»2. Januar 1849. Ich bin bei allen Altgläubigen gewesen und habe mir die Silberlinge herausschicken lassen. Ich kann mich dem nicht mehr widersetzen, allein es tut mir hin und wieder bitter weh. Ich mußte es aber tun, damit meine Pfarrerin nächstens nicht noch zur Subdiakonsfrau wird, denn nach dem, was ich erlebt habe, ist alles möglich.«
»1. Januar 1850. Das Jahr ist still und friedlich dahingegangen. Ich habe meine Wohltäterin, Marfa Andrejewna Plodomasowa, zu Grabe getragen. Sie starb, nachdem sie fünf Kronenträger überlebt hatte: Elisabeth, Peter, Katharina, Paul und Alexander; mit zweien von ihnen hat sie auf Gesellschaften getanzt. Nächstes Jahr will ich einen Anbau an mein Häuschen machen, denn ich bin einer Schwäche verfallen: ich finde viel Vergnügen am Preferance-Spiel und habe mir aus Langerweile das Rauchen angewöhnt, das macht neue Ausgaben. Anfangs rauchte ich nur spaßeshalber beim Stadthauptmann, aber jetzt habe ich mir auch zu Hause allen Zubehör angelegt. Eigentlich sollte ich es lassen.«
»10. Januar 1857. Ich erkenne mich selbst nicht mehr. Sieben Jahre lang keine einzige Zeile hier hineingeschrieben. Mein Leben ist seltsam, denn es ist ein sattes und behagliches geworden. Ich las eben alles nach, was ich seit dem Tage meiner Ordination eingetragen. Es ist bemerkenswert, wie so ganz anders ich in diesen Jahren die Dinge betrachten gelernt habe. Ich kämpfe nicht mehr, belästige niemand und werde von keinem belästigt. Steter Tropfen höhlt den Stein!«
»20. Oktober. An Stelle unseres entschlafenen Diakons, des sanften Prochor, ist aus der Gouvernementsstadt ein neuer Diakon eingetroffen, namens Achilla Desnitzyn. Dieser ist größer und dicker als wir alle. Wenn man seine Physiognomie und seine Statur betrachtet, muß man die Schöpferkraft der Natur bewundern. Am meisten aber gefällt mir an dem Manne seine Gutmütigkeit. Er zeigte mir die Abschrift seines Zeugnisses aus dem Seminar, in dem geschrieben stand: »Sittliches Verhalten gut, aber sehr tragfähig.« Was bedeutet denn das? fragte ich. »Ach, nichts von Belang,« erklärte er, »als ich wegen Fieber im Seminarlazarettlag, trug ich den kranken Theologen heimlich Schnaps zu. Und zwar in gehöriger Quantität.««
»7. Dezember. Der Subdiakon Sergej macht mich darauf aufmerksam, daß unser neuer Diakon Achilla ein wenig vorlaut ist: aus falschem Ehrgeiz gibt er vielen Betern vom Lande heimlich den priesterlichen Segen. Ich habe ihm gesagt, daß er sich das in Zukunft nicht unterstehen dürfe.«
»15. August. Auf einem Festmahl beim Stadthauptmann kam es fast zu einem Skandal, wieder durch einen Streit um den Verstand, und das erinnerte mich an den alten Streit, der mich einst so lachen gemacht. Der Diakon Achilla und der Arzt stritten über mich. Der Arzt leugnete meinen Verstand, der Diakon pries ihn himmelhoch. Auf ihren Lärm und besonders auf das Geschrei des Arztes kamen wir ins Zimmer und sahen den Arzt hoch oben auf dem Schranke sitzen und verzweifelt mit den Beinen strampeln und stoßen. Achilla aber saß seelenruhig mitten im Zimmer in einem Lehnstuhl und meinte: »Nehmt ihn bitte nicht herunter, ich habe ihn sozusagen an Wasserflüssen Babylons an die Weiden gehängt für seine Widerspenstigkeit.« Ich konnte mich des Lachens kaum erwehren, hielt aber dem Diakon eine ordentliche Strafpredigt und sagte ihm, Gewalt sei kein Beweis. Er aber machte mir dafür eine tiefe Verbeugung und wandte sich hierauf zum Arzte: »Nun? Jetzt siehst du's wohl selbst, daß er der Justizminister ist.« Es ist wunderbar, wie dieser kosakische Diakon es gleichsam fühlt, daß ich ihn von ganzem Herzen liebhabe. Ich weiß selbst nicht warum. Aber er hat mich auch lieb.«
»25. August. Welch große Freude! Die katholische Geistlichkeit in Litauen hat Nüchternheitsvereine gegründet: sie predigen gegen die Trunksucht, und die Trunksucht läßt nach. Die Leute kommen zur Vernunft und die Blutsauger, dieBranntweinpächter, platzen. Ach, wie gern würde ich auch in dieser Art predigen!«
»5. September. In einigen orthodoxen Gemeinden ist dasselbe versucht worden. Ich fürchte, ich halt's nicht aus und sage ein Wort! Aber da ich ohne Zensur nicht predigen darf, so will ich eine schlaue Intrige einfädeln und einen Mäßigkeitsverein gründen. Was soll man machen, notgedrungen folgt man dem Beispiel des Ignatius Loyola, wenn man auf geradem Wege nicht gehen darf.«
»7. Oktober. Wir haben die Statuten unseres Vereins entworfen, aber bestätigt ist er noch nicht. Dagegen schreibt man, daß der Branntweinpächter sich bei dem Minister über die Prediger beklagt habe, welche das Volk vom Trinken abhalten. O du freche Kanaille! Wagst es noch zu klagen, und noch gar dem Minister gegenüber!«
»20. Oktober. Eine wahnsinnige Nachricht! Die Zeitungen melden, im Juli dieses Jahres hätten die Branntweinpächter beim Minister des Innern über die orthodoxen Geistlichen, welche das Volk zur Nüchternheit anhalten, Beschwerde geführt, und der Herr Minister hätte sie dem Oberprokurator des Heiligen Synods weitergegeben, welcher geantwortet hätte, daß der Synod den Geistlichen seinen Segen gebe, an dem verdienstlichen Werke des Kampfes gegen den Mißbrauch berauschender Getränke nach Kräften mitzuwirken. Aber die Pächter gaben sich nicht zufrieden und petitionierten noch einmal um Aufhebung der Verordnung des Heiligen Synods. Hierauf soll der Finanzminister dem Oberprokurator des Heiligen Synods mitgeteilt haben, daß ein völliges Verbot des Gebrauchs geistiger Getränke nicht zulässig sei, wenn es durch religiöse Drohungen, die stark auf das Gemüt des einfachen Mannes wirken, und durch Ablegung von Gelübden durchgesetzt werde, weil dieses nichtnur der allgemeinen Anschauung von dem Nutzen eines mäßigen Weingenusses widerspreche, sondern auch gegen die gesetzlichen Verordnungen verstoße, auf Grund deren die Regierung die Schanksteuern verpachtet habe. Infolgedessen soll eine Verordnung getroffen worden sein, die Beschlüsse der Stadt- und Landgemeinden bezüglich der Branntweinverbote aufzuheben und keinerlei Gemeindeversammlungen in dieser Angelegenheit mehr zuzulassen. Sauf, mein armes Volk, sauf dich zu Tode!«
»8. November. Am Tage des Anführers aller heiligen und himmlischen Heerscharen, des Erzengels Michael, ward mir von der hohen Obrigkeit eine ellenlange Nase zuteil. Nicht nur von dem verbrecherischen Plan der Gründung eines Mäßigkeitsvereins hätte ich lassen sollen, sondern auch predigen dürfte ich nicht darüber, in Anbetracht von diesem und jenem und aus solchen Erwägungen und derartigen Rücksichten … bloß der einfache Nutzen der Menschheit zählt nicht mit … Aber habe ich nicht schon genug davon geschrieben? Soll ich denn immer nur meine eigene Schmach zu Papier bringen?«
»1. Januar 1860. Sogar den Jahresbeginn lasse ich jetzt unbeachtet! Wie heiß faßte ich früher alles auf und wie gleichgültig bin ich jetzt geworden. Meine Pfarrerin Natalia Nikolajewna sagt freilich, ich wäre auch heute noch geradeso wie einst, aber wie könnte das sein! Ihr mag das mitunter wohl so vorkommen, denn auch sie hat mittlerweile das Alter der Mutter Sarah erreicht, ich aber sehe das besser … Der Leib ist gesund und sogar fett, aber was nutzt das, wenn die Seele schon gleichsam mit einer Rinde zu bewachsen beginnt.«
»27. März. Frühlingslüfte wehen und die Wasserbäche stürzen von den Hügeln. Der Diakon Achilla bringt schon seine Sättel in Ordnung und wird bald wieder als Steppenkirgisedahersprengen. Wohl ihm, daß er sich die Zeit so vertreiben kann.«
»23. April. Achilla erschien heute mit Sporen, die er sich für seine Spazierritte eigens von Pizonskij hatte anfertigen lassen. Schlimm, daß er in Nichts Maß zu halten versteht und jedes Ding gleich bis zum Äußersten treiben muß. Um ihn sofort in seine Schranken zu weisen, brach ich mit einem einzigen Tritt die Sporen von den Stiefeln des Achilla ab und verbot ihm zur Strafe für diese Albernheit das Reiten für dieses ganze Jahr. Somit muß er mir jetzt Buße tun. Was soll man aber machen, wenn er nicht anders gebändigt werden kann? Er ist imstande und gürtet sich nächstens noch ein Schwert um.«
»14. September. Der Subdiakon Sergej kam heute angeblich nach einer Bütte zu Sauerkraut und erzählte mir dabei scheinbar ganz von ungefähr, daß diesen Abend in der Scheune der Ziegelei ein zugereister Komödiant einen Riesen und Kraftmenschen vorführe, und der Diakon Achilla der Vorstellung beiwohnen wolle. Einen gemeinen und hinterhältigen Charakter hat dieser Sergej.«
»Am 15ten. Ich habe mir die Vorstellung angesehen. Ohne selbst gesehen zu werden, schaute ich durch eine Ritze im Hintertor. Achilla war wirklich da, aber nicht bloß als Zuschauer, sondern sozusagen als Mitwirkender. Er erschien in einem mächtigen Schafpelz, dessen Kragen hochgeschlagen war, und hatte ein gemustertes Tuch umgebunden, das seine Haare und den größten Teil des Gesichts bis an die Augen verdeckte. Ich erkannte ihn sofort, was nicht schwer war, weil er, als der vom Komödianten vorgeführte Riese und Athlet in fleischfarbenem Trikot erschien, in jeder Hand ein Fünf-Pud-Gewicht, und damit, ein wenig schwankend, die Bänke entlang wanderte, sich so weit vergaß, daß er mit seiner gewöhnlichenStimme laut rief: »Was ist denn an all dem so Wunderbares?« Als hierauf der Riese in frechem Ton fragte, ob jemand mit ihm ringen wolle, und sich keine Liebhaber für solch einen Wettstreit fanden, trat Achilla, das Gesicht tief in das gemusterte Tuch vergrabend, vor und griff den Riesen an. Ich meinte, ihre Knochen müßten zerbrechen. Aber endlich überwand Achilla jenen hochmütigen Deutschen, und nachdem er ihm die Beine kreuzweis übereinandergelegt, wie man in feinen Häusern die gebratenen Poularden serviert, nahm er jene zehn Pud und den Kraftmenschen selber und begann mit dieser ganzen Last vor dem Publico auf- und abzugehen. Alles schrie »Bravo!« Am wunderbarsten aber war das Finale, das mein guter Achilla zum besten gab. »Meine Herrschaften,« wandte er sich ans Publikum, »vielleicht fällt es jemandem ein, zu behaupten, ich wäre wer anders. Bitte seid so gut und spuckt dann dem Kerl ins Gesicht, denn ich bin bloß der Kleinbürger Iwan Morozow aus Sewsk.« Als ob ihn jemand um diese Erklärung gebeten hätte. Aber mir war das doch immerhin eine recht heitere Zerstreuung. Ach, wie geht unser Leben dahin! Wie ist es schon hingegangen! Als ich von der Schaustellung wieder heimging, kamen mir Tränen in die Augen – ich weiß selbst nicht weshalb. Ich fühlte nur das eine, daß etwas da ist, das ich beweinen muß, wenn ich an die kühnen Pläne meiner Jugend denke und sie mit dem weiteren Verlauf meines Lebens vergleiche! Als mir einst jene große Kränkung widerfuhr, da träumte ich, ich könnte immer noch ein würdig Leben führen, nicht im Wirken nach außen, sondern in stiller Arbeit an der eigenen inneren Vervollkommnung; aber ich bin kein Philosoph, sondern ein Bürger; mir ist das nicht genug: ich plage mich und leide ohne Tätigkeit, und darum kann ich die Lebhaftigkeit meines lieben Achillanicht immer verurteilen. Gott verzeihe ihm und segne seine entzückende Herzenseinfalt, in der ihn alles erfreut und erheitert. Dem Subdiakon Sergej habe ich gesagt, er hätte gelogen, und ich habe ihm verboten, noch weiter gegen den Achilla zu hetzen. Ich fühle, daß ich mit aller Schwäche eines Vaters diesen guten Menschen liebgewonnen habe.«
»14. Mai 1861. In was für seltsame Dinge kann den Menschen sein Leichtsinn verwickeln! Als ob wir nicht auch ohne den Diakon Achilla Hansnarren genug hätten. Der Stadthauptmann wollte bei seinem Schwiegervater, dem Verwalter der fürstlichen Güter Glitsch, ein Pferd für sein Sechsgespann kaufen, welches dieser aber nicht zu verkaufen gedachte. Da haben sie gewettet, daß der Stadthauptmann in den Besitz des Pferdes gelangen werde. Darauf hat der Stadthauptmann einen beschäftigungslosen Kleinbürger, namens Danilka, den sie hier den Kommissar nennen, für zwei Rubel gedungen, ihm das Pferd beim Herrn Glitsch zu stehlen. Einen zum Diebstahl anzustiften paßt sich vorzüglich für einen Stadthauptmann – sei es auch nur im Scherz. Was aber das Tollste war: mein Achilla erbot sich, dem Danilka bei dieser Sache zu helfen. Wieder war es der Subdiakon Sergej, der mir davon Mitteilung machte, und ich ließ den Achilla rechtzeitig zu mir kommen, um ihn für diesen Tag unter Aufsicht meiner Natalia Nikolajewna, für die er Butter schlagen mußte, zu stellen; nachts jedoch ließ ich ihn in meiner Stube auf dem Fußboden schlafen, und, damit er sich nicht davonmachen könne, verwahrte ich seine Kleider und Schuhe bis zum Morgen unter Schloß und Riegel. Heute früh aber wurden wir durch einen großen Lärm aufgeweckt: Nach dem Hause des Stadthauptmanns jagte ein mit drei Pferden bespannter Leiterwagen, in dem der Kommissar Danilka zwischen zwei Bauern saß und wieein Wahnsinniger schrie. Wir gingen hinaus, um zu erfahren, aus welchem Grunde er so brüllte, und sahen, wie man dem Danilka die Hosen herunterzog, die ganz mit Nesseln vollgestopft waren. Es stellte sich heraus, daß der Herr Glitsch ihn ertappt und zur Strafe in die Nesseln gesetzt hatte, worauf die Gutsknechte ihn zu dem zurückgeschafft hatten, der ihn ausgesandt. Ich fragte den Diakon, wie ihm wohl zumute gewesen wäre, wenn er das Schicksal des Danilka hätte teilen müssen? Er erwiderte, das hätte ihm nicht passieren können. Wenn selbst ihrer zehn über ihn hergefallen wären, würde er sich ihnen nicht ergeben haben. »Nun, und wenn es zwanzig gewesen wären?« fragte ich. »Ja, mit zwanzig,« meinte er, »wär' ich auch nicht fertiggeworden,« und erzählte, wie er einmal als Schüler mit seinem Bruder zu den Ferien nach Hause gewandert wäre und sie gleichzeitig mit einer vorüberziehenden Abteilung Soldaten einen Holderstrauch mit ein paar Zweigen voller Beeren bemerkt, sich auf diese doch fast zu nichts zu gebrauchenden Beeren gestürzt hätten – Achilla und sein Bruder und an die vierzig Soldaten. »Es kam,« sagte er, »zwischen uns zu einem gewaltigen Handgemenge und mein Bruder Finogescha blieb für tot liegen.« Wie naiv und einfach das ist! Jede seiner Geschichten ist ein Ereignis! Das Leben ist ihm wirklich keinen Heller wert!«
»29. September 1861. Aus der Gouvernementsstadt ist der Sohn der Hostienbäckerin von St. Nikita, der Marfa Nikolajewna Prepotenskaja, Warnawa, hier eingetroffen. Er hat das Seminar als einer der ersten absolviert, aber nicht Geistlicher werden wollen und ist jetzt als Rechenlehrer an der hiesigen Kreisschule angestellt. Auf meine Frage, warum er den geistlichen Stand verschmäht habe, antwortete er kurz, er wolle kein Betrüger ein. Ich konnte diese dumme Antwort nicht ungerügt lassen und sagte ihm, er sei ein Narr.Aber so gering ich auch diesen Menschen und alle seine Meinungen achte, seine Antwort hat mir doch weh getan, wie der Stich einer giftigen Wespe.«
»27. Dezember. Achilla legt mitunter einen derartigen Leichtsinn an den Tag, daß man in seinem eigenen Interesse hart gegen ihn sein muß. Der schon mehrfach erwähnte Konstantin Pizonskij bat ihn jüngst, er möge den Knaben, den der arme Alte bei sich aufgenommen und großgezogen, ein recht schönes Gedicht lehren, mit dem das Kind den Bürgermeister zum Weihnachtsfest beglückwünschen könne, – Achilla hat sich gleich dazu bereit erklärt und dem Buben folgende Verse beigebracht:
Heute ward unser Heiland geboren.Herodes hat den Verstand verloren.Herr Bürgermeister ehrenwert,Werd' Euch von Gott das gleiche beschert!
Heute ward unser Heiland geboren.Herodes hat den Verstand verloren.Herr Bürgermeister ehrenwert,Werd' Euch von Gott das gleiche beschert!
Nein, man muß ihn mit mehr Strenge behandeln.«
»1. Januar 1862. Der Arzt hat in Erfüllung seiner Amtspflicht die Leiche eines plötzlich Verstorbenen geöffnet, und der Lehrer Warnawa Prepotenskij ist mit mehreren Schülern der Kreisschule zur Sektion gekommen, um sie mit den Grundbegriffen der Anatomie bekannt zu machen. In der Klasse hat er sie später gefragt: »Habt ihr den Körper gesehen?« – »Ja,« sagten die Knaben. – »Und die Knochen habt ihr gesehen?« – »Die Knochen auch.« – »Habt ihr alles gesehen?« – »Alles.« – »Habt ihr auch die Seele gesehen?« – »Nein, die Seele haben wir nicht gesehen.« – »Nun, wo ist sie denn?« Und so bewies er ihnen, daß es keine Seele gäbe. Ich machte den Inspektor konfidentiell darauf aufmerksam und sagte, daß ich bei der nächsten Direktorenrevision bestimmt die Rede darauf bringen würde.
Nun bist du wieder nötig geworden, armer Pope! Du hast mit den Altgläubigen Krieg geführt und bist mit ihnen nicht fertig geworden; du hast mit den Polen gekämpft und kriegtest sie nicht klein. Jetzt sieh zu, was du mit dieser Narretei anstellst, denn da wächst schon die Frucht deiner Lenden auf. Wirst du damit fertig werden? Zähl's doch an den Knöpfen ab!«
»9. Januar. Ich bin an der Grippe erkrankt und kann das Haus nicht verlassen. Die Religionsstunden in der Kreisschule gibt Vater Zacharia an meiner Statt. Gestern kam er verwirrt und verstört zurück und erklärte unter Tränen, er könne mich in der Schule nicht länger vertreten. Die Ursache ist folgende: in der vorletzten Stunde hatte Vater Zacharia in der dritten Klasse von der göttlichen Vorsehung gesprochen, und heute prüfte er die Jungen daraufhin. Da sagt ihm plötzlich ein Schüler, der Sohn des Kolonialwarenhändlers Lialin, Alioscha, ein sehr begabter Bub, er »könne Gott den Schöpfer wohl gelten lassen, aber Gott den Fürsorger erkenne er nicht an«. Erstaunt ob einer solchen Antwort, fragte Vater Zacharia, worauf der junge Theologe seine Anschauung denn begründe, – und jener erwiderte darauf, daß in der Natur sehr viel Ungerechtigkeit und Grausamkeit zu finden sei; er wies dabei vor allem auf den Tod hin, der für den Sündenfall eines einzigen ungerechterweise dem ganzen Menschengeschlecht auferlegt sei. Vater Zacharia, der diese freche Antwort nicht unerwidert lassen konnte, fing nun an, den Jungen zu erklären, daß wir, angesichts der Unvollkommenheit unserer Vernunft, über diese Dinge nicht gut urteilen könnten, und unterstützte seine Worte mit dem Hinweis, daß, wenn wir in unserer Sündhaftigkeit ewig wären, auch die Sünde und mit ihr alles Schlechte und Böse ewig sein müßte, – und, um die Sache noch deutlicher zu erläutern, fügte er hinzu, daß dann auch der blutgierigeTiger und der grimmige Hai ewig sein müßten, und überzeugte sie damit denn auch alle. Aber in der zweiten Stunde, als Vater Zacharia in der unteren Klasse war, kam derselbe Bub dort hinein und widerlegte den Vater Zacharia vor all den Kleinen, indem er sagte: »Was könnten der Tiger und der Hai uns denn anhaben, wenn wir unsterblich wären?« Vater Zacharia fand in seiner Gutmütigkeit und bei seinem Mangel an Schlagfertigkeit keine andere Antwort als: »Darüber haben sich schon klügere Leute als du und ich den Kopf zerbrochen.« Das ging aber dem alten Manne so nahe, daß er wohl eine Stunde bei mir geweint hat. Und ich muß zum Unglück immer noch krank sein und kann nicht aus dem Hause, um diesem Unfug zu steuern, hinter dem sicher der Lehrer Warnawa steckt.«
»13. Januar. Wie gut ich's erraten habe! Alioscha Lialin hat von seinem Vater für seine Freigeisterei die wohlverdienten Prügel bekommen und unter Tränen gestanden, daß der Lehrer Prepotenskij ihn jene Frage und die spätere Antwort gelehrt habe. Ich bin ganz entrüstet, aber unser Arzt meint, ich dürfe das Haus noch nicht verlassen, denn ich hätte eine Rezidiv-Angina, und könnte leicht den Wegad patresfinden. Was ich doch noch nicht möchte. Ich habe dem Inspektor geschrieben. Als Antwort erhielt ich die Mitteilung, dem Prepotenskij sei auf meine Beschwerde hin ein Verweis erteilt worden. Jawohl, ein Verweis! Der die Geister verwirrt, der sich an den Kleinen versündigt, den ehrenwertesten, sanftmütigsten, man kann wohl sagen: musterhaftesten Diener des Altars kränkt – erhält einen Verweis! Und wenn ein hungernder Subdiakon ein altes Psalmenbuch gegen ein neues eintauscht, wird seine Familie für ein ganzes Jahr des Ernährers beraubt … O du arglistiges Geschlecht! …«
»27. Ich bin in der größten Aufregung. Mit dem abscheulichen Warnawa ist kein Auskommen. In der Stunde erzählte er neulich, daß der Prophet Jonas unmöglich vom Walfisch verschluckt werden konnte, denn dieses riesengroße Tier hätte doch eine sehr enge Gurgel. Ich kann das unmöglich dulden, aber ich wage es nicht, mich beim Direktor zu beschweren, denn am Ende läuft es wieder auf einen flüchtigen Verweis hinaus.«
»17. Februar. Prepotenskij bringt mich ganz aus der Fassung. Ich kann ihn nach dem, was er sich jetzt wieder erlaubt hat, kaum noch für einen Menschen halten, und habe darüber nicht seinem Direktor, sondern dem Adelsmarschall Tuganow Bericht erstattet. Was mir von diesem alten Voltairianer kommen wird, weiß ich nicht, aber immerhin ist er ein bodenständiger Mensch und kein Mietling und wird daher vielleicht ein Einsehen haben. Warnawka treibt Dinge, wie sie nur der Wahnsinn einem eingeben kann. Weil der Lehrer Gonorskij erkrankt ist, hat Prepotenskij zeitweilig den Geschichtsunterricht übernehmen müssen, – und hat gleich damit angefangen, von der Unsittlichkeit des Krieges zu reden und es direkt auf die Begebenheiten in Polen bezogen. Indessen das war ihm noch nicht genug, er begann über die Zivilisation zu spotten, den Patriotismus und die nationalen Prinzipien zu verhöhnen, und zuletzt sich auch noch lustig über die Anstandsregeln zu machen, welche er zum Teil sogar als unsittlich bezeichnete. Als Beispiel führte er an, daß die gebildeten Völker den Akt der Geburt des Menschen verheimlichen, den des Mordes aber nicht, indem sie sich sogar mit Kriegswaffen öffentlich sehen lassen. Was will dieser Narr? Wahrlich, das ist so dumm, daß man sich schämen muß, und doch ärgere ich mich. Es ist ja nur eine Kleinigkeit; aber ich muß ja nach den Kleinigkeiten sehen, denn über Kleinem bin ich gesetzt.«
»28. Februar. Oho! Mein Voltairianer liebt nicht zu scherzen. Der Direktor ist hergekommen. Ich konnt' es nicht länger ertragen und ging trotz aller Drohungen des Arztes zu ihm hin und berichtete ihm von den Ungebührlichkeiten des Prepotenskij, aber der Herr Direktor haben zu alledem nur herzlich gelacht. Wie lachlustig sie alle sind! Er gab dem Ganzen eine scherzhafte Wendung und sagte, deswegen werde Moskau nicht in Flammen aufgehen, – »und übrigens,« fügte er hinzu, »wo soll ich denn andere hernehmen? Sie sind heutzutage alle so.« Und so stand ich wieder da, wie ein Narr, der unnütz Krakeel macht. Aber das muß wohl so sein.«
»1. März. Ich bin wirklich ein alter Narr geworden, über den alle sich lustig machen. Heute besuchten mich der Arzt und der Stadthauptmann, und ich sagte ihnen, daß meine Gesundheit infolge des gestrigen Ausgangs nicht im geringsten gelitten habe; da fingen sie beide an zu lachen und erwiderten, der Arzt habe mich zum Spaß in der Stube sitzen lassen, denn er habe mit irgend jemand gewettet, daß er, wenn er wolle, mich einen ganzen Monat lang zu Hause halten könne. Deshalb redete er mir von einer Gefahr vor, die gar nicht vorhanden war. Pfui!«
»20. Juni. Ich habe eine Reise durch das Kirchspiel gemacht, die mir ausgezeichnet bekommen ist. Es ist so frisch und schön draußen in der Natur, und unter den Menschen herrscht Friede und Zufriedenheit. In Blagoduchowo haben die Bauern auf eigene Kosten die Kirche ausbauen und ausmalen lassen, aber auch bei einer so einfachen Sache hat sich wieder etwas Scherzhaftes hineingemengt. An der Wand der Vorhalle haben sie einen ehrwürdigen Greis abgebildet, der auf einem Ruhebette liegt, mit der Inschrift: »Und Gott ruhete am siebenten Tage von allen seinen Werken, dieer machte.« Ich wies den Vater Jakob darauf hin und befahl das Bild zu übertünchen.«
»11. Juli. Vorgestern war der Bischof auf der Durchreise hier und hat im Dom die Messe gelesen. Ich fragte den Vater Troadij, ob das Bild in Bogoduchowo entfernt worden sei, und erfuhr, daß es noch immer vorhanden, was mich einigermaßen erregte. Aber Vater Troadij beruhigte mich, meinte, das habe nichts zu sagen, es sei doch »volkstümlich« und fügte noch eine Anekdote hinzu von den Seelen der Erlösten, die der Maler in Schuhen dargestellt hatte, und so lief wieder alles auf einen Scherz hinaus. Ach, was die Leute alle lustig sind!«
»20. Juli. Ich war in Blagoduchowo und ließ das Bild in meiner Gegenwart abkratzen. Ich halte es nicht für angebracht, diese dumme Art von Volkstümlichkeit zu pflegen. Ich fragte nach dem Verfertiger des Bildes; und es stellte sich heraus, daß der Glöckner Pawel es gemalt hatte. Um dem scherzhaften Geist der Zeit entgegenzukommen, befahl ich diesem Künstler, sich neben meinen Kutscher auf den Bock zu setzen, und nachdem wir vierzig Werst weit gefahren waren, ließ ich ihn zu Fuß nach Hause wandern, damit er unterwegs über seine malerische Phantasie nachdenken könne.«
»12. Oktober. Der neue Gouverneur ist zur Revision hier gewesen. Er besuchte den Dom und die Schule und beide Male, hier wie dort, wollte er durchaus, daß ich ihn segne. Er ist ein echter Russe sowohl dem Namen, wie dem Benehmen nach. Noch sehr jung, hat er jene privilegierte Lehranstalt, die Rechtsschule, absolviert, und war bisher noch nie aus Petersburg herausgekommen, was auch leicht zu bemerken ist, denn alles interessiert ihn. Besonders angelegentlich erkundigte er sich nach den Gegensätzen zwischen Geistlichkeit und Adel; leider konnte ich seine Neugier wenig befriedigen,denn sowohl unser Kreisadelsmarschall Plodomasow, als auch der Gouvernementsmarschall Tuganow sind würdige Männer, und von Gegensätzen ist keine Rede.«
»14. November. Es wird erzählt, daß ein Gutsbesitzer sich bei dem Gouverneur über die Bauern beschwert habe, die ihren Verpachtungen nicht nachkämen. Der Gouverneur habe seine Klagelitanei unterbrochen mit den Worten: »Ich bitte, wenn Sie vom Volke reden, nicht zu vergessen, daß ich Demokrat bin.««
»20. Januar 1863. Ich notiere die außerordentliche und höchst belehrende »Geschichte vom Surrogat«. Es wird folgendes Kuriosum von der ersten Begegnung des neuen Gouverneurs mit unserm Adelsmarschall Tuganow erzählt. Dieser von höherer Politik durchdrungene Petersburger Kavalier stellte sich auch unserem Voltairianer als Demokrat vor, wofür ihn Tuganow auf dem Adelsball vor allen höchlich lobte und hinzufügte, diese Richtung sei die allerbeste, besonders in der gegenwärtigen Zeit, denn in drei Kreisen unseres Gouvernements herrsche eine ziemlich starke Hungersnot und da biete sich reichlich Gelegenheit, sich als Volksfreund zu bewähren. Der Gouverneur zeigte sich darüber sehr erfreut, daß die Leute hungern, und war nur ungehalten, daß er bisher nichts davon gewußt hatte; er rief seinen Kanzleivorsteher und machte ihm heftige Vorwürfe, daß er ihn nicht früher davon unterrichtet habe, und als richtiger Heißsporn ordnete er an, daß darüber sofort nach Petersburg berichtet werde. Aber der Vorsteher, der sich rechtfertigen wollte, sagte, daß von einer richtigen Hungersnot in jenen Kreisen nicht geredet werden könnte, denn wenn auch die Kornernte schlecht gewesen sei, so sei die Hirse doch sehr gut geraten. Damit fing nun die Geschichte an. »Was ist das – Hirse?« rief der Gouverneur. »Hirse ist ein Surrogatfür Brotkorn,« erwiderte der gelehrte Vorsteher, statt einfach zu sagen, daß man aus Hirse Brei koche, was unseren Rechtsgelehrten vielleicht vollständig befriedigt hätte, denn in der Kunst, einen Brei anzurühren, muß er Meister sein. Aber nun war einmal das Wort Surrogat gefallen. »Schämen Sie sich,« sagte der hohe Politiker, als er dieses Wort vernahm, »schämen Sie sich, mich so zu betrügen. Man braucht ja nur in einen Obstladen zu treten, um zu sehen, wozu Hirse gebraucht wird. In Hirse werden Trauben verpackt.« Tuganow schwieg mit ernstem Gesicht, tags darauf aber schickte er dem Gouverneur durch die Verpflegungskommission eine Liste der Kornfrüchte Rußlands. Der Gouverneur wurde verlegen, als er hier auch Hirse verzeichnet fand, ließ seinen Kanzleivorsteher rufen und sagte zu ihm: »Verzeihen Sie, daß ich Ihnen damals nicht glauben wollte. Sie haben recht. Hirse ist ein Getreide.« Du tust mir von Herzen leid, mein lieber Demokrat! Der Deutsche meinte wohl, daß St. Nikolaus mit Hafer gehandelt habe, aber solche Weintraubenscherze machte er nicht.«
»6. Dezember. Es kommen immer wieder Nachrichten von Konflikten zwischen dem Adelsmarschall Tuganow und dem Gouverneur, der, wie man sagt, eine Gelegenheit sucht, dem Marschall für die Hirse etwas am Zeuge zu flicken, und wie es scheint, hat er endlich etwas gefunden. Der Gouverneur steht immer für die Bauern ein und jener, der Voltaire, verteidigt seine Rechte und Freiheiten. Dem einen hat das Rechtsstudium den Verstand aus dem Geleise gebracht, und des andern Hochmut kommt dem Berg Ararat gleich. Er läßt keinerlei fremdes Recht gelten. Es kommt sicher noch zu einer regelrechten Bataille.«
»20. Dezember. Die Seminaristen sind für die Weihnachtsferien nach Haus gekommen und der Sohn des VatersZacharia, der Privatstunden in guten Familien gibt, erzählt eine ganz unglaubliche und wüste Geschichte: ein abgedankter Soldat hätte sich in einem Winkel der Marienkirche versteckt gehabt und die Krone von dem wundertätigen Bilde St. Johannis des Kriegers geraubt. Als die Krone dann in seinem Hause gefunden wurde, behauptete er, er hätte sie nicht gestohlen, sondern er hätte vor dem Bilde des Heiligen über die traurige Lage der dienstentlassenen Soldaten geklagt, und den heiligen Krieger in brünstigem Gebet angefleht, ihm in seiner Not zu helfen. Hierauf habe der Heilige, der seine Worte vernommen, gesagt: »Sie sollen ihrer Strafe in jener Welt nicht entgehen, du aber nimm vorläufig dieses hin« – und mit diesen teilnehmenden Worten habe er angeblich die kostbare Krone von seinem Haupte genommen und gesagt: »Da!« Verdient eine solche Ausrede auch nur die geringste Beachtung? Aber unter dem Eindruck der Hirse denkt man anders, und also kam vom Gouverneur eine Anfrage ans Konsistorium: ob ein derartiges Wunder möglich sei? Selbstverständlich war nun das Konsistorium in einer sehr schwierigen Lage, denn es konnte doch nicht erwidern, daß ein Wunder unmöglich sei. Aber wo will das alles hinaus? Der Adelsmarschall Tuganow legte dagegen vertraulich Protest ein und schrieb, er halte diese Handlungsweise für unvernünftig, und meinte, sie bezwecke nur eine Erschütterung des Glaubens und eine Verhöhnung der Geistlichkeit. So wird dieser alte Freigeist zum Anwalt der Geistlichkeit, und der Rechtskundige, der sie verteidigen sollte, macht sie zum Gespötte. Nein, es kommt scheinbar wirklich die Stunde und sie ist schon da, wo der gesunde Menschenverstand nichts mehr von allem, was geschieht, für sonderbar halten wird. Auch über Tuganows Eintreten für die Kirche, so nützlich es in diesem Fall war, kann man sich nicht freuen,denn es geschah nicht aus Eifer für den Glauben, sondern aus Feindschaft gegen den Gouverneur, und was kann da Gutes kommen, wenn immer nur einer den andern schikaniert, ohne dessen eingedenk zu sein, daß sie beide derselben Krone den Eid geschworen haben und demselben Lande dienen? Es ist schlimm!«
»9. Januar 1864. Tuganow war neulich in Plodomasowo, – ich weiß nicht weswegen. Aber ich konnte nicht anders – ich besuchte ihn dort, um etwas über seinen Kampf um St. Johannes den Krieger zu erfahren. Seltsam! Dieser Tuganow, einst ein Verehrer Voltaires, redete zu mir in freundschaftlichstem und betrübtem Tone. Er meint, sein Protest wäre noch nicht stark genug gewesen, denn »wie ich selber für mich über alle Wunder denke, das geht nur mich etwas an und das behalte ich auch für mich, aber ich kann diese nichtsnutzigen Bestrebungen doch nicht unterstützen, die darauf hinauslaufen, dem Volke das einzige zu nehmen, was ihm wenigstens eine Ahnung davon einflößt, daß es einer höheren Daseinssphäre angehört, als sein gestreiftes Schwein und seine Kuh.« Wie dürr und trocken ist diese Weisheit! Aber ich widersprach nicht … Was ist da zu machen?! Herr, hilf du wenigstensdiesem Unglauben, sonst kommen wir doch noch dazu, daß wir wieder in Rudeln umherlaufen, Wurzeln fressen und wie Pferde wiehern!«
»21. März. Der Gutsherr Plodomasow ist aus der Residenz heimgekehrt und hat mir und dem Vater Zacharia und dem Diakon Achilla sehr kostbare Stäbe aus echtem Rohr mitgebracht. Auch zeigte er uns eine kleine gläserne Lampe mit einer brennenden Flüssigkeit, »Petroleum« oder Steinöl genannt, die aus Naphtha gewonnen wird.«
»9. Mai. Ich habe mich so kleinlich gezeigt, daß ich mich vor mir selber schämen muß. Und das alles kam von deneben erwähnten Stäben. Mein ganzes vergangenes Leben ist über mich gefallen wie ein Sieb und hat mich zugedeckt. Ich sitze unter diesem Sieb wie eine Krähe, der böse Buben die Federn ausgerupft haben, und die sie nun gefangen halten, um ihren Spott mit ihr zu treiben. Das ist das Traurigste bei dieser allgemeinen Lebensverflachung: ich selber bin flach und klein geworden, so flach, daß ich nicht einmal imstande bin, meine ganze Eitelkeit dem stummen Papier anzuvertrauen. Ich will mich ganz kurz fassen. Es ärgerte mich, daß ich und Zacharia ganz gleiche Stäbe erhalten hatten und daß auch der des Achilla sich kaum von den zwei andern unterschied. O Gott! War ich denn auch früher schon so? Nein, mit solchen Kleinigkeiten gab ich mich nicht ab! Ich trug mich mit hohen Gedanken, wie ich hier in diesem irdischen Jammertal immer vollkommener werden könnte, um einst das ewige Licht zu schauen und dem Herrn das mir anvertraute Pfund mit reichen Zinsen zurückzugeben.«
Damit schlossen die alten Tuberozowschen Aufzeichnungen, und als der Greis zu Ende gelesen, nahm er die Feder, trug ein neues Datum ein und begann danach mit ruhigen, strengen Schriftzügen zu schreiben:
»Es ist seinerzeit von mir vermerkt worden, wie einmal der Sohn der Hostienbäckerin, der Lehrer Warnawa Prepotenskij, die unschuldigen Kinder an ihrem Glauben irre zu machen suchte, indem er sie eine Leiche sehen ließ und behauptete, es gäbe keine Seele, weil ihr Wohnsitz im Körper nirgends aufzufinden sei. Mein Zorn über diesen törichten, aber schädlichen Menschen wurde dazumal von klugen Leuten für übertrieben erklärt, und von der Veranlagung zu diesem Zorn hieß es, sie sei der Beachtung gar nicht wert. Jetzt hat sich wieder etwas Neues begeben. Beim letzten Hochwasser wurde eine unbekannte Leiche an unser Ufer gespült.Die Mutter des Warnawa, die arme Hostienbäckerin, sagte mir heute unter Tränen, daß der Arzt und der Stadthauptmann, wohl aus Bosheit gegen ihren Sohn oder um ihn zu verhöhnen, ihm jenen Toten geschenkt hätten, und Warnawa hätte aus Dummheit dieses Geschenk angenommen, und die Leiche in der Bütte, darin sie bisher friedlich ihre Wäsche in Asche gelegt, ausgekocht und die Brühe unter den Apfelbaum im Garten gegossen, die Knochen aber in die Gouvernementsstadt gebracht. Und nun fürchte sie, man werde ihren teuren Sohn mit jenen Knochen als Mörder festnehmen. Ich beruhigte sie, so gut ich konnte, und bat den Stadthauptmann um eine Erklärung, zu welchem Zwecke der Leichnam des Ertrunkenen, der nach der Sektion kirchlich bestattet werden mußte, dem Lehrer Warnawa ausgehändigt worden sei? Ich erhielt zur Antwort, das sei im Interesse der Aufklärung geschehen, d. h. damit er, Warnawa, an dem Skelett naturwissenschaftliche Studien treiben könne. Diese Sorge um die Wissenschaft kann einen lachen machen bei Leuten, die ihr so fern stehen, wie der Stadthauptmann Porochontzew, der sein halbes Leben im Kavalleriepferdestall zugebracht hat, wo man nichts lernt, als wie man den Pferden die Schwänze bindet, oder dieses Lügenmaul von Arzt, der jene Wissenschaft vertritt, deren Anhänger von den wahren Gelehrten für Ignoranten angesehen werden, was durch seine blödsinnige Behauptung bewiesen wird, er habe einmal bei Plodomasow versehentlich statt Branntwein ein Glas Leucht-Petroleum ausgetrunken, und da habe sein Bauch eine ganze Woche lang geleuchtet! Wie dem nun aber auch sei, der von dem Lehrer gekochte Leichnam hat sich in ein Skelett verwandelt. Warnawa brachte die Knochen zu einem Heilgehilfen am Gouvernementskrankenhaus. Dieser Meister der Anatomie fügte all die Knochen kunstvoll aneinanderund setzte ein Gerippe zusammen, das nun wieder in unsere Stadt zurückgebracht wurde und sich gegenwärtig bei Prepotenskij befindet, der es dicht bei seinem Fenster befestigt hat. Da steht es nun und lockt immer wieder die Straßenmenge an und gibt zu allen möglichen Streitigkeiten Anlaß und zu einem ewigen häuslichen Zwist zwischen dem Warnawa und seiner einfältigen Mutter. Der Tote fängt an Rache zu nehmen. Jede Nacht erscheint er der unglückseligen Mutter des großen Gelehrten im Traum und fordert immer wieder sein christliches Begräbnis. Die Arme hat den Sohn auf den Knien angefleht, ihr dieses Skelett zu geben, daß sie es bestatte, aber natürlich widersetzt er sich dem mit aller Entschiedenheit. Da entschloß sie sich zu einer verzweifelten Maßnahme, sammelte in Abwesenheit des Sohnes die Knochen in eine kleine Holzkiste, trug sie in den Garten und vergrub sie mit ihren schwachen Greisenhänden unter dem nämlichen Apfelbaum, unter welchen Warnawa die zerkochten Fleischteile des Unglücklichen ausgeschüttet hatte. Aber sie hatte kein Glück damit, denn der gelehrte Sohn grub die Knochen wieder aus, und damit ging eine neue Geschichte an, die auch heut noch nicht beendet ist. Es ist ebenso lächerlich wie schmachvoll, was noch weiter folgte. Sie raubten sich die Knochen gegenseitig so lange, bis mein Diakon Achilla, der sich in alles mischen muß, diese Sache zum Abschluß brachte und mit solcher Hast ans Werk ging, daß es ganz unmöglich war, ihm Einhalt zu gebieten. Auch haben mich die Reden des Arztes und des Stadthauptmanns sehr verstimmt, die mir Vorwürfe machten wegen meiner eifernden (so nannten sie es) Intoleranz gegen den Unglauben, denn, meinen sie, wirklich gläubig sei heutzutag keiner mehr, auch die nicht, welche offiziell für den Glauben eintreten. Das glaub' ich auch! Ich kann nicht daran zweifeln. Aber ich wunderemich, woher bei uns dieser erbitterte Haß und diese Feindschaft gegen den Glauben kommen. Vom Freiheitsdrang? Aber wen hindert denn der Glaube, mit allem Eifer nach voller Freiheit in allen Dingen zu streben? Warum haben die wirklichen Denker nicht so gesprochen?«
Vater Sawelij seufzte tief, legte die Feder hin und trat ans Fenster. Der Himmel war mit schwarzen Wolken bedeckt und schon fielen einzelne Regentropfen klatschend in den dicken Staub. Das war der Regen, um den Tuberozow am vergangenen Tage gebeten hatte. Der Alte flüsterte entzückte Worte des Dankes und des Lobes und merkte nicht, wie leise Tränen über seine Wangen liefen. Die Regentropfen aber fielen immer dichter und dichter, und endlich war es, als würde oben ein ganz feines Sieb geschüttelt, und die feuchte Kühle spielte erfrischend um den leicht erhitzten Kopf des Priesters. So am Fenster sitzend, das Haupt auf die weißen Hände gestützt, schlief Vater Sawelij ein.
Inzwischen ging der sanfte Regen, den kein Gewitter begleitet hatte, vorüber, die Luft war frisch und rein geworden, der Himmel klar, und im Osten färbte die graue Dämmerung sich silbern, um dem Morgenrot den Weg zu bereiten, dem Morgenrot des Tages, der dem Gedächtnis unseres heiligen Vaters Methodius von Pesnosch geweiht ist, des Tages, dem, wie wir uns erinnern müssen, der Diakon Achilla eine so große Bedeutung zuschrieb.