Mit banger Scheu sah man wieder Licht brennen die langen Winterabende in Götreks Werft, wußte man doch, wer dort hauste, dieHexe von Norderoog, wie sie der Volksmund längst getauft.
Sie hatte den armen Lars, der noch in aller Erinnerung war, fortgelockt, weiß Gott wohin, kein Mensch sah ihn je wieder, und jetzt war sie wiedergekommen, wohl um ein neues Opfer zu holen. Schon hatte sie ihre Schlingen von neuem gelegt, und man wußte auch, wem sie galten. Gerade auf die Götreks hatte sie es abgesehen. Die Schneespur zwischen der Werft und dem Leuchtturm war immer wieder aufgefrischt.
Ist ja doch ihr Schwager, und der Junge seines Bruders Sohn, meinten die Wohlgesinnten.
Saubere Schwägerin, sauberer Bruders Sohn, die andern, kann man sich vorstellen, was das für eine Ehe gewesen ist. Schämen soll er sich, der Knut, der doch der eifrigste Gegner der Hexe war.
Knut kannte die Stimmung. Er wäre am liebsten alle Tage den Weg gegangen, aus Trotz, aus Zorn über die Bosheit der Leute, aber er wagte es selbst nicht, vor sich selbst fürchtete er sich, nicht vor den anderen.
Das Bild, das er da drüben immer wieder zu sehen bekam, war zu verführerisch für den einsamen Mann, die Mutter mit dem Kinde. Es hatte gar nichts Hexenhaftes, im Gegenteil, etwas ganz Himmlisches für ihn. Dann und wann kam es ihm wohl vor, als blicke aus den schwarzen Augen die einstmals so gefürchtete Heidin, die Verführerin seines Lars, aber das war nur seine eigene wilde Begierde, die immer wieder hervorbrach, sein eigenes sündiges Blut, das sich regte.
Nizam und der Knabe waren für ihn das heilige Vermächtnis Lars'. Er kehrte ja nie mehr zurück, nie mehr, tausendmal sagte er sich das, — gleichviel, dann konnte er ihm wenigstens drüben einmal Rede stehen.
Nizam schien sich völlig einzugewöhnen. Die Pflege des Kindes nahm sie ganz in Anspruch, nur immer durchsichtiger wurde das Antlitz, immer weißer, und die Augen immer größer, brennender. Ein böser Husten quälte sie, das hatte sie noch von der „Halland‟ her, von den entsetzlichen Nebelwochen, derewigen kalten Feuchte, die sie nicht vertragen konnte.
Knut gegenüber verlor sie rasch alle Scheu. Sie behauptete, alle Tage werde er dem Lars ähnlicher, doch schien diese ständige Erinnerung eher wohlthätig auf sie zu wirken, als schmerzlich, der Freude nach, die sie jedesmal äußerte, wenn Knut auf Besuch kam.
Das Gespräch kam immer wieder auf Lars. Knut wußte so viel Neues, der Stoff ging ihm gar nicht aus, dem sonst so Schweigsamen, und der Kleine lehrte ihn sogar das Lachen, wenn er auf seinem Schoße spielte.
Zur rechten Zeit schreckte ihn dann irgend eine Bemerkung Nizams, ein Blick, ein Lächeln, ein eigener jäher Gedanke aus seiner Sicherheit, und er blieb wieder eine Woche aus. Das waren die schlimmsten Zeiten; wie die Schwärme der Seevögel im Frühjahr den Turm, so umschwärmten ihn die Gedanken.
Wenn Lars wirklich nicht mehr kam — und es war gewiß, daß er nicht mehr kam, — was soll dann werden mit Nizam? Ihm selbst konnteauch einmal etwas zustoßen, beim Fischfang, beim Rettungswerk, — überhaupt, es geht oft sonderbar, der Tod lauert überall auf einen. Dann war sie der Bosheit, dem Vorurteil der Leute ausgesetzt, die sie haßten, die sie keinen Tag mehr dulden würden auf der Insel.
War es nicht seine Pflicht als Bruder, vorzusorgen, — trat er nicht Rechtens Lars' Erbschaft an, und das Beste, das Teuerste, was er besaß, sollte er dem Zufall preisgeben? Wer hatte denn mehr Recht auf Nizam, als er? Etwa der Kapitän, der sie verfolgt mit seinen lüsternen Anträgen, den sie haßte, verabscheute, — oder irgend ein anderer? Ja, hatte denn Lars allein das Recht, sie zu lieben, zu besitzen? Solange er lebte, wohl, — aber der Tote hat doch kein Recht mehr auf das Leben, — und er war ein Toter, so gewiß, als in ihm tausendfältig neues Leben sich regte.
Seit wann ist es Sitte, daß junge Frauen ewig Witwen bleiben? Er kannte zwei Familien, in denen die Brüder die Witwen des verunglücktenBruders heirateten; allgemein wurde die Heirat nur gebilligt.
Warum für ihn und Nizam ein anderes Maß? Aber wenn Lars doch noch lebte? Alles schon dagewesen — die unglaublichsten Fälle, — nun, dann wartet man noch das Frühjahr ab, den Sommer, — also das dritte Jahr. Weiter kam er nicht, dann faßte ihn das Grauen, — ehrlich gesagt, man wartet auf die Gewißheit seines Todes, — man hofft sicher darauf, man zittert, daß es anders kommen könnte. Er zittert, der Bruder! Furchtbarer Frevel!
So verging der Winter in schwerer Herzensnot, und das Frühjahr kam, ein rauhes, wildes Frühjahr, wie die Nordsee es liebt, mit Sturm und Hochflut und wochenlangen Regenschauern.
Nizam war bettlägerig, noch nie fühlte sie sich so schwach. Ein krankhaftes Sehnen überkam sie, fort, nur fort, der Sonne zu, dem Licht, der Wärme, förmliche Hallucinationen stellten sich ein, von blumigen Wiesen, blauemHimmel, von kühlenden Gewittern nach schwülen Nächten.
Knut hörte ihr oft besorgt zu. Sie war ernstlich krank, das verstand er jetzt. Und wenn er neben ihr saß, den kleinen Knut im Schoße, und beide ihren sonderbaren Erzählungen lauschten von fernen, sonnigen Ländern, der Mann und das Kind, und wenn sie dann plötzlich seine Hand ergriff und zärtlich drückte und ihn so flehend ansah, als wollte sie sagen: Komm und führe uns dahin, — da frohlockte er in seinem Innern, und er glaubte, die Sprache zu verstehen. Es handelt sich gar nicht um Sommer, Licht und Wärme, um ferne Länder, sondern um etwas ganz anderes, — um Liebe und ein treues Herz, ohne das dieses Wesen gar nicht leben konnte, danach sehnte sie sich, an dem Mangel daran starb sie noch, wenn er nicht abhalf, und er könnte abhelfen, wenn er nur den Mut hätte.
Eines Tages aber fand er den Mut.
Nizam war aufgestanden, es war ein seltenerSonnentag; sie saß am Fenster, badete sich im warmen Licht und blickte so hoffnungsvoll hinaus in die Weite. Sie schien heute eine besondere Freude zu haben über sein Kommen, das stärkte ihn.
Wie nur anfangen? Babe schnarrte heute immer sein „Larrrs‟! Das verwirrte ihn ganz, rief von neuem sein Gewissen wach. Zum Glück kam ihm der kleine Knut entgegengestrampelt. Er herzte und drückte ihn wie noch nie.
„Was soll denn aus meinem lieben Jungen werden? Was denn? Ein Seemann? Ein Soldat? Oder gar ein Studierter? Hast du schon darüber nachgedacht, Nizam?‟ wandte er sich dann plötzlich an die Frau am Fenster, vom Scherze plötzlich abspringend.
Nizam seufzte schwer auf. „Was soll ich darüber denken, — ich! Aber es hat ja noch Zeit, — wenn — wenn —‟ ihre Stimme stockte, „wenn Lars einmal kommt —,‟ dann brach sie in helles Schluchzen aus.
„Nizam!‟ Knut rief es verdrossen, „das istnicht recht von dir, das ist ein Frevel! Jawohl, ein Frevel! Was Gott will, will er, und er weiß, warum er es will, und der Mensch soll nicht trotzen.‟
„Was will dein Gott?‟ Nizams Antlitz bekam plötzlich einen strengen Zug.
Knut verwirrte ihr Blick. „Gott will — Gott will nicht, daß man —‟ Knuts Brust hob sich mächtig, dann platzte er heraus: „Gott will, daß dieser Junge unter eine männliche Zucht komme. Gott will, daß du dich nicht zu Tode kümmerst, daß du für ihn lebst. Gerade heraus, Gott will nicht, daß du allein bleibst —‟
„Knut!‟ Nizam sprang von ihrem Sitze auf. „Wer sagt dir, daß ich allein bin, wer sagt dir das, Knut? Hast du Nachricht? Hast du?‟
„Nichts habe ich, mein Verstand sagt es mir, und noch etwas, mein Herz. Ja, Nizam, mein Herz — ich — ich — sieh mich doch an, bin ich denn so weit ab von Lars? Daß ich älter bin, nun ja — das bin ich, aber sonst —‟Knuts Antlitz rötete sich, ein heftiger Sturm erhob sich in ihm; „er hat dich ja mir weggestohlen, der Lars, ja, das hat, — so wahr ich leb', das hat er! Ich hätte dich ja selbst zum Weib genommen. Tag und Nacht habe ich nichts anderes gedacht, nur der Mut hat mir gefehlt — und dann die Eifersucht — ich sah ja, wie lieb du ihn hattest, darum schwieg ich, — aber jetzt — jetzt — ich verlange ja nicht, daß du mich — wie den Lars, — das — das weiß ich schon, das kommt nur einmal — aber ich bin ja mit wenig zufrieden — mit allem, Nizam — nur mein Weib sollst du werden —‟
„Und Lars — Lars ist tot?‟ Nizam war jetzt dicht vor Knut getreten.
Es war eine furchtbare Frage, eine Frage, die Knut in seinem Innersten erbeben machte und zugleich etwas wie Haß weckte gegen den unbesiegbaren, immer wieder drohend sich vor ihm erhebenden Toten.
„Ja denn, er ist tot!‟ schrie er auf, „mußlängst tot sein. Warum soll er denn nicht totsein, wenn er drei Jahre nicht kommt, nichts hören läßt von sich — ich wollte ja selbst — war ja doch mein Liebling, der Lars aber er ist tot — und so antworte, Nizam, ich — ich begehre dich zum Weibe.‟ Knut war erschöpft, er mußte sich setzen.
Nizam schwieg lange, selbst der kleine Knut empfand unbewußt die heftige Spannung, die den kleinen Raum erfüllte, und blickte mit offenem Munde auf den gebeugten Mann auf dem Stuhl.
„Willst du nicht warten, Knut,‟ begann plötzlich Nizam, während sie hinausblickte in den Frühjahrstag, „nur noch zwei Wochen —‟
„Wieder warten!‟ Knut nickte mit dem Kopfe. „Das heißt, du hoffst noch — dann — ja dann allerdings —,‟ er erhob sich mühsam.
„Nein, — ich hoffe nicht mehr — hab' Mitleid, Knut.‟ Nizam schwankte, Knut nahm sie in seine Arme. Sie ließ es ruhig geschehen, er preßte sie an sich, er küßte sie — dann riß er sich jäh los.
„Ich warte, Nizam.‟
Nizam sah ihm mit einem sonderbar listigen Lächeln nach, dann setzte sie sich wieder an das Fenster und starrte in den Frühling hinaus, als erwarte sie jemand.
Von neuem war der Winter Herr, er stürmte und wetterte seit zwei Wochen mit dem blöden Zorn der Verzweifelten.
Nizam fühlte sich so matt wie noch nie die Füße versagten ihr den Dienst. Und Knut kam nicht mehr, volle zwei Wochen. Wenn sie nur den Termin nicht zu weit gesteckt, wenn er nur nicht zu spät kam. Das heißt, das war ja eigentlich ihr Gedanke damals, jetzt aber, wo es galt, kam es über sie wie Sehnsucht nach ihm, vielleicht nicht nach ihm, nur nach einem Menschen, der sie liebte, nach dem Ebenbild des Geliebten vielleicht, was wußte sie, sie empfand nur die furchtbare Stille um sie her, und die Angst schnürte ihr die Kehle zu.
Wenn er jetzt gekommen wäre, zu Füßen wäre sie ihm gefallen, abgebeten hätte sie ihm alles, aber zu ihm durfte sie nicht, um keinen Preis, auch wenn sie es vermocht hätte.
Der 14. April war angebrochen. Wenn er gar nicht mehr käme, wenn er jede Hoffnung aufgegeben hätte, wenn er sich ein Leid angethan?
Qualvolle Angst erfaßte sie. Sie konnte sich heute nicht vom Lager erheben, so schwach fühlte sie sich, ja oft mußte ihr das Bewußtsein geschwunden sein, so verworren, so zusammenhanglos fand sie sich oft.
Kam er heute nicht, mußte sie den kleinen Knut um Hilfe senden in die Nachbarschaft irgendwohin. Wenn man sie auch haßte und fürchtete, sterben wird man sie doch nicht lassen, sie und das Kind.
Auf dem Bettrande saß Babe, mit bedenklich gedrehtem Kopfe seine Herrin betrachtend. Ihr Blick war ständig auf die Thür gerichtet. Er mußte ja kommen! Jetzt war es eine qualvolle Sehnsucht, die sie nach Knut ergriff.
Das waren Tritte — trotz dem Heulen des Sturmes, dem Knarren und Ächzen, hörte sie es deutlich — schwere Tritte — seine Tritte. Eine neue Lebenswelle stieg in ihr auf. Jetzt war sie sein, wenn er kam. Und sie wird wieder gesund werden — vergessen — leben — leben!
Die Hausthür ging. Warum eilte er nicht mehr?
„Knut! Knut!‟ rief sie, bis der böse Husten ihre Stimme erstickte.
Da öffnete sich die Thür. Knut, in einem blauen Mantel gehüllt, auf dem dichter Schnee lag, die Mütze tief hereingedrückt. Er erschrak bei ihrem Anblick, wankte gegen die Wand.
„Weil du nur kommst, Knut, o wie ich dich erwartet habe, wie ich gebetet habe, daß du kommst. Ja, gebetet! Schau nur so erstaunt, Nizam hat gebetet. Komm' doch Knut, ich weiß, ich habe dir wehe gethan, aber ich durfte ja nicht anders. Jetzt wird alles gut. Knut, was ist dir denn? Was hüllst du dich so in den Mantel? Ich fürchte mich, Knut!‟
Da schlug der Mann den Mantel zurück.
Nizam schrie auf, streckte abwehrend die Hand aus und sank in die Kissen zurück. Lars stand vor ihr, ihr Gatte. Er riß sie empor, drückte sie an sich, stöhnend wie ein schwerverwundetes Tier.
„Nizam höre mich! Du mußt mich hören! Ich bin es, dein Lars! Sprich, Nizam, was ist dir — mein Bruder? Du hast gebetet, daß er kommt. Du hast noch nie gebetet, Nizam. Er liebt dich, er hat dich ja immer geliebt. Rede, Nizam, ich muß alles wissen, du hast mich vergessen über ihn, du bist sein Schatz geworden —‟
Nizam lag wie Blei in seinen Armen, ihr Blick war starr nach oben gerichtet, nur ihre Lippen formten mühsam den Namen „Lars‟, dann verklärte sie ein Lächeln. Er ließ sie in die Kissen sinken, angstvoll auf ihren Atem lauschend. Plötzlich schlug sie die Augen auf und sah ihn groß an, mit einem Blick, der jede weitere Frage auf seinen Lippen verstummen machte. Er nickte ihr zu. Sie schlugdie Arme um seinen Nacken. „Ich habe dich erwartet, Lars, ich wußte, daß du kommst — das Licht hat ja gebrannt im Turm, — sieh', sieh' nur —‟ Sie hatte sich im Bett erhoben und wies mit ausgestrecktem Arm gegen das Fenster.
Lars folgte ihrem Blick. Das Licht des Leuchtturms strahlte durch das Dunkel, es wuchs und wuchs zu einer riesigen Sonne, die ihren Schein bis herein warf in den kleinen Raum, über das Antlitz der Sterbenden, in dem sich plötzlich das Entsetzen malte.
„Feuer! Feuer!‟ schrie sie auf, „der Turm brennt, — unser Liebesnest, — armer Knut, — hörst du nichts? — ganz deutlich. Sie kommen — alle — mit Knut, mich zu töten, die Hexe von Norderoog. Lars, verlasse mich nicht.‟ Sie drängte sich bebend an ihn. „Schütze mich vor deinem Bruder — ich höre ihn auf der Treppe — da — da!‟ Sie wies auf die Thür, die sich öffnete.
Knut war eingetreten. Er wankte zurück bei dem Anblick des Mannes vor dem Bett, der sich jetzt erhob.
„Ja, ich bin es schon, der Lars! Sieh' mich nur nicht so entsetzt an, ich bin kein Gespenst — alles Fleisch und Bein.‟
„Thue mir nichts zu Leid, Knut, — wegen dem Feuer — ich wollt's ja nicht — wir waren so glücklich zusammen.‟ Nizam sank in die Kissen zurück. „Nimm dich in acht, Lars, — der Kapitän — er liebt mich — und den Babe hat er wirklich geholt — Knut! Mein kleiner Knut!‟
Da kroch es vorsichtig aus einer verborgenen Ecke hervor, ein blondlockiges Kind, ein Knabe, der kleine Knut, der sich vor dem fremden Manne verkrochen.
Lars, die Wahrheit ahnend, nahm ihn in seine Arme und brachte ihn der sterbenden Mutter. „MeinSohn?‟
Nizam lächelte selig. „Lars!‟ Sie ergriff seine Hand und legte sie auf eine andere, welche sich an den Bettrand klammerte.
Lars blickte auf, Knut kniete neben ihm, ein großer Schmerz schüttelte den mächtigen Körper.
Ganz langsam erkaltete die kleine schmale Hand, die auf den beiden der Brüder lag, und sie wagten sie nicht wegzuziehen. Zuletzt war es, als ob ein Stück Eis auf ihnen läge, schwer wie ein Berg, bis an das Herz ging die grausige Kälte.
Babe, der am Kopfende des Bettes gesessen, stieß plötzlich einen nie gehörten Ton aus, breitete die Schwingen und flatterte über Nizam — Nizam war gestorben.
Knut wollte sich erheben, er hatte kein Recht auf diesen Platz.
Lars hielt ihn fest. Da entlastete er seine arme Seele, sich selbst anklagend, wie er sie geliebt von Anfang an, wie er gekommen, um Nizam zu freien, die ihrem Lars treu geblieben bis zum Tode, wie er alles gethan, sie wankend zu machen, — wie er den Bruder vergessen, der ihm einst teuer war, wie ein Sohn, — die Gewißheit ersehnt seines Todes. — Doch seltsam, alles war umsonst, aller Haß, aller Zorn, der eben noch Lars' Brust erfüllt, war verstummt vor dem bleichen Antlitz dort, mit dem Lächelnerfüllter Sehnsucht in den Zügen, welche ein voller Lichtstrahl verklärte, vom Sühneturm der alten Götrek her.
Lars legte die Arme um den Nacken des Bruders und weinte sich aus. Das war der letzte Zauber der Hexe von Norderoog.
Den andern Tag ums Grauwerden verließ beim heftigsten Nordsturm ein Kutter den kleinen Hafen von P....., der wohl in der Dunkelheit angekommen sein mußte, da ihn niemand beobachtete. Zwei glaubhafte Männer behaupteten steif und fest, Knut Götrek, der Leuchtturmwächter, sei darauf gewesen, und auf der einen Segelstange hätte der weiße Teufelsvogel gesessen der Hexe von Norderoog.
Also hat sie ihn doch endlich geholt, wie den anderen, den Lars! Man machte die Anzeige bei dem Seevogt; der hatte nichts Eiligeres zu thun, als Leute nach dem Turm zu schicken.
Der breite Damm, der zum Turm führte, war geborsten in der Sturmnacht, er war vom Land abgeschnitten. Die noch immer aufgeregten Wasser bedrängten ihn jetzt von allen Seiten.
Man rief nach dem Wächter — keine Antwort erfolgte; als man mittels eines Bootes den Eingang erreichte, erblickte man die Leiche Knuts zwischen dem schaumumquirlten wilden Gestein, welches den Fuß des Turmes umsäumte. Er hatte wohl in der Dunkelheit den Dammriß nicht beobachtet und war in den Fluß gestürzt.
Wo war er aber die Nacht, der ungetreue Wächter? Wo anders, als bei der Hexe oben?!
Das Gerücht machte im Fluge die Runde, und ehe eine Stunde verging, näherte sich ein Trupp Menschen, Männer, Frauen und Kinder, Götreks Werft. Dem Unfug mußte einmal ein Ende gemacht werden.
Man näherte sich vorsichtig. Alles still! Sie schlief wohl noch, die Hexe. Endlich drang man ein. Das Nest war leer, nichts als ein zerknülltes Bett und einige weiße Vogelfedern am Boden.
Jetzt war kein Zweifel mehr, wer auf dem Schiffe heute morgen die Insel verlassen; die zwei Gewährsmänner, welche den weißen Vogelauf der Segelstange sitzen sahen, triumphierten — wo der ist, ist sie auch nicht weit.
Aber der Knut liegt unten vor dem Turm ertrunken und zerschellt, das hat man doch selber gesehen.
„Und ich habe selber gesehen, daß er auf dem Schiffe war, der Knut,‟ meinte einer der Männer, „wenn ich auf zehn Schritte vorbeifuhr mit meinem Boote.‟
Jetzt war der letzte Zweifel gehoben, daß es mit der Hexe von Norderoog seine Richtigkeit hatte.
Scheu, kopfschüttelnd entfernte man sich, sich bekreuzigend, am Ende war man froh, sie los zu sein. Eine Frau steckte heimlich die weißen Federn ein, die am Boden lagen, wer weiß, für was sie gut waren.
Der Name Götrek wurde nicht mehr genannt auf der Insel. Die Werft lag leer, bis das Meer sich in einer Sturmnacht ihrer erbarmte und sie dem Boden gleich machte.
Nach vielen Jahren kam eines Tages ein großer blondbärtiger Mann nach P....., ein Seemann seinem ganzen Äußeren nach. Sein erster Gang war auf den Kirchhof. Dort fragte er den Küster nach dem Grabe des früheren Leuchtturmwächters Knut Götrek, — der wies ihm ein verwuchertes Grab in einer entlegenen Ecke. Kein Kreuz, kein Stein machte es kenntlich.
Der Küster meinte: „Es ging nicht mit rechten Dingen zu bei dem Tode dieses Mannes, von Rechts wegen gehört er überhaupt nicht in geweihte Erde.‟
Daraufhin nahm der Fremde einen Bankschein aus einer Ledertasche und drückte ihn dem sprachlosen Küster in die Hand. „Geben Sie das dem Pastor, er soll dafür sofort auf dieses Grab einen würdigen Denkstein setzen lassen; binnen Jahresfrist werde ich nachsehen, ob das geschehen ist. Mein Name ist Götrek. Vergessen Sie das nicht dem Pastor zu sagen.‟
Dem Küster entfielen die Kirchenschlüssel, dieer in der Hand hatte; vor Entsetzen sprachlos, mit offenem Munde blickte er dem Fremden nach.
Der Stein wurde gewissenhaft gesetzt. Die Inschrift lautete: „Hier ruht Knut Götrek, Wächter des Leuchtturms auf P....., verunglückt in der Sturmnacht vom 14. zum 15. Mai 183 .‟
Man erinnerte sich von neuem des seltsamen Falles. Die meisten schämten sich im Lichte einer aufgeklärten Zeit ihrer einstigen Thorheit, einige aber schüttelten doch bedenklich die Köpfe über den seltsamen Fremden und fühlten sich nur in ihrer abergläubischen Anschauung bestärkt: der Fremde war niemand anders, als Knut Götrek selbst, der sich sein Grabmal bestellt, — der Buhle der Hexe von Norderoog.
Ludwig Thoma
Assessor Karlchenund andere GeschichtenUmschlag-Zeichnung vonBruno PaulZehntes TausendPreis geheftet 1 MarkElegant gebunden 1 Mark 50 Pf.
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Der Tag, Berlin: Ihre sozialpolitisch gerichtete Tendenz, ihr feiner, über der Sache stehender Humor und die scharfe Beobachtung von Dingen und Menschen geben diesen Skizzen einen bleibenden Wert, und der Kulturhistoriker künftiger Zeiten könnte aus dem Büchlein mehr Einsicht in unsere Kulturgeschichte gewinnen, als es ihm aus dem Studium der „Quellen‟ möglich ist.
Die Post, Berlin: Ludwig Thoma hat sich durch sein köstliches Bauernbuch „Agricola‟ und seine Geschichten im „Simplicissimus‟ einen Namen gemacht. Sein neues Buch wird ihm viele neue Bewunderer erwerben. Die prächtige Frische seiner Geschichten, das scharfe Künstlerauge, mit dem er beobachtet, und die verblüffende Sicherheit und Originalität, mit dem er das Beobachtete wiedergibt, sein urdeutscher Humor und die Kraft ehrlicher Entrüstung in seiner Satire, das alles macht dieses höchst amüsante Buch zu einem erfreulichen Zeugnis dafür, daß es unter unseren jüngeren Schriftstellern noch ganze Kerle gibt mit derben Knochen und festen Muskeln.
Albert Langen Verlag f. Litteratur u. Kunst München
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Ludwig Thoma
Die MedailleKomödie in einem AktSechstes TausendGeheftet 1 M. 50 Pf.Elegant gebunden 2 Mark 50 Pf.
Die Medaille
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Bei der Erstaufführung am Münchener kgl. Residenz-Theater erntete „Die Medaille‟ stürmischen Erfolg.
Die Medaillewurde bis jetzt von nachstehenden Bühnen angenommen:Bamberg(Stadttheater) —Berlin(Buntes Theater) —Erlangen(Stadttheater) —Fürth(Stadttheater) —Graz(Stadttheater) —Hamburg(Stadttheater) —München(Kgl. Hoftheater) —Nürnberg(Stadttheater) —Schwerin(Großherzogl. Hoftheater) — Wien (Deutsches Volkstheater).
Thomas intime Kenntnis gerade der bayerischen Bauern prädestinierte ihn von Anfang an gerade zum Dichten einer Bauernkomödie. Die Echtheit seiner Gestalten empfindet jeder, mag er ihre Urbilder aus eigener Anschauung kennen oder nicht. Und so wird die „Medaille‟ ihrem hochtalentvollen Autor in allen deutschen Gauen viele Freunde zu den alten werben.
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Peter Schlemihl(Ludwig Thoma)
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Wem die Natur einen Magen verliehen hat, der die Würze von Pfeffer und Salz dem Zucker vorzieht, der greife getrost nach dem Buch des Münchners, den man im Süden schon aus dem „Simplicissimus‟ unter dem Namen „PeterSchlemihl‟ kennt. Empfindet man in den satirischen Spalten des Münchner Karikaturenblatts die Beiträge Schlemihls zuerst nur als gut versifizierte Leitartikel, so erkennt man aus dem kleinen Buch, in dem man die Gedichte in vollen Zügen und nicht bloß löffelweise genießen kann, daß die Form einen eigenartigen dichterischen Wert besitzt, daß den Kraftgedanken eines rücksichtslosen Wahrheitsbekenners auch eine echt poetische Kraft der Darstellung entspricht. Es ist ein neues Genre und eine neue Saite. Aber aus der Vielfältigkeit der Ausdrucksmittel erkennt man bald ein reiches und übersprudelndes Talent.
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Druck von Hesse & Becker in Leipzig
Anmerkungen zur TranskriptionInkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen gebräuchlich waren, wie:anderen — andernEuch — euchTurmes — TurmsUmschlag-Zeichnung — UmschlagzeichnungInterpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen:S. 10 „Jungfrau von Cordoan‟ in „Jungfrau von Cordouan‟ geändert.S. 39 „Gebahren‟ in „Gebaren‟ geändert.S. 40 „Schiffahrt‟ in „Schifffahrt‟ geändert.S. 55 „tötliche‟ in „tödliche‟ geändert.S. 94 „Fär-Ör-Inseln‟ in „Fär-Oer-Inseln‟ geändert.S. 100 „Bemannnung‟ in „Bemannung‟ geändert.S. 101 „stoßweißes‟ in „stoßweises‟ geändert.S. 104 „widerspänstigen‟ in „widerspenstigen‟ geändert.S. 108 „Schiffahrt‟ in „Schifffahrt‟ geändert.S. 115 „intermittirende‟ in „intermittierende‟ geändert.S. 151 „prädestinierten‟ in „prädestinierte‟ geändert.