Elftes Kapitel.

Elftes Kapitel.

Termosesow gab seinen Brief auf und ging dann sofort zur Frau Postmeisterin. Die Begrüßung war sehr freundschaftlich. Er küßte ihre Hand, sie gab ihm einen Schmatz auf die Stirn und dankte ihm für die Ehre seines Besuchs.

»O bitte, ich muß Ihnen danken,« erwiderte Termosesow. »Es war ja so entsetzlich langweilig. Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen, weil ich immer mit Angst und Grauen denken mußte: wo bin ich? unter was für Leuten?«

»Ja, ich sagte schon gestern zu meinen Töchtern: Unser Petersburger Gast muß sich wohl köstlich amüsieren.«

»Ach, gar zu schlimm wollen wir es auch nicht machen. Ich diene ja nicht um des Mammons willen, sondern um das Land kennen zu lernen.«

»Dann finden Sie bei uns eine Unmenge Beobachtungsstoff.«

»Ganz recht – Beobachtungsstoff! Aber da hab' ich Ihnen mit Ihrer Erlaubnis die Bilder mitgebracht, von denen wir gestern sprachen. Gestatten Sie mir, sie aufzuhängen.«

Die Postmeisterin wußte gar nicht, wie sie ihm danken sollte.

»Ich will mich mit Vergnügen dieser Arbeit unterziehen, bis Ihre Fräulein Töchter erscheinen … Ich darf doch hoffen, sie zu sehen?«

Die Postmeisterin erwiderte, die Mädchen seien noch nicht angezogen, da sie in der Wirtschaft zu tun hätten, kämen aber trotzdem bald.

»Ach, ich bitte Sie darum, ich bitte sehr!« flehte Termosesow, und als die geschmeichelte Hausfrau das Zimmer verlassen hatte, begann er die Kaiserbildnisse an der Wand zu befestigen. Die Nägel dazu hatte er mitgebracht.

Die Toilette der jungen Damen nahm fast eine Stunde in Anspruch, und in dieser ganzen Zeit ließ sich auch die Postmeisterin nicht sehen.

»Das ist ein gutes Zeichen!« dachte Termosesow. »Gewiß studiert sie mein Opus.«

Endlich erschienen die Töchter in Begleitung ihrer Mutter. Termosesow maß die Postmeisterin mit einem schnellen, durchdringenden Blick. Sie strahlte vor Wonne und Begeisterung.

»Das Fischlein hat angebissen!« schloß er und verzehnfachte seine Liebenswürdigkeit. Um aber seiner Sache ganz sicher zu sein, fing er wieder von Literatur und von seinen Reiseskizzen an zu reden.

»Porträts! Um Gottes willen mehr Porträts! Mehr Naturstudien!« bat die Postmeisterin.

»Ja, eigentlich habe ich schon die ganze hiesige Gesellschaft porträtiert und – entschuldigen Sie – auch Ihrer und Ihrer Fräulein Töchter Erwähnung getan … Wissen Sie, so ganz flüchtig … Wenn ich meinen Brief zurückbekommen könnte, den ich eben aufgegeben habe …«

»Ach nein, wozu denn?« rief die Postmeisterin errötend.

»Angebissen, angebissen!« frohlockte Termosesow, und bestand darauf, den Damen vorzulesen, was er über sie geschrieben hatte. Eine Zeitlang hörte man im Zimmer nichts als: »Ach, wozu denn lesen, wir glauben Ihnen auch so!« und: »Ja, warum denn nicht lesen? Wodurch habe ich denn so großes Zutrauen verdient?«

Termosesows Einwände wirkten zu verführerisch auf die Neugier der Mädchen. Bald erbot sich die eine, bald die andere, ins Bureau zum Vater zu laufen und den interessanten Brief des Gastes zu bringen.

Vergebens suchte die Mutter sie durch Worte und Zeichen zurückzuhalten, die Mädchen verstanden sie nicht und gaben keine Ruhe. Termosesow dagegen hatte alles ausgezeichnet verstanden: der Brief befand sich in den Händen der Hausfrau, es galt jetzt nur noch, sie zur Rückgabe zu zwingen und sie dadurch selbst völlig in die Hände zu bekommen.

Ohne viel Bedenken sprang Termosesow von seinem Platz auf und stürzte diensteifrig, der Zurufe der Damen, die ihn zurückhalten wollten, nicht achtend, nach dem Postbureau: er sei, rief er, selbst nicht mehr imstande, sich den Genuß zu versagen, den Damen die bescheidene Darstellung seiner tiefen Bewunderung für sie vorzutragen.

Keine Bitten konnten ihn bewegen, von seinem Vorhaben abzustehen. – Aber auf dem Bureau war kein Brief zu finden.


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