Viertes Kapitel.
Prepotenskij sprang von seinem Platz auf und lief auf Tuganow zu, der sich wieder mit dem Propst unterhielt.
»Entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche … Aber ich … ich stehe für die Freiheit.«
»Ich auch,« sagte Tuganow und neigte sich wieder zum Propst.
»Lassen Sie mich doch ausreden!« rief der Lehrer.
Nun wandte sich Tuganow ihm zu.
»Wissen Sie, daß die Freiheit nicht gegeben wird, sondern genommen?« fragte Warnawa.
»Nun und –?«
»Wer soll sie denn nehmen, wenn die neuen Menschen nichts taugen?«
»Die Entwicklung der Dinge wird sie nehmen.«
»Also wird sie doch genommen und nicht gegeben. Ich habe recht. Ich sagte es: sie wird genommen werden.«
»Das sagt man dir doch auch!« rief ihm Achilla zu.
»Aber das ist doch meine Meinung: sie wird genommen werden!«
»Hat denn jemand etwas anderes gesagt? Parmen Semenowitsch spricht ja die ganze Zeit davon,« unterstützte plötzlich Termosesow den Diakon und suchte dabei den Namen Tuganows möglichst deutlich und im herzlichsten Ton auszusprechen.
»Für mich wird's aber Zeit,« sagte Tuganow leise und erhob sich, um in den Saal zu gehen, aber der Lehrer überfiel ihn von neuem.
»Noch ein Wort,« drängte er. »Mir scheint, es ist Ihnen unangenehm, daß jetzt alle gleich sind.«
»Nein, es tut mir leid, daß nicht alle gleich sind.«
Prepotenskij stockte einen Augenblick. Dann sprach er:
»Das ist doch eine Tatsache, alle müssen gleich sein.«
»Parmen Semenowitsch sagt Ihnen das ja: alle müssen gleich sein,« mischte sich nun Termosesow hinein, der neben Tuganow getreten war und den Lehrer von ihm fortzudrängen sich bemühte.
»Aber erlauben Sie,« – er suchte von der andern Seite heranzukommen, wo ihm aber Achilla den Weg vertrat.
»Laß doch,« sagte er, »du redest doch bloß dummes Zeug.«
»Erlauben Sie, seien Sie so gut,« wehrte sich Prepotenskij und versuchte nun einen Frontangriff. »Ich meine bloß: Ihnen gefällt es wohl in England, weil da die Lords sind … Sie sind unzufrieden, daß die Standesprivilegien aufgehoben sind?«
»Sind sie das?«
»Geh weg, du weißt nichts,« stieß Achilla den Lehrer zur Seite, aber dieser lief noch einmal um Tuganow herum und versuchte einen zweiten Frontangriff.
»Über jedes Ding kann man verschiedene Meinungen haben.«
»Was wollen Sie eigentlich von mir?« rief Tuganow lachend.
»Ich meine, man kann verschieden urteilen.«
»Bloß, daß ein Urteil vernünftig ist und das andere dumm,« mischte sich Termosesow wieder hinein.
»Sagen wir lieber: gerecht und ungerecht,« bemerkte Tuganow in versöhnlichem Tone.
»Auch Gott kennt nur eine Wahrheit,« rief der Diakon.
»Zwischen zwei Punkten kann man nur eine gerade Linie ziehen,« sagte Termosesow.
Prepotenskij geriet außer sich.
»Was ist denn das? So kann man ja gar nicht reden!« rief er. »Ich bin allein unter lauter Kriechern und Heuchlern. Da habt ihr leichtes Spiel. Ich weiß nur eines: ich achte nichts Althergebrachtes.«
»Das eben ist althergebracht. Wann hat man bei uns je Achtung vor der Geschichte gehabt?«
»Weißt du was? Sei jetzt ganz still, du Schaf,« sagte Achilla in freundschaftlichstem Tone. Die Biziukina wandte sich verächtlich vom Lehrer ab, Termosesow versuchte noch einmal, ihn zur Seite zu schieben und trat ihm dabei auf den Fuß, so daß der Lehrer, der sich in der Aufregung leicht versprach, laut aufschrie:
»Au! Sie haben mir auf mein liebstes Hühnerauge getreten!«
Das »liebste Hühnerauge« rief ein schallendes Gelächter hervor, während dessen sich Tuganow von der Hausfrau verabschiedete.
Schellen erklangen und ein Sechsgespann frischer Postpferde fuhr den Tuganowschen Reisewagen vor das Haus. Wenn Prepotenskij sich noch rehabilitieren wollte, mußte es sofort geschehen, hastig riß er sich von Achilla und Termosesow los, die ihn festhalten wollten, und hüpfte auf seinem »liebsten Hühnerauge« zu Tuganow, indem er rief:
»Und ich werde doch immer weiter gegen den Adel und für das Naturrecht kämpfen.«
Tuganow drehte sich in der Tür um und sagte zu Warnawa:
»Die natürlichste Lebensform ist doch … das Leben der Pferde da, die mich gleich fortschaffen sollen. Aber sehn Sie,man spannt sie vor den Wagen, damit sie einen Edelmann ziehen.«
»Und wird sie unterwegs noch mit der Peitsche bearbeiten, daß sie fixer vorwärts kommen,« fiel der Diakon ein.
»Das Vieh wird immer geschlagen,« pflichtete Termosesow ihm bei.
»Wieder fallen alle über einen her!« schrie der Lehrer, »aber ich lasse nicht ab!«
»Dann bist du also ein Stänker,« sagte Achilla.
»Du rufst den Abgrund gegen den Abgrund auf,« bemerkte Zacharia.
»Wißt Ihr denn, was das heißt: der Abgrund ruft den Abgrund herbei?« erwiderte Warnawa voller Wut. »Das heißt: ein Pope ladet den andern zu Besuch!«
Diese Äußerung erregte ein helles Gelächter, das durch den Saal ertönte. Nur Tuberozow zog die Brauen zornig zusammen, riß krampfhaft an dem Bande seines Brustkreuzes und ging in das Wohnzimmer zurück.
»Der Alte ist ganz zum Maniak geworden,« sagte Tuganow, ihm nachblickend.
»Leider Gottes. Er liest die Zeitungen und regt sich auf und klagt und seufzt und kann über nichts mehr ruhig sprechen,« antwortete Darjanow.
»Er hört uns,« flüsterte Achilla leise.
Sawelij hatte wirklich alles gehört …
Warnawa fühlte sich wieder. Er glaubte durch seinen Witz mit dem Abgrund seine Chancen bedeutend gebessert zu haben, und das gab ihm den Mut, dem Propst ganz unvermittelt nachzulaufen, ihn am Ärmel zu fassen und zu sagen:
»Ich möchte Euch etwas fragen: vorgestern war ich in der Kirche und hörte, wie ein Priester plötzlich das Wort›Schafskopf‹ aussprach. Was hat der Klerus zu singen, wenn der Priester ›Schafskopf‹ ruft?«
»Der Klerus singt dreimal: ›Ist der Lehrer Prepotenskij‹,« erwiderte Sawelij.
Ob dieser unerwarteten Antwort waren alle einen Augenblick ganz verblüfft und brachen gleich darauf in ein dröhnendes Gelächter aus.
Prepotenskij hatte das Spiel verloren.