Abb. 42.Robert Carter: Ein 42 Zentimeter-Irrtum.(A 42 centimeter Mistake.)(Evening Sun, New York.)
Abb. 42.Robert Carter: Ein 42 Zentimeter-Irrtum.
(A 42 centimeter Mistake.)
(Evening Sun, New York.)
Die amerikanische Karikatur nimmt überhaupt in diesem Kriege einen außergewöhnlich großen Raum ein; sie spiegelt getreu die Stimmung in den Vereinigten Staaten wider. Dabei haben die amerikanischen Karikaturen den Vorzug, meist sehr gut gezeichnet zu sein, und es liegen ihnen auch fast immer recht originelle Ideen zugrunde. Sehr böse sind die Spottbilder gegen Deutschland in dem bedeutendsten Witzblatt der westlichen Halbkugel, dem „Life“, besonders die vonWilliam H. Walker. Es sind die abgedroschenen Themen vom Kaiser als Feind der Zivilisation, der an der Niedertretung Belgiens und Zerstörung der Kunstdenkmäler seine Freude hat. Typisch dafür das seitengroße Blatt„My Heart bleeds for Louvain“, der Kaiser als Keiler über den Trümmern von Löwen (die Darstellung des Kaisers als Keiler war schon im spanisch-amerikanischen Kriege üblich. Der damals sehr beschäftigteDavenportist ihr Schöpfer; die aufrechtstehenden Schnurrbartenden haben ihn zum Vergleich mit den Hauern geführt. Diese Art, den deutschen Kaiser zu zeichnen, hat sich bis heute in der englischen und amerikanischen Karikatur erhalten). Das seit über dreißig Jahren erscheinende Blatt ist in Deutschland so gut wie gar nicht bekannt. Hin und wieder sieht man in deutschen Blättern sehr starke Anlehnungen an die wirklich meist recht guten Zeichnungen des„Life“. Ein Tierkarikaturist, wie ihn die Zeitschrift inS. Sullivantbesitzt, kann nur mit Oberländer in seiner besten frühen Zeit verglichen werden. Die Darsteller gesellschaftlicher Zustände (derupper ten) wieHarrison CadyundFoster Lincolnkönnen sich getrost unsern besten Satirikern an die Seite stellen; der bekannteGeorge Dana Gibsonwiederholt sich in letzter Zeit zu oft, seinen großen Serien Ebenbürtiges (Education of Mr. Pipps etc.) hat er nicht mehr geschaffen.Otho Cushings von antikem Geiste beeinflußte Umrißzeichnungen zeigen ein feines Formgefühl, sie sind von rhythmischer Schönheit erfüllt.Rea Irvinsprudelt nur so von witzigen Einfällen, er hat auch nebenbei eine Reihe von japanisierenden Illustrationen zu den„Letters of a Japanese Schoolboy“geschaffen, die amerikanische Zustände vom japanischen Standpunkte beleuchten.
Abb. 43.Sidney Greene: Vom Pilsner zum Pulver.(From Pilsner to Powder).(Evening Telegram, New York.)
Abb. 43.Sidney Greene: Vom Pilsner zum Pulver.
(From Pilsner to Powder).
(Evening Telegram, New York.)
Amerika ist also reich an geschickten Karikaturenzeichnern, sie kommen mehr noch als in den Wochenschriften in derTagespressezur Geltung. Die großen Zeitungen der Vereinigten Staaten, die oft Millionenauflagen erreichen, bringen fast alle Illustrationen; auch vornehme Blätter wie „Sun“ haben sich schließlich diesem Gebrauche fügen müssen. Die Zeichnungen müssen rasch erscheinen. Das eben eingegangene Telegramm muß möglichst gleich mit den nötigen Illustrationen herauskommen.Time is money.Der Amerikaner will nicht lange nachdenken; die Sache muß ihm so bequem wie möglich gemacht werden. Dabei passiert denn in der Eile und aus Unkenntnis mancher nette Schnitzer: als Bernhard von Bülow Reichskanzler wurde, brachte eine der bekanntesten New Yorker Zeitungen zusammen mit der Nachricht ein Bild Bülows; es war auch Bülow, aber — Hans von Bülow, der berühmte Dirigent, der zwar ein Orchester leiten, aber nicht das Deutsche Reich hätte lenken können. Sein scharf geschnittener Kopf mit dem charakteristischen Knebelbart fungierte nun für die New Yorker als Bild des neuen deutschen Kanzlers. Hier handelte es sich um einen Irrtum; aber auch sonst ist der Amerikaner in solchen Fällen nicht verlegen.„Portland News“brachten kürzlich eine Reproduktion vonAnton von Werners Bild „Erstürmung der Spicherer Höhen“ als „Sturm deutscher Infanterie in geschlossener Formation auf einen Hügel“. — Im allgemeinen müssen die Illustrationen der Tageszeitungen humoristisch gehalten sein (so will es das Publikum), und so sind denn in den Vereinigten Staaten eine ganze Reihe tüchtiger Karikaturisten entstanden. Diese satirischen Darstellungen vermögen viel schärfer als lange Auseinandersetzungen die Blößen der darin Karikierten zu zeigen; deshalb kann man ihre Bedeutung zu politischen Propagandazwecken auch gar nicht hoch genug einschätzen, besonders, wenn man die Riesenauflagen der amerikanischen Zeitungen in Betracht zieht.
Abb. 44. M. Claus: Die fleißige Berta.(Lustige Blätter, Berlin.)
Abb. 44. M. Claus: Die fleißige Berta.
(Lustige Blätter, Berlin.)
CAN HE HATCH IT?Abb. 45.Sidney Greene: Die Kluck-Henne.(Evening Telegram, New York.)
CAN HE HATCH IT?
Abb. 45.Sidney Greene: Die Kluck-Henne.
(Evening Telegram, New York.)
Es war eine der schmerzlichsten Enttäuschungen für das Deutsche Reich, daß sich die Mehrheit in den Vereinigten Staaten (das Anglo-Amerikanertum und die seinem Einfluß unterworfenen Gruppen) mehr oder weniger offen auf die Seite unserer Feinde stellte und ganz unverhohlen ihre Sympathie für diese zum meist recht deutlichen Ausdruck brachte, obgleich doch auch Japan, Amerikas Todfeind, zu den Verbündeten zählt. Ebenso erfreulich war die angenehme Enttäuschung, welche die Deutsch-Amerikaner durch ihr mutiges Eintreten für ihr Stammland bewiesen; man glaubte sie großenteils dem „Vaterland“ verloren; nun zeigten sie, daß sie ihre alte Heimat nicht vergessen hatten und setzten sich in jeder Hinsicht tatkräftig dafür ein, daß die Wahrheit über die Ursachen und den Verlauf des Krieges durchdringen konnte. An ihre Seite traten aus altem angeborenen und unausrottbarem Hasse gegen England geschlossen die zahlreichen in Amerika lebenden Irländer, die drüben großen politischen Einfluß besitzen. Man glaube nicht, daß ausschließlich die Beherrschung der Kabel durch England und die Verbreitung der Lügendepeschen die antideutsche Stimmung erzeugt haben; hinter diese Täuschungen kam man sehr rasch: von einem Amerikaner rührt das Wortspiel her:allies = all lies(die Alliierten = alles lügt). Es spielen da andere tiefeingewurzelte Vorurteile mit. Der Amerikaner betrachtet England immer noch als eine Art Mutterland, Paris als maßgebend in allen Geschmacksfragen (vor allem auch in der bildenden Kunst). Eine Niederlage dieser Länder würde er wie eine persönlich Schlappe empfinden. Dann glaubt er immer noch an einen „deutschen Militarismus“, von dem das deutsche Volk „erlöst“ werden müßte und fürchtet von einem siegreichen Deutschland später Verletzungen der bis zum Überfluß zitiertenMonroe-Doktrin (daher schon im spanisch-amerikanischen Kriege die feindliche Stimmung gegen Deutschland, die erst nach der Reise des Prinzen Heinrich freundschaftlicheren Gefühlen Platz machte).
Abb. 46.Robert Carter: „Mehr — und nicht so dünn!“„More — and not quite so thin!“.(Evening Sun, New York.)
Abb. 46.Robert Carter: „Mehr — und nicht so dünn!“
„More — and not quite so thin!“.
(Evening Sun, New York.)
So erklären sich die gegen Deutschland gerichteten Karikaturen, die den Kaiser „auf dem Rückzuge“ aus Rußland schildern („German Defeat“) mit dem Schatten Napoleons: „Glaubst du siegen zu können, wo ich unterlag?“ oder „die Ereignisse reifen schnell“ (the leaves are falling fast, die deutschen Waffen sinken wie trockene Blätter zu Boden) oderSidney Greene’s„Cracking a cultured nut“(der Kaiser in der Nußzange zwischen Heer und Marine der Verbündeten) und so die schon erwähnten giftigen Zeichnungen im„Life“. Denn, was man wünscht, glaubt man gern! Es kommen auch noch andere Momente für die antideutsche Stimmung in Frage, als da sind die rauhe Außenseite des Deutschen, die unvorteilhaft absticht von den gewandteren Formen des Anglo-Amerikaners, und die nicht gerade absolut notwendig ist als Zeichen von Rechtschaffenheit und Wahrheitsliebe, dann die deutsche Vereinsmeierei in Amerika mit ihren oft recht komisch wirkenden Auswüchsen.
Abb. 47.S. Conacher: Der nette, alte Herr.(Dear me! and to think I came near on one of those myself — in Mexico — not so very long ago!)(Life, New York.)
Abb. 47.S. Conacher: Der nette, alte Herr.
(Dear me! and to think I came near on one of those myself — in Mexico — not so very long ago!)
(Life, New York.)
Der wichtigste Grund der Deutschfeindlichkeit war aber für den Anglo-Amerikaner diesmal die Verletzung der sogenannten Neutralität Belgiens (so in den Reden des früheren Präsidenten derHarvardUniversität,Eliot). Das„scrap of paper“, die Bezeichnung des belgischen Neutralitätsvertrages als eines wertlosen Papierfetzens, spielt in den amerikanischen Blättern genau so wie in den englischen die größte Rolle. Auch wirtschaftliche Faktoren sprechen mit. Mit den Verbündeten kann man Geschäfte machen; mit Deutschland würde man es auch tun, wenn die Möglichkeit dazu vorhanden wäre. Im allgemeinen kann man sagen: die wirtschaftlichen Kreise, besonders die Hochfinanz in den Neu-England-Staaten, halten zu den Alliierten, das akademisch gebildete Publikum bewahrt wenigstens teilweise seine Sympathien für Deutschland, dem es so viel schuldet und ist weit davon entfernt, es für ein von Barbaren bewohntes Gebiet zu halten. Man lese nur die ehrliche Flugschrift, die der bekannte AustauschprofessorBurgeßvon derColumbia-Universität bereits im August 1914 veröffentlichte (im Herbst 1915 ist von ihm [deutsch bei S. Hirzel in Leipzig] eine andere, sehr sachlich gehaltene Arbeit erschienen); er ist Anglo-Amerikaner und kann seinen Stammbaum Hunderte von Jahren zurückführen, er bekennt aber ganz offen, daß ihm näher als sein Mutterland das Vaterland Deutschland steht, dem er sein Wissen und seine Bildung verdanke. UndBurgeßsteht mit seiner Propaganda für richtige Bewertung deutscher Kultur durchaus nicht einzeln da.
Abb. 48.„Wessen Börse wird zuerst leer?“Japanische Karikatur aus Osaka (Herbst 1914).
Abb. 48.„Wessen Börse wird zuerst leer?“
Japanische Karikatur aus Osaka (Herbst 1914).
Das Wichtigste an Aufklärungsarbeit aber leisteten die deutschen Vereinigungen, besonders auch die vom Mitgliede des Repräsentantenhauses Bartholdt gegründete „Neutralitätsliga“. Teilweise erfolgt diese Aufklärung in humoristischer Form. Der deutsche Preßklub in New York hat ein solches Blatt herausgegeben; es nennt sich „Die gefüllte Kriegsente“ und beginnt gleich damit, die rätselhafte Neutralität Amerikas zu verspotten, indem es an seinen Kopf setzt:New-York, Great Britain, 14. November 1914. Dann gibt es lustige Kriegsberichte von allen Schauplätzen, ganz im Stil der anglo-amerikanischen Hetzblätter. „Englands Flotte nach den Masurischen Seen“ heißt es in Riesenlettern, und nun entwickelt der Berichterstatter in Retroward den neuesten Feldzugsplan des Generals Kannrennen im Sinne der Überschrift. Aus Paris gibt er folgenden ergötzlichen Schlachtbericht:
„Auf unserm linken Flügel erlitten die Deutschen eine vernichtende Niederlage. Die afrikanischen Schützen griffen zusammen mit den Indiern und Hottentotten das Zentrum des Feindes bei Wosollderduebelweiten in Belgien an. Es entspann sich ein wütendes Geschützfeuer, welches von unserer braven Artillerie indes bald nur mit Schweigen beantwortet wurde. Da nämlich unser genialer Artilleriekommandeur sah, daß die deutschen Granaten eventuell die französischen Truppenbewegungen hätten stören können und die Prussiens überdies keinen Schuß Pulver wert sind, so zog er einfach seine Leute zurück. Dann begannen wir mit Heldenmut den eigentlichen Angriff. Da aber das Gelände ungünstig war, so wurde das Schlachtfeld später einige Kilometer rückwärts verlegt. Unsere tapfern Truppen ließen den Feind nicht zur Ruhe kommen und blieben trotz der Hast unseres Rückzugs mit ihm in Fühlung. Seine Verluste sind fürchterlich. Der feindliche General hat Selbstmord begangen. Sechs preußische Prinzen wurden schwer verwundet, der Bruder des Kaisers wurde gefangen genommen.“
Abb. 49.George van Raemdonck: Wie Holland seine Neutralität wahren wird.(Dadurch, daß es im Notfalle das ganze Land unter Wasser setzt.)(De Amsterdammer, Amsterdam.)
Abb. 49.George van Raemdonck: Wie Holland seine Neutralität wahren wird.
(Dadurch, daß es im Notfalle das ganze Land unter Wasser setzt.)
(De Amsterdammer, Amsterdam.)
Bemerkt sei noch, daß die Kriegsente mit Abbildungen reich verziert ist, die ebenfalls über die Gesinnung der Zeichner keinen Zweifel lassen. Ein jämmerlich verprügelter englischer Löwe schmückt die letzte Seite, hoffentlich auch das Symbol, mit dem der Weltkrieg einst zu Ende geht.
Abb. 50.Dan. Lynch: Fabrikation der Schweizerkäse während des Krieges.(Life, New York.)
Abb. 50.Dan. Lynch: Fabrikation der Schweizerkäse während des Krieges.
(Life, New York.)
Solche Satiren auf gewisse amerikanische Zeitungen sind sehr nötig. Was allein der in Deutschland in seiner Bedeutung weit überschätzte„New York Herald“(er gehört durchaus nicht zu den Blättern der besseren Klassen) in Lügen und Verhetzungen leistet, ist so hahnebüchen, daß man es nicht für möglich halten sollte; es übertrifft an Dummheit bei weitem alles, was etwa von französischen Zeitungen geboten worden ist. Danach müßte von dem deutschen Heere überhaupt kein Mann mehr übrig sein: Tausende von hungernden Menschen wälzen sich durch die Straßen Berlins vor das Schloß, überall in der Reichshauptstadt werden Schützengräben gezogen (vielleicht hat der Berichterstatter des„Herald“die Ausschachtungsarbeiten für die neuen Untergrundbahnen gesehen!). Kurzum, Deutschland steht vor seinem nahen Ende. Und diesen Blödsinn dann mit zentimeterhohen Typen in den„headlines“, den Überschriften, für deren sensationelle Aufmachung ein eigener Mitarbeiter gehalten wird! Daneben geht der haarige Unsinn, den andere amerikanische Zeitungen ihren Lesern vorsetzen.„San Francisco Chronicle“schrieb:„Kaiser clips Ends of His Mustache. When it was observed some time after the beginning of the war that the Kaiser’s hair had turned white, no one paid much attention to that change, but the removal of his mustache ends has struck the public imagination, and has, perhaps, strange as it may seem, done more than anything else to convince the population of Berlin that the war outlook is becoming bad for Germany.“(„Der Kaiser schneidet die Spitzen seines Schnurrbarts ab. Als man einige Zeit nach dem Ausbruch des Krieges bemerkte, daß das Haar des Kaisers weiß geworden war, achtete niemand sonderlich auf diese Veränderung, aber die Entfernung seiner Schnurrbartenden hat einen tiefen Eindruck auf das Publikum gemacht und hat die Bevölkerung von Berlin mehr als alles andere davon überzeugt, daß die Kriegsaussichten ungünstig für Deutschland sind.“) — Im Chicagoer„Hardwood Record“, einem Blatt, das in der amerikanischen Holzindustrie angesehen ist, war folgende Notiz enthalten: „In Österreich werden Sägespäne mit Teer gemischt und zu Heizbriketts verarbeitet. In Deutschland wird aus Sägespänen, die mit Roggenmehl vermischt werden, eine Art Brot gebacken, das von Menschen sowohl als auch von Pferden verzehrt wird. Eine Dampfbäckerei stellt allein zwanzigtausend solcher Brote am Tage her.“ Solcher Unsinn stand übrigens nicht bloß in der anglo-amerikanischen Presse, deren Ignoranz zur Genüge bekannt ist. Auch englische Zeitungen, z. B. die LondonerTimeshaben in der ersten Zeit manche Ente in die Welt gesetzt. Ein uraltes Vorrecht der Unterliegenden ist die Lüge. Später, als es mit den Lügen nicht mehr ging, haben sie allerdings recht objektiv berichtet. Interessant ist, wie solche falschen Berichte oft entstehen. Man entsinnt sich, daß im September 1914 die Nachricht die Runde durch die gesamte Presse machte, es wären achtzigtausend Russen im Hafen von Archangelsk nach Frankreich eingeschifft worden. In England nennt man im Eierhandel die russischen Eier einfach Russen, wie wir russische Zigaretten kurzweg als Russen bezeichnen und wie die Kaninchen, die in Massen aus Belgien über Ostende nach London kommen, „Ostendes“ heißen. Zu Beginn des Septembers erhielt nun ein Londoner Eier-Kommissionär eine Depesche des Wortlauts: „80000 Russen aus Archangel abgegangen.“ Ein Telegraphenbeamter erzählte diese Ankündigung als neueste inhaltschwere Zeitungsdepesche geschwätzig weiter, irgendein Reporter griff sie auf — und in zwei Tagen waren die Zeitungsleser der Alliierten um eine verheißungsvolle, erst nach langer Zeit weichende Hoffnung reicher. — Hier waren also die unschuldigen Eier an einer Nachricht schuld, die die ganze Welt tagelang beschäftigte.Omne vivum ex ovo!
Über französische Lügen hatte sogar„Corriere d’Italia“eine grotesk wirkende Liste gebracht: Die Basutoneger haben sich den Engländern als Pfeilschleuderer angeboten; der Sultan von Marokko hat außer 50000 Getreuen auch ein Heer von Odalisken nach Frankreich gesandt; die Deutschen haben die Provinz Antwerpen geräumt, belagern aber die Festung dieses Namens; die in Archangelsk an Bord genommenen Russen sind am Nordkap gelandet und treffen morgen in London ein; der Inn wälzt blutige Wogen in den Lech usw. usw.
Bewußt harmlos sind dagegen die Zeichnungen in dem schon mehrfach zitierten„Life“, wie die vonDan Lynchüber Fabrikation der Schweizerkäse in der jetzigen Zeit (Abb. 50); die Käse werden zwischen der deutschen und französischen Grenze in die Höhe gewunden, und die Geschosse sorgen für die Durchlöcherung.
Abb. 51.Marcus: Das Duett der „Bindestrich-Amerikaner“.(N. Y. Times, New York.)
Abb. 51.Marcus: Das Duett der „Bindestrich-Amerikaner“.
(N. Y. Times, New York.)
Hand in Hand damit gehen zahlreiche Spottbilder gegen die„hyphenated americans“. So nennt man drüben die Irisch-Amerikaner, Italo-Amerikaner, besonders aber dieDeutsch-Amerikaner, also die Leute mit dem Bindestrich (hyphen); sie werden als Bürger zweiter Klasse betrachtet, weil sie nicht als „reine Amerikaner“ gelten, besonders die„Dutchmen“(Spottwort für die Deutschen). Gegensiewendet sich die Presse der Kriegshetzer. In New York ist kürzlich sogar ein Theaterstück„The Hyphen“gegeben worden, das ein ganz blödes Machwerk der Deutschenhetze darstellte. Autor und Direktor,J. Miles FormanundCharles Frohmann, gingen ein paar Wochen später mit der Lusitania unter. Es konnte sich übrigens nicht lange auf dem Spielplan halten, obgleich die Reklame dafür sehr geschickt eingeleitet worden war. — Gegen diehyphenated americansrichten sich also zahlreiche Karikaturen. Meist sitzen dieHyphenatedauf einer Mauer und wissen nicht, nach welcher von beiden Seiten (Germany oderUnited States) sie sich wenden sollen, oder sie erscheinen halbiert und singen rechts „Deutschland über alles“, links„The Star Spangled Banner“(Abb. 51). Im Sommer 1915 mehrten sich die Karikaturen aufWilliam Jennings Bryan, dem man allzu große Deutschfreundlichkeit vorwirft (Abb. 53,54,58). DaßBernstorff,Dernburgund der in den letzten Monaten oft genannte österreichisch-ungarische BotschafterDumbaim Spottbilde eine große Rolle spielen, versteht sich von selbst (Abb. 52).
Abb. 52. Karikatur auf Dumba, Dernburg und Bernstorff.(Sidney Greene in „Evening Telegram“, New York.)
Abb. 52. Karikatur auf Dumba, Dernburg und Bernstorff.
(Sidney Greene in „Evening Telegram“, New York.)
Abb. 53.Bryanin seiner neuen Uniform.(„Inquirer“, Philadelphia.)
Abb. 53.Bryanin seiner neuen Uniform.
(„Inquirer“, Philadelphia.)
Abb. 54. Amerikanische Karikatur aufBryans Deutschfreundlichkeit.(Constitution, Atlanta.)
Abb. 54. Amerikanische Karikatur aufBryans Deutschfreundlichkeit.
(Constitution, Atlanta.)
Aber auch hier muß der Wahrheit gemäß berichtet werden, daß es unter den „echten“ Amerikanern viele gibt, die mutig für Deutschland eintreten. Gegen die Kriegshetzer schreibt unter anderem witzig das sozialistische„Appeal to Reason“den Amerikanern ins Stammbuch: „Wenn Sie den Krieg lieben, ziehen Sie einen Graben in Ihrem Garten, füllen ihn halb mit Wasser, kriechen hinein und bleiben dort einen Tag oder zwei, ohne etwas zu essen; bestellen Sie sich weiter einen Geisteskranken, damit er mit ein paar Revolvern und einem Maschinengewehr auf Sie schieße, dann haben Sie etwas, das gerade so gut ist und Ihrem Lande eine Menge Geld erspart.“
Eines imponiert den Amerikanern: die deutsche Organisation. Man kann das gerade an den Karikaturen der Tageszeitungen wieder deutlich feststellen.J. M. Allison, einer der Kriegskorrespondenten des nichts weniger als deutschfreundlichen„New York Sun“, der dem Einmarsch der deutschen Truppen in Ostende als Augenzeuge beigewohnt hat, schildert das, was er gesehen, den Lesern seines Blattes in einem Bericht, der sich über die Ordnung, Manneszucht und Organisation der deutschen Armee mit Worten uneingeschränkten Lobes ausspricht. „Seit ich die Besetzung Ostendes durch die Deutschen erlebte,“ schreibt Allison, „bin ich ein gläubiger Bekenner des Wahrheitssatzes, daß es in der Welt nur drei vollkommene Organisationen gibt: die katholische Kirche, dieStandard Oil Companyund die deutsche Armee.“ Aus dem„Evening Sun“stammt auch die inAbb. 46wiedergegebene Karikatur aus dem Anfang des Krieges vonRobert Carter„More news and not quite so thin“, eine Satire gegen Englands falsche Nachrichten.
Abb. 55.Jack Walker: Die russische Dampfwalze.(Daily Graphic, London.)
Abb. 55.Jack Walker: Die russische Dampfwalze.
(Daily Graphic, London.)
NebenRobert Cartersteht der originelleSidney Greene. In„The Bread Line“knüpft der Zeichner an den Gebrauch großer New Yorker Bäckereien an, die gegen Mitternacht, besonders im Winter, Brot an die hungrigen Armen verteilen lassen, die sich dabei hintereinander anstellen müssen. Eine solche „Brotlinie“ werden nach seiner Meinung vielleicht auch die europäischen Mächte bilden, wenn ihnen die Nahrungsmittel ausgehen und sie Amerika um Unterstützung angehen müssen.Greenezeichnete auch ein Kinotheater, genannt„Theatre de l’Europe“.„Greatest war scenes in history“, die größten Kriegsereignisse der Welt werden vorgeführt. Ein Plakat zeigt die Hauptdarsteller, die„principals“, und unter ihnen sofort ins Auge fallend den deutschen Kaiser. Italien überlegt sich, ob es teilnehmen soll oder nicht. Der Tod sitzt an der Kasse, und da fällt die Entscheidung schwer. Inzwischen ist Italien doch eingetreten, und der Tod hat reichliche Erntegehalten. —
THE KNOTTY DACHSHUNDAbb. 56.Sidney Greene: Der Dachshund mit den Knoten.(Evening Telegram, New York.)
THE KNOTTY DACHSHUND
Abb. 56.Sidney Greene: Der Dachshund mit den Knoten.
(Evening Telegram, New York.)
Den „Dachshund“ (das Wort ist ganz in den englischen Sprachgebrauch übergegangen) findet man häufig als „Vertreter“ Deutschlands. Besonders in England und Amerika treffen wir die Dackel in Scherzbildern, die sich mit deutschen Angelegenheiten befassen. Die „Fliegenden Blätter“ könnten gelb werden vor Neid! So zum Beispiel in dem Karton vonJack Walkeraus dem„Daily Graphic“in London (Abb. 55). Das war noch zur Zeit, als man in England seine Hoffnung auf die russische Dampfwalze gesetzt hatte. Aber wir haben die vom Zeichner ironisch aufgestellte Warnung„Beware of steam roller“(„Achtung, Dampfwalze!“) befolgt, wenn auch in anderer Weise, als den Engländern lieb war. Das gleiche Thema behandelt, künstlerisch aber weit bedeutender, die Zeichnung vonMarcel Blochin der„Guerre sociale“(Abb. 57). Mit innigem Behagen und einem tiefen Gefühl der Dankbarkeit gegen unser Heer und seine Führer im Osten betrachten wir diese Blätter heute, wo längst der Große Bär in den Wendekreis des Krebses getreten ist, oder, um deutsch zu reden, Rußland kehrt gemacht hat und immer weiter nach Osten weicht.
Abb. 57.Marcel Bloch: Die russische Dampfwalze.(La Guerre sociale, Paris.)
Abb. 57.Marcel Bloch: Die russische Dampfwalze.
(La Guerre sociale, Paris.)
Einen Dackel zeichnet auchSidney Greene(Abb. 56); er hat sich reichlich übernommen. Aber die Dackel sind ja kluge Tiere: er wird mit den vielen Knoten (Knoten im doppelten Sinne) schon fertig werden! Die Dackel folgen bekanntlich nie. Vielleicht ist das auch ein Grund, weshalb uns die Engländer so darstellen: wir sind ja ihren Wünschen auch nicht gefolgt. Englische und französische Überpatrioten hatten am Anfang des Krieges verlangt, man solle die (besonders in England viel gehaltenen) Dackel als„boches“töten und ausrotten. Dann erfuhr der „Dachshund“ aber eine „Ehrenrettung“ durch„Daily Mail“, die herausbrachte, daß sich Dackel schon auf altägyptischen Denkmälern dargestellt finden.
Abb. 58.BryansEntwicklung zur Friedenstaube.Amerikanische Karikatur.
Abb. 58.BryansEntwicklung zur Friedenstaube.
Amerikanische Karikatur.
Eine der gelungensten ZeichnungenGreenes ist die Kluckhenne (Abb. 45). Kluck hat einen großen Sieg errungen. Es entstand die Frage:„Can he hatch it?“Kann er ihn ausbrüten, das heißt: ausnutzen in Anbetracht der zahlreichen Waffen, die ihn umstarren?
Durch spöttische Bemerkungen machen sonst ganz in englischem Fahrwasser schwimmende Blätter gegen englische Nachrichten und die irrsinnigen Redewendungen mancher Redakteure mobil, deren Sprache als „Desperanto“ bezeichnet wird. Einen geistvollen Aphorismus, der die englische Politik vortrefflich kennzeichnet, brachte die „Deutsche Zeitung“ in Charleston:„This war was not made in Germany, but ‚made in Germany‘ is the cause of it!“(„Dieser Krieg wurde nicht in Deutschland gemacht, aber‚made in Germany‘ist die Ursache davon“).
Sehr sympathisch berührt uns die Karikatur des schon mehrfach genanntenRobert Carter„Who said rats?“(Abb. 59). Der englische MinisterChurchillhatte von den deutschen Schiffen als Ratten gesprochen, die man aus ihren Löchern ausgraben müsse, da sie sonst nicht hervorkämen. Die großartigen Leistungen deutscher Unterseeboote waren die Antwort. Der amerikanische Künstler zeigt uns nun in dem sehr geschickt komponierten Blatte, wie Tirpitz, hinter dem ein Heer von Schiffen und Zeppelinen steht, den englischen Löwen bei den Ohren nimmt. Daß ein sonst Deutschland abholdes Blatt eine solche Zeichnung bringt, die damit zu Hunderttausenden von Lesern gelangt, ist ein deutlicher Beweis dafür, daß schließlich über alle Lügen und Entstellungen doch die lautere Wahrheit triumphieren muß!
Wasser auf die Mühlen aller deutschfeindlichen Elemente war die Torpedierung der „Lusitania“ am 7. Mai. Die aufs äußerste erregte Stimmung in den Vereinigten Staaten spiegelt auch hier die Karikatur deutlich wider. Ein Gefühl der Erhabenheit über Beleidigungen ist diesen Zeichnungen gegenüber besonders notwendig.
Die modernen Waffen dieses Krieges, die namentlich auf deutscher Seite so außerordentlich erfolgreich angewendet wurden: Unterseeboote, Luftschiffe, tötende Gase, haben auch in der gesamten Weltkarikatur zu zahlreichen, oft sehr bedeutenden Darstellungen geführt. Alle die Bilder über die Torpedierung der „Lusitania“ gehören ja in das Kapitel „Unterseeboot“, über das sich allein schon ein dicker Band von Karikaturen zusammenbringen ließe. Die „Lusitania“-Karikaturen sind eigentümlicherweise nicht in England am zahlreichsten, das durch den Untergang des Riesendampfers doch am meisten getroffen wurde, vielmehr hat quantitativ und qualitativ Amerika das meiste geleistet und nächst ihm Holland; wie überhaupt, soweit sich das Gebiet der Karikatur im Weltkrieg bisher übersehen läßt, in Amerika und Holland die künstlerisch wertvollsten Scherzbilder entstanden sind.
Wie bekannt, erfolgte die Torpedierung der „Lusitania“ ohne vorherige direkte Warnung, wobei eine große Anzahl bekannter oder, wie man drüben sagt, „prominenter“ Amerikaner ihr Leben verlor. Wir wollen einmal annehmen, das Umgekehrte wäre eingetreten, Deutschland hätte in einem Kriege, in dem es neutral geblieben wäre, auf die gleiche Weise eine Reihe seiner besten Bürger eingebüßt: sicherlich wäre auch bei uns die Erregung zur Siedehitze gestiegen und hätte in den Witzblättern (in diesem Kriege ist der Ausdruck „Witzblatt“ eigentlich geradezu eine Profanation) zu den denkbar schärfsten Angriffen geführt. Allerdings hätte man in Deutschland die Bekanntmachung eines fremden Gesandten nicht mit Spott und Hohn hingenommen, wie es in Amerika mit den Warnungen geschehen ist, die Graf Bernstorff in Zeitungen und durch private Briefe ergehen ließ. Deshalb ist es ja auch nicht richtig, von einem Torpedieren der „Lusitania“ ohne vorherige Ankündigung zu sprechen. Aber die amerikanische Presse nahm diese Warnungen nicht ernst. So zeigt noch ein Spottbild in der Morgenausgabe des„New York Herald“vom Sonnabend dem 8. Mai„The Announcer“Bernstorff mit umgeschlagenem Mantel und den Attributen des Todes, während im Hintergrund das Plakat der Cunard-Linie klebt, die dort ihre Abfahrtszeiten der„fastest and largest steamers“ungehindert ankündigt. Diese Zeichnung vonW. A. Rogerssollte ein Hohn auf Bernstorffs Warnungen sein. Nachdem das große Schiff nun tatsächlich versenkt war, überbot sich die amerikanische Presse an gehässigen Darstellungen, die sich hauptsächlich gegen den Kaiser und Tirpitz, die als die Urheber des „Verbrechens“ angesehen wurden, richteten. Der schon früher genannteSidney Greenezeigt im„Evening Telegram“den Kaiser persönlich mit einem riesigen Torpedo die „Lusitania“ in den Grund bohrend, während Frauen und Kinder rettungslos auf den Wellen treiben: „SeinPlatz an der Sonne“. In derselben vielgelesenen Tageszeitung brachte der ZeichnerFarreine Karikatur, in der die drei größten Seeräuber aller Zeiten, Kapt.Kidd,Simmsund —Sir Henry Morgandem Kaiser den Lorbeer (the wreath) überreichen:„Handing it to him“(„Ihm gebührt der Ruhmeskranz“).Robert Carterveröffentlichte in„Evening Sun“eine Satire mit der ironischen Bezeichnung„Brave Work“, auf der der Kaiser einem Seewolf, der die Bezeichnung trägt:„War on Helpless Shipping“, das Eiserne Kreuz umhängt. In der gleichen Zeitung konnte man ein Bild sehen, das den Kaiser mit der gepanzerten Faust, die berühmte„mailed fist“, mit Tirpitz im Hintergrunde zeigt:„Laws? I make My Own Laws“(Was scheren mich Gesetze, ich mache meine eigenen!),„Cincinnati Times“brachte eine Zeichnung vonBushnellmit der riesigen Figur des Todes, die aus dem Meeresgrunde aufsteigt und die „Lusitania“ in die Tiefe zieht, während das deutsche Unterseeboot unbekümmert abfährt;„Philadelphia Public Ledger“vereinfachte den Gedanken: Man sieht auf den tobenden Wellen einen deutschen Helm mit der Piratenflagge an der Spitze.„Brooklyn Eagle“bringt die amerikanische Flagge (Stars and Stripes), blutbefleckt, darunter die Unterschrift: „Das istunserBlut“. Noch viel schärfer waren die Darstellungen in der schon genannten bedeutendsten Wochenschrift„Life“; sie sind derartig zynisch, daß man ihren Inhalt aus einfachen Anstandsgründen nicht einmal zitieren kann. Auf einer der verhältnismäßig noch harmlosen Zeichnungen vonMcKeesieht manUncle Sam, wie ihn der Kaiser mit der Peitsche bearbeitet, so daß Streifen auf dem Rücken entstehen, und Tirpitz ihm mit einer schweren Keule auf den Kopf schlägt, so daß Funken und Sterne sprühen; die ironische Unterschrift lautet:„Stars and Stripes“. In der gleichen Zeitung, deren Leser nach vielen Hunderttausenden zählen, findet man dann die häßlichsten und gemeinsten Spottverse gegen Deutschland und seinen Kaiser.
Und dieselbe, auch in England weitverbreitete amerikanische Wochenschrift, gab gleichzeitig eine Sondernummer„Vive la France“heraus, in der die „Schwesterrepublik“ in einer Reihe süßlich-fader Bilder in den Himmel gehoben wird!
Abb. 59.Robert Carter: Wer sprach von Ratten? (Who said rats?).(Evening Sun, New York.)
Abb. 59.Robert Carter: Wer sprach von Ratten? (Who said rats?).
(Evening Sun, New York.)
Abb. 60. Robert Minor: In Erwartung des 18. Februars.Beginn des Unterseebootkrieges.(World, New York.)
Abb. 60. Robert Minor: In Erwartung des 18. Februars.
Beginn des Unterseebootkrieges.
(World, New York.)
Man hat in Deutschland im allgemeinen doch wohl nicht begriffen, wie erregt und kritisch nach dem Untergange der „Lusitania“ die Stimmung in Amerika gegen uns war. Die Karikaturen zeigen es zur Genüge, und wir können den Männern, deren Bemühungen es gelungen ist, den Frieden mit einem Lande zu erhalten, in dem so viel stammverwandte Menschen wohnen, gar nicht dankbar genug sein. Die hier angeführten Beispiele sind nur ein kleiner Teil der ungezählten „Lusitania“-Zeichnungen der Amerikaner. — Natürlich hat es auch in der französischen Presse nicht an beißenden Satiren gefehlt.J. J. Roussaubrachte ein Blatt:„Dieu vous sauve“; der Personendampfer ist eben versenkt, und Frauen und Kinder treiben hilflos auf den Wellen, während der deutsche Unterseeboots-Kommandant lachend davonfährt. Diese Zeichnung trägt die Überschrift:„Les fils chéris de Bénoit XV“, ist also gleichzeitig ein Spottblatt gegen den Papst, dessen unparteiische Haltung ihm besonders in Frankreich und Italien wütenden Haß einbrachte (Abb. 61).Grandjouanzeichnete für„Le Rire Rouge“eine ganzseitige Darstellung, die Wilson am Meeresstrande zeigt, wo die Leichname einer Mutter und zweier Kinder angespült werden, die noch den Rettungsring der „Lusitania“ tragen, während im Hintergrunde Haifische auf das leckere Mahl warten:„Décidément, non, je ne peux être du parti des requins“(Wahrhaftig, nein, mit diesen Menschenfressern will ich nichts mehr zu tun haben!) (Abb. 63). — Sehr deutschfeindlich sind auch die Darstellungen, die die holländische Presse über den „Lusitania“-Untergang brachte.Johan Braakensieklithographierte für den„Amsterdammer“ein Blatt„De dolle stier is los“. Der tolle Stier ist natürlich Deutschland, auf den die ganze Welt Jagd machen müßte. VonP. de Jongerschien im„Nieuwe Amsterdammer“eine Darstellung des Untergangs der „Lusitania“, in der der Tod die Schornsteine und Segel kappt, während rechts der Teufel, der die Züge des deutschen Kaisers trägt, in die Worte ausbricht:„Goed zoo! Zoo’n cultuur is ook de mijne!“(Gut so! Solche Kultur ist auch die meinige!). Eine Inschrift auf des Teufels Flügeln lautet in deutscher Übersetzung: „Sterbliche, laßt in meinem Dienste alle Menschlichkeit fahren!“ Am schlimmsten gibt sich, wie immer,Louis Raemaekers: Das Gewissen hält den „Mörder“ (Deutschland) in die Höhe „Alle, die Ihr nicht protestiert gegen die barbarischen Kriegsmethoden dieses Ungeheuers, seid seine Mitschuldigen!“ — Das charakteristischste Blatt aber brachte dieselbe Zeitschrift in einer farbigen Zeichnung von dem schon früher gewürdigtenP. van der Hem. Von ihm rührt auch das großartige Blatt her, das wirweiter hintenabbilden, die Wirkung der Stickgase darstellend. Auf der hier wiedergegebenen Karikatur„De Lusitania“sehen wir uns in das Bureau einer deutschen Zeitung versetzt (der Name an der Tür ist wohl ganz willkürlich gewählt). Die Schreibmaschine trägt die Aufschrift „Gott strafe England“, einer der Mitarbeiter fragt den Chefredakteur: „Ich habe hier noch einen Nekrolog über den Untergang der ‚Titanic‘, können wir den nicht jetzt wieder abdrucken?“ worauf der andere erwidert: „Tun Sie das, aber er muß dann alsJubel-Artikelumgearbeitet werden.“ (Abb. 66.)
PAROLES PAPALESAbb. 61.L. Métivet: Päpstliche Worte.Französische Karikatur gegen den Papst wegen seiner Aussprüche, in denen er Deutschland Gerechtigkeit widerfahren ließ.„Interviewé enfrançais, le Souverain Pontife, qui estitalien, a répondu enallemand.“(Le Rire Rouge, Paris.)
PAROLES PAPALES
Abb. 61.L. Métivet: Päpstliche Worte.
Französische Karikatur gegen den Papst wegen seiner Aussprüche, in denen er Deutschland Gerechtigkeit widerfahren ließ.„Interviewé enfrançais, le Souverain Pontife, qui estitalien, a répondu enallemand.“
(Le Rire Rouge, Paris.)
Abb. 62. Amerikanische Karikatur auf die Angriffe der Unterseeboote.(Life, New York.)
Abb. 62. Amerikanische Karikatur auf die Angriffe der Unterseeboote.
(Life, New York.)
Abb. 63.Grandjouan: Wilson und die Lusitania.(Le Rire Rouge, Paris.)
Abb. 63.Grandjouan: Wilson und die Lusitania.
(Le Rire Rouge, Paris.)
Abb. 64.Alb. René: Die Zeppeline.(Französische Karikatur.)
Abb. 64.Alb. René: Die Zeppeline.
(Französische Karikatur.)
“OH, I SAY!”Abb. 65.Sidney Greene: Verdammt nochmal!(Evening Telegram, New York.)
“OH, I SAY!”
Abb. 65.Sidney Greene: Verdammt nochmal!
(Evening Telegram, New York.)
Abb. 66.P. van der Hem: Die Lusitania.(De Nieuwe Amsterdammer, Amsterdam.)
Abb. 66.P. van der Hem: Die Lusitania.
(De Nieuwe Amsterdammer, Amsterdam.)
Die Torpedierung der „Lusitania“ ist nur eines der vielen weltbewegenden Ereignisse dieses Krieges gewesen. Macht man sich nun klar, welche Fülle von Karikaturen allein dieses eine Vorkommnis hervorgerufen hat, so gibt das ungefähr einen Begriff von der ungeheuren Masse satirischer Bilder, die der Weltkrieg überhaupt angeregt hat.