Chapter 19

Sein Mund war voller Küsse, die er dann boshaft wieder zerbiß. Aus Angst vor der eigenen Hingabe klügelte er unmöglichen Anspruch aus, in der Hoffnung, enttäuscht zu werden. So jagten sie hutlos durch Salzgischt und Mittagsglast, aber wehe, hatte die Linie des Lichts dann Grenzen gebrannt auf Milch und Silber des abendlichen Ausschnitts. Im Gesellschaftskleid — er liebte Förmlich-Festliches am Abend, — führte er sie nach dem Diner noch in die Dunkelheit hinaus, Wege voll Gestrüpp, durch Dornenhecken und boshaft dann ins Lampenlicht zurück. Ein Fleck, ein Riß, und triumphierend angewidert sah er diskret zur Seite.

Kam sie korrekt in Juchtenstiefeln die steinigen Wege daher, vermißte er das offene Spiel der feinen Fesseln, kam sie in Schuhen, wars nicht Stil.

Bei einem alten, schwerhörigen Bauer blieb er stundenlang, ließ alle Rede mit dem beinahe Tauben ihr, damit die weiche, gepflegte Vogelstimme, zum Schreien gezwungen, hier ihren Reiz verlöre.

Sie trug es, wie man mit dem Gefährten auch schlechte Zeiten trägt. Die Zeit der Wahl lag lang schon hinter ihr.

Nie ging er mit bis zum Hotel; kam es in Sehweite, nahm er Abschied. Endlich in ihr Staunen hinein, gereizt, daß sie ihn nicht von selbst begriff:

„Der Portier sieht mich bereits ein wenig sonderbar an — deinetwegen. Unter diesen Philistern muß man vorsichtig sein.“

Sie lachte ein wenig traurig:

„Und wie war das mit den freien, modernen Menschen?“

„Oh, du bist frei.“ Sie dachte: ja, vogelfrei. „Ich aber, als Grundbesitzer hier, bin von der öffentlichen Meinung in hohem Grade abhängig, brauche auch den Sindaco für allerhand Konzessionen.“

Wie praktisch, als Sturmbock gegen Weltdummheit und Bosheit benutzte er allein die Frau, ließ sich den Preis für seine Ideale von ihr bezahlen.

Zwei blaugoldene Wochen verspielte sie mit Charmion am Gardasee, gab dem Kinde ein pausenloses Fest. Ganz für sich blieben die beiden, begafft nur von morgens bis nachts, in dem einzigen Hotel des Orts von Kaum- und Halbbekannten, denn die Welt ist unerträglich eng.

Da kam eines Tages aus Genua ein Dokument zur Unterschrift, darin Ralph Herson die Vormundschaft und sonstigen Rechte an dem Kind übertragen wurden.

Sie staunte. In wenig Wochen der legitime Vater, was brauchte er noch dies?

Legte es nachsinnend beiseite, wiewohl die Unterschrift als dringend für ein nahes Datum gefordert war.

Einige Tage darauf, zur Teestunde, machte der Postbote wie immer seinen Gang von Tisch zu Tisch auf der Terrasse und reichte ihr ein Telegramm. Sibyl sah vom „Dschungl-book“ auf, das Charmion immer wieder hören wollte, prüfte den Inhalt des kurzen Klebestreifens — man starrte wie immer zu ihrem Tisch herüber — steckte ihn ruhig ein, las laut dem Kinde das Kapitel zu Ende, schickte es auf den Spielplatz, lachte ihm nach, ging schwingend über die Terrasse ins Hotel, in ihr Zimmer, fiel in einem Herzkrampf aufs Bett. Die Depesche lief:

„Amme und Kind nach Gardasee unterwegs.“

Weder Strecke noch Zug bestimmt, so daß sie hätte entgegenfahren, die Ankunft verhindern können. Und Charmion hier, von der sie bisher mit übermenschlicher Kraft diesen ganzen Schmutz weggehalten! Ihr seinen Bastard mit Amme heimtückisch herschicken, welch namenlose Niedertracht.

Ein nasses Tuch auf dem Herzen, kroch sie zur Klingel. Sofort das Motorboot. Warf alles in die Koffer, floh zwanzig Minuten später mit Charmion über den See, ohne eine Adresse zurückzulassen, dann mit einem Zug in die Schweiz hinauf, und weiter bis an den Kanal. Mochte da hinten im Hotel geschehen, was wollte.

Seit diesem Tag spürte sie ihr Herz.

Der lädierte Köter fiel ihr ein, der seine tückisch-streichelnde Hand geleckt, nicht wissend, wann er wieder „dran käme“.

Dann lanzenhart im Schwung des Hasses:

„Nein.“

Der alte Lederer hockte, wie immer, im Bureau, setzte seinen zweiten Zwicker auf, um besser reden zu können.

Ralph Herson war auf einen Tag nur erschienen, hatte erklärt: er, als gütige und vornehme Natur, sei tief erschrocken über solche Gewissenlosigkeit einer Mutter, ihren Säugling in unverantwortlicher Weise an fremdem Ort einfach im Stich zu lassen. Das stoße natürlich alle Vereinbarungen um. Gehe er, aus Ritterlichkeit, vielleicht doch noch auf eine Scheinehe mit Scheidung ein, verlange er als Sicherstellung, als Kaution gleichsam, zweimalhunderttausend Franken. Danach aber werde Frau Sibyl, die sich leichtsinnigerweise bei ihrer Trennung von Gabriel Gruner einer allzu großen Summe entäußert, wohl kaum mehr in der Lage sein, ein Heim zu erwerben und einzurichten. Unsicheren Verhältnissen könne er aber, als gewissenhafter Vater, ein Kind, das er so lange ersehnt, nicht preisgeben. Daher müsse es ganz und gar ihm verbleiben.

Warum er denn annehme, eine Frau werde plötzlich ihre Stellung materiell ausbeuten, die sich doch bisher stets selbstlos gegen ihn gezeigt, ja, bedeutende Geldopfer auf sich genommen?

O gerade deshalb, das gebe ihr dann eben einen Schein von Recht und überdies: Frau Sibyl pflege, wie er sich persönlich oft zu überzeugen Gelegenheit gehabt, enorme Summen unbedenklich für erlesen kostbare Gewänder auszugeben. „Die Kosten der Verschwendungssucht solch verwöhnter Dame zu riskieren, scheue er sich und baue deshalb vor durch die Kaution.“

Dr. Lederer sah zu seiner Klientin auf, sie lachte so irr:

„Besitzen Sie noch so viel Geld wie er verlangt?“

„Nein, ich bin ruiniert.“

So hatte er sie geschickt und planmäßig an eine Stelle im Schicksal gebracht, wo jeder Versuch einer Tat zu Skandal, Ruin oder — Verbrechen leitet, zu einem: sich überall an blinden Mauern die Stirn zerschmettern, die Knöchel blutig und schmutzig schlagen, wo das ganze Leben grau und rot wird vor Schmach bei jeder Bewegung, der Schlamm-Geysir nur gebannt bleibt durch regloses Stillhalten, Atemanhalten und Sichausplündern lassen; denn eine Dame kann nicht durch Gerichtssaal und Zeitungen zerren lassen, was ihr geschlechtlich geschehen. Sie ist das Wehrloseste der Welt, noch der Feigste darf sich beruhigt an ihr vergreifen; bezahlen muß sie ihn noch, damit er die ihr angetanen Infamien nicht bekannt mache.

So brauchte ein Ralph Herson nur die flottierende Niedertracht in Sitte, Meinung und Brauch für sich arbeiten zu lassen, und jeder Cerebralsadismus, jede Profitgier ward automatisch und ohne Risiko befriedigt, wenn nur frech genug, schamlos genug zu Ende geführt.

Doch wie, wenn er sich diesmal irrte? Wenn sie ihm einen Schadenersatz-Prozeß machte? Allen Ekel vor Maul und Ohr der Öffentlichkeit überwand, um ihn an der einzigen Stelle tödlich zu treffen, wo er verwundbar: mitten in die Brieftasche hinein.

Der alte Lederer schüttelte den Kopf.

„Haben Sie Beweise? Liebesbriefe — wenn schon. Lauter Ekstase, kein positiver Inhalt, und der Schuldschein ist zwar unvorteilhaft, aber unanfechtbar, er behält Ihr Geld. Also: Prozeß zweifelhaft, Schadenersatz sicher gleich Null. Sie bleiben ruiniert und er — kaumgeschädigt. Ja, in England, dort wäre es freilich anders, dort hätte er es sich auch wohlweislich überlegt. Da ruiniert ein ‚breach of promise case‘ den Mann.“

Dies also war der echte Grund seiner Übersiedlung aus Cambridge, daher die Flucht vor britischem Recht.

„So ist juristisch nichts zu machen?“

„Nichts, was einer Sühne gleich käme, denn wann hätte ein Gauner nicht das Gesetz für sich.“

Sie ging. Lahm vor Ekel. Auf der Straße, in einer Gruppe Leute, hob eine Frau das Lorgnon, frug:

„Was, die kennen Sie nicht?“ rief einer aus dem Kreis: „Ich werde Ihnen gleich ihre Geschichte erzählen,“ und Tratschgeifer troff ihm schon aus dem Mund.

Fern und leicht, das Gesicht hoch wie ein Windenkelch, schritt sie knapp an der Gruppe vorbei, und in den längst ausgefressenen Bahnen der Empörung jagte ein Verzweiflungskrampf den andern durch ihr Hirn.

Jetzt schlug ein Haßstrahl leuchtend seine Kraft hindurch: die Zwillingskraft der Liebe, doch mächtiger als sie, weil frei vom Wahn des Glücks. In diesem Haßstrahl erhellt, sah die Zerstörte, zum ersten Male, Leiser Herschsohns Nachfolger als neuen Typus — unzähliger Variationen fähig:

Den Lebenswucherer.

Nicht mehr mit schmierigem Seinesgleichen nur um Geld — o nein, — als physisch Hinaufgepflegter auch noch mit seinen Generationszellen wuchernd, die Kalorien seiner Händedrücke berechnend: Geist, Schönheit, Kultur,Liebe: alles bereits ein Fremdwort für Wucher!

SeineGüte: daß er den Schaden, den er zufügt, leicht vergißt.

SeineTreue: wenn ihm in der Zwischenzeit begangener Verrat weniger Vergnügen macht, als er glaubt beanspruchen zu können.

SeineGroßmut: besten Falles eine unterlassene Infamie.

Ohne innere Not allen fremden Werten durch Gentleman-Mimikri falsch verbunden, hatte er in Büchern gelesen von Noblesse, von Vornehmheit, schaffte sich die Worte an, fing sich mit ihnen fremde Taten ein, die ihm den Preis der neuerworbenen Ideale dann bezahlen mußten, denn keine Bindung galt für ihn, der stets auch anders konnte als Entraßter; sich beim „soll“ in den weltfremden Gelehrten wandeln, beim „haben“ behende in den Wucherer zurück.

Hatte sich nebst seinen Bronzen, Bildern, Büchern auch eine uneheliche Kindersammlung angelegt, als millionenfache Verzinsung einer einzigen investierten Zelle. Spesen: ein paar gut angewärmte Briefe, die ihn zu nichts verpflichteten, weil er durch seine Advokaten längst belehrt worden, wie ein Betrug, der im Geschäftsverkehr zwei Jahre Zuchthaus kostet, in Form von —Liebe, straflos bleibt.

EinZu-früh-Freigelassenerauch, mit allen seinen Merkmalen, als da sind: Gier, Geiz, Mißtrauen und — Grausamkeit, wo sie ohne eigenes Risiko zu befriedigen: am sichersten somit an der graviden Dame, hat man sie vorsichtshalber erst durch Scheidung, Schmach und Schmutz getrennt von ihrem schützenden Milieu. Erfreulicher für den Ästheten jedenfalls, als der Geschäftsverkehr mit seinesgleichen, für den Gelehrten so spannend wie der Tierversuch, und lukrativer obendrein, da man vom Adler, dem gefesselten, ehe ihm die Augen ausgeschnitten werden, kein Geld entlehnen kann.

Nun glaubte er sich frei von ihr, nachdem er ja in diesem Jahr den ganzen Tierkreis seiner Perfidien durchlaufen. Somit bereit:

„Zu neuen Taten teurer Helde.“

Doch siehe: auf dem Kursblatt seiner Emotionen notierte sie noch immer „pari“ wie es schien, und die Verfolgte spürte seinen namenlosen Haß, ja, sein Entsetzen, lieben zu müssen, wo nichts mehr herauszuschinden blieb, denn: Mittel war ihm jede Kreatur.

Was aber gab ihm solche Macht?

Die purpurne Wärme Asiens: sein Erbe. Unter erotischen Schwerblütlern, mit niederem Wissen um den Körper, in einem Ozean lauer Geilheit, schoß dieser Menschenhai umher nach Beute, und alles Liebesreiche, Blühende fiel ihm voll Inbrunst zu.

In Schönheit glühen: auf dieser Sehnsucht aller Kreatur kam er dahergeschlichen, hinter den strahlenden Gaben seines Maules.

Der absolute Egoist.

Unschädlich machen! Mitsamt seiner Zutreiberin, mit der ganzen Brut — alles unschädlich machen — sofort.

Doch erst quitt sein, nichts ihm schulden. Und für jede Mahlzeit, je in seinem Haus genommen, für jeden Tag in seinem Haus verbracht, und für die erste Liebesnacht insonderheit, schickte sie die angemessene Summe an das Bankhaus Herschsohn. Raffte dann in irrer Trunkenheit ihr letztes Geld zusammen, — es reichte eben für die Reise, — und fuhr zu ihm.

Als Chauffeur verkleidet, zwei Revolver in den Ledertaschen, klingelte sie am Tor des alten Landhauses.

Eine fremde Person kam herausgeschlurft:

Alles verreist.

Der Herr und Mylady, auch das neue Kind seien fort. Nach Madeira, vielleicht auch Tunis, jedenfalls auf lange.

In ihren muffigen Gasthof zurückgekehrt, warf sie das Fenster auf. Es verspreizte sich, Anstrich blätterte ab. Vor ihr stieg, reich und frei, das herrliche Land, sein Eigentum, so weit man sah.

Da riß der allzu überspannte Wille jäh und traf das Herz. Also entflohen, unerreichbar weit; denn wie das Gesetz den Gauner schützt, so diesen wieder sein Raub, der ihm Freizügigkeit des Reichtums gibt — dem Opfer nimmt.

Sie kroch in die entwürdigende Verlassenheit des Fremdenbettes.

Lag so eine ewige Nacht.

Diese Nacht trat langsam, wie ein drehender Absatz, etwas in ihr aus, ohne das kein Mensch weder leben will noch kann. Etwas, das niedergeknüppelt doch — wie oft — verharrt. Nicht größer zuweilen, als im Riesendom ein gasblauer Stecknadelkopf, doch gespeist mit heimlichem Herzhauch, der von Gott kommt oder ganz aus seiner Nähe: Hoffnung.

Eben noch, in steigernder Gewalttat, waren Vernichtung und Hoffnung einander nicht feind gewesen. Auf unbegreifliche Art hätte aus dem blauen Stecknadelkopf heraus gerade dann aller Äther noch einmal aufflammen können zu Glorie, weil in dem Blick des Sterbenden vielleicht etwas erschienen wäre, um darzutun: Auch dies sei nur ein armer, irrender Mensch.

Diesem Ende hatte sie heimlich zugehofft. Nun war der blaue Nadelkopf erloschen.

Und es ward grau. Oder war das öde Blei auf den Augen schon wieder Tag? So einer, der sich nicht aufknien kann aus dem Fahlen. An der übel grünlichen Kälte bis in die Herzkammern hinein erkannte sie: jetzt müsse der tiefste Stand des Blutes sein. Jene heillose halbe Stunde, ganz grün von verwester Nacht, wo die zähen Greise es aufgeben und sich strecken. Im Stuhl die müde Schwester nickt dazu.

Mühsam, widerwillig hob sie die zerquälten Lider. Herein schnitt das grenzenlos gemeine Hotelloch. Im Fensterviereck stand als grauer Pflasterstein die Luft.

Sibyl hielt den Atem an. Ließ das Verfaulte aus der Nacht in allen Adern sich zu Klumpen der Zersetzung stocken.

Wartete.

Da kam, erst schwach, weit herauf eine Straße ohne Anfang, Holpern eines Karrens, und auf ihm festgebunden ein Geheul.

Kein Schritt, kein Huf von etwas, das den Karren zog. Es fehlte wohl ein Rad. Der Karren hinkte.

Immer näher kam das liegende Geheul. Ein gemartertes Tier? Ein Kind? Eine Frau? Kein Erkennungszeichen mehr: die Qual hatte jede Form zerbrochen. Was vielleicht einst Merkmal gewesen: Klage, Empörung, Angst, war längst matt herabgeglitten auf die Straße ohne Anfang.

Jetzt war es da. Gerade unter dem Fenster. Da schwoll das Geheul zu einem Laut von so hemmungsloser Erniedrigung, daß das Graue aus der Luft an ihm gerann.

Ein gemartertes Tier? Ein Kind? Eine Frau?

Oder Schauer gereizter Ermattung, die sich aus Klang ein Gleichnis schufen? Sie würde es nie erfahren. Lag festgefroren an das Bett — die Brust bis oben voll bleicher Herzen im Kampf.

Langsam knirschte der Karren seinen schauerlichen Bogen vom Zenith des Fensters hinunter, wieder eine Straße ohne Ende, über der langhin das verblassende Geheul stand. — Fern und immer noch.

Sie erhob sich, um zu sterben. Tastete, in allen Knöcheln zerbrochen, nach der Waffe. Etwas klirrte. Das Graue schwand.

Endlich ganz schwarz.

Aus der tiefen Nacht, auf der andern Seite der Zeit, trieb es sie langsam wieder zurück.

Der Tod schmolz ab, doch sie grub sich mit allen Fingern in ihn ein, wollte nicht mehr weg aus dem linden Schwarz.

„Genug“ war ihr erstes Wort. Dann brachen, angesogen von einer tiefen Wonne um sie her, die Lider auf. Über ihrem Gesicht schwebten zwei wagrechte Augen aus unbegreiflich sanftem Samt, deren Wimpern flügelhaft bis in die Schläfen schnitten.

„Wie gut“ und die Zurückgeholte ließ sich von nun an leben, ohne Widerstand.

Zwei Augenpaare waren es, die abwechselnd über ihr kreisten: wie große, fremde Vögel und bebrüteten ihr Herz.

War es der Ort, wo man die unerfüllten Wünsche lebte? In scheuer und tiefer Vertraulichkeit legte sie eines Tages um jeden einen Arm: als Durklang gefügt in die reine Quint der beiden. Wußte ihre Namen nicht, nichts — frug nicht einmal, wie es gekommen, wie ihre Spur verfolgt, wie sie gefunden worden war. Lag hier selig und vollendet eingefügt als kühne Liebesstufe zwischen ihnen: frauenweicher als der Freund — jünglingherber als die Freundin, dies köstlich fremde Damenwesen, am ganzen Körper so vollkommen, wie es der Ringfinger ganz junger Mädchen zuweilen ist.

So einfach, so natürlich schien alles, als hätte sie es immer schon gewußt, daß sie dazugehöre, seit jenem ersten Mal, da, einer ungeheuren Erweiterung der eignen Seele gleich, zwei wundervolle Menschenangesichter durch ihre einzige Sekunde Glück gezogen kamen, als sie den fremden Mann im Schoß gehabt, bis zu der Stunde, die wie Gold, weil der warme Schatten des brüderlichen Gentleman den ihren fand und ehrte. Die Haltung seines Schattens hatte alles offenbart.

Dazwischen aber war ein fremder Mann in ihrem Schoß gewesen: DerLebenswucherer — der absolute Egoist.

Empörung überbebte in Stürzen der Erinnerung ihr aufgescheuchtes Blut.

„Mein Elf von einem großen Stern“ — Gargis entsetzte Zärtlichkeit umschlang das vor Haß grau gewordene Gesicht.

„Gazellenfee, wie könntest du begreifen, was Unbeschütztsein heißt.“

Dann löste sich der Krampf der Einsamkeit zum ersten Mal, und Sibyl sprach — deutete an, nur herb, schamdurchblutet, was ihr geschehen.

Eines Tages breitete Horus sehr zart, sehr ernst ein Manuskript über ihren Schoß: jenes, das Erasmus dem Knaben in der Bibliothek gegeben, am Tag des Traumes und der Schillerfalterjagd, als sein Leben einschwang für immer in die beiden Bahnen:EllipseundParabelder Kegelschnitte Gottes.

Vor ihrem Lager hingekniet, legte er sie ganz in die Stärke seiner Hände, sprach: „Alles ist darin: West und Ost — Ihr und Wir.“

Und sie las, wie einstmals er:

Der Kreis symbolisiert mir die Eigenliebe: den Egoismus.

Die Ellipse das Ideal der Liebesfreundschaft.

Die Parabel das der Liebe gegen das Unendliche, Göttliche.

Die Hyperbel das Ideal des bittersten Hasses.

Der Brennpunkt in jeder der angeführten Linien stelle eine Seele vor; die Strahlen, die von da nach dem Umkreis gehen, die Bestrebungen dieser Seele, wiefern sie nach außen (durch Handlungen) wirksam sind, und die Richtung der zurückgebrochenen Strahlen den Zweck, zu welchem die Bestrebungen auf das Äußere gingen. — Ich kann z. B. nach außen handeln, teils um meinetwillen, teils um eines andern willen. Wenn die Strahlen also, die von dem Brennpunkt ausgehen, die aktiven Bestrebungen der Seele vorstellen, so müssen umgekehrt — wenn wir das Symbol treu verfolgen wollen — die Strahlen, die von der Peripherie in den Brennpunkt fallen, die Gefühle und Empfindungen vorstellen, welche die Seele passiv von außen in sich aufnimmt. Wird daher ein Strahl, der von einem Brennpunkt an diePeripherie fiel, in einen andern Brennpunkt zurückgebrochen, so sind des letzteren Gefühle — nach dem Symbol — durch Bestrebungen oder Handlungen des ersten Brennpunktes veranlaßt worden.

Der absolute Egoisthandelt nur um seinetwillen. Er läßt nur Strahlen gegen die Peripherie ausgehen, damit angemessene Gefühle inseineSeele durch die Rückwirkung kommen; er ist ganz in sich abgeschlossen. Was er auch tun mag, davon hat nichts auf eine Seele außer ihm Bezug. Der Strahl, der aus dem Mittelpunkt des Kreises kommt, wird ewig wieder in ihn zurückgebrochen.

DieEllipseläßt sich als ein Kreis mit in zwei Brennpunkten auseinandergetretenen Mittelpunkten betrachten.

Eine Seele hat sich in zwei gespalten, und beide existieren nur mit- und durcheinander; jeder ist die Seele eines Freundes; jede wirkt nur, um in der andern angemessene Gefühle und Empfindungen zu erregen, denn welcher Strahl auch von dem einen Brennpunkt an die äußere Peripherie fällt, der nimmt seine Richtung nach dem andern Brennpunkt zu. Was der eine nur denkt und hat, das gießt er in des andern Seele aus. Um die Außenwelt bekümmern sich beide nur, insofern sie mittels ihrer in bezug aufeinander wirken können; beider Gefühle ergänzen einander stets:alle gebrochenen Ellipsenradien sind gleich der großen Achse, die beide Brennpunkt-Seelen zunächst verbindet.Sie können jede einzeln nichts denken, nichts fühlen, was nicht mit des andern Gefühlen und Bestrebungen zusammenstimmte, daß es dieses Band darstellte: das Ideal der Liebesfreundschaft hat viel schönere Symbole — wohl kaum ein wahreres.

Nehmt dieHyperbel: beide Liebende sind durch einen ungeheuren Haß gespalten worden! Der eine hat sich von dem andern abgekehrt,jeder reißt seinen Brennpunkt heraus, hält ihn für sich fest und mag mit dem andern nichts zu schaffen haben. Sie fliehen sich in Ewigkeit — nein,sie sind noch aneinander gebunden, aber durch die Bande des feindseligsten Hasses. Ihre Gesinnungen beben divergierend voreinander zurück bis ins Unendliche, aber doch bleiben sie hadernd einander gegenüberstehen, und daß jedes Gedanken nur von des andern Seele zurückfahren, sieht man daraus, daß die Divergenz der Strahlen ihr Zentrum in dem gegenüberliegenden Brennpunkt findet. —Was in der Ellipse das Band war: die große Achse ist in der Hyperbel in den Gegensatz übergegangen und alle Strahlen, die von einem Brennpunkt in den andern fallen könnten, sind sich nur in der Differenz gleich.

Die Parabelist ein erhabenes Symbol derLiebe zu einem Ideal, zum Übersinnlichen, zu jedem Großen und Schönen, was nur in der Unendlichkeit erreichbar, der Seele vorschwebt: alle Strahlen, die der Brennpunkt der Parabel aussendet, laufen in gleichförmiger Richtung nach dem andern Brennpunkt, der in der Unendlichkeit liegt; alle Bestrebungen und Gedanken sind nurdahingerichtet.Umgekehrt kann kein Strahl in die Seele fallen, der nicht vom Unendlichen ausgegangen wäre.Alle Gefühle beziehen sich auf dieses.

Sie ließ den Kopf an seiner Schulter ruhen, dann mit verdunkeltem Gesicht:

„DerKreisund dieHyperbel; so bin ich immer noch durch einen achsengraden Strahl von Haß mit ihm verbunden.“

„Haßt du ihn noch?“

„Bis zum Tod, ich — ihn, er — mich.“

„Du warst wie tot, dies ist eine neue Wiederverkörperung, und alle Bindung gelöst. Du ziehst in unsere Bahnen hinüber als meine Frau, und mit meinem Haupt zwischen den Füßen frage ich:

„Willst du das sein?“

Zweifelnd sah sie auf Gargi:

„Bist du ein Europäer?“

Er hob die Schulter nur:

„Nein, ich bin Asiate, gehorche den Sitten Asiens, in wenig Wochen zergeht der ganze Irrenkerker hier, ganz klein und schmutzig, an unserem Horizont für immer. Und jedes Jahr nur kreuzt meine Jacht herüber und bringt dir Charmion mit.“

Sie atmete auf, zu glücklich — müd, um viel zu fragen.

Sobald der Lungenschuß verheilt war, fuhr Horus mit Sibyl nach England, ließ sich dort so rasch wie möglich trauen, dann kehrten sie auf den Kontinent zurück.

In Hamburg lag schon die milchweiße Jacht unter Dampf bereit.

Sie eilten über den Kai, Horus und Gargi, am Ende ihres weißen Traums.

Zwischen sich, eingeschlossen in ihres Ganges morgenländischen Guß, entführten sie den „Elf von einem großen Stern“ in seine neue Heimat.

Ringsum barsten Beete von Sirenen, vomierten übleTrichter von Geheul in eine widerwillige Luft, gleich einem Unding, das sich selbst bejammert. Schneller schritten sie dahin, fast laufend schon, und wie Horus, im Andrang seines Herzens bei der Ankunft von Bord gesprungen war, so breitete er jetzt, den Landungssteg schon unter sich, die Arme weit der süßen Freiheit Asiens zu — und — fühlte sich gepackt an diesen liebesoffenen Armen, zurückgehalten, wie das erstemal.

Zwei Polizisten standen da. Blech vor dem Hirn. Und an dem einzigen Streifen freier Haut, dort wo der harte Kragen rieb, hatte der eine ein aufbrechendes, der andere ein abheilendes Furunkel im Nacken.

„Halt.“

Ein Dritter in Zivil trat vor, wies seine Karte:

„Sie sind verhaftet wegen Bigamie. Die Frauensperson da auch.“

Er streckte die Hand nach Sibyl. Sie riß ihre Waffe heraus, von der sie sich nicht mehr getrennt, traf diesmal gleich das Herz. Glitt still in sich zusammen.

Horus, herumgeworfen, brüllte auf, daß die Sirenen schwiegen, bäumte sich los; rechts und links traf sein erbarmungsloser Schlag. Dann nahm er die unvergleichliche geliebte Form aus Gargis Arm und fühlte sie an seiner Schulter sterben.

Die armen Sternsaphire wurden blind. Ein langer Strähn bananenfarbenen Haars durchschnitt, gleich einem bleichen Säbelhieb, das ganz verirrte Gesicht; bei aller Kühne wie eines übermüdeten, zu Tod gehetzten Kindes.

Die Kaution war, dringender Fluchtgefahr wegen, vom Gericht abgelehnt worden. Er blieb in Haft, wehrte sich verzweifelt, pochend auf sein Indertum, begriff nicht.

„Sie mußten doch wissen, daß Monogamie in Europa herrscht,“ mahnte sein Verteidiger und schüttelte den Kopf.

Da lachte er zum erstenmal seit Sibyls Tod.

„Ein Jahr bin ich jetzt hier und hab’ sie nie gesehen. Wußte bisher nur, daß bei den Weddas, dem beinah ausgestorbenen Affenurvolk Ceylons, das nicht bis fünf zu zählen vermag, etwas wie Monogamie, Gesetz und Zwang besteht. Wie hätte ich bei der berühmten weißen Rasse darauf verfallen sollen? Nun erst verstehe ich den Größenwahn, den Zynismus, die widerliche Arroganz des weißen Männchens gegen alle Frauen ganz. Die Gnade und Affaire, wen er mit seiner einen, einzigen, kostbaren Hand beglückt, umkrochen von den überzähligen Weibern. Welche Schmach der Europäerin, daß sie das duldet, ihm Macht gibt, so viele ihrer Schwestern notwendig zu erniedrigen, dies Wettwimmeln der Eierchen um das Sperma: welche Perversion der Natur!“

„Doch was geht all das mich — was geht einen gesitteten Asiaten dieser Qualstall an, in dem bösartige Irre einander dafür bezahlen, sich gegenseitig in infernalischen Netzen Hirn, Kehle, Gedärm und Geschlecht abzuschnüren? Wie bin ich in die Gefangenschaft weißer Barbaren geraten? Wirklich durch nichts, als eine einzige Tat natürlichen Anstandes allein?“

„Monogamie ist die größte ethische Errungenschaft des Christentums,“ sagte der Verteidiger gekränkt in seiner tiefsten Rasseneitelkeit, denn er war Jude.

„So habt ihr es sogar dahin gebracht, das klare Urfeuer eurer Lenden stinkend zu machen? So ordnet sich bei euch Geschlechtsverkehr nicht nach Physiologie, Medizin, Bevölkerungszahl des Augenblicks —, nein, nach irgendeinem Hokus-Pokus, viel tausend Jahre alt? So bedroht euer Staat — wie immer man es machen möge — in der Liebe den einen oder anderen Teil mit schwersten Strafen: durch Einehe, den Mann mit lebenslangem Sexualkerker, ohne Ehe, die Frau mit Ächtung, Verlust der Kaste und Ruin? So bringt Europa es richtig fertig, all seine passager entstandenen Wahnsinne noch zu verewigen, ohne daß gegenteiliger Blödsinn sich etwa aufhöbe — welch ein Wunder wider die Natur.“

Bis zur Verhandlung glaubte er es doch nicht recht, wußte es noch immer nicht, wie ihm geschah.

Dann saßen eines Tages fünf beisammen und hielten wirklich über ihn Gericht, Barette auf den Glatzen.

Dem einen ragten Knöpfelschuhe, dem anderen Schnürstiefel, dem dritten das Ende eines Sockens unter priesterlichem, unreinlich wallendem Gewand hervor. Dann stand ein sechster auf: der Staatsanwalt. Begann ein langes, trostloses Geschwätz von der Verletzung ethischen und sittlichen Gefühls, als höchsten Gütern der Kultur. An allen Wänden hingen Zettel: das freie Ausspucken ist untersagt.

Erst ganz am Ende, als sein Verteidiger sich erheben wollte, da fuhr auch er empor:

„Nein, ich; Sie schweigen.“

Sibyl zu Tod gehetzt, und da saß Gargi: seine liebe Gazelle „als Zeugin,“ von Fragen geschändet für ihn — durch ihn. Nun wuchs er klar über die Empörung undstand auf. Höflich, ruhig war seine Stimme, wie eines Wägenden und Richtenden.

„Ich bin ein Fremder und kenne nun die grauenhafte Not, in die ein Mensch auf diesem Kontinent geraten kann, wenn er ein Recht begeht.

Ich bin Asiate und daher gewohnt, wohl jeder Frau, die ich besitze und die mir teuer, Ehre, Würde und Geborgenheit zu bieten bis zum Tod.

Ahnte nicht, daß man nur gegen eine einzige hier sich gut benehmen dürfe, wohl aber gegen alle wie ein Schuft.

Doch war’s nicht dies — ich stünde doch als Angeklagter hier, denn irgend etwas Würdiges, Natürliches und Wahres, das hätte ich sicherlich einmal begangen, da ich kein Europäer bin.

Ethisches und sittliches Gefühl soll meine Tat verletzt haben?

Was weiß Europa von Gefühl? Von Sittlichkeit? Nie noch war einer Rasse Sinn und Maß des Schicklichen so sehr entfallen, besteht sie doch aus Wesen, deren Blut seit zwei Jahrtausenden verlernt, aus freien, holden, heilen und verwöhnten Sinnen sich dieses Maß selbst aufzubauen in Notwendigkeit und Harmonie.

So kam der Pöbel durch Europa in die Welt:

Pöbel: was Hemmungen nur kennt aus Zwang, nicht Wahl, was sich vor nichts und niemandem zusammennimmt, wenn es nicht muß. Es scheint — vor vielen hundert Jahren nahm sich der Europäer noch Sonntag vormittag, so zwischen zehn und elf, vor einem fremden Judengott zusammen. Adel und Bürgertum nahmen sich vor ihren Herrschern zusammen, dervornehmeMenschaber, der nimmt sich vor sich selbst zusammen: also immer.

Doch hier! Wohl nirgends noch hab’ ich solch geile, kalte, rüpelhafte Brunst gesehen, jetzt da der Zwang gefallen, wie in dem tausendjährig ungepflegten Eros von Europa. Endlich ausgebrochen aus dem fremden Pferch, gröhlt die verkommene Sinnlichkeit durch eure weiße Welt wie eine tollgewordene Mißgeburt, der jedes Edelmaß abhanden kam, denn alles will gepflegt, geehrt, geheiligt sein, damit es hold und herrlich werde. Da tragen eure trägen Weiber Kind auf Kind in ihren kalten Bäuchen aus, die Welt mit Unlustfrüchten überfüllend, weil sie noch nicht einmal gelernt, was jede Negerfrau vermag.

Und neben dem verworfenen Ungeschick der Leiber wächst das verworfene Geschick der Hirne auf, belebt der Stahl sich zur Maschine.

WasHochgezüchtetenin ihren Sinnen Erlösung geworden von aller Erdenlast: die Mechanisierung der Welt, reißt den erblindeten, instinktirren, amorphen Lebenshaufen unters Rad, statt ihn in Freiheit auf den Lenkersitz zu heben.

Diesen Erhobenen zu finden kam ich her. Ihn suchte ich: den Menschen hinter seinem Werk.Das Wesen wie aus Schnee und Gold, kühn, arglos, wahr und anmutig.

DocheureWerke sind nur Sehnsuchtsprojektionen eurer Mängel:

Weil ihr armselig seid, reißt ihr den letzten Reichtum dem Planeten aus den Eingeweiden.

Weil innerlich ohne Harmonie, schuft ihr — nach außen — euch Musik.

Weil ohne Phantasie, laßt ihr in blechernen Waggons, in Ruß und Dampf, euch kalt, blasiert und frech, zu allen Märchen dieser Erde rasseln.

Euer verarmter Kreislauf pulst in hundertpferdigen Motoren.

EuerMinussetzt ihr mit umgekehrten Vorzeichen aus euch heraus, als vielgerühmte Technik, Kunst und Wissenschaft.

Was ihr erschuft: Prothesen sind es nur, darunter, vollgeeitert, schwärt ein brandiger Stumpf: ihr selbst.

Habt immer eure Münder voll Geist und Theorie, ihr ethischen Barbaren; sinnt neuer Staatsform nach. Wie wenn ein Rudel von Hyänen sich Paladine oder Republikaner, Monarchisten, Sozialisten, Kommunisten nennen mag: immer der gleiche Hyänenhaufen, der die platzende Gier seiner blauen Eingeweide mit neuen Namen nennt.

Doch weil kein Wesen völlig ohne Wahrheit existieren kann, habt ihr sie — sie unwirksam zu machen — in eure Wissenschaft gesperrt.

Dort lebt Europas letzter Wahrheitsdrang sich in zerwühlten Hirnen, bloßgelegten Nerven gefesselter Geschöpfe, stets „objektiv“ und für den Sucher schmerzlos aus.

Das eingefangene Opfer zahlt den Preis — nicht er.

So übt ihr alle Infamien frei:

Forensische Verlogenheit gestattet sie euch gegen Menschen, und gegen Tiere euer Wahrheitsdurst.

Was tun?

Demütig zu edlen Tieren — nein, erst zu den plumpsten viehischesten Tieren in die Lehre gehen; sie anschauen, erst nur die Wahrheit ihrer Form erschauen. Auf demWeg desreinen Augeswieder Gehen — Liegen — Ruhen — Atmen — sich Bewegen lernen:Sehenund durch dasSehen—Leben.

Erst wenn ihr die verworfene Behendigkeit aus euren schiefgezüchteten Gehirnen ausgetrieben, für die ihr noch nicht reif, dann kommt zu fragen, ob man euch wieder aufnimmt in den Ring beseelter Wesen, nicht mehr gehaßt, verachtet, gemieden wie Pestilenz von allem, was da atmet.“

Nur auf wenige Minuten zog der Gerichtshof sich zurück. Das Urteil lautete:

Fünf Jahre Gefängnis wegen Bigamie.

Der Verurteilte verbeugte sich tief:

„In diesem Wahrspruch grüße ich den Bankerott Europas.“

Bewährungsfrist ward abgelehnt. So nahmen denn die Gatten Abschied voneinander.

Allen Glanz des Menschentums sammelte Gargi in die Onyxampel ihres schmalen Antlitzes und in den unbegreiflich sanften Samt der Augen:

„Mein süßer Herr, was habe ich für dich zu tun, so lang du fort bist?“

„Flieh, und warte auf mich zu Hause zwischen Dschungl und Sternen. Ich komme wieder. Ich werde nicht zugrunde gehen. Leben will ich und helfen mit Hirn, Herz und Händen, mit allem Geld, das ich besitze und aller Kraft, bis der Planet gereinigt ist von dieser weißen Pest.“

Da reichte sie ihm einen Brief:

„Erasmus gab ihn mir für dich von deiner Mutter.“

„Meinem Sohn in Europa, blieb er länger als ein Jahr,“ stand auf dem Umschlag. — Nur wenige Zeilendarin. Er trank die lieben Züge wie ein Elixier. Diana Elcho schrieb:

„Ein Unglück muß geschehen sein, wenn Du dies liest. Freiwillig bliebst Du nicht so lang. Haben sie mein Sonnenkind gefangen in einem bösen Netz? Verzeih, wenn ich geirrt, Dich vor Europa ungewarnt zu lassen. Dich warnen aber hieß, Dich zum Empörten machen, zum Belasteten, Getrübten. Die Einzigkeit Deiner Jugend schien mir eben dies: die Unbeschwertheit, daß Dein Bewußtsein unbesudelt blieb. So rettete ich Dir das Beste Deiner Rasse: Technik, Wissenschaft, Musik an Asiens Herz hinüber. Weil Du aus ihrem Werk an Wesen glaubtest, wie aus Schnee und Gold, kühn, arglos, wahr und anmutig, so wurdest Du dem Bildnis gleich. — Vor der Enttäuschung hielt ich Dich dann jahrelang zurück, hütete Dir Deinen weißen, so fruchtbaren Traum, wie ich gehofft, für immer. Ließ mich langsam sterben, damitDu bliebest. War alles doch umsonst? Nicht, daß ich Dir das Leid ersparen wollte! O nein, nur alle Kraft wollte ich Dir sparen für die sublime Zeit des Leids, damit Du ungebrochen, unverbittert, siegreich auf seiner fernen, großen, süßen Seite durchbrächst ans Licht.

Verzeih, wenn ich geirrt.“

Er küßte einzeln jede Zeile:

„Nein, nein, du warst im Recht.“

Stark, frei, sonniger als je ließ Horus Elcho sich wie im Triumph nach seiner Zelle bringen.

Er, den Sibyl im Haßstrahl als Lebenswucherer gesehen, saß am ligurischen Strand in seinem Landhaus und rechnete ab.

Lloyds hatten die Versicherungssumme wieder glatt ausbezahlt, wiewohl Selbstmord vorlag: ein überaus kulanter Betrieb. Den ungeheuren Grundbesitz hatte er an ein Hotelkonsortium sehr günstig verkauft. Es war eine seiner glücklichsten Terrainspekulationen gewesen.

Nur das von Sibyls Geld erworbene Land behielt er.

„Ich trenne mich zu schwer davon. Wieviel Erinnerungen an die Frau, der ich Jahre meines Lebens geopfert.“

„Brangäne“ wedelte zu ihm auf:

„Du hast ja so viel Pietät.“

Sie blieb, was immer geschah. War geblieben als Haushälterin, Maitresse, uneheliche Mutter, Zutreiberin, Komplize. Wartete, schlau und zäh, bis er ermüdete, und doch vielleicht noch ihre Stunde kam.

Er machte eine milde, bedauernde Bewegung mit der Hand.

„Ein Wesen, das mir so lange nahe stand: Ich mußte die Behörden verständigen, zu verhindern suchen, daß sie verschleppt werde, in einen asiatischen Harem. Daß eine Dame so weit sinken konnte?“

Dann, mit großen, braunen Augen, gerührt:

„Ich aber hab’ ihr längst verziehen.“

„Brangäne“ nickte verzückt:

„Du bist ja so gütig.“


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