Ein festlich ausgeschmückter Saal, die Säulen sind mit Festons umwunden, hinter der Szene Flöten und Hoboen
Erster Auftritt
JOHANNA. Die Waffen ruhn, des Krieges Stürme schweigen,Auf blutge Schlachten folgt Gesang und Tanz,Durch alle Straßen tönt der muntre Reigen,Altar und Kirche prangt in Festes Glanz,Und Pforten bauen sich aus grünen Zweigen,Und um die Säule windet sich der Kranz,Das weite Reims faßt nicht die Zahl der Gäste,Die wallend strömen zu dem Völkerfeste.
Und einer Freude Hochgefühl entbrennet,Und ein Gedanke schlägt in jeder Brust,Was sich noch jüngst in blutgem Haß getrennet,Das teilt entzückt die allgemeine Lust,Wer nur zum Stamm der Franken sich bekennet,Der ist des Namens stolzer sich bewußt,Erneuert ist der Glanz der alten Krone,Und Frankreich huldigt seinem Königssohne.
Doch mich, die all dies Herrliche vollendet,Mich rührt es nicht, das allgemeine Glück,Mir ist das Herz verwandelt und gewendet,Es flieht von dieser Festlichkeit zurück,Ins britsche Lager ist es hingewendet,Hinüber zu dem Feinde schweift der Blick,Und aus der Freude Kreis muß ich mich stehlen,Die schwere Schuld des Busens zu verhehlen.
Wer? Ich? Ich eines Mannes BildIn meinem reinen Busen tragen?Dies Herz, von Himmels Glanz erfüllt,Darf einer irdschen Liebe schlagen?Ich meines Landes Retterin,Des höchsten Gottes Kriegerin,Für meines Landes Feind entbrennen!Darf ichs der keuschen Sonne nennen,Und mich vernichtet nicht die Scham!
(Die Musik hinter der Szene geht in eine weich schmelzendeMelodie über)
Wehe! Weh mir! Welche Töne!Wie verführen sie mein Ohr!Jeder ruft mir seine Stimme,Zaubert mir sein Bild hervor!
Daß der Sturm der Schlacht mich faßte.Speere sausend mich umtöntenIn des heißen Streites Wut!Wieder fänd ich meinen Mut!
Diese Stimmen, diese Töne,Wie umstricken sie mein Herz,Jede Kraft in meinem BusenLösen sie in weichem Sehnen,Schmelzen sie in Wehmuts-Tränen!
(Nach einer Pause lebhafter)
Sollt ich ihn töten? Konnt ichs, da ich ihmIns Auge sah? Ihn töten! Eher hätt ichDen Mordstahl auf die eigne Brust gezückt!Und bin ich strafbar, weil ich menschlich war?Ist Mitleid Sünde?—Mitleid! Hörtest duDes Mitleids Stimme und der MenschlichkeitAuch bei den andern, die dein Schwert geopfert?Warum verstummte sie, als der Walliser dich,Der zarte Jüngling um sein Leben flehte?Arglistig Herz! Du lügst dem ewgen Licht,Dich trieb des Mitleids fromme Stimme nicht!
Warum mußt ich ihm in die Augen sehn!Die Züge schaun des edeln Angesichts!Mit deinem Blick fing dein Verbrechen an,Unglückliche! Ein blindes Werkzeug fodert Gott,Mit blinden Augen mußtest dus vollbringen!Sobald du sahst, verließ dich Gottes Schild,Ergriffen dich der Hölle Schlingen!(Die Flöten wiederholen, sie versinkt in eine stille Wehmut )
Frommer Stab! O hätt ich nimmerMit dem Schwerte dich vertauscht!Hätt es nie in deinen Zweigen,Heilge Eiche! mir gerauscht!Wärst du nimmer mir erschienen,Hohe Himmelskönigin!Nimm, ich kann sie nicht verdienen,Deine Krone, nimm sie hin!
Ach, ich sah den Himmel offenUnd der Selgen Angesicht!Doch auf Erden ist mein Hoffen,Und im Himmel ist es nicht!Mußtest du ihn auf mich ladenDiesen furchtbaren Beruf,Konnt ich dieses Herz verhärten,Das der Himmel fühlend schuf!
Willst du deine Macht verkünden,Wähle sie, die frei von SündenStehn in deinem ewgen Haus,Deine Geister sende aus,Die Unsterblichen, die Reinen,Die nicht fühlen, die nicht weinen!Nicht die zarte Jungfrau wähle,Nicht der Hirtin weiche Seele!
Kümmert mich das Los der Schlachten,Mich der Zwist der Könige?Schuldlos trieb ich meine LämmerAuf des stillen Berges Höh.Doch du rissest mich ins Leben,In den stolzen Fürstensaal,Mich der Schuld dahinzugeben,Ach! es war nicht meine Wahl!
Zweiter Auftritt
Agnes Sorel. Johanna
SOREL (kommt in lebhafter Rührung, wie sie die Jungfrau erblickt, eilt sie auf sie zu und fällt ihr um den Hals; plötzlich besinnt sie sich, läßt sie los und fällt vor ihr nieder). Nein! Nicht so! Hier im Staub vor dir—
JOHANNA (will sie aufheben). Steh auf!Was ist dir? Du vergissest dich und mich.
SOREL. Laß mich! Es ist der Freude Drang, der michZu deinen Füßen niederwirft—ich mußMein überwallend Herz vor Gott ergießen,Den Unsichtbaren bet ich an in dir.Du bist der Engel, der mir meinen HerrnNach Reims geführt und mit der Krone schmückt.Was ich zu sehen nie geträumt, es istErfüllt! Der Krönungszug bereitet sich,Der König steht im festlichen Ornat,Versammelt sind die Pairs, die MächtigenDer Krone, die Insignien zu tragen,Zur Kathedrale wallend strömt das Volk,Es schallt der Reigen und die Glocken tönen,O dieses Glückes Fülle trag ich nicht!(Johanna hebt sie sanft in die Höhe. Agnes Sorel hält einenAugenblick inne, indem sie der Jungfrau näher ins Auge sieht)Doch du bleibst immer ernst und streng, du kannstDas Glück erschaffen, doch du teilst es nicht.Dein Herz ist kalt, du fühlst nicht unsre Freuden,Du hast der Himmel Herrlichkeit gesehn,Die reine Brust bewegt kein irdisch Glück.
(Johanna ergreift ihre Hand mit Heftigkeit, läßt sie aberschnell wieder fahren)O könntest du ein Weib sein und empfinden!Leg diese Rüstung ab, kein Krieg ist mehr,Bekenne dich zum sanfteren Geschlechte!Mein liebend Herz flieht scheu vor dir zurück,Solange du der strengen Pallas gleichst.
JOHANNA. Was foderst du von mir!
SOREL. Entwaffne dich! Leg diese Rüstung ab, die Liebe fürchtet,Sich dieser stahlbedeckten Brust zu nahn.O sei ein Weib und du wirst Liebe fühlen!
JOHANNA. Jetzt soll ich mich entwaffnen! Jetzt! Dem TodWill ich die Brust entblößen in der Schlacht!Jetzt nicht—o möchte siebenfaches ErzVor euren Festen, vor mir selbst mich schützen!
SOREL. Dich liebt Graf Dunois. Sein edles Herz,Dem Ruhm nur offen und der Heldentugend,Es glüht für dich in heiligem Gefühl.O es ist schön, von einem Helden sich geliebtZu sehn—es ist noch schöner, ihn zu lieben!(Johanna wendet sich mit Abscheu hinweg)Du hassest ihn!—Nein, nein, du kannst ihn nurNicht lieben—Doch wie solltest du ihn hassen!Man haßt nur den, der den Geliebten unsEntreißt, doch dir ist keiner der Geliebte!Dein Herz ist ruhig—Wenn es fühlen könnte—
JOHANNA. Beklage mich! Beweine mein Geschick!
SOREL. Was könnte dir zu deinem Glücke mangeln?Du hast dein Wort gelöst, Frankreich ist frei,Bis in die Krönungsstadt hast du den KönigSiegreich geführt, und hohen Ruhm erstritten,Dir huldiget, dich preist ein glücklich Volk,Von allen Zungen überströmend fließtDein Lob, du bist die Göttin dieses Festes,Der König selbst mit seiner Krone strahltNicht herrlicher als du.
JOHANNA. O könnt ich michVerbergen in den tiefsten Schoß der Erde!
SOREL. Was ist dir? Welche seltsame Bewegung!Wer dürfte frei aufschaun an diesem Tage,Wenn du die Blicke niederschlagen sollst!Mich laß erröten, mich, die neben dirSo klein sich fühlt, zu deiner Heldenstärke sich,Zu deiner Hoheit nicht erheben kann!Denn soll ich meine ganze Schwäche dirGestehen,—Nicht der Ruhm des Vaterlandes,Nicht der erneute Glanz des Thrones, nichtDer Völker Hochgefühl und SiegesfreudeBeschäftigt dieses schwache Herz. Es istNur einer, der es ganz erfüllt, es hatNur Raum für dieses einzige Gefühl:Er ist der Angebetete, ihm jauchzt das Volk,Ihn segnet es, ihm streut es diese Blumen,Er ist der Meine, der Geliebte ists.
JOHANNA. O du bist glücklich! Selig preise dich!Du liebst, wo alles liebt! Du darfst dein HerzAufschließen, laut aussprechen dein EntzückenUnd offen tragen vor der Menschen Blicken!Dies Fest des Reichs ist deiner Liebe Fest,Die Völker alle, die unendlichen,Die sich in diesen Mauren flutend drängen,Sie teilen dein Gefühl, sie heilgen es,Dir jauchzen sie, dir flechten sie den Kranz,Eins bist du mit der allgemeinen Wonne,Du liebst das Allerfreuende, die Sonne,Und was du siehst, ist deiner Liebe Glanz!
SOREL (ihr um den Hals fallend).O du entzückst mich, du verstehst mich ganz!Ja ich verkannte dich, du kennst die Liebe,Und was ich fühle, sprichst du mächtig aus.Von seiner Furcht und Scheue löst sich mirDas Herz, es wallt vertrauend dir entgegen
JOHANNA (entreißt sich mit Heftigkeit ihren Armen).Verlaß mich. Wende dich von mir! BefleckeDich nicht mit meiner pesterfüllten Nähe!Sei glücklich, geh, mich laß in tiefster NachtMein Unglück, meine Schande, mein EntsetzenVerbergen—
SOREL. Du erschreckst mich, ich begreifeDich nicht, doch ich begriff dich nie—und stetsVerhüllt war mir dein dunkel tiefes Wesen.Wer möcht es fassen, was dein heilig Herz,Der reinen Seele Zartgefühl erschreckt!
JOHANNA. Du bist die Heilige! Du bist die Reine!Sähst du mein Innerstes, du stießest schauderndDie Feindin von dir, die Verräterin!
Dritter Auftritt
Die Vorigen. Dunois. Du Chatel und La Hire mit der Fahne derJohanna
DUNOIS. Dich suchen wir, Johanna. Alles istBereit, der König sendet uns, er will,Daß du vor ihm die heilge Fahne tragest,Du sollst dich schließen an der Fürsten Reihn,Die Nächste an ihm selber sollst du gehn,Denn er verleugnete nicht und alle WeltSoll es bezeugen, daß er dir alleinDie Ehre dieses Tages zuerkennt.
LA HIRE. Hier ist die Fahne. Nimm sie, edle Jungfrau,Die Fürsten warten und es harrt das Volk.
JOHANNA Ich vor ihm herziehn! Ich die Fahne tragen!
DUNOIS. Wem anders ziemt' es! Welche andre HandIst rein genug, das Heiligtum zu tragen!Du schwangst sie im Gefechte, trage sieZur Zierde nun auf diesem Weg der Freude.(La Hire will ihr die Fahne überreichen, sie bebt schaudernddavor zurück)
JOHANNA. Hinweg! Hinweg!
LA HIRE. Was ist dir? Du erschrickstVor deiner eignen Fahne!—Sieh sie an!(Er rollt die Fahne auseinander)Es ist dieselbe, die du siegend schwangst.Die Himmelskönigin ist drauf gebildet,Die über einer Erdenkugel schwebt,Denn also lehrte dichs die heilge Mutter.
JOHANNA (mit Entsetzen hinschauend).Sie ists! Sie selbst! Ganz so erschien sie mir.Seht, wie sie herblickt und die Stirne faltet,Zornglühend aus den finstern Wimpern schaut!
SOREL. O sie ist außer sich! Komm zu dir selbst!Erkenne dich, du siehst nichts Wirkliches!Das ist ihr irdisch nachgeahmtes Bild,Sie selber wandelt in des Himmels Chören!
JOHANNA. Furchtbare, kommst du dein Geschöpf zu strafen?Verderbe, strafe mich, nimm deine Blitze,Und laß sie fallen auf mein schuldig Haupt.Gebrochen hab ich meinen Bund, entweiht,Gelästert hab ich deinen heilgen Namen!
DUNOIS. Weh uns! Was ist das! Welch unselge Reden!
LA HIRE (erstaunt zu Du Chatel).Begreift Ihr diese seltsame Bewegung?
DU CHATEL. Ich sehe, was ich seh. Ich hab es längstGefürchtet.
DUNOIS. Wie? Was sagt Ihr?
DU CHATEL. Was ich denke,Darf ich nicht sagen. Wollte Gott, es wäreVorüber und der König wär gekrönt!
LA HIRE. Wie? Hat der Schrecken, der von dieser FahneAusging, sich auf dich selbst zurückgewendet?Den Briten laß vor diesem Zeichen zittern,Den Feinden Frankreichs ist es fürchterlich,Doch seinen treuen Bürgern ist es gnädig.
JOHANNA. Ja du sagst recht! Den Freunden ist es holdUnd auf die Feinde sendet es Entsetzen!(Man hört den Krönungsmarsch)
DUNOIS. So nimm die Fahne! Nimm sie! Sie beginnenDen Zug, kein Augenblick ist zu verlieren!
(Sie dringen ihr die Fahne auf, sie ergreift sie mit heftigemWiderstreben und geht ab, die andern folgen)
Die Szene verwandelt sich in einen freien Platz vor derKathedralkirche
Vierter Auftritt
Zuschauer erfüllen den Hintergrund, aus ihnen heraus tretenBertrand, Claude Marie und Etienne und kommen vorwärts. DerKrönungsmarsch erschallt gedämpft aus der Ferne
BERTRAND. Hört die Musik! Sie sinds! Sie nahen schon!Was ist das Beste? Steigen wir hinaufAuf die Platforme, oder drängen unsDurchs Volk, daß wir vom Aufzug nichts verlieren,
ETIENNE. Es ist nicht durchzukommen. Alle Straßen sindVon Menschen vollgedrängt, zu Roß und Wagen.Laßt uns hieher an diese Häuser treten,Hier können wir den Zug gemächlich sehen,Wenn er vorüberkommt!
CLAUDE MARIE. Ists doch, als obHalb Frankreich sich zusammen hier gefunden!So allgewaltig ist die Flut, daß sieAuch uns im fernen lothringischen LandHat aufgehoben und hieher gespült!
BERTRAND. Wer wirdIn seinem Winkel müßig sitzen, wennDas Große sich begibt im Vaterland!Es hat auch Schweiß und Blut genug gekostet,Bis daß die Krone kam aufs rechte Haupt!Und unser König, der der wahre ist,Dem wir die Kron itzt geben, soll nicht schlechterBegleitet sein, als der Pariser ihrer,Den sie zu Saint Denis gekrönt! Der istKein Wohlgesinnter, der von diesem FestWegbleibt, und nicht mit ruft: es lebe der König!
Fünfter Auftritt
Margot und Louison treten zu ihnen
LOUISON. Wir werden unsre Schwester sehen, Margot!Mir pocht das Herz.
MARGOT. Wir werden sie im GlanzUnd in der Hoheit sehn, und zu uns sagen:Es ist Johanna, es ist unsre Schwester!
LOUISON. Ich kanns nicht glauben, bis ich sie mit AugenGesehn, daß diese Mächtige, die manDie Jungfrau nennt von Orleans, unsre SchwesterJohanna ist, die uns verlorenging.(Der Marsch kommt immer näher)
MARGOT. Du zweifelst noch! Du wirsts mit Augen sehn!
BERTRAND. Gebt acht! Sie kommen!
Sechster Auftritt
Flötenspieler und Hoboisten eröffnen den Zug. Kinderfolgen, weiß gekleidet, mit Zweigen in der Hand, hinter diesen zwei Herolde. Darauf ein Zug von Hellebardierern. Magistratspersonen in der Robe folgen. Hierauf zwei Marschälle mit dem Stabe, Herzog von Burgund das Schwert tragend, Dunois mit dem Szepter, andere Große mit der Krone, dem Reichsapfel und dem Gerichtsstabe, andere mit Opfergaben; hinter diesen Ritter in ihrem Ordensschmuck, Chorknaben mit dem Rauchfaß, dann zwei Bischöfe mit der Sainte Ampoule. Erzbischof mit dem Kruzifix; ihm folgt Johanna mit der Fahne. Sie geht mit gesenktem Haupt und ungewissen Schritten, die Schwestern geben bei ihrem Anblick Zeichen des Erstaunens und der Freude. Hinter ihr kommt der König, unter einem Thronhimmel, welchen vier Barone tragen, Hofleute folgen, Soldaten schließen. Wenn der Zug in die Kirche hinein ist, schweigt der Marsch
Siebenter Auftritt
Louison. Margot. Claude Marie. Etienne. Bertrand
MARGOT. Sahst du die Schwester?
CLAUDE MARIE. Die im goldnen Harnisch,Die vor dem König herging mit der Fahne!
MARGOT. Sie wars. Es war Johanna, unsre Schwester!
LOUISON. Und sie erkannt uns nicht! Sie ahndeteDie Nähe nicht der schwesterlichen Brust.Sie sah zur Erde und erschien so blaß,Und unter ihrer Fahne ging sie zitternd—Ich konnte mich nicht freun, da ich sie sah.
MARGOT. So hab ich unsre Schwester nun im GlanzUnd in der Herrlichkeit gesehn.—Wer hätteAuch nur im Traum geahndet und gedacht,Da sie die Herde trieb auf unsern Bergen,Daß wir in solcher Pracht sie würden schauen.
LOUISON. Der Traum des Vaters ist erfüllt, daß wirZu Reims uns vor der Schwester würden neigen.Das ist die Kirche, die der Vater sahIm Traum, und alles hat sich nun erfüllt.Doch der Vater sah auch traurige Gesichte,Ach, mich bekümmerts, sie so groß zu sehn!
BERTRAND. Was stehn wir müßig hier? Kommt in die Kirche,Die heilge Handlung anzusehn!
MARGOT. Ja kommt!Vielleicht, daß wir der Schwester dort begegnen.
LOUISON. Wir haben sie gesehen, kehren wirIn unser Dorf zurück.
MARGOT. Was? Eh wir sieBegrüßt und angeredet?
LOUISON. Sie gehörtUns nicht mehr an, bei Fürsten ist ihr PlatzUnd Königen—Wer sind wir, daß wir unsZu ihrem Glanze rühmend eitel drängen?Sie war uns fremd, da sie noch unser war!
MARGOT. Wird sie sich unser schämen, uns verachten?
BERTRAND. Der König selber schämt sich unser nicht,Er grüßte freundlich auch den Niedrigsten.Sei sie so hoch gestiegen als sie will,Der König ist doch größer!(Trompeten und Pauken erschallen aus der Kirche)
CLAUDE MARIE. Kommt zur Kirche! (Sie eilen nach dem Hintergrund, wo sie sich unter dem Volke verlieren)
Achter Auftritt
Thibaut kommt, schwarz gekleidet, Raimond folgt ihm und will ihn zurückehalten
RAIMOND. Bleibt, Vater Thibaut! Bleibt aus dem GedrängeZurück! Hier seht Ihr lauter frohe Menschen,Und Euer Gram beleidigt dieses Fest.Kommt! Fliehn wir aus der Stadt mit eilgen Schritten.
THIBAUT. Sahst du mein unglückselig Kind? Hast duSie recht betrachtet?
RAIMOND. O ich bitt Euch, flieht!
THIBAUT. Bemerktest du, wie ihre Schritte wankten,Wie bleich und wie verstört ihr Antlitz war!Die Unglückselige fühlt ihren Zustand,Das ist der Augenblick, mein Kind zu retten,Ich will ihn nutzen.(Er will gehen)
RAIMOND. Bleibt! Was wollt Ihr tun?
THIBAUT. Ich will sie überraschen, will sie stürzenVon ihrem eiteln Glück, ja mit GewaltWill ich zu ihrem Gott, dem sie entsagt,Zurück sie führen.
RAIMOND. Ach! Erwägt es wohl!Stürzt Euer eigen Kind nicht ins Verderben!
THIBAUT. Lebt ihre Seele nur, ihr Leib mag sterben.(Johanna stürzt aus der Kirche heraus, ohne ihre Fahne, Volkdringt zu ihr, adoriert sie rund küßt ihre Kleider, sie wirddurch das Gedränge im Hintergrunde aufgehalten)Sie kommt! Sie ists! Bleich stürzt sie aus der Kirche,Es treibt die Angst sie aus dem Heiligtum,Das ist das göttliche Gericht, das sichAn ihr verkündiget!—
RAIMOND. Lebt wohl!Verlangt nicht, daß ich länger Euch begleite!Ich kam voll Hoffnung und ich geh voll Schmerz.Ich habe Eure Tochter wieder gesehn,Und fühle, daß ich sie aufs neu verliere!(Er geht ab, Thibaut entfernt sich auf der entgegengesetzten Seite)
Neunter Auftritt
Johanna. Volk. Hernach ihre Schwestern
JOHANNA (hat sich des Volks erwehrt und kommt vorwärts).Ich kann nicht bleiben—Geister jagen mich,Wie Donner schallen mir der Orgel Töne,Des Doms Gewölbe stürzen auf mich ein,Des freien Himmels Weite muß ich suchen!Die Fahne ließ ich in dem Heiligtum,Nie, nie soll diese Hand sie mehr berühren!—Mir wars, als hält ich die geliebten Schwestern,Margot und Louison, gleich einem TraumAn mir vorüber gleiten sehen.—Ach!Es war nur eine täuschende Erscheinung!Fern sind sie, fern und unerreichbar weit,Wie meiner Kindheit, meiner Unschuld Glück!
MARGOT (hervortretend). Sie ists, Johanna ists.
LOUISON (eilt ihr entgegen). O meine Schwester!
JOHANNA. So wars kein Wahn—Ihr seid es—Ich umfaß euch,Dich meine Louison! Dich meine Margot!Hier in der fremden menschenreichen ÖdeUmfang ich die vertraute Schwesterbrust!
MARGOT. Sie kennt uns noch, ist noch die gute Schwester.
JOHANNA. Und eure Liebe führt euch zu mir herSo weit, so weit! Ihr zürnt der Schwester nicht,Die lieblos ohne Abschied euch verließ!
LOUISON. Dich führte Gottes dunkle Schickung fort.
MARGOT. Der Ruf von dir, der alle Welt bewegt,Der deinen Namen trägt auf allen Zungen,Hat uns erweckt in unserm stillen Dorf,Und hergeführt zu dieses Festes Feier.Wir kommen deine Herrlichkeit zu sehn,Und wir sind nicht allein!
JOHANNA (schnell). Der Vater ist mit euch!Wo, wo ist er? Warum verbirgt er sich?
MARGOT. Der Vater ist nicht mit uns.
JOHANNA. Nicht? Er will sein KindNicht sehn? Ihr bringt mir seinen Segen nicht?
LOUISON. Er weiß nicht, daß wir hier sind.
JOHANNA. Weiß es nicht!Warum nicht?—Ihr verwirret euch? Ihr schweigtUnd seht zur Erde! Sagt, wo ist der Vater?
MARGOT. Seitdem du weg bist
LOUISON (winkt ihr). Margot!
MARGOT. Ist der VaterSchwermütig worden.
JOHANNA. Schwermütig!
LOUISON. Tröste dich!Du kennst des Vaters ahndungsvolle Seele!Er wird sich fassen, sich zufrieden geben,Wenn wir ihm sagen, daß du glücklich bist.
MARGOT. Du bist doch glücklich? Ja du mußt es sein,Da du so groß bist und geehrt!
JOHANNA. Ich bins.Da ich euch wieder sehe, eure StimmeVernehme, den geliebten Ton, mich heimErinnre an die väterliche Flur.Da ich die Herde trieb auf unsern Höhen,Da war ich glücklich wie im Paradies—Kann ichs nicht wieder sein, nicht wieder werden!(Sie verbirgt ihr Gesicht an Louisons Brust. Claude Marie,Etienne und Bertrand zeigen sich und bleiben schüchtern inder Ferne stehen)
MARGOT. Kommt, Etienne! Bertrand! Claude Marie!Die Schwester ist nicht stolz, sie ist so sanftUnd spricht so freundlich, als sie nie getan,Da sie noch in dem Dorf mit uns gelebt.(Jene treten näher und wollen ihr die Hand reichen, Johannasieht sie mit starren Blicken an, und fällt in ein tiefes Staunen)
JOHANNA. Wo war ich? Sagt mir! War das alles nurEin langer Traum und ich bin aufgewacht?Bin ich hinweg aus Dom Remi? Nicht wahr!Ich war entschlafen unterm Zauberbaum,Und bin erwacht, und ihr steht um mich her,Die wohlbekannten traulichen Gestalten?Mir hat von diesen Königen und SchlachtenUnd Kriegestaten nur geträumt—es warenNur Schatten, die an mir vorübergingen,Denn lebhaft träumt sichs unter diesem Baum.Wie kämet ihr nach Reims? Wie käm ich selbstHieher? Nie, nie verließ ich Dom Remi!Gesteht mirs offen und erfreut mein Herz.
LOUISON. Wir sind zu Reims. Dir hat von diesen TatenNicht bloß geträumt, du hast sie alle wirklichVollbracht.—Erkenne dich, blick um dich her,Befühle deine glänzend goldne Rüstung!(Johanna fährt mit der Hand nach der Brust, besinnt sich underschrickt)
BERTRAND. Aus meiner Hand empfingt Ihr diesen Helm.
CLAUDE MARIE. Es ist kein Wunder, daß Ihr denkt zu träumen,Denn was Ihr ausgerichtet und getan,Kann sich im Traum nicht wunderbarer fügen.
JOHANNA (schnell). Kommt, laßt uns fliehn! Ich geh mit euch,ich kehreIn unser Dorf, in Vaters Schoß zurück.
LOUISON. O komm! komm mit uns!
JOHANNA. Diese Menschen alleErheben mich weit über mein Verdienst!Ihr habt mich kindisch, klein und schwach gesehn,Ihr liebt mich, doch ihr betet mich nicht an!
MARGOT. Du wolltest allen diesen Glanz verlassen!
JOHANNA. Ich werf ihn von mir, den verhaßten Schmuck,Der euer Herz von meinem Herzen trennt,Und eine Hirtin will ich wieder werden.Wie eine niedre Magd will ich euch dienen,Und büßen will ichs mit der strengsten Buße,Daß ich mich eitel über euch erhob!
(Trompeten erschallen)
Zehenter Auftritt
Der König tritt aus der Kirche, er ist im Krönungsornat,Agnes Sorel, Erzbischof, Burgund, Dunois, La Hire, Du Chatel,Ritter, Hofleute und Volk
ALLE STIMMEN (rufen wiederholt, während daß der Königvorwärtskommt).Es lebe der König! Karl der Siebente!(Trompeten fallen ein. Auf ein Zeichen, das der König gibt,gebieten die Herolde mit erhobenem Stabe Stillschweigen)
KÖNIG. Mein gutes Volk! Habt Dank für eure Liebe!Die Krone, die uns Gott aufs Haupt gesetzt,Durchs Schwert ward sie gewonnen und erobert,Mit edelm Bürgerblut ist sie benetzt,Doch friedlich soll der Ölzweig sie umgrünen.Gedankt sei allen, die für uns gefochten,Und allen, die uns widerstanden, seiVerziehn, denn Gnade hat uns Gott erzeigt,Und unser erstes Königswort sei—Gnade!
VOLK. Es lebe der König! Karl der Gütige!
KÖNIG. Von Gott allein, dem höchsten Herrschenden,Empfangen Frankreichs Könige die Krone.Wir aber haben sie sichtbarer WeiseAus seiner Hand empfangen.(Zur Jungfrau sich wendend)Hier steht die Gottgesendete, die euchDen angestammten König wieder gab,Das Joch der fremden Tyrannei zerbrochen!Ihr Name soll dem heiligen DenisGleich sein, der dieses Landes Schützer ist,Und ein Altar sich ihrem Ruhm erheben!
VOLK. Heil, Heil der Jungfrau, der Erretterin! (Trompeten)
KÖNIG (zu Johanna). Wenn du von Menschen bist gezeugt wie wir,So sage, welches Glück dich kann erfreuen;Doch wenn dein Vaterland dort oben ist,Wenn du die Strahlen himmlischer NaturIn diesem jungfräulichen Leib verhüllst,So nimm das Band hinweg von unsern SinnenUnd laß dich sehn in deiner Lichtgestalt,Wie dich der Himmel sieht, daß wir anbetendIm Staube dich verehren.(Ein allgemeines Stillschweigen, jedes Auge ist auf dieJungfrau gerichtet)
JOHANNA (plötzlich aufschreiend). Gott! Mein Vater!
Eilfter Auftritt
Die Vorigen. Thibaut tritt aus der Menge und steht Johanna gerade gegenüber
MEHRERE STIMMEN. Ihr Vater!
THIBAUT. Ja ihr jammervoller Vater,Der die Unglückliche gezeugt, den GottesGericht hertreibt, die eigne Tochter anzuklagen.
BURGUND. Ha! Was ist das!
DU CHATEL. Jetzt wird es schrecklich tagen!
THIBAUT (zum König).Gerettet glaubst du dich durch Gottes Macht?Betrogner Fürst! Verblendet Volk der Franken!Du bist gerettet durch des Teufels Kunst.(Alle treten mit Entsetzen zurück)
DUNOIS. Rast dieser Mensch?
THIBAUT. Nicht ich, du aber rasest,Und diese hier, und dieser weise Bischof,Die glauben, daß der Herr der Himmel sichDurch eine schlechte Magd verkünden werde.Laß sehn, ob sie auch in des Vaters StirnDer dreisten Lüge Gaukelspiel behauptet,Womit sie Volk und König hinterging.Antworte mir im Namen des Dreieinen,Gehörst du zu den Heiligen und Reinen?(Allgemeine Stille, alle Blicke sind auf sie gespannt, siesteht unbeweglich)
SOREL. Gott, sie verstummt!
THIBAUT. Das muß sie vor dem furchtbarn NamenDer in der Höllen Tiefen selbstGefürchtet wird!—Sie eine Heilige,Von Gott gesendet!—An verfluchter StätteWard es ersonnen, unterm Zauberbaum,Wo schon von alters her die bösen GeisterDen Sabbat halten—hier verkaufte sieDem Feind der Menschen ihr unsterblich Teil,Daß er mit kurzem Weltruhm sie verherrliche.Laßt sie den Arm aufstreifen, seht die Punkte,Womit die Hölle sie gezeichnet hat!
BURGUND. Entsetzlich!—Doch dem Vater muß man glauben,Der wider seine eigne Tochter zeugt!
DUNOIS. Nein, nicht zu glauben ist dem Rasenden,Der in dem eignen Kind sich selber schändet!
SOREL (zur Johanna). O rede! Brich dies unglückselge Schweigen!Wir glauben dir! Wir trauen fest auf dich!Ein Wort aus deinem Mund, ein einzig WortSoll uns genügen—Aber sprich! VernichteDie gräßliche Beschuldigung—Erkläre,Du seist unschuldig, und wir glauben dir.(Johanna steht unbeweglich, Agnes Sorel tritt mit Entsetzenvon ihr hinweg)
LA HIRE. Sie ist erschreckt. Erstaunen und EntsetzenSchließt ihr den Mund.—Vor solcher gräßlichenAnklage muß die Unschuld selbst erheben.(Er nähert sich ihr)Faß dich, Johanna. Fühle dich. Die UnschuldHat eine Sprache, einen Siegerblick,Der die Verleumdung mächtig niederblitzt!In edelm Zorn erhebe dich, blick auf,Beschäme, strafe den unwürdgen Zweifel,Der deine heilge Tugend schmäht.(Johanna steht unbeweglich. La Hire tritt entsetzt zurück,die Bewegung vermehrt sich)
DUNOIS. Was zagt das Volk? Was zittern selbst die Fürsten?Sie ist unschuldig—Ich verbürge mich,Ich selbst, für sie mit meiner Fürstenehre!Hier werf ich meinen Ritterhandschuh hin,Wer wagte, sie eine Schuldige zu nennen?(Ein heftiger Donnerschlag, alle stehen entsetzt)
THIBAUT. Antworte bei dem Gott, der droben donnert!Sprich, du seist schuldlos. Leugn es, daß der FeindIn deinem Herzen ist, und straf mich Lügen!(Ein zweiter stärkerer Schlag, das Volk en Sieht zu allen Seiten)
BURGUND. Gott schütz uns! Welche fürchterliche Zeichen!
DU CHATEL (zum König).Kommt! Kommt, mein König! Fliehet diesen Ort!
ERZBISCHOF (zur Johanna).Im Namen Gottes frag ich dich. Schweigst duAus dem Gefühl der Unschuld oder Schuld,Wenn dieses Donners Stimme fiir dich zeugt,So fasse dieses Kreuz und gib ein Zeichen!
(Johanna bleibt unbeweglich. Neue heftige Donnerschläge.Der König, Agnes Sorel, Erzbischof, Burgund, La Hire undDu Chatel gehen ab)
Zwölfter Auftritt
Dunois. Johanna
DUNOIS. Du bist mein Weib—Ich hab an dich geglaubtBeim ersten Blick, und also denk ich noch.Dir glaub ich mehr als diesen Zeichen allen,Als diesem Donner selbst, der droben spricht.Du schweigst in edelm Zorn, verachtest es,In deine heilge Unschuld eingehüllt,So schändlichen Verdacht zu widerlegen.—Veracht es, aber mir vertraue dich,An deiner Unschuld hab ich nie gezweifelt.Sag mir kein Wort, die Hand nur reiche mirZum Pfand und Zeichen, daß du meinem ArmeGetrost vertraust und deiner guten Sache.(Er reicht ihr die Hand hin, sie wendet sich mit einerzuckenden Bewegung von ihm hinweg; er bleibt in starremEntsetzen stehen)
Dreizehnter Auftritt
Johanna. Du Chatel. Dunois. Zuletzt Raimond
DU CHATEL (zurückkommend). Johanna d'Arc! Der König will erlauben, Daß Ihr die Stadt verlasset ungekränkt. Die Tore stehn Euch offen. Fürchtet keine Beleidigung. Euch schützt des Königs Frieden— Folgt mir, Graf Dunois—Ihr habt nicht Ehre, Hier länger zu verweilen—Welch ein Ausgang! (Er geht. Dunois fährt aus seiner Erstarrung auf, wirft noch einen Blick auf Johanna und geht ab. Diese steht einen Augenblick ganz allein. Endlich erscheint Raimond, bleibt eine Weile in der Ferne stehen, und betrachtet sie mit stillem Schmerz. Dann tritt er auf sie zu und faßt sie bei der Hand)
RAIMOND. Ergreift den Augenblick. Kommt! Kommt! Die Straßen Sind leer. Gebt mir die Hand. Ich will Euch führen. (Bei seinem Anblick gibt sie das erste Zeichen der Empfindung, sieht ihn starr an und blickt zum Himmel, dann ergreift sie ihn heftig bei der Hand und geht ab)
Ein wilder Wald, in der Ferne Köhlerhütten. Es ist ganz dunkel, heftiges Donnern und Blitzen, dazwischen Schießen
Erster Auftritt
Köhler und Köhlerweib
KÖHLER. Das ist ein grausam, mördrisch Ungewitter,Der Himmel droht in Feuerbächen sichHerabzugießen, und am hellen TagIsts Nacht, daß man die Sterne könnte sehn.Wie eine losgelaßne Hölle tobtDer Sturm, die Erde bebt und krachend beugenDie alt verjährten Eschen ihre Krone.Und dieser fürchterliche Krieg dort oben,Der auch die wilden Tiere Sanftmut lehrt,Daß sie sich zahm in ihre Gruben bergen,Kann unter Menschen keinen Frieden stiften—Aus dem Geheul der Winde und des SturmsHeraus hört ihr das Knallen des Geschützes;Die beiden Heere stehen sich so nah,Daß nur der Wald sie trennt, und jede StundeKann es sich blutig fürchterlich entladen.
KÖHLERWEIB. Gott steh uns bei! Die Feinde waren jaSchon ganz aufs Haupt geschlagen und zerstreut,Wie kommts, daß sie aufs neu uns ängstigen?
KÖHLER. Das macht, weil sie den König nicht mehr fürchten.Seitdem das Mädchen eine Hexe wardZu Reims, der böse Feind uns nicht mehr hilft,Geht alles rückwärts.
KÖHLERWEIB. Horch! Wer naht sich da?
Zweiter Auftritt
Raimond und Johanna zu den Vorigen
RAIMOND. Hier seh ich Hütten. Kommt, hier finden wirEin Obdach vor dem wütgen Sturm. Ihr haltetsNicht länger aus, drei Tage schon seid IhrHerumgeirrt, der Menschen Auge fliehend,Und wilde Wurzeln waren Eure Speise.(Der Sturm legt sich, es wird hell und heiter)Es sind mitleidge Köhler. Kommt herein.
KÖHLER. Ihr scheint der Ruhe zu bedürfen. Kommt!Was unser schlechtes Dach vermag, ist euer.
KÖHLERWEIB. Was will die zarte Jungfrau unter Waffen?Doch freilich! Jetzt ist eine schwere Zeit,Wo auch das Weib sich in den Panzer steckt!Die Königin selbst, Frau Isabeau, sagt man,Läßt sich gewaffnet sehn in Feindes Lager,Und eine Jungfrau, eines Schäfers Dirn,Hat für den König unsern Herrn gefochten.
KÖHLER. Was redet Ihr? Geht in die Hütte, bringtDer Jungfrau einen Becher zur Erquickung.(Köhlerweib geht nach der Hütte)
RAIMOND (zur Johanna).Ihr seht, es sind nicht alle Menschen grausam,Auch in der Wildnis wohnen sanfte Herzen.Erheitert Euch! Der Sturm hat ausgetobt,Und friedlich strahlend geht die Sonne nieder.
KÖHLER. Ich denk, ihr wollt zu unsers Königs Heer,Weil ihr in Waffen reiset—Seht euch vor!Die Engelländer stehen nah gelagert,Und ihre Scharen streifen durch den Wald.
RAIMOND. Weh uns! Wie ist da zu entkommen?
KÖHLER. Bleibt,Bis daß mein Bub zurück ist aus der Stadt.Der soll euch auf verborgnen Pfaden führen,Daß ihr nichts zu befürchten habt. Wir kennenDie Schliche.
RAIMOND (zur Johanna). Legt den Helm ab und die Rüstung,Sie macht Euch kenntlich und beschützt Euch nicht.(Johanna schüttelt den Kopf)
KÖHLER. Die Jungfrau ist sehr traurig—Still! Wer kommt da?
Dritter Auftritt
Vorige. Köhlerweib kommt aus der Hütte mit einem Becher. Köhlerbub
KÖHLERWEIB. Es ist der Bub, den wir zurückerwarten.(Zur Johanna) Trinkt, edle Jungfrau! Mögs Euch Gott gesegnen!
KÖHLER (zu seinem Sohn). Kommst du, Anet? Was bringst du?
KÖHLERBUB (hat die Jungfrau ins Auge gefaßt, welche eben denBecher an den Mund setzt; er erkennet sie, tritt auf sie zuund reißt ihr den Becher vom Munde). Mutter! Mutter!Was macht Ihr? Wen bewirtet Ihr? Das ist die HexeVon Orleans!
KÖHLER und KÖHLERWEIB. Gott sei uns gnädig! (Bekreuzen sich und entfliehen)
Vierter Auftritt
Raimond. Johanna
JOHANNA (gefaßt und sanft).Du siehst, mir folgt der Fluch, und alles flieht mich,Sorg für dich selber und verlaß mich auch.
RAIMOND. Ich Euch verlassen! Jetzt! Und wer soll EuerBegleiter sein?
JOHANNA. Ich bin nicht unbegleitet.Du hast den Donner über mir gehört.Mein Schicksal führt mich. Sorge nicht, ich werdeAns Ziel gelangen, ohne daß ichs suche.
RAIMOND. Wo wollt Ihr hin? Hier stehn die Engelländer,Die Euch die grimmig blutge Rache schwurenDort stehn die Unsern, die Euch ausgestoßen,Verbannt—
JOHANNA. Mich wird nichts treffen, als was sein muß.
RAIMOND. Wer soll Euch Nahrung suchen? Wer Euch schützenVor wilden Tieren und noch wildern Menschen?Euch pflegen, wenn Ihr krank und elend werdet?
JOHANNA. Ich kenne alle Kräuter, alle Wurzeln,Von meinen Schafen lernt ich das GesundeVom Giftgen unterscheiden—ich versteheDen Lauf der Sterne und der Wolken ZugUnd die verborgnen Quellen hör ich rauschen.Der Mensch braucht wenig und an Leben reichIst die Natur.
RAIMOND (faßt sie bei der Hand).Wollt Ihr nicht in Euch gehn,Euch nicht mit Gott versöhnen—in den SchoßDer heilgen Kirche reuend wiederkehren,
JOHANNA. Auch du hältst mich der schweren Sünde schuldig?
RAIMOND. Muß ich nicht, Euer schweigendes Geständnis—
JOHANNA. Du, der mir in das Elend nachgefolgt,Das einzge Wesen, das mir treu geblieben,Sich an mich kettet, da mich alle WeltAusstieß, du hältst mich auch für die Verworfne,Die ihrem Gott entsagt—(Raimond schweigt) O das ist hart!
RAIMOND (erstaunt). Ihr wäret wirklich keine Zauberin?
JOHANNA. Ich eine Zauberin!
RAIMOND. Und diese Wunder,Ihr hättet sie vollbracht mit Gottes KraftUnd seiner Heiligen?
JOHANNA. Mit welcher sonst!
RAIMOND. Und Ihr verstummtet auf die gräßlicheBeschuldigung?—Ihr redet jetzt, und vor dem König,Wo es zu reden galt, verstummtet Ihr!
JOHANNA. Ich unterwarf mich schweigend dem Geschick,Das Gott, mein Meister, über mich verhängte.
RAIMOND. Ihr konntet Eurem Vater nichts erwidern!
JOHANNA. Weil es vom Vater kam, so kams von Gott,Und väterlich wird auch die Prüfung sein.
RAIMOND. Der Himmel selbst bezeugte Eure Schuld!
JOHANNA. Der Himmel sprach, drum schwieg ich.
RAIMOND. Wie? Ihr konntetMit einem Wort Euch reinigen, und ließtDie Welt in diesem unglückselgen Irrtum?
JOHANNA. Es war kein Irrtum, eine Schickung wars.
RAIMOND. Ihr littet alle diese Schmach unschuldig,Und keine Klage kam von Euren Lippen!—Ich staune über Euch, ich steh erschüttert,Im tiefsten Busen kehrt sich mir das Herz!O gerne nehm ich Euer Wort für Wahrheit,Denn schwer ward mirs, an Eure Schuld zu glauben.Doch könnt ich träumen, daß ein menschlich HerzDas Ungeheure schweigend würde tragen!
JOHANNA. Verdient ichs, die Gesendete zu sein,Wenn ich nicht blind des Meisters Willen ehrte!Und ich bin nicht so elend, als du glaubst.Ich leide Mangel, doch das ist kein UnglückFür meinen Stand, ich bin verbannt und flüchtig,Doch in der Öde lernt ich mich erkennen.Da, als der Ehre Schimmer mich umgab,Da war der Streit in meiner Brust, ich warDie Unglückseligste, da ich der WeltAm meisten zu beneiden schien—Jetzt bin ichGeheilt, und dieser Sturm in der Natur,Der ihr das Ende drohte, war mein Freund,Er hat die Welt gereinigt und auch mich.In mir ist Friede—Komme, was da will,Ich bin mir keiner Schwachheit mehr bewußt!
RAIMOND. O kommt, kommt, laßt uns eilen, Eure UnschuldLaut, laut vor aller Welt zu offenbaren!
JOHANNA. Der die Verwirrung sandte, wird sie lösen!Nur wenn sie reif ist, fällt des Schicksals Frucht!Ein Tag wird kommen, der mich reiniget.Und die mich jetzt verworfen und verdammt,Sie werden ihres Wahnes inne werden,Und Tränen werden meinem Schicksal fließen.
RAIMOND. Ich sollte schweigend dulden, bis der Zufall—
JOHANNA (ihn sanft bei der Hand fassend).Du siehst nur das Natürliche der Dinge,Denn deinen Blick umhüllt das irdsche Band.Ich habe das Unsterbliche mit AugenGesehen—ohne Götter fällt kein HaarVom Haupt des Menschen—Siehst du dort die SonneAm Himmel niedergehen—So gewißSie morgen wiederkehrt in ihrer Klarheit,So unausbleiblich kommt der Tag der Wahrheit!
Fünfter Auftritt
Die Vorigen. Königin Isabeau mit Soldaten erscheint im Hintergrund
ISABEAU (noch hinter der Szene).Dies ist der Weg ins engelländsche Lager!
RAIMOND. Weh uns! die Feinde! (Soldaten treten auf, bemerken im Hervorkommen die Johanna, und taumeln erschrocken zurück)
ISABEAU. Nun! was hält der Zug!
SOLDATEN. Gott steh uns bei!
ISABEAU. Erschreckt euch ein Gespenst!Seid ihr Soldaten? Memmen seid ihr!—Wie,(Sie drängt sich durch die andern, tritt hervor und fährtzurück, wie sie die Jungfrau erblickt) Was seh ich! Ha!(Schnell faßt sie sich und tritt ihr entgegen) Ergib dich!Du bist meineGefangene.
JOHANNA. Ich bins.(Raimond entflieht mit Zeichen der Verzweiflung)
ISABEAU (zu den Soldaten). Legt sie in Ketten!(Die Soldaten nahen sich der Jungfrau schüchtern, sie reichtden Arm hin und wird gefesselt)Ist das die Mächtige, Gefürchtete,Die eure Scharen wie die Lämmer scheuchte,Die jetzt sich selber nicht beschützen kann?Tut sie nur Wunder, wo man Glauben hat,Und wird zum Weib, wenn ihr ein Mann begegnet?(Zur Jungfrau) Warum verließest du dein Heer? Wo bleibtGraf Dunois, dein Ritter und Beschützer?
JOHANNA. Ich bin verbannt.
ISABEAU (erstaunt zurücktretend).Was? Wie? Du bist verbannt?Verbannt vom Dauphin!
JOHANNA. Frage nicht! Ich binIn deiner Macht, bestimme mein Geschick.
ISABEAU. Verbannt, weil du vom Abgrund ihn gerettet,Die Krone ihm hast aufgesetzt zu Reims,Zum König über Frankreich ihn gemacht?Verbannt! Daran erkenn ich meinen Sohn!—Führt sie ins Lager. Zeiget der ArmeeDas Furchtgespenst, vor dem sie so gezittert!Sie eine Zauberin! Ihr ganzer ZauberIst euer Wahn und euer feiges Herz!Eine Närrin ist sie, die für ihren KönigSich opferte, und jetzt den KönigslohnDafür empfängt—Bringt sie zu Lionel—Das Glück der Franken send ich ihm gebunden,Gleich folg ich selbst.
JOHANNA. Zu Lionel! Ermorde michGleich hier, eh du zu Lionel mich sendest.
ISABEAU (zu den Soldaten).Gehorchet dem Befehle. Fort mit ihr! (Geht ab)
Sechster Auftritt
Johanna. Soldaten
JOHANNA (zu den Soldaten).Engländer, duldet nicht, daß ich lebendigAus eurer Hand entkomme! Rächet euch!Zieht eure Schwerter, taucht sie mir ins Herz,Reißt mich entseelt zu eures Feldherrn Füßen!Denkt, daß ichs war, die eure TrefflichstenGetötet, die kein Mitleid mit euch trug,Die ganze Ströme engelländschen BlutsVergossen, euren tapfern HeldensöhnenDen Tag der frohen Wiederkehr geraubt!Nehmt eine blutge Rache! Tötet mich!Ihr habt mich jetzt, nicht immer möchtet ihrSo schwach mich sehn—
ANFÜHRER DER SOLDATEN. Tut, was die Königin befahl!
JOHANNA Sollt ichNoch unglückselger werden als ich war!Furchtbare Heilge! deine Hand ist schwer!Hast du mich ganz aus deiner Huld verstoßen?Kein Gott erscheint, kein Engel zeigt sich mehr,Die Wunder ruhn, der Himmel ist verschlossen.(Sie folgt den Soldaten)
Das französische Lager
Siebenter Auftritt
Dunois zwischen dein Erzbischof und Du Chatel
ERZBISCHOF. Bezwinget Euern finstern Unmut, Prinz!Kommt mit uns! Kehrt zurück zu Euerm König!Verlasset nicht die allgemeine SacheIn diesem Augenblick, da wir aufs neuBedränget, Eures Heldenarms bedürfen.
DUNOIS. Warum sind wir bedrängt? Warum erhebtDer Feind sich wieder? Alles war getan,Frankreich war siegend und der Krieg geendigt.Die Retterin habt ihr verbannt, nun rettetEuch selbst! Ich aber will das LagerNicht wieder sehen, wo sie nicht mehr ist.
DU CHATEL. Nehmt bessern Rat an, Prinz. Entlaßt uns nichtMit einer solchen Antwort!
DUNOIS. Schweigt, Du Chatel! Ich hasse Euch, von Euch will ich nichts hören. Ihr seid es, der zuerst an ihr gezweifelt.
ERZBISCHOF. Wer ward nicht irr an ihr und hätte nichtGewankt an diesem unglückselgen Tage,Da alle Zeichen gegen sie bewiesen!Wir waren überrascht, betäubt, der SchlagTraf zu erschütternd unser Herz—Wer konnteIn dieser Schreckensstunde prüfend wägen?Jetzt kehrt uns die Besonnenheit zurück,Wir sehn sie, wie sie unter uns gewandelt,Und keinen Tadel finden wir an ihr.Wir sind verwirrt—wir fürchten schweres UnrechtGetan zu haben.—Reue fühlt der König,Der Herzog klagt sich an, La Hire ist trostlos,Und jedes Herz hüllt sich in Trauer ein.
DUNOIS. Sie eine Lügnerin! Wenn sich die WahrheitVerkörpern will in sichtbarer Gestalt,So muß sie ihre Züge an sich tragen!Wenn Unschuld, Treue, HerzensreinigkeitAuf Erden irgend wohnt—auf ihren Lippen,In ihren klaren Augen muß sie wohnen!
ERZBISCHOF. Der Himmel schlage durch ein Wunder sichIns Mittel, und erleuchte dies Geheimnis,Das unser sterblich Auge nicht durchdringt—Doch wie sichs auch entwirren mag und lösen,Eins von den beiden haben wir verschuldet!Wir haben uns mit höllischen ZauberwaffenVerteidigt oder eine Heilige verbannt!Und beides ruft des Himmels Zorn und StrafenHerab auf dieses unglückselge Land!
Achter Auftritt
Ein Edelmann zu den Vorigen, hernach Raimond
EDELMANN. Ein junger Schäfer fragt nach deiner Hoheit,Er fodert dringend, mit dir selbst zu reden,Er komme, sagt er, von der Jungfrau—
DUNOIS. Eile!Bring ihn herein! Er kommt von ihr!(Edelmann öffnet dem Raimond die Türe, Dunois eilt ihm entgegen)Wo ist sie?Wo ist die Jungfrau?
RAIMOND. Heil Euch, edler Prinz,Und Heil mir, daß ich diesen frommen Bischof,Den heilgen Mann, den Schirm der Unterdrückten,Den Vater der Verlaßnen bei Euch finde!
DUNOIS. Wo ist die Jungfrau?
ERZBISCHOF. Sag es uns, mein Sohn!
RAIMOND. Herr, sie ist keine schwarze Zauberin!Bei Gott und allen Heiligen bezeug ichs.Im Irrtum ist das Volk. Ihr habt die UnschuldVerbannt, die Gottgesendete verstoßen!
DUNOIS. Wo ist sie? Sage!
RAIMOND. Ihr Gefährte war ichAuf ihrer Flucht in dem Ardennerwald,Mir hat sie dort ihr Innerstes gebeichtet.In Martern will ich sterben, meine SeeleHab keinen Anteil an dem ewgen Heil,Wenn sie nicht rein ist, Herr, von aller Schuld!
DUNOIS. Die Sonne selbst am Himmel ist nicht reiner!Wo ist sie, sprich!
RAIMOND. O wenn Euch Gott das HerzGewendet hat—So eilt! So rettet sie!Sie ist gefangen bei den Engelländern.
DUNOIS. Gefangen! Was!
ERZBISCHOF. Die Unglückselige!
RAIMOND. In den Ardennen, wo wir Obdach suchten,Ward sie ergriffen von der Königin,Und in der Engelländer Hand geliefert.O rettet sie, die euch gerettet hat,Von einem grausenvollen Tode!
DUNOIS. Zu den Waffen! Auf! Schlagt Lärmen! Rührt die Trommeln!Führt alle Völker ins Gefecht! Ganz FrankreichBewaffne sich! Die Ehre ist verpfändetDie Krone, das Palladium entwendet,Setzt alles Blut! setzt euer Leben ein!Frei muß sie sein, noch eh der Tag sich endet! (Gehen ab)
Ein Wachturm, oben eine Öffnung
Neunter Auftritt
Johanna und Lionel. Fastolf. Isabeau
FASTOLF (eilig hereintretend). Das Volk ist länger nichtzu bändigen.Sie fodern wütend, daß die Jungfrau sterbe.Ihr widersteht vergebens. Tötet sie,Und werft ihr Haupt von dieses Turmes Zinnen,Ihr fließend Blut allein versöhnt das Heer.
ISABEAU (kommt). Sie setzen Leitern an, sie laufen Sturm!Befriediget das Volk. Wollt Ihr erwarten,Bis sie den ganzen Turm in blinder WutUmkehren und wir alle mit verderben?Ihr könnt sie nicht beschützen, gebt sie hin.
LIONEL. Laßt sie anstürmen! Laßt sie wütend toben!Dies Schloß ist fest, und unter seinen TrümmernBegrab ich mich, eh mich ihr Wille zwingt.—Antworte mir, Johanna! Sei die Meine,Und gegen eine Welt beschütz ich dich.
ISABEAU. Seid Ihr ein Mann?
LIONEL. Verstoßen haben dichDie Deinen, aller Pflichten bist du ledigFür dein unwürdig Vaterland. Die Feigen,Die um dich warben, sie verließen dich,Sie wagten nicht den Kampf um deine Ehre.Ich aber, gegen mein Volk und das deineBehaupt ich dich.—Einst ließest du mich glauben,Daß dir mein Leben teuer sei! Und damalsStand ich im Kampf als Feind dir gegenüber,Jetzt hast du keinen Freund als mich!
JOHANNA. Du bistDer Feind mir, der verhaßte, meines Volks.Nichts kann gemein sein zwischen dir und mir.Nicht lieben kann ich dich, doch wenn dein HerzSich zu mir neigt, so laß es Segen bringenFür unsre Völker.—Führe deine HeereHinweg von meines Vaterlandes Boden,Die Schlüssel aller Städte gib heraus,Die ihr bezwungen, allen Raub vergüte,Gib die Gefangnen ledig, sende GeiselnDes heiligen Vertrags, so biet ich dirDen Frieden an in meines Königs Namen.
ISABEAU. Willst du in Banden uns Gesetze geben?
JOHANNA. Tu es bei Zeiten, denn du mußt es doch.Frankreich wird nimmer Englands Fesseln tragen.Nie, nie wird das geschehen! Eher wird esEin weites Grab für eure Heere sein.Gefallen sind euch eure Besten, denktAuf eine sichre Rückkehr, euer RuhmIst doch verloren, eure Macht ist hin.
ISABEAU. Könnt Ihr den Trotz der Rasenden ertragen?
Zehnter Auftritt
Die Vorigen. Ein Hauptmann kommt eilig
HAUPTMANN—Eilt, Feldherr, eilt, das Heer zur Schlacht zu stellen,Die Franken rücken an mit fliegenden Fahnen,Von ihren Waffen blitzt das ganze Tal.
JOHANNA (begeistert).Die Franken rücken an! Jetzt, stolzes England,Heraus ins Feld, jetzt gilt es, frisch zu fechten!
FASTOLF. Unsinnige, bezähme deine Freude!Du wirst das Ende dieses Tags nicht sehn.
JOHANNA. Mein Volk wird siegen und ich werde sterben,Die Tapfern brauchen meines Arms nicht mehr.
LIONEL. Ich spotte dieser Weichlinge! Wir habenSie vor uns her gescheucht in zwanzig Schlachten,Eh dieses Heldenmädchen für sie stritt!Das ganze Volk veracht ich bis auf eine,Und diese haben sie verbannt.—Kommt, Fastolf!Wir wollen ihnen einen zweiten TagBei Crequi und Poitiers bereiten.Ihr, Königin, bleibt in diesem Turm, bewachtDie Jungfrau, bis das Treffen sich entschieden,Ich laß Euch fünfzig Ritter zur Bedeckung.
FASTOLF. Was? Sollen wir dem Feind entgegengehn,Und diese Wütende im Rücken lassen?
JOHANNA. Erschreckt dich ein gefesselt Weib?
LIONEL. Gib mirDein Wort, Johanna, dich nicht zu befreien!
JOHANNA. Mich zu befreien ist mein einzger Wunsch.
ISABEAU Legt ihr dreifache Fesseln an. Mein LebenVerbürg ich, daß sie nicht entkommen soll.(Sie wird mit schweren Ketten um den Leib und um die Armegefesselt)
LIONEL (zur Johanna). Du willst es so! Du zwingst uns! Nochstehts bei dir!Entsage Frankreich! Trage Englands Fahne,Und du bist frei, und diese Wütenden,Die jetzt dein Blut verlangen, dienen dir!
FASTOLF (dringend). Fort, fort, mein Feldherr!
JOHANNA. Spare deine Worte!Die Franken rücken an, verteidge dich!(Trompeten ertönen, Lionel eilt fort)
FASTOLF. Ihr wißt, was Ihr zu tun habt, Königin!Erklärt das Glück sich gegen uns, seht Ihr,Daß unsre Völker fliehen—
ISABEAU (einen Dolch ziehend). Sorget nicht!Sie soll nicht leben, unsern Fall zu sehn.
FASTOLF (zur Johanna). Du weißt, was dich erwartet. Jetzt erfleheGlück für die Waffen deines Volks! (Ergeht ab)
Eilfter Auftritt
Isabeau. Johanna. Soldaten
JOHANNA. Das will ich!Daran soll niemand mich verhindern.—Horch!Das ist der Kriegsmarsch meines Volks! Wie mutigEr in das Herz mir schallt und siegverkündend!Verderben über England! Sieg den Franken!Auf, meine Tapfern! Auf! Die Jungfrau istEuch nah, sie kann nicht vor euch her wie sonstDie Fahne tragen—schwere Bande fesseln sie,Doch frei aus ihrem Kerker schwingt die SeeleSich auf den Flügeln eures Kriegsgesangs.
ISABEAU (zu einem Soldaten).Steig auf die Warte dort, die nach dem FeldHin sieht, und sag uns, wie die Schlacht sich wendet.(Soldat steigt hinauf)
JOHANNA. Mut, Mut, mein Volk! Es ist der letzte Kampf!Den einen Sieg noch, und der Feind liegt nieder.
ISABEAU. Was siehest du?
SOLDAT. Schon sind sie aneinander.Ein Wütender auf einem Barberroß,Im Tigerfell, sprengt vor mit den Gendarmen.
JOHANNA. Das ist Graf Dunois! Frisch, wackrer Streiter!Der Sieg ist mit dir!
SOLDAT. Der Burgunder greiftDie Brücke an.
ISABEAU. Daß zehen Lanzen ihmIns falsche Herz eindrängen, dem Verräter!
SOLDAT. Lord Fastolf tut ihm mannhaft Widerstand.Sie sitzen ab, sie kämpfen Mann für Mann,Des Herzogs Leute und die unsrigen.
ISABEAU. Siehst du den Dauphin nicht? Erkennst du nichtDie königlichen Zeichen?
SOLDAT. Alles istIn Staub vermengt Ich kann nichts unterscheiden.
JOHANNA. Hätt er mein Auge oder stünd ich oben,Das Kleinste nicht entginge meinem Blick!Das wilde Huhn kann ich im Fluge zählen,Den Falk erkenn ich in den höchsten Lüften.
SOLDAT. Am Graben ist ein fürchterlich Gedräng,Die Größten, scheints, die Ersten kämpfen dort.
ISABEAU. Schwebt unsre Fahne noch?
SOLDAT. Hoch flattert sie.
JOHANNA Könnt ich nur durch der Mauer Ritze schauen,Mit meinem Blick wollt ich die Schlacht regieren!
SOLDAT. Weh mir! Was seh ich! Unser Feldherr istUmzingelt!
ISABEAU (zuckt den Dolch auf Johanna). Stirb, Unglückliche!
SOLDAT (schnell). Er ist befreit.Im Rücken faßt der tapfere FastolfDen Feind—er bricht in seine dichtsten Scharen.
ISABEAU (zieht den Dolch zurück).Das sprach dein Engel!
SOLDAT. Sieg! Sieg! Sie entfliehen!
ISABEAU. Wer flieht?
SOLDAT.Die Franken, die Burgunder fliehn,Bedeckt mit Flüchtigen ist das Gefilde.
JOHANNA. Gott! Gott! So sehr wirst du mich nicht verlassen!
SOLDAT. Ein schwer Verwundeter wird dort geführt.Viel Volk sprengt ihm zu Hülf, es ist ein Fürst.
ISABEAU. Der Unsern einer oder Fränkischen?
SOLDAT. Sie lösen ihm den Helm, Graf Dunois ists.
JOHANNA (greift mit krampfhafter Anstrengung in ihre Ketten).Und ich bin nichts als ein gefesselt Weib!
SOLDAT. Sie! Halt! Wer trägt den himmelblauen MantelVerbrämt mit Gold,
JOHANNA (lebhaft). Das ist mein Herr, der König!
SOLDAT. Sein Roß wird scheu—es überschlägt sich—stürzt,Er windet schwer arbeitend sich hervor—(Johanna begleitet diese Worte mit leidenschaftlichen Bewegungen)Die Unsern nahen schon in vollem Lauf—Sie haben ihn erreicht—umringen ihn—
JOHANNA. O hat der Himmel keine Engel mehr!
ISABEAU (hohnlachend). Jetzt ist es Zeit! Jetzt, Retterin, errette!
JOHANNA (stürzt auf die Knie, mit gewaltsam heftiger Stimme betend).Höre mich, Gott, in meiner höchsten Not,Hinauf zu dir, in heißem Flehenswunsch,In deine Himmel send ich meine Seele.Du kannst die Fäden eines SpinngewebsStark machen wie die Taue eines Schiffs,Leicht ist es deiner Allmacht, ehrne BandeIn dünnes Spinngewebe zu verwandeln—Du willst und diese Ketten fallen ab,Und diese Turmwand spaltet sich—du halfstDem Simson, da er blind war und gefesselt,Und seiner stolzen Feinde bittern SpottErduldete.—Auf dich vertrauend faßt' erDie Pfosten seines Kerkers mächtig an,Und neigte sich und stürzte das Gebäude—
SOLDAT. Triumph! Triumph!
ISABEAU. Was ists?
SOLDAT. Der König istGefangen!
JOHANNA (springt auf). So sei Gott mir gnädig! (Sie hat ihre Ketten mit beiden Händen kraftvoll gefaßt und zerrissen. In demselben Augenblick stürzt sie sich auf den nächststehenden Soldaten, entreißt ihm sein Schwert und eilt hinaus. Alle sehen ihr mit starrem Erstaunen nach)