Viertes Kapitel.

Viertes Kapitel.

Die Hausfrau begrüßte die Gäste und war glückselig, als sie merkte, daß keiner sich mit ernsten Gedanken trug, daß das Schicksal des verbannten Priesters längst niemanden mehr beschäftigte.

Die Gäste waren sämtlich in fröhlichster Stimmung. Als erster erschien der »Kreiskommandant«, Invalidenhauptmann Powerdownia, ein rothaariger Offizier mit großen runden Augen, der sich vom Proviantschreiber hinaufgedient hatte.

Die große, üppige Madame Mordokonaki überstrahlte die ganze Gesellschaft und alles wirkte neben ihr matt und unbedeutend. Sogar Daria Biziukina schien ganz klein geworden. Die Hausfrau floß über von Schmeichelreden, führte dem Gast die interessantesten Leute zu und bat den Hauptmann Powerdownia und den Lehrer Warnawa Prepotenskij, die Dame aufs beste zu unterhalten. Leute, die sich zur Unterhaltung mit der Petersburgerin nicht eigneten, wurden beiseite geschafft, wie der Bürgermeister, welcher die Gewohnheit hatte, im Gespräch oftmals die Redensart anzuwenden: »Da spuck mir einer ins Maul«, sowie ein alter Major, der im Kaukasus gedient und die Veranlassung zur Entstehung des schönen Vergleichs gegeben hatte: »Dumm wie ein kaukasischer Major«, und schließlich der Diakon Achilla. Diese drei Personen waren sehr glücklich in einer kühlenKammer untergebracht, wo die Weine und kalten Speisen bereitstanden. Sie waren über ihre Verbannung keineswegs betrübt. Ganz ungeniert und in nächster Nähe der Speisen führten sie äußerst lebhafte Gespräche und philosophierten sogar. Der Major wollte wissen, »woher die Frechheit komme«, und erklärte sie daraus, daß die Menschen heutzutage sehr verwöhnt seien – was er durch eine ganze Menge von Argumenten zu beweisen suchte. Achilla aber wollte so viele Gründe nicht gelten lassen und sagte, die Frechheit hätte zwei Ursachen: »den Zorn und noch häufiger den Wein.«

Der Major dachte nach und meinte dann, es gebe allerdings eine Frechheit, die vom Wein komme.

»Glauben Sie mir, es ist so,« meinte der Diakon und leerte ein großes Glas Likör. »Ich kann mich selbst als Beispiel anführen. Im Dusel bin ich ein sehr netter Kerl, denn ich werde weder wild, noch habe ich böse Gedanken; aber, meine lieben Freunde, ich prahle im Dusel nur zu gerne. Bei Gott! Und nicht, daß ich irgendeine Absicht damit verfolge, nein, es ist, als ob meine Natur es verlangte.«

Der Bürgermeister und der Major lachten.

»Wahrhaftig!« fuhr der Diakon fort. »Ich fange zum Beispiel an zu erzählen, die Gemeinde habe sich an den Bischof gewandt mit der Bitte, mich zum Pfarrer zu ordinieren, was ich selber nicht mal wünsche; oder ein andermal behaupte ich, die Kaufmannschaft des Gouvernements petitioniere um meine Ernennung zum Protodiakon; oder …« Der Diakon sah sich ängstlich um und fuhr dann im Flüstertone fort: »Einmal platzte ich heraus, ich wäre in jungen Jahren mit der Tochter des Konsistorialsekretärs verlobt gewesen! Also, ich sag' Ihnen, ich hätte mich am liebsten umgebracht, als man mir später von dieser meiner bodenlosen Frechheit erzählte.«

»Wenn der Sekretär das erfahren hätte, hätte es schlimm werden können,« bemerkte der Major.

»Und wie schlimm! Ganz scheußlich!« bestätigte der Diakon und kippte noch ein Gläschen.

»Na, wenn wir schon mal davon reden, will ich Ihnen noch etwas erzählen.« Und seine Stimme noch mehr dämpfend, fuhr er fort: »Ich bin durch diese meine Flunkerei einmal schon in eine so üble Lage gekommen, daß ich aufs Haar einer öffentlichen Exekution unterworfen worden wäre. Haben Sie nichts davon gehört?«

»Nein, absolut nichts.«

»Es war eine ganz böse Sache. Man hätte mich einfach henken können – auf Grund des ersten Paragraphen im Gesetz!«

»Unmöglich!« rief der Major, ganz aufgeregt.

»Warum unmöglich? Es hätte ganz leicht geschehen können, wenn ein guter Mensch mich nicht gerettet hätte.«

»So erzählt uns doch die Geschichte, Vater Diakon!«

»Ja, sofort, ich will nur noch erst ein Schnäpschen nehmen.«

Achilla leerte noch ein Gläschen und begann den Bericht über sein Verbrechen gegen den ersten Gesetzesparagraphen.


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