»Mein liebes Kind!Wenn es Dir möglich ist, thue es Eliza, worum sie Dich bittet. Sie ist recht krank und meint immer, daß sie durch Dich gesund werden kann.Denke nicht an die Worte eines alten Mannes, die Dir vielleicht Deinen Entschluß erschweren könnten.Ich verspreche Dir, das Vergangene soll Dir nichts anhaben, und ich selbst will Dich rein halten von meinem Schicksal, wie es geschah – bis auf das eine Mal.DeinAdam Rude. –«
»Mein liebes Kind!
Wenn es Dir möglich ist, thue es Eliza, worum sie Dich bittet. Sie ist recht krank und meint immer, daß sie durch Dich gesund werden kann.
Denke nicht an die Worte eines alten Mannes, die Dir vielleicht Deinen Entschluß erschweren könnten.
Ich verspreche Dir, das Vergangene soll Dir nichts anhaben, und ich selbst will Dich rein halten von meinem Schicksal, wie es geschah – bis auf das eine Mal.
DeinAdam Rude. –«
Zitternd faltete Esther Elizas Brief auseinander.
Da stand:
»Meine süße Esther!Wenn Du es doch thun wolltest und zu mir kämst. Ich sehne mich so sehr nach Dir.Ich bin krank und sehne mich, daß Du gut zu mir bist. Komm doch!DeineEliza,die sich so schrecklich freuen würde,wenn Du kämst!«
»Meine süße Esther!
Wenn Du es doch thun wolltest und zu mir kämst. Ich sehne mich so sehr nach Dir.
Ich bin krank und sehne mich, daß Du gut zu mir bist. Komm doch!
DeineEliza,die sich so schrecklich freuen würde,wenn Du kämst!«
»Was hast du denn, Esther?« fragte Maria, die der Schwester allein gegenübersaß.
»Fort – ich muß gleich fort!« sagte Esther wie geistesabwesend.
Sie fragte niemand, sie zog niemand zu Rate – es war, als sei ihr ganzes Wesen schon dorthin enteilt, wo ihre sorgenden Gedanken waren.
Maria klagte: »Aber dann wirst du ja nicht hier sein zur Hochzeit!«
»Nein, das werde ich dann nicht,« sagte Esther mit einem seltsamen Lächeln und strich sich das Haar aus den Schläfen.
»Ach – aber – gelt, du bist doch nicht böse, wenn wir nicht warten bis du wiederkommst, Schwesterchen?
Du weißt doch, wir haben schon so lange warten müssen, bis Lothar die Anstellung bekam.
Lydia kann ja –«
»Ja, ich weiß, Lydia kann mich hier ersetzen,« sagte Esther und ging hinaus, ihren Koffer zu packen.
Dann telegraphierte sie nach Eriksgaard: »Ich reise morgen früh ab.« –
Am Abend saß sie mit Lydia und dem Brautpaar noch zusammen.
Lydias liebevolle Besorgnis nahm sie heute ungerecht auf. Es erinnerte sie so sehr daran, daß Lydia sie so ganz, so lückenlos ersetzen würde. Keiner würde sie, nicht einmal äußerlich, entbehren.
Man sprach sehr wenig. Es lag auf allen wie eine scheue Ahnung, daß eines unter ihnen war, das Schmerzliches in sich trug.
Lothar erbot sich schließlich, vorzulesen.
Und er nahm eins der Bücher, die er immer für Maria mitbrachte. Esther sah, daß es von selbst aufblätterte, nach Art der Bücher, die eine oft gelesene Lieblingsstelle enthalten.
Und er las ein Gedicht von Clemens Brentano:
Er schwieg und sah mit einem verlorenen, träumerischen Ernst auf Maria.
Jenes leichte, lässige Gefühl der Glückssicherheit, das ihn in dieser Zeit meist an der Oberfläche gehalten hatte, war plötzlich von ihm gewichen.
Esther fühlte, ihm war nicht die Kraft verloren gegangen und nicht der Ernst, schwer am Leben zu tragen.
Und sie wußte, daß diese Worte, die er eben gelesen hatte, das Tiefste in ihm berührten – daß es das Glaubensbekenntnis seiner Liebe war zu Maria, der Einzigen.
Wie eine Nachtwandlerin that sie noch, was geschehen mußte.
Sie verabschiedete sich von Lothar, ohne den Ausdruck einer starren Ruhe, der den ganzen Abend über ihrem Gesicht lag, zu verändern.
Und während sie ihm die Hand gab, sah sie ganz tief in seinen Augen etwas wie ein leises Verstehen aufglimmen – ein fernes, unterdrücktes Verstehen, das nicht erst jetzt entstanden sein konnte.
Und sie fühlte wie ihr eigner Blick so ganz fest und ruhig wurde – wie um ein jedes Einverständnis abzuweisen.
Wenn er später an diesen Augenblick zurückdenken würde, so sollte es ohne die niederziehende Last einer Gemeinsamkeit zwischen ihnen sein. Sie konnte ihn so ganz verstehen: Seine Liebe mochte keine fremde Berührung auf sich dulden.
Ja, sie gab ihm mit diesem ruhigen, kühlen Blick die Fremdheit wieder, die zwischen ihnen bestehen sollte. –
Dann ging sie hinauf in ihr Zimmer.
Sollte es schlimmer mit Eliza gehen? Da war niemand zur Bahn gekommen, um Esther abzuholen, wie es sonst gewiß geschehen wäre.
Esther fühlte, wie sich ihre Kehle in einer plötzlichen Angst zusammenpreßte.
Und dann lief sie, ohne um sich zu sehen, den wohlbekannten Weg über die Heide. Zuweilen tauchte ganz in der Ferne eine menschliche Gestalt auf. Vielleicht war es nur eine Verspätung, und sie würde unterwegs noch einem Bewohner von Eriksgaard begegnen. – Aber jedesmal war es ein Fremder, ein Bauer, der mit hervorgestoßenem »go' dau!« vorüberstolperte, oder ein neugieriger Sommerfrischler, der den Hut zog und sich dann heimlich umblickte.
Esther lief immer schneller gegen den Wind an, der einen süß-scharfen Geruch vom blühenden Heidekraut aufwühlte.
Endlich kam Eriksgaard.
Der Hof lag wie ausgestorben, und die Thür mit dem Herzeinschnitt war nur angelehnt.
Esther ging durch den Hausflur in das Gartenzimmer. Dort lag nur das Sonnenlicht über dem einsamen Raum.
Sie ging hinaus in den Garten.
Dort wiegte sich wie einst Camille de Rohan in üppigem Blühen vor der Sonne.
Die Erinnerung preßte ihr das Herz zusammen. –
Aber da – drüben aus der Lindenlaube kam jemand auf sie zu –
War das Arne?
So totenblaß im vollen Sonnenschein – und neben ihm – das war wohl seine junge Frau –
»Nicht Thora, sondern die Letzte,« dachte Esther ganz mechanisch.
Sie war ganz hellblond und lieblich, und wie es schien in gesegneten Umständen.
Das alles nahm Esther mit einem Blick in sich auf, dann schritt sie auf Arne zu –
»Um Gottes willen, Arne, was ist?«
»Hast du denn mein Telegramm nicht bekommen?« fragte der mit verhaltenem Entsetzen.
»Nein. – Sprich doch, sprich!«
Er machte nur eine stumme Bewegung der Abwehr.
»Ist – Eliza – was ist – tot –?« stammelte Esther verwirrt.
Er machte eine bejahende Bewegung, doch ohne, daß sich der starre Ausdruck des Entsetzens in seinen Zügen löste.
»Wo ist sie?« fragte Esther tonlos. »Wo ist der Vater?« fügte sie dringender hinzu.
Da – wieder diese entsetzenschwere Pause –
»Er ist verschwunden,« sagte da eine dünne, hohe Stimme hinter Arne. Es war seine junge Frau.
»Er war zuweilen so verstört in den letzten Jahren – wir fürchten das Schlimmste,« sagte Arne. »Die Leute sind immer aus, ihn zu suchen.«
»Ja, hat er denn zu keinem was gesagt?«
»Nein.«
»Dann laß mich jetzt zu Eliza.«
»Sie liegt noch in ihrem Zimmer.« –
Esther trat an das Bett der Toten.
Da lag sie in ihrer unsagbaren Lieblichkeit, jungfräulicher geworden, und der Ernst des Todes hatte ihr jenen Ausdruck gegeben, mit dem sie einmal zu Esther gesagt hatte: »Ich verstehe alles Traurige im Leben.«
»Wie – wie ist es denn nur gekommen?« fragte Esther.
»Sie war nicht krank, schien es uns. Sie wurde schwächer – und starb.«
Esther war thränenlos in ihrem Schmerz. Sie rang nur immer die festgefalteten Hände ineinander, so daß die Fingerknöchel weiß heraustraten.
Eine stumme Verzweiflung, die nicht zu begreifen vermag, was sie vor sich sieht, beherrschte sie.
Und dann fiel ihr wieder das andere ein. Und aufschreckend fragte sie sinnlose Dinge, wie: »Hat man ihn noch immer nicht gefunden?« Als ob zwischen diesem Augenblick und jener Mitteilung lange Stunden gelegen hätten.
Da sagte Arne plötzlich: »Sie wollte immer mit dem Vater allein sein und von dir sprechen, Esther.«
Und nach einem langen, langen Schweigen ganz leise: »Morgen müssen wir sie begraben.«
Eliza wurde begraben, ohne daß man von ihrem Vater eine Spur auffand.
Der kleine Kirchhof dehnte seine letzte Gräberreihe um einen Hügel näher nach dem Nußbaum aus.
Im Hause begann wieder jene unheimliche, tote Geschäftigkeit des Wartens, die mit der Trauer um die Verschiedene gemischt, die Gestalt eines Wartens auf den Tod annahm.
Und immer noch war keine Spur zu entdecken. –
Einmal war Arne mit Esther allein im Zimmer.
Er hatte jetzt etwas so Schlaffes, Haltloses bekommen.
Plötzlich beugte er sich nieder und zog Esthers Hand an seine Stirn.
»O Gott, Esther, ich habe dich so sehr geliebt,« klagte er.
Esther fuhr entsetzt zurück.
»Das – jetzt –?« fragte sie von Grauen und Ekel überwältigt.
»Nun – was willst du – ich bin so unglücklich –
Warum kannst du nicht gut zu mir sein, wenn ich so unglücklich bin.«
Von Widerwillen geschüttelt, sah sie auf ihn nieder, stand auf und trat von ihm weg ans Fenster. Sie machte sich nicht einmal die Mühe, das Zimmer zu verlassen. Er sank stöhnend in sich zusammen.
Erst als sie eine ganze Weile darüber gedacht hatte, empfand sie, wie ihr dieser peinliche Zwischenfall nun das Hierbleiben unmöglich machte. Sie hatte Arne noch zu sehr als Nebenperson gefühlt.
Sie würde nun das Haus verlassen müssen – und diese entsetzliche Ungewißheit mit sich nehmen.
»Ja, es bleibt nichts andres, als daß ich gehe,« dachte sie. »Aber wohin?«
Und sie horchte hinaus auf jeden Schritt, der durch das Haus schallte.
Würde er kommen?
Würde er einmal wieder da sein, wo alles von ihm sprach –: der Garten, den er mit schweigsamer Fürsorge gepflegt hatte – das Haus, das die Geheimnisse seines schwermütigen Lebens barg?
Würde er wiederkommen und durfte sie noch ein Wort des Trostes für ihn haben? –
Die junge Frau ging mit langsamen, schlürfenden Schritten über den Flur und kam herein.
Sie trat auf Arne zu, der immer noch in sich zusammengesunken saß.
»Arne, du darfst dich nicht zu sehr dem Kummer hingeben,« sagte sie und strich ihm über die Stirn.
Er nahm mit einer ritterlichen Bewegung ihre Hand, küßte sie und sagte: »Du hast recht, Liebste.«
Seine Augen irrten dabei zu Esther. Die errötete tief, als trüge sie eine Schuld. Sie verließ das Zimmer.
Gegen Abend kam der Postbote vorbei und brachte einen Brief für Esther.
Sie fühlte ihr Herz zusammenzucken und stille stehen, wie sie die Aufschrift sah. Es war die Schrift Adam Rudes.
Sie riß den Umschlag auf und las:
»Du brauchst nicht mehr zu kommen. Eliza ist tot, und der dies schreibt, lebt nicht mehr, wenn Du seinen Brief erhältst.
Ich weiß es: Gott nimmt mir mit dem Kind die letzte Pflicht, mit dieser unseligen Liebe weiterzuleben. Das Meer soll mich aufnehmen.« –
Ganz so – ohne Anrede und Unterschrift stand es da. Wie ein zorniger Ruf – wie eine Anklage?
Esther drehte den Bogen hin und her, als müßte sich noch etwas ganz anderes – irgend eine Aufklärung finden.
Erst dann begriff sie ganz: Sie hielt ja die letzten Worte eines Toten in der Hand. –
Sie betrachtete den Poststempel: Der Brief war erst nach Deutschland geschickt und dann an seinen Ausgangsort zurückgekehrt.
Esther ließ ihn fallen.
Sie dachte gar nicht daran, es den andern mitzuteilen.
Sie wußte nur noch eins: Sie gehörte zu dem, der ihr diese Worte aus dem Tode nachsandte.
Sie nahm die Schuld auf sich.
Sie gehörte zu ihm.
Es waren die hellen, kurzen Sommernächte, die sich über das Land legen und wie mit brennenden Küssen den Duft, den versehrend starken Duft aus der Erde saugen.
Es waren jene Nächte, die sind wie ein Seufzer der blühenden Erde, die ihren heißen, sehnsüchtigen Atem an die Brust des Himmels haucht.
Es waren jene Nächte, da Tod und Liebe einander in die Augen lächeln. – – – –
Als Esther über die Heide ging, war es noch hell um sie her, trotz der späten Abendstunde.
Niemand wußte, daß sie das Haus verlassen.
In Eriksgaard gingen sie nur ratlos wie die Verdammten umher und kannten noch nicht den Inhalt des Briefes –
Ja, den Inhalt des Briefes hätte sie ihnen wohl erst noch mitzuteilen gehabt –
Gleichviel – jetzt gab es kein Umkehren mehr.
Sie würden den Zettel schon selbst finden – kein Umkehren gab es mehr. –
In der Heide wühlte raschelnd der Nachtwind. Er roch nach dem weiten salzigen Wasser und dem blühenden Kraut –
Wie Perlen waren die rötlichen Blüten ringsum verstreut.
Am Himmel stieg langsam und pomphaft das heiße Farbenspiel der Dämmerung auf. Dann verblaßte es zögernd in die weiche, helle Tönung der Nacht.
Und Esther ging durch diese duftende, duftende Sommernacht, – ja, wie Garben mähte der Wind den Duft –
Sie ging, das Gesicht zum Himmel erhoben.
Sie ging und ging über die dämmerbleichen Hügel – dort auf den verschwimmenden Streifen des Wassers zu.
Sie wußte: Der vor ihr war denselben Weg gegangen.
Und sie sah vor sich das Ufer mit dem abgebrochenen Steg, der ziellos hinausführte – hinaus in die Unendlichkeit.
Ohne Anhalten ging Esther –
Ging und ging vorwärts –
Unter ihren Tritten bogen sich die Bretter – gaben nach – – – –
Weich – weich umfing sie das Wasser – – – – –
Zärtliche, starke, hochzeitliche Arme umfingen sie –
Dicht an ihrem Ohre klang es: »Kommst du doch noch zu mir – Geliebte« – – – –
Deutsche Autoren
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