Geistnamen, Vorzeichen, Zustände, alles war eng christlich an Symbol und Diktion. Ging in den Sielen der Apokalypse.
Die kleine Gemeinde hatte sich hermetisch rein zu erhalten gewußt vor dem alles wissenden Schnüffel des Zeitgeistes. Da gab’s kein Dranhinriechen, kein Hinterbein zu flüchtiger chemischer Analyse dranheben, so einfach zwischendurch, im Galopp von Prellstein zu Prellstein.
In den vierzig Jahren seiner gemeinsamen Bahn hatte das innere Doppelgestirn kaum acht bis zehn Trabanten aufgenommen in seinen Wandel. Als Ersten Gabriel Gruners toten Vater: den Organisten. Ein alter Stich zeigte ihn von jenem grobkörnigen und süßstarrsinnigen Schlag, der als Herrnhuter, böhmische Brüder, Rosenkreuzer, Albingenser, Europa von je seine bockbeinige Elite gegeben.
Sibyl hatte das magische Doppelwesen noch nicht zu Gesicht bekommen, wußte nicht einmal seinen Ort, war Jüngerin durch Gabriels Mittlerschaft allein. Ungeheure Abweisung wehrte von vornherein jeder Frage, noch ehe eigener Takt sie verbot.
Ab und zu tropfte Einer aus dem geheimen Kreis herein, verwirrte sich ob ihrer Erscheinung, noch mehr als er entdeckte, wo sie schon hielt oder man fuhr plötzlich fünfzehn Stunden an einen ganz obskuren Ort, traf die Brüder einen Abend lang — fuhr wieder auseinander.Dabei wurde kaum gesprochen, das lagerte um den Tisch eines beliebigen Kaffeehauses, kühl und schwer wie Schlangen und verdaute Seele. Alle hatten etwas lind Versinkendes: Schiffe mit zu viel Tiefgang, schon die kleinste Welle überspülte sie. Dann wieder fing einer was an: eine Fabrik, ein Studium, eine Kunst. Nie wurde was Rechtes draus. Von Fehlschlag zu Fehlschlag nickten sie einander saturiert mit steinharter Genugtuung zu. Hatten ein Lächeln des Ekels für siegreich Unbeschwertes. Immer hing aller Mißerfolg mit dem „inneren“ Wort zusammen. Statt nun praktische Ziele ganz zu lassen, bohrten sie doch immer wieder weiter, halbherzig und sauer ahndevoll.
Gabriel Gruner war Quartalsasket.
Sein Geistname Matthias, als welcher nachträglich den Aposteln zugeordnet, mit ihnen ausgestreut ward in die Welt, gab symbolisch Veranlassung genug, sich plötzlich in Geselligkeit zu stürzen, die Geselligkeit ihrer Geburtsstadt noch obendrein. Gerade hier war es ihm gewiesen zu wohnen. Ganz in die Nähe zogen sie aufs Land. Blinkende und kleinliche Sachen trug er ins Nest.
Daran nahm sie kein Teil. Alles oder nichts. Entweder Herzog oder Anachoret. Mayfair oder die Wüste Gobi. Zu Palast oder Steinhöhle konnte sie „Heim“ sagen — zu einer Sommerwohnung nie.
Doch war das alles nicht leer und gleich? Hatte sie, Sibyl, sich nicht Gott vorgenommen mit Überspringung aller Zwischenstufen?
Sah sich manchmal ameisenklein, hierhin, dorthin rennen, in Vorortzüge krabbeln, und stieg dabei, inwendig riesengroß, in einen tiefen Bronnen, sah über sein erlöstesRund noch einmal zurück nach dem fremden Flohzeug: sie selbst, das vielleicht gerade um seinen Platz rang, in der rollenden Streichholzschachtel auf ihrem steifen Stahl-Faden zum Spinnennetz Stadt. Was das Ameisige dort Klägliches trieb, war belanglos. Ihr Körper hob sich indes wie ein Gefäß wieder aus der Fülle des inneren Bronnens, und als solches blieb sein Umriß ihr teuer wie nur je.
Als ein Kind die mondweiße Mulde zwischen den Barsoiflanken beulig zu heben begann, nahm sie selbst stets genau soviel ab, als die Frucht schwoll, sog die feinen, harten Sehnen straff ein, ohne Erlahmen, von Willen übergossen.
„O das kommt schon von selbst wieder in Ordnung,“ sagten überlegene Mütter, bei denen es offensichtlich doch nicht wieder in Ordnung gekommen.
Von Monat zu Monat hoben sich zudringliche Lorgnons höher in der gestielten Erwartung: endlich, endlich „normal“.
Nein, die noble Mulde füllte sich nur eben aus. Ein planer Spiegel blieb die Grenze.
Die Lorgnons bebten entrüstet:
„Es ist nicht natürlich.“
Sie hob die Brauen stumm, leicht belästigt. Dachte:
„Hat man je gehört, daß eine Löwin vor dem Wurf die Figur verliert? Nein, nur das Mutterschwein. Ist ausschließlich dieses „natürlich“. Ihr, die nicht laufen, springen, tauchen, klettern könnt — nichts von der Natur könnt ihr, wie sie als Knüppel mißbrauchen, um jeden edeln Aufstieg niederzuhalten.“
Schon liefen anonym Anzeigen wegen verbotenenEingriffs bei Gericht ein, da trieb ein Wirbel von Wehen das Ausgetragene springlebendig aus.
„Den Schild der Armut über die Schätze des inneren Lebens halten.“
Jeden Morgen gab Gabriel zehn Kronen für den Haushalt, um elf schon mußte das Mädchen ihm von dem Geld eine Schachtel Zigaretten zu acht Kronen holen. Sie lernte Bögen gehen um Eckladen, von Endsummen in Einkaufbüchern wegschauen, erst auf den zweiten, dritten Blick sich nahewagen, vor dem Kohlenmann in den Platzregen entweichen. Dabei glaubte man sie reich, den ländlichen Taubenschlag eine Inseparablelaune der einzigen Tochter aus vermögendem Haus. Sibyl merkte, wie alles sie langsam abzutreiben versuchte vom pfeilrechten Stolz, und blieben Geldfragen zwischen den Gatten auch ignoriert, zuweilen glitten Gabriels Augen des Illuminaten in der Haut einer Hostie doch so wartend erstaunt über sie hin. Wenn er nur nicht anfing, den Zauber nicht bräche. Überwand sich schließlich aus Angst, er könne es doch noch fordern, kam ihm zuvor, ging zu dem alten Familienanwalt, der sie als Kind auf dem Arm getragen:
Aber natürlich. Das kleine Vermögen mütterlicherseits war seit der Großjährigkeit fällig. Man würde die Herausgabe brieflich von Papa verlangen. Da kam er auch schon gekrochen, die starren Glasaugen aus ungeheurer Macht würdelos vor Einsamkeit. Aber es war zu viel, es war zu viel gewesen. Das, was man fieberhaft gern geküßt, mit den graublonden Wellen über der Stirn voll trotziger Falten, lag längst mitverkohlt im hellichten Haßstrahl von damals.
Was blieb: ein fremder alter Mann — sonst nichts.
„Komm mit,“ bat Gabriel, aus monatelangen Versunkenheiten aufschreckend zu seinem periodischen Anfall wahllosen Menschenhungers, und wies eine Einladungskarte.
„Ich kenne diese Hersons doch gar nicht. Übrigens, welch ein Name, — so heißt man doch nicht ganz von selber?“ Weder deutsch, noch englisch ist es.
„Dein hellsichtiger Hochmut! Immerhin, der Sprößling vom alten Leiser Herschsohn ist bereits in Eton erzogen: Gelehrter, Sportsmann, Weltmensch, gegenwärtig Professor in Cambridge — kann noch Vizekönig von Indien werden.“
„So,“ sagte Sibyl. „DieserRalph Herson.“
Der alte Bankier begrüßte jeden, ganz fahrig vor Glück.
„Mein Sohn ist zu Besuch!“ Und zitterte. Saß sonst mit einem schwarzen Seidenkäppchen auf dem Eierschädel und verachtete alle seine Gäste. „Wer schon zu mir kommt ...“ Spitzte höchstens ein Ohr, fiel irgendwo das Wort „Million“.
In der Bibliothek staute es sich heute interessiert, alle horchten, einer sprach: ein dunkler großgewellter Greifenkopf auf eher kleinem, überaus wohl gebautem Körper. Warmes Wogen ging in die Luft über von diesem Haar, durch das ein weißer Strähn, wie der Montmorencys silberte. Die Augen, gleich braunen Beeren, von denen das eine größer war, spannten sich in ewig wacher Vitalität.
Sibyl erschien in der Tür und es geschah wie immer: alles wandte sich und starrte. Auch aus dem Schwarm um Ralph Herson stieß es sich jetzt ab, und wie ein gesträubter Kometenschwanz ihr zu.
Einen Augenblick standen er und sie, von Augen umklammert an den zwei Enden eines leeren Luftstrahls. Man sah sein Herz im Halse. Dann war es, als nehme er seine ganze magnetische Vergangenheit zusammen, würfe sie über die Frau. Sie stand, mit seinem Fluidum übergossen. Es flutete an ihr hinauf, drang, zurückgewiesen, nicht ein, rann ab. Er senkte die mächtigen braunen Augen wie bestürzt, bewußt knabenhaft, dozierte weiter, ignorierte sie. Zog später Gabriel sehr höflich ins Gespräch, verneigte sich nur stumm vor ihr. Ließ alle Übrigen, lud das Paar zu sich in den ersten Stock, zeigte seine naturwissenschaftlichen Sammlungen, seine Bilder, das photographische Atelier. Bat kommen, Aufnahmen machen zu dürfen. Entzündete den großen Gaskamin, rückte Klubsessel, Kissen, arrogant und demütig zugleich, gab nicht Ruhe, bis er es endlich erreicht hatte:
Die jungen Sternsaphire sahen ihn an, prüfend und groß.
Er senkte den Kopf, den Wohllaut der Schultern. Hatte eine Art hinter blinden Lidern die Augen erst mit Wärme sich füllen zu lassen, dann warf er die zwei Schalen voll schwebender Minerale dem andern mitten ins Gesicht. Vor Sibyl aber ließ er es. Hob die Lider nicht mehr — leerte quasi seine ganze Macht vor ihr auf einen Gebetsteppich aus.
Nach korrekter Pause machte er seinen Gegenbesuch auf dem Lande, machte Meisteraufnahmen, ordnete Gewänder, demolierte die Wohnung, unter der schwarzen Schabracke des Stativs ein moderner fünfbeiniger Centaur. Schickte Separata seiner Arbeiten, trug seine überlegene Sinnlichkeit wie eine wabernde Toga, zeigteMenschen-, besonders Frauenmißachtung, zitternd vor Anspruch, unterstrich den Unarier, den Ungermanen, zielte wunderbar ebenmäßig gebaut auf ägyptisch-griechisch „made in England“.
Sein engeres Fach war das Tierexperiment. Er arbeitete gerade am lebenden Vogelauge, hatte nebenbei einen Python unter dem Messer, von Hunden, Katzen, Fröschen, weißen Mäusen zu schweigen, alles provisorisch in einem Pavillon des väterlichen Gartens untergebracht. Er lud sie zu einem besonders interessanten Versuch ein, wurde abgewiesen. Nahm es als Weibchenpose einer großen Fee. Sie hatten heftige Diskussionen. Sibyl leidenschaftlich, ging aus sich heraus. Er provozierte, genoß es als erlesenes Extraexperiment.
Sie blieb im Garten, angeekelt.
„Heil aus gemarterten Tieren muß letzten Endes Unheil sein. Ihr Vivisektoren vergeßt, daß Äskulap der Sohn Apollons ist. Fördert die Hartfühligkeit, wie kann da der delphische Mensch gedeihen: Einer, dessen Leib so sensitiv geworden, daß ihn schon ein Lorbeerblatt, in der hohlen Hand gehalten, hellwissend macht und heil. Lorbeermenschen brauchen wir!“
Er widersprach, hochfahrend gereizt, und unterwarf sich im selben Atem. Wer rede vom „Heilen“, das interessiere ihn nicht, aber ohne Sinnesphysiologie gäbe es kein Verständnis der tiefsten Dinge. Dazu sei die Vivisektion eine praktisch unentbehrliche Technik, genau wie die chemische Analyse, die ein Anhänger der Allbeseeltheit — er schüttelte sich vor Ekel bei dem Wort Seele, — dann allerdings auch unterlassen müßte. Er persönlich gebe zwar das Tierexperiment endgültig auf, sobald seingroßes vergleichendes Werk vollendet. Laienhafte Sentimentalität dagegen wirke lächerlich. Nie hätten es Tiere in der Natur so gut, gingen so human zugrunde, würden so behandelt und gepflegt wie Versuchsexemplare vor und zwischen den Experimenten. Sie möge sich persönlich überzeugen, wie die Tiere an ihm hingen. Er pfiff. Aus dem Pavillon brach Freudengewinsel. Ein verbundener Köter kam herausgekrochen, leckte seine Hände. Er streichelte, wie das Schicksal streichelt:
„Nächste Woche kommt er wieder dran, aber er weiß es nicht — das ist die Hauptsache. Nur ich weiß es voraus.“
Er lächelte, gab dem Geschöpf, das ihn wedelnd umhinkte, einen Leckerbissen. Dann reiste er ab.
In einem großen Kuvert des Nizzaer Tennisklubs kamen als Überraschung Meisteraufnahmen von Baby und Gabriel — keine von ihr. Ein Brief dabei, zwölf enggeschriebene Seiten. Sie las kaum die erste. Er schrieb von den Bildern, freue sich, daß ihr die früheren einiges Vergnügen bereitet. Noch mehr freue ihn, da er sie über Phrasen erhaben halte, der Wunsch eines Wiedersehens.
Und weiter:
„Ich darf Ihnen wohl aus so großer Entfernung und ohne die Bitte um Geheimnis sagen, wie sehr gerne ich Sie gewonnen habe. Es ist gewiß nichts Seltenes, daß man Ihnen das sagt oder andeutet, aber es ist etwas außerordentlich Seltenes, daß ich das jemandem sage, daß ich es sagen kann. Ja, ich habe es wie hier, ohne den leisesten egoistischen Anklang, noch nie einer Frau gesagt.
Ihr ganzes Wesen, Ihre psychische Eigenart, Ihre noble Persönlichkeit, viel mehr noch als selbst Ihre Erscheinung — dies alles sprach mich gleich das erste Mal so an, daß ich fast zu allem ‚ja‘ sagen mußte. So oft ich mit Ihnen beisammen war, gewannen Sie, während die meisten Frauen rasch verlieren. Wo mich andere hundertmal verletzt hätten — ich meine natürlich sich selbst verletzend, ihr eigenes Bild trübend, — haben Sie mich nicht mehr als vielleicht zweimal verletzt. Ich hätte das gar nicht für möglich gehalten.
Sie haben mich arm und reich gemacht. Reich, weil ich meine ganze Vorstellung von der Frau erhöhen konnte, weil ich erfuhr, daß es doch Wesen voll Anmut und Noblesse gibt, die meinem klar geahnten Ideale nahekommen; arm, weil ich, seit ich Sie kenne, noch anspruchsvoller geworden bin. Weil ich die Frauen jetzt an Ihnen, nicht mehr bloß an einer abstrakten Sehnsucht messe, und kaum je eine finden werde, die Ihnen als meine Frau vorzustellen mich auch nicht in einem verborgenen Winkel meines labyrinthischen Inneren genieren wird.“
„Labyrinthischen Inneren“ — da brach sie ab und lachte. Ohne Bosheit, aber unbändig wie ein Bub. Nein, dieses „labyrinthisch“. Wie geschmacklos!
Nächsten Tags nahm sie den Brief doch noch einmal auf, wog ihn in der Hand, las diesmal nur die letzte Seite:
„Es fällt mir schwer, Ihre und Ihres Herrn Gemahls Gesellschaft zu missen. Ich bin Geselligkeit liebend und bedürftig, aber ich finde sehr schwer Menschen, mit denen ich auftauen, mit denen ich freundlich sein kann — ich bin es überaus gerne — oder die mir sogar Funkenentlocken können. Ich danke Ihnen manche Anregung und freue mich, sie zu erwidern. Am schönsten wäre es, wenn wir uns einmal in England oder in Italien oder im Hochgebirge treffen, miteinander Sport treiben oder Kunst genießen könnten. Ich mußte immer allein oder mit gleichgültigen Menschen reiten oder reisen oder bergsteigen — vielleicht habe ich auch einmal die Freude, Sie beide als meine Gäste zu sehen, im Süden, wo ich mir ein Heim zu bauen gedenke.“
Sie antwortete kaum. Doch durch Monate, über Länder und Meere her kam es „hochachtungsvoll“ herbeigeströmt. Einmal auf Briefpapier derBritish Association, einmal mit dem Abdruck einer Gemme aus Syrakus. Dann wieder eine Anfrage, ob er ihr aus Paris etwas besorgen könne.
Sie antwortete gar nicht.
Nun schrieb er:
„Wenn ich jemanden gern habe, ehre ich seine Freiheit — wenn Sie just einmal keine Lust hätten, mich auf der Straße zu grüßen, ich würde nichts anderes denken, als eben dies.“
„Was will der seichte Jude!“ sagte Gabriel, mit der ganzen knorrigen Hoffart des Reformationspatriziers, als beim Frühstück immer die gleiche vergrößerte Schrift bewußt und wohlerwogen den Spiegel exotischer Kuverts plastisch durchmaß. Papier, Schriftbild, Verschlußmarke: ein zusammenstilisiertes Kunstwerk, stets variiert, doch gleicher Grundkraft, so daß sie sich gewöhnte, es um sich zu dulden als ästhetischen Genuß. Ein warmer Schauer von lauter viereckigen Ausschnittchen einer weiten und gepflegten Erde. Alles, was sie gelassenin Sehnsucht nach noch nicht dagewesener Überhöhung — im Spitzentrieb nach Äußerstem.
Dann sank eins ums andere aus dem Schwarm dahin in den Papierkorb, sah ihr von dort doch noch in die Augen — hartnäckig durch Wohlgestalt.
Auch sein Schweigen war Kotau.
„Ich hatte Ihnen aus Bonn und Heidelberg geschrieben, fand kein Ende, vielmehr, es gewann nicht die Form, in der ich Ihnen Geschriebenes gern sehe. So ließ ich’s ganz.“
Also keine „labyrinthischen“ Innereien mehr!
Um das Rätsel ihrer Ehe: dieser magischen Starre eines geschlossenen Systems, glatt gegen Angriff, strich er mit eingezogener Hinterhand, leise fauchend. Wagte keine Frage.
Alle Probleme des Wissens erörterte er mit ihr als Macht zu Macht. — Versuchte, sie zur Detailforschung herüberzuziehen, weg von den großen Grenzgebieten. Doch als Beweis, wie er auch hier zu Haus, verfaßte er eine Broschüre über „Scheinprobleme“ mit Anpöbelung aller mächtigen Geister von je bis ehegestern. Schrieb dazu:
„Wollen Sie diese kleine Studie als Ihnen gewidmet betrachten. Sie haben mir immer so wohl getan, daß ich Ihnen stets nur Angenehmes erweisen möchte. Mögen Sie dieses bescheidene Zeichen einer außerordentlichen Verehrung freundlich und freundschaftlich aufnehmen.“
Sie lehnte die Widmung ab, übte höflich schonungslos Kritik an dem Dilettantismus der Arbeit. Geübter, intensiver im letzten Zusammensehen, denn dies war ihr eigenstes Gebiet.
Er ging über die sachlichen Einwürfe hinweg, nahm es persönlich, wenn auch als milder Psychiater,schob alles auf Rassenunterschiede.
„Ich bin sehr schwer zu beleidigen,“ lief seine linde Entgegnung, „habe aber natürlich nicht länger als zwei Minuten — nicht zwischen den Zeilen gelesen — Absicht merken lassen und doch nicht merken lassen, das geht eben nicht, aber es hätte mich gefreut, wie alles, was Sie erhöht, wenn es auf so feine Art geschehen wäre, daß man ganz im Zweifel hätte bleiben müssen, ob eine verletzende Absicht vorlag. Das war Ihnen wieder nicht wichtig genug! Sie sind offenbar enorm reich! Ich ganz Alter vermag sogar die Frische solch scharfer Urteile zu genießen, die, wie fast alles, was von Ihnen ausgeht, eine besondere Anmut haben. Es erinnert an Jugend und Überschwang, fast Schnurspringen. Aber ich wittre etwas anderes dahinter, was neben der metaphysischen Narrheit — oder milder: Überflüssigkeit — in den allermeisten Ariern steckt, nämlich eine gewisse Not und Sorge, eine privilegierte Fasson der Erkenntnis und Seligkeit zu besitzen. Solchen paßt ein vorurteilsloser Standpunktwechsel nicht, sie häufen Scheinprobleme in Physik, Chemie, Biologie, umnebeln sich mit philosophischem Schwulst, der den einzigen Vorteil hat, daß ihn kein normaler Mensch versteht und man in ihm ‚unter sich‘ ist. In dieser arischen Intoleranz, diesem Bonzentum und Parteinehmen aber liegt etwas Armes, und es stimmt mir nicht zu ihren sonstigen Weiten. Mein Wesen ist zu sehr Vernunft, praktischer Idealismus und Güte — Güte und noch einmal Güte ‚bedingungslos‘.“
Immer, wenn er etwas Schönes sagte, was sehr rein, sehr vernünftig klang, zog sich ihr durch den Reiz ein leiser Widerwille, als hätte er so Richtiges zu sagen noch kein Recht.
Und diese dreimal hochgehaltene „Güte“! Als schwenke er sie — ein Gelegenheitskauf — frisch von der Auktion. Sie bohrte weiter:
„Zeigt die Begeisterung, mit der er von ‚bedingungsloser Güte‘ spricht, nicht gerade, daß ihm jede praktische Erfahrung in der Materie fehlt? Mir scheint, wer wahrhaft gütig, — noch traf ich keinen — ist es knirschend, abgewandten Gesichts,weil er nicht anders kann, trotz infamster Erfahrung, denn das ganze Maß menschlicher Gemeinheit kennt nur er, weil nur an ihm die Feigheit ganz sich loszulassen wagt.“
In diesen Monaten sumste es durch alle Türritzen in ihre siebzehnfach verriegelte Zurückgezogenheit: Geschmeiß, die Rüssel naß vom Aas allen Tratsches, der hinter ihm herstank. Nun rächten sich Gabriels Anfälle von Leutegier: flüchtige Vorstellung einst mit einem Nicken quittiert, ward zum Vorwand stürmischer Begrüßungen an Straßenecken, und nach drei Sätzen fiel der Name des Berühmten — Berüchtigten. Ungute Damen verwandelten sich in mütterliche Freundinnen, Lebekommis in ethische Warner. Man übergruselte sich gegenseitig mit Andeutungen der Wollüstlingslaunen dieses Verderbers der Jugend. Mütter beteuerten, ihre jungen Söhne nicht in seine Nähe zu lassen, ihre jungen Töchter aber warfen sie ihm alle nach, denn er war die große Partie.
„Rein de Thier mißt mer zusperren vor den Damen,“ sagte der alte Leiser Herschsohn, ganz angeregt, undrückte sein schwarzes Käppchen — sehnte sich nach einer Schwiegertochter, nach Enkeln.
War er wieder im Lande, sah Sibyl es sofort. Selbst die entferntesten Cousinen der Clique erschienen plötzlich mit Sportmützen aus Pardelfell, hielten Regenschirme wie Tirsusse, und schaute man hin, wandten sie sich ins Profil, mit einem fragwürdigen und grausamen Lächeln.
Sibyl amüsierte sich: der Arme — welch ein Evoe-Kitsch — das verdient er denn doch nicht. Zu ihr und Gabriel kam er stets am letzten Tag vor einer unaufschiebbaren Abreise, versäumte zwar den Zug, fuhr aber doch mit dem übernächsten. Ritt rauh, arrogant, störrisch seine Steckenpferde vor: Philosophie des Standpunktwechsels, Zuchtwahl, Eugenetik; gewaltsam, unpersönlich und heftig. Als Baby Charmion hereinkam, brach er ab, vor diesem Arielwesen beugte sich das zerrissene Greifengesicht andächtig über die rosigen Füßchen. Dann wieder brutal dozierend.
Jede phänomenale Frau müßte von Staats wegen mit sechs — sieben auserwählten Männern Kinder bekommen. Welch ein Versuchsmaterial das ergebe.
„Und wenn sie nicht will?“
Ein unbeschreiblicher Ausdruck von Übermut, Grausamkeit, Verspieltheit, Wollust rann aus den Augenecken über das schöne Gesicht, und von seinen eigenen, dunklen, magischen, unerhörten Strahlen gehoben, mit einer glücklichen, brechenden Knabenstimme:
„Dann wird sie angebunden.“
Beim Abschied in die laue Sommernacht hinaus, vermied er sorgsam ihre Hand. Verbeugte sich nur bösund tief. Dann tonlos vor Erbitterung: „Sie sitzen hier in diesem Nest und die ganze Welt dürstet.“
Um Weihnachten, Gabriel war in Schlesien, ließ eine Dame sich melden. Ralph Hersons Empfehlungsbrief lag eine Visitenkarte bei: Lady Tatjana de Walden war unter weißem, dekorativem Wappengetier zu lesen.
Gleich darauf stand eine Frau im Zimmer, exotisch, robust, resolut und unfrei zugleich, die Arme voll Blumen, ein großes Kuvert in der Hand. Schaute und schaute in fast tierhafter Spannung mit schönen, grauen Augen unter allzu neugelbem Haar. Keine Engländerin. Das sah auch Sibyls großgewordene Kindlichkeit. Keine Fremde, eine Überfremdete nur. Sie sprach in vorsichtig ausgelaugtem Deutsch, das zu dem urwüchsigen Umriß der Gestalt nicht passen wollte. Über das angenehme, etwas breite Slavengesicht rann manische Devotion. An was erinnerte nur das? Richtig, Manege. An alles, was zu erhobener Dompteur-Peitsche auf Hinterbeinen steht. Die Dame war mit umständlich vereinfachter Eleganz gekleidet — sah aber doch aus, als hätte sie früher einen Ring am Mittelfinger getragen.
Als der Gast unter stürmischen Erscheinungen von Glück und Entzücken Abschied genommen, öffnete Sibyl das große Kuvert. Ihr eigen Bild: in Dutzenden von Auffassungen. Ein kleines darunter, leicht getönt. Wieder sie: mit bloßen Füßen, und über die trocken hellen Halme ihrer Glieder stürzte als bananenfarbener Regen alles Haar.
Mit dem Haar vermischte es sich: seine unverkennbare Schrift, doch so blaß, daß völliges Übersehen möglich blieb.
„Wer ist sie, der ich sie vergleiche,Die schöne Freudenreiche?Das müssen die Sirenen sein,Die wie mit dem MagnetensteinDie Herzen ziehn in ihren Bann.“—„So zog Yseult viel Herzen an,Die sich vor der Sehnsucht LeidSicher fühlten und gefeit.“
„Wer ist sie, der ich sie vergleiche,Die schöne Freudenreiche?Das müssen die Sirenen sein,Die wie mit dem MagnetensteinDie Herzen ziehn in ihren Bann.“—„So zog Yseult viel Herzen an,Die sich vor der Sehnsucht LeidSicher fühlten und gefeit.“
„Wer ist sie, der ich sie vergleiche,Die schöne Freudenreiche?Das müssen die Sirenen sein,Die wie mit dem MagnetensteinDie Herzen ziehn in ihren Bann.“
„Wer ist sie, der ich sie vergleiche,
Die schöne Freudenreiche?
Das müssen die Sirenen sein,
Die wie mit dem Magnetenstein
Die Herzen ziehn in ihren Bann.“
—
—
„So zog Yseult viel Herzen an,Die sich vor der Sehnsucht LeidSicher fühlten und gefeit.“
„So zog Yseult viel Herzen an,
Die sich vor der Sehnsucht Leid
Sicher fühlten und gefeit.“
Die Dame kam, verschrieb wappenreiches Briefpapier, schickte Blumen, verhätschelte Charmion. Und aus ihr sprach immer ein anderer. In ganzen Schnüren von Sätzen kamen seine Worte. Erschrocken stockte sie, hatte sich auch nur ein Adjektiv verschoben — fing noch einmal an, bis es originalgetreu saß. Diese Hörige schien resolut, zäh, schlau, doch alles Eigenwüchsige war ausgetrieben, nur die Vitalität hatte er ihr belassen, seiner eignen zur Verstärkung, wie es schien.
Als sie abgereist, schauerte ein Regen von Papier hintennach, wie blinkende Schnitzelchen aus einem Reklameballon. Auf einer der Karten stand:
„Dank, Dank, für alle Lebenssteigerung, die Sie, einfach durch ihr Sein, mir gespendet haben. Hoffentlich sind Sie so zufrieden und glücklich, wie Sie scheinen, und nur das Gute erfüllt sich, das in diesen vornehmsten aller schönen Hände für den Kundigen geschrieben steht. Und wenn Sie doch einmal einer Brangäne bedürfen, so rufen Sie mich.“
Von nun an unterschrieb sie sich nur mehr: „Brangäne.“
Ralph Herson selbst hatte während der Episode Tatjana geschwiegen. Nun schrieb er wieder:
„Lady de Walden dankt mir in einem begreiflich überschwenglichen Brief, daß ich ihr zu Ihnen, der früher nur aus Bildern Gekannten und danach schon Verehrten, einen Weg gebahnt. Es ist mir immer erfreulich und eine Art Ziel der Lebenskunst, wenn ich mit einem Schlag mehreren Angenehmes erweisen oder nützen kann, und so hoffe ich, daß auch Ihnen die Begegnung erfreulich war.“
Nein, ein Ende machen. Es war zu viel, dieses ruhelose Ineinanderspielen von Händen, dieser vorgeschobene Posten in glühendem Spionagedienst, dieser neue Trabant und Zwischenträger, Konduktor und Strahlenleiter und Wärmevermittler. Es war zu viel. Ein widerwilliges Herzklopfen befiel ihre Selbstachtung beim Kontakt mit dieser „Lady“, bei der alles fragwürdig bis auf das Sklaventum. So also dörrte er einem die Würde aus — dieser Samum. Entwurzelte Menschenzungen, dieser Vivisektor, pflanzte Papageienzungen dafür, auf daß sie einzig seinen Ton verstärkten. Nein, genug.
Da depeschierte er aus Genua:
„Lady de W. ist schwer, vielleicht lebensgefährlich erkrankt, ein paar freundliche Zeilen von Ihnen, die sie so grenzenlos und heimlich liebt, würden ihr im Innersten wohltun. Wenn irgend etwas Gemeinsames zwischen uns ist, erfüllen Sie meine Bitte, von der die Kranke natürlich nichts weiß, und senden Sie ihr, durch mich, einen Gruß. Es gibt Arzneien, die nicht in der Apotheke zu kaufen sind.“
Sibyl dachte an Madame Swobodas Liebe und Ende,an ihre ersteüberflüssigeInfamie ... und schrieb. Auch hatte sie die Frau gern, ihre Kraft und Treue.
Er jubelte.
„Ich wußte, daß ich nicht vergeblich bitten würde, daß auch Sie der Liebe haben. Die arme Lady T. lag eine Woche zwischen Leben und Tod, trotz Morphium schlaflos in entsetzlichsten Schmerzen. Doch wenn Sie gesehen hätten, welche Freude ihr der Brief der ‚besten Ärztin‘, mit den gewissen langhebelbeinigen schlanken Zügen, bereitet hat! Ich danke Ihnen aufs innigste, daß Sie mir diese erlesene Mitfreude ermöglicht haben, der Brief trug gewiß zur Besserung bei. Ich wußte übrigens nicht, daß der Verkehr abgebrochen war. Warum, warum überflüssiges Leid zufügen? Ich habe allerdings die Empfindung, daß Sie eben noch nicht traurigste Erlebnisse hinter und unter sich haben, ja, daß das Leben noch nicht einmal sehr große Schwierigkeiten, Hemmungen, Enttäuschungen für Sie hatte. Das ist ein kleiner Defaut und läßt Sie vielleicht auch Verläßlichkeit, Treue, alles positiv Erfreuliche, nicht so sehr schätzen, wie Narbenbedeckte. Es gibt Ihnen aber andererseits etwas Erhabenes, Heiteres, Unberührtes, das ungemein edel, sonnig und erfreulich wirkt.
Möge Ihnen dies noch recht lange, ja für immer erhalten bleiben! Ich würde geradezu leiden, wenn Ihnen irgend etwas geschehe.“
So war sie wieder im Garn der Güte, denn auch die Rekonvaleszentin brauchte noch „Arznei“. Und was als Antwort zurückströmte: stumm eingesagt klang es von einem unhörbaren Mund. Schon diese Schrift! Als hätte er ihr vorzeiten jeden Buchstaben einzelnmit der Wurzel ausgerissen, um ihn frisch hineinzustecken in ein Schriftbild von seinen Gnaden; jetzt hing das Ganze steil hintüber, einer Frau gleich, die hinter dem Rücken etwas zu verbergen sucht.
„Es nimmt dich auf,“ sagte Gabriel nach seiner Rückkehr, ganz durchsichtig in den Zügen vor Ergriffenheit.
„Als erste Frau. Du wirst erwartet. Jetzt hebt erst unsere wahre Hochzeit an, denn nichts kann uns mehr trennen.“
Immer noch, seit dem ersten Tag, ging sie mit Gabriel die inneren Gänge ihrer Verbundenheit. Bisher war er Mittler gewesen für die Weisungen des Zwiegeschöpfs an sie. Nun sollte endlich ein wichtiger geistiger Vorgang dem Stadium der Reife sehr nahe sein, sich auch von innen her in einem Zeichen körperlicher Art auswirken: als Meilenstein am Weg. So war es angesagt worden.
Noch am Abend wollte Sibyl reisen, taumelte vor Erregung wie im Traume durch den Tag. Es flimmerte ihr so vor dem Herzen, daß sie sogar von der Leiter glitt. Kam da auf der Jagd nach einem Koffer eine uralte Tasche aus des toten Organisten Nachlaß vom Bord herunter, traf ihre Schulter, sie verlor das Gleichgewicht und stürzte, gerade mit dem Handgelenk, auf ein seltsam graviertes Petschaft, das aus der verblichenen Tasche gerollt war. Der scharfe Steinschnitt grub in ihr Fleisch ein weinrotes Mal. Rasch wand sie ihr Taschentuch darum. Gut, daß Gabriel nicht dabei gewesen,er liebte nicht Gegenstände seines Vaters profan ins Licht gestreut. Nun, es war ja nichts Böses geschehen, die kleine Quetschung gewiß in einer Woche vergessen und heil.
Am zweiten Abend kam Scheible in den Geist. Saß halbstarr auf dem Strohsessel seiner dämmrigen Werkstatt — ferne schwebten die schönen Augen mit den Greisenringen in dem kleinen Gesicht. Knotige Hände, im Gegensatz zum blutlosen Schädel, mahagonibraun, lagen mit ihren eingewachsenen Rillen Pechs im grünen Schusterschurz. An der Wand, breit wie ein Baß, ragte Radinger mit seinen Holzschnittschultern. Gleich einem Block füllte Ruhe den Raum, bis auf des Schreiners unaufhörlich zitternden Kopf. Die südlich fremden Mandelaugen lagen geschlossen darin und man ahnte sie hinter den Lidern nach oben gebrochen wie einer empfangenden Frau. Der Mund war leer und wartete.
Sibyl saß auf der Ofenbank, sah Scheible ins träumende Auge. Zuweilen spannte und erweiterte sich die Greisenpupille, dann begann es aus Radinger zu murmeln, biblisch Klagendes oder Verzücktes, das sie nur vag verstand, ihr auch nicht galt. Etwa nach einer Stunde stützte sie den Ellenbogen aufs Knie, den müden Kopf in die Hand. Der Ärmel glitt zurück. Das Aufwachsen ihres lichten Armes ins Dunkle mochte Scheibles schwebenden Blick gefangen haben. Er sprang über, blieb wie ein Bläuling, ehe er sich auf eine Blume niederläßt, über dem Blutmal an Sibyls Gelenk in der Luft stehen, dann sog er sich langsam dran fest, und Freude brach aus Radingers dunkelgerundetem Munde: das Doppelwesen sprach die Quetschung an als das erwartete Zeichen.Sprach mit ihr von Dingen, die sie nun wissen sollte und nicht wußte, da doch das innere Leben zu dem Male fehlte.
Langsam kroch die grauenhafte Entdeckung sie an, vereiste ihre Haarwurzeln:
Das „innere Wort“ hatte geirrt. Wo Irren nicht möglich sein durfte, oder es sank herab zu — — Hysterie.
War das Doppelwesen auseinandergefallen, ganz gleich was dann zwei knorrig liebe, kreuzbrave, tiefgläubige und gütige Handwerker, ganz gleich, was sie da: Wachblinde, zu wissen vermeinten — doch als innerer Doppelstern! Hier Täuschung und der ganze Weg war falschoder konnte falsch sein. Sie wartete in Todesangst, wie ein Verurteilter auf Gnade. Nichts Erlösendes kam. Das Murmeln hörte langsam auf. Starre wich von Scheible, von Radinger das Wort.
Im elenden kleinen Gastzimmer der Dorfherberge starrte sie vernichtet auf die leicht verschwimmende blaurote Stelle an ihrem silbrigen Arm.
Zwei Möglichkeiten gab es: Diese Quetschung glich äußerlich, sei es durch Zufall, sei es, weil die Sigille des alten Gruner wirklich jenes Zeichen darstellen sollte, dem wahren Mal, dann war der Irrtum für ihr Vertrauen tödlich, denn der Führer hattemit innerem Gesicht das Wachstum ihrer Seele zu sehen: das Mal von innen an ihr zu sehen, nie durfte äußerer Stoß in die Haut ihn täuschen. Oder: und es war die letzte Hoffnung: das Zwiegeschöpf hatte tiefer in ihr gelesen, als sie selbst noch wußte. Das Zeichen war schon auf dem Wege sich zu bilden, die innere Knospe nur noch nicht ins Bewußtsein aufgesprungen. Nichts als eine leichte Verschiebungin der Zeit hatte stattgefunden und durfte es, denn das Geistwesen „sieht die Zeit wie durch ein Rohr: alles auf einem Haufen!“
Bald mußte es sich entscheiden, ob das echte Mal erschiene, das die Seher vorgeahnt.
Noch ein Drittes gab es: aber darauf ließe sie sich nicht mehr ein: Das „credo quia absurdum“. Nein, hatte man einen Bund geschlossen und sein Teil des Paktes gehalten, so hatte sich auch der Drüben anständig zu benehmen, und wär’s der liebe Gott. Alles oder nichts. Und gab’s einen Weg solch absoluter Demut, ihr Weg konnte es nicht sein, war sie nicht schon weit genug abgekommen von sich selbst?
UndHysterie, ihr Kinderschreck, sollte wie die Jugend, so das ganze Leben an einer fremden Gehirnkrankheit zugrunde gehen.
War es nicht, als setzten die Brüder dieser mystischen Gemeinde sich in ein skurriles Geistesgefängnis, des perversen Ehrgeizes voll, daß ihnen alles fehlschlüge und einer dumpfen Hoffart gegen jedes Unbeschwerte, durch Freiheit Siegreiche.
Und man erfror vor Bedeutsamkeit bei ihnen.
Wo aber blieb jetzt der Sinn ihrer Ehe?
Nicht mehr Gabriels „geschwisterlich Gemahl im Geiste.“
Sie wartete mit aller Inbrunst auf das verspätete Zeichen des Lebens. Es blieb aus. Suchte an des Mannes Schulter um Rat.
Er glaubte ihr nicht. Daß ES geirrt haben könnte, schien ihm unausdenkbare Blasphemie, sie wolle ihn anstecken, vergiften, mit ihrem Zweifel die Saat, gesät in Geschlechtern, verrotten in seinem Blut.
Da kam — an Bord der „Titania“ geschrieben — viele hundert Seiten lang, ein Brief Ralph Hersons.
Wie brennende Schiffe trieben glühende Wortgruppen ihr entgegen und vorbei, abgelöst von irisierenden Wirbeln der Verheißung, rosig und leise dahinrotierend in dem endlosen Strom der Anbetung. Eine schmerzhaft konzentrierte Noblesse der Sprache, auch der Gesinnung wohl. Denn wie hätte es schon zu Beweisen, zu Taten äußerster Treue kommen können, so lang sie ihr Leben ihm nicht anvertraut. Nun schrie es aus ihm „in heiligster Not“:
„Wollten Sie meine Frau werden? Ich gehöre nicht zu jenen, die solches Wort leicht auf der Zunge führen — Sie sind die Erste und Einzige, an die ich je solche Aufforderung gerichtet“ — dann Prinzessin Augenweide ... und nun bot er ihr alles, was ein Mann einer Frau nur bieten kann. Und es kamen hunderte Bilder der Inbrunst, und sein verzücktes, verzweifeltes Begehren rann als maßlose Erhöhung durch ihr Blut.
Da ward ein solcher Brand nach Blüte in ihr, daß sie, nackt hingeworfen, alle diese Blätter über sich gelegt, mit jeder Pore, mit dem ganzen Sonnengeflecht die magischen und dunkel duftenden Ausströmungen der breiten Männerschrift in sich trank.
Der Brief schloß:
„Ein Kind von Ihnen wäre die Krönung meines Lebens — eine Tochter gar, die Ihnen gliche an märchenhafter Anmut — ich glaube, da würde ich toll vor Glück. Doch wüßte ich selbst, Sie könnten nie mehr Kinder haben, auch dann wäre mir Ihre bloße Nähe schon so wertvoll, daß ich nichts unversucht ließe, Siezur Frau zu gewinnen. Nur hinter Ihnen hergehen dürfen ist mehr als jede Andere umarmen.“
Sie erbat Bedenkzeit. Das Beste von ihr war noch drüben in jener Ehe, die doch bis zu Gott hätte reichen sollen. Hatte aus ihrem Phantasiekörper sich ein Abbild Gabriels geschaffen in einer strahlenden Materie in den lichtesten Stoffen der Welt. Dieses Ikon konnte nicht so schnell verwesen. Sie hatte es noch nicht ausgeliebt — ausgeglaubt. Alles kam von den zwei Jahren der Verzögerung, und daß man dieErwachsene hatte einsperren dürfen in Minderjährigkeit. Jetzt hätte sich das Ikon bereits reif und leidlos aufgelöst gehabt. Wieder überstrahlte sie der erste große Haß gegen Papas verbrecherische Torheit.
Als sie Gabriel von Trennung sprach, vermochte er es nicht zu fassen, hielt alles für Wahn. Flehte: „Versuche es wenigstens noch ein Jahr mit mir.“
„Begeisterung ist keine Heringsware, die man einpökelt für mehrere Jahre,“ feixte Ralph Herson.
„Zeit: das Kostbarste vergeuden.“ Gleich müsse sie fort. Drang auf rascheste Scheidung. Er als Engländer liebe klare Verhältnisse. Nicht einmal sehen wolle er sie vorher. Lady Tatjana tauchte wieder auf, trug Sturm hin und her, schluchzte, beschwor. Ein Wortbruch — Sibyl hatte ihr Wort noch gar nicht gegeben — wäre ärger als Mord.
Aber gerade diese Lady Tatjana ließ sie auf einmal wieder tief zögern. Nein, es ging nicht.
Wem es gefiel, mochte der in freier Liebe leben, natürliche Kinder Unnatürlichen vorziehen. Nie hatte sie den Beziehungen der beiden nachgeforscht. Aber es gingnicht, der früheren Bediensteten im elterlichen Haus einen Scheinmann, seinem eignen Kind einen fremden Vater zu kaufen: einen verhungerten kleinen Beamteten, der es billig tat und Edler von Walden hieß. Es ging nicht, diese Frau dann — sie hieß Leopoldine Sedlaček — nach vertuschenden Reisen, mit vertuschtem Dialekt, vertuschter Schrift, unecht-wahr, als „Lady“ Tatjana de Walden einer Dame ins Haus zu schicken. Diese Fakten waren aus der Gerichtssaalnotiz einer Provinzzeitung ersichtlich — mit Rotstift gerahmt, ihr zugeschickt — denn der kleine Beamtete klagte endlich auf Zahlung der bedungenen Heiratssumme, ein paar Tausende im Ganzen. Man hatte ihn auch noch bei dem Handel zu übervorteilen gesucht, seinen Anspruch juristisch bestritten, weil solch ein Vertrag gegen die „guten Sitten“ verstoße. Den schönen Namen aber war die Dame andererseits nicht mehr herzugeben gewillt.
Sibyl verschwieg ihr Wissen, aus Scham für beide. Auch hätte er, sofort Edelanarchist und nur auf das Wesenhafte eingestellt, befremdet aufgeschaut:
„Das ist doch alles nur äußerlich.“
Schließlich: Jemandem die Brieftasche ziehen, war dann auch nur „äußerlich“, stak sie in der äußeren Rocktasche.
Ein edler Schwätzerkniff.
Sie zögerte tief — schloß dann die Augen in der nächtlichen Fieberkurve der Sehnsucht, ließ die geliebten dunkelsaugenden Strahlen über sich ein. Und alles war wieder gut.
Da drohte er mit — Heirat. Stellte ihr ein befristetes Ultimatum von drei Wochen. Jetzt solle sie sehen —jedes junge Mädchen könne er haben bis dahin. War es erwachende Reaktions-Prüflust des Vivisektors?
„Es gebe auch Leute, die man peitschen müsse, um sie zum Reagieren zu bringen,“ ließ er sagen.
Sibyl wurde zu Eis und Honig — wünschte viel Glück. Poldi Tatjana, die arme Hörige, irrte mit Botschaft zwischen ihnen hin und her, widerrief Drohungen, die sie tags zuvor gestammelt:
Nur kein Mißverstehen: da sie noch zögere, sei der Plan einer Zwischenheirat aufgetaucht, gerade ihretwillen, ihr Außerordentliches zu bieten. Der alte Leiser habe dem Sohn das halbe Vermögen — sofort zahlbar — als Prämie gesetzt für eine ihm genehme Ehe. Ralph war nicht mehr so jung, wie die eigenwillige Bronze seines Körpers es wahrhaben wollte, schon den zäheren Vierzig nah. Also Scheinehe, Scheidung, die junge Dame erhielt Freiheit und Mitgift zurück und man war unabhängig im größten Stil; die ersten Jahre sollten ja ein unaufhörliches Fest sein, ein goldenes Gewitter, eine Lebenserhöhung, wie sie wenig Sterblichen vergönnt.
Andern Tags war wieder Minotauros Pose: er brauche, rein physiologisch, alle drei Monate eine Jungfrau — dies sei die letzte Ration, ehe er sich einerfairy-queenverbände.
„Also war die junge Wegzehrung wohl schon gefunden?“
„So halb.“ Die Hörige, beflissen, ging in die Falle, zeigte weitgehende Bilder, die sie „im Auftrag“ von dem Fräulein gemacht.
Drei Wochen auf den Tag heiratete er. Schrieb amlendemain„der großen schlanken Ehestifterin“ einenseiner perfiden, verworfenen, verbotenen, ersehnten Briefe, als wäre nichts verändert. Dann reiste das junge Paar.
Und es war keine Ruhe.
Die Hörige, im Kielwasser der Lustfahrt, schmeichelte, flehte, klagte:
„Ahnen Sie nicht, spüren Sie nicht, wie nötig jetzt ein paar Zeilen von Ihnen wären? Ich fürchte, Sie haben noch immer keine Ahnung von der ungeheuren Liebe, die er für Sie empfindet.Fancy — — — come!“
Dann wieder:
„Er hätte Ihnen so viel zu sagen. Aber wollen Sie denn hören? Sie haben ihm ja die Schleusen gesperrt. Vesta! Wie walten Sie des heiligen Feuers?“
Manches klang diktiert:
„Der Trotz, mit dem er diese törichte Scheinehe einging, ist mir beinah unheimlich. Es ist so komisch, die Menschen ihm dazu ‚Glück‘ wünschen zu hören. Es tut mir in der Seele weh, daß ihm nur Mesalliancen beschieden sein sollen. Ich liebe ihn und gönne ihm die einzige Erfüllung, die für ihn möglich ist. Oh, werden — werden Sie kommen?“
Immer lagen Kuverts mit verstellter Schrift bei und die Mahnung, nur diese zu benützen, denn:
„Die junge Frau hat keine Ahnung von Ralphs Stellung zu Ihnen, er hat noch kein Wort mit ihr darüber gesprochen.“
„Mein Gott, wie komm’ ich zu diesem Schmutz?“ Und Sibyl zerriß die falschen Kuverts bis auf eins, steckte die Schnitzel in dieses letzte — das schickte sie ihm zurück.
Doch auch in ihrer Ehe mochte sie nicht bleiben unter falschem Stern. Die Glut dieses Mannes hatte sie ruhelosgemacht, einsam und unfrei. Gabriel bewilligte die Probetrennung, hielt es für mystischen Urlaub nur. Behielt Charmion als Pfand. Das Arielewesen sollte nicht leiden, von nichts wissen, nicht in Heimlosigkeit gezerrt werden. Damit es sich ihr nicht entfremde, kam sie in Pausen immer wieder zu ihm. Bestimmte die Hälfte ihres kleinen Depots für seine Pflege.
„Notre Dame du wagon-lit.“ Ahasvera jetzt. Sie war beinah arm. Und lieber noch jeden Tag eine andere Fremde als „Heim“ nennen müssen, war unter ihrer Art.
Arbeitete bei Kocher in Bern, bei van t’Hoff in Berlin, lernte den Skisprung bei Sarnström inDalarne, hörte Bergson in Paris. Kam aber aus Europa nicht hinaus, um Charmions willen.
Das Glättende und ortlos Weltgültige im Stil war jetzt über die so sehr kindlichen Spitzen ihres Wesens geschmolzen, aber ihre innere Fremdheit wuchs. Der Vorfrühling ihrer Glieder blieb fixiert, duftete nach Birken und Erdbeeren. Es war da nichts zu ändern, nur Übergänge auszugießen, zu feilen, zu veredeln. Welchen Sinn hätte denn das Älterwerden je gehabt, wenn nicht: Schönheitsfehler verbessern und überhaupt etwas dazu lernen. Wie ein Virtuose auf Urlaub übte sie auf dem stummen Wunderinstrument ihres Körpers. Alles oder nichts, auch hier. „Narzissa“ hatte Ralph Hersons wissendes Begehren sie einmal genannt.
Und es war keine Ruhe. —
Über Länder und Meere her rann das Gefälle seiner stechenden Wärme in einer heißen Linie auf sie zu und hetzte ihr Herz. Ein Buch kam, ihm einst geliehen. An ihrem Geburtstag, unbekannt woher, ein Päckchenmit seiner Schrift, darin retourniert ihr Hochzeitsgeschenk an seine Frau. Dann wieder ein andermal hatte sich die Hörige bei Papa eingeschlichen, die Dienstleute bestochen, um Nachricht. Sie fühlte Spione um sich. Gerüchte zerstäubten vor ihrem Weg: die junge Frau ein Jahr nach der Hochzeit tot. Hatte sich in einem schottischen See ertränkt.
Er, das Opfer von Erpressungen, wolle Cambridge verlassen.
Es war keine Ruhe.
Aber warum gerade dieser? Was gab ihm solch brennende Macht?
Sie ließ das wissende Haupt sinken.
Sein Erbteil: Die purpurne Wärme Asiens. Sie ließ sich sinken:
„Sweet Prince of darkness.“
Aus Olympia zwang sie ein Telegramm zurück. Papa war tot, sie selbst nun wohlhabend, fast reich. Tratsch trieb das Erbe zu Millionen auf.
Da brach er durch die Schranken. Der Anlaß war hinlänglich — ja korrekt. Kondolierte vom ligurischen Strand, wo er sich angekauft. Und siehe! Auch Lady Tatjana wieselte wieder über den Weg, wo immer man ging. Schließlich geschah es vor des alten Anwalts Haus, der die Verlassenschaft führte, daß die Hörige, einen Affront riskierend, herzu trat, ihr Beileid auszusprechen. Unter der Mache aber leuchteten die grauen Augen froh und echt — wie erlöst. Sie redete nur von ihm — in seinen eigenen Sätzen und, wie Sibyl dies einst gewidert, so rührte gerade dieser Zug sie jetzt. Dachte auch über manches milder. Die unbestechlicheKinderhärte von ja und nein, dies Kompromißlose! Weil es ihr eigenes Maß, mußten ihm deshalb andere standhalten? Sie ließ das Haupt sinken:
Sweet Prince of darkness.
Prinz Augenlust.
Sinn der Erde.
„Wie, sie wolle auf ein paar Wochen nach Spanien?“
Wie gut sich das träfe, da könne man vielleicht gemeinsam bis Genua fahren, und die Hörige sprach von dem Heim, das Ralph Herson im Begriff war, sich am Meer zu bauen. In den nächsten Tagen träfe er übrigens zum Besuche seines Vaters hier ein.
Beim Abschied warf Sibyl noch halb unbewußt hin:
„Und — das, wie die unglückliche junge Frau zugrund ging (dachte dabei: durchihnzugrund ging), ist es schon überwunden?“
„O, er hat ihr längst verziehen,“ sagte die Hörige pathetisch, „er ist ja so gütig.“
Dieser nachgesprochene Satz war schuld, daß Ralph Hersons Besuch nur in der Hotelhalle und mit den äußersten Enden der Höflichkeit angenommen wurde. So großäugig natürlich, so geistig gelächelt, so sehr leidlose Anmut war alles um Sibyl, daß die Magie in seine ungleichen Augen tief zurücktrat und alle kauernde Freude dazu. Er blieb und blieb. Ging zögernd, fast mutlos endlich, als sie den Lift bestiegen. Drehte, schon an der Tür, doch noch um, — war in vier Sprüngen wieder am Aufzugschacht — horchte in ihn wie in leere, letzte Erwartung; vielleicht, um ihren Schritt über der Stufe oben zu spüren. Der Lift hielt falsch,etwas zu hoch, dann wieder zu tief. Da hörte er lotrecht über sich die mädchenhafte Damenstimme sagen:
„Aber Sie fahren mich ja hinab, statt hinauf.“
Ein vogelheller Jubelton —. Eine gerührte Erlösung — ein beispielloses Entzücken: eine Hymne der Hingabe — an den Liftboy.
Ralph Herson neigte den großgewellten Greifenkopf. Zog die Luft ein in einem endlosen Atemzug, ging ganz langsam ins Schreibzimmer, entnahm der Brieftasche vor dem Herzen die eigens für ihn gebaute Feder von niegesehener Breite, verschrieb die halbe Nacht und den ganzen Vorrat an Hotelpapier. Faltete es. Sammelte sich noch zu den starken und kühnen Zügen der Adresse, wie zu einem Weitsprung. Hielt. Es blitzte in dem Geäder seiner Schläfe. Kleine Verstöße, die er begangen, kamen ihm peinlich wieder: ein deplaziertes Wort, eine rauh gereizte Bewegung, wegstrecken des kleinen Fingers von der Teetasse.
Gutmachen sofort! noch mehr: vorbeugen. Er entbreitete noch einmal das ganze Pfauenrad der Verzückung, schrieb darunter:
„Meine liebe Zauberin! Lächeln Sie über mich? Doch bin ich mit Ihnen, ist stets die Hälfte meines Geistes in Adoration verloren — Du kennst mich nicht, mein besseres Teil. Die Schüchternheit vor Dir — vielleicht die Letzte, die mir im Leben geblieben — läßt mich dann trivialer, törichter, rauher erscheinen, als mir wirklich zu Mut ist, ja ich suche manchmal nach irgendeiner albernen Bemerkung, manierlosen Geste, um die wirkliche Bewegung zu verbergen.“
Als sie kam, fuhr er ihr doch zur letzten Station entgegen, wider alle Verträge. Sprang vom Rad, lief die bremsende Expreßkette entlang, die Arme voll blühender Zweige, warf sie durchs Fenster, dunkle Strahlenbündel hintennach.
„Dem liebsten Gast!“
Sprang aufs Rad zurück. Der Montmorency-Strähn auf seinem Kopf silberte im Sonnenstaub.
Dann fraß ihn Oleander- und Lorbeergebüsch weg.
„Abrasieren sollte man die alberne Gegend,“ dachte sie.
„Nichts sieht man.“
Und die Sternsaphire leuchteten.
Sein Gast? Nein. Stieg in einer kleinen Pension neben seiner Besitzung ab.
Am Morgen holte er sie, zeigte ihr das provisorische Haus — die Stelle des künftigen. Kaufte immer noch Gut auf Gut, Ufer und Hügel mit Wein.
Die weltgültigen Anreden der Fremdheit: „Gnädige Frau“ — „Herr Professor“, tanzten auf dem Äther und Kokainrausch ihres gemessenen Nebeneinander. Jedes genoß sie als Verheißung:
So viel liegt noch vor uns.
Nur einmal, als er Baupläne erläuternd, von dem Hügel niederwies auf seinen Grund, da hielt er an im Sachlichen und Klugen. Und in die lange Pause brach es leis, mühsam, gerührt und rührend:
„So im stillen habe ich mir doch immer gedacht, daß Du einmal hier wohnen wirst.“
Die nächsten Tage ließ er sie büßen. Ward sie an seinem verzehrenden Werben warm, winkte er ab mit zärtlichem Hohn, posierte Vorsicht — gebranntes Kind.
„Ja, wenn ich so was sagte, das wäre was anderes. Ich verspreche nicht — ichhalte.“
Einmal brach er los:
„Verehrter Energievampir. Zeitvampir! Zeit, das Kostbarste! Jahre hast du mich gekostet: Jahre der Sehnsucht und Leere.“
An einem Hauch Humor über ihre abgewandte Wange hin sah er, sie rechne nach, womit er diese Leere minotauroshaft und auch ansonsten recht vergnüglich ausgefüllt.
„Aber verlieben konnt’ ich mich nie mehr, seit damals.“
Am Abend lag ein Blatt in ihrem Zimmer: