Achtes Kapitel.

Achtes Kapitel.

Der Lärm und das Geschrei der Badenden hatten den Propst, der an seinem Fenster kaum ein wenig eingeschlummert war, aufgeweckt. Der Alte erschrickt, springt auf, sieht auf den Fluß hinaus, kann aber ganz und gar nicht begreifen, was eigentlich geschehen. In diesem Augenblicke hält vor seinem Hause ein eleganter, von einem grauen Vollblutpferde gezogener Jagdwagen. Darin sitzt eine schwarzgekleidete junge Dame: sie kutschiert selbst, neben ihr ein kleiner Groom. Die Dame ist die junge verwitwete Gutsbesitzerin Alexandra Iwanowna Serbolowa, seine ehemalige Lieblingsschülerin.

»Alexandra Iwanowna, seien Sie mir herzlichst willkommen,« erwidert der Propst ihren Gruß. »Meine Frau steht gleich auf, und dann sind Sie so freundlich, eine Tasse Tee mit uns zu nehmen.«

Die Dame dankt. Sie sagt, sie sei in die Stadt gekommen, um eine Totenmesse für ihren verstorbenen Gatten lesen zu lassen, und bittet Tuberozow, doch recht bald in die Kirche zu kommen.

»Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung.«

»Vielen Dank. Ich will jetzt nur noch für einen Augenblick zur alten Prepotenskaja, sonst ist sie gekränkt.«

Sie nickt dem Priester zu und im nächsten Augenblick ist der leichte Wagen verschwunden. Der Propst schickt dasDienstmädchen zum Küster mit dem Befehl, zur Frühmesse läuten zu lassen und den Diakon Achilla in die Kirche zu beordern; dann tritt er vor den Heiligenbilderschrein, seine Morgenandacht zu verrichten. Eine halbe Stunde später schlägt die Domglocke an, und gleich darauf kommt das Mädchen zurück mit der Meldung, sie habe den Diakon Achilla nicht finden können, niemand wisse, wo er sei. Zum Warten ist aber keine Zeit mehr und so nimmt der Propst seinen Stab mit der Inschrift »Der Stecken Aarons erblühte« und begibt sich in den Dom. Er ist noch keine zehn Minuten fort, als die Pröpstin Natalia Nikolajewna durch das plötzliche Erscheinen des Diakons Achilla höchlich überrascht wird. Er ist ganz außer sich.

»Mütterchen,« ruft er, »alles, was ich Euch gestern von den Totengebeinen versprochen hatte, ist zuschanden geworden.«

»Das habe ich mir doch gleich gedacht,« erwidert Natalia Nikolajewna.

»Nein, bitte sehr, Ihr müßt erst wissen, warum es zuschanden geworden ist. Wie ich es Euch gestern versprach, so habe ich's auch gemacht. Ganz wie sich's gehört, habe ich die Überreste dieses Menschen, den der Warnawka gekocht hat, durchs Fenster gestohlen, in den Sack gesteckt und zu mir nach Haus getragen. Dann habe ich sie in den Karren geschüttet. Aber als ich heute nachschaue, ist der Karren leer! Kann ich dafür?«

»Ja, wer beschuldigt dich denn?«

»Das ist es ja eben. Mich überkam sogar ein Zweifel, ob ich sie nicht schon nachts vergraben hätte, aber heut früh im Bade war der Arzt so frech gegen mich, daß ich gleich aus dem Bad zum Warnawka gerannt bin. Alle Fensterläden waren geschlossen. Ich guckte durch eine Ritze, und da seh'ich, daß der Gekochte wieder heil und ganz am Nagel hängt! Wo ist der Vater Propst? Ich muß ihm gleich alles erzählen!«

Natalia Nikolajewna schickte den Diakon ihrem Gatten nach, und der schnellfüßige Achilla hatte den Propst auch bald eingeholt.

»Was rennst du so … und fauchst und schnaufst und stampfest?« fragt ihn Sawelij, als er seine Schritte hinter sich hört.

»Das … das tu ich immer, Vater Sawelij, wenn ich laufe. Habt Ihr es nie bemerkt?«

»Nein, bisher nicht. Aber sprich doch mit dem Arzt, er hilft dir vielleicht.«

»Jawohl, der Arzt! Redet mir nur nicht von dem, Vater Sawelij! – Er hat mich heute ganz aus der Fassung gebracht. Denkt Euch diese Frechheit, Vater Propst …« Der Diakon beugt sich zu dem Ohre des Propstes, und nachdem er ihm die Gemeinheit des Arztes leise mitgeteilt hat, fügt er laut hinzu: »Nun sagt selbst, ist das nicht furchtbar unverschämt?«

»Ich finde nichts dabei,« erwidert der Propst, indem er langsam die Stufen vor dem Domportal emporsteigt. »Astragalus ist ein Fußknöchel, und ich verstehe nicht recht, was dich in solche Wut versetzt hat.«

Der Diakon tritt einen Schritt zurück und ruft erstaunt: »Ein Fußknöchel?«

»Ja freilich.«

Achilla schlägt sich mit der flachen Hand vor die Stirn:

»Ich Dummkopf!«

»Was hast du gemacht?«

»Nein, ich bitt' Euch, seid so gut, nennt mich einen Dummkopf!«

»Ja, weswegen denn?«

»Nein, nein, nennt mich nur so. Ich hätte diesen Arzt beinahe ersäuft.«

»Nun gut, mein Lieber, ich erfülle deinen Wunsch: du bist wahrhaftig ein Narr, und ich sage dir's voraus, wenn du von dergleichen Narrengewohnheiten nicht bald lässest, so kommt es noch einmal dahin, daß du jemand ums Leben bringst.«

»Erbarmt Euch, Vater Sawelij, ich bin doch nicht ganz von Sinnen.«

»Überall, überall folgt dir der Unfrieden auf dem Fuße!«

»Ich weiß nicht, woher das kommt. Ich bin für Frieden und Ordnung, aber es kommt immer anders.«

Hierauf erzählt Achilla in großer Hast, aber mit allen Einzelheiten, wie er gestern das Gerippe gestohlen und wie es dann wieder verschwunden und an seinem alten Platze erschienen sei. Tuberozow hört ihm zu. Seine Augen werden immer größer und größer, und unwillkürlich tritt er ein paar Schritte zurück, indem er ausruft:

»Großer Gott, was für ein unseliger Mensch!«

»Wer, Vater Sawelij?« meint Achilla, nicht weniger erstaunt.

»Du, mein Bester, du!«

»Aus welchem Grunde bin ich unselig?«

»Welch böser Geist treibt dich zu alledem?«

»Wozu?«

»Zum Einbrechen, Rauben, Zanken.«

»Ihr habt mich dazu angetrieben,« erwidert der Diakon ganz ruhig und freundlich. »Ihr sagtet: so oder so – der Sache muß ein Ende gemacht werden. Und da hab' ich ihr ein Ende gemacht. Ich habe nur Euren Wunsch erfüllt.«

Tuberozow schüttelt den Kopf, wendet sich dem Portal zu und tritt in die Vorhalle, wo er die Serbolowa in stillem Gebete kniend erblickt. In einer Ecke aber sitzt der Lehrer Prepotenskij auf einer Totenbahre und klopft sich den Staub von den Beinkleidern. Sein Gesicht strahlt. Er schaut den Propst und den Diakon mit triumphierendem Lächeln an. Was konnte ihn, den Gottesleugner, in die Kirche geführt haben? Darüber erstaunte Tuberozow nicht weniger als Achilla; nur vermochte Achilla diesen Gedanken auch während der Messe nicht zu bannen, während der ernste Sawelij ihn bereits von sich gewiesen hatte, als sich die Tür zum Altarraum vor ihm auftat, denn er war gewohnt, mit Furcht und Zittern vor das Angesicht seines Gottes zu treten.

Eine Stunde war vergangen und die Totenmesse beendet. Die Serbolowa und ein entfernter Vetter von ihr, ein gewisser Darjanow, hatten beim Propst Tee getrunken und waren fortgegangen. Die Serbolowa wollte gegen Abend, wenn die Sonne nicht mehr so heiß brannte, auf ihr Gut zurückkehren. Jetzt aber gedachte sie etwas zu ruhen. Darjanow sollte mit ihr bei der alten Prepotenskaja Mittag essen, wohin Tuberozow später ebenfalls kommen wollte, um ein Gläschen Tee zu trinken und seinem lieben Beichtkinde das Geleite zu geben.


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