»Mir scheint, Alexander Isidorowitsch,« überschlug er sich fast vor Heiserkeit, »Sie mißbilligen unsere große heilige Sache? Sie haben kein Herz für sie. Ist es möglich, daß Menschen so denken, die unserem Staate eigentlich zu ewiger Dankbarkeit verpflichtet wären? Herr, Sie sind noch jung, stehen Sie etwa gar in einem militärischen Verhältnis?«
»Wie gründlich Wladimir Petrowitsch vorgeht,« verkündete Frau Bobscheff hier mit großer Bewunderung.
»Ja, ich bin Offizier,« sagte Diamantow ruhig und erhob sich.
»Er ist Offizier,« echote es im Kreise. »Man denke, – wie fürchterlich.«
»Herr, und in einer solchen Stellung, da fehlt Ihnen die Begeisterung für die Zukunft unseres Volkes?« schnaubte Herr Bobscheff weiter.
»Sie fehlt mir nicht,« entgegnete der Student ruhig, indem er seine Hände in die Seitentaschen seines einfachen Jacketts vergrub, »ich suche sie nur nicht in kriegerischen Eroberungen.«
»Und warum nicht?« fragte Maria Geschowa, die ihmjetzt, nur durch das Tischchen getrennt, dicht gegenüberstand. Ihre heißen Augen tranken dabei schon im voraus die Antwort von seinen hageren Zügen, und ihre Finger glitten auf der Tischplatte unmerklich gegen die seinen, als wünsche sie ihn dadurch zu ermuntern. »Und warum nicht?«
»Weil ich fürchte – –,« sagte der von allen Seiten Bedrängte, der sehr gegen seinen Willen zum Mittelpunkt der Unterhaltung geworden war, und zu gleicher Zeit wich er dem Blick von Maria Geschowa aus und starrte unverwandt auf das Muster des persischen Teppichs, »weil ich fürchte – – –«
»Was fürchten Sie zum Teufel?« inquirierte die Giraffe unbarmherzig weiter.
»Ich fürchte,« äußerte Diamantow mit geschlossenen Lidern, wie wenn er sich dadurch von den anderen abschließen könnte, »daß die spärlichen Keime einer freien Entwicklung, die von der Jugend hie und da gesät wurden, durch die Kriegsmaschine entwurzelt, zerstampft und wieder auf ganze Epochen unterdrückt werden könnten.«
»Ja,« sprach Maria Geschowa ganz leise.
Es hörte sie niemand, nur Alexander Diamantow hob die schweren Augenlider überrascht in die Höhe und sah die junge schöne Frau sonderbar an. Es lag etwas wie ein Erkennen in diesem kurzen sprechenden Blick, den die beiden miteinander tauschten. Dann schob sich der Student durch die widerwillig sich öffnenden Reihen hindurch und gedachte, vornübergebeugt wie stets, in das Billardzimmer zu treten, aus dem das harte Aufeinanderprallen der Elfenbeinbälle deutlich herüberklang. Vor der Schwelle jedoch wurde er noch einmal am Arm von dem Gouverneur zurückgehalten, der ihm nun in seiner ganzen Länge und zitternd vor Erregung den Weg vertrat:
»Alexander Isidorowitsch,« hustete Herr Bobscheff in einem krampfhaften Anfall, »verwünschte Heiserkeit – in Momenten der Leidenschaft übermannt sie mich stets – als Haupt der Verwaltung fühle ich mich für die Stimmung innerhalb meines Kreises verantwortlich. Sie würden mich deshalb sehr beruhigen, – nein wirklich, junger Mann, sie könnten außerordentlich viel zu der inneren Fassung der Anwesenden beitragen, wenn Sie mir jetzt einen offenen und ehrlichen Aufschluß über Ihre Meinung erteilten. Es ist doch selbstverständlich, Alexander Isidorowitsch, – verzeihen Sie, wenn ich mich so in Ihr Vertrauen dränge, allein ich bin es meiner Stellung schuldig – ich setze voraus, daß Sie als Offizier Ihre Pflicht tun werden!«
Ein Ausruf des Unwillens folgte. Er kam von der Frau des Obersten, die ihre Hand quer durch die Luft warf, eine Zigarette an sich riß und rasch an ihren Platz unter dem Fenster zurückkehrte. Der Bergbauingenieur an der Schwelle jedoch richtete sich hoch auf. Eine Sekunde lang verzerrten sich seine Züge, und aus den dunklen Augen schoß ein solcher Strahl von Haß, daß die Offiziere unwillkürlich sich näher um die Giraffe zusammenscharten.
»Um Allerheiligen willen,« stammelte Herr Bobscheff und sank in ihrem Kreise zusammen, denn durch sein verschüchtertes Gemüt blitzte plötzlich die Erinnerung, daß dieser aufrührerische Jude unter den Kohlenarbeitern einen zahlreichen Anhang besäße. »Teuerster Freund, Sie werden mich doch recht verstehen?«
Inzwischen hatte der Student seine Hände wieder müde in die Taschen gleiten lassen. Nun neigte sich die gestraffte Gestalt abermals leicht nach vorn, und um den bartlosen Mund glitt ein kühles, resigniertes Lächeln, als er mit seiner dunklen Stimme stark und rückhaltlos erwiderte:
»Wozu wollen wir hier erst Selbstverständliches erörtern? Wir sind es gewohnt, unseren eigenen Willen unterzuordnen. Ich werde ebenso handeln, Exzellenz, und gehorchen. Das ist die Stimmung Ihres Kreises.«
Er nickte noch einmal bekräftigend mit dem schwarzen Haupt, drängte seine schlanke Gestalt durch die schweren Falten des Vorhangs und war verschwunden. Nur von nebenan hörten die Zurückbleibenden eine ungewöhnlich wohlklingende und einschmeichelnde Stimme rufen:
»Ah, Sie sind es, Alexander Isidorowitsch! Bei den strahlenden Jungfrauen von Kasan, wie kommen Sie hierher in den Kohlenstaub? Rasch, unser Spiel ist beendigt, dem Himmel sei Dank, daß sich eine wirkliche, lebende Seele zu uns verirrt. Wollen Sie eine Zigarette, Alexander Isidorowitsch?«
Dies war die Unterhaltung der teuren Freunde, in deren Kreis der Rittmeister Sassin seine deutschen Gäste, leuchtend vor Unbefangenheit und Frohsinn, einführte. Wirklich, die Fremden mußten den Eindruck empfangen, daß der ganzen Gesellschaft durch ihr Erscheinen eine offenkundige, unbestrittene Ehre widerführe, die sich in heitersten Mienen und jener fast übertriebenen slawischen Freundlichkeit äußerte. Noch immer schien das Übergewicht der Germanen dieser Völkerschaft gegenüber unerschüttert und von allen willig anerkannt.
»Sehen Sie, sehen Sie,« rief Sassin nach der Vorstellung laut durch das Zimmer, »die wunderschönen Damen von Maritzken. Aber ist es nicht wahr – ist es nicht wahr,« wiederholte er beseligt, »welch ein wundervolles Beispiel die drei Damen und mein bester FreundRudolf Bark uns allen in dieser Stunde geben? Sie verachten das widerliche und blödsinnige Geschwätz, das nur in den Köpfen von ein paar Narren entstanden ist. Sie leisten damit etwas sehr Wichtiges. Ist es nicht so, Exzellenz?« erkundigte er sich eindringlich bei der Giraffe, die mit weit vorgeneigtem Hals die drei deutschen Mädchen betrachtete.
Und seltsam, es war, als ob in diesen Zimmern, die vor Neuheit und mit ihrer eben erworbenen Einrichtung wie poliert glänzten, niemals Wut und Neid und die Freude am Zerstampfen mit lechzenden Wolfszungen geheult hätten. Äußerst zufrieden blickte sich Herr Bobscheff um. Kaum jemals zuvor war es der Giraffe so stark wie heute in das Bewußtsein gedrungen, wie meisterhaft seine Landsleute die Verstellungskunst zu üben wußten und welchen hohen Grad der allgemeinen Schauspielerei diese Rasse erreicht hatte. Da stand seine dicke Tatiana – zum Henker, sie wurde immer faßähnlicher; wenn man sich vorher an den bestrickenden Linien der brünetten Deutschen erlabt hatte, da verdarb einem diese unwahrscheinliche Anhäufung des Fettes jegliche gehobene Stimmung – da stand die Kugel neben dem zierlichen deutschen Rotkopf, streichelte dem schmiegsamen Mädchen unaufhörlich die Wangen und sprudelte aus den Plusterbacken Lobeserhebungen und Hymnen über die schmalen Füßchen der Kleinen, die in so allerliebsten weißen Halbschuhen steckten. »Unsere Schuhfabrikation ist besser und reeller als der Schund da drüben,« dachte der Gouverneur. »Aber das Reizvolle, das Scharmante steht auf jener Seite. Obwohl auch bei uns – ach ja, es gibt schon Frauen – –,« seufzte er kopfschüttelnd in sich hinein, und er blickte wie zur Bestätigung auf die schlanke Gestalt von Maria Geschowa, die, verdeckt durch das Fensterstore, eine ihrer angeregten und sprudelndenUnterhaltungen mit dem fremden Kaufmann zu führen schien; »sieh einmal, diese berechnete Intriguantin,« dachte die Giraffe trauervoll und drückte den Daumen der Linken schmerzhaft in die rechte Handfläche. »Sie zeigt ihm dort draußen auf der Straße einen vorübergehenden Kosaken. Zum Teufel, die Kerle sollen doch in ihren Kasernen bleiben! Aber wozu muß sie sich dabei so eng an seine Schulter lehnen? Der verwünschte Schmarotzer hält beinahe seinen Arm um ihre Hüfte geschlungen. Die Vorurteilslosigkeit dieser schönen Frau ist jedenfalls nicht zu billigen.«
Die Deutschen bildeten bald den Mittelpunkt der Gesellschaft. Es war, als ob alle anderen nur eingeladen wären, um den Gästen das Bild eines harmlos sich vergnügenden Kreises einzuprägen, der weit davon entfernt war, an eine Unterbrechung seiner gewohnten Zerstreuungen zu glauben. Überall flogen leichte Scherzworte auf, die Fähigkeit der Slawen, geschätzte Personen zu ehren und zu bedienen, äußerte sich in jeder Handreichung.
Marianne lag in einem Schaukelstuhl und wiegte sich leise auf und nieder. Um sie herum bewegte sich ein ganzer Troß von Offizieren, die sich den Wünschen des verführerischen Weibes dienstbar zu machen strebten. Der eine hielt ihr ein Aschenschälchen, denn sie sog mit Genuß an einer der ihr angebotenen aromatischen Zigaretten; ein zweiter hütete den silbernen Untersatz des Teeglases, an dem sie nippte; zwei weitere hielten den Stuhl in seiner schaukelnden Bewegung, und vor ihr stand der Rittmeister Sassin, den das Schweben und Gleiten der Brünetten bereits bis zur Tollheit begeistert hatte. Seine blauen Knabenaugen schwammen vor Erregung, und er fand es direkt sündhaft, weil sich auch seine Kameraden an den Huldigungen für das berückende Geschöpf beteiligen durften.Wahrhaftig, dazu hatte er doch nicht die Kosten dieser so ungewohnt vornehmen Teestunde auf sich genommen. Ob man es wagen konnte, der Schwarzen einen erläuternden Gang durch das gesamte Hauswesen anzubieten? Hm, der teure Freund Rudolf Bark, dem er doch eine so überaus ablenkende Gesellschaft zugewiesen, der verfluchte Krämer mit den ernsten Augen, er behielt immer noch Zeit, die Gruppe um den Schaukelstuhl aufmerksam zu verfolgen. Dazu schoß Leo Konstantinowitsch plötzlich eine ganz widerspruchsvolle Eifersucht durch den Kopf. Blitzartig fiel ihm ein, wie er bei seinem letzten Besuche in der deutschen Stadt von allerlei Beziehungen hatte flüstern hören, die Marianne an einen Offizier der dortigen Garnison knüpften. Sie hatte ein Verhältnis. Das machte sie nur noch begehrenswerter. Zum Teufel, wie hieß doch der Dummkopf? Und in diesem Augenblick fiel der Aufgeregte aus der Rolle und beging eine Torheit.
»Gnädigste,« sagte er mit seinem lauten Organ, das er um keinen Preis dämpfen konnte, »ich hatte die Freude, Sie neulich auf den Wallgängen der Stadt mit dem ganz ausgezeichneten Fritz Harder promenieren zu sehen. Darf ich mir die Frage erlauben, ob dieser Bevorzugte das Glück besitzt, Ihre Freundschaft zu genießen?«
»Gott,« warf Marianne hin, die inmitten so vieler Anbeter die Nähe ihrer Schwestern vergaß, und sie errötete weder, noch gab sie das angenehme Wiegen auf, »ein guter Bekannter von mir, wie viele andere. Was bezwecken Sie übrigens mit der Frage, Herr Rittmeister?« setzte sie gleichgültig hinzu, schlug die Füße leicht übereinander und blies eine feine Dampfwolke von sich.
»Oh,« rief Leo Konstantinowitsch strahlend und mit der ihm angeborenen Begabung für schlaue Galanterie, »das schafft mir die einzige Feindschaft vom Halse, die ich einemdeutschen Offizier etwa entgegentragen könnte.Merci, mein Fräulein.«
»Leo Konstantinowitsch ist ein Schlaukopf,« fing Konsul Bark dicht neben sich das geheimnisvolle Raunen zweier Unterleutnants des Dragonerregiments auf, um deren weiche Knabengesichter noch kaum der Flaum zu sprossen begann, »hörst du, Alexei, wie er das schwarze Pferdchen zu einem Gang durch die Villa antreibt? Ich wette, sie wird sich erbitten lassen?«
»Wahrscheinlich,« pflichtete der angeredete Fahnenjunker bei und über sein kränklich blasses Antlitz, das er unausgesetzt dem Schaukelstuhl zugewendet hielt, flog ein frühreifer, übersättigter Schein, »du hast recht, da erhebt sie sich.« Aber gleichzeitig zuckten die Lippen in dem fahlen Gesicht, und unwillig kehrte sich die zarte Jünglingsfigur ab. »Merkwürdig, wie Leo Konstantinowitsch gerade heute Lust und Neigung für so etwas aufzubringen vermag,« stieß er noch ungehalten zwischen den Zähnen hervor.
»Mon Dieu, Alexei, was soll man tun?«
»Ich habe heut vormittag mein Testament aufgesetzt,« erklärte der kränkliche Fahnenjunker ganz still. »Man kann nie wissen. Ich schrieb darin meinem Vater, dem Polizeioberst in Kiew, vieles, was ich bei uns im Hause, aber auch draußen anders wünschte. Er hätte es sonst nie von mir hingenommen, denn wir mußten immer schweigen. Freilich, für ein solches Schriftstück kann man später nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden.«
»Ja, du machtest dir immer viele Gedanken, Alexei, anstatt dem Leben, wie wir anderen, ein Paar vergnügte Stunden abzugewinnen. Aber st! – –, lieber Bruder, dort unter dem Fenster spitzt man die Ohren. Komm, laß uns in das Billardzimmer gehen und hören, wasFürst Fergussow aus Petersburg zu erzählen weiß. Die Entscheidung kann ja nicht mehr lange währen.«
Damit strichen die beiden Knaben ihre Waffenröcke zurecht und schlenderten auf den eleganten Lackstiefeln fast unhörbar in den Nebenraum.
Also doch – also doch!
Der Konsul fühlte, wie ihm etwas durch die Stirn schnitt. Es war, wie wenn man einen klirrenden Pfeil durch sein Gehirn geschossen hätte. Eine Sekunde lang konnte er sich durchaus nicht mit der Lage vertraut machen, in der er sich befand. Auch dafür, daß draußen die Welt und alles, was bisher als feststehend galt, binnen kurzem wie ein mürber Teig in einer Riesenschüssel von Gigantenfäusten durcheinander gerührt werden konnte, auch dafür fehlte ihm plötzlich jede Vorstellung. So lähmend war die Mattigkeit, die seine sonst so geschmeidigen Glieder befiel, daß er immer noch mit demselben vieldeutigen Lächeln den Fragen Maria Geschowas lauschen konnte, die zu ihrer Freude in ihm einen Kenner des Theaters entdeckt hatte.
»Also Sie kennen die kleine Schwarz?« sagte die Tatarin und schlug die dunklen Augen, die nie ihren auffordernden Ausdruck verloren, langsam gegen ihn empor. »Ich sah sie neulich in einem Ihrer modernen Stücke spielen. Ich vermag die Zustände bei Ihnen natürlich nicht zu beurteilen, aber in der Darstellung der schönen Person fiel mir die Wichtigkeit auf, die sie ihrer Bedeutung als Frau, ja darüber hinaus der ganzen weiblichen Liebeshuld beizumessen schien. Ich glaube, das alles wird in Ihrem Vaterland sehr überschätzt.«
»Oh,« entgegnete der Konsul gewohnheitsmäßig, obwohl er sich mit aller Kraft an dem Messingknopf des Fensters festhalten mußte, »es gibt doch einzelne Frauen, denengegenüber die Schätzung nie hoch genug gegriffen werden kann.«
Es sollte einschmeichelnd klingen, aber Maria Geschowa mit ihrem feinen Ohr hörte deutlich heraus, wie weit der Geist des hübschen Mannes von ihr entfernt weilte.
»Lassen wir das,« sagte sie hochmütig und wiegte sich ablehnend in den Hüften, »wir Slawen beschäftigen uns in der Kunst mehr mit sozialen Verhältnissen. Diese Dinge erfüllen unsere ganze Phantasie. Aber was haben Sie, lieber Freund?« unterbrach sie sich eifrig, denn sie sah, wie der Kaufmann starr auf die Straße hinausblickte, wo drei Soldaten in Kosakentracht singend und brüllend vorüberliefen.
Jetzt vermochte der Konsul nicht mehr das nervöse Zucken der Mundwinkel noch den kurzen Atem, der ihm durch den Schrecken eingegeben war, zu verbergen. Da draußen die drei langröckigen, halbbarbarischen Gesellen, die unter ihren Pelzmützen dahintaumelten, wie kamen sie hierher? Er wußte doch, daß in der Grenzstadt kein Kosakenregiment lag. Und diese hier – er glaubte es an den sauberen Uniformen und den blitzenden Silberverschnürungen zu erkennen – sie gehörten sicher der Petersburger Garde an. Immer ängstlicher und aufgescheuchter tobten seine Gedanken gegeneinander. Die Selbstbeherrschung und feste Sammlung, die trotz seiner leichten Manieren sein ganzes Wesen ausmachten, stoben in diesem Augenblick, wo er das Rollen eines Völkergewitters schon über seinem Haupte poltern hörte, von ihm ab. Obwohl der Herr des Goldenen Bechers genau wußte, daß es töricht sei, die Maske des Vertrauens und der sicheren Überlegenheit gerade vor der klugen Tatarin, neben der er weilte, zu lüften, die Spannung, die in ihm zerrte, zerriß jedes Bedenken. Nein, er mußte hören, wie eine Vollblutrussin den schweren Verdacht,der ihn überwältigte, entkräften würde. Was diese reizende Person jetzt wohl zusammenlügen wird? dachte er halb neugierig.
Und da sprach sie bereits. Sie legte ihm die Spitze des Zeigefingers fest auf die Brust und fragte mit ihrer warmen, immer leise vibrierenden Stimme:
»Wie heißen Sie, lieber Freund?«
»Ich? – Ich heiße Rudolf Bark.«
»Nun, Rudolf Bark,« lächelte die Tatarin, indem sie sich geschmeidig mit dem Rücken gegen das Fenster schob, so daß er jetzt gezwungen in ihr dunkles Antlitz blicken mußte, »sind Ihnen die drei Kosaken dort auf der Straße wirklich interessanter, als ich, die ich mir doch soviel Mühe gebe, Ihnen zu gefallen?«
Der Angeredete, der so unvorbereitet seine Gedanken erraten sah, erschrak. Zum Teufel, wie klug doch diese Russin war, viel gescheiter und gebildeter als die Männer ringsumher. Zu jeder anderen Zeit hätte er das Geplänkel fortgesetzt, um zu ergründen, wie weit das eigenartige Geschöpf durch ihre Koketterie geführt werden könnte; allein jetzt – jetzt – alle diese Nichtigkeiten erschienen ihm im Moment widerwärtig und abscheulich. Er begriff gar nicht, daß er ihnen jemals Bedeutung beigelegt.
»Es überrascht mich,« entrang es sich ihm ohne jede Vorsicht, die er doch unter allen Umständen einzuhalten gewillt war, »wie die drei Kosaken hierher gelangt sind. Nach meiner Kenntnis gab es bis vor kurzem keine derartigen Truppen hier. Es ist ja nur eine Kleinigkeit, Gnädigste,« setzte er rasch hinzu, als er den langen, weichen, fast betrübten Blick der jungen Frau empfand, »aber sehen Sie, wir Deutschen besitzen nun einmal die unangenehme Eigenart, alles Militärische besonders stark auf uns wirken zu lassen.«
Wie hübsch der elegante schlanke Mann sprach und wie rot sich seine Wangen vor innerer Aufregung gefärbt hatten. Maria Geschowa schämte sich, daß sie an dem albernen Komplott, das ja bereits von dem erfahrenen Kaufmann durchschaut wurde, mitwirken sollte. Daneben aber glühte in ihr die echt weibliche Begierde auf, einen Mann in den Maschen eines Netzes zu verstricken, dessen Verschnürungen man selbst fest in der Hand hielt. Im Grunde war es doch eigentlich ein wohliges Gefühl, zu wissen, daß man unbeschränkte Macht besäße über das Schicksal so freier und aufrechter Menschen. Darin lag ein eigenartiger Kitzel, ein ganz neuer Genuß. Und fortgerissen und lebhaft fand sie sich in die Rolle und zuckte deshalb ein wenig verächtlich die weichen Schultern:
»Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen, Rudolf Bark,« versetzte sie mit feiner Ironie, und auch die vollen Lippen bekundeten eine gewisse trotzige Sucht nach Lüge und Intrigue. »Die drei Burschen dort draußen gehören zur Begleitung meines Mannes. Sie werden selbst sehen, die Wichte verstehen es viel besser, mir meinen seidenen Mantel umzulegen, als einen Karabiner loszudrücken.«
Da war die Unwahrheit heraus. Und seltsam, als Maria Geschowa ihren Blick jetzt in die kühlen, von Zweifel erfüllten Augen des Mannes richtete, von dem sie beinahe hoffte, daß er sie durchschauen möge, da malte sich auf ihren dunklen Bronzezügen ein freches, wildes Flimmern, wie sie es wohl als Kind den Ihrigen daheim auf dem kaukasischen Gebirgsgut gezeigt, wenn sie entwendete Äpfel zu verleugnen hatte. Und siehe da, ihr Partner blieb ihr gewachsen. Es bereitete ihr selbst eine wollüstige Befriedigung, als er mit seinem gewinnendsten Lächeln entgegnete:
»Aha, die Begleitung Ihres Mannes – und sie legen Ihnen den Mantel um – –, ich bin leider durchaus zivil,gnädige Frau, aber bei einer derartigen militärischen Verwendung würde ich mich sofort auf Avancement melden – –«
»Pfui,« atmete Maria Geschowa, bei der der lauernde und gespannte Zug noch immer nicht entschwunden war, erleichtert auf, »Sie werden unartig, bester Freund. Darf ich Ihnen nicht lieber eine Tasse Tee bereiten? Solch ein Trank aus unserem Samowar schwemmt uns alle unnötigen Sorgen fort.« Und indem sie ihm abermals mit dem Zeigefinger leicht auf die Brust tippte, forschte sie ungeduldig: »Weshalb sehen Sie so unausgesetzt nach der großen, blonden Walküre, die Sie mitgebracht? Sind Sie ihr Vormund?«
Ja, der Prinzipal des Goldenen Bechers hing sich mit allen Sinnen an die aufrechte Gestalt der Ältesten von Maritzken, weil ihn nicht eine Sekunde die treibende Furcht verließ, daß er hier unter diesem fremdsprachigen, auf der Lauer liegenden Volke ihr einziger Schutz und ihre letzte Hilfe sei. Wenn er doch nur unauffällig an ihre Seite gelangen könnte, um ihr seine aufkeimenden Bedenken bemerklich zu machen. Allein Johanna weilte in zwangloser Unterhaltung mit dem Fabrikbesitzer Miljutin an demselben Tischchen, das der Student Diamantow vor kurzem verlassen, und an ihren suchenden, manchmal hilflosen Gebärden erkannte Rudolf Bark, wie sie bei dem russischen Kaufmann sicherlich in der ihr nicht ganz geläufigen französischen Sprache allerlei geschäftliche Erkundigungen einzog. Ihr heut leicht gewelltes Blondhaar leuchtete selbst in der dämmrigen Ecke so voll Glanz und hellem Schimmer, ihre Haltung war so frei und dabei doch so stolz und straff, daß den Beobachter plötzlich die fast berauschende Genugtuung durchströmte – eine deutsche Frau!!
Wenn er sie nur erreichen könnte!
Allein Johanna war zu sehr in die praktischen Erläuterungen vertieft, die ihr Herr Miljutin hinter seiner goldenen Brille, ein wenig stockend und schüchtern wie immer, angedeihen ließ, als daß sie auf ihren einzigen wahrhaften Freund in dieser Gesellschaft geachtet hätte. Das Kapitel des Pferdeeinkaufs war bereits zu ihrer Befriedigung abgehandelt worden, jetzt berichtete ihr der Fabrikant voll Stolz von seinen eigenen Erzeugnissen, und daß er auch Decke und Sims des kleinen Billardzimmers mit ganz neuartigen, perlmutterfarbig irisierenden Kacheln ausgelegt hätte:
»Als Borten, mein teures gnädiges Fräulein,« lispelte Herr Miljutin, »sind Goldmajoliken verwandt, und an der Breitseite ist aus lauter kleinen Mosaik-Porzellanstückchen das Bild unseres erhabenen Zaren als Ritter Sankt Georg eingelegt. Ja, es ist ein schönes Werk des Friedens,« murmelte der Fabrikbesitzer mit kaum hörbarem Kummer, und indem er auf seinem verkürzten Fuß einen Schritt voranhinkte, verneigte er sich an der Schwelle und vollführte eine einladende Bewegung. »Sie würden mich außerordentlich ehren, teures Fräulein, wenn Sie meine bescheidenen Leistungen selbst beaugenscheinigen wollten. Bitte, treten Sie ein.«
Demütig hob er den Vorhang, und Johanna nickte zustimmend und schritt über die Schwelle.
Später erinnerte sie sich unausgesetzt jenes Augenblicks. Es war, wie wenn eine Nonne die Zelle des Friedens verläßt, um sich in das ihr unbekannte Getümmel zu verlieren.
Die Portiere schloß sich über den Eintretenden, allein dicht hinter ihr wurzelte Johanna fest. Ihre Hände suchtennach rückwärts die Falten des bunten Vorhanges zu gewinnen, als müsse sie sich um jeden Preis an etwas Irdisches, ihr Gewohntes anklammern. Es war nicht das trauliche und mit wirklich erlesenem Geschmack eingerichtete Gemach, das das erdgebundene Wesen des Landmädchens für eine vorüberschnellende Sekunde so sehr verwirrte, bis es von allem, was sie bisher erlebt, abgelenkt war; es war auch nicht, wie sich Herr Miljutin vielleicht schmeichelte, der merkwürdige Meerglanz der Decke, die unwahrscheinliche, feuchtfunkelnde Strahlen auf sie herabschoß, es war vielmehr die ihrem prosaischen Gemüt vollständig unerklärliche Vorstellung, ein Götterbild oder ein Heros, jedenfalls irgend etwas Übermenschliches verkünde sich ihr unvermutet in ruhiger, selbstverständlicher, beinahe eisiger Schönheit. Aber das war nicht das richtige Wort. Herr im Himmel, sie fand kein anderes, als sie in dem ersten Schrecken, der ihre arbeitsame, unempfindliche Natur anfaßte, dasjenige zu bezeichnen suchte, was ihr so ungeahnt jede Beherrschung raubte. Da lehnte vor ihr an der schweren Mahagonieinfassung des Billards eine wunderbar ebenmäßige Männergestalt, breitschultrig und dabei schlank und wohlgefügt, als wenn ein Künstler den Körper aus Marmor geformt hätte. Nur bizarrer Eigensinn schien die muskulösen und doch jugendlich weichen Glieder mit der eleganten dunkelblauen Dragoneruniform aus feinstem Tuch bekleidet zu haben, um deren Achselbiegung sich ein paar blitzende Silberschnüre herumzogen. Und nun welch ein Haupt!
Johannas Nüchternheit war weit davon entfernt gleich nervösen rasch gewonnenen Genossinnen ihres Geschlechts etwa bei dem ersten Blick in schwärmerischer Anbetung aufzulodern. Nichts dergleichen empfand ihre herbe deutsche Fassung dem völlig neuartigen Bild von Männerschönheitgegenüber, das wie aus dem Himmel gefallen plötzlich vor ihr aufragte. Nur ein ungeheures kindliches Staunen erfüllt sie ganz und gar. Und mit einer namenlosen Bewunderung betrachtete sie das Meisterwerk in einer Andacht, die nicht frei war von künstlerischer Erhebung. Durchaus natürlich fand sie es ferner, daß auch der fremde Offizier in vollkommener Bewegungslosigkeit vor ihr verharrte, und nicht der leiseste Verdacht beschlich sie, der junge strahlende Mann könnte nur deshalb seine lässig angelehnte Stellung so dauernd beibehalten, weil seine großen braunen Augen sich in dem hellen Ährenschimmer ihres Haares verfangen hatten.
Eine Erinnerung peinigte das Landmädchen. Wo hatte sie doch das feine schmale Haupt mit der fast griechischen Nase und den sanft überbräunten Wangen bereits einmal gesehen? Und vor allen Dingen, die wirre Fülle kurzer, brauner Locken, von denen die hohe Stirn trotzig und widerwillig umrahmt wurde, mußte sie ihr nicht den Eindruck verstärken, als wenn das alles ihre Phantasie schon oft beschäftigt hätte?
Und richtig, ein erlösender Blitz riß ihre Befangenheit auseinander. Jetzt wußte sie es. In ihrem Schlafzimmer zu Maritzken hing ein alter, halb verräucherter Buntstich, der die anmutigen und doch nachdenklich-melancholischen Züge des Preußenprinzen Louis Ferdinand wiedergab, des edlen Opfers von Saalfeld. Oh, wie seltsam die schöpferische, vielgestaltige Natur sich wiederholte! Hier saß in jeder Linie derselbe Mensch, bequem und doch voll anerzogener Eleganz auf der Umrahmung des Billards, und ohne daß er ein Wort äußerte, sagten die sanften lächelnden Augen des Offiziers ganz deutlich, daß ihm das große blonde Mädchen eine erfreuliche Erscheinung böte.
»Nur reichlich verwöhnt scheint der vornehme Herr mit den silbernen Achselschnüren zu sein,« dachte die praktische Johanna, die sich plötzlich ihrer Bewunderung mit einem harten Ruck entriß, weil der Offizier ein Lebenszeichen von sich gab, indem er sich gefällig gegen sie verneigte. »Bei uns pflegen sich Militärs zu erheben, wenn sie eine Dame begrüßen. Wozu schlenkert dieser so anhaltend mit den hohen Reiterstiefeln aus Lackleder? Und Himmel, trägt er nicht goldene Sporen? Das muß ein großes Tier sein!«
»Teures Fräulein,« hauchte neben ihr der Fabrikbesitzer Miljutin und rückte viel verschüchterter, als sonst, an seiner goldenen Brille, »bevor ich die Ehre habe, Ihnen das Mosaikbild unseres allergnädigsten Gossudars zu zeigen, erlauben Sie gütigst eine Vorstellung.« Er verbeugte sich tief gegen das Billard, als wäre es viel wichtiger, die Zustimmung des Dragoneroffiziers einzuholen, und fuhr zitternd vor der Bedeutung seines hohen Bekannten fort: »Dies ist Fürst Dimitri Sergewitsch Fergussow von den Petersburger Gardedragonern. Er genoß die Ehre, einer der Adjutanten unseres Zaren gewesen zu sein, den der lebenspendende Christus erhalten möge. Und dieser Herr hier,« sprach Herr Miljutin weiter, nachdem Johanna ihr Haupt stolz und gemessen geneigt hatte, als wollte sie sich selbst durch doppelte Zurückhaltung für ihre anfängliche kindische Fassungslosigkeit bestrafen, »dieser Herr ist Oberst Geschow aus Mariampol.« Und mit einer halb wegwerfenden Handbewegung setzte der Fabrikant noch hinzu: »Ach, richtig –, daß ich es nicht vergesse, dies hier ist Alexander Diamantow, ein Bergbaustudent.«
Die Älteste von Maritzken hatte den Fürsten Fergussow mit Unrecht verdächtigt. Denn während die anderen beiden Herren sich verbeugten, wie man sich eben vor einer eintretenden Dame verneigt, gab der Aristokrat mit einergewissen Hast seine lässige Stellung auf, ganz wie wenn er für die Zwanglosigkeit, in der man ihn überrascht, lebhaft um Nachsicht zu werben hätte. Und die Art, wie er nun der blonden Deutschen seine Ehrfurcht bewies, ließ auf den ersten Blick erkennen, daß der schöne Mensch seine Erziehung auf dem Parkett des Hofes genossen haben müsse. Ohne das Wort an die Fremde zu richten, trat der Dragoneroffizier höflich zur Seite, um den Ankömmlingen den Weg zum Mosaikbilde freizugeben. Kaum hatte ihm Johanna jedoch den Rücken gekehrt, da folgte ihr ein müder, etwas gleichgültiger Blick, der dann zu dem Obersten und dem Bergbaustudenten herüberglitt und von einem Achselzucken begleitet war. Die Gebärde schien auszudrücken: »Wozu die Unterbrechung?« Trotzdem begaben sich die drei Herren gleichfalls an die Breitseite der Wand, als wollten sie den Eindruck beobachten, den das Mosaikbild auf diese kühle, große Frau hervorbringen würde.
»Eine echte Nemza,« dachte Dimitri Sergewitsch, der direkt hinter dem Mädchen verweilte und auf diese Weise, ohne daß sie es merkte, ganz aus der Nähe ihre reife Blondheit festzustellen vermochte. »Fade,« urteilte der Fürst abschätzend und ohne eine Spur innerer Achtung, »ein grobes, starkknochiges Geschöpf.« Und doch bückte er sich katzenhaft, um dem Mädchen das Taschentuch aufzuheben, das ihr eben aus der Rechten entglitten war. Mit einer formvollendeten, artigen Verneigung, die die äußerste Dienstbeflissenheit verriet, reichte er ihr das Gewebe zurück. »Es ist dick wie ein Scheuertuch,« gestand er sich dabei selbst. »Wie geschmacklos sich die Deutschen kleiden. Nicht einmal ein Tröpfchen Parfüm hat sie angewendet.Fi donc!«
Fürst Fergussow schwärmte nicht für die Blonden. Erschwärmte überhaupt für nichts. Er suchte nur immer. Und der verwöhnte Liebling der Petersburger Salons grübelte manchmal ernsthaft darüber nach, ob das Geschenk des Lebens nicht eigentlich eine gemeine und widersinnige Teufelsgabe wäre. Immer frischer Reizmittel bedurfte man, um diese abspannende, diese zermürbende Gleichgültigkeit stets von neuem aufzurütteln. Und in einer jener Stunden der Lethargie oder der nagenden Selbstzerfleischung, wenn das Daseinsflämmchen verendend zuckte, da war der bewunderte Dimitri Sergewitsch, der Held so vieler Romane, zuletzt in einen Kreis junger Studenten und mittelloser, im Avancement übergegangener Offiziere geraten, die ihre fest geschlossene Vereinigung das »Symposion« nannten. Unter den Symposiasten aber herrschte die Überzeugung, daß man das Leid und die Widerwärtigkeiten des Daseins nicht köstlicher betrügen könne, als durch ein gemeinschaftliches, freiwilliges Ende in voller Kraft und Rüstigkeit. Nachdem man vorher eine Orgie gefeiert, die alle Blüten der Kultur, die giftigen sowohl wie die himmlischen, gleich einem Kranz um die Häupter der Teilnehmer geschlungen. Hier hatte er auch Diamantow getroffen, dessen soziale Hoffnungen wieder einmal gescheitert waren. Der Student war allmählich von der verzweifelten Idee befallen worden, im Grunde fügten die Volkserwecker, die die träumenden Massen aus ihrem Schlafe aufzurütteln versuchten, den Hindämmernden ein schweres Unrecht zu. Denn nur Nichtwissen, Traum und Schlummer machten das Dasein erträglich. Voll zehrender Leidenschaft wurden diese auflösenden Ansichten verkündet, und alles war bereits für die große Orgie vorbereitet, als Fürst Fergussow, und mit ihm gerade die Vornehmsten des Symposions, plötzlich ohne jeden erkennbaren Grund fortblieben, und der Rest durch die Polizei auseinander gesprengt wurde. Keiner derarmen Mißleiteten warf Dimitri Sergewitsch indessen etwa Feigheit vor. Dazu war die Tollkühnheit des Gardedragoners in der Hauptstadt zu sehr bekannt, man wußte überdies, daß er erst im letzten Winter ein paar ertrinkenden Kindern in die Eisschollen treibende Newa nachgesprungen sei. Also Feigheit nicht. Die einen meinten, eine sehr, sehr junge Dame aus der höchsten Aristokratie, kaum dem Kindheitsalter entwachsen, hätte seine launenhafte Neigung für ein paar Monate entfacht, und die Erde reiche ihm wiederum ihre heißen Geschenke. Die anderen erzählten gerade das Gegenteil. Bei Hofe, flüsterten sie sich achselzuckend zu, wäre ein wundertätiger Mönch aus einem fernen Kloster erschienen, der die Macht bewiesen hätte, abgeschiedene Geister aus dem Jenseits zu rufen und die Seelen seiner Vertrauten durch inbrünstige Ekstasen in ein höheres Reich der Wonne zu heben. Aber Dimitri Sergewitsch! Man schüttelte den Kopf. Sollte wirklich dieser eiskalte Rationalist zu jenen heiligen Schwärmern gehören?
Warum nicht?
Sein rastlos hin und her zuckendes Gemüt, das immerfort die Farbe wechselte, je nachdem ihn eine neue Laune quälte, es konnte sich gewiß auch heißhungrig in die Abgründe der Mystik stürzen. Freilich nur, um jene Klüfte bald darauf wieder, verächtlich lächelnd, mit dem Spieltisch oder dem Boudoir einer Zirkusreiterin zu vertauschen.
»Kann die Mosaik Ihren Beifall erringen, teures Fräulein?« fragte Herr Miljutin der Ältere noch demütiger als sonst.
Johanna geriet in einige Verlegenheit. Die steifen, eckigen Linien des eingelegten Ritterbildes sagten ihr keineswegs zu. Auch schien ihr der weiche Dulderkopf des regierenden Zaren durchaus nicht unter die eiserne Sturmhaube zu gehören. Aber durfte die Gutsherrin vor den Offizieren des fremdenHerrschers eine so absprechende Meinung äußern? Regungslos verharrte sie, und in ihre Wangen stieg die Röte der Unsicherheit.
»Wir haben uns hier bemüht, national-russische Kunst zu geben,« fuhr Herr Miljutin dringender fort, da sich der sanfte Mann darüber aufzuregen schien, weil die Nemza seiner Schöpfung gegenüber so empfindungslos blieb.
Wie unangenehm!
Schon wollte sich das ehrliche Landmädchen mit ihrem geringen Verständnis entschuldigen, als ihr unerwartet eine Hilfe kam, auf die sie niemals gerechnet hatte. Und wie melodiös und schmeichelnd das Organ ihres unverhofften Retters klang! Unwillkürlich wandte sich die hohe Blonde dankbar ihrem Verteidiger zu, und so unverdorben war sie, daß sie hinter diesen bestrickenden Lauten auch eine reine und aufrichtige Seele vermutete.
»Bester Miljutin,« hemmte der Fürst den aufsteigenden Unwillen des Händlers, indem er ihm mit seiner feinen weißen Hand freundschaftlich auf die Achsel klopfte, »muten wir dem gnädigen Fräulein nicht zuviel zu. Unter uns, die Vorliebe für diese Quadrate ist eine Barbarei, die wir unseren byzantinischen Lehrmeistern hätten lassen sollen. Sie können mir glauben, unsere herrschsüchtigen Mönche benutzen die von Totenstarre verkrampften Gelenkpuppen nur, um unseren dummen Bauern Furcht einzuflößen. Kommen Sie, meine Gnädigste,« fuhr er mit seinem liebenswürdigen und freimütigen Lächeln fort, als er bemerkte, wie erleichtert die befangene Deutsche aufatmete, »lassen wir uns hier auf Leo Konstantinowitschs neuem Klubsofa nieder, denn jetzt werden Sie wirklich etwas von russischer Kunst empfangen, worin wir unter den Nationen ziemlich einzig dastehen. Vielleicht, weil den anderen Völkern eine Nachahmung nicht lohnt. Hören Sie? Dort drinnensingt Frau Oberst Geschow ein tatarisches Dorflied. Ah, und sie begleitet sich selbst auf der Balalaika. Wollen Sie mir glauben,« sprach er in seiner zwanglosen und wahrhaft vornehmen Art weiter, »daß ich selbst jenes Instrument in den Abendstunden ein wenig spiele? Es hat so etwas von den reinen Klängen der Kindheit. Und nicht wahr, wir alle retten uns manchmal gern hinüber?«
Heiß und klagend zugleich begann im Nebenzimmer eine dunkle Frauenstimme unauffällig zu singen. Ein eigentümlicher Saitenvierklang, hüpfend und neckisch, tönte dazwischen, als ob das Leben auf die traurige Weise mit einem unbekümmerten Tanz antworte.
»Handelt es sich hier vielleicht um einen Abschied?« fragte Johanna rasch, die den inneren Sinn des Liedes trotz der fremden Worte zu begreifen meinte.
Dimitri Sergewitsch rückte respektvoll etwas näher an sie heran. Und zum erstenmal richtete er seinen sanften Blick gegen die großen blauen Augen des Landfräuleins und fand zu seiner Verwunderung, daß dort drinnen etwas leuchte, ehrlich und bestimmt, was zu der gleichgültigen Dummheit, von der er die Deutsche erfüllt glaubte, nicht recht stimmen wollte.
»Sie haben ganz recht, Gnädigste,« versicherte er in seiner einnehmenden Manier, die ihm so wenig Mühe bereitete, »ich mache Ihnen mein Kompliment, weil Ihnen die Musik scheinbar ihre letzten Geheimnisse entschleiert. Wenn Sie gestatten, möchte ich Ihnen den Text übersetzen. Ein tatarisches Bauernmädchen sitzt im Rahmen eines weinübersponnenen Fensters. Draußen auf der Dorfstraße nimmt ihr Liebster, der mit seiner Schwadron in den Krieg zieht, von ihr Abschied. Und nun fragen sich die beiden jungen Leute im Wechselgesang, was sein wird, wenn wiederum der Wein blüht:
»Ich küsse dich, Anuschka.«»Ich küsse dich, Iwan.«»Was wird sein, wenn wieder der Wein blüht?«»Ja, was wird sein?«»Hochzeitsgeschenke werden kommen, und du wirst nicht an mich denken.«»Ja, Hochzeitsgeschenke werden kommen, aber ich werde an dich denken.«»Denke nicht an mich, denn ein eisernes Vögelchen flog mir ins Herz.«
»Ich küsse dich, Anuschka.«»Ich küsse dich, Iwan.«»Was wird sein, wenn wieder der Wein blüht?«»Ja, was wird sein?«»Hochzeitsgeschenke werden kommen, und du wirst nicht an mich denken.«»Ja, Hochzeitsgeschenke werden kommen, aber ich werde an dich denken.«»Denke nicht an mich, denn ein eisernes Vögelchen flog mir ins Herz.«
»Ich küsse dich, Anuschka.«»Ich küsse dich, Iwan.«»Was wird sein, wenn wieder der Wein blüht?«»Ja, was wird sein?«»Hochzeitsgeschenke werden kommen, und du wirst nicht an mich denken.«»Ja, Hochzeitsgeschenke werden kommen, aber ich werde an dich denken.«»Denke nicht an mich, denn ein eisernes Vögelchen flog mir ins Herz.«
»Ich küsse dich, Anuschka.«
»Ich küsse dich, Iwan.«
»Was wird sein, wenn wieder der Wein blüht?«
»Ja, was wird sein?«
»Hochzeitsgeschenke werden kommen, und du wirst nicht an mich denken.«
»Ja, Hochzeitsgeschenke werden kommen, aber ich werde an dich denken.«
»Denke nicht an mich, denn ein eisernes Vögelchen flog mir ins Herz.«
Drinnen tönten die schwermütigen Strophen fort, immer von der hüpfenden Begleitung durchschlungen und unterbrochen. Der Fürst aber beugte sich vor, als ob er ein Urteil über das heimatliche Lied erwarte. Allein seine Zuhörerin war über das rein Poetische des Gedichtes längst hinweggeeilt. Ihr an das Nächstliegende stets gebundener Sinn stöberte unruhig in den Gedankenverbindungen herum, die durch ein einziges Wort des Textes in ihr erregt waren. – – Krieg! – – Und plötzlich vergaß sie, wer neben ihr saß. Nichts als die weiche und gütige Stimme des Mannes, der sie unterhielt, war in ihrem Ohr haften geblieben. So kam es, daß sie sowohl die fremde, vielleicht feindliche Volksangehörigkeit ihres Nachbarn außer acht ließ, ja, daß ihr sogar sein hoher Rang entglitt. Wie ein bekümmerter Mensch, der bei einem anderen lebenden Wesen Trost sucht, bettete sie ihre Hand ohne jede Absicht auf die Finger des anderen, um rasch und inständigst zu fragen:
»Sie sind mir fremd, aber Sie müssen es wissen, – nicht wahr, es ist doch unmöglich?«
»Was ist unmöglich?« wiederholte der Dragoner sich sammelnd, obwohl er den Sinn ihrer plötzlich ausgestoßenen Bitte recht wohl begriff.
Wie plump die Nemza war! Man bereitete doch einem Unbekannten, den man sicherlich nie wiedersehen würde, nicht derartige Verlegenheiten! Doch während er sich zu ihr wendete, spielte wieder das gewinnende Lächeln des Gesellschaftsmenschen auf seinen klassisch geformten Zügen.
»Was beunruhigt Sie, bestes Fräulein? Kann ich vielleicht Ihre Bedenken zerstreuen? Sie sehen übrigens so aus, als wenn Sie nicht leicht außer Fassung zu bringen wären.«
Da zog Johanna, zur Besinnung gelangend, ihre Hand hastig zurück, raffte sich zusammen und saß wieder so aufrecht und unberührt, den Kopf in den Nacken geworfen, daß den Fürsten ihre steife Haltung innerlich belustigte.
»Sie haben ganz recht,« äußerte sie kalt, und ihr Ton klang so eisig, wie ihn nur die Herrin von Maritzken, sobald sie sich oder andere auf einem Fehler ertappte, anzuwenden pflegte. »Wie kämen Sie dazu, mir Aufschlüsse über etwas zu erteilen, was Ihnen vielleicht dienstlich verboten ist.« Und sich zu Herrn Miljutin kehrend, begann sie mit dem Fabrikbesitzer sich wiederum über geschäftliche Dinge zu unterhalten.
Eingehend erkundigte sie sich bei dem Kaufmann nach dem Preis seiner eigenen Lastpferde.
Ein Pferdegespräch also, auch das noch! Ungläubig lauschte Dimitri Sergewitsch ein paar Sekunden herüber. Dann aber, als sich der schöne junge Mann daran erinnerte, wie unbändig taktlos es wäre, eine Unterhaltung so schneidend und kurz abzubrechen, namentlich ihm, dem stets Höflichen gegenüber, da glitt er fast unhörbar empor und gedachte sich mit einer seiner anmutigen Verneigungen durch den Vorhang in das Nebenzimmer zu begeben, um Maria Geschowa ein paar Lobeserhebungen über ihren Gesang zu Füßen zu legen. –
Da geschah etwas.
Ganz unvermutet und gegen seinen Willen wurzelte er dicht an dem Platz, wo Johanna saß, fest, so daß sich ihre Gewänder beinahe berührten.
Was war das?
An der schmalen Seitenwand des Zimmers öffnete sich eine niedrige Tür, und auf dem Vorplatz, der mit ein paar Steinstufen auf den Hof herunterleitete, nahm man eine russische Ordonnanz wahr, die einen Brief oder eine Depesche in der Hand hielt. Mehrere Offiziere umgaben den Soldaten, ein halblautes Summen und gedämpfte Rufe schlugen von draußen herein.
Johanna griff fest in die Seitenlehne des Klubsofas. Ihr heller Verstand verriet ihr auf der Stelle, dort auf dem Vorhof spiele sich nichts Gleichgültiges ab, nein, daß der Bote vielmehr eine Entscheidung brächte. In das Dunkel, das sie alle umgab, wurde sicherlich in diesem Augenblick eine Fackel geschleudert, in der nächsten Minute konnte bereits ein wütender Brand auflodern, wilde Glut mußte Weg und Zukunft erhellen. Nicht um einen Schlag pochte das Herz der Landtochter schneller. Die Gewißheit war stets ihre treueste Bundesgenossin. Und nur ein einziger Gedanke riß klar und blendend durch ihr Bewußtsein.
Fort!
Gab es für sie und die Schwestern, die in ihrer Hut standen, noch einen Rückweg? Das unerschütterliche Vertrauen auf die Standhaftigkeit des weißen Friedenstempels, unter dessen glattem Marmordach ihr ganzes Leben verflossen, es war eine Torheit gewesen. Ihre Augen starrten unausgesetzt auf den offenen Durchgang. Nicht der kleinste Zug in den aufgeregten Mienen der Männer dort draußen entging ihr. Ihr war es, als verstände sie plötzlichjede Silbe der fremden Worte, die da so rasch und kurz wie Flintenkugeln durcheinanderflogen.
Kein Zweifel, das Fürchterliche war da!
Und alles, was nun geschah, wirrte wie Schattenbilder um sie her. Fast lautlos und unhörbar vorübergleitend.
Stürzte nicht der Bergbaustudent Alexander Diamantow auf den Flur hinaus, um die schmale Tür sofort hinter sich zu schließen? Eine plötzliche Stille trat ein. Auch in das Nebenzimmer mußte bereits die geheimnisvolle Kunde gedrungen sein, denn auch dort war jeder Laut erstorben. Man hörte nur das leise Klirren der Teetasse, die in der Hand der Gouverneurin zitterte. Gleich verwunschenen Traumfiguren, leblos, keiner Bewegung mächtig, verharrten die Männer in Johannas Umgebung.
Und dann – die Tür flog auf, – weiß wie ein Blatt Papier überreichte der Bergbaustudent dem Obersten Geschow ein geschlossenes Formular. Johanna sah, wie sich die breite Brust des untersetzten Obersten gewaltsam hob. Die gutmütigen grauen Augen des Mannes schlossen sich für eine Sekunde, und seine fleischige Rechte strich schwerfällig über die kurz geschorenen weißen Haare. Im nächsten Moment freilich stieß er einen unverständlichen Ruf aus, brach zitternd vor Aufregung das Schreiben auseinander, und während er sich damit vorgebeugten Hauptes gegen das Fenster wandte, wehrte er es den anderen nicht, ihm in atemloser Spannung über die Schultern zu blicken. Ein starkes Atmen ging durch den Raum.
Gleich darauf kehrte sich der Oberst zurück. Mit einer straffen Bewegung steckte er sich das Formular in den Ärmelaufschlag, nickte kurz und warf ein einziges Wort hin. Es pfiff wie ein Säbelhieb. In den Augen des Kommandeurs aber funkelte ein seltsames Leuchten.
Da – vom Hof schallte ein hundertstimmiger Schreiherein. Taumel, Ekstase, Rachegier oder ein allgemeines begeisterungstrunkenes Gelöbnis mischte sich in dem langen, die Brust befreienden Aufbrüllen. Oberst Geschow jedoch, der fast schon unter dem Vorhang weilte, warf energisch die Rechte zurück, als erteile er den gemessenen Befehl, daß seine Untergebenen derartige Kundgebungen sofort zu unterdrücken hätten, und ohne Verzug eilte die Mehrzahl der Offiziere auf den Hof hinaus. Der Rest folgte seinem Kommandeur in das Gesellschaftszimmer, und bald befand sich die Fremde, die man vergessen hatte, allein.
Nein, nicht allein.
Langsam kehrte das Leben in die Glieder des Fürsten Fergussow zurück. Er war es, der einzig von allen anderen noch immer neben der Fremden weilte, und sie sah nun wie der junge Mann aus seinem tiefen Nachdenken zu erwachen schien. Keine Muskel regte sich in dem reinen kalten Antlitz, als er jetzt ernst seine sanften braunen Augen auf die Deutsche richtete. Dann verneigte er sich vor ihr ganz in der Art eines großen Herrn.
»Meine Gnädigste,« sagte er zuvorkommend, »Oberst Geschow hat zweifellos im Drang seiner Geschäfte Ihnen gegenüber eine Pflicht verabsäumt. Es kann ihm nur angenehm sein, wenn ich sie an seiner Statt erfülle.«
Noch hatte der Fürst nicht ganz geendet, als hinter dem Vorhang die laute Stimme des Hausherrn, des Rittmeisters Sassin, in ihr gewöhnliches polterndes Lachen ausbrach. Augenscheinlich galten seine Beruhigungen den fremden Gästen, die gewiß durch das zuletzt Erlebte einem hemmungslosen Schrecken verfallen waren.
»Aber meine Damen,« hörten die beiden Lauschenden das vollsaftige Organ des Rittmeisters schmettern, »mein bester Freund Rudolf Bark, welch unnötige Aufregung! Eine dienstliche Depesche wie hundert andere. Nicht der geringsteGrund, um darüber nachzudenken. Wie? Aufzubrechen wünschen Sie? Das dulde ich unter keinen Umständen. Das leide ich einfach nicht. Das Ganze war hier als ein kleinerthé dansantgedacht. Jede Minute müssen die Spielleute unseres Regiments eintreffen. Nein, um dieses Vergnügen lasse ich uns nicht bringen. Sie befinden sich unter Freunden, nicht wahr, Oberst Geschow?«
In dem Billardzimmer jedoch zog Fürst Fergussow die Augenbrauen zusammen.
»Ich weiß nicht, mein Fräulein,« äußerte er rasch zu seiner Gefährtin, die ihm nun in ihrer ganzen Größe gegenüber ragte, »warum Leo Konstantinowitsch so Widersinniges redet. Ich hoffe, es geschieht, um Ihre Furcht nicht noch zu vermehren. Aber wie gesagt, ich glaube Ihnen die Wahrheit schuldig zu sein. Hören Sie also: Soeben erfuhren wir, daß Ihre Regierung an die unsrige ein Ultimatum richtete. Es läuft in zweiundsiebzig Stunden ab.«
»Ist das der Krieg?« fragte Johanna ruhig.
Dimitri Sergewitsch zuckte die Achseln.
»Wer weiß das?« gab er knapp zurück. »Wir Frontoffiziere vermögen derartiges am wenigsten zu beurteilen. Aber auf die Gefahr hin, uns Ihrer Gegenwart zu berauben, möchte ich Sie doch bitten, sich sofort in Ihre Heimat zurückzubegeben.«
»Hörten Sie nicht,« warf Johanna mit ihrer gewohnten Umsicht ein, »daß Ihr Freund, der Rittmeister Sassin, uns nicht fortzulassen wünscht?«
»Das kann nur ein Scherz sein,« erwiderte der Aristokrat sich aufrichtend, und in diesem Moment sah man, wie kräftig die Muskeln in seinen schlanken Gliedern spielten. Er schlug den Vorhang zurück, um seine Gefährtin in das Gesellschaftszimmer vorantreten zu lassen, und seine einschmeichelnde Stimme nahm einen Klang an, der vollständigvon der Gewohnheit des Befehlens beherrscht war. »Leo Konstantinowitsch,« rief er laut, »wir alle bedauern es lebhaft mit Ihnen, weil die Zeit für unsere deutschen Gäste abgelaufen ist. Die Herrschaften wünschen sich zu Fuß bis zu der Brücke zu begeben, und Sie werden die Güte haben, dafür Sorge zu tragen, Herr Kamerad, daß der den Damen gehörige Wagen ihnen sofort folgt.«
»Das leide ich nicht,« knurrte Sassin plötzlich händelsüchtig, und eine rote Blutwelle schoß ihm in die Stirn. »Wozu das alles? Auf der Straße treibt sich jetzt ohnehin allerlei Fabrikarbeitervolk herum, die Damen könnten nur Unannehmlichkeiten erfahren.«
»Es ist vernünftig, Leo Konstantinowitsch, daß Sie darauf aufmerksam machen,« entgegnete Fürst Fergussow, obwohl er ihn keines Blickes würdigte. »Aber ich selbst werde die Ehre haben, die Damen sowie den fremden Herrn bis an die Brücke zu geleiten.«
»Ah, Sie selbst, Durchlaucht,« murmelte der Hausherr erstickt.
»Sie gestatten, daß ich mich Ihnen anschließe,« erbot sich Oberst Geschow. »Ich vermute, daß besondere Brückenbefehle ausgegeben sind, und ich wünsche, daß unsere Gäste ohne Belästigung hinüber gelangen.«
Die Gesellschaft sprach laut durcheinander. Jeder suchte sich und die übrigen davon zu überzeugen, daß all die gewünschten Vorsichtsmaßregeln völlig grundlos wären, weil sich bei der bekannten Friedensliebe und Gutmütigkeit des slavischen Volkes niemals etwas Ernstliches ereignen würde.
»Wie können in einem Staate, der sich so langsam emporarbeitet, überhaupt jemals solche das Volksvermögen zerrüttende Gedanken auftauchen,« ächzte der Gouverneur Bobscheff, indem er, schlau mit den Augen zwinkernd,seinen Hals weit über die übrigen erhob. »Man wird einen Ausweg finden. Auf Auswegen beruht die ganze Politik.«
»Hören Sie es?« machte Tatiana, die Heroldin seines Ruhmes, aufmerksam. »Mein Gatte verwirft aus nationalökonomischen Bedenken jede kriegerische Auseinandersetzung.«
»Leben Sie wohl, Rudolf Bark,« so schritt unbekümmert um die betroffenen Mienen der anderen die dunkle Tatarin mitten durch den ausweichenden Kreis hindurch und auf den Kaufmann zu, der wie eine Schutzwehr für seine bereits in der Diele befindlichen Damen, noch auf der Schwelle verharrte. Und einer sie durchströmenden Scham nachgebend, streckte Maria Geschowa dem Konsul warm die Hand entgegen. »Sie wissen jetzt,« sagte sie ganz laut, als ob sie wünsche, daß es die anderen auffangen sollten, »Sie wissen jetzt, warum es hier manche Heimlichkeiten gab. Aber das, was ich Ihnen jetzt sage, das können Sie mir ehrlich und ohne Mißtrauen glauben. Ich wünsche von Herzen, daß die uns noch zur Überlegung gegönnten drei Tage eine blutige Entscheidung abwenden möchten. Denn gleich mir, so gibt es hier unter uns viele,« setzte sie mit erhobener Stimme hinzu, als sie das eisige Schweigen der Umstehenden bemerkte, »viele gibt es hier, die nichts so widersinnig, ekelerregend und hündisch finden, als das bewußte Zerfleischen von Geschöpfen, die sich Menschen nennen. Pfui, möchte es nie dazu kommen!«
»Du hast recht, Maria,« pflichtete nach einer Pause des bedrückten Schweigens der Gatte der Tatarin, Oberst Geschow, sehr ernsthaft bei und streichelte der erregten Frau billigend und respektvoll über den Arm. »Hoffen wir, daß das Menschengeschlecht diesen Schritt nach unten nicht zu wagen braucht; denn nach abwärts wird der Weg führen.«
In diesem Augenblick öffnete Fürst Fergussow die äußere Tür, und das Licht des funkelnden Sommertages flutete üppig und hell auf all die ängstlich zusammengedrängten Menschenköpfe, die ahnungsvoll nach dem fernen Grollen des Weltenschicksals hinaushorchten.
In wenigen Minuten hatte man den Brückenkopf erreicht. Und doch war es den durch den schwarzen kotigen Kohlenstaub dahineilenden Mädchen gewesen, als ob sie sich durch andrängende Jahre hätten hindurcharbeiten müssen. Das rußige Erdreich besudelte ihre hellen Schuhe, die offenen Mäntel flatterten unordentlich hinter ihnen her: Ganz gleich, nur den Ort erreichen, von wo man die Heimat sehen konnte, die sichere, die schützende.
Da – gottlob – da gewahrte man schon den schmalen Fluß, man sah die langen Kohlenkähne, vor denen die Ablader nun beschäftigungslos herumlungerten. Und jetzt, – war das nicht das Getrappel vieler Pferde, das da hinten von der hölzernen Brücke herüberpolterte? Noch ein paar Schritte, und die dunkelblauen Uniformen einer Reiterabteilung wurden sichtbar, die auf unruhigen Pferden dicht vor dem Brückeneingang hielt. Die gezogenen Säbel blitzten im Licht des Spätnachmittags.
»Großer Gott,« fuhr Isa auf, während sie die Hand ihrer ältesten Schwester, die ruhig und aufgerichtet wie immer neben ihr herschritt, in heftiger Bestürzung umklammerte, »was bedeutet das? Hans, ob man uns hier gewaltsam zurückzuhalten gedenkt?«
Über das marmorweiße Antlitz der Großen huschte ein mattes Lächeln. Und doch richtete sie ihre Augen auskunftheischend auf den Fürsten Fergussow, der mit seinem leichten, federnden Gang an ihrer Seite geblieben war.Sofort nickte der Aristokrat verständnisvoll und trat rasch an den jungen Zugführer heran, der grüßend seinen Degen vor dem Offizier in der blitzenden Uniform senkte. Ein paar schnelle, den anderen unverständliche Worte wurden gewechselt. Gleich darauf parierte der Dragonerleutnant seinen Braunen und rief etwas mit lauter Stimme über die Brücke. Gehorsam traten auf den Anruf die beiden Grenzsoldaten dicht an das Wachthäuschen heran und gaben die Durchfahrt frei.
Da meldete sich ein fernes Rollen. Im Galopp kam der Landauer des Konsuls über den Marktplatz gerasselt, und schon von weitem erkannte man, daß der Rittmeister Sassin selbst das Gespann lenkte. Mit klatschenden Peitschenschlägen trieb er die Pferde die steile Straße hinan. Kaum hatte er die Brücke erreicht, als er auch schon dem deutschen Kutscher die Zügel zuwarf und klirrend herabsprang. Unter beständigem betrübten Kopfschütteln, und während er sich unausgesetzt den starrenden rotblonden Schnurrbart strich, schritt die mächtige Gestalt bis mitten auf den Holzweg, wo sich der Konsul, sowie seine Schutzbefohlenen, soeben von ihren russischen Begleitern verabschiedeten. Laut dröhnte die metallische Stimme des Rittmeisters zwischen die letzten höflichen Worte der Scheidenden.
»Rudolf Bark, mein teurer Freund, meine gnädigsten Damen, welch ein Malheur, welch ein lächerliches Mißverständnis! Nie werde ich wahnsinnigen Zeitungsschreibern, die an allem schuld sind, vergeben, was sie an mir verbrochen haben. Einen der schönsten Tage meines Lebens haben mir die elenden Narren gestohlen. Es ist unbegreiflich, Rudolf Bark, wie auch Ihre bekannte Kaltblütigkeit sich von solchem Geschwätz beirren lassen kann.«
Der Konsul hatte die Mädchen erst über die hölzerne Schwelle geführt, welche die Grenze der beiden mächtigenReiche bildete. So merkwürdige Vorstellungen nisten in den Köpfen auch kluger Menschen, daß der Kaufmann seine Begleiterinnen erst völlig geschützt wähnte, als sie hinter dieser eingebildeten Schranke weilten. Er selbst aber trat noch einmal zurück, nicht nur um seinen Wagen herbeizuwinken, sondern auch in der Absicht, das Gebaren seines bisherigen Gastgebers, das er deutlich durchschaute, durch ein paar derbe und offene Worte vor den anderen bloßzustellen. Aber wie erstaunte er, als er merkte, daß diese Aufgabe bereits von dem vornehmen Offizier aus Petersburg übernommen sei. Lässig lehnte Dimitri Sergewitsch an dem Brückengeländer, nur eine heftige Kopfbewegung verriet, wie widerlich und unanständig ihn das unaufrichtige Verhalten des Kameraden anmutete.
»Leo Konstantinowitsch,« bemerkte er kurz, »Sie mögen gewiß Gründe haben, die gegenwärtige Lage so optimistisch zu beurteilen. Mich selbst aber, und wie ich glaube auch den Herrn Obersten, befriedigt es ungemein, weil wir die deutschen Herrschaften in dieser gespannten Zeit dort wissen, wohin sie gehören.« Und sich noch einmal, ohne die anderen zu beachten, direkt vor Johanna verbeugend, rief er noch hinüber: »Kommen Sie gut nach Hause, mein gnädigstes Fräulein; nein bitte, keinen Dank. Was hier geschehen ist, würde jeder andere genau so verrichtet haben. Übrigens – hier kommt Ihr Wagen. Und nun guten Abend.«
Ein kurzes Gedränge entstand, hastig schlüpften die Mädchen durch den Schlag, der Konsul zog noch einmal den Hut vor dem salutierenden Obersten, und fort rollte der deutsche Wagen der Heimat zu.
Ungefährdet.
Im Lichte der Abendsonne aber lehnte Fürst Fergussow, so lange er das Gefährt noch verfolgen konnte, an dem Brückengeländer. Er hatte sich eine Zigarette entzündet, unddie weißen Wolken ringelten sich fröhlich in den matter werdenden Himmel.
Wie anders sah das Land aus, in das der deutsche Wagen auf seinen prallen Gummireifen hereinrollte, als dasjenige, das seine Insassen eben von Grauen geschüttelt, verlassen hatten. Dort ein wüstes schmutziges Durcheinander, grundlose, ungepflasterte Straßen, baufällige Häuser, und eine Stadt, die von der segensreichen Tochter des Himmels, der Ordnung, nie durchschritten war. Und hier, kaum daß man den schwarz-weißen Grenzpfahl passiert, dem man zum erstenmal im Leben wie einem alten schutzbereiten Wächter aufatmend zugenickt hatte, hier empfing die Heimkehrenden eine glatte Chaussee aus blauweißen Steinchen, sauber gekehrt und auf beiden Seiten besetzt von buschigen Kirschbäumen, die bereits der Frucht zustrebten.
Gleich vor dem ersten Bauerngehöft stand neben den in der Abendsonne blitzenden Glaskugeln des Vorgärtchens eine hochgewachsene blonde Frau, auf dem Arm ihr Töchterchen tragend. Sie rief etwas in das Haus hinein, als sie den herannahenden Wagen gewahrte. Auf den weithallenden Schrei trat sofort ein Mann in Lederhosen und Hemdsärmeln aus der Tür, schnallte sich den Gurt etwas fester, strich sich die düster-blonden Haare aus der gebräunten Stirn und schritt dann dem heranrollenden Gefährt entgegen.
Der Konsul beugte sich in seinem weißen Mantel hinaus. Er erinnerte sich nicht, den jungen Bauern, der offenbar ein Anliegen hatte, jemals gesehen zu haben. Und doch beherrschte ihn die merkwürdige Empfindung, daß es jetzt notwendig und angebracht sei, jedem Landsmann Rede und Antwort zu stehen.
»Guten Abend, Herr Konsul Bark,« begann der Bauer, indem er freimütig grüßend an den Schlag herantrat; und sich gewissermaßen vorstellend, fuhr er fort: »Ich kaufe schon seit langem meinen Kram bei Ihnen dort drinnen. Aber deswegen halte ich Sie nicht fest. Ich bin hier Gemeindevorsteher, und die Nachricht ist eben bei mir eingelaufen. Sie kommen von drüben, Herr Konsul, und da wollte ich fragen, ob wir uns wirklich fertig machen müssen.«
Als er dies sprach, reckte sich die gedrungene Gestalt des Mannes und kehrte sich halb gegen Osten, als ob er irgend etwas von dort Andrängendem den Weg sperren müsse. Der Konsul aber reichte ihm rasch die Hand heraus und bestätigte mit einem leisen Seufzer:
»Ja, ja, ich fürchte es steht schlimm, Herr Gemeindevorsteher.«
»Schlimm?« wiederholte der andere erstaunt, und in seine braunen Augen drang ein seltsames Flimmern, »ich stand dort drinnen als Sergeant bei der Artillerie, Herr Konsul, und ich denke, wir werden auch ein Wort mitzureden haben. I wo, ich will uns nicht loben, aber wir werden uns nicht lumpen lassen, Herr Konsul.«
Es lag etwas so Frisches, Selbstverständliches in der Überzeugung dieses gedienten Soldaten, daß seine Zuhörer wie von einem heißen, belebenden Trank durchrieselt wurden.
»So ist es,« stimmte Johanna zu, innerlich beglückt, nach all dem französischen Parlieren wieder die derben heimatlichen Laute zu vernehmen, »wenn wir fest zusammenhalten, kann uns nichts geschehen.«
Der Landmann aber schüttelte ganz verblüfft das unbedeckte Haupt. Er schien den Sinn der Anrede durchaus nicht zu begreifen.
»Zusammenhalten?« wiederholte er langsam und prüfend.»Aber das ist doch selbstverständlich, Fräulein, – Ehrensache. Ne, da kennen Sie uns nicht, die Sache wird gemacht.«
»Das meine ich auch,« nickte die Älteste von Maritzken, in deren Seele sich die alte trotzige Widerstandskraft erhob.
»Und was wird aus Ihrer Wirtschaft?« warf der Konsul dazwischen, »aus Frau und Kindern?«
»Ja, deswegen ist bereits vom Landratsamt telephoniert worden. Die Wirtschaft muß ich vorläufig sich selbst überlassen,« meinte der Mann stirnrunzelnd, »aber alles, was Beine hat, das bringe ich morgen in die Stadt. Dort spreche ich mal vor, Herr Konsul.«
»Ja, tun Sie das,« ermunterte der Herr des Goldenen Bechers so freundschaftlich, als ob er den einfachen Menschen schon seit vielen Jahren kennen würde. »Ich werde mich freuen, Sie gesund wiederzusehen. Vorwärts, Johann.«
Und als das Gefährt bereits an dem kleinen Gärtchen mit den bunten Glaskugeln vorüberrollte, da sah Isa, die sich zurückwendete, wie der Mann in den Lederhosen noch immer mitten auf der Landstraße weilte, das Haupt gen Osten gekehrt und das rechte Bein trotzig gegen die Muttererde vorgestemmt.
»Die Sache wird gemacht,« klang es Johanna durch den befreiten Sinn.
Weiter ging es.
Bald hatten sie den winzigen Marktflecken Schorweiten erreicht, der nur aus einer einzigen langgezogenen Gasse bestand mit einer windschiefen Einbuchtung für das kleine niedrige Holzkirchlein. Grünmoosig hing das Rohrdach fast bis zur Erde herab. Hier hielt ein berittener Gendarm und erteilte, tief von seinem Roß herabgebeugt, den ihn umringenden Landbewohnern bereitwilligst jede gewünschte Auskunft. Vor der Kirchenschwelle aber stand eine kleineSchar von Buben und flachsköpfigen Mädchen. Sie trugen Papierhelme auf den Häuptern, und der kleinste von ihnen schwenkte eine deutsche Kinderfahne in den Händen. Lustig flatterte das Schwarz-weiß-rot in dem Abendwind, der von dem nahen Landsee herüberstrich. Und da hörten die im Schritt Vorbeifahrenden zum erstenmal jenes Lied, das seit langer Zeit Bedeutung und Sinn für sie verloren hatte, und das ihnen jetzt mit der brausenden Gewalt eines Orkans ans Herz fuhr. Aus Kindermund schallte es zu ihnen hin, silberrein und doch trotzig und voll werdender Mannheit: