Neunzehntes Kapitel.

Neunzehntes Kapitel.

Achilla wußte nichts von alledem: er glühte ruhig und sorglos weiter in den Flammen seiner Krankheit. Der Arzt hatte ihn ins Krankenhaus schaffen lassen und erklärt, es handle sich um eine sehr schwere Form von Typhus, die gleich mit Bewußtlosigkeit und hohem Fieber anfange und zu den schlimmsten Befürchtungen Veranlassung gebe.

Dem Rittmeister Porochontzew kam diese Äußerung des Arztes sehr gelegen. Er fragte sofort, ob man das Benehmen Achillas nicht durch seinen krankhaften Zustand erklären könne. Der Arzt war durchaus dieser Meinung. Achilla aber war schon fünf Tage ohne Bewußtsein und lebte immer noch in denselben unklaren, aber süßen Vorstellungen und in demselben Gefühl einer wohltuenden Hitze. Neben seinem Bette saß auf einem wackeligen Stühlchen der Vater Zacharia und hielt ein mit kaltem Wasser getränktes Handtuch dem Kranken auf die Stirn. Gegen Abend kamen noch ein paar Bekannte und der Arzt.

Der mit geschlossenen Augen daliegende Diakon hörte, wie der Arzt sagte, daß, wenn es jemandem um die Seele des Kranken zu tun sei, er den ersten lichten Augenblick wahrnehmen müsse, denn die Krisis nahe heran, von der nicht viel Gutes zu erwarten sei.

»Nehmt den Augenblick wahr,« sagte er, »der Puls ist schon ganz unzuverlässig.« Dann fing der Arzt mit Porochontzewund den andern an zu reden, die es gar nicht begreifen konnten, daß Achilla im Sterben liege und noch dazu infolge einer Erkältung! Dieser Recke sollte sterben, und Danilka, der mit ihm im kalten Bade gesessen hatte, befand sich in seiner Gefängniszelle ganz wohl und munter. Der Arzt erklärte es dadurch, daß Achilla schon seit längerer Zeit angegriffen und leidend gewesen wäre.

»Ja, ja, Sie sprachen davon … erhöhte Sensibilität,« stammelte Zacharia.

»Eine merkwürdige Krankheit,« bemerkte Porochontzew. »Auch hier alles neu. Ich lebe nun schon so lange auf der Welt und habe noch nie von so einer Krankheit gehört.«

»Ja, ja, ja,« sagte Zacharia zustimmend, »die Lebensgewohnheiten verfeinern sich und die Krankheiten werden komplizierter.«

Der Diakon öffnete leise die Augen und flüsterte:

»Gebt mir zu trinken!«

Man reichte ihm einen Metallkrug, an den er seine flammenden Lippen preßte. Und während er das kühle Moosbeerengetränk gierig herunterschlang, musterte er die Umstehenden mit seinen entzündeten Augen.

»Nun, wie geht es unserer lieben Orgel?« fragte der Bürgermeister teilnehmend.

»Dumpf, dumpf,« antwortete der Diakon schwer atmend und fing nach einer Minute ganz unvermittelt in erzählendem Tone an: »Nach meinem Hündchen Wiesie – als die Post es überfahren hatte – wollte ich mir wieder eins zulegen … Da seh' ich in Petersburg auf dem Newskij einen Hundejungen … ›Verschaff mir‹, sagte ich … ›ein nettes Hündchen‹ … Da antwortete er: ›Heutzutag – gibt's keine Hunde mehr … Heutzutag gibt's nur noch Pointer und Setter,‹ sagte er … ›Was sind denn das für Viecher?‹ fragte ich … ›Das‹ – sagte er – ›sind ebensolche Hunde, bloß nennt man sie anders.‹«

Der Diakon stockte.

»Wie kommt Ihr auf diese Geschichte?« fragte ihn der Arzt in freundlichem, aufmunterndem Tone, denn es schien ihm, als phantasierte der Kranke.

»Weil Sie vorhin von neuen Krankheiten redeten. Sie alle – man mag sie nennen, wie man will – laufen doch auf ein und dasselbe Ziel hinaus – auf den Tod.«

Hier verlor der Diakon von neuem das Bewußtsein und erwachte bis Mitternacht nicht mehr. Dann fing er plötzlich wieder zu phantasieren an:

»Arkebusier, Arkebusier … geh fort, Arkebusier!«

Bei dem letzten Wort sprang er auf und setzte sich, völlig wach, aufrecht im Bette hin.

»Du solltest beichten, Diakon«, sagte Zacharia.

»Ja, ja,« sagte Achilla, »nehmt meine Beichte entgegen … Schneller … ich will beichten, um nichts zu vergessen … In allem hab' ich gesündigt … Vergebt mir um Jesu Christi willen …« Und mit einem Seufzer fügte er hinzu:

»Schickt schnell nach dem Propst.«

Grazianskij erschien sogleich.

Achilla grüßte ihn von weitem mit den Augen, bat um seinen Segen und küßte ihm zweimal die Hand.

»Ich sterbe,« sagte er, »und ich wollte Euch um Vergebung bitten. Gegen alle Gebote hab' ich gesündigt.«

»Der Herr wird Euch vergeben,« antwortete Grazianskij.

»Ich war ja nicht bösen Willens … aber ich redete oft unverständlich.«

»Laßt doch … Ihr habt ein edles Herz.«

»Nein, nein, so sollt Ihr nicht reden,« unterbrach ihn der Diakon. »Ich tat nicht immer das, was ich sollte … undzuletzt … zürnte ich wegen des Denkmals … Leere Phantasien: Himmel und Erde werden verbrennen und alles wird versinken … Was für ein Denkmal! Und alles meine Unvernunft!«

»Er ist schon weise,« flüsterte Zacharia, den Kopf senkend.

Der Diakon warf sich auf seinem Bette hin und her.

»Vergebt mir um Christi willen,« sagte er hastig, »und zwingt Euch nicht, hier zu bleiben. Mich packt die Krankheit schon wieder … Lebt wohl.«

Der gelehrte Propst segnete den Sterbenden, worauf Zacharia ihn hinausbegleitete. Als er in das Zimmer zurückkam, blieb er entsetzt auf der Schwelle stehen.

Achilla lag im Todeskampf und seine Agonie war ebenso verblüffend wie grauenerregend. Einige Sekunden war er ganz still, und wenn er genügend Luft eingesogen hatte, stieß er sie plötzlich mit einem langgedehnten »Hu–u–u–u« heraus; dabei fuchtelte er jedesmal mit den Armen in der Luft herum und richtete sich auf, als ob er sich von etwas befreie, etwas von sich werfe.

Zacharia stand wie erstarrt, und die schwachen Bretter der Bettstelle bogen sich und krachten immer stärker unter der Last des Sterbenden, und schauerlich bebte die Wand, durch die gleichsam die so lange gefesselt gewesene elementare Kraft sich einen Weg bahnen wollte.

»Geht es zu Ende?« erriet Zacharia plötzlich und stürzte zum Fenster nach dem dort liegenden Gebetbuche, aber in diesem Augenblick rief Achilla mit fest zusammengebissenen Zähnen:

»Wer bist du? Du mit dem Feuergesicht? Laß mich durch!«

Zacharia sah sich ängstlich um und machte ein verblüfftes Gesicht, denn kein feuriger Mann war zu sehen; aber in seiner Angst war es ihm vorgekommen, als hätte Achillasich von seinem eigenen Leibe gelöst und wäre hier in der Stube auf jemand gestoßen, mit dem er gerungen und den er dann überwunden hätte …

Der ängstliche Alte bebte am ganzen Leibe, schloß die Augen und lief hinaus. Einige Minuten später ertönte vom Turme der Domkirche das traurige Geläut der Totenglocke für den verstorbenen Diakon Achilla.


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