[image]Der Krieg und die Juden.

[image]Der Krieg und die Juden.Der große Krieg hat infolge des grandiosen Kaiserwortes „Ich kenne keine Parteien mehr“ den antisemitischen Angriffen und Übergriffen vorläufig den Grund und Boden entzogen. Trotzdem will das Judenproblem keineswegs von der Bildfläche verschwinden. Im Gegenteil. Der Einmarsch der deutschen Truppen in die polnischen und russischen Gebiete hat mit einem Schlage die innerpolitische Unhaltbarkeit des Schicksals, der nahezu sieben Millionen starken jüdischen Bevölkerung Rußlands der ganzen Kulturwelt aufgetan. Man wird nicht leugnen können, daß das jüdische Problem beim Friedensschlusse sowohl von großem internationalem Belang sein wird, als auch von hervorragender Bedeutung für diedeutsche Politik.Die Stellung der deutschen Juden vor dem Krieg.Die Judenfrage ist für Deutschland praktisch so wichtig, daß es sich gewiß verlohnt, darauf einzugehen. Prüfen wir zunächst einmal die Stellung der Juden Deutschlands und ihren Einfluß in diesem Lande.Die Mitte des verflossenen Jahrhunderts hat nicht nur einen völligen Umsturz aller inner- und außenpolitischenVerhältnisse Deutschlands bedingt; die breiten Volksmassen erschütterte einsozialerUmschwung. Aus einem rein agrarischen Staate wuchs in wenigen Jahrzehnten [pg 14] eine gigantische Industrie heraus, welcher bald ein weltenumspannender Handel die Wege bahnte. Die Technik feierte rascher ihre Triumphe, als die Regierungsfürsorge und die von Organisationen getragene Selbsthilfe der Interessengruppen sich auf die Neukonstellationen einstellen konnten. Dadurch gerieten die Arbeiter stellenweise in die Gefahr, materiell und physisch ausgenutzt zu werden. Auf dem Lande hatte sich einst ein ähnlicher Prozeß, wodurch sich Latifundien bildeten, im Laufe der Jahrhunderte entwickelt. Die industriellen und kommerziellen Großunternehmungen aber kamen über Nacht. Erbarmungslos rang das Großkapital den Stand der kleinen Leute nieder. Dieser ökonomische Werdegang ging nicht ohne Gewalttat, ohne Härten ab, die den Trägern den Haß des in seiner Existenz erschütterten dritten Standes eintragen mußten.Die Sozialdemokratie als die Zusammenfassung der Proletarier ist das naturnotwendige Produkt dieser Entwicklung. Der Antisemitismus ist die Konsequenz des Prozesses insofern, als sich diese Bewegung gegen die sichtbarsten Träger, gegen die Klasse von Menschen wandte, welche am geschicktesten die Macht des Kapitals auszunutzen wußten. Die erste Partei ist ein Versuch, derSacheselbst entgegenzutreten, die letztere kämpft gegenPersonen, die nebenbei in ihrer religiösen und rassigen Eigenart eine gute Zielscheibe boten.Uns interessiert hier nicht, wie die Auswüchse des Kapitalismus oder der Kapitalismus selbst zu bekämpfen ist. Wir wollen nur der Frage nähertreten, wie der Antisemitismus des weiteren zu erklären ist, welches die Bedeutung der deutschen Judenheit gewesen ist, und ob wir anläßlich des Krieges den Juden einen mehr oder minder günstigen Einfluß auf die Wirtschaftsgestaltung Deutschlands einräumen können, um dann später auf den Einfluß der deutschen Juden und überhaupt auf den Krieg eingehen zu können. [pg 15]Bis in die sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts strömte ein gut Teil der jüdischen Jugend Deutschlands nach den Vereinigten Staaten von Amerika, Südafrika, England, Frankreich etc. Teilweise war ihnen die volle Gewerbefreiheit (wie z.B. in Bayern bis 1864) vorenthalten gewesen. Die siebziger Jahre, die berühmten Gründerzeiten, bringen eine Hochflut von aus den Dörfern in die Städte strömenden Juden. Die jüdischen jungen Leute wandern nicht mehr in die Fremde, sondern wenden sich dem deutschen Handel, der Industrie, den akademischen Berufen, und vor allem den Großstädten zu. Das seit Jahrhunderten betätigte Wohnen in den Städten, bedingt durch Eigenart, aber auch durch das mittelalterliche Gesetz, das bis ins XIX. Jahrhundert hinein Geltung hatte, läßt sie allmählich in die größeren Städte abwandern, wo die Verdienstmöglichkeiten sich stetig vergrößern. Dazu trägt auch die antisemitische Ostmarkenpolitik bei, welche die Juden aus den Provinzen Posen, Ost- und Westpreußen vertreibt. Der Druck der Hakatisten, der wirtschaftliche und gesellschaftliche Boykott der evangelischen Deutschen den Juden im Osten gegenüber, läßt ihre Stellung zwischen Deutschtum und Polentum unhaltbar werden. Dazu kommen elementare Ausbrüche der von den Antisemiten bearbeiteten Volksschichten. Der „Ritualmord von Konitz“ ist eins dieser bezeichnenden Ereignisse. Fluchtartig verläßt der Jude diese Städte, deren Charakter durch seine Anwesenheit noch ein deutscher war, und überläßt den Platz den Polen.Die neueren Schriften über das Ostmarkenproblem geben sämtlich zu, daß die durch die staatliche und gesellschaftliche antisemitische Politik bedingte Vertreibung der Ostmarkenjuden ein bedeutsamer Mißgriff war, der sich nach drei Seiten bemerkbar machte:1. Für die Entwicklung dieser Städte, die durch den [pg 16] Verlust von Menschen, von Kapital und von unternehmungslustigen und fähigen Elementen gehemmt wurde.2. Für die deutsche Sache. Der Wegzug von ca. 150 bis 200000 Juden aus den bedrohten Provinzen hat die deutsche Sache um so viel Anhänger ärmer gemacht.3. Für den Staat. Der Jude der Ostmark (wie überhaupt in ganz Deutschland) war ein zuverlässiger Staatsbürger, auf den in jeder Zeit gerechnet werden konnte.Organisationen über Organisationen erwuchsen aus dem reichen Boden der Gebiete rechts der Elbe. Deutsche und polnische Kleinbauern-Genossen­schaften, Vereine der Gutsbesitzer und Groß-Eigentümer, die zugleich die Zucker- und Spiritusfabrikation besaßen, politische Organisationen beider Sprachengemeinschaften, alle aber mit leicht antisemitischen Tendenzen, die durch den in Berlin geborenen Antisemitismus erst voll und ganz durchtränkt werden sollten. Was dagegen der Jude an Organisation entgegenstellte, war kaum der Rede wert. Er organisierte sich nicht wirtschaftlich, sondern verzichtete darauf, sich in einen Kampf einzulassen, in dem außer Regierung und Verwaltung auch die breite Masse des Volkes gegen ihn Stellung nahm, und verschwand in die Großstadt, wo er untertauchen konnte.1Dadurch ist die unnatürliche plötzliche Überschwemmung der Hauptstädte mit Juden bedingt worden. Nicht nur die Jungen und Fähigen kamen; viele, die sich nicht mehr anzupassen wußten, schwemmte die Flut herein. Ältere Menschen, die überall anstießen, weil sie in dem neuen Beruf nicht mehr von der Pike auf dienen konnten. Neben einer großen Menge von Begabten und Energischen auch „Luftmenschen“, Bassermann'sche Gestalten, labile Charaktere. Aber was das junge Blut anlangt, so kann man leicht zeigen, daß es Deutschland zum Segen gereichte. [pg 17] Deutschland ist der große, kräftige und reiche Staat in hohem Maße auch durch die Mitarbeit derJudengeworden.Bekannt ist deren Mitwirken an der finanziellen Entwicklung. Die Finanzgrößen, die die deutscheGeldwirtschaftund die Großbanken schufen, waren zum großen Teil Juden. Das Erstarken unserer finanziellen Kraft liegt in der glücklichen Ausgestaltung unserer Finanzinstitute. Die Banken sind nach Sombart eine jüdische Erfindung. Die Barone Oppenheim sind die Gründer der ersten, der Darmstädter Bank. Neben den Rothschild's ragen als Eisenbahnkönige einige jüdische Häuser wie die in Bayern nobilitierten Eichthal und die später in Preußen geadelten Fould's, später Dr. Strousberg und der Baron Hirsch hervor. Das Bankhaus Mendelsohn hat heute noch seine nahen Beziehungen zu den maßgebenden Stellen des Reiches, und der Chef der Firma Bleichröder ist der Öffentlichkeit populär geworden, weil er Bismarck zu der hohen französischen Kriegsentschädigung von 5 Milliarden in Gold zu bewegen wußte. Auch die modernen Finanzgrößen, die Leiter unserer wichtigsten Institute, zählen Juden an erster Stelle auf. Wir erinnern an die von Cohn, von Wassermann, Fürstenberg, Speyer-Ellissen, von Schwabach, Goldberger...Die Arnold, Berliner und Deutsch sind Namen, welche in der neudeutschen Wirtschaftsgeschichte einen guten Klang besitzen. Hagen-Köln (früher Levy geheißen) war wohl einer der Männer, welcher in dem Aufsichtsrat der größten deutschen Gesellschaften den mächtigsten Einfluß besessen hat.Juden haben in Hamburg dieStrumpfindustrie, in Fürth dasSpiegelglas, im posenschen dieSchnapsbrennereigroßgemacht. Wir treffen sie auch als Großindustrielle in derSeidenfabrikation.Neben unseren vortrefflichen Geldinstituten haben uns vor allem unsere großzügigen Wollfirmen die Kriegführung [pg 18] erleichtert. Der deutscheWoll- und Baumwollmarktist von Juden geschaffen und auf die Höhe gebracht worden, die er heute einnimmt, wie wohl kein Kenner der Verhältnisse bestreiten wird. Unter den vielen Tüchtigen verdienen hier die Gebrüder Simon namentliche Erwähnung.An den grandiosen Woll- und Baumwollhandel konnten sich die zahlreichen, vielfach jüdischen, Textilfabriken anlehnen. Die blühende deutscheKonfektionist quasi eine jüdische Domäne.Daneben erinnere ich an den LeipzigerRauchmarkt. Wer die berühmte Pelzmesse kennt, weiß, daß jüdischer Fleiß und Erwerbsfreudigkeit hierin Deutschland eine erste Stelle in der Welt schuf. Die großen „Felljuden“, welche unsere Lederindustrie mit ausbauten (z.B. Adler-Oppenheimer), und dieStiefelkönigesind bekannt.Den Neid aller Völker, den Stolz Deutschlands bedingte unsere so rasch, fast über Nacht zu grandioser Größe entwickelteHandelsflotte, die auch in Kriegszeiten dem Reiche ihre Dienste leiht. Der Schaffer der Hamburg-Amerika-Linie aber ist der viel genannteBallin. Seine Bedeutung für die Entwicklung Deutschlands wird einst die Geschichte zu würdigen haben.Der Vater derelektrochemischenIndustrie war der jüngst verstorbene Rathenau, der Schöpfer der A.E.G. Sombart behauptet, daß auch die Siemens und Halske-Werke erst den Wettkampf um die Vormachtstellung der deutschen Industrie in aller Welt aufnehmen konnten, als der jüdische Direktor Berliner an leitende Stellung trat. Aber nicht nur in friedlichen Zeiten bedang die A.E.G. Deutschlands Ruhm und Größe. In unserm Kriege haben sie Bedeutendes geleistet, wenn es jetzt auch noch nicht Zeit ist, darauf näher einzugehen.Viel geschmäht worden ist die Arbeit der Juden auf dem Gebiete derWaffen-undMunitionsfabriken. [pg 19] Wie vereinzelte Sozialdemokraten die Wichtigkeit der Kruppwerke und ihre vaterländische Rolle mißverstanden und vor der breitesten Öffentlichkeit verunglimpften, so wußte seinerzeit Ahlwardt den großenLöwekonzern zu verdächtigen. Aber die „Juden“flinten, die Maschinengewehre und alle die Waffen, welche unsere Heeresleitung von diesen Unternehmungen beziehen konnte, waren letzten Endes nicht bedeutungslos. Der Nur-als-Krämer und Schacherer verschriene Jude hat dem Reich zu Kriegsbeginn wertvolle Stätten zur Verfügung stellen können: Angefangen von dem reich überfüllten Wollmarkt, von den Handelsschiffen, welche die Flotte stützten, bis zu den Fabriken, die direkt oder indirekt dem Heere alle Mittel moderner Kriegsführung lieferten.Wenn wir an die treue Mitarbeit jüdischer Firmen in derMaschinentechnikanknüpfen, dann dürfen wir als deutsche Unternehmungen von Weltgeltung herausgreifen dieOrenstein und KoppelA.G., (Kleinbahn- und Baggerfabrikanten), die MannheimerLadenburgs, die NürnbergerBings. Selbst Erzschürfungen (Hirsch und Beer-Sondheimer-Kupfer) werden von ihnen inauguriert. Caesar Wollheim, v. Friedländer-Fould sind in ‚Kohle‘ bekannt. Neben der Wichtigkeit des Materials und der Arbeitsstätten ist es Geheimrat Haber, der durch die künstliche Gewinnung des Stickstoffes erst die ganze deutsche Munitionserzeugung gewährleistete, und der (nach Davis Trietschs Broschüre, „Juden und Deutsche: Eine Sprach- und Interessen­gemeinschaft“2) jüdischen Eltern entstammt. Auf solche Köpfe kann die deutschechemischeWissenschaft stolz sein. Wie ja überhaupt die chemische Industrie Deutschlands Größe in der Welt mitgeschaffen hat. (Es sei u.a. auch des jüdischen chemischen IndustriellenGansgedacht, dessen Sohn übrigens auf dem Gebiete der Luftschiffahrt und der Ballontechnik Bedeutung hat.)[pg 20]Auch sonst wäre noch viel aufzuführen. Wir könnten manches über andere Wirtschaftskomplexe hier anfügen, so vom Tabakmarkt, von dem Sombart behauptet, daß Juden die Tabakindustrie in Deutschland einführten. Ebenso wie in der modernen Zigarren- und Zigarettenfabrikation halten Juden den Wettbewerb als Uhren-, Sekt- und Schokolade-Fabrikanten und als Getreideimporteure usw. usw.Wir wollen nicht ermüden. Die Reichtümer, die einzelne Juden sich erwarben, waren nicht unverdient. Sie sind bedingt dadurch, daß Deutschlands Handel und Wandel zu der Größe geführt wurde, die den Neid der fremden Völker erregte, aber damit auch unserem Lande die Möglichkeit gab, auch auf dem wirtschaftlichen Felde den allgewaltigen Kampf gegen die Unmenge von Feinden so siegreich zu bestehen.Auf dem Zeitungsgebiet zeigten dieMosse,Ullstein,Sonnemann(Frankfurter Zeitung) ihre Tatkraft und schufen, trotzdem ihre Blätter als „verjudet“ verschrien wurden, gewaltige Betriebe.S. Fischerist der bedeutendste literarische Verleger,Reinhardt, derBühnentechniker, welcher dem modernen Theater reiche Impulse verlieh, ist gleichfalls Jude. AlsAntiquitätenhändler,Numismatiker, alsSammlerjeder Art haben die Juden den deutschen Ruf in der Welt mitbegründet.Besonders stark angefeindet wurden sie in der Wissenschaft. Um auf diesem Gebiete ihr Können einigermaßen zu belegen, müßten wir allein ein dickes Buch schreiben. Aber ein paar Beispiele dürfen wir wohl geben. So ist in der Medizin die Lehre dersexuellen Krankheitendurch drei Juden—Neisser,Ehrlich,Wassermann—in grandioser Weise gefördert worden. Neisser, der Entdecker des Gonokokkus, Wassermann, der feinsinnige Schaffer des luetischen Blutnachweises, und Ehrlich, welcher eine moderne Waffe gegen die Syphilis schmiedete. DieJuristen[pg 21] sprechen von den Begründern der deutschen Rechtswissenschaft, vonStaubundDernburgmit all der Hochachtung, die man diesen kaum vorenthalten dürfte. DieSprachwissenschaften(diedeutschez. B.vertreten durchMauthner) schätzen die jüdische Mitarbeit;Statistik,Nationalökonomie,Chemie3sind wieLiteratur,Musikund andere kulturelle Gebiete durch deutsche Juden befruchtet worden. AufSchachturnieren(Lasker, Steinitz, Zuckertort, Tarrasch), aber auch auf den olympischen Spielen, am Turf und auf gefahrvollen Expeditionen bewährten sich Juden.Emin Paschahieß einst Schnitzer, ein bedeutender Arabien-Forscher warGlaser, als einer der ersten wirkte in deutschen westafrikanischen Schutzgebieten und erlag dort der Malaria: Dr.Kaiser....Die antisemitische Bewegung, die vor dreißig Jahren gegen die Juden entstand, ist dadurch erklärlich, daß von den vielen hervorragenden Verdiensten deutscher Juden viel zu wenig bekannt wurde.Die politische Geschichte übergeht die Abstammung des ersten deutschen Reichstagspräsidenten von Simson, der seinem Könige mehrfach die Kaiserkrone antrug. Das damals als Musterländle gepriesene Baden hatte einen nicht einmal getauften Finanzminister: Ellinger.Das waren einzelne Personen, die ihr Bestes für das Werden des Reiches einsetzten. Schon in den 40er Jahren waren es jüdische Dichter in der Sturm- und Drangperiode, welche für Einheit und Fortschritt eintraten. Berthold Auerbach und Andere, deren Namen heute vergessen sind, mußten wegen ihrer Zugehörigkeit zu alldeutschen Burschenschaften [pg 22] hinter Kerkermauern dafür büßen, daß sie für ein geeintes Deutschland agitierten.Bedeutender zeigt sich aber die Mitwirkung jüdischer Elemente bei der Ausgestaltung des deutschenpolitischenLebens. Kein Volk der Welt hat ein so gut fundamentiertes Parlament, in dem so überzeugungstreue Parteien sitzen, die nicht nach Laune, nach persönlichen Vorteilen stimmen, sondern die—oft viel zu sehr—nach theoretischen Überlegungen und prinzipiellen Anschauungen den Fragen nähertreten. Kein Abgeordnetenhaus hat sozialer und menschlicher gearbeitet. An ihren Früchten kann man am besten nicht nur die Bäume, sondern auch die Parlamente erkennen. UnserekonservativePartei feiert als einen ihrer Mitbegründer Stahl; Lasker und Bamberger schufen dieliberalePartei; Marx und Lassalle standen an der Wiege derSozialdemokratie, die in Singer, Haase, Bernstein und Frank mit ihre besten Führer fand.Da wir noch keine Abhandlung über die jüdische Mitarbeit an der Entwicklung Deutschlands in der neuesten Zeit besitzen, so war es wohl nicht unangebracht, sie mit einigen Beispielen zu belegen. Ähnlich wieDeutschlandin derWelt, so machten sich dieJudeninDeutschland„unliebsam bemerkbar“.Der Umwelt erschienen einst die deutschen Waren als „billig und schlecht“, die aufblühende deutsche Flotte war den Engländern, die als handeltreibendes Seevolk ein Monopol anstrebten, eine freche Konkurrenz, die deutsche Beteiligung in der Weltpolitik kam den Engländern als Aufdringlichkeit vor, selbst wenn sie noch so zurückhaltend war.Dazu kamen noch historische Vorurteile, von welchen z.B. besonders die Franzosen nicht loskamen. Das Geschrei der Gasse umnebelte selbst intelligente Engländer, Franzosen, Italiener, Amerikaner, Rumänen, Russen. Auch in der neutralen Welt gibt es leider tüchtige Menschen, die [pg 23] sich alle Fabeln über die Unkultur der Deutschen, über die Eroberungssucht des Kaisers und seines Volkes zueigen machten.Geradeso hat man oft von den Juden gesprochen. Man hat sie des Mangels an Kultur und an Redlichkeit geziehen und all des Schlechten, was man den Deutschen heute nachsagt, beschuldigt. Wollten sie beim Militär Karriere machen, dann hinderte man sie daran; wenn daraufhin wieder Manche keine sonderliche Lust am Dienste hatten, hielt man es ihnen wieder vor. Wurden sie reich, dann erweckte das Eifersucht; war irgendwo ein unbedeutender Jude, dann wurde daraus der Schluß gezogen, daß der Jude überhaupt unfähig ist. Es ist wirklich überraschend, wie ähnlich das Eintreten Deutschlands in der großen Welt, und das Emporsteigen der Juden in Deutschland von der Außenwelt gewertet werden.Wir sehen es ja in unserer Zeit, wie nichts zu plump ist, um geglaubt zu werden, wenn ein Volk neidisch ist. An diesen Instinkt appellierten auch die Antisemiten. Der Jude, der die deutsche Sozialdemokratie mitschuf, soll an den Auswüchsen des Kapitalismus schuld sein, bloß weil findige Köpfe, wie die Tietz, Wertheim, Jandorf, Israel, den Fabrikbetrieb, das Maschinelle auch in den Kleinverkauf einführten und das Warenhaus schufen.4Und wie einstmals die Handweber die Fabriken stürmten und die Maschinen zertrümmerten, so kämpften die kleinbürgerlichen Kaufleute und Handwerker gegen die Riesenunternehmen, und verwechselten Person und Sache. Wer diese modernen Erfinder haßte, wurde Antisemit.Wie [pg 24]Deutschland in der Welt überall auf Neider stieß, so fand auch der Jude in Deutschland überall mißgünstige Seelen. Wie beschränkt diese waren, geht schon daraus hervor, daß sie durch den Antisemitismus alle sozialen Fragen und Schäden zu lösen glaubten.Die antisemitische Literatur ist zwar recht armselig, aber Deutschland hat das traurige Verdienst, diese „Wissenschaft“ in der Hauptsache geschaffen zu haben. Die anderen Länder, die sich vielfach viel länger und viel ungenierter in der Bedrückung ihrer lieben Juden überboten, bekamen leider von Deutschland neue Impulse. Die Pamphlete der Ahlwardts gingen in alle Welt und richteten außerhalb der schwarz-weiß-roten Grenzpfähle, besonders auch in Österreich, erschreckendes Unheil an. Noch vor kurzem hat der große Staat Rußland den Juden einen Ritualmordprozeß gemacht, nachdem vorher Österreich und Deutschland ihre Ritualmordhetze gehabt hatten. Noch schmachtet in österreichischen Kerkermauern ein wegen eines „Ritualmordes“,—wie alle Juristen beteuern, unschuldig—verurteilter armer Jude: Leopold Hilsner. Keine Lüge war den Antisemiten zu niedrig—man lese nur ihre Bücher—keiner ihrer Führer zu—bedenkenfrei. Meist waren sie recht dunkle Ehrenmänner. Aber das Gift, das sie verstreuten, trug dennoch eine reiche Saat. Ein Mann beteiligte sich dabei, dessen Schriften man nicht so ohne weiteres mit denen der anderen vergleichen darf: Houston Stewart Chamberlain. Chamberlain hat zwar neuerdings einiges Wasser in seinen Wein gegossen. Er hat erklärt, seine früheren Behauptungen gegenüber den deutschen Juden5nicht aufrecht zu erhalten. [pg 25] Chamberlain ist ein so maßloser Chauvinist, daß er selbst Christus als Germanen reklamieren zu müssen glaubte. Er, der noch vor kurzem allen Germanen, auch den Engländern, Lob sang, hat nun ein Pamphlet losgelassen, für das es kaum ein Wort der Entschuldigung gibt. Als geborener Engländer durfte er nie und nimmer in der Weise das Nest beschmutzen, dem er entstammte. Es gibt nichts Verächtlicheres, als wenn Renegaten dem Volke, dem sie entstammen, in solcher Weise seine Fehler vorhalten. Wenn sie, die die Schwächen am besten kennen, sie zusammenstellen, übertreiben und daraus ein Urteil fällen. Wenn wir nach der Methode Chamberlains dozieren wollten, müßten wir zu dem Schlusse kommen: Alle Engländer taugen nichts. Der Engländer ist so und so. Also ist auch Houston Stewart Chamberlain...So ähnlich wurde nämlich nach H. St. Chamberlain über den semitischen Geist, über den Juden im allgemeinen und im besonderen geurteilt, selbst wenn er—weit mehr als Chamberlain, der die deutsche Kultur erst seit einiger Zeit genossen hat—seitJahrhundertenAnteil an allen Gütern deutschen Geisteslebens genommen hatte.Nein, „der Jude“ in Deutschland war zum Teil tüchtig und fähig, zum Teil faul und indolent. Er war auf der einen Seite ein stiller Mann der Wissenschaft, der nach dem Muster des genialen Spinoza, Marx und vieler anderer, die ohne nach der Anerkennung der Öffentlichkeit zu lauern, in stillem Kämmerlein ihre Werke schufen.6Es gab aber auch Eintagsgrößen, die sich kaum von Charlatanen unterschieden. Maezene und Volksfreunde hat es unter den Juden gegeben, die ihr Vermögen dem Fortschritt hingaben, ohne daß es die Menge erfuhr. Keine ideale Bewegung existiert, die nicht [pg 26] an den Juden reiche Förderer hat: für Frauenrechte, für Kinderschutz, für die Waisen, Arbeitslosen, Blinden etc., die Bestrebungen für die Abstinenz, für Friedenspropaganda, für Vegetarismus, für alte Bühnenkünstler, für alle Künste,—der Jude hat seine Person, sein Ansehen und nicht zum mindesten sein Geld jederzeit guten und idealen Zwecken zur Verfügung gestellt.Der Jude, der so sehr für jeden sozialen Fortschritt zu haben war, der auf Grund alter historischer Gewohnheiten für den Ruhetag in der Arbeitswoche, für das Angestelltenrecht etc. eintrat, der sich stets für Freiheit einsetzte, wurde den Massen als Ausbeuter schlimmster Sorte, als soziales Hemmnis hingestellt. Vergeblich sein Eintreten für alle demokratischen Ideale, für individuelle Freiheit, für internationale Verständigung. Wie der wirtschaftliche Neid nicht nur den Blick trübt, sondern fast blind macht, sehen wir jetzt ja an den Engländern. Diese Gewaltsmacht, die so oft ganz real die Verhältnisse beurteilte, schilt die Deutschen Barbaren, während sie ihr Heer zusammensetzt und sich verbündet mit Hunderttausenden von Negern, Indiern, Zuaven, Tscherkessen, Kosaken, Kalmücken und allen schiffbrüchigen Existenzen der neuen und alten Welt. Dieses für Geld geworbene Analphabetengesindel soll das Vorkämpfertum der Kultur sein! Die Engländer, die am längsten den Sklavenhandel geduldet, nein gezüchtet hatten, die in Südafrika die Burenfrauen mordeten, in Ägypten die Verträge brachen und die Indier verhungern ließen, sind mit Recht als Heuchler an den Pranger gestellt worden. Bei den Franzosen geltenalleDeutschen als Boches, als Verbrecher und als Schweine....Dieser Weltkrieg, an dem 10 Millionen Juden beteiligt sind und schwere Opfer bringen, darf nicht vorübergehen, ohne daß das von Antisemiten getragene absprechende Urteil über sie in Acht und Bann getan wird. Ein Urteil, das ebenso unberechtigt ist wie das der Entente-Mächte über die Deutschen. [pg 27] Nicht nur, weil ein prächtiges Kaiserwort das gehässige Treiben der Rassen- und Religionsschnüffler für die Dauer des Krieges unterband, sondern weil Deutschland und die Welt einsehen muß, daß die Behauptung der Minderwertigkeit Andersgearteter allzuoft nur eine billige, überall gehandhabte Waffe desNeidesist.Und so unterstreichen wir nochmals die Tatsache:Daß der Jude am Gemeinwohl, am Fortschritt, an der Entwicklung Deutschlands freudig teilgenommen hat, kann kein objektiv denkender Mensch bestreiten. Ob er als Bürgermeister von Posen7oder als Stadtrat von Berlin8oder Frankfurt, oder im Ehrenamt, oder als Wähler einer Gemeinde seine Pflicht erfüllen konnte,—als der Abkömmling einer alten Kulturrasse interessierte ihn alles öffentliche Leben. Die Städte, in denen die Juden seit langem wohnen und eine gewichtige Stimme haben, sind nicht schlecht damit gefahren. Das reiche Frankfurt blüht, Nürnberg, Fürth entwickeln sich überaus rasch, Hamburg gedeiht.Die neueste Wissenschaft hat den Juden mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen.SombartsArbeiten zeigten die Bedeutung der Juden. Es ist ziemlich gleichgültig, ob die Juden Handel und Wandel in die Orte bringen, wohin sie kommen, oder ob sie ihn mit zur Blüte bringen. Jedenfalls ist dort Entwicklung, wo sie unbedrückt leben können.Außerdem hat eine ziemlich starke Verschmelzung des Adels mit der deutsch-jüdischen Geldaristokratie, die übrigens auch ca. 100 geadelte Familien zählt, stattgefunden. Ebenso ist in den besten bürgerlichen Kreisen vielfach eine Vermischung eingetreten. Solchen Familien entstammte z.B. Dernburg, der bekannte Kolonialpolitiker, Heyse, der Schriftsteller, [pg 28] der Admiral Bendemann, andere führende Männer sind mit Jüdinnen verheiratet.9Die Juden im Kriege.Obwohl nachweislich viele jüdische Burschenschafter für das schwarz-rot-goldene Band gekämpft und gelitten hatten, obwohl in der Mitte des 19. Jahrhunderts einzelne jüdische Burschenschafter an der Spitze der Verbindungen standen, erklärte 50 Jahre später der Weidhofener Verband der deutsch-österreichischen Burschenschaften alle Juden insgesamt für jeder Ehre bar und verweigerte jedem Juden die Satisfaktion, also auch denen, die bis kurz vorher als alte Herren dem Verband angehört hatten. Dieselbe Überhebung, die ein anderer großer studentischer Verband zeigte, als er Naumann und andere höchst ehrenwerte deutsche Politiker wegen ‚sozialistischer‘ Tendenzen ausstieß, veranlaßte geistesverwandte junge Leute, die Juden in Bausch und Bogen zu verdammen. Semper aliquid haeret. Noch hinkt die Verleumdung, die Beschmutzung, die Verdächtigung uns nach. Auch dem jüdischen Soldaten.Der Jude hat sich als Soldat bewährt. In allen Kämpfen der letzten Jahre haben sich Juden bewährt. Die Bulgaren und Türken haben sie im vorletzten Krieg vielfach gerühmt. Selbst im antisemitischen Rumänien ist ein jüdischer Oberst (Brociner), der sich im Krieg 1878 auszeichnete, der Kommandeur der Leibgarde und des Königl. Schlosses. In Österreich sind Juden kommandierende Generale, in Italien war [pg 29] der frühere Kriegsminister Ottolenghi Jude und schon Napoleon hatte jüdische Heerführer.In den deutschen Freiheitskämpfen gab es viele freiwillige jüdische Vaterlandsverteidiger, einige erhielten auch den Offiziersrang. Auch später konnten Juden, hauptsächlich anno 1870, Offiziere werden; aktive Offiziere standen nur in Bayern, ungetaufte Juden waren hier hauptsächlich Reserveoffiziere und aktive Militärärzte, ein Jude brachte es einige Jahre vor dem Kriege bis zum Major.10Im Kriege stellten sich nun erfreulicherweise viele Kommandeure auf den Standpunkt, den einmal der leider auf dem Felde gefallene Hauptmann von Treskow also präzisierte: „Wenn wir die Juden prinzipiell nicht befördern, dürften wir ihre Dienste auch nicht in Anspruch nehmen“. Nach Schätzungen werden jetzt über 900 Juden als Offiziere, ungerechnet die Militärärzte, im Felde stehen. Viele sind wegen besonderer Tüchtigkeit befördert worden, das „Hamburger Israel. Familienblatt“ stellte schon über 20 Träger des Eisernen Kreuzes I. Klasse fest (z.B. der Flieger Frankl, der Reichstagsabgeordnete Haas), darunter waren alle Waffengattungen vertreten. Auch bei der Marine und in den [pg 30] Schutztruppen haben sie sich ausgezeichnet. Nach dem Kriege werden die Ziffern insgesamt zur Verfügung stehen. Das in Breslau erscheinende „Jüdische Volksblatt“ hat die Namen veröffentlicht, die bestimmt dem Judentum angehören. Darnach haben bis zum Herbst 1915 knapp 5000 Juden (also fast 1% der gesamten deutschen Judenheit!) das Eiserne Kreuz erhalten, von über 3000 Juden konnte namentlich festgestellt werden, daß sie den Heldentod fürs Vaterland gefunden. Leider kann diese wöchentliche Zusammenstellung nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Da die jüdische Jugend, soweit sie nicht gedient hatte, gleich zu Beginn des Feldzuges freiwillig in großer Zahl (—es wäre sehr interessant, wenn die Heeresverwaltung diese Ziffer veröffentlichen würde—) sich stellte, sind die Verluste sehr stark.11In allen jüdischen Jugendvereinen wird diese Tatsache festgestellt. So ist z.B. in der jüdischen Turnerschaft eine Kriegssterblichkeit, die sich in den einzelnen Untervereinen bis 33% derMannschaften(wie z.B. bei dem Ruderklub ‚Ivria‘) stellt. Die meisten Turn- und Sportvereine der jüdischen Turnerschaft mußten zu Beginn des Krieges ihren Betrieb aufgeben, da alle Mitglieder zu den Fahnen eilten.Die Mitglieder der jüdischen studentischen Verbindungen stellten gleichfalls viele Freiwillige. Von den 2000 Mitgliedern des K. C. (Kartellkonvent) und des K. J. V. (Kartell jüdischer Verbindungen) rückten fast alle aus; ein Drittel davon als Kriegsfreiwillige. Sehr zahlreich war auch die Beteiligung freiwilliger jüdischer Ärzte. Nach einer Statistik beträgt die Verlustliste bei den jüdischen Ärzten schon über Hundert. Auch der jüdische Arzt hat an der Front und im Seuchenlazarett seinen Posten ausgefüllt.[pg 31]Der tapfere jüdische Soldat und Offizier verschwindet oft in der Menge. So glaubte man z.B. allgemein nicht, daß der einzige Soldat, der bei meinem Regiment das Eiserne Kreuz I. Klasse im Jahre 1914 besaß, ein Jude war (der später als Leutnant gefallene Gottfried Sender, Lehrer an einer jüdischen Mittelschule, welcher es im Frieden knapp bis zum Gefreiten bringen konnte). Vielfach ist aber die Tüchtigkeit des jüdischen Vorgesetzten und Soldaten von hohen Offizieren anerkannt worden. Exempla docent. Die überaus große Zahl von Beförderungen, Dekorationen etc., über die sich jeder, namentlich z.B. im „Hamburger Israelitischen Familienblatt“ informieren kann, gibt die beste Gewähr. Der österreichische Thronfolger hat oftmals Gelegenheit genommen, sich dahin auszusprechen, daß der persönliche Mut und die Zuverlässigkeit des jüdischen Soldaten durch diesen Krieg aufs neue bewiesen wurden.12Ebenso wie der sozialdemokratische wurde auch der jüdische Soldat endlich einmal von den Meisten vorurteilsfrei betrachtet und bewertet. Natürlich gibt es auch Fälle, [pg 32] wo sich Vorgesetzte noch nicht in den Gedanken der Gleichwertigkeit „solcher Elemente“ hineinleben konnten.Die ungeheure sozialdemokratische Begeisterung ist nicht zuletzt das Produkt der so oft geschmähten „inter“-nationalen Denkweise jüdischer Führer, mit der man früher alles Unrecht gegen Juden deckte und erklärte. Die Führer haben ihren Patriotismus nicht nur durch billige Phrasen dokumentiert, sie sind nicht wie andere Sozialistenführer à la Vandervelde als Wanderredner durch die Lande gefahren, um die Menschen aufzuwiegeln, haben à la Hervé billige blutrünstige Artikel geschrieben oder sich als Leutnants, wie D'Annunzio, zu Hause wichtig gemacht. Der JudeLudwig Frank13,vielleichtder fähigste Kopf in der sozialdemokratischen Partei, trat als einfacher Soldat in Reih und Glied und fiel—wie er es wünschte—als ein einfaches, aber schönes Beispiel treuer Vaterlandsliebe.Aber nun kam, was nicht kommen durfte. Man hat in vielen Zeitungen über den Mannheimer, über den Rechtsanwalt, über den Sozialdemokraten Frank geschrieben. Man hat bewiesen, daß ein Sozialdemokrat patriotisch sein könne. Daß er aber ein Jude war, diese Tatsache wurde nach Möglichkeit verschwiegen.—Nicht zum Beweis der Tapferkeit und der Vaterlandsliebe wollen wir Frank als Juden registrieren. Es liegt eigentlich eine unglaubliche Verworfenheit des Charakters vor, wenn jemand von einer kulturell so [pg 33] hochstehenden Rasse wie der jüdischen, von der Tausende im öffentlichen Leben wirken, welche alle Kulturstätten deutscher und anderer Bildung genossen haben, annehmen könnte, daß Mannesehre und Würde bei ihnen nicht zu finden wäre.Daß man bei allen Nachrufen aber sichtlich vergessen wollte, zu erwähnen, daß der erste deutsche Volksführer, welcher mit seinem Tode die Treue zur Heimat und zum Staate besiegelte, ein Jude war, ist keine erfreuliche Erscheinung.14Ebensowenig wie die Tatsache, daß die Dichter [pg 34] des großen Krieges, die zuerst verwendet wurden und starben, Juden waren. Wir nennen nurZuckermann, der das wundersame österreichische Reiterlied empfand, undHeymann, den jungen Königsberger Lyriker, sowie den Schlesier GeorgHecht. Man hat so oft über die billige Poesie, wie sie Literaten hinterm Schreibtisch gewinnsüchtig betreiben, gespottet. Zuckermann, Heymann, Georg Hecht.Ich kannte die glühende Begeisterung, die sie mit dem Leben zahlten.Wie aber war die Haltung der jüdischen Bevölkerung vor dem Ausbruch des Krieges? Die Juden haben sich in allem überaus würdig benommen. Daß sie als Kaufleute und Bankiers usw. nicht wie die Militärs beständig sich um die Militärangelegenheiten bekümmerten, ist selbstverständlich. Das berühmte „jüdischeinternationaleGroßkapital“, von dem soviel gefabelt wird, ist nie in Aktion getreten. Die jüdischen Bankiers und die jüdischen Kaufleute benahmen sich nicht anders wie die andern Schichten der Bevölkerung. Ruhig und ernst, wie es der Situation entsprach, als ihre Söhne entweder freiwillig oder als Militärpflichtige hinauszogen. Reiche Gaben und Spenden flossen allen Instituten von ihnen zu. Und was in der Heimat geleistet werden konnte, wurde getan. Männer wie Ballin, Rathenau, Riesser ruhten im Kriege nicht. Es ist noch nicht die Zeit, ihrer Verdienste für die Volksernährung, für die Munitionsergänzungund anderer Dinge zu gedenken.15Die deutschen Juden hatten schon in Friedenszeiten eine zu geringe Vermehrung. Zu viele blieben aus wirtschaftlichen Gründen oder aus Laune Junggesellen; die vielen Spätehen der akademischen Kreise und der Kaufleute bedingten einen hohen Prozentsatz kinderloser Ehen. Die, die Kinder haben, begnügen sich mit zweien. Auf die deutsche Judenheit, welche eine geringere Geburtenziffer als die Franzosen hat, wird der Krieg eine unheilvolle Bedeutung haben. Er rächt die Beschränkung der Kinderzahl.Die durch Taufe und Mischehe und Kinderlosigkeit geschwächte deutsche Judenheit weiß, daß dieses elementare Ereignis ihre Reihen noch mehr lichten wird. Alte Familien werden durch den Krieg erlöschen, die deutsche Judenheit wird unendlich geschwächt und in ihrer Existenz erschüttert aus dem Kriege hervorgehen.Die jüdische Jugend zahlte gern die Teilnahme an der deutschen Kulturgemeinschaft mit dem Tode.[image][pg 36]

[image]Der Krieg und die Juden.Der große Krieg hat infolge des grandiosen Kaiserwortes „Ich kenne keine Parteien mehr“ den antisemitischen Angriffen und Übergriffen vorläufig den Grund und Boden entzogen. Trotzdem will das Judenproblem keineswegs von der Bildfläche verschwinden. Im Gegenteil. Der Einmarsch der deutschen Truppen in die polnischen und russischen Gebiete hat mit einem Schlage die innerpolitische Unhaltbarkeit des Schicksals, der nahezu sieben Millionen starken jüdischen Bevölkerung Rußlands der ganzen Kulturwelt aufgetan. Man wird nicht leugnen können, daß das jüdische Problem beim Friedensschlusse sowohl von großem internationalem Belang sein wird, als auch von hervorragender Bedeutung für diedeutsche Politik.Die Stellung der deutschen Juden vor dem Krieg.Die Judenfrage ist für Deutschland praktisch so wichtig, daß es sich gewiß verlohnt, darauf einzugehen. Prüfen wir zunächst einmal die Stellung der Juden Deutschlands und ihren Einfluß in diesem Lande.Die Mitte des verflossenen Jahrhunderts hat nicht nur einen völligen Umsturz aller inner- und außenpolitischenVerhältnisse Deutschlands bedingt; die breiten Volksmassen erschütterte einsozialerUmschwung. Aus einem rein agrarischen Staate wuchs in wenigen Jahrzehnten [pg 14] eine gigantische Industrie heraus, welcher bald ein weltenumspannender Handel die Wege bahnte. Die Technik feierte rascher ihre Triumphe, als die Regierungsfürsorge und die von Organisationen getragene Selbsthilfe der Interessengruppen sich auf die Neukonstellationen einstellen konnten. Dadurch gerieten die Arbeiter stellenweise in die Gefahr, materiell und physisch ausgenutzt zu werden. Auf dem Lande hatte sich einst ein ähnlicher Prozeß, wodurch sich Latifundien bildeten, im Laufe der Jahrhunderte entwickelt. Die industriellen und kommerziellen Großunternehmungen aber kamen über Nacht. Erbarmungslos rang das Großkapital den Stand der kleinen Leute nieder. Dieser ökonomische Werdegang ging nicht ohne Gewalttat, ohne Härten ab, die den Trägern den Haß des in seiner Existenz erschütterten dritten Standes eintragen mußten.Die Sozialdemokratie als die Zusammenfassung der Proletarier ist das naturnotwendige Produkt dieser Entwicklung. Der Antisemitismus ist die Konsequenz des Prozesses insofern, als sich diese Bewegung gegen die sichtbarsten Träger, gegen die Klasse von Menschen wandte, welche am geschicktesten die Macht des Kapitals auszunutzen wußten. Die erste Partei ist ein Versuch, derSacheselbst entgegenzutreten, die letztere kämpft gegenPersonen, die nebenbei in ihrer religiösen und rassigen Eigenart eine gute Zielscheibe boten.Uns interessiert hier nicht, wie die Auswüchse des Kapitalismus oder der Kapitalismus selbst zu bekämpfen ist. Wir wollen nur der Frage nähertreten, wie der Antisemitismus des weiteren zu erklären ist, welches die Bedeutung der deutschen Judenheit gewesen ist, und ob wir anläßlich des Krieges den Juden einen mehr oder minder günstigen Einfluß auf die Wirtschaftsgestaltung Deutschlands einräumen können, um dann später auf den Einfluß der deutschen Juden und überhaupt auf den Krieg eingehen zu können. [pg 15]Bis in die sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts strömte ein gut Teil der jüdischen Jugend Deutschlands nach den Vereinigten Staaten von Amerika, Südafrika, England, Frankreich etc. Teilweise war ihnen die volle Gewerbefreiheit (wie z.B. in Bayern bis 1864) vorenthalten gewesen. Die siebziger Jahre, die berühmten Gründerzeiten, bringen eine Hochflut von aus den Dörfern in die Städte strömenden Juden. Die jüdischen jungen Leute wandern nicht mehr in die Fremde, sondern wenden sich dem deutschen Handel, der Industrie, den akademischen Berufen, und vor allem den Großstädten zu. Das seit Jahrhunderten betätigte Wohnen in den Städten, bedingt durch Eigenart, aber auch durch das mittelalterliche Gesetz, das bis ins XIX. Jahrhundert hinein Geltung hatte, läßt sie allmählich in die größeren Städte abwandern, wo die Verdienstmöglichkeiten sich stetig vergrößern. Dazu trägt auch die antisemitische Ostmarkenpolitik bei, welche die Juden aus den Provinzen Posen, Ost- und Westpreußen vertreibt. Der Druck der Hakatisten, der wirtschaftliche und gesellschaftliche Boykott der evangelischen Deutschen den Juden im Osten gegenüber, läßt ihre Stellung zwischen Deutschtum und Polentum unhaltbar werden. Dazu kommen elementare Ausbrüche der von den Antisemiten bearbeiteten Volksschichten. Der „Ritualmord von Konitz“ ist eins dieser bezeichnenden Ereignisse. Fluchtartig verläßt der Jude diese Städte, deren Charakter durch seine Anwesenheit noch ein deutscher war, und überläßt den Platz den Polen.Die neueren Schriften über das Ostmarkenproblem geben sämtlich zu, daß die durch die staatliche und gesellschaftliche antisemitische Politik bedingte Vertreibung der Ostmarkenjuden ein bedeutsamer Mißgriff war, der sich nach drei Seiten bemerkbar machte:1. Für die Entwicklung dieser Städte, die durch den [pg 16] Verlust von Menschen, von Kapital und von unternehmungslustigen und fähigen Elementen gehemmt wurde.2. Für die deutsche Sache. Der Wegzug von ca. 150 bis 200000 Juden aus den bedrohten Provinzen hat die deutsche Sache um so viel Anhänger ärmer gemacht.3. Für den Staat. Der Jude der Ostmark (wie überhaupt in ganz Deutschland) war ein zuverlässiger Staatsbürger, auf den in jeder Zeit gerechnet werden konnte.Organisationen über Organisationen erwuchsen aus dem reichen Boden der Gebiete rechts der Elbe. Deutsche und polnische Kleinbauern-Genossen­schaften, Vereine der Gutsbesitzer und Groß-Eigentümer, die zugleich die Zucker- und Spiritusfabrikation besaßen, politische Organisationen beider Sprachengemeinschaften, alle aber mit leicht antisemitischen Tendenzen, die durch den in Berlin geborenen Antisemitismus erst voll und ganz durchtränkt werden sollten. Was dagegen der Jude an Organisation entgegenstellte, war kaum der Rede wert. Er organisierte sich nicht wirtschaftlich, sondern verzichtete darauf, sich in einen Kampf einzulassen, in dem außer Regierung und Verwaltung auch die breite Masse des Volkes gegen ihn Stellung nahm, und verschwand in die Großstadt, wo er untertauchen konnte.1Dadurch ist die unnatürliche plötzliche Überschwemmung der Hauptstädte mit Juden bedingt worden. Nicht nur die Jungen und Fähigen kamen; viele, die sich nicht mehr anzupassen wußten, schwemmte die Flut herein. Ältere Menschen, die überall anstießen, weil sie in dem neuen Beruf nicht mehr von der Pike auf dienen konnten. Neben einer großen Menge von Begabten und Energischen auch „Luftmenschen“, Bassermann'sche Gestalten, labile Charaktere. Aber was das junge Blut anlangt, so kann man leicht zeigen, daß es Deutschland zum Segen gereichte. [pg 17] Deutschland ist der große, kräftige und reiche Staat in hohem Maße auch durch die Mitarbeit derJudengeworden.Bekannt ist deren Mitwirken an der finanziellen Entwicklung. Die Finanzgrößen, die die deutscheGeldwirtschaftund die Großbanken schufen, waren zum großen Teil Juden. Das Erstarken unserer finanziellen Kraft liegt in der glücklichen Ausgestaltung unserer Finanzinstitute. Die Banken sind nach Sombart eine jüdische Erfindung. Die Barone Oppenheim sind die Gründer der ersten, der Darmstädter Bank. Neben den Rothschild's ragen als Eisenbahnkönige einige jüdische Häuser wie die in Bayern nobilitierten Eichthal und die später in Preußen geadelten Fould's, später Dr. Strousberg und der Baron Hirsch hervor. Das Bankhaus Mendelsohn hat heute noch seine nahen Beziehungen zu den maßgebenden Stellen des Reiches, und der Chef der Firma Bleichröder ist der Öffentlichkeit populär geworden, weil er Bismarck zu der hohen französischen Kriegsentschädigung von 5 Milliarden in Gold zu bewegen wußte. Auch die modernen Finanzgrößen, die Leiter unserer wichtigsten Institute, zählen Juden an erster Stelle auf. Wir erinnern an die von Cohn, von Wassermann, Fürstenberg, Speyer-Ellissen, von Schwabach, Goldberger...Die Arnold, Berliner und Deutsch sind Namen, welche in der neudeutschen Wirtschaftsgeschichte einen guten Klang besitzen. Hagen-Köln (früher Levy geheißen) war wohl einer der Männer, welcher in dem Aufsichtsrat der größten deutschen Gesellschaften den mächtigsten Einfluß besessen hat.Juden haben in Hamburg dieStrumpfindustrie, in Fürth dasSpiegelglas, im posenschen dieSchnapsbrennereigroßgemacht. Wir treffen sie auch als Großindustrielle in derSeidenfabrikation.Neben unseren vortrefflichen Geldinstituten haben uns vor allem unsere großzügigen Wollfirmen die Kriegführung [pg 18] erleichtert. Der deutscheWoll- und Baumwollmarktist von Juden geschaffen und auf die Höhe gebracht worden, die er heute einnimmt, wie wohl kein Kenner der Verhältnisse bestreiten wird. Unter den vielen Tüchtigen verdienen hier die Gebrüder Simon namentliche Erwähnung.An den grandiosen Woll- und Baumwollhandel konnten sich die zahlreichen, vielfach jüdischen, Textilfabriken anlehnen. Die blühende deutscheKonfektionist quasi eine jüdische Domäne.Daneben erinnere ich an den LeipzigerRauchmarkt. Wer die berühmte Pelzmesse kennt, weiß, daß jüdischer Fleiß und Erwerbsfreudigkeit hierin Deutschland eine erste Stelle in der Welt schuf. Die großen „Felljuden“, welche unsere Lederindustrie mit ausbauten (z.B. Adler-Oppenheimer), und dieStiefelkönigesind bekannt.Den Neid aller Völker, den Stolz Deutschlands bedingte unsere so rasch, fast über Nacht zu grandioser Größe entwickelteHandelsflotte, die auch in Kriegszeiten dem Reiche ihre Dienste leiht. Der Schaffer der Hamburg-Amerika-Linie aber ist der viel genannteBallin. Seine Bedeutung für die Entwicklung Deutschlands wird einst die Geschichte zu würdigen haben.Der Vater derelektrochemischenIndustrie war der jüngst verstorbene Rathenau, der Schöpfer der A.E.G. Sombart behauptet, daß auch die Siemens und Halske-Werke erst den Wettkampf um die Vormachtstellung der deutschen Industrie in aller Welt aufnehmen konnten, als der jüdische Direktor Berliner an leitende Stellung trat. Aber nicht nur in friedlichen Zeiten bedang die A.E.G. Deutschlands Ruhm und Größe. In unserm Kriege haben sie Bedeutendes geleistet, wenn es jetzt auch noch nicht Zeit ist, darauf näher einzugehen.Viel geschmäht worden ist die Arbeit der Juden auf dem Gebiete derWaffen-undMunitionsfabriken. [pg 19] Wie vereinzelte Sozialdemokraten die Wichtigkeit der Kruppwerke und ihre vaterländische Rolle mißverstanden und vor der breitesten Öffentlichkeit verunglimpften, so wußte seinerzeit Ahlwardt den großenLöwekonzern zu verdächtigen. Aber die „Juden“flinten, die Maschinengewehre und alle die Waffen, welche unsere Heeresleitung von diesen Unternehmungen beziehen konnte, waren letzten Endes nicht bedeutungslos. Der Nur-als-Krämer und Schacherer verschriene Jude hat dem Reich zu Kriegsbeginn wertvolle Stätten zur Verfügung stellen können: Angefangen von dem reich überfüllten Wollmarkt, von den Handelsschiffen, welche die Flotte stützten, bis zu den Fabriken, die direkt oder indirekt dem Heere alle Mittel moderner Kriegsführung lieferten.Wenn wir an die treue Mitarbeit jüdischer Firmen in derMaschinentechnikanknüpfen, dann dürfen wir als deutsche Unternehmungen von Weltgeltung herausgreifen dieOrenstein und KoppelA.G., (Kleinbahn- und Baggerfabrikanten), die MannheimerLadenburgs, die NürnbergerBings. Selbst Erzschürfungen (Hirsch und Beer-Sondheimer-Kupfer) werden von ihnen inauguriert. Caesar Wollheim, v. Friedländer-Fould sind in ‚Kohle‘ bekannt. Neben der Wichtigkeit des Materials und der Arbeitsstätten ist es Geheimrat Haber, der durch die künstliche Gewinnung des Stickstoffes erst die ganze deutsche Munitionserzeugung gewährleistete, und der (nach Davis Trietschs Broschüre, „Juden und Deutsche: Eine Sprach- und Interessen­gemeinschaft“2) jüdischen Eltern entstammt. Auf solche Köpfe kann die deutschechemischeWissenschaft stolz sein. Wie ja überhaupt die chemische Industrie Deutschlands Größe in der Welt mitgeschaffen hat. (Es sei u.a. auch des jüdischen chemischen IndustriellenGansgedacht, dessen Sohn übrigens auf dem Gebiete der Luftschiffahrt und der Ballontechnik Bedeutung hat.)[pg 20]Auch sonst wäre noch viel aufzuführen. Wir könnten manches über andere Wirtschaftskomplexe hier anfügen, so vom Tabakmarkt, von dem Sombart behauptet, daß Juden die Tabakindustrie in Deutschland einführten. Ebenso wie in der modernen Zigarren- und Zigarettenfabrikation halten Juden den Wettbewerb als Uhren-, Sekt- und Schokolade-Fabrikanten und als Getreideimporteure usw. usw.Wir wollen nicht ermüden. Die Reichtümer, die einzelne Juden sich erwarben, waren nicht unverdient. Sie sind bedingt dadurch, daß Deutschlands Handel und Wandel zu der Größe geführt wurde, die den Neid der fremden Völker erregte, aber damit auch unserem Lande die Möglichkeit gab, auch auf dem wirtschaftlichen Felde den allgewaltigen Kampf gegen die Unmenge von Feinden so siegreich zu bestehen.Auf dem Zeitungsgebiet zeigten dieMosse,Ullstein,Sonnemann(Frankfurter Zeitung) ihre Tatkraft und schufen, trotzdem ihre Blätter als „verjudet“ verschrien wurden, gewaltige Betriebe.S. Fischerist der bedeutendste literarische Verleger,Reinhardt, derBühnentechniker, welcher dem modernen Theater reiche Impulse verlieh, ist gleichfalls Jude. AlsAntiquitätenhändler,Numismatiker, alsSammlerjeder Art haben die Juden den deutschen Ruf in der Welt mitbegründet.Besonders stark angefeindet wurden sie in der Wissenschaft. Um auf diesem Gebiete ihr Können einigermaßen zu belegen, müßten wir allein ein dickes Buch schreiben. Aber ein paar Beispiele dürfen wir wohl geben. So ist in der Medizin die Lehre dersexuellen Krankheitendurch drei Juden—Neisser,Ehrlich,Wassermann—in grandioser Weise gefördert worden. Neisser, der Entdecker des Gonokokkus, Wassermann, der feinsinnige Schaffer des luetischen Blutnachweises, und Ehrlich, welcher eine moderne Waffe gegen die Syphilis schmiedete. DieJuristen[pg 21] sprechen von den Begründern der deutschen Rechtswissenschaft, vonStaubundDernburgmit all der Hochachtung, die man diesen kaum vorenthalten dürfte. DieSprachwissenschaften(diedeutschez. B.vertreten durchMauthner) schätzen die jüdische Mitarbeit;Statistik,Nationalökonomie,Chemie3sind wieLiteratur,Musikund andere kulturelle Gebiete durch deutsche Juden befruchtet worden. AufSchachturnieren(Lasker, Steinitz, Zuckertort, Tarrasch), aber auch auf den olympischen Spielen, am Turf und auf gefahrvollen Expeditionen bewährten sich Juden.Emin Paschahieß einst Schnitzer, ein bedeutender Arabien-Forscher warGlaser, als einer der ersten wirkte in deutschen westafrikanischen Schutzgebieten und erlag dort der Malaria: Dr.Kaiser....Die antisemitische Bewegung, die vor dreißig Jahren gegen die Juden entstand, ist dadurch erklärlich, daß von den vielen hervorragenden Verdiensten deutscher Juden viel zu wenig bekannt wurde.Die politische Geschichte übergeht die Abstammung des ersten deutschen Reichstagspräsidenten von Simson, der seinem Könige mehrfach die Kaiserkrone antrug. Das damals als Musterländle gepriesene Baden hatte einen nicht einmal getauften Finanzminister: Ellinger.Das waren einzelne Personen, die ihr Bestes für das Werden des Reiches einsetzten. Schon in den 40er Jahren waren es jüdische Dichter in der Sturm- und Drangperiode, welche für Einheit und Fortschritt eintraten. Berthold Auerbach und Andere, deren Namen heute vergessen sind, mußten wegen ihrer Zugehörigkeit zu alldeutschen Burschenschaften [pg 22] hinter Kerkermauern dafür büßen, daß sie für ein geeintes Deutschland agitierten.Bedeutender zeigt sich aber die Mitwirkung jüdischer Elemente bei der Ausgestaltung des deutschenpolitischenLebens. Kein Volk der Welt hat ein so gut fundamentiertes Parlament, in dem so überzeugungstreue Parteien sitzen, die nicht nach Laune, nach persönlichen Vorteilen stimmen, sondern die—oft viel zu sehr—nach theoretischen Überlegungen und prinzipiellen Anschauungen den Fragen nähertreten. Kein Abgeordnetenhaus hat sozialer und menschlicher gearbeitet. An ihren Früchten kann man am besten nicht nur die Bäume, sondern auch die Parlamente erkennen. UnserekonservativePartei feiert als einen ihrer Mitbegründer Stahl; Lasker und Bamberger schufen dieliberalePartei; Marx und Lassalle standen an der Wiege derSozialdemokratie, die in Singer, Haase, Bernstein und Frank mit ihre besten Führer fand.Da wir noch keine Abhandlung über die jüdische Mitarbeit an der Entwicklung Deutschlands in der neuesten Zeit besitzen, so war es wohl nicht unangebracht, sie mit einigen Beispielen zu belegen. Ähnlich wieDeutschlandin derWelt, so machten sich dieJudeninDeutschland„unliebsam bemerkbar“.Der Umwelt erschienen einst die deutschen Waren als „billig und schlecht“, die aufblühende deutsche Flotte war den Engländern, die als handeltreibendes Seevolk ein Monopol anstrebten, eine freche Konkurrenz, die deutsche Beteiligung in der Weltpolitik kam den Engländern als Aufdringlichkeit vor, selbst wenn sie noch so zurückhaltend war.Dazu kamen noch historische Vorurteile, von welchen z.B. besonders die Franzosen nicht loskamen. Das Geschrei der Gasse umnebelte selbst intelligente Engländer, Franzosen, Italiener, Amerikaner, Rumänen, Russen. Auch in der neutralen Welt gibt es leider tüchtige Menschen, die [pg 23] sich alle Fabeln über die Unkultur der Deutschen, über die Eroberungssucht des Kaisers und seines Volkes zueigen machten.Geradeso hat man oft von den Juden gesprochen. Man hat sie des Mangels an Kultur und an Redlichkeit geziehen und all des Schlechten, was man den Deutschen heute nachsagt, beschuldigt. Wollten sie beim Militär Karriere machen, dann hinderte man sie daran; wenn daraufhin wieder Manche keine sonderliche Lust am Dienste hatten, hielt man es ihnen wieder vor. Wurden sie reich, dann erweckte das Eifersucht; war irgendwo ein unbedeutender Jude, dann wurde daraus der Schluß gezogen, daß der Jude überhaupt unfähig ist. Es ist wirklich überraschend, wie ähnlich das Eintreten Deutschlands in der großen Welt, und das Emporsteigen der Juden in Deutschland von der Außenwelt gewertet werden.Wir sehen es ja in unserer Zeit, wie nichts zu plump ist, um geglaubt zu werden, wenn ein Volk neidisch ist. An diesen Instinkt appellierten auch die Antisemiten. Der Jude, der die deutsche Sozialdemokratie mitschuf, soll an den Auswüchsen des Kapitalismus schuld sein, bloß weil findige Köpfe, wie die Tietz, Wertheim, Jandorf, Israel, den Fabrikbetrieb, das Maschinelle auch in den Kleinverkauf einführten und das Warenhaus schufen.4Und wie einstmals die Handweber die Fabriken stürmten und die Maschinen zertrümmerten, so kämpften die kleinbürgerlichen Kaufleute und Handwerker gegen die Riesenunternehmen, und verwechselten Person und Sache. Wer diese modernen Erfinder haßte, wurde Antisemit.Wie [pg 24]Deutschland in der Welt überall auf Neider stieß, so fand auch der Jude in Deutschland überall mißgünstige Seelen. Wie beschränkt diese waren, geht schon daraus hervor, daß sie durch den Antisemitismus alle sozialen Fragen und Schäden zu lösen glaubten.Die antisemitische Literatur ist zwar recht armselig, aber Deutschland hat das traurige Verdienst, diese „Wissenschaft“ in der Hauptsache geschaffen zu haben. Die anderen Länder, die sich vielfach viel länger und viel ungenierter in der Bedrückung ihrer lieben Juden überboten, bekamen leider von Deutschland neue Impulse. Die Pamphlete der Ahlwardts gingen in alle Welt und richteten außerhalb der schwarz-weiß-roten Grenzpfähle, besonders auch in Österreich, erschreckendes Unheil an. Noch vor kurzem hat der große Staat Rußland den Juden einen Ritualmordprozeß gemacht, nachdem vorher Österreich und Deutschland ihre Ritualmordhetze gehabt hatten. Noch schmachtet in österreichischen Kerkermauern ein wegen eines „Ritualmordes“,—wie alle Juristen beteuern, unschuldig—verurteilter armer Jude: Leopold Hilsner. Keine Lüge war den Antisemiten zu niedrig—man lese nur ihre Bücher—keiner ihrer Führer zu—bedenkenfrei. Meist waren sie recht dunkle Ehrenmänner. Aber das Gift, das sie verstreuten, trug dennoch eine reiche Saat. Ein Mann beteiligte sich dabei, dessen Schriften man nicht so ohne weiteres mit denen der anderen vergleichen darf: Houston Stewart Chamberlain. Chamberlain hat zwar neuerdings einiges Wasser in seinen Wein gegossen. Er hat erklärt, seine früheren Behauptungen gegenüber den deutschen Juden5nicht aufrecht zu erhalten. [pg 25] Chamberlain ist ein so maßloser Chauvinist, daß er selbst Christus als Germanen reklamieren zu müssen glaubte. Er, der noch vor kurzem allen Germanen, auch den Engländern, Lob sang, hat nun ein Pamphlet losgelassen, für das es kaum ein Wort der Entschuldigung gibt. Als geborener Engländer durfte er nie und nimmer in der Weise das Nest beschmutzen, dem er entstammte. Es gibt nichts Verächtlicheres, als wenn Renegaten dem Volke, dem sie entstammen, in solcher Weise seine Fehler vorhalten. Wenn sie, die die Schwächen am besten kennen, sie zusammenstellen, übertreiben und daraus ein Urteil fällen. Wenn wir nach der Methode Chamberlains dozieren wollten, müßten wir zu dem Schlusse kommen: Alle Engländer taugen nichts. Der Engländer ist so und so. Also ist auch Houston Stewart Chamberlain...So ähnlich wurde nämlich nach H. St. Chamberlain über den semitischen Geist, über den Juden im allgemeinen und im besonderen geurteilt, selbst wenn er—weit mehr als Chamberlain, der die deutsche Kultur erst seit einiger Zeit genossen hat—seitJahrhundertenAnteil an allen Gütern deutschen Geisteslebens genommen hatte.Nein, „der Jude“ in Deutschland war zum Teil tüchtig und fähig, zum Teil faul und indolent. Er war auf der einen Seite ein stiller Mann der Wissenschaft, der nach dem Muster des genialen Spinoza, Marx und vieler anderer, die ohne nach der Anerkennung der Öffentlichkeit zu lauern, in stillem Kämmerlein ihre Werke schufen.6Es gab aber auch Eintagsgrößen, die sich kaum von Charlatanen unterschieden. Maezene und Volksfreunde hat es unter den Juden gegeben, die ihr Vermögen dem Fortschritt hingaben, ohne daß es die Menge erfuhr. Keine ideale Bewegung existiert, die nicht [pg 26] an den Juden reiche Förderer hat: für Frauenrechte, für Kinderschutz, für die Waisen, Arbeitslosen, Blinden etc., die Bestrebungen für die Abstinenz, für Friedenspropaganda, für Vegetarismus, für alte Bühnenkünstler, für alle Künste,—der Jude hat seine Person, sein Ansehen und nicht zum mindesten sein Geld jederzeit guten und idealen Zwecken zur Verfügung gestellt.Der Jude, der so sehr für jeden sozialen Fortschritt zu haben war, der auf Grund alter historischer Gewohnheiten für den Ruhetag in der Arbeitswoche, für das Angestelltenrecht etc. eintrat, der sich stets für Freiheit einsetzte, wurde den Massen als Ausbeuter schlimmster Sorte, als soziales Hemmnis hingestellt. Vergeblich sein Eintreten für alle demokratischen Ideale, für individuelle Freiheit, für internationale Verständigung. Wie der wirtschaftliche Neid nicht nur den Blick trübt, sondern fast blind macht, sehen wir jetzt ja an den Engländern. Diese Gewaltsmacht, die so oft ganz real die Verhältnisse beurteilte, schilt die Deutschen Barbaren, während sie ihr Heer zusammensetzt und sich verbündet mit Hunderttausenden von Negern, Indiern, Zuaven, Tscherkessen, Kosaken, Kalmücken und allen schiffbrüchigen Existenzen der neuen und alten Welt. Dieses für Geld geworbene Analphabetengesindel soll das Vorkämpfertum der Kultur sein! Die Engländer, die am längsten den Sklavenhandel geduldet, nein gezüchtet hatten, die in Südafrika die Burenfrauen mordeten, in Ägypten die Verträge brachen und die Indier verhungern ließen, sind mit Recht als Heuchler an den Pranger gestellt worden. Bei den Franzosen geltenalleDeutschen als Boches, als Verbrecher und als Schweine....Dieser Weltkrieg, an dem 10 Millionen Juden beteiligt sind und schwere Opfer bringen, darf nicht vorübergehen, ohne daß das von Antisemiten getragene absprechende Urteil über sie in Acht und Bann getan wird. Ein Urteil, das ebenso unberechtigt ist wie das der Entente-Mächte über die Deutschen. [pg 27] Nicht nur, weil ein prächtiges Kaiserwort das gehässige Treiben der Rassen- und Religionsschnüffler für die Dauer des Krieges unterband, sondern weil Deutschland und die Welt einsehen muß, daß die Behauptung der Minderwertigkeit Andersgearteter allzuoft nur eine billige, überall gehandhabte Waffe desNeidesist.Und so unterstreichen wir nochmals die Tatsache:Daß der Jude am Gemeinwohl, am Fortschritt, an der Entwicklung Deutschlands freudig teilgenommen hat, kann kein objektiv denkender Mensch bestreiten. Ob er als Bürgermeister von Posen7oder als Stadtrat von Berlin8oder Frankfurt, oder im Ehrenamt, oder als Wähler einer Gemeinde seine Pflicht erfüllen konnte,—als der Abkömmling einer alten Kulturrasse interessierte ihn alles öffentliche Leben. Die Städte, in denen die Juden seit langem wohnen und eine gewichtige Stimme haben, sind nicht schlecht damit gefahren. Das reiche Frankfurt blüht, Nürnberg, Fürth entwickeln sich überaus rasch, Hamburg gedeiht.Die neueste Wissenschaft hat den Juden mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen.SombartsArbeiten zeigten die Bedeutung der Juden. Es ist ziemlich gleichgültig, ob die Juden Handel und Wandel in die Orte bringen, wohin sie kommen, oder ob sie ihn mit zur Blüte bringen. Jedenfalls ist dort Entwicklung, wo sie unbedrückt leben können.Außerdem hat eine ziemlich starke Verschmelzung des Adels mit der deutsch-jüdischen Geldaristokratie, die übrigens auch ca. 100 geadelte Familien zählt, stattgefunden. Ebenso ist in den besten bürgerlichen Kreisen vielfach eine Vermischung eingetreten. Solchen Familien entstammte z.B. Dernburg, der bekannte Kolonialpolitiker, Heyse, der Schriftsteller, [pg 28] der Admiral Bendemann, andere führende Männer sind mit Jüdinnen verheiratet.9Die Juden im Kriege.Obwohl nachweislich viele jüdische Burschenschafter für das schwarz-rot-goldene Band gekämpft und gelitten hatten, obwohl in der Mitte des 19. Jahrhunderts einzelne jüdische Burschenschafter an der Spitze der Verbindungen standen, erklärte 50 Jahre später der Weidhofener Verband der deutsch-österreichischen Burschenschaften alle Juden insgesamt für jeder Ehre bar und verweigerte jedem Juden die Satisfaktion, also auch denen, die bis kurz vorher als alte Herren dem Verband angehört hatten. Dieselbe Überhebung, die ein anderer großer studentischer Verband zeigte, als er Naumann und andere höchst ehrenwerte deutsche Politiker wegen ‚sozialistischer‘ Tendenzen ausstieß, veranlaßte geistesverwandte junge Leute, die Juden in Bausch und Bogen zu verdammen. Semper aliquid haeret. Noch hinkt die Verleumdung, die Beschmutzung, die Verdächtigung uns nach. Auch dem jüdischen Soldaten.Der Jude hat sich als Soldat bewährt. In allen Kämpfen der letzten Jahre haben sich Juden bewährt. Die Bulgaren und Türken haben sie im vorletzten Krieg vielfach gerühmt. Selbst im antisemitischen Rumänien ist ein jüdischer Oberst (Brociner), der sich im Krieg 1878 auszeichnete, der Kommandeur der Leibgarde und des Königl. Schlosses. In Österreich sind Juden kommandierende Generale, in Italien war [pg 29] der frühere Kriegsminister Ottolenghi Jude und schon Napoleon hatte jüdische Heerführer.In den deutschen Freiheitskämpfen gab es viele freiwillige jüdische Vaterlandsverteidiger, einige erhielten auch den Offiziersrang. Auch später konnten Juden, hauptsächlich anno 1870, Offiziere werden; aktive Offiziere standen nur in Bayern, ungetaufte Juden waren hier hauptsächlich Reserveoffiziere und aktive Militärärzte, ein Jude brachte es einige Jahre vor dem Kriege bis zum Major.10Im Kriege stellten sich nun erfreulicherweise viele Kommandeure auf den Standpunkt, den einmal der leider auf dem Felde gefallene Hauptmann von Treskow also präzisierte: „Wenn wir die Juden prinzipiell nicht befördern, dürften wir ihre Dienste auch nicht in Anspruch nehmen“. Nach Schätzungen werden jetzt über 900 Juden als Offiziere, ungerechnet die Militärärzte, im Felde stehen. Viele sind wegen besonderer Tüchtigkeit befördert worden, das „Hamburger Israel. Familienblatt“ stellte schon über 20 Träger des Eisernen Kreuzes I. Klasse fest (z.B. der Flieger Frankl, der Reichstagsabgeordnete Haas), darunter waren alle Waffengattungen vertreten. Auch bei der Marine und in den [pg 30] Schutztruppen haben sie sich ausgezeichnet. Nach dem Kriege werden die Ziffern insgesamt zur Verfügung stehen. Das in Breslau erscheinende „Jüdische Volksblatt“ hat die Namen veröffentlicht, die bestimmt dem Judentum angehören. Darnach haben bis zum Herbst 1915 knapp 5000 Juden (also fast 1% der gesamten deutschen Judenheit!) das Eiserne Kreuz erhalten, von über 3000 Juden konnte namentlich festgestellt werden, daß sie den Heldentod fürs Vaterland gefunden. Leider kann diese wöchentliche Zusammenstellung nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Da die jüdische Jugend, soweit sie nicht gedient hatte, gleich zu Beginn des Feldzuges freiwillig in großer Zahl (—es wäre sehr interessant, wenn die Heeresverwaltung diese Ziffer veröffentlichen würde—) sich stellte, sind die Verluste sehr stark.11In allen jüdischen Jugendvereinen wird diese Tatsache festgestellt. So ist z.B. in der jüdischen Turnerschaft eine Kriegssterblichkeit, die sich in den einzelnen Untervereinen bis 33% derMannschaften(wie z.B. bei dem Ruderklub ‚Ivria‘) stellt. Die meisten Turn- und Sportvereine der jüdischen Turnerschaft mußten zu Beginn des Krieges ihren Betrieb aufgeben, da alle Mitglieder zu den Fahnen eilten.Die Mitglieder der jüdischen studentischen Verbindungen stellten gleichfalls viele Freiwillige. Von den 2000 Mitgliedern des K. C. (Kartellkonvent) und des K. J. V. (Kartell jüdischer Verbindungen) rückten fast alle aus; ein Drittel davon als Kriegsfreiwillige. Sehr zahlreich war auch die Beteiligung freiwilliger jüdischer Ärzte. Nach einer Statistik beträgt die Verlustliste bei den jüdischen Ärzten schon über Hundert. Auch der jüdische Arzt hat an der Front und im Seuchenlazarett seinen Posten ausgefüllt.[pg 31]Der tapfere jüdische Soldat und Offizier verschwindet oft in der Menge. So glaubte man z.B. allgemein nicht, daß der einzige Soldat, der bei meinem Regiment das Eiserne Kreuz I. Klasse im Jahre 1914 besaß, ein Jude war (der später als Leutnant gefallene Gottfried Sender, Lehrer an einer jüdischen Mittelschule, welcher es im Frieden knapp bis zum Gefreiten bringen konnte). Vielfach ist aber die Tüchtigkeit des jüdischen Vorgesetzten und Soldaten von hohen Offizieren anerkannt worden. Exempla docent. Die überaus große Zahl von Beförderungen, Dekorationen etc., über die sich jeder, namentlich z.B. im „Hamburger Israelitischen Familienblatt“ informieren kann, gibt die beste Gewähr. Der österreichische Thronfolger hat oftmals Gelegenheit genommen, sich dahin auszusprechen, daß der persönliche Mut und die Zuverlässigkeit des jüdischen Soldaten durch diesen Krieg aufs neue bewiesen wurden.12Ebenso wie der sozialdemokratische wurde auch der jüdische Soldat endlich einmal von den Meisten vorurteilsfrei betrachtet und bewertet. Natürlich gibt es auch Fälle, [pg 32] wo sich Vorgesetzte noch nicht in den Gedanken der Gleichwertigkeit „solcher Elemente“ hineinleben konnten.Die ungeheure sozialdemokratische Begeisterung ist nicht zuletzt das Produkt der so oft geschmähten „inter“-nationalen Denkweise jüdischer Führer, mit der man früher alles Unrecht gegen Juden deckte und erklärte. Die Führer haben ihren Patriotismus nicht nur durch billige Phrasen dokumentiert, sie sind nicht wie andere Sozialistenführer à la Vandervelde als Wanderredner durch die Lande gefahren, um die Menschen aufzuwiegeln, haben à la Hervé billige blutrünstige Artikel geschrieben oder sich als Leutnants, wie D'Annunzio, zu Hause wichtig gemacht. Der JudeLudwig Frank13,vielleichtder fähigste Kopf in der sozialdemokratischen Partei, trat als einfacher Soldat in Reih und Glied und fiel—wie er es wünschte—als ein einfaches, aber schönes Beispiel treuer Vaterlandsliebe.Aber nun kam, was nicht kommen durfte. Man hat in vielen Zeitungen über den Mannheimer, über den Rechtsanwalt, über den Sozialdemokraten Frank geschrieben. Man hat bewiesen, daß ein Sozialdemokrat patriotisch sein könne. Daß er aber ein Jude war, diese Tatsache wurde nach Möglichkeit verschwiegen.—Nicht zum Beweis der Tapferkeit und der Vaterlandsliebe wollen wir Frank als Juden registrieren. Es liegt eigentlich eine unglaubliche Verworfenheit des Charakters vor, wenn jemand von einer kulturell so [pg 33] hochstehenden Rasse wie der jüdischen, von der Tausende im öffentlichen Leben wirken, welche alle Kulturstätten deutscher und anderer Bildung genossen haben, annehmen könnte, daß Mannesehre und Würde bei ihnen nicht zu finden wäre.Daß man bei allen Nachrufen aber sichtlich vergessen wollte, zu erwähnen, daß der erste deutsche Volksführer, welcher mit seinem Tode die Treue zur Heimat und zum Staate besiegelte, ein Jude war, ist keine erfreuliche Erscheinung.14Ebensowenig wie die Tatsache, daß die Dichter [pg 34] des großen Krieges, die zuerst verwendet wurden und starben, Juden waren. Wir nennen nurZuckermann, der das wundersame österreichische Reiterlied empfand, undHeymann, den jungen Königsberger Lyriker, sowie den Schlesier GeorgHecht. Man hat so oft über die billige Poesie, wie sie Literaten hinterm Schreibtisch gewinnsüchtig betreiben, gespottet. Zuckermann, Heymann, Georg Hecht.Ich kannte die glühende Begeisterung, die sie mit dem Leben zahlten.Wie aber war die Haltung der jüdischen Bevölkerung vor dem Ausbruch des Krieges? Die Juden haben sich in allem überaus würdig benommen. Daß sie als Kaufleute und Bankiers usw. nicht wie die Militärs beständig sich um die Militärangelegenheiten bekümmerten, ist selbstverständlich. Das berühmte „jüdischeinternationaleGroßkapital“, von dem soviel gefabelt wird, ist nie in Aktion getreten. Die jüdischen Bankiers und die jüdischen Kaufleute benahmen sich nicht anders wie die andern Schichten der Bevölkerung. Ruhig und ernst, wie es der Situation entsprach, als ihre Söhne entweder freiwillig oder als Militärpflichtige hinauszogen. Reiche Gaben und Spenden flossen allen Instituten von ihnen zu. Und was in der Heimat geleistet werden konnte, wurde getan. Männer wie Ballin, Rathenau, Riesser ruhten im Kriege nicht. Es ist noch nicht die Zeit, ihrer Verdienste für die Volksernährung, für die Munitionsergänzungund anderer Dinge zu gedenken.15Die deutschen Juden hatten schon in Friedenszeiten eine zu geringe Vermehrung. Zu viele blieben aus wirtschaftlichen Gründen oder aus Laune Junggesellen; die vielen Spätehen der akademischen Kreise und der Kaufleute bedingten einen hohen Prozentsatz kinderloser Ehen. Die, die Kinder haben, begnügen sich mit zweien. Auf die deutsche Judenheit, welche eine geringere Geburtenziffer als die Franzosen hat, wird der Krieg eine unheilvolle Bedeutung haben. Er rächt die Beschränkung der Kinderzahl.Die durch Taufe und Mischehe und Kinderlosigkeit geschwächte deutsche Judenheit weiß, daß dieses elementare Ereignis ihre Reihen noch mehr lichten wird. Alte Familien werden durch den Krieg erlöschen, die deutsche Judenheit wird unendlich geschwächt und in ihrer Existenz erschüttert aus dem Kriege hervorgehen.Die jüdische Jugend zahlte gern die Teilnahme an der deutschen Kulturgemeinschaft mit dem Tode.[image][pg 36]

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Der große Krieg hat infolge des grandiosen Kaiserwortes „Ich kenne keine Parteien mehr“ den antisemitischen Angriffen und Übergriffen vorläufig den Grund und Boden entzogen. Trotzdem will das Judenproblem keineswegs von der Bildfläche verschwinden. Im Gegenteil. Der Einmarsch der deutschen Truppen in die polnischen und russischen Gebiete hat mit einem Schlage die innerpolitische Unhaltbarkeit des Schicksals, der nahezu sieben Millionen starken jüdischen Bevölkerung Rußlands der ganzen Kulturwelt aufgetan. Man wird nicht leugnen können, daß das jüdische Problem beim Friedensschlusse sowohl von großem internationalem Belang sein wird, als auch von hervorragender Bedeutung für diedeutsche Politik.

Die Stellung der deutschen Juden vor dem Krieg.Die Judenfrage ist für Deutschland praktisch so wichtig, daß es sich gewiß verlohnt, darauf einzugehen. Prüfen wir zunächst einmal die Stellung der Juden Deutschlands und ihren Einfluß in diesem Lande.Die Mitte des verflossenen Jahrhunderts hat nicht nur einen völligen Umsturz aller inner- und außenpolitischenVerhältnisse Deutschlands bedingt; die breiten Volksmassen erschütterte einsozialerUmschwung. Aus einem rein agrarischen Staate wuchs in wenigen Jahrzehnten [pg 14] eine gigantische Industrie heraus, welcher bald ein weltenumspannender Handel die Wege bahnte. Die Technik feierte rascher ihre Triumphe, als die Regierungsfürsorge und die von Organisationen getragene Selbsthilfe der Interessengruppen sich auf die Neukonstellationen einstellen konnten. Dadurch gerieten die Arbeiter stellenweise in die Gefahr, materiell und physisch ausgenutzt zu werden. Auf dem Lande hatte sich einst ein ähnlicher Prozeß, wodurch sich Latifundien bildeten, im Laufe der Jahrhunderte entwickelt. Die industriellen und kommerziellen Großunternehmungen aber kamen über Nacht. Erbarmungslos rang das Großkapital den Stand der kleinen Leute nieder. Dieser ökonomische Werdegang ging nicht ohne Gewalttat, ohne Härten ab, die den Trägern den Haß des in seiner Existenz erschütterten dritten Standes eintragen mußten.Die Sozialdemokratie als die Zusammenfassung der Proletarier ist das naturnotwendige Produkt dieser Entwicklung. Der Antisemitismus ist die Konsequenz des Prozesses insofern, als sich diese Bewegung gegen die sichtbarsten Träger, gegen die Klasse von Menschen wandte, welche am geschicktesten die Macht des Kapitals auszunutzen wußten. Die erste Partei ist ein Versuch, derSacheselbst entgegenzutreten, die letztere kämpft gegenPersonen, die nebenbei in ihrer religiösen und rassigen Eigenart eine gute Zielscheibe boten.Uns interessiert hier nicht, wie die Auswüchse des Kapitalismus oder der Kapitalismus selbst zu bekämpfen ist. Wir wollen nur der Frage nähertreten, wie der Antisemitismus des weiteren zu erklären ist, welches die Bedeutung der deutschen Judenheit gewesen ist, und ob wir anläßlich des Krieges den Juden einen mehr oder minder günstigen Einfluß auf die Wirtschaftsgestaltung Deutschlands einräumen können, um dann später auf den Einfluß der deutschen Juden und überhaupt auf den Krieg eingehen zu können. [pg 15]Bis in die sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts strömte ein gut Teil der jüdischen Jugend Deutschlands nach den Vereinigten Staaten von Amerika, Südafrika, England, Frankreich etc. Teilweise war ihnen die volle Gewerbefreiheit (wie z.B. in Bayern bis 1864) vorenthalten gewesen. Die siebziger Jahre, die berühmten Gründerzeiten, bringen eine Hochflut von aus den Dörfern in die Städte strömenden Juden. Die jüdischen jungen Leute wandern nicht mehr in die Fremde, sondern wenden sich dem deutschen Handel, der Industrie, den akademischen Berufen, und vor allem den Großstädten zu. Das seit Jahrhunderten betätigte Wohnen in den Städten, bedingt durch Eigenart, aber auch durch das mittelalterliche Gesetz, das bis ins XIX. Jahrhundert hinein Geltung hatte, läßt sie allmählich in die größeren Städte abwandern, wo die Verdienstmöglichkeiten sich stetig vergrößern. Dazu trägt auch die antisemitische Ostmarkenpolitik bei, welche die Juden aus den Provinzen Posen, Ost- und Westpreußen vertreibt. Der Druck der Hakatisten, der wirtschaftliche und gesellschaftliche Boykott der evangelischen Deutschen den Juden im Osten gegenüber, läßt ihre Stellung zwischen Deutschtum und Polentum unhaltbar werden. Dazu kommen elementare Ausbrüche der von den Antisemiten bearbeiteten Volksschichten. Der „Ritualmord von Konitz“ ist eins dieser bezeichnenden Ereignisse. Fluchtartig verläßt der Jude diese Städte, deren Charakter durch seine Anwesenheit noch ein deutscher war, und überläßt den Platz den Polen.Die neueren Schriften über das Ostmarkenproblem geben sämtlich zu, daß die durch die staatliche und gesellschaftliche antisemitische Politik bedingte Vertreibung der Ostmarkenjuden ein bedeutsamer Mißgriff war, der sich nach drei Seiten bemerkbar machte:1. Für die Entwicklung dieser Städte, die durch den [pg 16] Verlust von Menschen, von Kapital und von unternehmungslustigen und fähigen Elementen gehemmt wurde.2. Für die deutsche Sache. Der Wegzug von ca. 150 bis 200000 Juden aus den bedrohten Provinzen hat die deutsche Sache um so viel Anhänger ärmer gemacht.3. Für den Staat. Der Jude der Ostmark (wie überhaupt in ganz Deutschland) war ein zuverlässiger Staatsbürger, auf den in jeder Zeit gerechnet werden konnte.Organisationen über Organisationen erwuchsen aus dem reichen Boden der Gebiete rechts der Elbe. Deutsche und polnische Kleinbauern-Genossen­schaften, Vereine der Gutsbesitzer und Groß-Eigentümer, die zugleich die Zucker- und Spiritusfabrikation besaßen, politische Organisationen beider Sprachengemeinschaften, alle aber mit leicht antisemitischen Tendenzen, die durch den in Berlin geborenen Antisemitismus erst voll und ganz durchtränkt werden sollten. Was dagegen der Jude an Organisation entgegenstellte, war kaum der Rede wert. Er organisierte sich nicht wirtschaftlich, sondern verzichtete darauf, sich in einen Kampf einzulassen, in dem außer Regierung und Verwaltung auch die breite Masse des Volkes gegen ihn Stellung nahm, und verschwand in die Großstadt, wo er untertauchen konnte.1Dadurch ist die unnatürliche plötzliche Überschwemmung der Hauptstädte mit Juden bedingt worden. Nicht nur die Jungen und Fähigen kamen; viele, die sich nicht mehr anzupassen wußten, schwemmte die Flut herein. Ältere Menschen, die überall anstießen, weil sie in dem neuen Beruf nicht mehr von der Pike auf dienen konnten. Neben einer großen Menge von Begabten und Energischen auch „Luftmenschen“, Bassermann'sche Gestalten, labile Charaktere. Aber was das junge Blut anlangt, so kann man leicht zeigen, daß es Deutschland zum Segen gereichte. [pg 17] Deutschland ist der große, kräftige und reiche Staat in hohem Maße auch durch die Mitarbeit derJudengeworden.Bekannt ist deren Mitwirken an der finanziellen Entwicklung. Die Finanzgrößen, die die deutscheGeldwirtschaftund die Großbanken schufen, waren zum großen Teil Juden. Das Erstarken unserer finanziellen Kraft liegt in der glücklichen Ausgestaltung unserer Finanzinstitute. Die Banken sind nach Sombart eine jüdische Erfindung. Die Barone Oppenheim sind die Gründer der ersten, der Darmstädter Bank. Neben den Rothschild's ragen als Eisenbahnkönige einige jüdische Häuser wie die in Bayern nobilitierten Eichthal und die später in Preußen geadelten Fould's, später Dr. Strousberg und der Baron Hirsch hervor. Das Bankhaus Mendelsohn hat heute noch seine nahen Beziehungen zu den maßgebenden Stellen des Reiches, und der Chef der Firma Bleichröder ist der Öffentlichkeit populär geworden, weil er Bismarck zu der hohen französischen Kriegsentschädigung von 5 Milliarden in Gold zu bewegen wußte. Auch die modernen Finanzgrößen, die Leiter unserer wichtigsten Institute, zählen Juden an erster Stelle auf. Wir erinnern an die von Cohn, von Wassermann, Fürstenberg, Speyer-Ellissen, von Schwabach, Goldberger...Die Arnold, Berliner und Deutsch sind Namen, welche in der neudeutschen Wirtschaftsgeschichte einen guten Klang besitzen. Hagen-Köln (früher Levy geheißen) war wohl einer der Männer, welcher in dem Aufsichtsrat der größten deutschen Gesellschaften den mächtigsten Einfluß besessen hat.Juden haben in Hamburg dieStrumpfindustrie, in Fürth dasSpiegelglas, im posenschen dieSchnapsbrennereigroßgemacht. Wir treffen sie auch als Großindustrielle in derSeidenfabrikation.Neben unseren vortrefflichen Geldinstituten haben uns vor allem unsere großzügigen Wollfirmen die Kriegführung [pg 18] erleichtert. Der deutscheWoll- und Baumwollmarktist von Juden geschaffen und auf die Höhe gebracht worden, die er heute einnimmt, wie wohl kein Kenner der Verhältnisse bestreiten wird. Unter den vielen Tüchtigen verdienen hier die Gebrüder Simon namentliche Erwähnung.An den grandiosen Woll- und Baumwollhandel konnten sich die zahlreichen, vielfach jüdischen, Textilfabriken anlehnen. Die blühende deutscheKonfektionist quasi eine jüdische Domäne.Daneben erinnere ich an den LeipzigerRauchmarkt. Wer die berühmte Pelzmesse kennt, weiß, daß jüdischer Fleiß und Erwerbsfreudigkeit hierin Deutschland eine erste Stelle in der Welt schuf. Die großen „Felljuden“, welche unsere Lederindustrie mit ausbauten (z.B. Adler-Oppenheimer), und dieStiefelkönigesind bekannt.Den Neid aller Völker, den Stolz Deutschlands bedingte unsere so rasch, fast über Nacht zu grandioser Größe entwickelteHandelsflotte, die auch in Kriegszeiten dem Reiche ihre Dienste leiht. Der Schaffer der Hamburg-Amerika-Linie aber ist der viel genannteBallin. Seine Bedeutung für die Entwicklung Deutschlands wird einst die Geschichte zu würdigen haben.Der Vater derelektrochemischenIndustrie war der jüngst verstorbene Rathenau, der Schöpfer der A.E.G. Sombart behauptet, daß auch die Siemens und Halske-Werke erst den Wettkampf um die Vormachtstellung der deutschen Industrie in aller Welt aufnehmen konnten, als der jüdische Direktor Berliner an leitende Stellung trat. Aber nicht nur in friedlichen Zeiten bedang die A.E.G. Deutschlands Ruhm und Größe. In unserm Kriege haben sie Bedeutendes geleistet, wenn es jetzt auch noch nicht Zeit ist, darauf näher einzugehen.Viel geschmäht worden ist die Arbeit der Juden auf dem Gebiete derWaffen-undMunitionsfabriken. [pg 19] Wie vereinzelte Sozialdemokraten die Wichtigkeit der Kruppwerke und ihre vaterländische Rolle mißverstanden und vor der breitesten Öffentlichkeit verunglimpften, so wußte seinerzeit Ahlwardt den großenLöwekonzern zu verdächtigen. Aber die „Juden“flinten, die Maschinengewehre und alle die Waffen, welche unsere Heeresleitung von diesen Unternehmungen beziehen konnte, waren letzten Endes nicht bedeutungslos. Der Nur-als-Krämer und Schacherer verschriene Jude hat dem Reich zu Kriegsbeginn wertvolle Stätten zur Verfügung stellen können: Angefangen von dem reich überfüllten Wollmarkt, von den Handelsschiffen, welche die Flotte stützten, bis zu den Fabriken, die direkt oder indirekt dem Heere alle Mittel moderner Kriegsführung lieferten.Wenn wir an die treue Mitarbeit jüdischer Firmen in derMaschinentechnikanknüpfen, dann dürfen wir als deutsche Unternehmungen von Weltgeltung herausgreifen dieOrenstein und KoppelA.G., (Kleinbahn- und Baggerfabrikanten), die MannheimerLadenburgs, die NürnbergerBings. Selbst Erzschürfungen (Hirsch und Beer-Sondheimer-Kupfer) werden von ihnen inauguriert. Caesar Wollheim, v. Friedländer-Fould sind in ‚Kohle‘ bekannt. Neben der Wichtigkeit des Materials und der Arbeitsstätten ist es Geheimrat Haber, der durch die künstliche Gewinnung des Stickstoffes erst die ganze deutsche Munitionserzeugung gewährleistete, und der (nach Davis Trietschs Broschüre, „Juden und Deutsche: Eine Sprach- und Interessen­gemeinschaft“2) jüdischen Eltern entstammt. Auf solche Köpfe kann die deutschechemischeWissenschaft stolz sein. Wie ja überhaupt die chemische Industrie Deutschlands Größe in der Welt mitgeschaffen hat. (Es sei u.a. auch des jüdischen chemischen IndustriellenGansgedacht, dessen Sohn übrigens auf dem Gebiete der Luftschiffahrt und der Ballontechnik Bedeutung hat.)[pg 20]Auch sonst wäre noch viel aufzuführen. Wir könnten manches über andere Wirtschaftskomplexe hier anfügen, so vom Tabakmarkt, von dem Sombart behauptet, daß Juden die Tabakindustrie in Deutschland einführten. Ebenso wie in der modernen Zigarren- und Zigarettenfabrikation halten Juden den Wettbewerb als Uhren-, Sekt- und Schokolade-Fabrikanten und als Getreideimporteure usw. usw.Wir wollen nicht ermüden. Die Reichtümer, die einzelne Juden sich erwarben, waren nicht unverdient. Sie sind bedingt dadurch, daß Deutschlands Handel und Wandel zu der Größe geführt wurde, die den Neid der fremden Völker erregte, aber damit auch unserem Lande die Möglichkeit gab, auch auf dem wirtschaftlichen Felde den allgewaltigen Kampf gegen die Unmenge von Feinden so siegreich zu bestehen.Auf dem Zeitungsgebiet zeigten dieMosse,Ullstein,Sonnemann(Frankfurter Zeitung) ihre Tatkraft und schufen, trotzdem ihre Blätter als „verjudet“ verschrien wurden, gewaltige Betriebe.S. Fischerist der bedeutendste literarische Verleger,Reinhardt, derBühnentechniker, welcher dem modernen Theater reiche Impulse verlieh, ist gleichfalls Jude. AlsAntiquitätenhändler,Numismatiker, alsSammlerjeder Art haben die Juden den deutschen Ruf in der Welt mitbegründet.Besonders stark angefeindet wurden sie in der Wissenschaft. Um auf diesem Gebiete ihr Können einigermaßen zu belegen, müßten wir allein ein dickes Buch schreiben. Aber ein paar Beispiele dürfen wir wohl geben. So ist in der Medizin die Lehre dersexuellen Krankheitendurch drei Juden—Neisser,Ehrlich,Wassermann—in grandioser Weise gefördert worden. Neisser, der Entdecker des Gonokokkus, Wassermann, der feinsinnige Schaffer des luetischen Blutnachweises, und Ehrlich, welcher eine moderne Waffe gegen die Syphilis schmiedete. DieJuristen[pg 21] sprechen von den Begründern der deutschen Rechtswissenschaft, vonStaubundDernburgmit all der Hochachtung, die man diesen kaum vorenthalten dürfte. DieSprachwissenschaften(diedeutschez. B.vertreten durchMauthner) schätzen die jüdische Mitarbeit;Statistik,Nationalökonomie,Chemie3sind wieLiteratur,Musikund andere kulturelle Gebiete durch deutsche Juden befruchtet worden. AufSchachturnieren(Lasker, Steinitz, Zuckertort, Tarrasch), aber auch auf den olympischen Spielen, am Turf und auf gefahrvollen Expeditionen bewährten sich Juden.Emin Paschahieß einst Schnitzer, ein bedeutender Arabien-Forscher warGlaser, als einer der ersten wirkte in deutschen westafrikanischen Schutzgebieten und erlag dort der Malaria: Dr.Kaiser....Die antisemitische Bewegung, die vor dreißig Jahren gegen die Juden entstand, ist dadurch erklärlich, daß von den vielen hervorragenden Verdiensten deutscher Juden viel zu wenig bekannt wurde.Die politische Geschichte übergeht die Abstammung des ersten deutschen Reichstagspräsidenten von Simson, der seinem Könige mehrfach die Kaiserkrone antrug. Das damals als Musterländle gepriesene Baden hatte einen nicht einmal getauften Finanzminister: Ellinger.Das waren einzelne Personen, die ihr Bestes für das Werden des Reiches einsetzten. Schon in den 40er Jahren waren es jüdische Dichter in der Sturm- und Drangperiode, welche für Einheit und Fortschritt eintraten. Berthold Auerbach und Andere, deren Namen heute vergessen sind, mußten wegen ihrer Zugehörigkeit zu alldeutschen Burschenschaften [pg 22] hinter Kerkermauern dafür büßen, daß sie für ein geeintes Deutschland agitierten.Bedeutender zeigt sich aber die Mitwirkung jüdischer Elemente bei der Ausgestaltung des deutschenpolitischenLebens. Kein Volk der Welt hat ein so gut fundamentiertes Parlament, in dem so überzeugungstreue Parteien sitzen, die nicht nach Laune, nach persönlichen Vorteilen stimmen, sondern die—oft viel zu sehr—nach theoretischen Überlegungen und prinzipiellen Anschauungen den Fragen nähertreten. Kein Abgeordnetenhaus hat sozialer und menschlicher gearbeitet. An ihren Früchten kann man am besten nicht nur die Bäume, sondern auch die Parlamente erkennen. UnserekonservativePartei feiert als einen ihrer Mitbegründer Stahl; Lasker und Bamberger schufen dieliberalePartei; Marx und Lassalle standen an der Wiege derSozialdemokratie, die in Singer, Haase, Bernstein und Frank mit ihre besten Führer fand.Da wir noch keine Abhandlung über die jüdische Mitarbeit an der Entwicklung Deutschlands in der neuesten Zeit besitzen, so war es wohl nicht unangebracht, sie mit einigen Beispielen zu belegen. Ähnlich wieDeutschlandin derWelt, so machten sich dieJudeninDeutschland„unliebsam bemerkbar“.Der Umwelt erschienen einst die deutschen Waren als „billig und schlecht“, die aufblühende deutsche Flotte war den Engländern, die als handeltreibendes Seevolk ein Monopol anstrebten, eine freche Konkurrenz, die deutsche Beteiligung in der Weltpolitik kam den Engländern als Aufdringlichkeit vor, selbst wenn sie noch so zurückhaltend war.Dazu kamen noch historische Vorurteile, von welchen z.B. besonders die Franzosen nicht loskamen. Das Geschrei der Gasse umnebelte selbst intelligente Engländer, Franzosen, Italiener, Amerikaner, Rumänen, Russen. Auch in der neutralen Welt gibt es leider tüchtige Menschen, die [pg 23] sich alle Fabeln über die Unkultur der Deutschen, über die Eroberungssucht des Kaisers und seines Volkes zueigen machten.Geradeso hat man oft von den Juden gesprochen. Man hat sie des Mangels an Kultur und an Redlichkeit geziehen und all des Schlechten, was man den Deutschen heute nachsagt, beschuldigt. Wollten sie beim Militär Karriere machen, dann hinderte man sie daran; wenn daraufhin wieder Manche keine sonderliche Lust am Dienste hatten, hielt man es ihnen wieder vor. Wurden sie reich, dann erweckte das Eifersucht; war irgendwo ein unbedeutender Jude, dann wurde daraus der Schluß gezogen, daß der Jude überhaupt unfähig ist. Es ist wirklich überraschend, wie ähnlich das Eintreten Deutschlands in der großen Welt, und das Emporsteigen der Juden in Deutschland von der Außenwelt gewertet werden.Wir sehen es ja in unserer Zeit, wie nichts zu plump ist, um geglaubt zu werden, wenn ein Volk neidisch ist. An diesen Instinkt appellierten auch die Antisemiten. Der Jude, der die deutsche Sozialdemokratie mitschuf, soll an den Auswüchsen des Kapitalismus schuld sein, bloß weil findige Köpfe, wie die Tietz, Wertheim, Jandorf, Israel, den Fabrikbetrieb, das Maschinelle auch in den Kleinverkauf einführten und das Warenhaus schufen.4Und wie einstmals die Handweber die Fabriken stürmten und die Maschinen zertrümmerten, so kämpften die kleinbürgerlichen Kaufleute und Handwerker gegen die Riesenunternehmen, und verwechselten Person und Sache. Wer diese modernen Erfinder haßte, wurde Antisemit.Wie [pg 24]Deutschland in der Welt überall auf Neider stieß, so fand auch der Jude in Deutschland überall mißgünstige Seelen. Wie beschränkt diese waren, geht schon daraus hervor, daß sie durch den Antisemitismus alle sozialen Fragen und Schäden zu lösen glaubten.Die antisemitische Literatur ist zwar recht armselig, aber Deutschland hat das traurige Verdienst, diese „Wissenschaft“ in der Hauptsache geschaffen zu haben. Die anderen Länder, die sich vielfach viel länger und viel ungenierter in der Bedrückung ihrer lieben Juden überboten, bekamen leider von Deutschland neue Impulse. Die Pamphlete der Ahlwardts gingen in alle Welt und richteten außerhalb der schwarz-weiß-roten Grenzpfähle, besonders auch in Österreich, erschreckendes Unheil an. Noch vor kurzem hat der große Staat Rußland den Juden einen Ritualmordprozeß gemacht, nachdem vorher Österreich und Deutschland ihre Ritualmordhetze gehabt hatten. Noch schmachtet in österreichischen Kerkermauern ein wegen eines „Ritualmordes“,—wie alle Juristen beteuern, unschuldig—verurteilter armer Jude: Leopold Hilsner. Keine Lüge war den Antisemiten zu niedrig—man lese nur ihre Bücher—keiner ihrer Führer zu—bedenkenfrei. Meist waren sie recht dunkle Ehrenmänner. Aber das Gift, das sie verstreuten, trug dennoch eine reiche Saat. Ein Mann beteiligte sich dabei, dessen Schriften man nicht so ohne weiteres mit denen der anderen vergleichen darf: Houston Stewart Chamberlain. Chamberlain hat zwar neuerdings einiges Wasser in seinen Wein gegossen. Er hat erklärt, seine früheren Behauptungen gegenüber den deutschen Juden5nicht aufrecht zu erhalten. [pg 25] Chamberlain ist ein so maßloser Chauvinist, daß er selbst Christus als Germanen reklamieren zu müssen glaubte. Er, der noch vor kurzem allen Germanen, auch den Engländern, Lob sang, hat nun ein Pamphlet losgelassen, für das es kaum ein Wort der Entschuldigung gibt. Als geborener Engländer durfte er nie und nimmer in der Weise das Nest beschmutzen, dem er entstammte. Es gibt nichts Verächtlicheres, als wenn Renegaten dem Volke, dem sie entstammen, in solcher Weise seine Fehler vorhalten. Wenn sie, die die Schwächen am besten kennen, sie zusammenstellen, übertreiben und daraus ein Urteil fällen. Wenn wir nach der Methode Chamberlains dozieren wollten, müßten wir zu dem Schlusse kommen: Alle Engländer taugen nichts. Der Engländer ist so und so. Also ist auch Houston Stewart Chamberlain...So ähnlich wurde nämlich nach H. St. Chamberlain über den semitischen Geist, über den Juden im allgemeinen und im besonderen geurteilt, selbst wenn er—weit mehr als Chamberlain, der die deutsche Kultur erst seit einiger Zeit genossen hat—seitJahrhundertenAnteil an allen Gütern deutschen Geisteslebens genommen hatte.Nein, „der Jude“ in Deutschland war zum Teil tüchtig und fähig, zum Teil faul und indolent. Er war auf der einen Seite ein stiller Mann der Wissenschaft, der nach dem Muster des genialen Spinoza, Marx und vieler anderer, die ohne nach der Anerkennung der Öffentlichkeit zu lauern, in stillem Kämmerlein ihre Werke schufen.6Es gab aber auch Eintagsgrößen, die sich kaum von Charlatanen unterschieden. Maezene und Volksfreunde hat es unter den Juden gegeben, die ihr Vermögen dem Fortschritt hingaben, ohne daß es die Menge erfuhr. Keine ideale Bewegung existiert, die nicht [pg 26] an den Juden reiche Förderer hat: für Frauenrechte, für Kinderschutz, für die Waisen, Arbeitslosen, Blinden etc., die Bestrebungen für die Abstinenz, für Friedenspropaganda, für Vegetarismus, für alte Bühnenkünstler, für alle Künste,—der Jude hat seine Person, sein Ansehen und nicht zum mindesten sein Geld jederzeit guten und idealen Zwecken zur Verfügung gestellt.Der Jude, der so sehr für jeden sozialen Fortschritt zu haben war, der auf Grund alter historischer Gewohnheiten für den Ruhetag in der Arbeitswoche, für das Angestelltenrecht etc. eintrat, der sich stets für Freiheit einsetzte, wurde den Massen als Ausbeuter schlimmster Sorte, als soziales Hemmnis hingestellt. Vergeblich sein Eintreten für alle demokratischen Ideale, für individuelle Freiheit, für internationale Verständigung. Wie der wirtschaftliche Neid nicht nur den Blick trübt, sondern fast blind macht, sehen wir jetzt ja an den Engländern. Diese Gewaltsmacht, die so oft ganz real die Verhältnisse beurteilte, schilt die Deutschen Barbaren, während sie ihr Heer zusammensetzt und sich verbündet mit Hunderttausenden von Negern, Indiern, Zuaven, Tscherkessen, Kosaken, Kalmücken und allen schiffbrüchigen Existenzen der neuen und alten Welt. Dieses für Geld geworbene Analphabetengesindel soll das Vorkämpfertum der Kultur sein! Die Engländer, die am längsten den Sklavenhandel geduldet, nein gezüchtet hatten, die in Südafrika die Burenfrauen mordeten, in Ägypten die Verträge brachen und die Indier verhungern ließen, sind mit Recht als Heuchler an den Pranger gestellt worden. Bei den Franzosen geltenalleDeutschen als Boches, als Verbrecher und als Schweine....Dieser Weltkrieg, an dem 10 Millionen Juden beteiligt sind und schwere Opfer bringen, darf nicht vorübergehen, ohne daß das von Antisemiten getragene absprechende Urteil über sie in Acht und Bann getan wird. Ein Urteil, das ebenso unberechtigt ist wie das der Entente-Mächte über die Deutschen. [pg 27] Nicht nur, weil ein prächtiges Kaiserwort das gehässige Treiben der Rassen- und Religionsschnüffler für die Dauer des Krieges unterband, sondern weil Deutschland und die Welt einsehen muß, daß die Behauptung der Minderwertigkeit Andersgearteter allzuoft nur eine billige, überall gehandhabte Waffe desNeidesist.Und so unterstreichen wir nochmals die Tatsache:Daß der Jude am Gemeinwohl, am Fortschritt, an der Entwicklung Deutschlands freudig teilgenommen hat, kann kein objektiv denkender Mensch bestreiten. Ob er als Bürgermeister von Posen7oder als Stadtrat von Berlin8oder Frankfurt, oder im Ehrenamt, oder als Wähler einer Gemeinde seine Pflicht erfüllen konnte,—als der Abkömmling einer alten Kulturrasse interessierte ihn alles öffentliche Leben. Die Städte, in denen die Juden seit langem wohnen und eine gewichtige Stimme haben, sind nicht schlecht damit gefahren. Das reiche Frankfurt blüht, Nürnberg, Fürth entwickeln sich überaus rasch, Hamburg gedeiht.Die neueste Wissenschaft hat den Juden mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen.SombartsArbeiten zeigten die Bedeutung der Juden. Es ist ziemlich gleichgültig, ob die Juden Handel und Wandel in die Orte bringen, wohin sie kommen, oder ob sie ihn mit zur Blüte bringen. Jedenfalls ist dort Entwicklung, wo sie unbedrückt leben können.Außerdem hat eine ziemlich starke Verschmelzung des Adels mit der deutsch-jüdischen Geldaristokratie, die übrigens auch ca. 100 geadelte Familien zählt, stattgefunden. Ebenso ist in den besten bürgerlichen Kreisen vielfach eine Vermischung eingetreten. Solchen Familien entstammte z.B. Dernburg, der bekannte Kolonialpolitiker, Heyse, der Schriftsteller, [pg 28] der Admiral Bendemann, andere führende Männer sind mit Jüdinnen verheiratet.9

Die Judenfrage ist für Deutschland praktisch so wichtig, daß es sich gewiß verlohnt, darauf einzugehen. Prüfen wir zunächst einmal die Stellung der Juden Deutschlands und ihren Einfluß in diesem Lande.

Die Mitte des verflossenen Jahrhunderts hat nicht nur einen völligen Umsturz aller inner- und außenpolitischenVerhältnisse Deutschlands bedingt; die breiten Volksmassen erschütterte einsozialerUmschwung. Aus einem rein agrarischen Staate wuchs in wenigen Jahrzehnten [pg 14] eine gigantische Industrie heraus, welcher bald ein weltenumspannender Handel die Wege bahnte. Die Technik feierte rascher ihre Triumphe, als die Regierungsfürsorge und die von Organisationen getragene Selbsthilfe der Interessengruppen sich auf die Neukonstellationen einstellen konnten. Dadurch gerieten die Arbeiter stellenweise in die Gefahr, materiell und physisch ausgenutzt zu werden. Auf dem Lande hatte sich einst ein ähnlicher Prozeß, wodurch sich Latifundien bildeten, im Laufe der Jahrhunderte entwickelt. Die industriellen und kommerziellen Großunternehmungen aber kamen über Nacht. Erbarmungslos rang das Großkapital den Stand der kleinen Leute nieder. Dieser ökonomische Werdegang ging nicht ohne Gewalttat, ohne Härten ab, die den Trägern den Haß des in seiner Existenz erschütterten dritten Standes eintragen mußten.

Die Sozialdemokratie als die Zusammenfassung der Proletarier ist das naturnotwendige Produkt dieser Entwicklung. Der Antisemitismus ist die Konsequenz des Prozesses insofern, als sich diese Bewegung gegen die sichtbarsten Träger, gegen die Klasse von Menschen wandte, welche am geschicktesten die Macht des Kapitals auszunutzen wußten. Die erste Partei ist ein Versuch, derSacheselbst entgegenzutreten, die letztere kämpft gegenPersonen, die nebenbei in ihrer religiösen und rassigen Eigenart eine gute Zielscheibe boten.

Uns interessiert hier nicht, wie die Auswüchse des Kapitalismus oder der Kapitalismus selbst zu bekämpfen ist. Wir wollen nur der Frage nähertreten, wie der Antisemitismus des weiteren zu erklären ist, welches die Bedeutung der deutschen Judenheit gewesen ist, und ob wir anläßlich des Krieges den Juden einen mehr oder minder günstigen Einfluß auf die Wirtschaftsgestaltung Deutschlands einräumen können, um dann später auf den Einfluß der deutschen Juden und überhaupt auf den Krieg eingehen zu können. [pg 15]

Bis in die sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts strömte ein gut Teil der jüdischen Jugend Deutschlands nach den Vereinigten Staaten von Amerika, Südafrika, England, Frankreich etc. Teilweise war ihnen die volle Gewerbefreiheit (wie z.B. in Bayern bis 1864) vorenthalten gewesen. Die siebziger Jahre, die berühmten Gründerzeiten, bringen eine Hochflut von aus den Dörfern in die Städte strömenden Juden. Die jüdischen jungen Leute wandern nicht mehr in die Fremde, sondern wenden sich dem deutschen Handel, der Industrie, den akademischen Berufen, und vor allem den Großstädten zu. Das seit Jahrhunderten betätigte Wohnen in den Städten, bedingt durch Eigenart, aber auch durch das mittelalterliche Gesetz, das bis ins XIX. Jahrhundert hinein Geltung hatte, läßt sie allmählich in die größeren Städte abwandern, wo die Verdienstmöglichkeiten sich stetig vergrößern. Dazu trägt auch die antisemitische Ostmarkenpolitik bei, welche die Juden aus den Provinzen Posen, Ost- und Westpreußen vertreibt. Der Druck der Hakatisten, der wirtschaftliche und gesellschaftliche Boykott der evangelischen Deutschen den Juden im Osten gegenüber, läßt ihre Stellung zwischen Deutschtum und Polentum unhaltbar werden. Dazu kommen elementare Ausbrüche der von den Antisemiten bearbeiteten Volksschichten. Der „Ritualmord von Konitz“ ist eins dieser bezeichnenden Ereignisse. Fluchtartig verläßt der Jude diese Städte, deren Charakter durch seine Anwesenheit noch ein deutscher war, und überläßt den Platz den Polen.

Die neueren Schriften über das Ostmarkenproblem geben sämtlich zu, daß die durch die staatliche und gesellschaftliche antisemitische Politik bedingte Vertreibung der Ostmarkenjuden ein bedeutsamer Mißgriff war, der sich nach drei Seiten bemerkbar machte:

1. Für die Entwicklung dieser Städte, die durch den [pg 16] Verlust von Menschen, von Kapital und von unternehmungslustigen und fähigen Elementen gehemmt wurde.

2. Für die deutsche Sache. Der Wegzug von ca. 150 bis 200000 Juden aus den bedrohten Provinzen hat die deutsche Sache um so viel Anhänger ärmer gemacht.

3. Für den Staat. Der Jude der Ostmark (wie überhaupt in ganz Deutschland) war ein zuverlässiger Staatsbürger, auf den in jeder Zeit gerechnet werden konnte.

Organisationen über Organisationen erwuchsen aus dem reichen Boden der Gebiete rechts der Elbe. Deutsche und polnische Kleinbauern-Genossen­schaften, Vereine der Gutsbesitzer und Groß-Eigentümer, die zugleich die Zucker- und Spiritusfabrikation besaßen, politische Organisationen beider Sprachengemeinschaften, alle aber mit leicht antisemitischen Tendenzen, die durch den in Berlin geborenen Antisemitismus erst voll und ganz durchtränkt werden sollten. Was dagegen der Jude an Organisation entgegenstellte, war kaum der Rede wert. Er organisierte sich nicht wirtschaftlich, sondern verzichtete darauf, sich in einen Kampf einzulassen, in dem außer Regierung und Verwaltung auch die breite Masse des Volkes gegen ihn Stellung nahm, und verschwand in die Großstadt, wo er untertauchen konnte.1

Dadurch ist die unnatürliche plötzliche Überschwemmung der Hauptstädte mit Juden bedingt worden. Nicht nur die Jungen und Fähigen kamen; viele, die sich nicht mehr anzupassen wußten, schwemmte die Flut herein. Ältere Menschen, die überall anstießen, weil sie in dem neuen Beruf nicht mehr von der Pike auf dienen konnten. Neben einer großen Menge von Begabten und Energischen auch „Luftmenschen“, Bassermann'sche Gestalten, labile Charaktere. Aber was das junge Blut anlangt, so kann man leicht zeigen, daß es Deutschland zum Segen gereichte. [pg 17] Deutschland ist der große, kräftige und reiche Staat in hohem Maße auch durch die Mitarbeit derJudengeworden.

Bekannt ist deren Mitwirken an der finanziellen Entwicklung. Die Finanzgrößen, die die deutscheGeldwirtschaftund die Großbanken schufen, waren zum großen Teil Juden. Das Erstarken unserer finanziellen Kraft liegt in der glücklichen Ausgestaltung unserer Finanzinstitute. Die Banken sind nach Sombart eine jüdische Erfindung. Die Barone Oppenheim sind die Gründer der ersten, der Darmstädter Bank. Neben den Rothschild's ragen als Eisenbahnkönige einige jüdische Häuser wie die in Bayern nobilitierten Eichthal und die später in Preußen geadelten Fould's, später Dr. Strousberg und der Baron Hirsch hervor. Das Bankhaus Mendelsohn hat heute noch seine nahen Beziehungen zu den maßgebenden Stellen des Reiches, und der Chef der Firma Bleichröder ist der Öffentlichkeit populär geworden, weil er Bismarck zu der hohen französischen Kriegsentschädigung von 5 Milliarden in Gold zu bewegen wußte. Auch die modernen Finanzgrößen, die Leiter unserer wichtigsten Institute, zählen Juden an erster Stelle auf. Wir erinnern an die von Cohn, von Wassermann, Fürstenberg, Speyer-Ellissen, von Schwabach, Goldberger...

Die Arnold, Berliner und Deutsch sind Namen, welche in der neudeutschen Wirtschaftsgeschichte einen guten Klang besitzen. Hagen-Köln (früher Levy geheißen) war wohl einer der Männer, welcher in dem Aufsichtsrat der größten deutschen Gesellschaften den mächtigsten Einfluß besessen hat.

Juden haben in Hamburg dieStrumpfindustrie, in Fürth dasSpiegelglas, im posenschen dieSchnapsbrennereigroßgemacht. Wir treffen sie auch als Großindustrielle in derSeidenfabrikation.

Neben unseren vortrefflichen Geldinstituten haben uns vor allem unsere großzügigen Wollfirmen die Kriegführung [pg 18] erleichtert. Der deutscheWoll- und Baumwollmarktist von Juden geschaffen und auf die Höhe gebracht worden, die er heute einnimmt, wie wohl kein Kenner der Verhältnisse bestreiten wird. Unter den vielen Tüchtigen verdienen hier die Gebrüder Simon namentliche Erwähnung.

An den grandiosen Woll- und Baumwollhandel konnten sich die zahlreichen, vielfach jüdischen, Textilfabriken anlehnen. Die blühende deutscheKonfektionist quasi eine jüdische Domäne.

Daneben erinnere ich an den LeipzigerRauchmarkt. Wer die berühmte Pelzmesse kennt, weiß, daß jüdischer Fleiß und Erwerbsfreudigkeit hierin Deutschland eine erste Stelle in der Welt schuf. Die großen „Felljuden“, welche unsere Lederindustrie mit ausbauten (z.B. Adler-Oppenheimer), und dieStiefelkönigesind bekannt.

Den Neid aller Völker, den Stolz Deutschlands bedingte unsere so rasch, fast über Nacht zu grandioser Größe entwickelteHandelsflotte, die auch in Kriegszeiten dem Reiche ihre Dienste leiht. Der Schaffer der Hamburg-Amerika-Linie aber ist der viel genannteBallin. Seine Bedeutung für die Entwicklung Deutschlands wird einst die Geschichte zu würdigen haben.

Der Vater derelektrochemischenIndustrie war der jüngst verstorbene Rathenau, der Schöpfer der A.E.G. Sombart behauptet, daß auch die Siemens und Halske-Werke erst den Wettkampf um die Vormachtstellung der deutschen Industrie in aller Welt aufnehmen konnten, als der jüdische Direktor Berliner an leitende Stellung trat. Aber nicht nur in friedlichen Zeiten bedang die A.E.G. Deutschlands Ruhm und Größe. In unserm Kriege haben sie Bedeutendes geleistet, wenn es jetzt auch noch nicht Zeit ist, darauf näher einzugehen.

Viel geschmäht worden ist die Arbeit der Juden auf dem Gebiete derWaffen-undMunitionsfabriken. [pg 19] Wie vereinzelte Sozialdemokraten die Wichtigkeit der Kruppwerke und ihre vaterländische Rolle mißverstanden und vor der breitesten Öffentlichkeit verunglimpften, so wußte seinerzeit Ahlwardt den großenLöwekonzern zu verdächtigen. Aber die „Juden“flinten, die Maschinengewehre und alle die Waffen, welche unsere Heeresleitung von diesen Unternehmungen beziehen konnte, waren letzten Endes nicht bedeutungslos. Der Nur-als-Krämer und Schacherer verschriene Jude hat dem Reich zu Kriegsbeginn wertvolle Stätten zur Verfügung stellen können: Angefangen von dem reich überfüllten Wollmarkt, von den Handelsschiffen, welche die Flotte stützten, bis zu den Fabriken, die direkt oder indirekt dem Heere alle Mittel moderner Kriegsführung lieferten.

Wenn wir an die treue Mitarbeit jüdischer Firmen in derMaschinentechnikanknüpfen, dann dürfen wir als deutsche Unternehmungen von Weltgeltung herausgreifen dieOrenstein und KoppelA.G., (Kleinbahn- und Baggerfabrikanten), die MannheimerLadenburgs, die NürnbergerBings. Selbst Erzschürfungen (Hirsch und Beer-Sondheimer-Kupfer) werden von ihnen inauguriert. Caesar Wollheim, v. Friedländer-Fould sind in ‚Kohle‘ bekannt. Neben der Wichtigkeit des Materials und der Arbeitsstätten ist es Geheimrat Haber, der durch die künstliche Gewinnung des Stickstoffes erst die ganze deutsche Munitionserzeugung gewährleistete, und der (nach Davis Trietschs Broschüre, „Juden und Deutsche: Eine Sprach- und Interessen­gemeinschaft“2) jüdischen Eltern entstammt. Auf solche Köpfe kann die deutschechemischeWissenschaft stolz sein. Wie ja überhaupt die chemische Industrie Deutschlands Größe in der Welt mitgeschaffen hat. (Es sei u.a. auch des jüdischen chemischen IndustriellenGansgedacht, dessen Sohn übrigens auf dem Gebiete der Luftschiffahrt und der Ballontechnik Bedeutung hat.)

[pg 20]

Auch sonst wäre noch viel aufzuführen. Wir könnten manches über andere Wirtschaftskomplexe hier anfügen, so vom Tabakmarkt, von dem Sombart behauptet, daß Juden die Tabakindustrie in Deutschland einführten. Ebenso wie in der modernen Zigarren- und Zigarettenfabrikation halten Juden den Wettbewerb als Uhren-, Sekt- und Schokolade-Fabrikanten und als Getreideimporteure usw. usw.

Wir wollen nicht ermüden. Die Reichtümer, die einzelne Juden sich erwarben, waren nicht unverdient. Sie sind bedingt dadurch, daß Deutschlands Handel und Wandel zu der Größe geführt wurde, die den Neid der fremden Völker erregte, aber damit auch unserem Lande die Möglichkeit gab, auch auf dem wirtschaftlichen Felde den allgewaltigen Kampf gegen die Unmenge von Feinden so siegreich zu bestehen.

Auf dem Zeitungsgebiet zeigten dieMosse,Ullstein,Sonnemann(Frankfurter Zeitung) ihre Tatkraft und schufen, trotzdem ihre Blätter als „verjudet“ verschrien wurden, gewaltige Betriebe.S. Fischerist der bedeutendste literarische Verleger,Reinhardt, derBühnentechniker, welcher dem modernen Theater reiche Impulse verlieh, ist gleichfalls Jude. AlsAntiquitätenhändler,Numismatiker, alsSammlerjeder Art haben die Juden den deutschen Ruf in der Welt mitbegründet.

Besonders stark angefeindet wurden sie in der Wissenschaft. Um auf diesem Gebiete ihr Können einigermaßen zu belegen, müßten wir allein ein dickes Buch schreiben. Aber ein paar Beispiele dürfen wir wohl geben. So ist in der Medizin die Lehre dersexuellen Krankheitendurch drei Juden—Neisser,Ehrlich,Wassermann—in grandioser Weise gefördert worden. Neisser, der Entdecker des Gonokokkus, Wassermann, der feinsinnige Schaffer des luetischen Blutnachweises, und Ehrlich, welcher eine moderne Waffe gegen die Syphilis schmiedete. DieJuristen[pg 21] sprechen von den Begründern der deutschen Rechtswissenschaft, vonStaubundDernburgmit all der Hochachtung, die man diesen kaum vorenthalten dürfte. DieSprachwissenschaften(diedeutschez. B.vertreten durchMauthner) schätzen die jüdische Mitarbeit;Statistik,Nationalökonomie,Chemie3sind wieLiteratur,Musikund andere kulturelle Gebiete durch deutsche Juden befruchtet worden. AufSchachturnieren(Lasker, Steinitz, Zuckertort, Tarrasch), aber auch auf den olympischen Spielen, am Turf und auf gefahrvollen Expeditionen bewährten sich Juden.Emin Paschahieß einst Schnitzer, ein bedeutender Arabien-Forscher warGlaser, als einer der ersten wirkte in deutschen westafrikanischen Schutzgebieten und erlag dort der Malaria: Dr.Kaiser....

Die antisemitische Bewegung, die vor dreißig Jahren gegen die Juden entstand, ist dadurch erklärlich, daß von den vielen hervorragenden Verdiensten deutscher Juden viel zu wenig bekannt wurde.

Die politische Geschichte übergeht die Abstammung des ersten deutschen Reichstagspräsidenten von Simson, der seinem Könige mehrfach die Kaiserkrone antrug. Das damals als Musterländle gepriesene Baden hatte einen nicht einmal getauften Finanzminister: Ellinger.

Das waren einzelne Personen, die ihr Bestes für das Werden des Reiches einsetzten. Schon in den 40er Jahren waren es jüdische Dichter in der Sturm- und Drangperiode, welche für Einheit und Fortschritt eintraten. Berthold Auerbach und Andere, deren Namen heute vergessen sind, mußten wegen ihrer Zugehörigkeit zu alldeutschen Burschenschaften [pg 22] hinter Kerkermauern dafür büßen, daß sie für ein geeintes Deutschland agitierten.

Bedeutender zeigt sich aber die Mitwirkung jüdischer Elemente bei der Ausgestaltung des deutschenpolitischenLebens. Kein Volk der Welt hat ein so gut fundamentiertes Parlament, in dem so überzeugungstreue Parteien sitzen, die nicht nach Laune, nach persönlichen Vorteilen stimmen, sondern die—oft viel zu sehr—nach theoretischen Überlegungen und prinzipiellen Anschauungen den Fragen nähertreten. Kein Abgeordnetenhaus hat sozialer und menschlicher gearbeitet. An ihren Früchten kann man am besten nicht nur die Bäume, sondern auch die Parlamente erkennen. UnserekonservativePartei feiert als einen ihrer Mitbegründer Stahl; Lasker und Bamberger schufen dieliberalePartei; Marx und Lassalle standen an der Wiege derSozialdemokratie, die in Singer, Haase, Bernstein und Frank mit ihre besten Führer fand.

Da wir noch keine Abhandlung über die jüdische Mitarbeit an der Entwicklung Deutschlands in der neuesten Zeit besitzen, so war es wohl nicht unangebracht, sie mit einigen Beispielen zu belegen. Ähnlich wieDeutschlandin derWelt, so machten sich dieJudeninDeutschland„unliebsam bemerkbar“.

Der Umwelt erschienen einst die deutschen Waren als „billig und schlecht“, die aufblühende deutsche Flotte war den Engländern, die als handeltreibendes Seevolk ein Monopol anstrebten, eine freche Konkurrenz, die deutsche Beteiligung in der Weltpolitik kam den Engländern als Aufdringlichkeit vor, selbst wenn sie noch so zurückhaltend war.

Dazu kamen noch historische Vorurteile, von welchen z.B. besonders die Franzosen nicht loskamen. Das Geschrei der Gasse umnebelte selbst intelligente Engländer, Franzosen, Italiener, Amerikaner, Rumänen, Russen. Auch in der neutralen Welt gibt es leider tüchtige Menschen, die [pg 23] sich alle Fabeln über die Unkultur der Deutschen, über die Eroberungssucht des Kaisers und seines Volkes zueigen machten.

Geradeso hat man oft von den Juden gesprochen. Man hat sie des Mangels an Kultur und an Redlichkeit geziehen und all des Schlechten, was man den Deutschen heute nachsagt, beschuldigt. Wollten sie beim Militär Karriere machen, dann hinderte man sie daran; wenn daraufhin wieder Manche keine sonderliche Lust am Dienste hatten, hielt man es ihnen wieder vor. Wurden sie reich, dann erweckte das Eifersucht; war irgendwo ein unbedeutender Jude, dann wurde daraus der Schluß gezogen, daß der Jude überhaupt unfähig ist. Es ist wirklich überraschend, wie ähnlich das Eintreten Deutschlands in der großen Welt, und das Emporsteigen der Juden in Deutschland von der Außenwelt gewertet werden.

Wir sehen es ja in unserer Zeit, wie nichts zu plump ist, um geglaubt zu werden, wenn ein Volk neidisch ist. An diesen Instinkt appellierten auch die Antisemiten. Der Jude, der die deutsche Sozialdemokratie mitschuf, soll an den Auswüchsen des Kapitalismus schuld sein, bloß weil findige Köpfe, wie die Tietz, Wertheim, Jandorf, Israel, den Fabrikbetrieb, das Maschinelle auch in den Kleinverkauf einführten und das Warenhaus schufen.4Und wie einstmals die Handweber die Fabriken stürmten und die Maschinen zertrümmerten, so kämpften die kleinbürgerlichen Kaufleute und Handwerker gegen die Riesenunternehmen, und verwechselten Person und Sache. Wer diese modernen Erfinder haßte, wurde Antisemit.

Wie [pg 24]Deutschland in der Welt überall auf Neider stieß, so fand auch der Jude in Deutschland überall mißgünstige Seelen. Wie beschränkt diese waren, geht schon daraus hervor, daß sie durch den Antisemitismus alle sozialen Fragen und Schäden zu lösen glaubten.

Die antisemitische Literatur ist zwar recht armselig, aber Deutschland hat das traurige Verdienst, diese „Wissenschaft“ in der Hauptsache geschaffen zu haben. Die anderen Länder, die sich vielfach viel länger und viel ungenierter in der Bedrückung ihrer lieben Juden überboten, bekamen leider von Deutschland neue Impulse. Die Pamphlete der Ahlwardts gingen in alle Welt und richteten außerhalb der schwarz-weiß-roten Grenzpfähle, besonders auch in Österreich, erschreckendes Unheil an. Noch vor kurzem hat der große Staat Rußland den Juden einen Ritualmordprozeß gemacht, nachdem vorher Österreich und Deutschland ihre Ritualmordhetze gehabt hatten. Noch schmachtet in österreichischen Kerkermauern ein wegen eines „Ritualmordes“,—wie alle Juristen beteuern, unschuldig—verurteilter armer Jude: Leopold Hilsner. Keine Lüge war den Antisemiten zu niedrig—man lese nur ihre Bücher—keiner ihrer Führer zu—bedenkenfrei. Meist waren sie recht dunkle Ehrenmänner. Aber das Gift, das sie verstreuten, trug dennoch eine reiche Saat. Ein Mann beteiligte sich dabei, dessen Schriften man nicht so ohne weiteres mit denen der anderen vergleichen darf: Houston Stewart Chamberlain. Chamberlain hat zwar neuerdings einiges Wasser in seinen Wein gegossen. Er hat erklärt, seine früheren Behauptungen gegenüber den deutschen Juden5nicht aufrecht zu erhalten. [pg 25] Chamberlain ist ein so maßloser Chauvinist, daß er selbst Christus als Germanen reklamieren zu müssen glaubte. Er, der noch vor kurzem allen Germanen, auch den Engländern, Lob sang, hat nun ein Pamphlet losgelassen, für das es kaum ein Wort der Entschuldigung gibt. Als geborener Engländer durfte er nie und nimmer in der Weise das Nest beschmutzen, dem er entstammte. Es gibt nichts Verächtlicheres, als wenn Renegaten dem Volke, dem sie entstammen, in solcher Weise seine Fehler vorhalten. Wenn sie, die die Schwächen am besten kennen, sie zusammenstellen, übertreiben und daraus ein Urteil fällen. Wenn wir nach der Methode Chamberlains dozieren wollten, müßten wir zu dem Schlusse kommen: Alle Engländer taugen nichts. Der Engländer ist so und so. Also ist auch Houston Stewart Chamberlain...So ähnlich wurde nämlich nach H. St. Chamberlain über den semitischen Geist, über den Juden im allgemeinen und im besonderen geurteilt, selbst wenn er—weit mehr als Chamberlain, der die deutsche Kultur erst seit einiger Zeit genossen hat—seitJahrhundertenAnteil an allen Gütern deutschen Geisteslebens genommen hatte.

Nein, „der Jude“ in Deutschland war zum Teil tüchtig und fähig, zum Teil faul und indolent. Er war auf der einen Seite ein stiller Mann der Wissenschaft, der nach dem Muster des genialen Spinoza, Marx und vieler anderer, die ohne nach der Anerkennung der Öffentlichkeit zu lauern, in stillem Kämmerlein ihre Werke schufen.6Es gab aber auch Eintagsgrößen, die sich kaum von Charlatanen unterschieden. Maezene und Volksfreunde hat es unter den Juden gegeben, die ihr Vermögen dem Fortschritt hingaben, ohne daß es die Menge erfuhr. Keine ideale Bewegung existiert, die nicht [pg 26] an den Juden reiche Förderer hat: für Frauenrechte, für Kinderschutz, für die Waisen, Arbeitslosen, Blinden etc., die Bestrebungen für die Abstinenz, für Friedenspropaganda, für Vegetarismus, für alte Bühnenkünstler, für alle Künste,—der Jude hat seine Person, sein Ansehen und nicht zum mindesten sein Geld jederzeit guten und idealen Zwecken zur Verfügung gestellt.

Der Jude, der so sehr für jeden sozialen Fortschritt zu haben war, der auf Grund alter historischer Gewohnheiten für den Ruhetag in der Arbeitswoche, für das Angestelltenrecht etc. eintrat, der sich stets für Freiheit einsetzte, wurde den Massen als Ausbeuter schlimmster Sorte, als soziales Hemmnis hingestellt. Vergeblich sein Eintreten für alle demokratischen Ideale, für individuelle Freiheit, für internationale Verständigung. Wie der wirtschaftliche Neid nicht nur den Blick trübt, sondern fast blind macht, sehen wir jetzt ja an den Engländern. Diese Gewaltsmacht, die so oft ganz real die Verhältnisse beurteilte, schilt die Deutschen Barbaren, während sie ihr Heer zusammensetzt und sich verbündet mit Hunderttausenden von Negern, Indiern, Zuaven, Tscherkessen, Kosaken, Kalmücken und allen schiffbrüchigen Existenzen der neuen und alten Welt. Dieses für Geld geworbene Analphabetengesindel soll das Vorkämpfertum der Kultur sein! Die Engländer, die am längsten den Sklavenhandel geduldet, nein gezüchtet hatten, die in Südafrika die Burenfrauen mordeten, in Ägypten die Verträge brachen und die Indier verhungern ließen, sind mit Recht als Heuchler an den Pranger gestellt worden. Bei den Franzosen geltenalleDeutschen als Boches, als Verbrecher und als Schweine....Dieser Weltkrieg, an dem 10 Millionen Juden beteiligt sind und schwere Opfer bringen, darf nicht vorübergehen, ohne daß das von Antisemiten getragene absprechende Urteil über sie in Acht und Bann getan wird. Ein Urteil, das ebenso unberechtigt ist wie das der Entente-Mächte über die Deutschen. [pg 27] Nicht nur, weil ein prächtiges Kaiserwort das gehässige Treiben der Rassen- und Religionsschnüffler für die Dauer des Krieges unterband, sondern weil Deutschland und die Welt einsehen muß, daß die Behauptung der Minderwertigkeit Andersgearteter allzuoft nur eine billige, überall gehandhabte Waffe desNeidesist.

Und so unterstreichen wir nochmals die Tatsache:

Daß der Jude am Gemeinwohl, am Fortschritt, an der Entwicklung Deutschlands freudig teilgenommen hat, kann kein objektiv denkender Mensch bestreiten. Ob er als Bürgermeister von Posen7oder als Stadtrat von Berlin8oder Frankfurt, oder im Ehrenamt, oder als Wähler einer Gemeinde seine Pflicht erfüllen konnte,—als der Abkömmling einer alten Kulturrasse interessierte ihn alles öffentliche Leben. Die Städte, in denen die Juden seit langem wohnen und eine gewichtige Stimme haben, sind nicht schlecht damit gefahren. Das reiche Frankfurt blüht, Nürnberg, Fürth entwickeln sich überaus rasch, Hamburg gedeiht.

Die neueste Wissenschaft hat den Juden mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen.SombartsArbeiten zeigten die Bedeutung der Juden. Es ist ziemlich gleichgültig, ob die Juden Handel und Wandel in die Orte bringen, wohin sie kommen, oder ob sie ihn mit zur Blüte bringen. Jedenfalls ist dort Entwicklung, wo sie unbedrückt leben können.

Außerdem hat eine ziemlich starke Verschmelzung des Adels mit der deutsch-jüdischen Geldaristokratie, die übrigens auch ca. 100 geadelte Familien zählt, stattgefunden. Ebenso ist in den besten bürgerlichen Kreisen vielfach eine Vermischung eingetreten. Solchen Familien entstammte z.B. Dernburg, der bekannte Kolonialpolitiker, Heyse, der Schriftsteller, [pg 28] der Admiral Bendemann, andere führende Männer sind mit Jüdinnen verheiratet.9

Die Juden im Kriege.Obwohl nachweislich viele jüdische Burschenschafter für das schwarz-rot-goldene Band gekämpft und gelitten hatten, obwohl in der Mitte des 19. Jahrhunderts einzelne jüdische Burschenschafter an der Spitze der Verbindungen standen, erklärte 50 Jahre später der Weidhofener Verband der deutsch-österreichischen Burschenschaften alle Juden insgesamt für jeder Ehre bar und verweigerte jedem Juden die Satisfaktion, also auch denen, die bis kurz vorher als alte Herren dem Verband angehört hatten. Dieselbe Überhebung, die ein anderer großer studentischer Verband zeigte, als er Naumann und andere höchst ehrenwerte deutsche Politiker wegen ‚sozialistischer‘ Tendenzen ausstieß, veranlaßte geistesverwandte junge Leute, die Juden in Bausch und Bogen zu verdammen. Semper aliquid haeret. Noch hinkt die Verleumdung, die Beschmutzung, die Verdächtigung uns nach. Auch dem jüdischen Soldaten.Der Jude hat sich als Soldat bewährt. In allen Kämpfen der letzten Jahre haben sich Juden bewährt. Die Bulgaren und Türken haben sie im vorletzten Krieg vielfach gerühmt. Selbst im antisemitischen Rumänien ist ein jüdischer Oberst (Brociner), der sich im Krieg 1878 auszeichnete, der Kommandeur der Leibgarde und des Königl. Schlosses. In Österreich sind Juden kommandierende Generale, in Italien war [pg 29] der frühere Kriegsminister Ottolenghi Jude und schon Napoleon hatte jüdische Heerführer.In den deutschen Freiheitskämpfen gab es viele freiwillige jüdische Vaterlandsverteidiger, einige erhielten auch den Offiziersrang. Auch später konnten Juden, hauptsächlich anno 1870, Offiziere werden; aktive Offiziere standen nur in Bayern, ungetaufte Juden waren hier hauptsächlich Reserveoffiziere und aktive Militärärzte, ein Jude brachte es einige Jahre vor dem Kriege bis zum Major.10Im Kriege stellten sich nun erfreulicherweise viele Kommandeure auf den Standpunkt, den einmal der leider auf dem Felde gefallene Hauptmann von Treskow also präzisierte: „Wenn wir die Juden prinzipiell nicht befördern, dürften wir ihre Dienste auch nicht in Anspruch nehmen“. Nach Schätzungen werden jetzt über 900 Juden als Offiziere, ungerechnet die Militärärzte, im Felde stehen. Viele sind wegen besonderer Tüchtigkeit befördert worden, das „Hamburger Israel. Familienblatt“ stellte schon über 20 Träger des Eisernen Kreuzes I. Klasse fest (z.B. der Flieger Frankl, der Reichstagsabgeordnete Haas), darunter waren alle Waffengattungen vertreten. Auch bei der Marine und in den [pg 30] Schutztruppen haben sie sich ausgezeichnet. Nach dem Kriege werden die Ziffern insgesamt zur Verfügung stehen. Das in Breslau erscheinende „Jüdische Volksblatt“ hat die Namen veröffentlicht, die bestimmt dem Judentum angehören. Darnach haben bis zum Herbst 1915 knapp 5000 Juden (also fast 1% der gesamten deutschen Judenheit!) das Eiserne Kreuz erhalten, von über 3000 Juden konnte namentlich festgestellt werden, daß sie den Heldentod fürs Vaterland gefunden. Leider kann diese wöchentliche Zusammenstellung nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Da die jüdische Jugend, soweit sie nicht gedient hatte, gleich zu Beginn des Feldzuges freiwillig in großer Zahl (—es wäre sehr interessant, wenn die Heeresverwaltung diese Ziffer veröffentlichen würde—) sich stellte, sind die Verluste sehr stark.11In allen jüdischen Jugendvereinen wird diese Tatsache festgestellt. So ist z.B. in der jüdischen Turnerschaft eine Kriegssterblichkeit, die sich in den einzelnen Untervereinen bis 33% derMannschaften(wie z.B. bei dem Ruderklub ‚Ivria‘) stellt. Die meisten Turn- und Sportvereine der jüdischen Turnerschaft mußten zu Beginn des Krieges ihren Betrieb aufgeben, da alle Mitglieder zu den Fahnen eilten.Die Mitglieder der jüdischen studentischen Verbindungen stellten gleichfalls viele Freiwillige. Von den 2000 Mitgliedern des K. C. (Kartellkonvent) und des K. J. V. (Kartell jüdischer Verbindungen) rückten fast alle aus; ein Drittel davon als Kriegsfreiwillige. Sehr zahlreich war auch die Beteiligung freiwilliger jüdischer Ärzte. Nach einer Statistik beträgt die Verlustliste bei den jüdischen Ärzten schon über Hundert. Auch der jüdische Arzt hat an der Front und im Seuchenlazarett seinen Posten ausgefüllt.[pg 31]Der tapfere jüdische Soldat und Offizier verschwindet oft in der Menge. So glaubte man z.B. allgemein nicht, daß der einzige Soldat, der bei meinem Regiment das Eiserne Kreuz I. Klasse im Jahre 1914 besaß, ein Jude war (der später als Leutnant gefallene Gottfried Sender, Lehrer an einer jüdischen Mittelschule, welcher es im Frieden knapp bis zum Gefreiten bringen konnte). Vielfach ist aber die Tüchtigkeit des jüdischen Vorgesetzten und Soldaten von hohen Offizieren anerkannt worden. Exempla docent. Die überaus große Zahl von Beförderungen, Dekorationen etc., über die sich jeder, namentlich z.B. im „Hamburger Israelitischen Familienblatt“ informieren kann, gibt die beste Gewähr. Der österreichische Thronfolger hat oftmals Gelegenheit genommen, sich dahin auszusprechen, daß der persönliche Mut und die Zuverlässigkeit des jüdischen Soldaten durch diesen Krieg aufs neue bewiesen wurden.12Ebenso wie der sozialdemokratische wurde auch der jüdische Soldat endlich einmal von den Meisten vorurteilsfrei betrachtet und bewertet. Natürlich gibt es auch Fälle, [pg 32] wo sich Vorgesetzte noch nicht in den Gedanken der Gleichwertigkeit „solcher Elemente“ hineinleben konnten.Die ungeheure sozialdemokratische Begeisterung ist nicht zuletzt das Produkt der so oft geschmähten „inter“-nationalen Denkweise jüdischer Führer, mit der man früher alles Unrecht gegen Juden deckte und erklärte. Die Führer haben ihren Patriotismus nicht nur durch billige Phrasen dokumentiert, sie sind nicht wie andere Sozialistenführer à la Vandervelde als Wanderredner durch die Lande gefahren, um die Menschen aufzuwiegeln, haben à la Hervé billige blutrünstige Artikel geschrieben oder sich als Leutnants, wie D'Annunzio, zu Hause wichtig gemacht. Der JudeLudwig Frank13,vielleichtder fähigste Kopf in der sozialdemokratischen Partei, trat als einfacher Soldat in Reih und Glied und fiel—wie er es wünschte—als ein einfaches, aber schönes Beispiel treuer Vaterlandsliebe.Aber nun kam, was nicht kommen durfte. Man hat in vielen Zeitungen über den Mannheimer, über den Rechtsanwalt, über den Sozialdemokraten Frank geschrieben. Man hat bewiesen, daß ein Sozialdemokrat patriotisch sein könne. Daß er aber ein Jude war, diese Tatsache wurde nach Möglichkeit verschwiegen.—Nicht zum Beweis der Tapferkeit und der Vaterlandsliebe wollen wir Frank als Juden registrieren. Es liegt eigentlich eine unglaubliche Verworfenheit des Charakters vor, wenn jemand von einer kulturell so [pg 33] hochstehenden Rasse wie der jüdischen, von der Tausende im öffentlichen Leben wirken, welche alle Kulturstätten deutscher und anderer Bildung genossen haben, annehmen könnte, daß Mannesehre und Würde bei ihnen nicht zu finden wäre.Daß man bei allen Nachrufen aber sichtlich vergessen wollte, zu erwähnen, daß der erste deutsche Volksführer, welcher mit seinem Tode die Treue zur Heimat und zum Staate besiegelte, ein Jude war, ist keine erfreuliche Erscheinung.14Ebensowenig wie die Tatsache, daß die Dichter [pg 34] des großen Krieges, die zuerst verwendet wurden und starben, Juden waren. Wir nennen nurZuckermann, der das wundersame österreichische Reiterlied empfand, undHeymann, den jungen Königsberger Lyriker, sowie den Schlesier GeorgHecht. Man hat so oft über die billige Poesie, wie sie Literaten hinterm Schreibtisch gewinnsüchtig betreiben, gespottet. Zuckermann, Heymann, Georg Hecht.Ich kannte die glühende Begeisterung, die sie mit dem Leben zahlten.Wie aber war die Haltung der jüdischen Bevölkerung vor dem Ausbruch des Krieges? Die Juden haben sich in allem überaus würdig benommen. Daß sie als Kaufleute und Bankiers usw. nicht wie die Militärs beständig sich um die Militärangelegenheiten bekümmerten, ist selbstverständlich. Das berühmte „jüdischeinternationaleGroßkapital“, von dem soviel gefabelt wird, ist nie in Aktion getreten. Die jüdischen Bankiers und die jüdischen Kaufleute benahmen sich nicht anders wie die andern Schichten der Bevölkerung. Ruhig und ernst, wie es der Situation entsprach, als ihre Söhne entweder freiwillig oder als Militärpflichtige hinauszogen. Reiche Gaben und Spenden flossen allen Instituten von ihnen zu. Und was in der Heimat geleistet werden konnte, wurde getan. Männer wie Ballin, Rathenau, Riesser ruhten im Kriege nicht. Es ist noch nicht die Zeit, ihrer Verdienste für die Volksernährung, für die Munitionsergänzungund anderer Dinge zu gedenken.15Die deutschen Juden hatten schon in Friedenszeiten eine zu geringe Vermehrung. Zu viele blieben aus wirtschaftlichen Gründen oder aus Laune Junggesellen; die vielen Spätehen der akademischen Kreise und der Kaufleute bedingten einen hohen Prozentsatz kinderloser Ehen. Die, die Kinder haben, begnügen sich mit zweien. Auf die deutsche Judenheit, welche eine geringere Geburtenziffer als die Franzosen hat, wird der Krieg eine unheilvolle Bedeutung haben. Er rächt die Beschränkung der Kinderzahl.Die durch Taufe und Mischehe und Kinderlosigkeit geschwächte deutsche Judenheit weiß, daß dieses elementare Ereignis ihre Reihen noch mehr lichten wird. Alte Familien werden durch den Krieg erlöschen, die deutsche Judenheit wird unendlich geschwächt und in ihrer Existenz erschüttert aus dem Kriege hervorgehen.Die jüdische Jugend zahlte gern die Teilnahme an der deutschen Kulturgemeinschaft mit dem Tode.[image][pg 36]

Obwohl nachweislich viele jüdische Burschenschafter für das schwarz-rot-goldene Band gekämpft und gelitten hatten, obwohl in der Mitte des 19. Jahrhunderts einzelne jüdische Burschenschafter an der Spitze der Verbindungen standen, erklärte 50 Jahre später der Weidhofener Verband der deutsch-österreichischen Burschenschaften alle Juden insgesamt für jeder Ehre bar und verweigerte jedem Juden die Satisfaktion, also auch denen, die bis kurz vorher als alte Herren dem Verband angehört hatten. Dieselbe Überhebung, die ein anderer großer studentischer Verband zeigte, als er Naumann und andere höchst ehrenwerte deutsche Politiker wegen ‚sozialistischer‘ Tendenzen ausstieß, veranlaßte geistesverwandte junge Leute, die Juden in Bausch und Bogen zu verdammen. Semper aliquid haeret. Noch hinkt die Verleumdung, die Beschmutzung, die Verdächtigung uns nach. Auch dem jüdischen Soldaten.

Der Jude hat sich als Soldat bewährt. In allen Kämpfen der letzten Jahre haben sich Juden bewährt. Die Bulgaren und Türken haben sie im vorletzten Krieg vielfach gerühmt. Selbst im antisemitischen Rumänien ist ein jüdischer Oberst (Brociner), der sich im Krieg 1878 auszeichnete, der Kommandeur der Leibgarde und des Königl. Schlosses. In Österreich sind Juden kommandierende Generale, in Italien war [pg 29] der frühere Kriegsminister Ottolenghi Jude und schon Napoleon hatte jüdische Heerführer.

In den deutschen Freiheitskämpfen gab es viele freiwillige jüdische Vaterlandsverteidiger, einige erhielten auch den Offiziersrang. Auch später konnten Juden, hauptsächlich anno 1870, Offiziere werden; aktive Offiziere standen nur in Bayern, ungetaufte Juden waren hier hauptsächlich Reserveoffiziere und aktive Militärärzte, ein Jude brachte es einige Jahre vor dem Kriege bis zum Major.10

Im Kriege stellten sich nun erfreulicherweise viele Kommandeure auf den Standpunkt, den einmal der leider auf dem Felde gefallene Hauptmann von Treskow also präzisierte: „Wenn wir die Juden prinzipiell nicht befördern, dürften wir ihre Dienste auch nicht in Anspruch nehmen“. Nach Schätzungen werden jetzt über 900 Juden als Offiziere, ungerechnet die Militärärzte, im Felde stehen. Viele sind wegen besonderer Tüchtigkeit befördert worden, das „Hamburger Israel. Familienblatt“ stellte schon über 20 Träger des Eisernen Kreuzes I. Klasse fest (z.B. der Flieger Frankl, der Reichstagsabgeordnete Haas), darunter waren alle Waffengattungen vertreten. Auch bei der Marine und in den [pg 30] Schutztruppen haben sie sich ausgezeichnet. Nach dem Kriege werden die Ziffern insgesamt zur Verfügung stehen. Das in Breslau erscheinende „Jüdische Volksblatt“ hat die Namen veröffentlicht, die bestimmt dem Judentum angehören. Darnach haben bis zum Herbst 1915 knapp 5000 Juden (also fast 1% der gesamten deutschen Judenheit!) das Eiserne Kreuz erhalten, von über 3000 Juden konnte namentlich festgestellt werden, daß sie den Heldentod fürs Vaterland gefunden. Leider kann diese wöchentliche Zusammenstellung nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Da die jüdische Jugend, soweit sie nicht gedient hatte, gleich zu Beginn des Feldzuges freiwillig in großer Zahl (—es wäre sehr interessant, wenn die Heeresverwaltung diese Ziffer veröffentlichen würde—) sich stellte, sind die Verluste sehr stark.11In allen jüdischen Jugendvereinen wird diese Tatsache festgestellt. So ist z.B. in der jüdischen Turnerschaft eine Kriegssterblichkeit, die sich in den einzelnen Untervereinen bis 33% derMannschaften(wie z.B. bei dem Ruderklub ‚Ivria‘) stellt. Die meisten Turn- und Sportvereine der jüdischen Turnerschaft mußten zu Beginn des Krieges ihren Betrieb aufgeben, da alle Mitglieder zu den Fahnen eilten.

Die Mitglieder der jüdischen studentischen Verbindungen stellten gleichfalls viele Freiwillige. Von den 2000 Mitgliedern des K. C. (Kartellkonvent) und des K. J. V. (Kartell jüdischer Verbindungen) rückten fast alle aus; ein Drittel davon als Kriegsfreiwillige. Sehr zahlreich war auch die Beteiligung freiwilliger jüdischer Ärzte. Nach einer Statistik beträgt die Verlustliste bei den jüdischen Ärzten schon über Hundert. Auch der jüdische Arzt hat an der Front und im Seuchenlazarett seinen Posten ausgefüllt.

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Der tapfere jüdische Soldat und Offizier verschwindet oft in der Menge. So glaubte man z.B. allgemein nicht, daß der einzige Soldat, der bei meinem Regiment das Eiserne Kreuz I. Klasse im Jahre 1914 besaß, ein Jude war (der später als Leutnant gefallene Gottfried Sender, Lehrer an einer jüdischen Mittelschule, welcher es im Frieden knapp bis zum Gefreiten bringen konnte). Vielfach ist aber die Tüchtigkeit des jüdischen Vorgesetzten und Soldaten von hohen Offizieren anerkannt worden. Exempla docent. Die überaus große Zahl von Beförderungen, Dekorationen etc., über die sich jeder, namentlich z.B. im „Hamburger Israelitischen Familienblatt“ informieren kann, gibt die beste Gewähr. Der österreichische Thronfolger hat oftmals Gelegenheit genommen, sich dahin auszusprechen, daß der persönliche Mut und die Zuverlässigkeit des jüdischen Soldaten durch diesen Krieg aufs neue bewiesen wurden.12

Ebenso wie der sozialdemokratische wurde auch der jüdische Soldat endlich einmal von den Meisten vorurteilsfrei betrachtet und bewertet. Natürlich gibt es auch Fälle, [pg 32] wo sich Vorgesetzte noch nicht in den Gedanken der Gleichwertigkeit „solcher Elemente“ hineinleben konnten.

Die ungeheure sozialdemokratische Begeisterung ist nicht zuletzt das Produkt der so oft geschmähten „inter“-nationalen Denkweise jüdischer Führer, mit der man früher alles Unrecht gegen Juden deckte und erklärte. Die Führer haben ihren Patriotismus nicht nur durch billige Phrasen dokumentiert, sie sind nicht wie andere Sozialistenführer à la Vandervelde als Wanderredner durch die Lande gefahren, um die Menschen aufzuwiegeln, haben à la Hervé billige blutrünstige Artikel geschrieben oder sich als Leutnants, wie D'Annunzio, zu Hause wichtig gemacht. Der JudeLudwig Frank13,vielleichtder fähigste Kopf in der sozialdemokratischen Partei, trat als einfacher Soldat in Reih und Glied und fiel—wie er es wünschte—als ein einfaches, aber schönes Beispiel treuer Vaterlandsliebe.

Aber nun kam, was nicht kommen durfte. Man hat in vielen Zeitungen über den Mannheimer, über den Rechtsanwalt, über den Sozialdemokraten Frank geschrieben. Man hat bewiesen, daß ein Sozialdemokrat patriotisch sein könne. Daß er aber ein Jude war, diese Tatsache wurde nach Möglichkeit verschwiegen.—Nicht zum Beweis der Tapferkeit und der Vaterlandsliebe wollen wir Frank als Juden registrieren. Es liegt eigentlich eine unglaubliche Verworfenheit des Charakters vor, wenn jemand von einer kulturell so [pg 33] hochstehenden Rasse wie der jüdischen, von der Tausende im öffentlichen Leben wirken, welche alle Kulturstätten deutscher und anderer Bildung genossen haben, annehmen könnte, daß Mannesehre und Würde bei ihnen nicht zu finden wäre.

Daß man bei allen Nachrufen aber sichtlich vergessen wollte, zu erwähnen, daß der erste deutsche Volksführer, welcher mit seinem Tode die Treue zur Heimat und zum Staate besiegelte, ein Jude war, ist keine erfreuliche Erscheinung.14Ebensowenig wie die Tatsache, daß die Dichter [pg 34] des großen Krieges, die zuerst verwendet wurden und starben, Juden waren. Wir nennen nurZuckermann, der das wundersame österreichische Reiterlied empfand, undHeymann, den jungen Königsberger Lyriker, sowie den Schlesier GeorgHecht. Man hat so oft über die billige Poesie, wie sie Literaten hinterm Schreibtisch gewinnsüchtig betreiben, gespottet. Zuckermann, Heymann, Georg Hecht.Ich kannte die glühende Begeisterung, die sie mit dem Leben zahlten.

Wie aber war die Haltung der jüdischen Bevölkerung vor dem Ausbruch des Krieges? Die Juden haben sich in allem überaus würdig benommen. Daß sie als Kaufleute und Bankiers usw. nicht wie die Militärs beständig sich um die Militärangelegenheiten bekümmerten, ist selbstverständlich. Das berühmte „jüdischeinternationaleGroßkapital“, von dem soviel gefabelt wird, ist nie in Aktion getreten. Die jüdischen Bankiers und die jüdischen Kaufleute benahmen sich nicht anders wie die andern Schichten der Bevölkerung. Ruhig und ernst, wie es der Situation entsprach, als ihre Söhne entweder freiwillig oder als Militärpflichtige hinauszogen. Reiche Gaben und Spenden flossen allen Instituten von ihnen zu. Und was in der Heimat geleistet werden konnte, wurde getan. Männer wie Ballin, Rathenau, Riesser ruhten im Kriege nicht. Es ist noch nicht die Zeit, ihrer Verdienste für die Volksernährung, für die Munitionsergänzungund anderer Dinge zu gedenken.15

Die deutschen Juden hatten schon in Friedenszeiten eine zu geringe Vermehrung. Zu viele blieben aus wirtschaftlichen Gründen oder aus Laune Junggesellen; die vielen Spätehen der akademischen Kreise und der Kaufleute bedingten einen hohen Prozentsatz kinderloser Ehen. Die, die Kinder haben, begnügen sich mit zweien. Auf die deutsche Judenheit, welche eine geringere Geburtenziffer als die Franzosen hat, wird der Krieg eine unheilvolle Bedeutung haben. Er rächt die Beschränkung der Kinderzahl.

Die durch Taufe und Mischehe und Kinderlosigkeit geschwächte deutsche Judenheit weiß, daß dieses elementare Ereignis ihre Reihen noch mehr lichten wird. Alte Familien werden durch den Krieg erlöschen, die deutsche Judenheit wird unendlich geschwächt und in ihrer Existenz erschüttert aus dem Kriege hervorgehen.

Die jüdische Jugend zahlte gern die Teilnahme an der deutschen Kulturgemeinschaft mit dem Tode.

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