Siebentes Kapitel.

Felix, atque ortu vere dicenda beato,Vivere quæ potuit leproso juncta marito.

Felix, atque ortu vere dicenda beato,

Vivere quæ potuit leproso juncta marito.

Indessen das Gesetz verordnete, diese armen Leute aus ihrem Hause zu jagen, bestrebte sich so die Natur, ihnen die Mittel zu bieten,wie sie da mit Ehren bleiben konnten. Dieß ist nicht das einzigemal, wo die Gesetze und die Natur sich mit einander im Widerspruche fanden.

Ein sehr berühmter Arzt hat durch einen schönen Schluß erwiesen, daß von dem Aussatze diese Wirkung nothwendig erfolgen müsse. Die Kakomonade hat diesen Vortheil bei weitem nicht. Man kann also schließen, daß sie miteinander nichts gemein haben.

Die einzige Aehnlichkeit, die ich an ihnen sehe, ist, daß sie alle beide nach eben so ungerechten, als blutigen Feldzügen in Europa überpflanzet worden sind. Die Kreuzzüge, und die Verheerung der Insel Hispaniola sind die Epochen der zwoen größten Plagen, mit denen das Menschengeschlecht seit der Erbsünde her in Europa heimgesucht worden ist. Es scheint, ob hätte die Natur den Ländern, die wir usurpiren wollten, vorsetzlichum uns zu strafen etwas mitgetheilet, womit sie das Blut ihrer unbarmherzigen Eroberer anpesten sollten.

Dennoch wird uns dieß Beispiel nicht bessern. Man spricht von unentdeckten Ländern, von neuen noch unbekannten Welten an der Süderseite. Der Geiz ist auf dieses ihm so schmeichelhafte Gerücht schon aufgewacht. Man hat sich gewagt, sie zu suchen. Die Nebel, und vielleicht das Mitleid der Vorsicht haben uns ihnen bisher entzogen. Man darf alles welten; wenn wir sie je entdecken, so führen wir dort unsere Habsucht, und unsere Grausamkeit ein, und sie beschenken uns zur Wiedervergeltung mit einer dritten Plage, womit wir sehr sorgfältiglich unser Klima zu bereichern suchen werden.

Dem sei, wie ihm wolle; aus dem Vorhergehenden sieht man übrigens, daß die Kakomonade in Rücksicht unser kein gar grossesAlterthum hat. Wie sehr man sich auch bestrebt, die Ehre ihrer Geburt den frühern Jahrhunderten zuzueignen; so setzen sich Vernunft und Wahrheit dagegen. Alle Vernünfteleien, und alle Erzählungen in dieser Hinsicht sind falsch. Keine ist gegründet, außer derjenigen, welche die Rückkunft des Christophorus Kolumbus in Europa als den Zeitpunkt angiebt, in welchem die Vergnügungen der Liebe da gefährlich zu werden begannen.

Bei der Unternehmung dieses wahrheitvollen Werkes machte ich mir die genaueste Aufrichtigkeit zum Gesetze. Daher muß ich selbst jene Dinge anführen, die meinem Sisteme entgegen zu stehen scheinen. Nun scheint dieß durch gewisse Vorschriften erschüttert, die um das Ende des vierzehnten Jahrhunderts von einer großen tugendvollen Königinn einem erbaulichen Hause gegeben worden sind. Ich hielt für gut, sievollständig anzuführen, damit jene, die etwa versucht werden möchten, sie zu lesen, sich desto besser unterrichten könnten.

Im Jahre tausend dreihundert sieben und vierzig hat unsere gute Königinn Johanna erlaubet, in Avignon ein B — — — zu erbauen. Sie will nicht, daß alle galanten Weibsleute sich in der Stadt ausbreiten; sondern sie befiehlt, sich in dem Hause verschlossen in halten, und, um kennbar zu seyn, aufder linken Achsel ein rothes Nestel zu tragen.

Item: Wenn einem Mädchen eine Schwachheit zustieß, und sie sich mehrere erlauben will, so soll der erste Gerichtsdiener sie, unter dem Arme bei dem Schlage der Trommel mit dem rothen Nestel auf der Achsel, durch die Stadt führen, und sie zu den übrigen in das Haus einquartiren; Er soll ihr verbieten, sich außer dem Hause in der Stadt sehen zu lassen, unter der Strafe, daß sie das erstemal heimlich gepeitscht, das zweitemal öffentlich gepeitscht, und auf den Schub gegeben werden würde.

Unsere gute Königinn befiehlt, das Haus soll in der Gasse der gebrochenen Brücke, nahe am Kloster der Augustinerbrüderbis zum steinernen Thore erbauet werden, und an der nämlichen Seite eine Thüre haben, wo Jedermann hindurchgehen, die man aber doch mit einem Schlüssel versperren, könne, damit die Jugend die Mädchen nicht zu besuchen vermöge, außer mit der Erlaubniß der Äbtissinn, oder Vorsteherinn, die alle Jahre durch die Bürgermeister ernennt werden soll. Sie soll die Jugend ermahnen, kein Aufsehens zu machen, und die Mädchen nicht zu kränken. Sonst würde sie, bei der mindesten Klage, die sich gegen sie erheben würde, mit dem Schritte aus dem Haufe, durch den Gerichtsdiener in Verhaft geführet werden.

Die Königinn will, daß alle Sonnabende die Superiorinn, und ein von den Bürgermeistern abgeschickter Barbier alle Mädchen, die sich in dem B — — — befindenwerden, visitiren soll; und findet sich eine darunter, für welche dieß Metier verdrüßliche Folgen gehabt hat; so soll diese von den andern abgesondert, sie soll in einem abgelegenen Orte eingewohnt werden, damit Niemand zu ihr könne, und man bei der Jugend gewisse Zufälle verhüte.

Item: So sich ein Mädchen fände, das schwanger würde, da soll die Vorsteherinn wachen, daß sie ihre Frucht nicht abtreibe; auch soll sie die Bürgermeister davon berichten, damit sie das Kind versorgen.

Item: Die Vorsteherinn soll am Charfreitag, und Charsamstag, wie auch an dem glorreichen heiligen Ostertag Niemanden den Eintritt in das Haus gestatten, beiStrafe der Kassazion, und öffentlichen Stäupung.

Item: Die Königinn will, daß die Mädchen alle unter einander ohne Zänkereien und ohne Eifersucht leben; daß sie sich nichts entwenden, und sich nicht raufen, sondern sich wie Schwestern lieben sollen. So eine Klage entsteht, so hat die Vorsteherinn sie unter sich zu vergleichen, und sie sollen schuldig seyn, auf ihren Ausspruch sich zu beruhigen.

Item: So ein Mädchen einen Diebstahl begangen hat, da soll die Vorsteherinn sie das Gestohlene in Güte zurückgeben heißen. Sollte sich die Diebinn der Zurückgabe weigern, so wird sie das erstemal von einem Gerichtsdiener auf einem Zimmer, imRückfalle aber durch den Scharfrichter in der ganzen Stadt gestäupet werden.

Item: Die Vorsteherinn soll keinen Juden annehmen. Im Falle sich einer fände, der sich durch List hineinstähle, und mit einem der Mädchen bekannt wäre, der soll eingezogen, und dann öffentlich durch die Stadt gepeitschet werden.

Wenn man den letzten Artikel liest, so kann man nicht genug die Delikatesse des Sammlers der Gesetze bewundern. Er wollte die ungläubigen Juden eines Hilfsmittels berauben, welches für die gläubigen Christen bereitet war. Vielleicht wollte er diese verirrten Unglücklichen wie wilde Thiere behandeln, die man mit Hungerund Durst bändiget. Das wäre ein seltsamer Weg, sie in den Schooß der Kirche zu führen. Doch, man weis es ja; es gab Jahrhunderte, wo man allerhand Wege einschlug, um das Herz des Menschen zu unterjochen.

Wie Johanna diese so nützliche Einrichtung machte, mochte sie beiläufig drei und zwanzig Jahre haben. Vielleicht wird man schwer glauben wollen, daß eine Prinzessinn von diesem Alter darauf bedacht gewesen sey, sich zur Gesetzgeberinn einer derlei Stiftung zu machen. Aber, wenn man dabei bedenkt, daß diese schöne Königinn damal schon einen Ehemann, der ihr mißfiel, aufhängen ließ; daß sie dreien anderen, derer sie nach und nach müde ward, das nämliche Schicksal bestimmte; daß sie in der großen, Kunst, sich so von eckelhaften Männern zu befreien, keine ihres Gleichen hatte, als die Königinn Maria Stuard, deren Tod den UmstehendenThränen erzwang, und die ganze Christenheit auferbaute: — so wird man weniger erstaunen, daß sich Johanna so frühzeitig mit den Vergnügungen ihrer Unterthanen beschäfftigt habe.

Uibrigens waren die Gesetze, denen sie die Werkzeuge derselben unterwarf, sehr weise; und es wäre zu wünschen, daß man sie überall annähme, und daß unter andern die Visitation nicht vergessen würde. Denn die menschliche Schwachheit scheint einmal doch von den Fürsten einige Nachsicht, besonders aber ihre Aufmerksamkeit auf die Erleichterung, die man ihr bereitet, zu erheischen. Und sie sind auch im Gewissen verbunden, sorgfältig zu wachen, um bei der Jugend gewisse Zufälle zu verhüten.

Diese Untersuchung scheint dem, was ich bisher gesagt, zu widersprechen, und die Epoche der Kakomonade früher anzusetzen.Wenn man schon seit dem vierzehnten Jahrhunderte mit den öffentlichen Lustmädchen sich in Acht nehmen mußte, so folgt daraus, daß auch ihre Waare schon eine koagulirende oder korrosive Wirkung an sich hatte. Und so könnte man vermuthen, daß sie schon seit jener Zeit der Unbequemlichkeit unterworfen waren, die hier der Gegenstand unsrer tiefsinnigsten Untersuchungen sind.

Unterdessen sieht man, wenn man es recht erwägt, daß aus diesem Zuge der Geschichte sich gegen meine Grundsätze kein Widerspruch ergiebt. Bürge dafür ist mir der hochgelehrte Arzt, der mir einen Theil der seltsamen Bemerkungen an die Hand gab, mit denen mein Buch bereichert ist. Er beweiset bis zur Evidenz, daß der vierte Artikel der Königinn Johanna jene, die mit mir gleich denken, nicht aus der Fassung bringen darf. Vor dem fünfzehnten Jahrhundert konnten die Gegenständeder Zärtlichkeit dieser schönen Königinn andern Ungemachen ausgesetzt seyn, als diejenigen sind, die durch eine unbekannte Ursache auf San Domingo hervorgebracht wurden.

Man weis zur Gnüge, daß auch noch in unsern Tagen die Kakomonade nicht die einzige gefährliche Macht ist, welche an solchen Orten, wie jene waren, die die Gräfinn von Avignon in ihren Schutz nahm, herrschet. Nichts also kann die Feste meiner Grundsätze erschüttern. Es ist evident, daß bis zum Ende des fünfzehnten Jahrhunderts die Vergnügungen wenig ansteckend waren. Man konnte sich ihnen noch ohne viele Furcht überlassen, als ein Italiäner es für gut fand, die Kakomonade Europen, und durch Europen der ganzen Welt mitzutheilen.

Dreihundert Jahre sind es, daß uns ein Genueser das Glück verschaffte, Amerika zu kennen. Man ist nicht im Stande, sich genug bei den Vortheilen aufzuhalten, die uns daraus zugeflossen sind. Diese Entdeckung brachte uns das Vergnügen zu Wege, auf unsern Kleidern Tressen zu tragen, und um das Dreifache mehr für das Brod — zu bezahlen. Seit diesem glücklichen Augenblicke ists, daß unsre Frauenzimmer Papageien, und unsre Matrosen den Scharbock haben. Seit dieser Zeit fand man sich in Europa in den Stand gesetzt, Jahr für Jahr nach allen Regeln zweimal hundert tausend Menschenzu erwürgen, anstatt, daß zuvor die durch das Kriegs- und Völkerrecht gesetzgekräftigten Massakres sich höchstens auf beiläufig sechzig tausend beliefen.

Das erste Schiff, welches so, mit den Produkten der neuen Welt befrachtet, in Spanien anlandete, erregte da ein allgemeines Erstaunen. Man ward nicht müde, die Helden zu bewundern, welche so weit her, und mitten durch so große Gefahren, neue Quellen für die Glückseligkeit des Menschengeschlechtes geholet hatten. Man ward entzückt, da man die Frucht ihrer Arbeiten erblickte.

Auf dem Verdecke, und an den für das Auge angenehmsten Orten nahm man kurze Gewänder von rothen Federn wahr, die mit dem Blute der Indianer gemalet waren; Ohrringe, an denen die Spitzen der Ohren hiengen, von denen man sie abgerissen hatte;Ringe, die man sammt den Fingern ihrer vormaligen Besitzer mit übergeführet hatte; goldne Nasenringe sammt den Nasen, die lange Zeit damit sich gebrüstet hatten.

Die Argonauten des sechszehnten Jahrhunderts pochten mehr auf Muth, als auf Geduld, um sich desto geschwinder den Schmuck der Karaiben zuzueignen, raubten sie mit einem den Schmuck, und den Theil des Körpers, an dem er befestiget war, ab. Alles, was die Ehre hatte, mit Golde bedeckt zu seyn, blieb sammt seiner Zierde unter den Händen der Sieger. Dieß geschah, um die Zeit zu ersparen, mit welcher die Eroberer aller Jahrhunderte gewaltig geizten. Diese Oekonomie both eine überflüssige Ladung für ein Schiff, das nach Spanien kam, um da die Beute aus einem andern Welttheile auszukramen.

Während dieses Schauspiel alle Augen auf sich zog, ward man der Kakomonade, die hinter so vielen kostbaren Gepäcken verborgen lag, nicht gewahr. Sie machte sich fertig, festen Fuß zu fassen, und wählte sich schon ihre Wohnungen mitten unter dem Haufen, der sie umgab. Sie hatte sich bald ausgeschifft, und folgte dem Christoph und Martin Kolumbus bis nach Hofe, wo eine tugendhafte Königinn, Namens Isabelle, den Thron besaß, von dem sie so eben ihren Bruder herabgestossen hatte.

Diese weise Prinzessinn mit ihrem Gemahle, dem aufrichtigen, großmüthigen Ferdinand dem Katholischen, hatte dem Könige von Neapel, ihrem Blutsfreunde geschworen, ihn zu beschützen. In der Folge fanden sie, daß es edler, anständiger, und gerechter wäre, ihn auszuplündern. Sie ließen also zu Barzellona zu diesem Felszuge ihre Trouppen die Schiffe besteigen.

Die Trouppen giengen unter Seegel mit einer ganz neuen Gattung von Provisionen. Einen Hauptartikel davon machte die Kakomonade, ob sie gleich in die Verzeichnisse der Proviantmeister nicht eingetragen war. Sie reiste zu gleicher Zeit mit der Armee. In Italien, dessen Landesgebräuche ihr nicht günstig waren, machte sie Anfangs schlechte Progressen. Aber zu ihrem Glücke hatte sich Karl der Achte in den Kopf gesetzt, den heiligen Vater Alexander den Sechsten zu Rom zu besuchen.

Jedermann weis, wie unnütz, und prächtig dieser Feldzug war. Die französischen Ritter entwickelten da den wunderbarsten und fruchtlosesten Heldenmuth. Reißenden Fluges brachten sie Mailand, Florenz, Rom, Neapel, und die Kakomonade an sich; aber von allen Eroberungen, war diese letzte, die sie am liebsten aufgegeben hätten, die einzige, die ihnen blieb.Bei ihrer Heimkehr, überpflanzten sie sie in ihr Vaterland, wo die französische Galanterie sie mit allen Ehren empfieng; und dieß war beinah der einzige Nutzen, der unsern Verfahren aus einem so herrlichen Feldzuge zufloß.

Indessen die alte Bewohnerinn von Amerika sich so unter dem Gefolge einer Menge wackerer Krieger den Eingang in Frankreich öfnete; entwischte sie von Zeit zu Zeit, um auch in den übrigen Theilen der Erde Kolonien anzulegen. Sie schwamm die Rhone hinunter um in der Themse zu ankern. Sie maß die Pireneen zurück, um queer durch Spanien in Portugal zu eilen. Sie schifte sich zu Lisabon ein, um von Goa Besitz zu nehmen, den sie gemeinschaftlich mit der heiligen Inquisition noch behauptet.

Von Kadix reiste sie nach Fez in Mauritanien mit einigen Juden oder Mahometanern,welche der religiose Ferdinand, der Katholische in seinem Reiche nicht dulden wollte. Sie drang mitten durch die Sandberge von Afrika bis zur Zone torrida ein. Sie wagte sich ohne Furcht unter jene schrecklichen Weiber der melindischen Küste. Sie breitete sich aus von dem Ursprunge des Senegal an bis zur Kafferei, und von Monomotapa bis an die Mündung des Nil. Sie wurzelte überall mit den Jesuiten, die dem ungeachtet nicht ihre eifrigsten Missionarien waren. Unermüdet, wie sie, aber in einer andern Art, faßte sie geschwinder als sie in den beträchtlichsten Wechselstuben Fuß. Sie hinterließ einsichtige Faktoren, die sichs angelegen hielten, die Anzahl ihrer lockeren Gesellen zu vermehren.

Mit mehr Bequemlichkeit begab sie sich durch Marseille nach Syrien und Aegypten. Sie durchsuchtedie morgenländischen Handelsplätze. Die eisernen Gitter am Serail machtensie knirschen vor Zorn. Röthe überzog ihr das Gesicht bei dem Anblicke von einem Haufen Menschengestalten, die, nicht nur unfähig sie mitzutheilen, sie nicht einmal anzunehmen im Stande waren. Unterdessen fand sie doch mittels der miethbaren Zirkassierinnen, die hier nicht seltner, als anderswo sind, und mit denen das Gesetz Mahomets den Umgang den Unbeschnittenen eben sowohl als den Gläubigen gestattet, einen Eingang bis zu denstolzen Muselmännern von der Sekte Omars.

Liebreich übersetzten sie diese zu den Ketzern von der Sekte des Aly, welche sie führten zu den Unterthanen des Mogul, die da anbeten den Brama und den Visthnu, welche sich Mühe gaben, sie mit Binsen zu versehen, um sie nach Makao und Nangazoni zu den Theologen des Fo und des Kaka zu übersetzen.

Auf ihrem Wege stieß sie an die Küste von Malabar. Sie nahm in den Philippinen und Moluken unter dem Schatten der Ananas und Kokusbäume Erfrischungen zu sich. Sie nährte sich da von Mußkatnißen, und Zimmet. Nachdem sie so die Ende der Welt durchwandert hatte, betrachtete sie mit Bewunderung den weiten Bezirk ihrer Macht.

Es giebt, sagte sie mit Entzücken, rothe und erzfärbige, milch- und pomeranzenfärbige, aschgraue und kohlschwarze Menschen, und all das gehört mein.

Man findet ihrer, die mit dem Safte von Trauben, von Aepfeln oder von Gerste, der durch die Gährung sauerte, sich berauschen; andere, die mit eben diesem Safte, den sie durch das Feuer distilliren, sich leckerhaft vergiften; andere die einen braunen, und ungesunden Staub in die Nase stopfen; andere, die mit Baumblättern Kalk fressen;andere, die ihre Nachbarn stäupen, oder erwürgen lassen; und all das gehört mein.

Man sieht Weibsleute, die sich kaleinirtes Bley über das Gesicht schmieren; andre, die sich die Wangen, oder Arme mit Indigo, färben; andere, die ihren Hals zeigen; andere, die nichts, als allein ihren Hintern bloß tragen; andere, die sich parfümiren, und frisiren, um Liebhaber an sich zu locken; andere, die dieselben, wenn sie sich zu gewissen Zeiten bei ihnen aufhalten, mit der Pest beschenken; und all das gehört mein.

O tapfrer und berühmter Christoph Kolumbus! o ihr meine getreuen, und vielgeliebten Kastilianer! ewiger Segen sey mit euch, die ihr mein Geschlecht, wie den Sand am Meere, und meine Nachkommenschaft wie die Sterne am Himmel vermehret habt. Mögen die Schätze, des Potosi für euch so unerschöpflich werden, wie die meinigen!möchtet ihr unaufhörlich eben so die Stützen meines Reiches seyn können, wie ihr die ersten Verbreiter desselben waret!

Nachdem sie sich so von ihrer Dankbarkeit, und von ihren Eroberungen Rechenschaft gegeben hatte, begab sich die Kakomonade auf den Weg, um neue zu machen, oder um die alten fester zu gründen; Das Fuhrwerk, dessen sie sich bediente, war sanft. Kein Wunder, daß sie nach so langwierigen, und so schnellen Reisen dennoch im Stande war, nach Frankreich zurückzukommen, das sie zum Mittelpunkte ihres Reiches bestimmet zu haben schien.

Man muß nicht vergessen, daß sie bey jeder ihrer Wanderschaften die Kleidungsart, und den Namen der Nation annahm, von welcher sie abreisete. In Frankreich war sie eine Neapolitanerinn, zu Neapel und Madrid eine Französin, zu Lisabon eine Kastilianerinn,zu Nangazaqui eine Portugiesinn, zu Ispahan eine Türkinn, und zu Konstantinopel6)wieder eine Französinn. Vielleichtgiebt es nichts so schönes, als der Anblick ist, wie sie über Gebirge und Meere setzte, sich vom Adamspik auf die Spitzen des Imaus schwang, und von den Ufern von Kalifornien nach Madagaskar flog. Wir glaubten, daß dieses Schauspiel wenigstens sein Kapitel verdiente.

Wir sahen die Kakomonade durch eine schöne Pforte in Frankreich eingehn. Sie säumte nicht, der ganzen Nation Beweise ihrer Dankbarkeit zu geben. Sie breitete sich daselbst bis zum Uebermaaß aus. Wenn man den Geschichtbüchern der damaligen Zeit Glauben beimessen will, so nahm sie F — — E — — — sich zur Seite auf den Thron. Es kostete ihn nur fünfhundert Thaler, sein Zäpflein, und die Haare. Doch fand er bald Ersatz für sein Leisereden, und um sich das Haupt wohl zu bedecken.

Die erfinderischen Köpfe, womit Frankreich von jeher angefüllt war, litten es nichtlange, daß ihr König so weit gebracht seyn sollte, keine andere Koeffüre, außer einer Schafmütze zu haben. Sie machten bald eine weit edlere, deren Stof vom Menschen selbst genommen war. Geschickte Hände verfertigten jene sinnreichen Zöpfe, welche dem Werke der Natur nachahmend die schmucklose Glatze einer Hirnschaale mit einem Walde von Haaren besetzen, die sie selber nicht hervorgebracht hat.

Es hat Jemand gesagt, wenn ein König einäugig wäre, so könnte unter den Hofleuten leicht die Mode aufkommen, nur ein Aug zu tragen. Das Beispiel F — E — war nicht so schwer, nachzuahmen. Er hatte das Vergnügen, seine Unterthanen in die Wette ihm folgen zu sehn. Wenige Zeit darauf sah man von der Rhone an bis zur Maas keine andern, als falsche Haare, und vernahm keine anderen, als erstickte Stimmen.

Seit dem hatten wir Könige, welche ihr Zäpflein nicht verloren, und derer Stimmen sich wieder eingefunden haben; dennoch sind die Perücken ungeachtet aller Verfolgung der Geistlichkeit geblieben. Diese hoch- und wohlehrwürdigen Glieder der Kirche schienen lange Zeit über die Unanständigkeit, welche sie hervorgebracht hat, entrüstet. Sie untersagten allen ihren Dienern den Gebrauch derselben, und es ist noch nicht lange, daß ein kahlköpfiger Priester nur mit vieler Mühe von seinem Erzbischofe die Erlaubniß erhielt, sich dieses Hilfsmittels, das erfahrnern Personen noch verdächtig scheinen kann, unschuldig zu gebrauchen.

Die Noth hat in der Folge die Laien nachsichtiger gemacht; allein die Mönche haben den nicht gar ehrsamen Ursprung der Perücken nicht vergessen. Sie sind noch itzt aus allen Klöstern verbannt, oder wenigstens doch aus jenen, die da einen großen Geruchvon Regelmässigkeit von sich geben wollen.

Die Karmeliter, die sich wegen ihres Standes, und aus freier Willkühr der Keuschheit weihn, duldeten unter sich nicht einen Haarschmuck, der seinen Ursprung nicht ihr zu danken hat. Die Kapuziner, zufrieden, natürliche Haare in ihrem Gesichte zu tragen, achteten nicht darauf, sich erborgte auf den Kopf zu pflanzen. Die andern Mendikanten, der Mässigkeit, und ihrer Regel getreu, wie die Franziskaner, oder der Nettigkeit ergeben, wie die Baarfüsser &c. wollten ein Gut nicht haben, von dem der große heilige Franz nie etwas gewußt hat.

Vielleicht fürchteten sie, der Gebrauch desselben möchte den Verdacht erregen, als hätten sie ebenfalls Wundmaalen von einer andern Art, als jene ihres verehrungswürdigen Patriarchen waren. Vielleicht auch schrecktesie der Gebrauch des Kammes ab, dessen ein geschorener Kopf entübriget ist. Wenigstens ist gewiß, daß sie ohne alle Unruhe kunstverständige Barbierer bei den Bäurinnen in den Dörfern die Schur vornehmen sehn; und wenn sie diese allein, oder abseits antreffen, so sind es niemal Haare, was sie sich von ihnen erbitten wollen.

Indessen war diese ausgemachte Verachtung dennoch ihrem Gegenstande nicht schädlich. Die Perücken, durch ein königliches Bedürfniß veranlaßt, scheinen dadurch in den Augen der europäischen Nazionen nur veredelt worden zu seyn. Lange Zeit maß man ihr Volumen nach der Würde, oder Fähigkeit des Gegenstandes ab, welcher sich damit schmücken sollte. Vorzüglich bei Hofe schätzte man diese Art, den Werth der Menschen zu bestimmen, hoch. Man konnte versichert seyn, daß eine Masse Haare von drei Schuhen in das Gevierte ein erhabneresVerdienst ankündigte, als dasjenige war, das nur eine Masse von zween Schuhen bestimmte.

Diese Zeit war die Zeit unsrer Herrlichkeit. Es scheint, als wäre die Ehre unsrer gegenwärtigen Reiche, gleich der Stärke Samsons, mit geheimnißreichen Zöpfen verbunden gewesen, vor denen das Schwert Ehrfurcht haben sollte. Wir haben gestattet, daß die unheilige Scheere der Philistäer sie berührte. Die Mode, als eine zweite Dalila, legte ihre Hand an die erhabenen Hüllen, welche den Augen des gemeinen Mannes die Weisheit, und den Tiefsinn der Bemerkungen unsrer Väter entzogen.

Man weis auch, was daraus entstanden ist. Nach dieser fatalen Operazion wachten unsre itzigen Völker auf ohne Stärke, und ohne Herzhaftigkeit. Seit dem die kleinen Perücken auf den Köpfen sitzen, brachten siedenselben nur kleine Einsichten hervor. Die leichten Haaraufsätze ließen die Substanz evaporiren, welche zuvor die weiten Hauptdecken da nährten. Von der Zeit an haben sich unsre Gehirnchen volatilisirt, so wie sich bei ungeschickten Distillirern die Geister flüssiger Körper zerstreuen, wenn der Helm und die Distillirflasche nicht recht wohl verpichet sind.

Das Gebieth der Perücken hat sich also vermindert; aber die Macht ihrer Mutter hat es sich nicht. Mit jedem Tage sieht man noch ihre Fortschritte sich vermehren.

Der Arme dessen Hütte Stroh und Rohr bedeckt,Erkennet ihre Macht;

Der Arme dessen Hütte Stroh und Rohr bedeckt,

Erkennet ihre Macht;

Sie wird vom Krieger, nicht vom Thor der Burg verschreckt,Wo der des Königs wacht.

Sie wird vom Krieger, nicht vom Thor der Burg verschreckt,

Wo der des Königs wacht.

Aus dem Vorhergesagten sieht man, daß die Kakomonade ein gemeinschaftlicher Feind ist, wider den man sich zu vereinigen hat. Sie macht sich gleich feindlich an den Szepter, und an den Hirtenstab. Der Szepter und der Hirtenstab also müssen gleich eifrig zusammen stehn, sie aus dem Felde zu schlagen. Zu diesem Endzwecke hat man schon verschiedene Mittel versucht, aber alle wenig wirksam, alle unzureichend.

Die Geschichte erzählt, daß bei der ersten Schlacht zwischen den Römern und Griechen, diese, da sie die Sieger blieben, sich zur Unterhaltung mit der Untersuchung der Wunden beschäftigten, welche ihre Kriegsgenossen, die im Gemenge umgekommen waren, empfangen hatten. Sie entdeckten gespaltene Köpfe, abgehauene Arme, und an Brust, und Rücken durchschossene Körper. Die Geschichte setzt hinzu, daß so, wie ihre Waffen sie nur etwas aufritzten, sie den Gedankennicht aushalten konnten, sich mit Leuten zu schlagen, die solche Hiebe austheilten. Der bloße Anblick eines italiänischen Säbels machte in der Folge sie zittern; und dieser Schrecken, trug nicht wenig bei, ganz Griechenland der Macht der Römer unterwürfig zu machen.

Man kann sagen, daß es bei der Ankunft unsrer Reisenden das nämliche Bewandniß hatte. Die Doktoren hatten sich mit den Bürgerinnen unsrer Himmelsstriche vertraut. Sie kurirten ohne Anstand die Unverdaulichkeiten, die Fieber, und andere Krankheiten, welche durch unsere Wehen ihre Glücksgüter befestigten. Aber das Vertrauen auf ihre Kunst fiel bei dem Anblicke eines Gesichtes, wovon Hyppokrates keine Züge anatomirt hatte. Bei der Herannäherung dieses furchtbaren und unbekannten Feindes sah man sie die Flucht ergreifen.

Es ist wahr; ihre Gegenwart kündigte sich durch etwas schreckliche Zeichen an. Man ließ seine Nase im Schnupftuche zurück. Man spuckte seine Zunge aus, und die Drüsen, die sie stärken. Wenn man einen Stein werfen wollte, so erstaunte man, daß man seinen Arm hinweggeschleudert habe. Man fand sich ganz in den Zustand der Wächter des Serails versetzt, denen die Vorsicht der Türken das Vermögen nimmt, auch nur den Schatten eines Verdachts erregen zu können. Man sah eine so schreckliche neue Erscheinung als die stärkste Waffe des Todes an. Man überredete sich, das Menschengeschlecht sei durch diese neue Art, mit der es angegriffen wurde, seinem Untergange nahe gebracht.

Um das Maaß der Furcht vollzufüllen, bildete man sich ein, sie wäre so ansteckend als die Pest. Man wußte nicht, daß es nur eine Art gäbe, sich ihr auszusetzen, und daßman immer die Freiheit hätte, sich davor zu verwahren. Das Mißtrauen war in die ganze Gesellschaft verbreitet. Jeder zitterte für seine Person. Unbarmherzig entfernte man sich von den Unglücklichen, die damit geschlagen schienen. Gleichzeitige Schriftsteller gestehen, daß viele davon, welche man aus allgemeiner Furcht verlassen hatte, in der Tiefe der Wälder zu Grunde giengen.

In dieser allgemeinen Beklommenheit verlor die Fakultät ihren Kopf, Eskulap, aus seiner Fassung gebracht, hörte auf, Orakelsprüche zu geben. Das war keiner jener Augenblicke mehr, wo mit lauem Wasser, und einem Strome von Beredtsamkeit ein Doktor aus der Kraft der Natur sich seine Ehre machen konnte. Hier blieb sie in der Unthätigkeit; sie wurde auf der Stelle überwältigt. Mit großem Geschrei rief sie die Kunst zu Hilfe, und die betroffene, gedemüthigte Kunst konnte nur ihr unnützes Mitleidan sie verschwendet. Es fiel ihr gar nicht ein, eine Gegnerinn zu verfolgen, die sie sich nicht einmal zu besichtigen wagte.

Unterdessen wurde mit der Zeit durch die Gewohnheit ans Schauspiel sein Eindruck vermindert. Leute ohne Namen, Scharlatane, frecher, oder gewinnsüchtiger, als die Doktoren, fanden sich zu einem Kampfe ein, dessen Sieg sie treflich bereichern müßte. Für den Erfolg konnten sie nicht stehen, aber wenigstens brachten sie doch die Hofnung aufs Geld.

Man machte Versuche; man wagte Eintrichterungen von Säften; man erholte sich bei chymischen Zubereitungen Raths; man zog China und Amerika zur Steuer; man bannte den Hyppokrates ins Leben; dennoch erhielt man keine Kenntnisse, und zankte sich schon mit vieler Hitze über die Mittel, sich dieselben zu verschaffen.

Endlich kam bei dieser Gelegenheit, wie bei allen andern, das Ungefähr der Wissenschaft zu Hilfe. Man hatte eine flüßige Materie unter den Händen, weiß wie Silber, und schwerer, als es; aber bekannt, durch ihre Eigenschaft, sich an die andern Metalle anzuhängen, und selbst unter die Metalle gerechnet, ohne daß man viel wußte, warum. Niemand konnte sich einfallen lassen, daß dieß mit Fette abgetrieben, und auf die Haut gelegt, oder mit andern Ingredienzien, die seine Wirksamkeit mäßigen konnten, vermischt, und zu trinken gegeben, den glücklichen Erfolg haben sollte, diese Fremdlinginn, deren Aufenthalt ihren Gastfreunden so verderblich war, zur Flucht zu zwingen.

Wirklich behauptet man, daß manche sehr erfahrne Araber in einigen Umständen sich dessen schon bedienet haben. Sie brauchen es, sagt man, um die Läuse zu tödten,um die Zittermaale zu vertreiben, um das Jücken, und andre Krankheiten der Haut zu stillen. Aber in Europa wußte man von ihrer Methode nichts. Und hätten auch Avicenna, oder Serapion davon geredet, so wars darum unsern Vorfahren um nichts leichter zu errathen, daß das, was gegen die Läuse gut war, es auch gegen die Kakomonade sey. Was man übrigens Gewisses weis, ist, daß die Entdeckung davon gemacht wurde, daß man sie annahm, und daß sie von glücklichem Erfolge war.

Der Ruf davon säumte nicht, sich zu verbreiten. Von allen Seiten nützte man es. Das Sonderbare dabei war, daß sich die Fakultät mit all ihrer Macht dagegen setzte. Es war nicht ihr Wille, daß man ein Hilfsmittel suchte. Sie schien nach ihrer Gewohnheit nur dazu mit Muthe gewaffnet, um das Gefundene zu bekämpfen. Ganz Europa erscholl von den Deklamazionen gegendieses nützliche Fluidum, das sie bloß in die Barometres verbannet wissen wollte. Es stand nicht bei ihr, daß sich nicht die Obrigkeit ins Mittel legte, um den Gebrauch davon zu verbieten.

So sah man die Brechmittel heftig von den Vorfahren derjenigen verschrien, die sie heut zu Tage verordnen. So donnerte man mit der größten Entrüstung wider die Chinarinde, wider die Ipekakuana &c. auf eben jenen Lehrstühlen, wo man itzt ihre Heilkräfte mit Enthusiasmus zergliedert. So fand in unsern Tagen unter Leuten, die für weise gelten, die Inokulazion unversöhnliche Feinde. Zu Doktoren angenommene Aerzte haben eine Schrift unterzeichnet, wo man sagt, man sollte die Fremden auf ihre eigene Gefahr die Probe damit machen lassen.Schwerlich vielleicht würde man treffendere Beispiele von Inkonsequenzen anführen können, zu denen Leidenschaft und Stützköpfigkeit sogar unterrichtete Leute bringen können. Die Mode und Meinung sind in allen Dingen die Königinnen der Welt; aber das Quecksilber hatte durch seine Nützlichkeit gewiß nicht verdient, ihrer Kaprize unterworfen zu werden.

Man bestritt es nicht lange. Bald darauf, nachdem man versucht hatte, ihm den Stab zu brechen, sah man sich genötiget, es zu gebrauchen. Die Fakultät, von dessen Beistand versichert, wollte sich nun wieder den Unglücklichen nahen, an denen sie auf gewisse Art zur Verrätherinn geworden war. Aber der Platz war erobert. Eine Nebenbuhlerinn, von ihr lange Zeit verachtet, hatte sich des Augenblicks ihres Schreckens bemächtigt.

Da die Zeichen des Unglücks, dem man abhelfen sollte, sich von Aussen zeigten, und die herrschende Fakultät sie zu fürchten schien, so hatte eine andre, minder furchtsame, und thätigere Fakultät sie sich zugeeignet. Diese war die Erste, die mit einiger Methode den Gebrauch des flüssigen Silbers wagte, das, in den Händen der Empiriker, vielleicht eben so viel böse, als gute Wirkungen machte. Sie bemeisterte sich des Zutrauens des Publikums; und als die andern, von ihrem Schrecken zurückgekommen, einen Posten, mit dem sie schalten zu können glaubten, wieder einnehmen wollten, waren ihre Bemühungen darum vergeblich.

Eine Miene, reicher als die von Peru, öffnete sich hier. Die Usurpatoren behielten bis auf den heutigen Tag das Recht, beinah allein daran zu arbeiten. Die herrschenden Doktoren sehen sich mit Verdruß von der Quelle so vieler Reichthümer ausgeschlossen.Oft versuchen sies, sich dazu hinein zu stehlen; aber man gestattet ihnen nicht, die kostbare Komposizion zu verfertigen; welche die Fremde ihres Thrones beraubt, und das Geld der Kranken an sich zieht. Man erlaubt ihnen bloß nur, über die Theorie zu räsoniren, die nichts einbringt; nur am Einfahrt der Mine läßt man sie landen. Man gestattet ihnen, die Arbeiten, wenn sie es können, aufzuklären; aber das Graben darinnen, das allein nur Gewinnst trägt, ist ihnen gänzlich untersagt.

Wir ersuchen delikate Augen vorläufig, das ganze folgende Kapitel zu überschlagen, obgleich es das lehrreichste im ganzen Werke ist. Ungeachtet der Begierde, die Herr Panglos hatte, die Sacheauf eine ehrbare Art zu verschleyern, so ist es ihm vermuthlich nicht möglich gewesen, sie in diesem Dialoge zu mildern, wo er uns das Gespräch der redenden Personen anführt. Er würde gegen die Wahrscheinlichkeit und Wahrheit verstossen haben, wenn er an ihren Ausdrücken etwas geändert hätte. Dennoch muß man darum nicht glauben, daß sie empörend seyn. Sie haben nur die in einer ähnlichen Materie unvermeidliche Energie. Sies sind mit all der Behutsamkeit behandelt, welche man von den zween erlauchten Männern, die auf dem Schauplatz erscheinen, erwarten kann.

Das Metal, von dem so eben die Rede war, ist unstreitig der einzige Damm, den man den Einbrüchen der Kakomonade mit Nutzen entgegen setzen kann. Es begnügt sich sogar nicht damit, daß es ihre weitern Umsichgriffe hemmt, sondern es dringt bis zu ihrer Quelle ein. Es greift sie an, drängt, und entwurzelt sie. Deßwegen ist es auch bei weitem dem Golde vorzuziehn, das nicht allein die Krankheiten nicht heilt, sondernim Gegentheile die Leichtigkeit vermehret, sie alle an sich zu bringen.

Wenn man die Augen auf den folgenden kurzen Dialog wirft, wird man einen Begriff sowohl von seiner Wirksamkeit, als von den verschiedenen Arten, es zu zubereiten, und von ihren Folgen haben. Zween Männer führen das Gespräch. Der Eine davon ist eine von den litterarischen Magistratspersonen, die man in China Kolaos nennt, und die sich die Europäer, ohne davon den zureichenden Grund zu wissen, beifallen ließen, Mandarine zu nennen. Der zweite ist der Sohn meines nochgeehrten Herrn, des Herrn Baron von Donnerstrunkshausen. Ich hatte das Vergnügen, ihn zu Peking wieder anzutreffen, im Jahre unser Heils 1761. Er fieng da an zu Würden zu steigen. Er hatte mit einem Mandarin vom dritten Range folgende Unterredung gepflogen, und die Güte, sie mir mitzutheilen.

Der Mandarin. — Guten Tag, Eure Hochwürden. Ich ließ mich in meiner lakirten, unausgezierten Sänfte hieherbringen. Ich habe nur bloß dreißig Reuter bei mir, und achtzehn Tambours. Haben Sie mich entschuldigt darüber, ich wünschte Sie inkognito zu sehen.

Der Baron. Wären wir wohl so glücklich, Eurer Excellenz dienen zu können?

Mandarin. Ja, Sie können mir einen großen Gefallen thun.

Baron. Wollten Dieselben in der pneumatischen Maschine eine Katze den Geist aufgeben, oder mit der elektrischen Nadel den Donner ableiten sehn?

Mandarin. Nein, das führte mich nicht her.

Baron. Wollten Dieselben einiger Ballen roher Seide, einiges alten Porzellan los werden, und sie nach Europa schicken? Es ist hohe Zeit, Eure Excellenz; ich möchte es rathen. Sie werden bald im Preise fallen, seit dem erfahrne Chimisten dieses Geheimniß entdecket haben.

Mandarin. Das kümmert mich gar nicht.

Baron. Wollten Sie etwa zur Beichte gehn, und auf die Fürbitte des heiligen Ignazius von Lojola, des seligen Franziskus Regis, des großen heiligen Franziskus von Gonzaga, der sich eine feuchte Leinwand auf die Brust legte, damit ihm von der Liebe Gottes sein Herz nicht in Flammen gerieth, Verzeihung Ihrer Sünden erhalten?

Mandarin. Ei mein! Von all dem will ich nichts. Sie sollen mich bloß nur lehren,was für eines Geheimnisses Sie in den andern Ländern sich bedienen, wenn Sie die — — — — haben.

Baron. Ach! ach! Eure Excellenz — Wir! — Die? — — — Pfuy doch! —

Mandarin. Meiner Treue, Eure Hochwürden, ich habe sie, ich, — wie ich mit Ihnen rede. Nichts desto weniger habe ich alle meine Prüfungen mit Ehren bestanden. Ich ward bei dem grossen Konkurse im ersten Jahre der Regierung Fontchins aufgenommen. Ich führe den Pinsel so gut als Einer im Kaiserthume: der Schönheit meiner Schrift bin ich meine Stelle schuldig, und doch habe ich die — — — — Warum sollten nicht auch sie sie zuweilen haben?

Baron. Aber Eure Excellenz vergessen, was für ein Kleid ich zu tragen die Ehre habe. Man hat uns wohl in einigen Ortenvorgeworfen, daß wir dem Menschen viele Uibel zufügen; aber eines zu vertrauten Umganges mit den Frauenzimmern hat man uns nie geziehen.

Mandarin. Bei, meiner Seele! desto besser für sie! Daß ich nicht auch immer so klug war! So fände ich mich nicht in der Verlegenheit, die mir itzt die Ehre Ihrer Gegenwart verschaffet. Auf dem letzten Schiffe, das Ihnen Purpurtücher, Rosenkränze, Uhren, und Orgeln brachte, fand sich ein sehr schönes Frauenzimmer. Haben Sie nicht von ihr reden gehört?

Baron. Kein Wort. Wir kümmern uns um so Neuigkeiten nicht. Es maskirt sich der Teufel, Eure Excellenz, in dergleichen Gesichter.

Mandarin. Mag seyn, aber da ist er trefflich verkappt. In dem Augenblicke derAusschiffung befand ich mich eben am Borde. Ich sah dieses Frauenzimmer aus der Chalouppe steigen. Sie hatte so ein schön Stümpfnäschen! Ihre Augenlieder schloß sie mit so viel Anmuth! Ihr Mund war so schön gespalten, zog sich so angenehm durchschnitten von einem Ohre zum andern! Und einen Fuß, einen Fuß, Eure Hochwürden! — Mein Daumen hätte ihren ganzen Pantoffel ausgefüllt. Ich zweifle, ob man vom Flusse der Unmöglichkeit an, bis zum Flusse der Vergessenheit, je etwas schöners gesehen habe.

Baron. Dennoch geht der Raum zwischen diesen beiden Flüssen ziemlich in die Länge.

Mandarin. Macht nichts. Wie ich diesen kleinen Fuß sah, bewunderte ich die Oekonomie der Natur. Welche Wonnen, sagte ich bei mir selbst, wenn an allenTheilen die Verhältnisse genau beobachtet sind!

Ich wurde bald gewahr, daß die Natur dem Falle unterworfen sey, sich zu vergessen, und ich wollte wünschen, ich hätte außer über diesen Punkt, keine Erfahrung gemacht. Die schöne Fremde wurde von einem Bootsknechte gehohnneckt. So bald sie wußte, ich sey der Gouverneur, bath sie mich um Rache. Ich schlug ihr Bedingnisse vor; sie nahm sie an. Ich ließ den Bootsknecht abstrafen. Ich hielt mich für den glücklichsten Menschen. Der arme Teufel hatte die P — — —, und ich, geistlicher Vater, ich bekam noch viel was ärgers.

Baron. Gott straft Eure Excellenz. Er will nicht, daß man sich gegen das Weibsvolk zu gefällig erzeige. Er hat gesagt: Non moechaberis, und Sie leiden billig — —

Mandarin. Ich weis nicht, geistlicher Herr, ob es Gott ist, der mich krank gemacht hat; aber das seh ich wohl, daß Menschen mich gesund machen müssen. Unsere Aerzte wollen mich nicht annehmen; man sagt, Sie seyn sehr geschickt; Sind Sie es bis auf den Grad, daß Sie mir ein Mittel hierinn verrathen können? Ich nehme Ihnen sechs und dreißig Dutzend Rosenkränze ab, und gebe Ihnen hundert Pfunde Thee Peko, der noch nicht gesotten worden seyn soll.

Baron. Gut, wollen sehn. Ob wir gleich den Krankheiten wenig unterworfen sind, so haben wir doch immer allerhand Mittel bei uns, so, wie eine Menge anderer Dinge, die wir für uns nicht brauchen, sondern nur andern zukommen lassen. Hier kommts nur darauf an, daß wir eine Heilungsart wählen.

Mandarin. Mir scheint aber, es wäre die bekannteste, und beste anzunehmen.

Baron. Das ist bald gesagt; aber halten Sie die Wahl für eben so leicht! Von allen Arten, die ich kenne, ist keine einzige, die nicht durch große Namen, durch starke Beispiele, und durch schöne Schlüsse unterstützt, und bestritten wäre.

Mandarin. Die Namen, und Schlüsse sind nichts. Man muß sich nur an die Beispiele halten.

Baron. Ja in China. Aber es giebt Länder, wo man ganz anders denkt. Wenn etwas nur halbwegs nützlich scheint, so fragt man sogleich, von wenn das herrühre. Daraus zieht man denn in der Folge durch eine Kette von Schlüssen den Beweis, daß es böse sey; Und giebt man dessen Güte zu, so geschieht es immer so spät, als möglich.— Nun, nach welcher Art wollen Sie sich behandeln lassen? Durch Frikzionen?

Mandarin. Was verstehn Sie dadurch?

Baron. Ich nehme ein wenig von jener Salbe, die man das Neapolitanum nennt. Sie besteht aus Fette, und Merkurius. Damit reibe ich Ihnen alle Tage einen gewissen Theil des Leibes. Nach vierzig Tagen werden sie sich mit einer ölichten Rinde überzogen finden, von der Ferse an bis über die Achsel, und vom Schulterbeine bis an die Fingerspitzen. Sie werden fett, stinkend, sich selbst unerträglich seyn.

Mandarin. Aber doch endlich genesen?

Baron. Man darf es hoffen.

Mandarin. Ist keine Inkonvenienz dabei zu fürchten?

Baron. Sie vergeben. Ihr Kopf wird ungeheuer anschwellen; ihre Zähne werden locker werden, und vielleicht ausfallen. Ihr Zahnfleisch und die Gurgel werden voll Geschwäre seyn. Sie werden eine schreckliche Menge Speichel von sich geben. Sie können dabei um ein Aug, um einen Arm, um ein Bein, oder um das Zäpflein7)kommen, wie der höchstheilige König F — — E — — glorreichen Andenkens, und viele andere, die, bei weniger Ruhm, kein besseres Glück genossen.

Mandarin. Lieber Pater! Ich bedanke mich für die Frikzionen.

Baron. Man könnte sie mäßigen, und sie ihnen nur verlöschend beibringen. Man müßte Sie immer frottiren, aber sparsamer. Sie müßten mir manchmal Milch nehmen, um die Wirkung des Merkurs, wenn sie zu stark wäre, aufzuhalten. Sie werden weniger, spucken, weniger geschwellen, weniger stinken. Dieß ist bequemer.

Mandarin. In eine Gefahr dabei?

Baron. Die größte wäre, daß Sie nicht gesund würden.

Mandarin. Oh! oh!

Baron. Ohne Widerspruch. Je sanfter die Arztnei seyn wird, desto weniger wird sie wirken. Die wohlthätigen Kügelchen werden in die vom Gifte schwangern Theile nicht so tief eindringen können. Dieses darf nur ein wenig überflüssig seyn, sowird genug davon zurücke bleiben, um Sie bald noch ärger zuzurichten, als Sie es sind. Fünf oder sechs Jahre nach einigen leichten Tagen werden Sie sich neuerdings krank befinden, wie ein sehr geschickter Professor der Beredtsamkeit an der Universität zu Paris sich irgendwo ausdrückt.

Mandarin. Das ist traurig! Ach, mein Freund! wer hätte dieß bei dem Anblicke eines so kleinen Fusses gesagt?

Baron. Reden Sie von ihm nichts Böses: nicht er wars, der Sie verwundet hat. — Uibrigens verzweifeln sie nicht. Sie könnten auch versuchen, sich zu räuchern.

Mandarin. Wie geschieht dieß?

Baron. Sie müßten sich ganz nackt in eine Schachtel von Tannenholz setzen, die wohl verschlossen würde, und wo Ihnen nurder Kopf heraus stünde. Unter das Gesäß würde Ihnen eine Glutpfanne mit lebendigen Kohlen und Merkurius darauf gesetzt. Diese durch das Feuer volatilisirte, und durch die Maschine, und einen sie überdeckenden großen Mantel rund um Sie zurückgehaltene Flüssigkeit würde Ihnen nach und nach in die Poros eindringen. Sie würden sehr schwitzen, und vielleicht würden Sie sich endlich geheilet finden. Man weis Leute, denen diese Methode zu Statten kam.

Mandarin. Mir behagt sie nicht. — — Aber es ist doch sonderbar: Sie sind so ein geschickter Mann, und alle Ihre Geheimnisse laufen darauf hinaus, Einem den Kopf geschwollen zu machen, oder nur eine ungewisse Genesung zu verschaffen, oder eine Glutpfanne unter den Arsch zu setzen.

Baron. Halten Sie, ich bin noch nicht fertig. Man könnte Ihnen Panaces, undverschiedene Mineralien brauchen; man könnte Ihnen einen aufgelösten Merkur, oder Gold- und Silbertinkturen geben. Dieß alles habe ich nicht: aber unser Bruder Apotheker wird Ihnen die Sache machen, wenn Sie wollen.

Mandarin. Ei zum Plunder lassen Sie das, was man thun könnte, bei Seite, und sagen Sie mir, was ich thun soll.

Baron. Wollen Sie sich mir vertrauen? Sie sehen dieses kleine rothe Schächtelchen; an Ihrer Stelle würde ich mich an dieses halten.

Mandarin. Es sind eine Menge graue Kügelchen darinnen. Wie heißen Sie die?

Baron. In Europa nennt man sie Kaiserpillen. Herr Kaiser ist ein deutscher Praktikus, und mein Landsmann, der eine ganzneue Komposition gegen die Krankheit, über die Sie sich beklagen, erfunden hat. Glauben Sie mir, und brauchen Sie sein Rezept. Ich will Ihnen dazu die Anleitung geben, und Sie werden sicher genesen.

Mandarin. Sind Sie dessen auch gewiß?

Baron. So gewiß, daß ich die hundert Pfunde Thee nur erst nach Ihrer Herstellung verlange.

Mandarin. Ich verlasse mich auf Ihr Wort. Ich will mich an die rothen Schächtelchen halten. Wohlan, ich will meine Kur auf der Stelle anfangen. Sie haben von meiner Erkenntlichkeit Alles zu erwarten.

Man hat hier oben gesehen, daß die Gesellen Seiner Hochwürden des Herrn Baron von Donnerstrunkshausen, das Geheimniß und den Namen des Herrn Kaiser mit dem Blitzpulver, den Agnus Dei, und den Bataverthränen bis in China brachten. Man hörte ihn in wenig Worten diesen so berufenen Pillen ihre Lobrede halten, und seinem Proseliten ihren Gebrauch anempfehlen. Dieß scheint ein Bißchen demjenigen zu widersprechen, was wir im zehnten Kapitel sagten. Da findet man, daß alle ersonnenenHilfsmittel sehr wenig ergiebig, und unzureichend seyn.

Allein wir sprachen von ihrer Unzureichlichkeit in Rücksicht des Menschengeschlechts im Allgemeinen, in Rücksicht der Totalität der Zufälle, die sie im Allgemeinen, und nicht im Bezuge auf jedes einzle Individuum, zu fürchten haben. Gewiß ists, daß man so glücklich war, die Partikuliers wieder herzustellen. Man wäscht sie von dem Unrath, den sie unvorsichtig an sich gezogen haben, ab; man nimmt ihnen, was sie bekamen; man giebt ihnen wieder, was sie verloren, sogar die Unschuld beinah, die, gleich der Gelegenheit, nur von vorne behaaret ist, und die man, wenn man sie einmal entwischen ließ, nicht mehr erhaschet.

Aber das menschliche Geschlecht wird darum nicht weniger angegriffen. Die Kakomonade, der Hyder in der Fabel gleich,verlor kaum einen Kopf, als sie dafür schon andre zehn erhält. Unterdessen, als hundert Kranke sich bemühen, ihrer los zu werden, so suchen sie tausend begierig auf, so, daß, trotz den Fluthen von Quecksilber, mit denen man Europa überschwemmt, die Nothwendigkeit seines Gebrauchs mit jedem Tage dringender, und empfindlicher wird. Man wird nie so glücklich seyn, sich davon zu befreien, außer das Ungeheuer, das uns das Eingeweid auffrißt, wird mit Einem Streiche zermalmet. Sie ist, wie wir sagten, eine Hyder, die sich eben durch ihren Verlust vervielfältigt. Um sie auszurotten, muß man mit einemmale alle ihre Köpfe abhauen. Um sie zu hindern, nachzuwachsen, muß man auf der Stelle Schwert und Feuer dagegen brauchen.

Die Regierungen werden, so bald sie das Herz haben werden, es zu wollen, Herkulesse werden, im Stande, diese heroische,und heilsame Operation auszuführen. Hierzu wird es von ihrer Seite nur darauf ankommen, Vorsichten, die man für diesen Gegenstand schon lange getroffen hat, und die durch die Einstimmigkeit der alten Völker in viel minder wichtigen Gelegenheiten autorisirt worden sind, wieder zu erneuern und vorzüglich auf ihre Ausführung zu wachen.

Die Aussätzigen bei den Juden waren aus dem Umkreise der Städte verbannt. Todesgefahr drohete denjenigen, die es wagten, sich hinein zu begeben. Man nahm ihnen die Verwaltung der Geschäfte ab. Man sonderte sie von der menschlichen Gesellschaft aus; und ob es gleich ein Vorzug ihres Staates war, das Band der Ehe, wie mans gesehen hat, fester zu knüpfen, so foderte man doch, daß sie ihre Gaben, und ihr Jücken weiter tragen sollen.

Diese weise Politik ward in der Folge in allen Ländern, denen ihre Erhaltung nahe gieng, nachgeahmet. Selbst in Frankreich gebrauchte man sich ihrer Anfangs gegen den Aussatz, als es diesem gefiel, von den Gestaden des todten an die des mittelländischen Meeres zu übersiedeln, und er sich vom Jordan an die Seine begeben hatte. Man dachte ihrer auch in der Folge bei der ersten Ausschiffung seiner Nebenbuhlerinn aus Amerika. Die unermüdlichen Obrigkeiten, welche für die Ruhe, und Sicherheit der Bewohner von Paris Sorge tragen, ließen gegen dieses Erzeugniß von St. Domingo die strengsten Verordnungen ergehn. Sie verbothen die Uibermachung desselben in das Innere der Stadt, und suchten die schleunige Ausfuhr damit zu erleichtern. Vor dem Jahre 1498. findet man Polizeiverordnungen, die diesen Gegenstand zum Ziele haben.

Sie gebieten allen Personen, welche eines Verständnisses mit der Prinzessin von Amerika verdächtig sind, jedermann, wer es immer sey, der sich durch ihre Listen überraschen ließ, binnen vier und zwanzig Stunden Paris zu verlassen bei Strafe des Strangs. Man berichtet, daß sich bei dem Thore, bei welchen ihnen geboten wäre, hinauszugehn, Austheiler finden werden mit dem Auftrage, Jedermann vier Pariser Sols zu reichen, um sie wegen der Reisekosten zu entschädigen. Selbst die Reichen, und die Eingebornen des Lands werden von den Strassen ausgeschlossen unter der Strafe, wenn sie betreten würden, in den Fluß geworfen zu werden8). Man sperrt sie, wenn sie Häuser haben, darinnen, und wenn sie keine Häuser haben, in öffentlichen, zu diesemGebrauche bestimmten Gebäuden ein. Man übernimmt die Last, sie mit Lebensmitteln, und mit allem Beistande zu versehen, den ihr Zustand fordert, bis sie das Joch der Feindinn abgeschworen haben, und sich in einem Stande befinden, in der Gesellschaft auftreten zu können, ohne zu erröthen, oder ihr Unruhe zu machen.

Das sind die Verordnungen, die man, doch mit einigen Modifikazionen, wieder in den Schwang zu bringen eilen muß. Es ist sehr wohl gethan, daß man alle jene, die, nach einer bestimmten, zu den Reinigungen einberaumten Zeitfrist, mit Unreinigkeit zu erscheinen wagen werden, mit dem Strange bestraft. Aber genug wär es nicht, wenn man ihnen vier Parisersols zu ihrer Reise geben wollte. Alles, was man damit gewinnen würde, wäre, daß sie die Kakomonade Jeder in seinem Lande zu pflanzen abgeschickt würden. Sie würde sich da vervielfältigen,wenn das Land ihrer Verbreitung nur ein wenig günstig wäre. Die Früchte davon würde man sehr bald in einem Schwalle gegen die Hauptstadt zurückfließen sehn.

Es ist also nicht damit gethan, daß man die Unterthanen der Fremden ausjagt. Man thut viel sicherer, und viel vernünftiger, wenn man sie dieser lästigen Unterthänigkeit entreißt. Man muß ihnen Freistätten eröffnen, wo sie sich ohne Zwang in Freiheit sehen können, und wo die Leichtigkeit, ihre Bande zu zerbrechen, in ihnen hierzu das Verlangen erwecket. Man muß in jeder Stadt, oder in, jedem Flecken, einen beträchtlichen Ort, ein Haus errichten, wo jeder Büsser, er sey wer er wolle, aufgenommen, und zur Busse zugelassen werden könne. Man muß da die Freiheit haben, zu zahlen, oder nicht zu zahlen, bekannt, oder unbekannt zu bleiben. Man muß denEintritt darein allen Leuten, von allen Altern und Ständen, sogar in Masken, wenn sich solche darstellen, gestatten. Da es im Wesentlichen nicht das Gesicht ist, das der Hilfe bedarf, so erhellet, daß die Krankenwärter, um denen, die ihren Beistand suchen, zu helfen, ihre Gesichter nicht zu kennen brauchen.

Ohne Zweifel wird man gegen diese Einrichtung Lärmen erheben. Man wird sagen, zu einer Zeit, wo der Staat kein Gold hat, um seine Bedürfnisse zu bestreiten, könnte er für diese seine Glieder unmöglich so das Quecksilber verschwenden. Die so reden möchten, wären wohl ziemlich grausame Politiker, oder Räsonneurs, die von der ächten Oekonomie ziemlich schlecht unterrichtet wären.

Wenn zu Marseille die Pest wäre, würde wohl die Dürftigkeit des Staats hindern, Trouppen marschiren zu lassen? Würde man kein Geld finden, das man dahin senden könnte, entweder der Stadt zu Hilfe zu kommen, oder die Gemeinschaft mit ihr abzuschneiden? Nun ist die Kakomonade aber wirklich noch viel schlimmer, als die Pest.

Diese greift nur das gegenwärtige Geschlecht an; jene vernichtet, oder entächtet wenigstens fast immer sich auch die zukünftigen Geschlechter. Die Eine nimmt einen schrecklichen Anfang; die Klugheit kann sich davor verwahren; man hat gewisse Vorsichten, um sie abzuhalten. Die andere ist immer vom Vergnügen begleitet; sie macht ihren Anfang mit der Verblendung der Klugheit, und ihr Ende mit ihrem Untergange. Sie hat also viel mehr Leichtigkeit, sich auszubreiten. Sie zieht viel traurigere Folgennach sich. Sie heischt daher von den Regierungen eine viel größere Sorgfalt.

Diese Sorgfalt würde eben nicht so kostspielig seyn, als man sich einbildet. Erstlich hat man die Aussätzigenhäuser der Alten, von denen man die Stiftungen, und das Bauwerk zu diesem nützlichen Gegenstande annehmen könnte. Dieß hieße den Sinn der Stifter befolgen. Die Kakomonade hat die Stelle des Aussatzes angenommen. Sie muß die Früchte dieses reichen Nachlasses beziehen. Man kann ihr ihre Ansprüche nicht streitig machen.

Uiberdieß, wer zweifelt, daß bei dem ersten Gerüchte von diesem Vorschlage nicht das allgemeine Mitleid erwachen werde? Wie viele Fürsten der Kirche, wie viele wachsame Hirten, würden sich mit einem uneigennützigen Eifer bestreben, eine Zufluchtsstätte gegen Uibel zu schaffen, woruntersie leiden, sobald ihre Schäflein davon angegriffen sind? Wie viele andächtige Schwestern würden nicht ihrem Beispiele folgen! Mit welcher Beredtsamkeit würden nicht die Direktoren die Nothwendigkeit predigen, Einrichtungen zu vervielfältigen, die bestimmet sind, Schwachheiten zu verbergen, oder die Kraft wieder in den Stand zu setzen, ohne Gefahr ihres Gleichen hervorzubringen! Gewiß ists, diese Zufluchtsörter würden in kurzer Zeit, so wie die volkreichsten, auch die begütertsten Häuser im ganzen Königreiche seyn. Sie würden bald der bequemste Stappelort seyn, um das Joch der Kakomonade abzulegen, so wie L — — — bisher der sicherste gewesen ist, sich dasselbe aufzubürden.

Die Leichtigkeit des ersten Verfahrens würde die Weigerung, sich dahin zu verstehen zum Verbrechen machen. Die Gerechtigkeit würde nur nach aller Billigkeit handeln, wennsie gegen jene, die davon überwiesen wären, die Todesstrafe verhängte. Unterdessen giebt es zarte Herzen, bei denen die Sanftmuth in Schwachheit übergeht. Sie werden sich über diese strenge Verordnung entrüsten, sie werden zwischen der Strafe und dem Verbrechen kein Verhältniß sehen.

Es ist so süß, so natürlich, werden sie sagen, die Gefahren zu wagen, derer Folge sie ist. Sollt es gerecht seyn, den Irrthum eines Augenblicks mit einer so schmählichen Züchtigung zu ahnden? Sollte man sich entschließen können, gegen ein vernünftiges Wesen den Tod zu verhängen, weil es seines Lebens nicht ordentlich genoß? Was man ihnen antworten könnte, ist dieses.

Ich gebe Ihnen zu, meine Herrn! mein Rath mag strenge scheinen. Aber untersuchen Sie, was unter Ihren Augen vorgeht. Wer sind jene Armseligen, die sie dort mitden rothen Kappen auf den Galeeren sehn? Wer sind jene, derer Hinrichtung so viel Volks auf den freyen Platz spornt? Unter ihnen befinden sich Leute, die Schwärzer, Betrüger waren. Das Gesetz waffnet sich mit einer unbeugsamen Schärfe, und verurtheilt sie ohne Barmherzigkeit!

Nun ich bitte Sie, giebt es wohl eine schrecklichere Schwärzerei, als die Kakomonade? Kann man die Einführung ihrer Geschenke mit der Einführung eines Holländertobaks oder Spaniols in Vergleichung ziehen? Die Kutzenelle, so roth sie ist, kann sie die Vergleichung mit gewissen Purpurknöpfchen ertragen, welche die Ehrbarkeit nicht nennen läßt.

Wenn Sie ohne Anstand arme Leute, die Ihnen für wohlfeilen Preis weis nicht welch braunen, gelben, oder feuerfarbenen Staub brachten, rudern lassen, hängen undrädern; was sind Sie wohl denen schuldig, welche sich erdreusten, die Quelle der Vergnügungen zu vergiften? Was werden Sie jenen Frevlern nicht anthun, die es wagen, in das Heiligthum der Wohllust Betrübnis, und Thränen in die Wohnung der Freude zu bringen?

Die aufgeklärte Menschheit gebietet ohne Zweifel ihre Bestrafung zum Wohle der leidenden Menschheit. Man muß alle ohne zu schwanken eine bestimmte Zeit festsetzen, nach welcher Niemand mehr angenommen werde, der sich angiebt, mit einem Ungemache behaftet zu seyn, wovon er sich wird haben entledigen können. Man muß die Kakomonade wie eine ausländische Waare ansehen, und die, bei denen sie gefunden wird, ohne Barmherzigkeit konfisziren.

Aber auch damit wär es nicht gethan, daß man die verdächtigen Wirkungen hemmte. Man müßte auch Vorkehrungen treffen, ihren Eingang zu verhindern. Man müßte Amtsstuben, Gerichtsdiener, und Wächter haben, die über Paquette, wo diese traurige Gattung Kontrebandwaaren sich verbergen läßt, zu wachen hätten; und für dieß habe ich gesorgt.

Der durch seine große Nase berufene Kaiser Heliogabal oder Elagabal, sagt man, habe einen Frauenzimmersenat errichtet.Diese erlauchte Gesellschaft hatte über alle weiblichen Angelegenheiten zu richten. Vor ihr brachte man all die kleinen Zänkereien, die häuslichen Klätschereien, die Uiberwerfungen der Verliebten an. Sie gab auch den Ausschlag über die Moden, den Haarputz, und den Anzug von allen Arten. Diese Politik, wünschte ich, sollte man in Paris, in ganz Frankreich, ja sogar in ganz Europa nachahmen können.

Uiberall hat man da einen Haufen Wachen aufgestellt, um für die Vortheile der Pächter die Aufsicht zu tragen. Man erblicket Ketten von Aufsehern, die sich von allen Seiten die Hände reichen, am die Betrüger hindann zu halten, und ihre Schlauigkeit zu überlisten. Es besteht das innigste Band unter den Rotten, welche die Grenzen und die reichen Gesellschaften beschützen, die im Mittelpunkte die Früchte ihrer Sorgen ärnten. Könnte man diese Polizei nicht auch bei derEinrichtung, von der hier die Rede ist, sich zum Muster nehmen?

Man bildete in den Hauptstädten Büreaux von einer Anzahl unterrichteter Mädchen, die im * * * sich Erfahrungen gesammelt hätten. Sie wären weder die drei Grazien, noch die neun Musen. So könnte man sie aus vierzig, wie die Academie Française, oder aus sechzig, wie die allgemeine Pachtung, zusammensetzen. Den Eintritt dazu hätten nur die besten Erfahrungen. Die Geübtesten in den Geschäften des Magazins, die Vertrautesten mit den Kennzeichen des Betrugs, und also die bei allem Scharfsinne der Schleichhändler Geschicktesten, sie zu entdecken.

Nach Art dieses Hauptamts bildete man sonderheitliche in den Städten der Provinz, und auf allen Strassen; welches zwischen dem Haupte und den Gliedern eine eben so nützlicheals lehrreiche Korrespondenz unterhalten würde. Diese fruchtbaren Versammlungen hielten alle Tage des Morgens und Abends ihre Sitzungen. Jeder Fremde, der an der Gränze ankommt, wäre gehalten, da seinen Ausweis zu machen.

Hier würde er ohne Schonung untersuchet. Man würde ihm nach seinem Zustande, einen Geleitsbrief ausfertigen, oder die verbotene Waare unter Siegel verzeichnen, damit man nicht eher davon Gebrauch machen könne, bis sie im Rekonwaleszentenhause, wohin sie abgegeben würde, ausgeräuchert wäre.

Von dieser Zeremonie wäre das schöne Geschlecht nicht ausgenommen. Anfangs würde sie lästig scheinen; man würde sich aber bald daran gewöhnen. Hat man sich doch gewöhnt, vor jedem Thore grobe, und manchmal treulose Hände ins Felleisen spazieren,alles darinn umkehren, und was da verschlossen war, oft unwiederbringlich verderben zu sehn. Es würde nicht lange brauchen, um sich zu gewöhnen, linke Hände zu fühlen, die eine lange Uibung abgerichtet hätte, noch dazu ihre Berührungen angenehm zu machen.

Es ist anzumerken, daß man durch eine solche Zusammensetzung eines Amtes von aufgeklärten, und dafür bekannten Frauenzimmern den Ungemächlichkeiten vorbeugen würde, die aus jeder andern Administrazion entstünden. Kein Frauenzimmer dürfte sich schämen, der Untersuchung von Personen ihres Geschlechts zu unterliegen; und man würde keine Mannsperson finden, die sich weigern möchte, sich vor den Augen eines von seiner Erfahrung so berufenen Tribunals zu produziren. Es fände sich also ganz keine Schwierigkeit. Die Schamhaftigkeit, und Gesundheit der beyden Geschlechte wäre dadurch inSicherheit vor den Anstössigkeiten, die das eine kühn, oder das andere schüchtern machen könnten.

Das ist also der Entwurf meines Projektes. Ich unterziehe es den Einsichten der Politiker, die in unserm philosophischen Jahrhunderte so zahlreich geworden sind. Ich kann versichern, daß ich einzig das allgemeine Beste und das Wohl der ganzen Welt, die mein Vaterland geworden ist, zum Augenmerke hatte. Ich wünsche, daß er unter die Hände von Leuten komme, die an der gehörigen Stelle sitzen; wünsche, daß ihr persönliches Interesse sie bestimme, sich seiner anzunehmen, und dem allgemeinen Frommen Hand zu bieten.

Was Sie betrifft, mein Fräulein, wenn man ihn je annimmt, so wird man nie vergessen, daß es Ihr Namen war, unter welchem er zum erstenmal erschien. Ganz Paris wird Sie laut zur Annahme einer Stelleauffodern, deren Ihre Bemühungen sie schon so würdig machten. Mit einer unnennbaren Freude werde ich an der Spitze des erlauchten Senats, wovon ich den Plan entwarf, Sie glänzen sehn. Sie werden die Aufseherinn von den Waffen Zylherens, und die Wegweiserinn des Amors werden. Sie werden die Jugend lehren, ohne Gefahr auf dem stürmischen Ozean der Vergnügungen zu segeln, indem Sie ihr mit der Geschicklichkeit, die ihnen die Erfahrung giebt, das Steuerruder lenken. Sie werden ihr zeigen den Klippen auszuweichen, die Ihres Gleichen, wie ein großer Mann sagt, oft durch ihre Schiffbrüche bezeichnet haben.


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