollte durchaus ein Besuch bei dir werden. Als ob ich dich in meinem Leben noch nicht gesehen hätte! – Nein, nein, schon gut,« unterbrach die hagere Dame entschieden, als das blonde Mädchen ihr irgend etwas Liebenswürdiges entgegnen wollte. »Lüge nicht erst, mein Töchterchen, du schwärmst ja selbst nicht für Komplimente. Die Hauptsache ist, daß ich möglichst bald eine Fußbank unter mein rechtes Bein erhalte. Du kannst dir gar nicht denken, wie mich das Rheuma wieder plagt. Aber paß auf, es gibt Regenwetter. Unsere Rapsernte wird uns natürlich wieder wegschwimmen.«

»Du, Hans,« schrie der Sohn aufgeräumt dazwischen, der seine Frau Mama mit den flachen Händen so sanft wie möglich vor sich her schob, »mein ganzer Raps an Silberstein da drinnen verkauft. Den verfluchten Juden hab' ich schön hochgenommen. Wenn das in diesem Jahre so weiter geht, dann bau ich auf Sorquitten das neue Herrenhaus, das du neulich vorschlugst. Meine Alte werde ich schon rumkriegen.«

»Es wäre gut, wenn du mir nicht so in die Ohren schriest, Fedor,« tadelte die Vorauftappende, schmerzlich ihren Mund verziehend. »Was ich dieses Brüllen nicht leiden mag – –«

»Na, laß man sein, Mutterchen, ich säusele schon wieder. So, und nun aufgepaßt, hier kommen die Treppen.« Der Besuch wurde in das große Staatszimmer hinaufgeführt,dessen drei Fenster auf den Park hinausgingen. Denn Johanna dachte daran, daß ihre Tante, Frau von Stötteritz, eine unbesiegliche Abneigung hege gegen den Anblick des Wirtschaftshofes sowie gegen die rauhen Geräusche, die sich von dort möglicherweise erheben konnten. In einem alten gelben Seidenfauteuil lehnte die alte Dame an einem der hohen Fensterbogen und zupfte nervös an den seidenen Halbgardinen herum. Währenddes präsentierte die blonde Hausherrin ihrem kritischen Besuch ein in Wein abgezogenes Ei, denn dies war die einzige Aufwartung, welche die kränkliche Dame gnädig aufnahm. Dafür konnte sie von jener Leckerei auch große Mengen vertilgen. Einen Augenblick hörte man nichts, als das Klirren des Löffels, den Frau von Stötteritz in dem Glase herumführte, und dazwischen mischten sich die schallenden Tritte ihres Sohnes, der, die Hände in den Taschen, ruhelos das Zimmer durchmaß. Er entbehrte seine Zigarre, die in der Gegenwart der Mutter nicht geraucht werden durfte.

Endlich hatte die kränkliche Frau die ihr so wohlmundende Leckerei mit Andacht zu sich genommen; das behagliche Schlürfen sowie das Kratzen des Löffels erstarb, und nachdem sich Fedors Mutter umständlich mit ihrem Taschentuch Mund und Hände gereinigt, da richtete sich die hagere Gestalt starr in ihrem Sessel auf, alles Vorboten, daß jetzt etwas Wichtiges erfolgen sollte. Zuerst aber reichte sie mit ihren zitternden Fingern das Glas zurück, um verurteilend zu klagen:

»Wenn einem nichts mehr schmeckt, so ist das ein schlimmes Zeichen. Nein, widersprecht nicht erst, ich bin mir über meinen Zustand ganz im klaren.«

Als aber ihr herkulischer Sohn unbekümmert seinen dröhnenden Spaziergang durch das weite Gemach fortsetzte,da nestelte Frau von Stötteritz aus ihrer schwarzseidenen Handtasche einen mehrfach gefalteten Brief hervor, strich ihn auf ihrem Schoße glatt und tat einen tiefen, halb seufzenden Atemzug.

»Höre, Johanna,« begann sie endlich, indem sie sich den Zeigefinger netzte, wie wenn sie die Seiten des vertrockneten Briefes umzuschlagen gedächte, »bekümmerst du dich eigentlich um politische Vorgänge?«

»Um politische –?«

Johanna stutzte. Und während sie mit entschlossener Bewegung ihr blondes Haupt in den Nacken warf, da nahm sie plötzlich jene abwehrende Stellung ein, die ihrer ganzen Gestalt das Gepräge verlieh.

Mein Gott, wie unangenehm! Gedachten die beiden herrischen Adelsmenschen, die in der ganzen Gegend wegen ihrer altpreußischen Gesinnung bekannt waren, sie, die emsig Schaffende, nun auch zu ihren Lebensanschauungen zu bekehren? Oh nein, darin täuschten sich die beiden. Sie – das Gutsfräulein von Maritzken bewertete die ihr Nahen und Fernen lediglich nach den Leistungen, durch die Schaffensfreudige und Arbeitskräftige ihr Dasein, ihre Lebenshaltung zu befestigen oder zu steigern vermochten. Ja, das war es, dem praktischen Sinn der großen Blonden war der Erwerb, der anständige und sichere, beinahe etwas moralisch Schönes und Geheiligtes geworden. Und deshalb lehnte sie gewöhnlich mit einer ihrer entschlossenen Gesten alles ab, was sich in ihrem Umkreis in politischen Zänkereien erging. »Wer für sich schafft, schafft auch für das Land,« dachte sie. Und mit diesem Bekenntnis glaubte sie sich genügend mit den Streitigkeiten des Tages abgefunden zu haben.

»Bekümmerst du dich eigentlich um politische Dinge?«hob Frau von Stötteritz noch einmal an, und es klang bereits, wie immer, ein spitzer Vorwurf aus dem Ton ihrer Frage.

Aber gerade diese Art, die so selbstverständlich eine scheue Unterwerfung forderte, das bedingungslose Zustimmen zu einem durch nichts zu erschütternden Programm, das rief den starken Drang nach Widerspruch, nach Verteidigung bei dem eigenwilligen Landfräulein hervor. Und indem Johanna mit dem Finger leicht auf die Tischplatte pochte, als wollte sie für jedes ihrer Worte eine besondere Aufmerksamkeit verlangen, da warf sie mit angenommener Gleichgültigkeit hin:

»Nein, liebe Tante Adelheid, von Politik verstehe ich zu wenig. Und das Geringe, das ich manchmal mit meinem Freunde, dem Konsul Bark, bespreche, das hat irgendwie einen Bezug auf meine Wirtschaft. Aber ein Verdienst oder etwas Ersprießliches,« setzte sie mit einem kalten Lächeln hinzu, »ist meines Wissens für mich noch niemals dadurch erzielt worden.«

Bei der Erwähnung des Namens ›Bark‹ öffneten sich die schmalen Lippen der Freifrau wie von selbst, und sie ließen ein Paar der großen gelben Zähne zum Vorschein kommen. Und siehe da, auch ihr mächtiger Sohn gab seine Wanderung auf und wurzelte so unvermittelt auf dem olivgrünen Velourteppich fest, daß die alten Porzellantassen in der nahen Glasservante zu klirren anhoben. Gleich darauf trat auch er an den Tisch heran, ganz dicht neben das blonde Mädchen, und zwirbelte mit einer weitausladenden Bewegung den starr sich emporreckenden rotblonden Schnurrbart zurecht.

»Konsul Bark?«, nahm er das verdächtige Wort von neuem auf und in seine tiefe Stimme drang gleichfalls etwas Scharfes und Schnarrendes. »Sag mal, kommstdu mit dem Tütendreher noch immer so häufig zusammen, Johanna?«

Da war wieder jene Verachtung der kaufmännischen Berufe, die den praktischen Hans mehr wie alles andere verdroß. Und in ihrem Innern erhob sich eine heftige Abneigung gegen die junkerliche Überhebung des Vetters. Zum Teufel, was hatte der Riese von Sorquitten denn Höheres und Besseres geleistet, als der gewandte Geschäftsmann dort drinnen in der Stadt? Gott ja, Fedor war ein mit beiden Fäusten durchgreifender Landwirt, praktisch in jeder Faser und voll derber Freude an seinem Beruf. Seine Leute duckten sich vor ihm, denn es war nicht ratsam, mit dem Enaksohn im Ernst anzubinden. Aber bestand denn darin etwas so Gewaltiges, das große väterliche Gut, das ihm blühend von Generationen von Vorfahren überliefert war, in einem ertragsreichen Zustand zu erhalten? Wie ganz anders der Chef des Goldenen Bechers dort drinnen am Marktplatz. In ewig neuer Anspannung mußte der Kaufmann seine Kapitalien, ja sogar sein ganzes Geschäft, das durch wechselnde Konjunkturen und Zeitströmungen immer wieder gefährdet werden konnte, verteidigen, schützen und erweitern. Über die schnell sich verändernden Beziehungen des Völkerlebens mußte er sich unterrichtet zeigen, denn jeden Augenblick konnte es nötig werden, irgendeine der sich erhebenden großen Fragen des Weltgeschehens für sich günstig auszubeuten. Dazu gehörte doch eine andere geistige Beweglichkeit, eine männliche Kraft des Entschlusses und daneben auch eine biegsame und geschmeidige Leichtigkeit, die plötzlich anstürmenden Gefahren auszuweichen verstand; ja, es gehörte mehr Mut und Selbstbeherrschung zu einem solchen Tütendrehen, als es das ruhige Abwarten von Saat und Ernte verlangte.

So meinte Johanna wenigstens, denn da ihr selbst die schwere, und an Enttäuschungen reiche Pflicht der Bodenbearbeitung geläufig war, so neigte sie durchaus dazu, das ihr fremde und imponierende Spiel des Handels höher als ihre eigene Leistung einzuschätzen. Aber selbst wenn dieser letzte Grund fortgefallen wäre, so empörte sich die tief in ihr wurzelnde Dankbarkeit für ihren uneigennützigen Freund dagegen, daß Junkerhochmut den tätigen Mann seines Gewerbes wegen über die Achsel anschauen dürfe. Und sehr bestimmt entgegnete sie deshalb auf den etwas spöttischen Einwurf ihres Vetters:

»Allerdings, lieber Fedor, ich komme mit Herrn Konsul Bark sehr häufig zusammen. Ja, unser Freund wird mich und meine Schwestern sogar heute nachmittag in seinem eigenen Wagen zu einem Besuch jenseits der Grenze abholen.«

Noch hatte die Entschlossene nicht völlig geendet, als der Brief auf dem Schoß der Tante Adelheid seltsam zu rascheln begann. Und während der mächtige Landwirt vor Überraschung mit der Faust nur einen kräftigen Luftstoß ausführte, dem sich die empörte Anmerkung beigesellte: »Na, das ist aber doch – –,« da schüttelte seine Mutter sehr bestimmt das pergamentene Haupt, und ihre noch immer schwarzen Augenbrauen schnürten sich so eng zusammen, als ob damit die Willensäußerung ihrer Nichte ein für allemal ausgestrichen und aus der Welt geschafft wäre.

»Mein liebes Kind,« hüstelte sie in ihrer frostigen Art, die keinen Widerspruch zu kennen schien, »du siehst hier diesen Brief. Mein dummer Junge behielt doch recht, als er mich zu dem Besuch bei dir veranlaßte. Ich merke, wir kommen gerade zur rechten Zeit. Kurz und gut, liebeJohanna, du wirst klug handeln, wenn du deinen Besuch jenseits der Grenze unterläßt.«

»Aber warum, beste Tante? Ich sehe gar nicht ein –«

»Unterbrich mich nicht, Johanna, sonst verliere ich so leicht den Zusammenhang. Dir wird hoffentlich gleich alles klar werden. Und du kannst Gott danken, daß man dich noch in letzter Stunde warnt. Weißt du, was dieser Brief enthält? Er stammt von meinem Bruder, dem Geheimen Regierungsrat von Roeder aus dem Auswärtigen Amt, und mein Verwandter richtet die dringende Bitte an mich, die äußerste Vorsicht gegen alles walten zu lassen, was mit unseren russischen Nachbarn irgendwie in Beziehung steht.«

»Aber liebe Tante Adelheid,« rief Johanna eifrig, obwohl sie sich eines leichten Fröstelns, das über ihre weiße Haut rieselte, nicht erwehren konnte, »wozu das alles? Wir sind doch auf das große Volk dort drüben angewiesen. Wir tauschen so vieles von ihnen ein, was wir nirgends besser und billiger erhalten. Und die Leute von jenseits der Grenzpfähle nahmen gerade in den letzten Jahren auch von uns nicht allein allerlei praktische Dinge, sondern sogar manche Sitten und wissenschaftliche Errungenschaften an, so daß man sich über den lebhaften Verkehr doch nur freuen sollte.«

»Der Teufel soll den albernen und leichtsinnigen Verkehr holen,« brummte hier der Riese von Sorquitten dazwischen, dem der Zorn das Antlitz dunkler färbte, »ich wünschte, man hätte schon längst den Brüdern die Zähne gewiesen.«

»Um Gottes willen, Ihr stellt ja die Angelegenheit beinahe so dar, als ob wir uns mit denen da drüben im Kriegszustande befänden,« lachte Johanna ärgerlich auf, und ihre Rechte schlug dabei quer durch die Luft, wie wennes notwendig wäre, das gefährliche, das unmögliche Wort von vornherein zu sprengen oder zu zerteilen.

Allein was war das? Weshalb suchten in diesem Moment die hellblauen Augen des Riesen, die sonst so lachend, so sorglos und unbekümmert über Lebendes und Totes fortzugleiten gewohnt waren, weshalb in aller Welt suchten sie so dringend und ernsthaft die ihren? Warum nickte das blonde Haupt ein paarmal so schwer und bedächtig, wie wenn ein ungeheures Schicksal sich mit Wucht auf diesen starren Nacken gebürdet hätte? Und dann? Täuschte sie sich? Ihr war es, als ob sich die unförmige Gestalt des Recken in plumper Bewegung näher und näher an die ihre heranschöbe, und das unsichere Gefühl durchdrang sie, als ob dies alles geschähe, um ihr bei heranziehender Gefahr nahe zu sein, um sie zu bergen und zu schützen. Dazu verharrte die Kranke in ihrem gelben Sessel starr und unbeweglich, kein Wort drang über die fest zusammengepreßten schmalen Lippen, und nur aus dem nervösen Zittern der schwarzen Augenbrauen enträtselte die beklommene Beobachterin, welchen beängstigenden Gedanken die Leidende heimlich preisgegeben sein müsse. Unerträgliche Schweigsamkeit waltete zwischen den drei aufgescheuchten Menschen. Endlich ertrug es die Älteste von Maritzken nicht länger. Mit ein paar unbedachten Schritten näherte sie sich dem Stuhl der Greisin, um ganz gegen ihre Gewohnheit hastig und aufgeregt die lange welke Hand von Fedors Mutter zwischen ihre eigenen pulsierenden Finger zu betten.

»Liebe Tante,« stieß sie ohne weitere Rücksicht hervor, »du mußt nicht glauben, daß es nur die Unruhe um meine eigene Sicherheit oder um die ungefährdete Existenz meiner Schwestern ist, die mich jetzt veranlaßt, dich um weitere rückhaltlose Auskunft zu bitten. Aber nicht wahr, Fedor, nicht wahr, Tante Adelheid,« fuhr sie dringenderfort, »ihr, als Gutsvorstände, könnt mir das nachfühlen. Ich habe ja so vieles hier zu verantworten, anvertraute Kapitalien und nicht zuletzt das Leben und das karge Besitztum meiner Leute. Ich muß also wissen, worum es sich in diesem Briefe handelt. Ihr könnt es mir ganz ohne Schonung anvertrauen, es wird mich nicht umwerfen. Und dann –,« sie trat ans Fenster und riß mit einer hastigen Bewegung die seidenen Halbgardinen fort, so daß die alte Dame, von einem Sonnenstrahl getroffen, wehleidig zusammensank – »werft doch nur einen Blick auf alles, was wir Deutschen hier schufen, auf den alten Park mit seinen hundertjährigen Stämmen, auf die prachtvollen Weizenfelder, die wir in rastloser Emsigkeit durch immer neue wissenschaftliche oder rein praktische Methoden zu ihrer heutigen Reife und Blüte brachten! Betrachtet dort hinten, jenseits der Chaussee das reinliche Dörfchen Maritzken mit seinen kleinen Gärten und Lauben und der wunderhübschen Holzkirche. Das alles hat man seit fünfzig Jahren aus einem Sumpf herausgehoben. Und alle diese Mühe, so viel Leben und Daseinsfreude, das sollte man von einem eisernen Hagel zerschmettern lassen? Für immer? Nein, daran glaube ich nicht,« schloß sie tief atmend und legte sich wie befreit die flache Hand auf die arbeitende Brust.

Auf diesen Ausbruch hob die alte Dame den sorgsam behüteten Brief rasch gegen das Licht, zog aus ihrer schwarzseidenen Tasche gleichzeitig ein Schildpattlorgnon hervor und hielt sich die Gläser dicht vor die Augen.

»Liebes Kind,« schnitt sie alle weiteren Erörterungen ab, »wenn du mehr Umgang in militärischen Kreisen pflegen würdest, was ich für sehr nützlich hielte, so könntest du wissen, daß jene große Auseinandersetzung, die dir so unmöglich scheint, von den maßgebenden Stellen schon seit Jahren befürchtet oder auch erhofft wird. Je nachdem.Ich halte es deshalb für meine Pflicht, dir ganz reinen Wein einzugießen. Merke genau auf. Mein Bruder, der es auch mit dir gut meint, schreibt folgendes.«

Damit lenkte die starr und aufrecht Sitzende das gelbe Blatt Papier noch näher an ihr Antlitz, das sie scheinbar nicht beugen konnte, und griff mitten aus dem Brief folgende Stelle heraus:

»Seit dem frevelhaften Verbrechen, das dem Thronerben der uns verbündeten Monarchie das Leben kostete, haben wir hier im Amt eine aufreibende Arbeitsleistung zu bewältigen. Noch nie war der europäische Himmel so bewölkt wie jetzt. In den militärischen Zentralen wird fieberhaft geschafft, und ich kann dir unter der Hand mitteilen, daß die Sachkundigsten unter uns seit der Überreichung der österreichischen Forderungen an den rebellischen Balkanstaat die fernere Erhaltung eines ehrenhaften Friedens beinahe in das Gebiet der Unmöglichkeit verweisen. Sollte, was Gott verhüten möge, unser großer östlicher Nachbar sich für das Schwert entscheiden, – ein Gedanke, zu dessen Erfassung die Phantasie der meisten unserer in einem verweichlichenden Frieden völlig aufgegangenen Mitbürger durchaus nicht ausreicht – dann würde eine Weltkatastrophe heraufbeschworen, die alles, was jetzt festliegt und besteht, zerschmettern müßte.«

Ein widerspruchsvolles Lächeln, das sie sich selbst nicht zu deuten vermochte, glitt bei dem eben Gehörten über die bleichen Züge der Landtochter, denn sie gehörte zu denen, deren Einbildungskraft vor der ungeheuerlichen Prophezeiung machtlos niedersank. Die alte Dame jedoch verkündete mit scharfer Stimme weiter, und es war, als ob ihre Worte sich immer stechender und aufreizender formten, je Erbarmungsloseres über ihre schmalen Lippen floß.

»Ihr könnt euch die Last und die Qualen dieser Spannunggar nicht vorstellen. Von Tag zu Tag fliegen neue Vorschläge, Vermittlungen und geheime Depeschen von Allerhöchster Hand herüber und hinüber. Alles starrt atemlos auf die Zentnerlast, die an einem Haar über unseren Häuptern schaukelt. Und nun der Grund, warum ich so ausführlich an dich berichte, liebe Schwester. Stürzt der Koloß über uns herein, über uns, die wir in unserem gläubigen Vertrauen namentlich an euren Grenzen noch lange nicht so unantastbar gerüstet sind, wie es unsere leitenden Militärs wünschen, dann werden es eure Gegenden sein, die von dem ersten Ritt unkultivierter Horden überrannt werden. Noch vermögen wir nicht zu ahnen, welches Entsetzen sich bei einem solchen Zusammenstoß über eure Gutshöfe, Dörfer und kleinen Städte ausbreiten könnte. Da wir in den letzten Jahrhunderten immer nur mit uns an Gesinnung gleichgearteten Volksstämmen die Waffen kreuzten, so fehlen uns alle Anhaltspunkte dafür, was wir von den Angehörigen einer minderen Kultur zu erwarten haben. Ich rein persönlich jedoch fürchte, daß es – selbst den recht zweifelhaften guten Willen der östlichen Befehlshaber vorausgesetzt – kaum gelingen dürfte, unsere Ansiedlungen vor einer bisher unbekannten Zerstörungsgier zu schützen. Und was den Einwohnern eines freien und geordneten Staatswesens bevorsteht, sobald die entfesselte Zügellosigkeit dumpfer und stumpfer Massenschwärme über sie fortprallt, asiatischer Halbwilder, die an glücklicheren Völkern die Pein ihrer eigenen Sklaverei zu vergelten gedenken, das sind Dinge, liebe Schwester, die mich vorläufig nur wie unvorstellbare schwere Träume ängstigen. Zwar noch ist ja eine Beschwörung der Gefahr nicht gänzlich unmöglich. Doch mein Rat geht für alle Fälle dahin, dich und die Deinen sowie alle, die dir nahestehen, schon jetzt in Sicherheit zu bringen. Mit Freuden öffne ich dir mein Haus inBerlin. Es genügt aber vielleicht auch, wenn du dich einstweilen in eurer Provinzialhauptstadt einmietest. Aber nimm die Zeit wahr, liebe Adelheid, denn binnen kurzem dürften auch dort neue Ankömmlinge wegen der zu befürchtenden Übervölkerung zurückgewiesen werden. Ist es nicht unfaßbar, sich alle diese ungewohnten Schrecken und Grausamkeiten vorstellen zu müssen? Gott gebe, liebe Schwester, daß diese wütende Windsbraut ohne schweren Schaden an dir vorüberbraust.«

Als Frau von Stötteritz bis hierher in ihrer Lektüre gelangt war, da faltete sie den Brief emsig und umständlich zusammen, jede Falte in ihre gewohnte Lage, und schob das Schreiben mit ihrer dürren Hand raschelnd in den seidenen Beutel. Dann wandte sie das Haupt, und ohne ein weiteres Wort an diese für sie völlig erschöpfte Angelegenheit zu verschwenden, richtete sie ihre starren, grauen Augen, die sich plötzlich unnatürlich weit geöffnet hatten, regungslos und unerbittlich auf das hochgewachsene blonde Mädchen. Auch Johanna vermochte sich in der abermals herabsinkenden Stille, die bang und trübselig, beinahe hörbar, durch das weite Zimmer schlürfte, keiner Bewegung hinzugeben.

Ungläubig nahm der Riese von Sorquitten, der auch jetzt noch mit hörbar tiefen Atemzügen neben seiner jungen Verwandten weilte, die merkwürdig belebte Blässe des sonst so resoluten und durch nichts zu erschütternden Frauenbildes in sich auf.

»Kriegt endlich doch das Bibbern,« fuhr es ihm durch den Sinn, und seine kernige Mannhaftigkeit freute sich darüber, weil das stolze Weib, das ihn stets wie eine beobachtende Erzieherin behandelte, sich wenigstens vor der Gefahr genau wie alle anderen Frauenzimmer demütigen lernte. »Na, da wird sie ja unseren Vorschlag gnädig aufnehmen,«dachte er, »womöglich noch dankbar sein, weil man sie hübsch fürsorglich aus unserer Pulverecke fortschafft.«

Und ohne weitere Überlegung reckte er sich, um seine breite Tatze herablassend, wohlwollend auf die Schulter der Cousine zu betten. Die in Gedanken Versunkene jedoch ließ es ruhig geschehen. Es war das erste Mal, daß sich der Recke ihrer blühenden Körperlichkeit so weit nähern durfte. Und mitten in dem schweren Druck, den die bängliche Zeit verbreitete, da empfand der strotzende Gutsherr in seinem derben, allem Grübeln abgeneigten Sinn etwas von der verschämten Üppigkeit dieser verhüllten, unberührten Mädchenglieder. Freilich nur eine vorüberblitzende Sekunde, denn gleich darauf zuckte das entschwundene Leben durch die völlig entrückte Frauengestalt. Widerwillig schnellte ihre Schulter empor, schüttelte die fremde Hand als etwas Störendes von sich ab, und während sie ihren Blick mit ihrer kühlen Sicherheit gegen seine trotz aller Überhebung gutmütigen Knabenaugen richtete, da stieß sie kurz und geschäftsmäßig hervor, wie jemand, der endlich auf den Kern der Dinge dringen will:

»Na also, Fedor, nur um mich auf alles dies vorzubereiten, deswegen allein hast du doch deine Mutter nicht zu der Fahrt veranlaßt? Heraus damit, was führst du noch im Schilde?«

Verwünscht, da war wieder eine jener niederträchtig kurzen Fragen, auf die seine schwerfällige Unterhaltungsgabe nicht sofort eine Antwort zu erteilen wußte. Herrgott ja, man plante ja allerlei Heimliches, sogar seit Jahren, man trieb sich viel öfter auf dem Hofe von Maritzken herum, als es eigentlich durch die Verwandtschaft oder eine treue Nachbarlichkeit bedingt war, weil man eben dachte – weil man doch zum Schluß wünschte, daß – daß – –Zum Kuckuck, es wurde eben nichts daraus, weil das große blonde Weib, das in der Statur so hübsch zu einem paßte, nichts, aber auch gar nichts Entgegenkommendes oder Aufmunterndes zeigte, was einem die schwere Sprache vielleicht gelöst hätte. Und auch in diesem drängenden Moment hätte der Riese das, was ihn im Grunde bewegte, und was längst die Billigung der Frau Mama gefunden hatte, ohne deren Ja und Amen man ja schließlich nichts unternehmen konnte, ja, er hätte all das Verborgene gerade jetzt viel sachter und zarter einkleiden können. Aber nun, als man ihm wieder mit einer solch brüsken Deutlichkeit auf den Leib rückte, da vermochte sich der Herr von Sorquitten nur auf den alleräußerlichsten Grund zu besinnen, den man im letzten Ende doch nur als guten Vorwand aufgespart hatte.

»Was es gibt – was ich will –,« murmelte er aufgescheucht, wobei seine blauen Augen Unterstützung heischend nach dem regungslosen Antlitz seiner Mutter hinüberirrten. »Herrgott, Hans, das ist doch klar, das ist doch furchtbar einfach.«

»Na, dann sag es doch!«

»Ja, sieh mal, ich meinte – das heißt, meine alte Dame ist gleichfalls der Ansicht – wenn es losgehen sollte, dann könnt ihr Mädels doch unmöglich in der glatten Feuerzone bleiben. Und da hatten wir so ganz gemütlich unter uns verabredet, daß es am sichersten wäre, wenn du deine Schwestern nach Berlin schicktest. Du selbst aber – –«

»Nun also?«

»Herrgott, sieh mal, es wäre doch so einfach –«

Indessen das Augenpaar der Ältesten von Maritzken ruhte wieder zu scharf, zu kühl und zu forschend auf demMännerantlitz, als daß Herr von Stötteritz, der doch die Charge eines Landwehr-Rittmeisters bei den Göben-Ulanen bekleidete, die Gewandtheit besitzen konnte, die wohlausgedachte Attacke zu vollenden. Diese niederträchtigen, komischen Weibsbilder, was sie einem für Beschwerlichkeiten bereiteten. Es war ein reines Glück, daß sich jetzt aus dem Seidenfauteuil das bekannte scharfe Räuspern vernehmen ließ.

»Liebe Johanna,« sagte die Frau Mama in ihrer unveränderlich starren Haltung, »mein Junge stottert ja leider. Wahrhaftig, er benimmt sich, als ob man vor jemandem, dem man zu nützen wünscht, noch einen Fußfall machen müßte. Kurz und gut, liebes Kind, so schwer es mir fällt, ich habe mich entschlossen, Sorquitten zu verlassen, um während der nächsten Zeit in die geschützte Provinzialhauptstadt überzusiedeln. Wir besitzen ja dort sowieso ein bescheidenes Absteigequartier. Und da wollte ich dir vorschlagen –«

»Jawohl, wir wollten dich bitten,« fiel hier der Sohn, dem alles viel zu lange währte, ohne besondere Umstände ein, »wir wollten dich bitten, ob du nicht meine Mutter begleiten möchtest.«

»Um Gottes willen, ich?«

»Jawohl, was ist da groß zu überlegen und um Gottes willen,« beharrte nun der Gutsbesitzer bereits etwas erhitzt, weil die Cousine nicht sofort mit beiden Händen zugriff. »Du bleibst dann für alle Fälle hier in der Nähe. Und du könntest dich ja vielleicht auch, um dich zu beschäftigen, ein wenig um die Pflege meiner Mutter kümmern.«

So, damit war so ziemlich für die Zukunft vorgesorgt. Und während sich Tante Adelheid dem Fenster zuwandte, um eine blaue Taube zu beobachten, die auf dem Blechherumstolzierte, da zog sich ihr Sohn gleichfalls den nächsten gelbseidenen Fauteuil heran und ließ sich krachend in das Polster fallen, als ob nun das schwierige Geschäft in schönster Ordnung und beendigt wäre. Gemütlich pfiff er halblaut durch die Zähne, streckte die gewaltigen Beine von sich und faltete die Hände kreuzweise über der Brust. Jedenfalls hatte man nun seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit gegen das störrische, unliebenswürdige Mädel erfüllt. Jetzt konnte sie tun, was sie Lust hatte.

Eine lange Zeit erhob sich kein Laut in dem weiten Zimmer, nur ab und zu vernahmen die drei Menschen, die sich gegenseitig beobachteten, einen eigentümlichen metallischen Ton. Der rührte von der Taube her, die draußen auf dem Fensterblech herumpickte. Endlich jedoch wandte sich Frau von Stötteritz dem schweigenden Mädchen zu, denn sie fand, daß man der Hausherrin nun genug Zeit zur Überlegung gegönnt hätte. Und ihre Stimme klang sehr bestimmt und deutlich, als sie sich nun erkundigte, ob ihre Nichte innerhalb von zwei Tagen die angekündigte Reise antreten würde. Aber wie erstaunten die beiden Adligen, ja Fedors Mutter entsetzte sich geradezu, als statt einer Antwort von dem Tisch her ganz plötzlich und gegen jede Erwartung ein helles Lachen auftönte, das sich in der scharf dagegen absetzenden Stille immer mehr verstärkte, als ob eine innerliche Befreiung damit verbunden wäre.

»Aber liebe Johanna, das finde ich doch in hohem Maße eigenartig,« suchte sich endlich die alte Dame gegen diese absonderliche Weise zur Wehr zu setzen. »Was meinst du, Fedor?«

Jedoch auch der Riese vermochte sich die verletzende Heiterkeit auf einen so ernsthaften und gut gemeinten Vorschlag natürlich noch viel weniger zu erklären. Stumm und ungläubig streckte er noch immer die Beine weit vonsich, und nur die gefalteten Hände reckten sich aus, so daß die gespreizten Finger ein kurzes Knacken vernehmen ließen.

»Ja, Johanna, Menschenskind, was soll denn das heißen?« vermochte er nur undeutlich über die Lippen zu bringen.

Aber jetzt hatte sich endlich die Älteste von Maritzken auf sich selbst besonnen. Rasch entschlossen schritt sie auf die alte Dame am Fenster zu, und ehe es die Leidende noch hindern konnte, wurde ihr von dem Landfräulein kräftig die Rechte gedrückt. Auch eine Art der Verständigung, die die Edelfrau nicht schätzte.

»Liebe Tante,« hörte sie dicht vor sich das dunkle Organ ihrer Nichte anschwellen, das jede Dämpfung der Unruhe verloren zu haben schien, »wirklich, ich merke sehr genau, wieviel Wohlwollen sich hinter deiner gütigen Aufforderung verbirgt. Und auch du, bester Vetter,« wandte sie sich ein wenig zurück, »bist im Grunde ein guter Kerl. Aber ihr dürft es mir nicht übel deuten, daß ich mir die ganze Situation, die so plötzlich über mich hereinbricht, nach meiner Gewohnheit im stillen und ungestört überlegen möchte. Nicht wahr, ihr seid nicht böse,« fügte sie freundlich an, »wenn ich zu diesem Zweck ein paar Schritte auf meinem Hof herumlaufe, um mir den Wind ein wenig um den Kopf streichen zu lassen. Dort unten befindet sich ja seit alters her meine große Ratsstube. Und ich muß erst mehrfach an die Stalltüren geklopft haben, um ganz mit mir einig zu sein. Inzwischen schicke ich euch natürlich Marianne oder Isa herein, die ihr ja ohnehin noch nicht begrüßt habt. Du erlaubst, liebe Tante.«

Und ohne eine Bestätigung abzuwarten, nickte die bereits Aufbrechende ihren beiden betroffenen Verwandten zu und verließ mit ihrem festen, majestätischen Gang das großeGemach. Zwischen den Zurückbleibenden jedoch entspann sich eine kurze, inhaltsschwere Unterhaltung.

»Siehst du,« bedeutete die Mutter ihrem Sohn, der seinen Blick noch nicht von der hohen weißen Tür fortzulenken vermochte, hinter der Johanna eben verschwunden war, »wie wenig Anhänglichkeit das Mädchen besitzt? Ich glaube, du täuschst dich in ihr. Ihr seid zwar beide im Alter nicht viel voneinander geschieden, aber bei ihr erzeugten die Jahre oder auch die Gewohnheit des Befehlens eine nicht zu brechende Selbstsicherheit, die nicht immer angenehm anmutet. Manchmal kommt sie mir wie ein Stachelzaun vor, der jedem Fremden den Weg sperrt.«

»Liebe Mutter, sie ist ein braves, wahres und aufrechtes Geschöpf,« verteidigte der Sohn, indem er eine ihm plötzlich über die Stirn huschende Röte mit der flachen Hand fortzuwischen strebte, »gerade weil sie alle die Firlefanzereien und Maskeraden verachtet, die andere Frauenzimmer doch nur anwenden, um anständig unter die Haube zu gelangen, deswegen hege ich eine entschiedene Achtung vor ihr.«

»Dagegen habe ich ja auch gar nichts einzuwenden, mein guter Junge, ich fürchte nur, es wird bei der gegenseitigen Achtung bleiben. Wie?« richtete sich die alte Dame unvermutet auf und schlug unwillig auf ihre seidene Tasche, »ein Mann wie du, der Rittmeister von Stötteritz, mein Sohn, kann es nicht fertig bringen, daß solch eine dumme Pute ihren Willen dem seinigen unterordnet?«

Jetzt sprang der Rittmeister plötzlich auf die Füße, daß das ganze Zimmer zitterte.

»Herrgott, wieder solch ein Lärm!« klagte die Kranke.

»Du sollst Johanna nicht immer beschimpfen,« rief der Riese ohne Übergang laut und völlig unbekümmert darum, ob er nicht durch drei Zimmer hindurch verstanden werdenkönnte. »Ich mag das nicht. Und ob Johanna sich dir anschließen wird oder nicht, das werde ich gleich erfahren. Und vielleicht noch Verschiedenes mehr.«

»Gut,« schloß die alte Dame, schlug abermals böse auf ihre Tasche und nickte hinter dem schallend Davonstürmenden mit einem Zug des Besserwissens in den kalten grauen Augen her, »dann wird ja dieses Hin- und Herzerren endlich aufhören. Solche romantischen Unklarheiten hasse ich auch bis in den Tod. Sie machen mich direkt krank. Überhaupt – du bist an meinem ganzen Leiden schuld. Lauf du nur, mein Jungchen, lauf nur hinter der Marielle drein.«

Johanna stand vor dem geschlossenen Tor des Kuhstalles und klopfte wirklich, wie sie es vorher angekündigt, bald leise, bald etwas lauter an das altersgeschwärzte Holz. So war sie es immer gewohnt, ihre Gedanken, wenn es etwas Wichtiges galt, zu sammeln. Und ihre Leute sowohl als ihre Schwestern wichen scheu aus der Nähe des Gutsfräuleins, sobald das vielbedeutende Pochen auf dem Anwesen hörbar wurde.

»Jetzt denkt sie sich etwas aus,« hieß es dann.

Allein heute gelangte sie nicht zu der doch so nötigen Sichtung der Wirrnis, die draußen im Lande und auch hier in ihrem friedvollen Gehöft dicht vor ihren Füßen aufgeschossen war. Gerade die Unruhe, die sie zu bezwingen strebte, sie schien bereits auf allen Straßen zu jagen und sprengte auch bis zu ihr durch das gewölbte Hoftor herein. Noch ehe sie sich über die neue Störung ganz klar werden konnte, fing sie ein ungewohntes kurzes Trappeln auf, Hufschläge wurden laut und zu ihrem äußersten Befremden sah die Aufgeschreckte, wie ein Offizier in seiner Paradeuniform,mit blitzendem Helm und gefolgt von einem ebenfalls berittenen Burschen, seinen Braunen dicht vor ihr parierte. Eine schlanke Gestalt beugte sich zur Seite und führte grüßend die Rechte an den Helm. Gleich darauf sprang der Reiter zur Erde, um sich noch einmal respektvoll vor der blonden Gutsbesitzerin zu verneigen. Die Sporen klirrten dabei leise zusammen, und in den dunklen Augen des jungen Offiziers wohnte ein so deutlich lesbarer Wunsch, ein so unverhülltes, ehrliches Anliegen, wie es nur Menschen eigen ist, die durch ein paar kurze Worte über ihr ganzes Schicksal die Entscheidung gefällt zu sehen wünschen.

Seltsam, auch dem trotzigen, selbstbewußten Landmädchen schlug einen Moment das Herz höher und voller. Aber es war ein erlösendes Gefühl der Befriedigung, das sie durchdrang, denn in ihrer Seele blitzte es auf, wie mit diesem jungen Reitersmanne die Ehre und die Redlichkeit wieder in ihrem Hause Einzug hielten, die sie in trüben Stunden bereits entwichen wähnte. Gottlob, ihr war es sofort klar, hier hatte Konsul Bark, der zuverlässige Freund, sein Versprechen eingelöst, und zum erstenmal seit langer Zeit würden in dem weißen Gutshofe, der sich im Grunde doch nur so schwer verwalten und regieren ließ, Glückseligkeit und Jugendwonne aufblühen. Zuversichtlich, das mußte geschehen. Das verlangte das große kräftige Geschöpf, das selbst keine Wünsche mehr hegte, als unbedingtes Entgelt seiner Mühen. Allein, als sie jetzt, ihrer glücklichen Regung folgend, dem jungen Offizier, der ihr so ernst und erwartungsvoll gegenüberstand, mit einer herzlichen Bewegung die Rechte darbot, da – welch merkwürdige Verkettung – da verfing sich ihr Blick an dem Goldgefunkel des Adlers vor seinem Helm. Und ohne jede weitere Überlegung stürzten all die ängstlichen Sorgen, alleunmöglichen, nie gekannten Befürchtungen, vor denen ihre klare Vernunft noch eben ins Knie gebrochen, in die eine fast willenlos hervorgestoßene Frage zusammen:

»Herr Leutnant, ist es wahr? Gibt es Krieg?«

Auf diese ganz unerwartete Anrede straffte sich die schlanke Gestalt des Militärs zusammen, und über sein dunkles, immer von den Schatten des Nachdenkens umsponnenes Antlitz fuhr ein heller Schein. Nein, das war nicht die wilde Freude des Kriegsmannes, der sein größtes Glück, ja Macht, Ehre und eine gesicherte Existenz aus brodelnden Blutdämpfen hervorkochen sieht. In seinen reinen und für einen jungen Mann dieser Zeit so merkwürdig unberührten Zügen malte sich vielmehr die helle, felsenfeste Zuversicht auf das ungetrübte Glück der Menschheit, das sicherlich durch keinen noch so unbeschränkten Machtwillen in die Glut und die Greuel eines vernunftwidrigen Mordens hinabgestoßen werden konnte. Wahrlich, eine innerste Überzeugung strahlte aus seiner warmen, wohltuenden Stimme, als er trotz seiner so leicht erklärlichen Befangenheit voller Zuversicht ausrief:

»Ganz unmöglich, gnädiges Fräulein! Sie brauchen sich nicht im geringsten zu beunruhigen. Meine Kameraden und ich verfolgen natürlich gleichfalls die Zeitungsgerüchte, die wieder einmal allerlei Bedrohliches melden, mit größter Spannung, aber wir sind sämtlich felsenfest davon überzeugt, daß es sich wie gewöhnlich nur um einen papiernen Feldzug handelt. Ganz bestimmt, wer den Krieg – wenigstens durch Studium – kennt, so wie wir, der weiß, welche Ungeheuerlichkeit derjenige begehen würde, der ihn um ganz fernliegender Dinge willen entfesselt.«


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