Achtes Kapitel.
Die Hausfrau saß da und rührte sich nicht. Es fiel ihr jetzt erst auf, wie unpassend den Gästen der Blumentopf auf dem Fensterbrett erscheinen mußte, und so verwirrt sie auch war, sie hatte doch noch Zeit zu überlegen, wie man ihn wohl am leichtesten aus dem Fenster hinausbefördern könnte. Dieser Gedanke beschäftigte sie so lebhaft, daß sie sogar die erste Frage überhörte, mit der sich einer der beiden Gäste an sie wandte, wodurch sie tatsächlich den Eindruck einer ganz in ihre Lektüre vertieften Person hervorrief.
Termosesow musterte sie über die Schwelle mit einem scharfen Blick und wiederholte seine Frage.
»Wer sind Sie? Vielleicht Frau Biziukina selbst?« fragte er, ruhig in den Saal eintretend.
»Ich bin Frau Biziukina,« antwortete die Hausfrau, ohne aufzustehen.
Termosesow ging auf sie zu:
»Ich bin Termosesow, Ismail Petrowitsch Termosesow, ein Schulkamerad Ihres Mannes, mit dem ich später wegen einer Dummheit auseinanderkam; und dies ist der Fürst Afanasij Fedosejewitsch Bornowolokow, Regierungsbeamter und Revisor aus Petersburg. Wir wollen hier allen die Hölle heiß machen. Guten Tag!«
Er streckte ihr die Hand entgegen. Sie ergriff sie, während sie mit der andern das Buch auf die Fensterbank legte undbei dieser Gelegenheit den Blumentopf umstieß, so daß er auf die Straße kollerte.
»Was ist das? Sie haben Ihre Blume zum Fenster hinausgeworfen?«
»Das hat nichts zu sagen. Es war keine Blume. Nur Gras zum Auflegen auf Schnittwunden. Aber es taugt auch schon nichts mehr.«
»Selbstverständlich taugt es nichts. Wer legt heute noch Gras auf Schnittwunden! Aber vielleicht gibt es noch solche Esel. Wo ist denn Ihr Mann?«
Die Biziukina sah den Revisor an, der ohne ein Wort zu sagen auf dem kleinen Sofa Platz genommen hatte, und erwiderte Termosesow, ihr Mann sei nicht zu Hause.
»Nicht zu Hause? Na, macht nichts, wir sprechen uns noch. Wir waren dicke Freunde, bis uns eine Dummheit auseinanderbrachte. Aber ich muß offen bekennen, Sie passen nicht zu diesem Mann. Nein, wirklich ganz und gar nicht, darüber ist kein Wort zu verlieren. Er ist ein Hohlkopf, weiter nichts, und es ist sein Glück, daß Sie ihm zu dieser Stelle in der Akzise verhelfen konnten. Sie aber sind ein Prachtkerl, der alles ganz famos gedeichselt hat, – dem Mann die Stelle verschafft und – fein ist's hier bei Ihnen!« fügte er hinzu, indem er mit einem schnellen Blick alle vom Saale aus sichtbaren Räume der Wohnung musterte. Als er in dem allen Schmuckes beraubten Kabinett die Kinderschar bemerkte, die sich an der Schwelle drängte, meinte er:
»Ah, so etwas wie eine Schule haben Sie auch hier. Schäbig genug ist das Zimmerchen, aber als Schulraum geht's noch an. – Zu was Deubel unterrichten Sie die Lausebande eigentlich?« schloß er plötzlich schroff.
Die Biziukina geriet in Verlegenheit, aber Termosesow half ihr selbst darüber hinweg. Er ging auf die Jungen zu,faßte einen von ihnen unter das Kinn und fragte: »Na? Verstehst du Erbsen zu mausen? Lern's, mein Junge, und wenn sie dich nach Sibirien expedieren, mag mein Segen dich begleiten. Lassen Sie sie laufen, Biziukina! Marsch nach Hause, ihr Halunken! Fix ans Erbsenstehlen!«
Die Jungen kamen langsam einer nach dem andern aus dem Kabinett und zogen im Gänsemarsch durch den Saal. Dann ging es in beschleunigtem Tempo durch das Vorhaus und über den Hof.
»Wozu all diese Schulen? Nichts als Zeitvergeudung!«
»Das finde ich auch,« sagte die Hausfrau kleinlaut.
»Versteht sich. Bekommen Sie eine Unterstützung?«
»Nein. Wo sollte die auch herkommen?«
»Warum nicht? Andere bekommen sie doch! – Und das ist wohl Ihr Früchtchen?« fragte er, indem er auf den herausgeputzten Jermoschka zeigte, der eben eingetreten war. Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er sich an den Jungen:
»Geh mal, mein liebes Goldsöhnchen, und sag dem Dienstmädchen, daß wir uns waschen wollen.«
»Das ist gar nicht mein Sohn,« sagte die Hausfrau verlegen.
Aber Termosesow hörte es nicht. Er glaubte nun einmal, den Sohn der Hausfrau vor sich zu haben, und hielt dieser eine Predigt, wie und wozu sie ihn erziehen solle.
»Bereiten Sie ihn für den Staatsdienst vor. Daß er nur keine literarischen Neigungen kriegt! Sehn Sie mich an. Ich dürfte eigentlich gar nicht Staatsbeamter sein, aber durch Hintertüren und auf Hintertreppchen hab' ich mich doch rangeschlängelt. Jawohl! Und bin doch früher selbst Nihilist gewesen und ärgerte mich sogar über Ihren Mann, als er Akzisebeamter wurde. Dumm war das! Warum soll unsereins nicht Staatsbeamter sein? Als Beamter kann man sichbeliebt machen, als Beamter hat man Geld, als Beamter gewinnt man Einfluß, – das ist etwas ganz anderes als die blöde Schriftstellerei. Dort muß man noch Talent haben, hier aber wird es nur störend empfunden. Als Staatsbeamter kann ich die Leute sortieren. Was bist du für ein Kerl? – Du kommst hierher. Und du bist so einer? – Du kommst dahin. Du bist keiner von den unsern? So zwing' ich dich, ersticke dich, zerbreche dich, – und der Staat muß mich dafür bezahlen. – Na, was starren Sie mich so an? Es kommt Ihnen wohl sonderbar vor, was ich da aus der Praxis erzähle?«
Die verblüffte Hausfrau schwieg, der Gast aber fuhr fort:
»Ihr richtet hier Schulen ein, – na ja, wenn man sich an die landesübliche Schablone der roten Hähne halten wollte, müßte man das loben, aber Termosesow als praktischer Mensch tut das nicht. Termosesow sagt: Zum Teufel mit den Schulen, sie sind vom Übel; wenn das Volk zu lesen versteht, nimmt es die heiligen Bücher vor. Sie glauben, die Bildung gehört zu den zerstörenden Elementen? Keineswegs. Sie ist ein aufbauendes Element, wir aber wollen vor allem zerstören.«
»Es heißt doch aber, eine Revolution wäre jetzt bei dem Bildungsstand unseres Volkes nicht möglich,« wagte die Hausfrau einzuwerfen.
»Zu was Teufel brauchen wir sie denn, die Revolution, wenn es auch ohne Revolution ganz nach unsern Wünschen geht? Aber sehn Sie, da steht Ihr Söhnlein und spitzt die Ohren. Warum erlauben Sie ihm zuzuhören, was die Erwachsenen reden?«
»Das ist gar nicht mein Sohn,« sagte die Dame.
»Nicht Ihr Sohn? Wer ist es denn?«
»Ein Diener.«
»Ein Diener! Und so herausstaffiert! Fix, Waschwasser, du Teufelsbraten!«
»Ist schon fertig,« antwortete Jermoschka schroff, wie es ihm vorgeschrieben war.
»Warum hast du es denn nicht gleich gesagt? Marsch hinaus!«
»Das ist nun ein wahrhaft kluger Mensch,« dachte Frau Daria Biziukina, als sie wieder allein geblieben war, und starrte unverwandt nach der Tür, durch die Termosesow hinausgegangen war. »Alle andern sind so streng, – dies kann man nicht und das soll man nicht, hier aber ist alles erlaubt, alles möglich, und doch fürchtet dieser Mann sich vor nichts. Mit so einem Mann zu leben wäre leicht; ja es wäre süß, sich ihm zu unterwerfen.«
Der arglistige Fremde hatte das Herz Darias völlig erobert. Alles an dem Gaste begann ihr zu gefallen. Was hatte er für eine Stimme! Wie stark war er! Überhaupt, – was war er für ein Mann! … Wie entzückend war er! Kein Seladon, wie ihr Gatte; kein Trantopf, wie Prepotenskij, – nein, er war entschlossen, unbeugsam, ein ganzer Mann … Der würde nie nachgeben! Er war wie der Sturmwind … er kommt … reißt fort … vernichtet …
Wo bist du nun, du armer Akziseeinnehmer? Juckt dir nicht schon die Stirn wie einem jungen Böcklein, dem die Hörner wachsen wollen?